Digitized by Google
1129 4409
: j.
Digitized by Google
DEUTSCHLANDS
380
/>
GESCHICHTSQUELLEN
IM MITTELALTER
BIS ZUR MITTE DES DREIZEHNTEN JAHRHUNDERTS.
VON
W. WATTENBACH.
Eine
von der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen
gekrönte Preisschrift.
BERLIN.
Verlag von Wilhelm Hertz.
(Bessersclie Buchhandlung.)
1858.
Digitized by Google
Digitized by Google
MEINEN FREUNDEN
F. E. ROESSLER IN ERLANGEN
ERNST DUEMMLER IN HALLE
ZUR ERINNERUNG
WEIHNACHTEN MDCCCLVI
UND
OSTERN MDCCCLVIII.
Digitized by Google
VORWORT.
Ein Handbuch der Quellenkunde für die Geschichte Deutsch-
lands im Mittelalter wird seit langer Zeit vermifst und begehrt;
je mehr einerseits das Geschichtstudium an Lebhaftigkeit ge-
winnt und andererseits die alten Ausgaben durch neuere Arbeiten
und Entdeckungen völlig unbrauchbar gemacht werden, desto
mehr begehrt man nach einem Leitfaden. Vorträge, welche
ich in Berlin über diesen Gegenstand hielt, wurden fleifsig ge-
hört und regten zuerst den Gedanken an, die gesammelten
Materialien für den Druck zu verarbeiten. Die Rücksicht auf
das praktische Bedürfnifs der Zuhörer war bei den Vorträgen
mafsgebend gewesen, und sie ist es auch bei der Ausarbeitung
dieses Buches geblieben. Es kam darauf an, eine Uebersicht
zu geben und die Wege zu weiterer eigener Forschung zu
weisen. Bibliographische Vollständigkeit lag nie in meinem
Plan; ich beschränkte mich auf die wirklich brauchbaren Aus-
gaben, denn die älteren Ausgaben dieser Autoren sind in der
Regel so mangelhaft, dafs ihr Gebrauch unvermeidlich zu Feh-
lern und Irrthümem führt. Aber auch auf den Nachweis der
Handschriften und andere Einzelheiten bin ich nur selten ein-
gegangen, theils um dem Buche einen mäfsigen Umfang zu
bewahren, theils aus einer anderen Rücksicht Es ist nämlich
Digitized by Google
VI
Vorwort.
für die Redaction der Monumenta Germaniae von Anfang an
ein sogenanntes Directorium angelegt, welches ein Verzeichnifs
aller bekannt gewordenen Quellenschriften im weitesten Umfange
enthält, verbunden mit vollständigem litterarischen Nachweis
Uber die Ausgaben und Handschriften nicht allein, sondern
auch Uber die Quellen, die ein jeder Autor benutzt hat, und
die späteren Schriften, in denen wieder auf ihn Rücksicht ge-
nommen ist. Auf eine Publication dieser unschätzbaren Samm-
lung ist Hoffnung gemacht, und es wäre wahrlich eine Ver-
schwendung von Zeit und Mühe, unabhängig von derselben ein
ähnliches Werk zu unternehmen. Der von mir verfolgte Plan
ist ein völlig verschiedener; er ist weniger nach dem Bedürfhifs
der speciellen Fachgenossen bemessen, wird aber, wie ich hoffe,
anderen Wünschen entgegenkommen. So viel zur Verhütung
von Mifsverständnissen und unbilligen Anforderungen.
Die Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen
stellte im Jahre 1853 die Preisaufgabe, eine kritische Geschichte
der Historiographie bei den Deutschen bis zur Mitte des drei-
zehnten Jahrhunderts zu schreiben. Ich verdanke dieser Auf-
gabe theils den Antrieb zum Absehlufs der Arbeit, theils die
Begrenzung derselben. Mit dem Zerfalle des Reichs im drei-
zehnten Jahrhundert zersplittern sich auch die Geschichtsquellen
in solcher Weise, dafs eine zusammenfassende Behandlung sehr
schwierig wird; auch ist hier noch wenig .vorgearbeitet, und
die Schriftsteller verlieren viel von ihrer Bedeutung neben den
nun schon reichlicher vorhandenen Urkunden und Briefen. Diese
Bestimmung der Aufgabe aceeptirte ich daher bereitwillig, wäh-
rend ich dagegen eine Geschichte der Historiographie nicht für
dasjenige halten konnte, dessen man jetzt bedürfe. Eine solche
setzt sich ganz andere Gesichtspunkte; sie wird am besten thun,
Digitized by Google
Vorwort.
vir
sich nur an die bedeutenden Erscheinungen zu halten und der
materielle Werth der Quellen ist fllr sie von geringer Bedeutung.
Sie wird sich bei Frekulf von Lisieux aufhalten und nur stoff-
lich wichtige Compilationen ganz übergehen. Die Vollständig-
keit, welche ich besonders erstrebte, welche die Möglichkeit
gewähren soll, jede Quellenschrift des bezeichneten Zeitraums
ohne Mühe und Zeitverlust aufzufinden, würde bei einer Ge-
schichte der Historiographie nur die Uebersicht erschweren.
Verschiedene Werke, die gar nicht unter den Begriff der Ge-
schichtschreibung fallen, aber dennoch als Quellen geschicht-
licher Kenntnifs von Wichtigkeit sind, hätten sich gar nicht
anbringen lassen, und die völlig unentbehrlichen Quellen der
Nachbarländer würden eben so wenig Raum gefunden haben.
Die Gesellschaft verkannte nicht, dafs meine Arbeit, in deren
Plane ich mich nicht hatte irre machen lassen, ihrer Idee nicht
entsprach, entschlofs sich aber doch, ihr den Preis zu ver-
leihen. Und so hoffe ich denn auch, dafs sie bei dem Leser
Gnade finden werde.
Am wenigsten vielleicht der erste Theil. Bei diesem aber
bitte ich nicht zu übersehen, dafs es die Geschichtsquellen
Deutschlands sind, welche ich bearbeiten wollte, und dafs es
deshalb ungeeignet und unförmlich gewesen wäre, das mero-
wingische Reich und die übrigen halbdeutschen Mischreiche mit
derselben Ausführlichkeit zu behandeln, wie das deutsche Reich
selbst. Ganz übergehen liefsen sie sich aber wegen des ge-
schichtlichen Zusammenhanges eben so wenig, und ich habe
deshalb diesen ersten Abschnitt als die Vorzeit bezeichnet und
mich hier auf die bedeutenderen Erscheinungen beschränkt.
Es liegt in der Natur der Dinge, dafs ein Buch, wie das
hier vorliegende, nach einiger Zeit einer neuen Bearbeitung
Digitized by Google
VIII
Vorwort.
bedarf, wenn es nicht etwa durch ein anderes verdrängt wird.
Ein solcher Zeitpunkt wird eintreten, wenn die eben begonnene
neue Abtheilung der Monumenta Germaniae vollendet sein wird ;
schon die wenigen Bogen, welche ich durch die Gute des
Herausgebers benutzen konnte, lehren das augenscheinlich.
Vielleicht wird es mir dann vergönnt sein, eine neue Bearbei-
tung zu unternehmen; bedacht werde ich immer darauf sein
und es mit grofsem Danke anerkennen, wenn Berichtigungen,
Verbesserungen, Zusätze, und besonders kleinere Schriften über
diese Gegenstände, welche so leicht der Aufmerksamkeit ent-
gehen und oft schwer zu beschaffen sind, mir mitgetheilt wer-
den sollten, sowie ich denjenigen Freunden, welche mich schon
jetzt durch Mittheilungen unterstützt haben, besonders Jaffö,
Giesebrecht, Dümmler, zu lebhafter Dankbarkeit verpflichtet bin.
Breslau, den 16. August 1858.
W. Wattenbach,
Archivar.
Digitized by Google
Verzeichnis
einiger Werke, welche häufig abgekürzt angeführt sind.
d’Achdry, Spicilegium vcterum aliquot Scriptorum. Paris 1655 — 1677.
13 T. 4. Gewöhnlich nach der 2. Ausg. in 3 fol. 1724 citirt.
Acta SS. Acta Sanctorum. Antw. 1643 ff. fol. Vgl. S. 5.
Archiv. Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde.
8. Bd. 1 — 3. von Büchler und Dümge. Frankf. 1820. 1821. Bd. 4.
von Fichard. ib. 1822. Bd. 5 — 11. von Pertz. Hann. 1824—1858. Aus
dem 3. Heft des 11. Bandes habe ich nur die Abhandlungen von
Merkel und Jaffö benutzen können.
Archiv d. W. A. Archiv f. Kunde österr. Geschichtsquellen, herausgeg.
von der zur Pflege vaterl. Gesch. aufgestellten Commission d. kais.
Akad. d. Wissenschaften. Bd. 1 — 17. Wien 1848 — 1857. Dazu als
Beilage das Notizenblatt.
Bähr, Die christl. Dichter und Geschichtschreiber Roms. Carlsr. 1856.
Gesch. der röm. Literatur im karol. Zeitalter. 1840.
Boehmer, Fontes Rerum Germaniearum 1—3. Stuttg. 1843—1854.
Bouquet, Recueil des historiens des Gaules et de la France, von An-
deren fortgesetzt. 21 T. Paris 1738 — 1855 f.
Canis. Henr. Canisii Lectiones Antiquae. 6 Tom. Ingoist. 1601. 4. Neue
Ausg. von Jac. Basnage, Antw. 1725 f. *
Chapeaville, Qui Gesta Pontificum Tungr. Traject. et Leodiensium
scripserunt auctores praecipui. 3T. Lqod. 1612—1616. 4.
Del Re, Giuseppe, Cronisti e Scrittori sincroni Napoletani. I. Normanni.
Nap. 1845. Lex. oct.
Dobner, Monumenta historica Boemiao. 6T. Prag 1764— 1786. 4.
Digitized by Google
X Vfrzeithnifs einiger Werke,
Du Chesne, Historiae Francorum Scriptores coactanei. 5 T. Par. 1636
bis 1649 f.
Du M6 ril, Edölestand, Poesiea populairca latines anterieures au douzieme
siede. Paris 1843. Poösics pop. lat. du Moyen äge. 1847.
Eccard, Corpus Historicorum Medii Aevi. Lips. 1723 f. 2T.
Endlicher, Rerum Hungaricarum Monuinenta Arpadiana. Sangalli
1849. 8.
Fabr. Bibi. Io. Alb. Fabricii Bibliotheca Lat. Mediae et Infimae Lati-
nitatis, 1 — 5. Hamb. 1734 — 1736. 8. Vol. 6. cur. Christ. Schocttgenio
1746. Ed. II. cur. Io. Dom. Mansi, Patavii 1754. 4.
Fontes, s. Böhmer.
Fr eh er, M., Corpus Francicae Historiae. 1613 f. Rerum Gcrmanicarum
Scriptores aliquot insignes. Francf. 1600 — 1611; ed. HI. cur. Struvio
1717. 3T. fol.
G. G. A. Göttinger Gelehrte Anzeigen, verbunden mit den Nachrichten
von der G. A. Universität und der k. Ges. der Wissenschaften zu
Göttingen.
Helfen st ein, Gregors VH Bestrebungen nach den Streitschriften seiner
Zeit. Frankf. 1856. 8.
Histoire Littöraire de la France, ouvrage commencö par des Reli-
gieux Bönödictins de la Congrögation de S. Maur et continuö par
des Membres de l’Institut. 1733—1763. 1807—1857. 23 Vol. bis ans
Ende des 13. Jahrhunderts. Dieses sehr verdienstliche Werk ist für
den hier vorzüglich behandelten Zeitraum durch die neueren Unter-
suchungen theils antiquirt, theils finden sich die Nachweisungen in
den angeführten Schriften.
Langebek, Scriptores Rerum Danicarum Medii Aevi, fortgesetzt von
Suhm. 7 Vol. fol. Hafh. 1772—1792. Vol. 8 v. Engelstoft u. Werlauff.
1834.
Lappenberg, Geschichtequellen des Erzstiftes und der Stadt Bremen.
Bremen 1841. 8.
Leibniz, Accessiones historicae. 2T. Lips. 1698. 4. Scriptores Rerum
Brunsvicensium, 3T. Hanov. 1707 — 1711 f.
Mabillon, Acta Sanctorum Ordinis S. Benedicti, aus den Sammlungen
von d ’Achöry, später unterstützt von Germain u. Ruinart. 9 T. Par.
1668—1701 f. Hier konnte ich nur den Venet. Nachdruck benutzen,
wodurch in die Citate einige Ungleichheit gekommen ist Unter Mab.
ohne Zusatz ist immer dieses Werk zu verstehen.
Digitized by Google
welche häufig abgekürzt angeführt sind. XI
Mabillon, Veterum Analectorum T. 1— 4. 1675 — 1685. 8. Ed. II. 1723 fol.
in 1 Bande.
Martene et Durand, Thesaurus novus Anecdotorum. 5T. Par. 1717. fol.
Veterum Scriptorum Amplissima Collectio. 9T. Par. 1724— 1733 f.
Mcncken, Scriptores Rerum Germanicarum praecipue Saxonicarum. 3T.
Lips. 1728. 1730 f.
Migne, Patrologiae Cursus completus. Par. 1844 ff. gr. 8. Von dieser
noch unvollendeten Sammlung standen mir nur einzelne Bände zu
Gebote; da meistens nur alte Ausgaben ineorrcct abgedruckt sind,
würde es ganz überflüssig sein sie anzufiihren, wenn nicht manchmal
die Seltenheit der alten Drucke diesen Ersatz angenehm machte.
Mone, Quellensammlung für die badische Landesgeschichte. Carlsruh
1845. 4.
Monumenta Boica, 44 Bände. Mon. 1763 ff. 4. Vgl. Böhmers Einlei-
tung zu den Wittelsbachischen Regesten. Stuttg. 1854. 4.
Monumenta Germaniae historica inde ab a. C. 500 usque ad a. 1500.
ed. Pertz. Scriptorum Tomi 12, Legum 2, et 1 fasciculus. Hanov.
1826 — 1856 f. SS. 13 — 15 sind für die vorkarolingischen Quellen und
die Papstleben bestimmt. Gedruckt wird jetzt der 16. Band, von
welchem ich durch gütige Mittheilung des Herausgebers die ersten
38 Bogen benutzen konnte. Citirt als Mon. SS. u. Leg.
Muratori, Scriptores Rerum Italicarum. 28 T. Med. 1723— 1751 f.
Oe feie, Rerum Boicarum Scriptores. 2 T. Aug. 1763 f.
Pertz, s. Archiv und Monumenta.
Pez, B., Thesaurus Anecdotorum Novissimus. 6 T. Aug. 1721 — 1729 f.
Pez, H., Scriptores Rerum Austriacarum. 3 T. Lips. 1721— 1745 f.
Pistorii Rerum Germanicarum Scriptores aliquot insignes, ed. HI. cur.
Struvio. 3 T. Rat. 1726 f.
(Pusch und Froelich) Diplomataria Sacra Styriae. 2T. Vienn. 1756. 4.
Rettberg, Kirchengeschichte Deutschlands. 2B. 1848. 8.
Reuber, Veterum Scriptorum . . . tomus unus. 1584. Ed. HI. cur. G.
Ch. Ioannis. Frcf. 1726 f.
Roncallius, Vetustiora Latinorum Scriptorum Chronica. 2 T. Par.
1787. 4.
Schannat, Vindemiae Litterariae. 2 T. Fuld. 1723 f.
Schmidt, Zeitschrift für Geschichte. 9 Bände. Berl. 1844 — 1848. 8.
Schöttgen et Kreysig, Diplomataria et Scriptores historiae germ. medii
aevi. 3 T. 1753 f.
Digitized by Google
Xu Verzeichnis einiger Werke, welche häufig abgekürzt angeführt sind.
Stalin, Wirtemberg. Geschichte. 3 Bände. Stuttg. 1841 — 1856. 8.
SuTius, De Probatorum Sanctorum Historiis. 1—6. Col. 1570 — 1575.
Ed. II. 1576 — 1581. T. VII. von Mosander mit Register zu beiden
Ausgaben, Nachträgen und Martyrol. Adonis. Ed. HI. Col. 1618 f. in
12 Bänden.
Tengnagel, Vetera Monumenta contra Schismaticos. Ingoist. 1611. 4.
Wiederholt in Opp. Gretseri Vol. VI, 429 — 601. 1735 f.
Digitized by Google
INHALT.
Litterariache Einleitung. .
§ 1. Die Ausgaben des 16. Jahrhunderts 1
§ 2. Die katholische Kirche. Die Heiligenleben 5
§ 3. Sammlungen für Landesgeschichte 7
§ i. Die Monumenta Germaniac Historica 12
§ 5. Andere Arbeiten dea 19. Jahrhunderts 20
I. DIE VORZEIT.
Von den ersten Anfängen bis zur Herrschaft der Karolinger.
§ 1. Die Romerzeit, Legenden 23
§ 2. Das Leben des heiligen Severin 30
§ 3. Die Anfänge und Gattungen der christlichen Geschichtschreibung 35
§ 4. Die Ostgothen. Kassiodor 43
§ 5. Jordania 47
.§ 6. Die Weatgothen. Isidor 52
§ 7. Die Franken 55
§ 8. Gregor von Toure 60
§ 9, Fredegar 66
§ 10. Die Thaten der Frankenkänige 70
§ 11. Fränkische Heiligenleben 72
II. DIE KAROLINGER.
Vom Anfang dos achten bi» znm Anfang de» lehnten Jahrhunderts.
§ 1. Nene Anfänge der Geschichtschreibung. Fredegars Fortaetzer 79
§ 2. Die Angelsachsen 80
§ 3. Die Annalen 84
§ 4. Karl der Grofse. Allgemeines 88
S 5. Alkuin 93
Digitized by Google
XIV
Inhalt.
Stil»
8 6. Paulus Diakonus 95
§ 7. Angilbert 99
§ 8. Einhard 103
§ 9. Ludwigs des Frommen Zeit 112
§ 10, Der Streit der Söhne. Nithard 115
§ 11. Allgemeine Chroniken 118
§ 12. Deutschland unter den Karolingern. Reichsannalen 120
8 13. Fulda und Hersfeld 124
§ 14. Sachsen. Münster, Bremen, Hamburg 132
§ 15. Korvei. Gandersheim 136
§ 16. Lothringen 139
§ 17. Schwaben 142
§ 18. Baiem 151
§ 19. Frankreich 153
§ 20. Italien 156
III. DIE ZEIT DER OTTONEN.
Von Heinrich I bis znm Tode Heinrichs II.
§ 1. Allgemeines 161
§ 2. Sachsen. Korvei 167
§ 3. Gandersheim. Quedlinburg 171
§ 4. Hildesheim • 175
§ 5. Magdeburg. Merseburg 179
§ 6. Lothringen. Köln, Trier, Metz 183
§ 7. Lüttich 190
§ 8. Schwaben 193
§ 9. Baiern 198
§ 10. Frankreich. Reims 200
§ 11. Cluny 208
§ 12. Italien. Liudprand 209
§ 13. Italien. Chroniken 212
§ 14. Italien. Biographien 215
IV. DIE ZEIT DER SALIER.
Von der Wahl Konrads II bis auf Heinrichs V Tod.
§ 1. Allgemeines 217
§ 2. Kontad II. Wipo 223
§ 3. Nieder- Altaich und Hildesheim. Godehard. Benno von Osnabrück 227
§ 4. Paderborn. Meinwerk 234
§ 5. Hermann von Reichenau 237
§ 6. Die Klöster des Schwarzwalds 240
Digitized by Google
Inhalt.
XV
Seit«
§ 7. Bernold und Berthold 242
§ 8. Konstanz. Augsburg 244
§ 9. Regensbnrg 246
§ 10. Salzburg und Passau 249
§ 11. Sachsen. Adam von Bremen 252
§ 12. Das östliche Sachsen. Bruns Sachsenkrieg 256
§ 13. Die Lobredner Heinrichs IV und Heinrichs V 258
§ 14. Lambert von Herafeld 263
§ 15- Mainz, Marianua Scottus 269
§ 16. Lothringen. Trier 273
§17. Metz 276
§18. Toul 277
§ 19. Verdun. Der Abt Richard und seine Schüler. Hugo von Flavigny 279
§20. Köln 283
§ 21. Lttttich 285
§ 22. Gembloua 291
§ 23. Cambray und Tournay. Mastricht 299
§ 24. Albert von Achen 303
§ 25. Franken 304
§26. Ekkehard 307
§ 27. Böhmen. Polen. Ungern 313
§ 28. Frankreich 321
§ 29. Italien. Farfa 394
§ 30. Die Papstgeschichte 326
§ 31. Unteritalien 330
§ 32. Die Lombardei 334
V. WELFEN UND WEIBLINGER.
Vou Heinrichs V Tod bis zar Milte des dreizehnten Jahrhunderts.
§ 1. Allgemeines 337
§ 2. Lothar und Konrad 341
§ 3. Die Prämonstratcnaer. Albero von Trier. Wibald 346
§ 4. Otto von Freising und seine Fortsetzer 350
§ 5. Gotfrid von Viterbo 356
§ 6. Salzburger Quellen 358
§ 7. Gerhoh von Reichersberg. Oesterreichischc Annalen ...... 363
§ 8. Böhmische Quellen 366
§ 9. Italien 370
§ 10. Welfische und niederdeutsche Litteratur 374
§ 11. Localgeschichte. Sachsen 379
§ 12. Thüringen 386
Digitized by Google
XVT Inhalt.
Seite
-8 13. Baiern und Oesterreich 389
§ 14. Frankfin 393
§ 15. Schwaben und Elsafs 395
§ 16. Das Rheinland 499
§ 17. Lothringen 404
§ 18. Die Reichsgeschichte 408
8 19, Kaiserchroniken 420
8 20. Die Dominikaner . . . 422
§ 21. Martin von Troppan 426
§ 22. Die Lieder der Vaganten und andere Dichtungen 429
8 23. Die Novelle 436
BEILAGEN.
I. Vollständig oder im Auszug gedruckte Nckrologicn 441
II. Verzeichnifs alter und neuer Fälschungen 446
Digitized by Google
Litterarische Einleitung.
§1. Die Ausgaben des 16. Jahrhunderts.
Ungeachtet des grofsen Unterschiedes zwischen den Denkmälern
des classischen Alterthums und des Mittelalters findet sich doch auch
in ihnen viel Uebereinstimmendes, haben sie oft ähnliche Schicksale
getheilt. Bis gegen den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts las
man in den Schulen noch häufig und fleifsig die alten Autoren, und
hielt sich für die Geschichte der näheren Vergangenheit an echte
und unverfälschte Quellen. In den nächsten Jahrhunderten tritt beides
zurück. Fanatismus und Aberglaube, Roheit und Unwissenheit neh-
men überhand und abgeschmackte Fabeln überwuchern die Geschichte.
Fast gänzlich scheint der Sinn für Kritik verloren, bis wir im 15. Jahr-
hundert wieder einzelne Spuren davon wahrnehmen, worauf dann
bald die Bestrebungen der Humanisten für die Wiederbelebung der
classischen Studien auch der Kunde des früheren Mittelalters zu
Gute kommen.
In Italien freilich ist es das römische Alterthum fast ausscliliefs-
lich, welches die Geister beschäftigt; als dazu auch die Griechen-
welt noch hinzutritt, wendet man sich dieser fernen Vergangenheit
völlig zu und die platonische Akademie hat mit der Gegenwart und
den aus dem Christenthum erwachsenen Zuständen kaum eine Be-
rührung.
Anders in Deutschland. Hier richtet sich die Kritik sogleich
auf die Urkunden der christlichen Religion und die drückend empfun-
dene päpstliche Herrschaft veranlafst zur Prüfung der Ueberlieferung.
Da werden die alten lauteren Quellen der Geschichte wieder ans
Licht gezogen, und gefeierte Humanisten wenden auch diesem Felde
ihre Thätigkeit zu. Das lebhaft erwachende Volksbewufstsein konnte
ebenfalls in der römischen Vorzeit nicht Befriedigung finden, wie
1
Digitized by Google
2
Einleitung. § 1.
es in Italien der Fall war, und wie mit den reformatorischen Be-
strebungen diesseit der Alpen überall ein kräftiger Aufschwung der
Landessprache zusammenfallt, so auch ein eifriges Erforschen der
heimischen Geschichte.
Mehrere unserer besten Geschichtsquellen sind uns nur in Ab-
schriften des 15. Jahrhunderts erhalten, gerade wie so manche Clas-
siker, und den Handschriften reihen sich bald die ersten Drucke an.
Schon in diesem Jahrhundert, vor dem Jahre 1474, erschien, ver-
muthlich zu Augsburg1 *), die Historia Friderici I, welche nichts an-
deres ist als ein Theil der Ursperger Chronik. Denn nicht als
Quellen für gelehrte Forschung betrachtete man damals diese Schrif-
ten; noch waren sie unmittelbar als darstellende Geschichtswerke
willkommen, da man in der Sprache sowohl wie in der ganzen
Denkweise jenen Zeiten noch nicht so fern stand, dafs es eines
eigenen Studiums bedurft hätte, um sich an den Schriften des Mittel-
alters zu erfreuen, sie auch nur zu verstehen.
Vor allen war es Kaiser Max, welcher die Erforschung der
deutschen Geschichte auf alle Weise beförderte, und sogar selbst
daran Theil nahm. Ueberall liefs er nach alten Urkunden und Chro-
niken suchen und belohnte jeden Fund; Bein Historiograph Stabius
sollte daraus ein grofses Geschichtswerk zusammensetzen. Die be-
deutendsten Gelehrten der Zeit suchte er an seinem Hofe zu ver-
einigen und die Wiener Universität erreichte unter ihm ihre höchste
Blüthe; sie soll damals an 7000 Studenten gezählt haben a), und
viele der angesehensten Humanisten fanden dort begeisterte Schüler.
Einer der berühmtesten unter ihnen war der gekrönte Dichter
Konrad Geltes3), welcher im Jahre 1497 vom Kaiser als Professor
der Beredsamkeit, Dichtkunst, Philosophie, Geschichte und Geographie
nach Wien gerufen wurde. Im folgenden Jahre unternahm er eine
grofse Heise, welche ihn bis nach Island geführt haben soll, überall
sammelnd für sein grofses Werk, die Germania illustrata, an dessen
Vollendung ihn der Tod 1508 verhinderte. Doch gab er noch vorher,
1501, aus seinen mitgebrachten Schätzen die Werke der Roswitha
heraus; und den Ligurinus, das angebliche Heldengedicht Gün-
thers, welches bis auf unsere Tage als eine Hauptquelle für die Ge-
schichte des Kaisers Friedrich Barbarossa benutzt wird, übergab er
Konrad Peutinger, der es 1507 in Augsburg edirte. Es ist jedoch ohne
l) Archiv XI, 81.
s) Vgl. Kink, Gesrh. der kais. Univ. zu Wien I, 226.
3) Erhard in der Encyelop. von Ersch und Gruber 21,135. Kink a. a. 0.
S. 201 f.
Celtes. Peutinger. Die ältesten Ausgaben.
3
Zweifel unecht und vermuthlich von Celtes, der es im Kloster Ebe-
rach gefunden haben wollte, selbst verfafst; ein merkwürdiges Zeichen,
wie gut es ihm gelungen war, eine lebendige Anschauung der mittel-
alterlichen Zustände sich zu erwerben. Der Zweck des Gedichtes
ist die Verherrlichung des alten deutschen Reiches, und es schliefst
sich den echten Quellen so genau an, dafs aus der Benutzung nur
geringer Schaden erwachsen ist; man darf es nicht vergleichen mit
dem falschen Turpin und anderen Machwerken dieser Art, die mit
ihren Fabeln die Geschichte der Vorzeit entstellt haben.
Auf jener Reise entdeckte Celtes auch die berühmte Tabula
Peutingeriana , eine Reisekarte aus der Zeit des Mark Aurel, mit
späteren Zusätzen erhalten in einer Abschrift des 13. Jahrhunderts,
welche wir einem Mönche zu Colmar verdanken 1). Ihren Namen
führt sie davon, weil Celtes sie in seinem Testamente dem gelehrten
Augsburger Patricier Konrad Peutinger3) vermachte. Dieser, der
ebenfalls von Maximilian zu seinem Rath erhoben war, besafs die
werthvollsten deutschen Geschichtsquellen und beabsichtigte eine
umfassende Sammlung derselben herauszugeben; leider kam dies
Vorhaben nicht in seinem ganzen Umfange zur Ausführung, doch
verdanken wir ihm mehrere vortreffliche Ausgaben, die aber Peu-
tingers Namen nicht auf dem Titel tragen. Schon 1496 entdeckte er
die Ursperger Chronik und veranstaltete im Jahre 1515 den ersten
Abdruck derselben3); gleichzeitig erschienen, von ihm bearbeitet,
Jordanis de Rebus Geticis und Pauli Diaconi historia
Langobardorum 4), eine sehr gute Ausgabe, während die 1514
zu Paris erschienene Princeps des Paulus sehr mangelhaft ist.
Ebenfalls im Jahre 1515 besorgte Maximilians gelehrter Arzt
und Archivar Spiefshammer, der sich Cuspinian nannte, zusammen
mit dem kaiserlichen Historiographen Stabius, in Strafsburg eine
vortreffliche Ausgabe des Otto vonFreising mit der Fortsetzung
des Radewich.
1521 erschienen in Cöln die Werke Einhards, herausgegeben
von dem Grafen Hermann von Nuenar; in Mainz die Chronik
des, Regino von Sebastian von Rotenhan.
Besonders eifrig aber nahmen die Protestanten diese Bestre-
bungen auf; sie fanden bald auch unter diesen Schriften Waffen
gegen die päpstlichen Ansprüche und die Streitschriften des elften
*) Böhmers Fontes H, 4.
a) Ueber ihn s. Herberger, Konr. P. Augsburg 1851. 4.
3) Archiv XI, 79.
«) Archiv VII, 314.
1 *
Digitized by Google
4
Einleitung. §1.2.
Jahrhunderts erschienen auch für den veränderten Standpunkt des
sechzehnten noch verwendbar. So gab Ulrich von Hutten 1520
die Schrift Waltrams von Naumburg gegen Gregor VH, De uni-
tate ecclesiae conservanda, zu Mainz in quarto heraus. Unbefangener
liefs Melanchthon es sich angelegen sein, den Schulunterricht in
der Geschichte zu fördern. Schon 1515 besorgte er in Tübingen
eine Ausgabe der grofsen Kompilation des Nauclerus, und 1532
bearbeitete er für die Schulen das vielgebrauchte Chronicon Ca-
rionis1). Auf seine Veranlassung gab 1525 Kaspar Schurrer zu
Tübingen den Lambert heraus.
Die Buchhändler Heerwagen in Basel, die auch Melanchthons
Verleger waren, besorgten 1531 eine Sammlung, welche den Prokop,
Agatliias und Jordanis enthält, mit einer Vorrede von Beatus Rhe-
nanus, eigentlich Selig Bilde, aus Schlettstadt. Dieser hatte auch
zum Otto von Freising das Titelblatt entworfen und ist dadurch zu
dem unverdienten Ruhme gekommen, als ob er der erste Heraus-
geber deutscher Geschichtsquellen gewesen wäre. Die Handschriften
aber zu jener Sammlung hatte Konrad Peutinger aus Augsburg
geschickt.
Im Jahre 1532 erschien in demselben Verlage eine zweite Samm-
lung, welche den Widukind, Einhard und Liudprand enthält,
herausgegeben von dem Professor Martin Frecht zu Tübingen.
Es würde uns zu weit fuhren , wenn wir fortfahren wollten, die
Ausgaben des 16. Jahrhunderts aufzuzählen, denn ihre Zahl ist nicht
gering; besonders die Wechel sehe Buchhandlung in Frankfurt ver-
legte eine ganze Reihe von Sammlungen dieser Art. Unsere Absicht
war nur zu zeigen, mit welchem Eifer man damals bestrebt war,
die echten Quellen der Geschichte wieder ans Licht zu ziehen ; mit
richtiger Auswahl wurden die besten derselben zuerst herausgegeben
und mit derselben Sorgfalt behandelt, welche die ersten Ausgaben
der alten Classiker auszeichnet. Es war ein trefflicher Anfang ge-
macht, hinter dem der gröfste Theil der späteren Leistungen weit
zurückblieb.
Freilich waren nicht Alle gleich bereit, die geschichtliche Wahr-
heit anzunehmen, und gleichzeitig mit jenen Ausgaben erschien 1530
das Turnierbuch von Rüxner, dessen freche Lügen von den
ahnensüchtigen Herren begierig aufgenommen wurden und noch
heutiges Tages hin und wieder gespensterhaft erscheinen.
l) Bretschncider, Corpus Reformatorum XII, 707.
Digilized by Google
Surius. Die Bollandisten.
5
§ 2. Die katholische Kirche. Die Heiligenleben.
Während einerseits die neu erwachende kritische Richtung will-
kommene Waffen in der Litteratur des früheren Mittelalters fand, bot
sich andererseits hierin auch der katholischen Kirche ein schöner
Schatz ascetischer Schriften dar, und die Briefe der alten Päpste,
wie die alten Vorkämpfer ihrer Ansprüche, waren noch immer zu
brauchen. So finden wir denn, nachdem die katholische Kirche sich
wieder ermannt und auch wissenschaftlich neue Kraft gewonnen hat,
anch von dieser Seite viele Publicationen; hier möge es genügen
den Canisius zu nennen, und nur auf einen besonderen Zweig der
Litteratur scheint es erforderlich, näher einzugehen.
Schon unter den ältesten Incunabeln finden sich Legendarien
und einzelne Heiligenleben, zur Erbauung bestimmt. Hin und wieder
bieten sie ein brauchbares Körnchen dar *) ; im Ganzen aber er-
scheinen die Legenden in solcher Weise überarbeitet, dafs das Tri-
viale, allen Gemeinsame, überhand genommen hat, das Geschichtliche
oft ganz verschwunden oder doch verdunkelt ist. Die zahlreichen
Wunder, die vielen Fabeln und Albernheiten machten diese Litteratur
gerade ganz besonders zum Gegenstand lebhafter Angriffe, und bald
empfand man, dafs sie allen Werth und Nutzen verlieren werde,
wenn man sich nicht zu einer Sichtung des überkommenen Stoffes
entschliefsen werde. Einen bedeutenden Fortschritt bildet schon die
Sammlung des Kölner Karthäusers Surius: Vitae Probatorum Sancto-
rum, die viel brauchbaren geschichtlichen Stoff zuerst ans Licht
brachte, und wenn auch der lateinische Stil etwas überarbeitet ist,
so berührt das doch kaum den Inhalt. Von Kritik aber ist in diesem
Werke keine Rede und die herrschende Meinung der Gebildeten
verwarf alle Mönchsgeschichten als leere Fabeln.
Diesen Angriffen gegenüber fafste nun der Jesuit Heribert
Rosweyde den Plan, durch strenge Sichtung des ganzen vorhan-
denen Materials und Aufopferung des Falschen das Echte zu retten
und zu sichern. Er selbst gab u. a. das Martyrologium Romanum
heraus; besonders aber veranlafste er seinen Ordensbruder Johann
Bo Hand in Antwerpen zu dem grofsartigen Unternehmen der Acta
Sanctornm, wovon 1643 der erste Band erschien. Noch 5 Bände
gab Boiland selbst heraus; dann hinterliefs er die Fortsetzung dem
Daniel Papebroch und Gotfried Henschen, von welchen
■) Ausgezeichnet durch Reichhaltigkeit und durch unveränderten Abdruck guter
alter Handschriften ist das Sanctuarium des Mailänders fioninus Motnbritius in
2 grofsen Folianten o. J. (um 1475).
Digitized by Google
6
Einleitung. § 2. 3.
der gediegenste Theil des Werkes gearbeitet ist. Sie gewannen bei
ihrer Arbeit eine solche Sicherheit der historischen Kritik und ver-
fuhren mit so wenig Schonung, dafs sie bald vielfache Angriffe er-
fuhren und die spanische Inquisition das Werk sogar verbot. Man
versuchte auch den Papst zu einem Verbote desselben zu bewegen,
aber vergeblich ; nur Papebrochs Chronologia Pontificum Romanorum
wurde wirklich verboten'). Mit dem unermüdlichsten, mühsamsten
Fleifse setzten auch später die Antwerpener Jesuiten, welche man
gewöhnlich als Bollandisten bezeichnet, das begonnene Werk fort;
ihre Abhandlungen wurden immer weitschichtiger und verloren an
innerem Werthe, während das Ganze immer langsamer vorrückte.
Doch sind noch viele sehr tüchtige Arbeiten und unermefsliches
historisches Material darin. Durch die Aufhebung des Ordens wurde
das Unternehmen gestört; andere führten es weiter, dann aber machte
ihm die Occupation Belgiens durch die Franzosen ein Ende. In
neuester Zeit hat man es wieder aufgenommen, aber mit der über-
triebensten Weitschweifigkeit. Bis jetzt sind 57 Folianten erschienen,
welche bis zum 20. October reichen, denn das ganze Werk folgt der
Ordnung des Kalenders. Zur Auffindung der Heiligen bedarf man
daher der Kenntnifs ihrer Tage, wozu das Heiligenlexicon (von
Schmaufs) Gött. 1719. 8. brauchbar ist. Doch haben auch die Acta
Sanctorum Register Uber die darin besprochenen Heiligen, im 7. Band
des Junius und im ersten Bande des Octobers; dieser Band enthält
auch ein Register Uber die Einleitungen und die vielen selbstän-
digen Abhandlungen, welche sich in den verschiedenen Bänden be-
finden. Sehr brauchbar ist auch der Catalogus Bihliothecae
Bunavianae HI, 2, welcher neben den Actis Sanctorum die Übrigen
Sammlungen und einzelnen Ausgaben berücksichtigt.
Neben den Jesuiten begannen auch die französischen Bene-
diktiner ein ähnliches Werk, nachdem ihr Orden in der Congrd-
gation de S. Maur einen neuen, aufserordentlich kräftigen Auf-
schwung genommen hatte. Die Erforschung der Geschichte ihres
Ordens wurde bald ein Hauptgesichtspunkt der Oongregation und
ihr Bibliothekar Dom Luc d’Achdry sammelte dafür viele Jahre
mit Unterstützung der ganzen Genossenschaft unschätzbares Material.
Zur Bearbeitung desselben wurde ihm 1664 Dom Jean Mabillon
beigegeben, den dann wieder Ger main und Ruin art unterstützten.
Von ihnen erschienen 1668 — 1701 die Acta Sanctorum Ordinis
S. Benedicti in 9 Folianten, welche bis zum Jahre 1100 reichen
') s. Rettberg, Art. Papebroch in der Encyclop. von Ersch und Gruber.
Digilized by Google
Die Mauriner. Muratori. Bouquet.
7
und vom gröfsten Werthe fUr die Geschichte sind. Abweichend von
der Anordnung der Bollandisten ist diese Sammlung nach der Zeit-
folge geordnet; sie beginnt natürlicherweise erst mit der Entstehung
des Ordens der Benediktiner, die ersten Jahrhunderte der Kirche
aber behandelte Ruinart selbständig in seinem trefflichen Werke:
Acta primorum martyrum sincera. 1689. 4.
§ 3. Sammlungen für Landesgeschichte.
In viele einzelne Staaten zerspalten, hatte Italien keine um-
fassende Sammlung von Geschichtsquellen erhalten; auch ging hier
der Patriotismus gerne gleich Uber die Zeiten des Mittelalters hinaus
in die antike Welt Uber. Die römische Kirche aber konnte vom
Mittelalter nicht lassen und noch weniger ihren Gesichtspunkt durch
enge Grenzen beschränken lassen. Ihre Geschichte, vom Cardinal
Baronius geschrieben, umfafste die ganze christliche Welt, und
jedes Volk fand hier die wichtigsten Aufschlüsse über seine Ver-
gangenheit aus den Schätzen des Vatikanischen Archivs. Viele Ge-
schichtsquellen Italiens zog Ughelli zuerst ans Licht in dem grofsen
Werk der Italia Sacra, welches dann von Coleti umgearbeitet und
sehr vermehrt wurde1). Gleichzeitig mit diesem wirkte Ludwig
Anton Muratori, der mit der umfassendsten Gelehrsamkeit, rast-
losem Fleifse und unermüdlicher Thatkraft die Grundlagen der ita-
lienischen Geschichte legte, auf denen noch heute fortgebaut wird.
Seine Scriptores Rerum Italicarum in 21 Folianten, 1723 — 1751,
sind die erste umfassende planmäfsig angelegte Sammlung der Ge-
schichtsquellen eines ganzen Landes, und bis jetzt die einzige,
welche ihre Vollendung erreicht hat.
Erstrebt war freilich schon früher Aehnliches in Frankreich
durch die Sammlung von Duchesne in 5 Folianten (1636—49); doch
genügte diese nicht, so werthvoll auch ihr Inhalt ist. Colbert fafste
bereits 1676 den Plan einer neuen umfassenderen Sammlung, der
jedoch erst später zur Ausführung kam, als die Congregation der
Mauriner auch diese Aufgabe übernommen hatte. Nachdem diese
fleifsigen und gelehrten Mönche bereits für die Geschichte ihres
Ordens und der Kirche das Aufserordentlichste geleistet und in ver-
schiedenen Sammlungen unendliches Material zugänglich gemacht
hatten, erschien von 1738 an der Recueü des Historiens des Gaules
et de la France von Dom Bouquet und seinen Nachfolgern eine
*) Ughelli, Italia Sacra. 9 Bände f. 1644 — 1662. Neue Ausg. v. Coleti in
10 Bänden. 1717—1721.
Digitized by Google
8
Einleitung. § 3.
Sammlung, deren Fortführung in neuester Zeit wieder aufgenommen
ist, und die bis jetzt aus 20 Folianten besteht
In Deutschland waren die vielversprechenden Anfänge des
16. Jahrhunderts durch die inneren Spaltungen gehemmt und endlich
durch den dreifsigjährigen Krieg fast gänzlich erstickt worden. Die '
folgende Zeit des Reichthums und der fürstlichen Stellung der Geist-
lichkeit brachte wohl einige Stiftshistorien, aber nichts, das sich mit
dem Wirken der Mauriner in Frankreich irgend vergleichen liefse.
Wohl reizte das Beispiel zur Nachahmung, aber alle Versuche schei-
terten theils an der Trägheit der in Reichthum und Ueppigkeit ver-
sunkenen Stifter, theils an der Eifersucht der Landesfürsten, welchen
es bedenklich erschien , die Geistlichkeit ihrer Territorien in nähere
Verbindung mit den Ordensbrüdern anderer Gebiete treten zu lassen.
Das erfuhren namentlich die Gebrüder Pez in Melk bei ihren Be-
mühungen, neues Leben in den alten Orden der Benediktiner zu
bringen, und die Stiftung einer Congregation, welche es möglich ge-
macht hätte, die vorhandenen Kräfte zu vereinigen und, wie in
Frankreich, planmäfeig für gemeinsame Zwecke zu verwenden, schei-
terte an solchen Hindernissen.
Material war freilich in grofsen Massen zu Tage gefördert, aber
ohne Auswahl, ohne Kritik; die neuen Publicationen fügten nur
immer mehr rohe Masse hinzu, in noch* mangelhafterer Weise, und
niemand verstand es, den Stoff zu bearbeiten. Im 17. Jahrhundert
erschienen bei dem Uebergewicht des Particularismus fast nur noch
Sammlungen für die Geschichte einzelner Reichslande. Eine neue
Epoche beginnt dann mit Leibniz, dem Zeitgenossen Muratori’s,
und in noch viel höherem Grade würde dies der Fall gewesen sein,
wenn nicht seine Forschungen unvollendet und grofsentheils unbe-
kannt geblieben wäre. Wie Muratori von der Geschichte des Hauses
Este, so ging er von den Welfen aus, und wie Muratori wurde er
durch diese Untersuchungen immer weiter geführt zu den ausgedehn-
testen Quellenforschungen, welche die ganze Reichsgeschichte um-
fafsten, Forschungen, die sich andererseits an seine philosophischen
sowohl wie an seine staatsrechtlichen Studien anschlossen. Er durch-
suchte alle ihm zugänglichen Archive und Bibliotheken, und ergriff
mit dem lebhaftesten Eifer den Plan einer systematischen Sammlung
und Ausgabe aller vorhandenen Quellen für die politische und die
Rechts - und Kirchengeschichte, auf deren Wichtigkeit und die Noth-
wendigkeit ihrer gründlichen Erforschung zuerst Conring energisch
hingewiesen hatte.
Wohl einsehend, dafs die Aufgabe die Kräfte eines Einzelnen
Deutsche Versuche. Leibniz.
9
übersteige, versuchte man wiederholt, Gesellschaften zu diesem Zwecke
zusammenzubringen. Schon Johann Christian von Boineburg, der
Rathgeber des Churfürsten Johann Philipp von Mainz, der Freund
Conrings, Leibnizens und Försters entwarf den Plan, ein Collegium
universale Eruditorum in Imperio Romano mit vorzüglicher Rücksicht
auf Geschichte zu stiften und theilte denselben 1670 mehreren Ge-
lehrten mit Mainz, wo das Reichsarchiv sich befand, war zum Sitz
desselben bestimmt, allein es blieb bei diesen Anfängen und hatte
keinen weiteren Erfolg. Neue Anregung zu Versuchen dieser Art
gab bald darauf die kräftige Entwickelung der schon 1651 gestif-
teten, 1677 vom Kaiser privilegirten Academia Leopoldina Naturae
Curiosorum. Paul 1 in i in Eisenach fafste die Idee einer ähnlichen
historischen Gesellschaft; er liefs 1687 eine Delineatio Collegii Impe-
rialis historici gloriose et feliciter fundandi drucken und vertheilen.
Mit vorzüglichem Eifer gingen Hiob Ludolf und Tentzel auf diesen
Gedanken ein; Ludolf theilte Paullini seine unmafsgeblichen Bedenken
mit und von ihm ging die förmliche Aufforderung zur Theilnahme
aus, welche 1688 versandt wurde. Er war der Präses der neuen
Gesellschaft, welcher mehrere namhafte Gelehrte sich anschlossen.
Vor allem aber bedurfte man materieller Unterstützungen, ohne die
sich wenig ausrichten liefs, man wünschte den Kaiser, den Reichstag
dafür zu gewinnen, man suchte nach vornehmen Patronen, aber man
fand, wie Ludolf 1695 an Leibniz schrieb, keinen einzigen, welcher
einen Pfennig daran wenden wollte ‘). Nur der Herzog von WUrtem-
berg gewährte Pregitzer die Kosten zu einer Reise durch Schwaben,
die Schweiz, Burgund und Frankreich, um die Archive zu durch-
forschen ; seine Reiseberichte befinden sich auf der Göttinger Biblio-
thek. Erfolg hatte also auch dieser Versuch nicht und er konnte
kaum Erfolg haben zu einer Zeit, wo die höheren Stände ganz der
französischen Bildung hingegeben und die Gelehrten gröfstentheils
von geistloser Pedanterie erfüllt waren, wo lebhafte Theilnahme für
die Erforschung der vaterländischen Geschichte eben so selten zu
finden war, wie die Fähigkeit zum richtigen Verständnifs der Quellen.
Leibniz hatte diesen Bestrebungen von Anfang an grofse Theil-
nahme zugewandt; er wies vornämlich auf den unveränderten Abdruck
der reinen Quellenschriften hin, während Ludolf mehr eine Bearbei-
tung der Reichsgeschichte ins Auge fafste. Leibniz dagegen war um
x) De Collegio nostro historico quod dicam nix hdbeo, adeo omnia frigent.
Scilicet nemo de magnatibus nostris est qui urgeat, multo minus qui obolum
impendat. Qui ad nutum alienum laborare debent sine magno autore, sine
praemio, sunt dijficiüimi. 1695. Der. 9.
Digitized by Google
10
Einleitung. § 3.
fremde Darstellungen wenig zu thun; er wufste wohl, dafs Urkunden,
in denen ein anderer nichts finden konnte, ihm die bedeutendsten
Aufschlüsse gewährten, und rieth deshalb ernstlich, dafs man sich
nicht bemühen solle, um eine Geschichte stylo florido et eleganti zu
schreiben, sondern man solle die Documenta und Urkunden geben,
ut praesens aeta-s thesaurum quendam relinquat. Er zuerst erhob sich
über den Dilettantismus und die Vielwisserei und verband die aus-
gebreitetsten Kenntnisse mit staatsmännischem Blick und historischer
Einsicht. Und so leistete denn dieser aufserordentliche Mann allein
einen grofsen Theil desjenigen, was jene gutgemeinten Unterneh-
mungen bezweckt hatten, ohne zur Ausführung kommen zu können.
Schon 1693 publicirte Leibniz seinen Codex juris gentium, dem
1700 die zwei Folianten der Mantissa Documentorum folgten. Von
1707 bis 1711 erschienen dann die Scriptores Berum Brunsvicensium,
welche theils die niedersächsische Landesgeschichte, theils die wöl-
fische Hausgeschichte erläutern sollten, und durch die grofsartige
Stellung des welfischen Hauses, durch die Verflechtung desselben in
alle wichtigsten Angelegenheiten des Reiches einen universellen Cha-
rakter erhielten , der sie von allen anderen Sammlungen für specielle
Landesgeschichte unterscheidet Eine Anzahl anderer wichtiger Schrift-
steller war schon 1698 in den Accessiones historicae zuerst ans Licht
gebracht. Aber von den grofsartigen Sammlungen Leibnizens war
dadurch nur ein kleiner Theil erschöpft; nachdem er selbst vom
Schauplatze abgetreten war, brachten seine Nachfolger Ekkard,
S. Fr. Hahn, Jung, Grober, Scheidt aus seinem Nachlafs das grofs-
artige Werk der Origines Guelficae zu Stande, welches noch jetzt
einen ehrenvollen Namen behauptet, in Form und Inhalt aber ganz
auf den Vorarbeiten von Leibniz ruht1).
Aber Leibniz hinterliefs auch noch ein anderes Werk, welches
allein ausgereicht hätte, um einen gewöhnlichen Menschen berühmt
zu machen, die Annalen des abendländischen Reiches, zu welchen
ihn seine Forschungen über die Welfen ebenso hinführten, wie Mu-
ratori die Geschichte des Hauses Este zur Verfassung der Annalen
Italiens veranlafste. Dieses Werk, welches Leibniz viele- Jahre lang
vorzüglich beschäftigte, reicht von 768 — 1005, denn weiter ist er
leider nicht damit gekommen. Es ist durchaus ein Meisterwerk,
*) Die vorstehenden Angaben sind aus den Mittheilungen meines Freundes
Röfsler io Göttingen entnommen, welche aus dem in Göttingen und Hannover
verwahrten handschriftlichen Material geschöpft sind, mit Benutzung der Nach-
richten über Paullini’s Briefwechsel im Serapeum 1856, 65. 367. der Schriften
G uhrauers u. a.
Leibniz und seine Nachfolger.
11
welches alle früheren Leistungen weit hinter sich läfst; auch hegten
die Zeitgenossen grofse Erwartungen davon und lange war von dem
Druck desselben die Rede, der aber dennoch zum grofsen Schaden
der Wissenschaft unterblieb, bis dann in neuester Zeit Pertz das
fast schon in Vergessenheit gerathene Werk herausgab *), nachdem
ein grofser Theil der darin enthaltenen Forschungen von neuem ge-
macht worden ist. Aber noch immer ist das Werk sehr brauchbar,
da es mit der vollständigsten Uebersicht und Benutzung des bis
dahin bekannt gewordenen Stoffes gearbeitet ist, während die sichere
Methode, der durchdringende Scharfsinn und die geistvolle Behand-
lung des grofsen Verfassers den Leser durchgehends fesseln und zur
Bewunderung fortreifsen.
Die Fehler der früheren Sammlungen, von denen auch die Leib-
nizische nicht ganz frei ist, den Mangel an kritischer Sichtung des
Stoffes, an systematischer Auswahl und Zusammenstellung, die Un-
zuverlässigkeit der Abdrücke schilderte niemand schärfer und ein-
dringlicher als Ekkard, Leibnizens Gehtilfe, dann Convertit und
fürstlich Würzburgischer Rath. Dennoch vermied er in seiner eigenen
Sammlung, dem Corpus historicorum medii aevi (1723), keinen jener
Fehler, vermehrte aber das vorhandene Material durch sehr werth-
volle Beiträge.
J. B. Mencken publicirte 1728. 1730 noch eine sehr schätzbare
Sammlung, B. G. Struve gab 1717. 1726 die älteren Sammlungen
von Pistorius und Freher neu heraus; immer mehr wuchs die Masse
des gröfstentheils rohen, ungeordneten? ungesichteten Materials; immer
schwieriger wurde eB, eine Uebersicht über dasselbe zu gewinnen.
Dieser Uebelstand veranlafste das Erscheinen von Schriften, die als
Wegweiser dienen sollten: J. P. Fincke’s Index in Collectiones Scri-
ptorum Rerum Germanicarum, Lips. 1737. 4. und das vielgebrauchte
Directorium von Freher, zuletzt 1772 von Hamberger neu heraus-
gegeben. Desselben Hambergers Nachrichten von den vornehmsten
Schriftstellern, Bd. 3. 4. 1760, sind von geringer Brauchbarkeit, da-
gegen des trefflichen Joh. Alb. Fabricius Bibliotheca Mediae et
Infimae Latinitatis 1734 — 1746. 8. und ed. Mansi 1754. 4. noch jetzt
unentbehrlich und von grofsem Nutzen. Eine neue vermehrte Aus-
gabe derselben mit Berücksichtigung der seitdem erschienenen Samm-
lungen und Ausgaben ist sehr wünschenswerth und würde einem
dringenden Bedürfhifs entgegenkommen. Wir freuen uns deshalb zu
l) G. W. Leibnitii Annales Imperii Occidentis Brunsvicenses ed. G. II. Pertz.
3 Torni. Hanov. 1843 — 1846. Mit einer sehr lehrreichen Vorrede des Heraus-
gebers.
ioogle
12 Einleitung. § 4.
erfahren, dafs Herr Dr. Miildener in Göttingen mit einer solchen
beschäftigt ist.
§4. Die Monumenta Germaniae historica.
Immer lebhafter empfand man in Deutschland während des
18. Jahrhunderts das Bedürfnifs einer planmäfsig geordneten, kriti-
schen Sammlung der echten und ursprünglichen Geschichtsquellen;
das Beispiel von Muratori in Italien und den Maurinern in Frank-
reich reizte zur Nachfolge, aber alle Wünsche und Versuche schei-
terten , wie jene eben erwähnten ersten Anfänge , an der Zerstücke-
lung Deutschlands, an der Unmöglichkeit, ein Zusammenwirken Vieler
herbeizuführen, an dem Mangel ausreichender Geldmittel. Die Nach-
richten Uber diese Bestrebungen findet man gesammelt im ersten
Bande des Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichts-
kunde. Namentlich hatte der Haifische Theologe Sem ler einen
solchen Plan, und durch ihn angeregt gab 1797 sein College Krause
den Lambert heraus als Anfang und Specimen einer solchen Samm-
lung; aber er starb bald nachher und es blieb bei diesem ersten
Bande. Im folgenden Jahre 1798 gab Rösler in Tübingen eine
kritische Bearbeitung der ältesten Chroniken des Mittelalters, allein
die Aufgabe einer umfassenden Sammlung war für die Kräfte ein-
zelner Männer viel zu grofs, als dafs etwas Genügendes hätte zu
Stande kommen können.
Die lange Fremdherrschaft in Deutschland und die Befreiung
davon durch die vereinten Anstrengungen des ganzen Volkes, weckte
endlich in höherem Grade das Bewufstsein eines gemeinschaftlichen
Vaterlandes. Mit neuer Liebe wandte man sich der Erforschung der
Vorzeit zu; E. M. Arndt, die Gebrüder Grimm bestärkten in
dieser Richtung durch die kräftigste Anregung. Eifrig und dringend
wies Johannes von Müller auf die Noth wendigkeit des Quellen-
studiums hin. Auch der Freiherr von Stein empfand das lebhafte
Bedürfnifs, eine genügende Anschauung der deutschen Geschichte sich
zu verschaffen. Die vorhandenen Darstellungen reichten dazu nicht
aus; er suchte die Keuntnifs aus den Quellen selbst zu schöpfen, stiefs
aber dabei auf unüberwindliche Schwierigkeiten wegen des verwahr-
losten Zustandes derselben. Es war nicht seine Art, wegen solcher
Hindernisse einen Gedanken aufzugeben und seine Entfernung von
den Staatsgeschäften trug dazu bei, dafs er ihn um so entschiedener
festhielt und verfolgte. Der Gedanke an sich selbst, seinen eigenen
Vortheil und Genufs, trat dabei bald völlig zurück; er hatte nur
noch sein Volk im Auge, der Wunsch erfüllte ihn „den Geschmack
Digitized by
Die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde.
13
an deutscher Geschichte zu beleben, ihr gründliches Studium zu er-
leichtern und hierdurch zur Erhaltung der Liebe zum gemeinsamen
Vaterland und dem Gedächtnifs unserer grofsen Vorfahren beizu-
tragen.“ Mit der ganzen Energie seines gewaltigen Geistes fafste er
den Plan, eine umfassende und kritisch bearbeitete Sammlung der
deutschen Geschichtsquellen zu veranstalten und er liefs nicht ab,
bis er denselben zur Ausführung gebracht hatte1). Im Februar 1818
brachte er ihn zuerst zur Sprache; es gelang ihm, mehrere seiner
westphälischen Freunde zu bedeutenden Geldbeiträgen zu bewegen;
er selbst hat nach und nach an 10000 Fl. darauf verwandt. Meh-
rere der damaligen Bundestagsgesandten gingen auf Steins Vorschläge
ein und am 20. Januar 1819 trat zu Frankfurt die Gesellschaft
für ältere deutsche Geschichtskunde zusammen. Der badische
Legationsrath Büch ler wurde zum Secretär, der Archivrath Dttmgd
zum Redacteur bestimmt ; beide begannen sogleich die Herausgabe der
Zeitschrift, welche noch besteht und vom wesentlichsten Nutzen für
das Unternehmen gewesen ist. Sie heifst das Archiv der Gesell-
schaft und führt mit Recht diesen Namen, weil darin alle Vorarbeiten
für das grofse Unternehmen, Nachrichten Uber Handschriften, Unter-
suchungen Uber die einzelnen Quellenschriften, niedergelegt werden.
Der ungeheuere Umfang des Unternehmens, die Nothwendigkeit
vieler und ausgedehnter Reisen, zeigte sich erst während der Arbeit
in zunehmendem Mafse; bald sah man, dafs Privatmittel, so bedeu-
tend auch die Beiträge der Gründer waren, doch nicht weit reichten.
Die Bundesversammlung war gleich anfangs um Unterstützung er-
sucht worden und hatte in Ermangelung eigener Geldmittel zu solchen
Zwecken, das Werk den einzelnen Regierungen zur Förderung empfoh-
len; diese gaben dann auch Beiträge, welche jetzt den Bestand der
Sache sichern.
Gleich anfangs fand das Unternehmen aller Orten lebhafte Theil-
nahme, aber lange dauerte es, bis ein ausführbarer Plan zu Stande
kam. Ein Vorschlag nach dem andern wurde im Archiv veröffent-
licht; während man sich zu orientiren suchte, fing man erst an, den
Umfang der Arbeit zu übersehen, die Masse des Stoffes, die Schwierig-
keit ihn zu bearbeiten, namentlich wegen der in so vielen Biblio-
theken und Archiven zerstreuten Handschriften und Urkunden, welche
sich viel zahlreicher erwiesen, als man anfänglich geglaubt hatte.
Nach dem ursprünglichen Plan vertheilte man die einzelnen
*) Vgl. Archiv I. VI, 294. Mon. Germ. SS. I. Praef. Steins Leben von Pertz V,
57. 264 ff u. s. w. an vielen Stellen.
Google
14
Einleitung. § 4.
Schriftsteller an verschiedene Gelehrte zur Bearbeitung, aber es zeigte
sich bald, dafs auf diese Weise weder Einheit in Plan und Methode,
noch ein rascher Fortschritt in der Ausführung zu erreichen war.
Die ersten Bände des Archivs sind voll von Versprechungen und
Anerbietungen, von denen aber die meisten ohne Resultat blieben.
Im Jahre 1820 übersandte G. H. Pertz ein Verzeichnifs der
Quellenschriftsteller für die karolingische Periode und der in Han-
nover befindlichen Handschriften; er hatte eben in Göttingen seine
Studien vollendet und seine Schrift über die merowingischen Haus-
meier war 1819 durch ein Vorwort von Heeren eingeführt und leb-
haft empfohlen worden. Stein übertrug ihm die Bearbeitung der
karolingischen Annalen und weil hierzu vor allem die Benutzung
der Wiener Handschriften nothwendig war, auch eine Reise nach
Oesterreich, welche dann später auch auf Italien ausgedehnt wurde.
Hier war der Freiherr von Stein bereits selbst gewesen, hatte von
den Schätzen des Vatikan vorläufige Kunde verschafft und Mitarbeiter
zu gewinnen gesucht, auf deren Unterstützung damals noch stark
gerechnet wurde. Diese Theilnahme der Italiener erwies sich in-
dessen später als gänzlich illusorisch, und nicht viel mehr Erfolg
hatten die Zusagen, welche Pertz in Oesterreich gemacht wurden.
Seine Reise aber gewährte die erste feste Grundlage für das Unter-
nehmen; allein aus den päpstlichen Regesten gewann er 1800 un-
gedruckte Briefe. Seine Reiseberichte zeigten so entschieden eine
meisterhafte Handhabung der Kritik in scharfem Gegensätze zu den
vielen dilettantischen Beiträgen Anderer, dafs ihm nach seiner Rück-
kehr die Redaction Bowohl des Hauptwerks als der Zeitschrift über-
tragen wurde, da BUchler und DUmg6 beide von ihrem Grofsherzog
abberufen waren.
1824 wurde der definitive Plan des Werkes veröffentlicht und
1826 erschien der erste Band desselben. Aus 5 Abtheilungen soll
die ganze Sammlung bestehen, nämlich I. Schriftsteller, H. Gesetze,
HI. Kaiserurkunden, IV. Briefe, V. Antiquitäten. Für alle sind be-
deutende Vorarbeiten gemacht worden, wirklich eröffnet aber nur
die beiden ersten Abtheilungen; den Anfang machten die Scriptores.
Eigentlich hätten die ältesten Annalen des Mittelalters und die
Geschichtschreiber der Gothen, Merowinger und Langobarden das
Werk eröffnen sollen; die Vorarbeiten dazu waren aber so schwierig
und die Benutzung so unentbehrlicher Handschriften noch nachzu-
holen, dafs diese ganze Abtheilung einstweilen übergangen wurde,
um nicht zu lange mit dem wirklichen Beginn der Publicationen
zögern zu müssen. Jetzt erst, nach wiederholten Reisen durch Frank-
Digitized by Google
Pertz. Monuments Germaniae.
15
reich, Belgien, England, Spanien, Italien sind die Vorbereitungen
der Vollendung nahe gerückt und die Herausgabe dieser sehnlich
erwarteten Quellen ist in naher Zeit zu erwarten.
Den Anfang machten also aus diesen Gründen die karolin-
gischen Annalen1), welche mit ihren Anfängen noch in die mero-
wingische Zeit hinaufreichen und mit den Fortsetzungen zum Theil
durch das ganze Mittelalter sich erstrecken. Nur wer die Verwir-
rung, den verwahrlosten Zustand kennt, in welchem sich früher
diese Annalen befanden, an verschiedenen Orten und gröfstentheils
in sehr fehlerhafter Gestalt gedruckt, ohne Unterscheidung ihres
echten, gleichzeitig niedergeschriebenen Gehaltes und der spateren
Zusätze, nur der kann sich eine richtige Vorstellung machen von
dem aufserordentlichen Gewinn, welcher der Geschichtsforschung
daraus erwuchs, dafs nun alle jene Annalen in einem Bande ver-
einigt, kritisch gesichtet und durch neue Entdeckungen bereichert,
zur ungehinderten Benutzung bereitet Vorlagen.
Nach einer neuen Reise des Herausgebers nach den Nieder-
landen, Paris und England erschien 1829 der zweite Band2), welcher
die Chroniken und Biographieen der karolingischen Periode enthält.
Den Anfang aber bilden die Geschichtsquellen des Klosters S. Gallen,
bearbeitet von Ildefons von Arx, welche mit dem alten Leben
des Stifters beginnen und bis zum Jahre 1233 unzertheilt beisammen
gelassen wurden. Das Leben des heiligen Ansgar bearbeitete für
diesen Band Dahlmann.
Einen neuen sehr bedeutenden Fortschritt brachten die beiden
Bände Leg es 1835. 1837, welche besonders viel neuen Stoff zu dem
kritisch gesicherten älteren Besitz hinzufügten. Auch hier wurden
jedoch einstweilen die alten Volksrechte noch bei Seite gelassen
und erst 1851 erschien die Lex Alamannorum von Merkel. Jene
Bände umfassen die Capitularien und kaiserlichen Verordnungen,
Rechtsprüche, Verträge und andere wichtige Urkunden bis 1313; die
jüngeren Rechtsbücher sind von der Sammlung ausgeschlossen, da
sich ihrer die Rechtshistoriker bereits angenommen haben.
Von besonderem Werthe ist die im Anhang des zweiten Bandes
der Gesetze enthaltene Ausgabe der Capitulariensammlung des Be-
nedictus Levita von dem leider zu früh der Wissenschaft ent-
rissenen Dr. Knust, welcher auf der Heimkehr von Spanien in
') S. darüber Archiv VI, 251—273.
2) S. Archiv VI, 274 — 294. Der Plan des Unternehmens war in dieser Zeit
noch nicht so ausgedehnt wie später, weshalb hier noch sehr wichtige Stücke, wie
die V. Eigilis, fehlen.
Digitized by Google
16
Einleitung. § 4.
Paris am 9. October 1841 verstarb *). Benedict hat nämlich die De-
cretalensammlung des falschen Isidor auch in die Reichsgesetzgebung
zu bringen versucht; seine Sammlung enthält Echtes und Erdich-
tetes, welches hier von dem Herausgeber mit gröfster Genauigkeit
auf seine Quellen zurlickgeftihrt ist, so dafs nun keine Entschuldi-
gung mehr hat, wer noch immer die falschen Stücke des Benedict
als echte Capitularien anführt und benutzt.
In rascher Folge erschienen nun 1839. 1841 der dritte und
vierte Band der Scriptores, welche die Periode der sächsischen
Kaiser enthalten. Bei diesen trat Waitz als Mitarbeiter ein, wäh-
rend Lappenberg, der die Geschichtsquellen der niederelbischen
Lande übernommen hatte, hier als Erstling den Thietmar von Mer-
seburg bearbeitete, dem später der Adam von Bremen folgte. Für
die Zeit der Karolinger hatten zwei Bände genügt und ebenso auch
noch für die Ottonen zwei von etwas stärkerem Umfange; die Sa-
lier dagegen, mit Lothar, erforderten 8 Bände, die von 1Ö44 — 1856
erschienen: so sehr wächst um diese Zeit die Masse des Stoffes.
Neben Waitz finden wir hier nun auch Bethmann thätig, der schon
längere Zeit an den Vorarbeiten Theil genommen nnd namentlich
in den Bibliotheken Frankreichs und Belgiens gearbeitet hatte; es
gelang ihm u. a. die Urschrift der Chronik des Sigebert zu entdecken,
welche mit allen ihren Fortsetzungen im 6. Bande erschien. Aufser-
dem bearbeitete Hesse in Rudolstadt den Lambert, Szlachtowski
in Lemberg die älteste polnische Chronik. Als Waitz 1842 Professor
in Kiel wurde, traten Köpke und Wattenbach als Mitarbeiter
hinzu, später Wilmans, Abel, Karl Pertz, Jaff6, Schöne.
So kommen immer frische Kräfte zur Arbeit, während die älteren
Theilnehmer durch anderen Beruf abgezogen werden, ohne doch
darum ihre Mitwirkung dem Unternehmen ganz zu entziehen.
Werfen wir nun einen Blick auf die Art der Ausführung, so
treten uns besonders zwei Hauptprincipien entgegen, welche im Ver-
gleich mit den filteren Sammlungen einen bedeutenden Fortschritt
bezeugen: die genaue Wortkritik und die strenge Sichtung des In-
halts mit Bezug auf die Herkunft und Glaubwürdigkeit der Nach-
richten.
Zum ersten Male sind hier die mittelalterlichen Schriftsteller
mit einer Genauigkeit behandelt, wie sie früher nur classischen
Autoren zugewandt wurde. Von Anfang an wurde der Grundsatz
befolgt, für jeden Schriftsteller alle erreichbaren handschriftlichen
*) Seine Reisebriefe sind im Archiv VIII, 102 — 252 gedruckt.
Digitized by Google
Die Mouumeota Germaniae.
17
HUlfsmittel zusammenzubringen, ohne Rücksicht auf frühere Drucke
nur die beste Handschrift zu Grunde zu legen, und durch Ver-
gleichung der übrigen die möglichste Reinheit und Sicherheit des
Textes zu erstreben.
Wenn auch durch frühere Sorglosigkeit, durch die Verwüstungen
der Bauernkriege, und die stürmischen Zeiten am Ende des vorigen
Jahrhunderts viel zu Grunde gegangen ist, so hat sich doch, wie
die unternommenen Reisen nach und nach ergaben, mehr erhalten,
als man irgend erwartet hatte. Und wenn auch jetzt manche Hand-
schrift vermifst wird, welche den Maurinern noch vorlag, so bietet
dagegen unsere Zeit den Vortheil, dafs fast alle Bibliotheken und
Archive der wissenschaftlichen Forschung zugänglich sind, während
jene noch häufig über die eifersüchtige Verweigerung des Eintritts
Klage führten. Hat doch selbst Mabillon in Salzburg, so festlich
er auch dort empfangen wurde, keine Handschrift zu sehen bekommen.
Von nicht geringerer Wichtigkeit als die Correctheit der Texte
ist aber zweitens die genaue kritische Analyse der Quellen. Nicht
nur sind dadurch mehrere früher allgemein benutzte Schriften als
untergeschoben gänzlich ausgeschieden worden, sondern auch die
echten Chronisten werden erst dadurch dem Geschichtsforscher recht
brauchbar, dafs ihm auf den ersten Blick entgegentritt, was jedem
eigenthümlich, was von anderen entlehnt ist, und woher er es ent-
nommen hat. Seit dem vierten Bande der Scriptores wird alles von
anderen unmittelbar entlehnte auch durch Petitdruck kenntlich ge-
macht, was die Benutzung ungemein erleichtert. Das wird jeder zu
würdigen wissen, welcher irgend Gelegenheit gehabt hat, andere
Sammlungen und Ausgaben zu benutzen, wo der gewissenhafte
Forscher diese Arbeit stets von neuem vornehmen mufs, während
freilich die Meisten es sich viel leichter machen und ohne Unter-
scheidung gleichzeitige, spätere und abgeleitete Nachrichten benutzen.
Die Reihenfolge der Quellen ist chronologisch, und zwar
in zwiefacherWeise, nämlich zuerst nach den angegebenen gröfseren
Perioden, und dann wieder innerhalb der kleineren Abtheilungen.
In einer solchen Periode werden nämlich zuerst die Annalen ge-
geben, streng nach Jahren geordnete, oft gleichzeitige, in der Regel
kurze Aufzeichnungen. Darauf folgen die Chroniken und Geschichten,
welche zum Theil noch die annalistische Form beibehalten, doch nur
als äufsere Gestalt, denn sie sind meistens nicht gleichzeitig und
unterbrochen, sondern zusammenhängend, im Rückblick auf einen
gröfseren Zeitraum aufgezeichnet, und versuchen, Uber die blofse
Aufzeichnung der Thatsachen hinausgehend, deren pragmatische
2
ized by Google
18
Einleitung. § 4.
Verbindung und innere Entwicklung nachzuweisen. Den allgemeineren
Werken dieser Art schliefsen sich die Localchroniken an, deren
wir aus der älteren Zeit manche von Klöstern und Bisthlimem be-
sitzen, während später die Chroniken der Länder und Städte be-
ginnen, und allmählich ganz das Uebergewicht gewinnen. Den
Sclilufs bilden die Biographieen und kleineren Erzählungen ver-
schiedener Art, welche nebst den Localchroniken in das lebendige
Treiben der Zeit einflihren, und denen wir gröfstentheils das Fleisch
und Blut zu dem chronologischen Gerllste der Annalen verdanken.
Es versteht sich von selbst, dafs diese Gattungen durch keine
scharfe Grenzen gesondert sind, und manches Stück so sehr in der
Mitte steht, dafs es nur nach zufälligen Umständen hier oder dort
seine Stelle findet.
Innerhalb dieser Kategorieen ist die Anordnung wiederum chrono-
logisch, nach dem Endjalir, doch wird dieser Grundsatz nicht pe-
dantisch durchgeführt, sondern durch mancherlei Kücksichten be-
einträchtigt. Nicht nur wird nachträglich mitgetheilt, was während
der Arbeit neu entdeckt wird, sondern es bleibt auch oft das Gleich-
artige zusammen. Namentlich wird die Fortsetzung nicht vom
Hauptwerk getrennt, wenn sie nicht ganz selbständiger Art ist.
So sind die Casus S. Galli bis 1233 beisammen geblieben, und
Sigebert mit seinen Fortsetzern, so auch Cosmas und die öst-
reichischen wie die schwäbischen Annalen.
Die Franzosen haben das entgegengesetzte Princip verfolgt
Dom Bouquet gab zu jeder Periode alles darauf bezügliche aus
allen Schriftstellern, wodurch scheinbar ein grofser Vortheil für den
Geschichtschreiber erreicht wird, da er seinen ganzen Stoff über-
sichtlich vor Augen hat. Dagegen aber wird es ihm aufserordent-
lich schwer ein kritisches Urtheil Uber die Quellen zu gewinnen,
weil er sie nirgends vollständig beisammen hat; und doch kommt
bei der geschichtlichen Forschung gerade darauf so viel an: es ist
wenig damit gewonnen, die Worte einer historischen Nachricht zu
haben, wenn man nicht weifs, wie viel Glauben der Schriftsteller
verdient, und wie die ganze Art und Weise seiner Auffassung und
Darstellung beschallen ist.
Während nun bei Bouquet z. B. der Sigebert in viele Bände
vertheilt ist, bleibt in den Mon. Germ, jeder Schriftsteller so viel
wie möglich in seiner Integrität; man hat auch nicht, wie Stenzei
früher vorschlug, dasjenige weggelassen, was der Verfasser nur aus
anderen bekannten Quellen entlehnt hat; sondern man hat es wenig-
stens bei den bedeutenderen Schriftstellern vorgezogen, diese Theile
Digitized by Google
Monumenta Germaniae. Uebersetziingen.
19
nur durch kleineren Druck kenntlich zu machen, weil es fllr uns
auch von Wichtigkeit ist zu wissen, wie die Schriftsteller der Zeit
die Vergangenheit behandelten1), aus welchen abgeleiteten Quellen
die Folgezeit ihre Kenntnifs schöpfte, und wie auf diese Weise die
Kunde der Geschichte allmählich verengt und entstellt wurde. So
hat z. B. Martin der Pole fast gar keinen eigenen Werth, aber sein
Compendium der Papst- und Kaisergeschichte ist nichts desto weniger
sehr wichtig, weil es Jahrhunderte lang die Hauptquelle der Ge-
schichtskenntnifs blieb.
In manchen Fällen jedoch war es nicht rathsam oder thunlich,
die ganzen Werke aufzunehmen, und dann hat man sich auf Aus-
züge beschränkt; wenn nämlich die Hauptmasse der deutschen Ge-
schichte fern liegt, fremde Länder oder zu entlegene Zeiten betrifft,
wenn zwischen theologischen und anderen Betrachtungen sich nur
vereinzelt geschichtliche Nachrichten finden, oder wenn eine wüste
Compilation vorlag, welche keinen Anspruch darauf machen kann,
als litterarisches Erzeugnis behandelt zu werden. Deutsche Haupt-
schriftsteller dagegen, welche durch ihre ganze Persönlichkeit be-
deutend sind, haben ein wohlbegründetes Recht darauf, in ihrer
ganzen Individualität aufgefafst zu werden, und Männern wie Otto
von Freising darf man ihre Werke nicht verstümmeln.
Von manchen der bedeutenderen Quellen sind nun neben der
grofsen Sammlung auch Octavausgaben veranstaltet, weniger für
die gelehrte Forschung, weil ihnen der kritische Apparat fehlt, als
zum Lesen bestimmt; und dazu kann man nicht genug rathen, weil
das blofse Nachschlagen und Benutzen einzelner Stellen zu so vielen
Irrthümern und Mifsverständnissen Anlafs gibt, und nur das Lesen
im Zusammenhang die richtige Anschauung gewährt; nur dadurch
gewinnt man ein lebendiges Bild von den einzelnen Schriftstellern
wie von der ganzen Zeit und der damals herrschenden Art der An-
schauung und Auffassung.
Noch besser wird vielleicht in manchen Fällen dieser Zweck
erreicht durch die Uebersetzungen, aus denen uns der Inhalt
der Schriften weit reiner entgegentritt, indem der Leser hier nicht
durch die einzelnen Schwierigkeiten beschäftigt wird, die sonst leicht
seine Aufmerksamkeit zerstreuen. Auch wird man durch die Ueber-
setzungen nicht selten auf Stellen aufmerksam gemacht, die man
früher übersah, und wenn die Uebersetzung gelungen ist, bietet sie
kein unbedeutendes Hülfsmittel dar zum richtigen Verständnifs des
*) S. E. M. Amdt's Worte in Stein’s Leben, V. 273. Pertz ib. S. 366.
2*
Digitized by Google
20
Einleitung. § 5.
Textes, welches häufig gar nicht so leicht ist, als der erste Anschein
glauben läfst. Denn das mittelalterliche Latein hat viel Eigen-
tümliches, und nicht nur in diese Sprache überhaupt, auch in den
Sprachgebrauch der einzelnen Schriftsteller mufs man sich erst mit
Sorgfalt hinein lesen, um ihn ganz zu verstehen.
Die Wichtigkeit dieser seit 1849 erscheinenden Sammlung von
Uebersetzungen wird aber auch dadurch erhöht, dafs einigen der
noch nicht gedruckte, aber nach den Handschriften neu bearbeitete
Text zu Grunde liegt, und mehrere sind mit Einleitungen versehen,
welche schöne Bruchstücke zu einer Litteraturgescbichte der mittel-
alterlichen Geschichtsquellen darbieten.
§ 5. Andere Arbeiten des neunzehnten Jahrhunderts.
In weiten Kreisen hat das Unternehmen der Monumenta Ger-
maniae anregend gewirkt, es hat als Vorbild gedient in Turin und
England ; aber andererseits wurde es auch gefördert durch mancherlei
Bestrebungen verwandter Art, und durch die lebhafte Aufmerksam-
keit, welche überhaupt für das Mittelalter einmal erweckt war, und
bald zu den gediegensten Untersuchungen führte. Raumer, Ranke,
Stenzei wirkten in anregendster Weise sowohl mündlich wie
schriftlich. Schon 1813 erschien von Raumer das Handbuch merk-
würdiger Stellen aus den lateinischen Geschichtschreibern des
Mittelalters, und die Geschichte der Hohenstaufen (1824) gab das
Beispiel einer lebendigen Benutzung der Quellen, einer auf Leben,
Verfassung, Sitte eingehenden Darstellung, welche nicht für den
Gelehrten allein geschrieben ist. Ranke stellte in seiner Schrift Zur
Kritik neuerer Geschichtschreiber, 1824, das trefflichste Muster der
Quellenkritik auf1), während seine praktischen Uebungen, aus denen
die Jahrbücher des deutschen Reichs unter den sächsischen Kaisern
hervorgegangen sind, die Mehrzahl der Mitarbeiter an den Monu-
menten ausgebildet haben.
Stenzel gab in seiner Geschichte der fränkischen Kaiser 1828
eine rein nach Originalquellen gearbeitete Darstellung, welche um
so bewundernswertlier erscheint, wenn man den damaligen Zustand
der Quellen und den Mangel an guten HUlfsmitteln und Vorarbeiten
bedenkt. Vorzüglich aber enthält der zweite Band treffliche Unter-
suchungen Uber einzelne Geschichtsquellen dieser Zeit, und eine aus-
gezeichnete Abhandlung Uber die bei ihrer Behandlung festzuhaltenden
Grundsätze.
*) Vgl. G. Wailz in den Nachrichten von der G. A. Universität 1855 N. 14.
Digitized by Google
Locale Sammlungen. J. F. Böhmer.
21
Seitdem haben Bich diese Bestrebungen in immer weiteren
Kreisen verbreitet; aller Orten sind historische Vereine thätig für
die Bearbeitung der vorherrschend localen Quellen. Eine Zeit lang
war man vielfach geneigt, alles von den Herausgebern der Monu-
menta zu erwarten, allein bald erkannte man doch, dafs diese die
späteren Zeiten noch lange nicht erreichen werden, und dafs auch,
je mehr mit der Zeit der Stoff anwächst und sich zersplittert, desto
weniger alles ohne Ausnahme Aufnahme finden kann. Sehr zweck-
mäfsig ist es daher, dafs man angefangen hat, die Quellen einzelner
Gegenden selbständig herauszugeben, wobei dann auch das spätere
Mittelalter und das sechzehnte Jahrhundert mehr Berücksichtigung
gefunden haben. So erschienen von Mone die badischen Geschichts-
quellen, von Lappenberg die bremischen, vonStenzel die schle-
sischen, vom Görlitzer Verein die Lausitzer, von Ficker und
Cornelius die münsterischen, von Endlicher die ungrischen, und
vielfach sind einzelne Quellenschriften abgesondert herausgegeben.
In Böhmen, wo schon früher eine rege Thätigkeit auf diesem Felde
entfaltet war, legte Palacky durch seine Würdigung der böhmischen
Geschichtschreiber den Grund zu einer erneuten kritischen Bear-
beitung, und für Preufsen erhielten wir in neuester Zeit ein ähn-
liches Werk von Toppen.
Ueber das viele Material, welches in periodischen Schriften,
besonders in den Zeitschriften der historischen Vereine niedergelegt
ist, orientirt das Repertorium von Walther 1845 und das neuere
und zugleich umfassendere von Koner.
Doch noch eines Mannes haben wir zu gedenken, der allein
mehr wirkt wie die meisten Vereine, und von dem sich der anre-
gendste lebendigste Einflufs nach allen Seiten verbreitet. J. F. B ö h m er,
Bibliothekar in Frankfurt a. M. und mit Pertz Director der Gesell-
schaft für ältere deutsche Geschichtskunde, hatte anfangs die Re-
daction der Abtheilung der Kaiserurkunden übernommen, diese aber
dann wieder aufgegeben, und sich auf die ursprünglich als Vorarbeit
dafür begonnenen Regesten beschränkt. Diese haben in den neueren
Bearbeitungen immer weitere Ausdehnung erhalten; die kurzen Ur-
kundenauszüge sind vollständiger geworden und durch Auszüge aus
den Geschichtschreibern und Annalen in Verbindung gebracht; das
ganze historische Material einer Periode wird dem Geschichtsforscher
geordnet vor Augen gelegt, und in den Einleitungen die Quellen
besprochen und gewürdigt. Die Verwahrlosung der späteren Chro-
niken und der Besitz reiches aus Handschriften gewonnenen Stoffes
veranlafsten Böhmer, in den drei Bänden seiner Fontes Herum Germa-
Digiti;
22
Einleitung. § 5.
nicarum auch eine eigene Quellensammlung erscheinen zu lassen,
welche für das zwölfte bis vierzehnte Jahrhundert vom ausgezeich-
netsten Werthe ist.
Kaum noch zu zählen sind die Regesten und Urkundenbücher
einzelner Länder, Städte und Stifter, welche hauptsächlich durch
Böhmers Vorgang veranlafst, mit immer reicherer Fülle uns dar-
geboten werden; sie liegen aber, da auf die Chronisten darin fast
nirgends Rücksicht genommen wird, unserem Zwecke zu fern, um
Bie hier aufzuzählen, und nur eines ist von so überwiegender Wichtig-
keit, dafs wir es nicht übergehen dürfen, das Riesenwerk der Re-
ges ta Pontißcum Romanorum bis z. J. 1198 von Jaff6. Hierin
sind auch die Chronisten und Biographen benutzt, so weit sie zur
Bestimmung der Aufenthaltsorte der Päpste dienen, und man findet
also darin auch einen Leitfaden für die Litteratur der Geschicht-
schreiber der Päpste.
Digilized by Googl
I. DIE VORZEIT.
Von den ersten Anfängen bis zur Herrschaft der Karolinger.
§ 1. Die Römerzeit. Legenden.
Eacitus berichtet uns, dafs noch zu seiner Zeit die Germanen
in ihren Liedern die Thaten des Arminius feierten1). Nicht un-
möglich ist es, dafs noch in den Dichtungen der deutschen Helden-
sage, welche Karl der Grofse sammeln und aufschreiben liefe3),
dieser uralten Kämpfe gedacht wurde: was uns von einheimischer
Sage erhalten ist, reicht nicht weit über die Zeiten Attilas hinauf,
dessen gewaltige Hand mit so übermächtiger Kraft alles zer-
schmetterte, was ihm entgegentrat, dafs auch das Gedächtnifs der
früheren Zeit erlosch. Von den Völkerschaften, deren Tacitus ge-
denkt, weife die Sage nichts ; auch die gothischen und langobardischen
Heldenlieder, deren Inhalt uns zum Theil erhalten ist, sind früh ver-
klungen. Etzel aber, und Dietrich von Bern, und die Könige der
Burgunden lebten fort in der Erinnerung des Volks; wir haben die
Lieder, welche von ihnen reden, aber wie unbestimmt und nebel-
haft sind ihre Gestalten geworden: kaum erkennt man noch, ob es
Menschen sind oder Götter. Das ist die Natur der mündlichen
Ueberlieferung , in der es nichts festes und stätiges giebt, und
schlimm würde es um unsere Kenntnifs der Geschichte stehen, wenn
wir auf jene allein angewiesen wären.
Kaiser Ludwig hatte keine Freude an den Liedern der Ileimath,
welche er in seiner Kindheit erlernt hatte3); mit heidnischen Vor-
stellungen und Anschauungen durchwebt, widerstrebten sie seinem
kirchlichen Sinne, und wie dieser Kaiser, so verhielt sich auch die
ganze Kirche feindlich gegen diese Sagendichtung, so grofee Freude
l) Ann. 11, 88. Vgl.Wackemagel, Geschieht« der deutschen Litteralur S. 8 ff.
a) Einh.V. Karoli e. 29. — 3) Thegani V. Lud. c. 19.
Digitized by Google
24
I. Vorzeit. § 1. Römerzeit.
auch einzelne ihrer Diener daran haben mochten. Die Kirche aber
führte damals, und bald für lange Zeit ausschliefslich und allein,
den Griffel und die Feder, welche sie nicht entweihen wollte durch
die Aufzeichnung halb heidnischer Gesänge ; sie strebte vielmehr
dahin, auch auf dem Felde der Dichtkunst das Christenthum zum
Siege zu führen. Wir gedenken jetzt mit vergeblicher Sehnsucht
der verlorenen Sammlung Karls des Grofsen; allein die Kirche, in
welcher sich Jahrhunderte lang fast das ganze geistige Leben des
Volkes uns darstellt, hat für diesen Verlust auch reichen Ersatz ge-
boten, indem sie die wirkliche Geschichte der Zeit in fester zuver-
lässiger Aufzeichnung überlieferte, freilich oft in dürrer und reizloser
Form, aber um so treuer und wahrhaftiger.
Vor der Bekehrung zum Christenthume kann daher von ein-
heimischen Geschichtsquellen nicht die Rede sein; von dem Deutsch-
land, welches Arminius’ Heldenkampf dem römischen Einflüsse ent-
zogen hat, bringen uns nur die Werke der Römer und Griechen
spärliche Kunde, und diese zu berühren, liegt aufserhalb der Grenzen
der vorliegenden Aufgabe. Aber auch westlich vom Rheine, südlich
von der Donau und der Teufelsmaner liegt gegenwärtig viel deutsches
Land, wohnte auch unter der Römerherrschaft manch deutscher
Stamm, und nicht ganz ist der Faden zerrissen, welcher in diese
Zeiten hinüberführt. Der Boden selber redet zu uns in vernehm-
licher Weise. Noch stehen in Trier die gewaltigen ßanten der
Römer; ihre Thürme und Wälle, ihre Landstrafsen und Gräber, die
zahlreichen Inschriften, welche die verschiedensten Verhältnisse des
Lebens berühren, entrollen vor unsern Augen ein Bild jener Zeit,
da das weltbeherrschende Volk sich auch hier häuslich niedergelassen
hatte, und mancho blühende Stadt ein kleines Abbild der ewigen
Roma darbot. Wir erkennen noch ihre Capitole, ihre Tempel, Theater
und Gerichtshallen, ihre Bäder und Villen, ihre Fabriken, deren
Stempel auf den Trümmern der Geräthe deutlich zu erkennen sind.
Allein das alles liegt wie eine fremde Welt hinter uns, eine ge-
waltige Kluft trennt uns von jener Zeit, erfüllt von allem Greuel
der Verwüstung und vernichtenden Kriegszligen. Der bebaute Acker
birgt Reste von Gebäuden, die mit der sinnvollsten Technik dem
Klima gemäfs zu behaglicher Bewohnung eingerichtet, und mit
reichem Schmuck der Kunst ausgestattet waren; aber was blieb
aufser diesen schwachen Spuren übrig von dem einst so volkreichen
und betriebsamen Virunum? In Salzburg fand Sanct Rupert nur
waldbewachsene Ruinen des alten Juvavum, wilde Thiere hausten
in den Räumen der Prachtgebäude. Andere Städte, wie Regensburg
Digitized by Google
Anfang des Christenthums.
25
und Augsburg, wie Trier, Köln und Mainz, sind bewohnt geblieben,
ja man hat geglaubt, dafs ganze römische Stadtgemeinden mit ihrer
Verfassung und ihren Obrigkeiten sich hier erhalten hätten. Eitler
Traum! Zu gründlich haben unsere Vorfahren hier aufgeräumt; wer
durch Reichthum und ansehnliche Stellung hervorragte, fiel als Opfer
oder entwich bei Zeiten der Gefahr; einzelne fanden bei den ger-
manischen Fürsten als Tischgenossen des Königs Aufnahme, aber
nur indem sie den alten Verhältnissen gänzlich entsagten, und sich
dem Gefolge (der Trocht) des neuen Herrschers anschlossen. Und
so wurden auch die übrigen Romanen, so viele ihrer am Leben und
im Lande blieben, als Hörige, einzelne hin und wieder auch als
Volksgenossen, in die Gemeinschaft der Einwanderer aufgenommen.
In den Grenzlanden, welche schon durch den langen Kampf
verödet waren, welche dann die ganze Wucht der hereinbrechenden
beutelustigen Heerschaaren traf, mag kaum ein römisch redender
Bauer übrig geblieben sein; die Eroberer stürmten mit ihren Ge-
fangenen weiter und liefsen das Land verödet hinter sich. Auch
war hier schon lange die Bevölkerung grofsentheils germanisch.
Aber in den Gebirgen des Südrandes finden wir noch nach Jahr-
hunderten wälsche Bauern erwähnt; wo der Uberfluthende Strom
seine Dämme fand, blieb unter der Herrschaft des deutschen Krie-
gers auch die gewonnene Beute der unterworfenen Bevölkerung.
Sie mufste dem neuen Herrn das Feld bauen, und ihm dienen
mit der sehr willkommenen und geschätzten Arbeit ihrer kunst-
fertigen Hände.
Aber wo der Knecht den Herrn an geistiger Bildung übertrifft,
da bleibt auch die Rückwirkung nicht aus, dafs dieser von seinem
Diener lernt und manches von ihm annimmt. In Hauswirthschaft
und Ackerbau wie im Handwerk haben sicher die Deutschen viel
von den Wälschen gelernt; vorzüglich aber zeigt sich die Einwirkung
der besiegten Bevölkerung in der raschen Annahme des Christen-
thums durch die Eroberer. In den Städten des Niederrheins und
Lothringens scheint die Reihe der Bischöfe kaum unterbrochen zu
sein, obgleich sich von der Fortdauer römischer Bevölkerung, so
weit noch jetzt die Sprachgrenze reicht, keine Spur nachweisen läfst.
In Noricum und Pannonien sind die alten Bischofsitze fast gänzlich
von der Erde verschwunden; dagegen hat sich aber die Verehrung
eines Märtyrers, des heiligen Florian, wie es scheint, durch blofse
Tradition, unmittelbar an der alten Grenze erhalten.
Denn mit den römischen Legionen und Handelsleuten war auch
in diese Gegenden schon frühzeitig das Christenthum eingedrungen,
Digitized by Google
26
I. Vorzeit. § 1. Römerzeit.
und als das alte Reich endlich den stets wiederholten Angriffen
erlag, hatte die christliche Kirche bereit» in allen Provinzen die
unbestrittene Herrschaft errungen. Ueber diese frühesten Zeiten der
Kirche in Deutschland, Uber ihre Glaubensboten und Blutzeugen,
wufste das Mittelalter gar vieles zu erzählen; unmittelbar von den
Aposteln und ihren ersten Schülern sollte die Predigt und die Stiftung
der Bisthümer ausgegangen sein. Es ist darüber eine so reiche
Litteratur vorhanden, und diese Erzählungen nehmen in den Chro-
niken des Mittelalters eine so bedeutende Stelle ein, dafs wir sie
hier nicht ganz übergehen dürfen, wenn gleich diese kirchliche Sage
in noch weit höherem Grade als die weltliche, jedes festen Bodens
entbehrt. Die Phantasie der Geistlichkeit, der Heldensage abge-
wandt, ergriff mit um so gröfserem Eifer die kirchliche, und aus
den unscheinbarsten Anfängen erwuchsen da die wunderbarsten
Gebilde: weit verzweigte, mit allen Einzelheiten ausgeführte Ge-
schichten, welche sich immer üppiger entwickelten, und auf die
ganze Denkweise der Menschen den gröfsten Einflufs gewannen.
Den reichsten Baum der Dichtung trieb die Legende von der the-
bäischen Legion, deren Führer Gereon in Köln mit der heiligen
Ursula und ihren 11,000 Jungfrauen zusammentrifft. Köln wird nun
vorzugsweise die heilige Stadt durch die Menge der Heiligenleiber,
welche sie bewahrt, aber fast jeder Ort im Rheinthale hat seinen
Antheil an dieser Geschichte, und erhält dadurch eine geheimnifa-
volle Weihe. In anderen Gegenden sind mehr vereinzelte Legen-
den dieser Art, doch fehlen sie auf dem einst römischen Boden
nirgends.
Der leider zu früh verstorbene Rettberg1) hat das grofse Ver-
dienst, zum ersten Male alle diese Erzählungen einer zusammen-
hängenden, systematischen, strengen Kritik unterzogen zu haben.
Den einzig richtigen Weg einschlagend, hat er das ganze ungeheure
Material kritisch untersucht, der Herkunft und Entstehung jeder
einzelnen Nachricht nachgeforscht, Wohl hatte man schon früher
einzelnes als unhaltbar aufgegeben, aber immer suchte man doch
wieder historisches Material aus dem Wüste der Fabeln zu gewinnen;
man konnte sich nicht entschliefsen auf dasjenige, dessen späte be-
trüglicke Entstehung einmal nachgewiesen war, nun auch gänzlich
zu verzichten, und auch jetzt noch ist für viele dieser Entschlufs
zu schwer: man will doch nicht alle scheinbare Ausbeute aufgeben
für Zeiten und Gegenstände, von denen man sonst gar nichts weifs.
>) Kirchengesch. Deutschlands, 2 Bde. 8. 1848, bis zum Tode Karls des Grotsen.
Digitized by Google
Legenden. S. Florian.
27
So ist es nur zu gewöhnlich, dafs man das gänzlich Unhaltbare fort-
wirft, aber dasjenige was nicht in sich unmöglich ist, behält — ein
durchaus unhistorisches Verfahren1).
Wenn es z. B. feststeht, dafs man von S. Dysibod im zwölften
Jahrhundert noch gar nichts wufste, dafs dann die Nonne Hildegard
nach angeblichen Visionen seine Geschichte schrieb, die von chrono-
logischen Widersprüchen strotzt, so sollte man doch denken, dafs
niemand dieses Märchen ferner als Geschichtsquelle benutzen werde.
Und dennoch macht Remling in seiner Geschichte der Bischöfe von
Speier davon Gebrauch, obgleich ihm Rettbergs Werk nicht imbe-
kannt ist. Jedem besonnenen und gewissenhaften Forscher aber
gewährt die „Kirchengeschichte Deutschlands“ eine feste Grundlage
für die Beurtheilung dieser Zeiten. Das Verfahren Rettbergs besteht
darin, dafs er die Entstehung der Legenden genau untersucht, und
nachweist wie sie allmählich gewachsen sind, wie anfangs nur die
Namen der Heiligen Vorkommen, von denen einige wenige auf wirk-
lich alter lokaler Verehrung beruhen; wie dann zuerst einzelne Um-
stände, dann allmählich mehr hinzugesetzt wird, bis die ganze Ge-
schichte fertig ist. Die Legenden selbst sind grofsentheils ohne
Zeitangaben Uber ihre Abfassung; einen ganz bestimmten Anhalt
aber gewähren die Martyrologien2), deren Verfasser bekannt sind,
und die uns daher das allmähliche Anwachsen der Legenden auf das
deutlichste und bestimmteste erkennen lassen. Dafs aber solche
spätere Zusätze nicht etwa auf wirklicher, durch mündliche Ueber-
lieferung bewahrter Kenntnifs beruhen, das zeigt uns, aufser den
inneren Widersprüchen, besonders die Vergleichung mit den späteren
echten Legenden, mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen aus
geschichtlich bekannter Zeit, welche in den Legendarien ebenfalls
fortwährend sich verändern und mit allerlei fabelhaften Zuthaten
vermehrt werden.
Das Ergebnils von Rettbergs Kritik ist nun, dafs alle jene Le-
genden Uber die Zeit der ersten Einführung des Christenthums in
das römische Deutschland späteren Ursprungs, dafs für die wirkliche
Geschichte jener Zeit nichts daraus zu lernen ist. Ein günstigeres
Urtheil fällt er nur Uber die Leidensgeschichte des heiligen Flo-
1 ) Vgl. die Worte von Waitz in den Gott. G. A. 1855 S. 274: Es ist hier
geschehen, was manchmal geschieht, und die Leute beruhigt: man hat zeitig die
besonders groben und anstöfsigen Behauptungen entfernt und dann gemeint, dafs
das was allenfalls wahr sein könnte, nun auch Anspruch habe wirklich dafür zu
gelten, während die wahre Kritik anerkennt, dafs ein solches Abhandeln bei Sage
und Erdichtung meist gerade am aüerwenigsten zur historischen Gewifsheit führt.
*) S. über diese § 2.
Google
28
1. Vorzeit. § 1. Römerzeit.
rian1). Dieser, ein entlassener Veteran, soll in Folge der Ver-
folgungsedicte von Diocletian und Maximian (304) auf Befehl des
Aquilinus, Präses von Ufernoricum, zu Lorch in die Ens gestürzt
sein. Ungeachtet eines schweren Steins, der an seinen Hals ge-
bunden ist, trägt ihn der Flufs auf einen hervorragenden Fels, von
wo eine fromme christliche Frau ihn in Folge einer Vision zur Be-
stattung abholt. Diese Erzählung aber ist eine so deutliche Nach-
ahmung dessen, was Hieronymus in seiner Chronik vom Bischof
Quirin von Sissek erzählt, dafs sich die absichtliche Erdichtung darin
kaum verkennen läfst. Denn es ist eben eine Eigenthümlichkeit
dieser späteren Legendenfabrication, dafs sich in benachbarten Ge-
genden immer dieselben Todesarten und Wunder wiederholen; die
Phantasie des Mittelalters erscheint darin arm und dürftig. Auch
finden sich diese Angaben Uber Sanct Florians Ende erst in Mar-
tyrologien des nennten Jahrhunderts, die Handschriften der Legende
reichen nicht Uber das zehnte Jahrhundert hinauf, und nichts weist
darauf hin, dafs sie etwa, wie das Leben Severins, in Italien auf-
bewahrt und von dort zurückgebracht wäre.
Um so wahrscheinlicher ist es, dafs wirklich eine ununter-
brochene Örtliche Ucberlieferung das Andenken dieses Märtyrers be-
wahrt habe. Denn wo sich jetzt mächtig und gebietend das schöne
Chorherrnstift St. Florian erhebt, da galt schon vor mehr als tausend
Jahren der Boden für heilig, weil hier „der kostbare Märtyrer Sanct
Florianus“ ruhe, lange bevor die Verfasser der Martyrologien den
Ort seines Leidens kannten. Also selbst im Flachlande, vielleicht
in den Resten der einst bischöflichen Stadt Lorch, haben Christen
durch alle Stürme der Völkerwanderung das Andenken Sanct Flo-
rians bewahrt, und vielleicht die Kunde von seinem Stande und der
Zeit seines Todes, während weiter oben im Gebirge von Maximi-
lian nur der Name und der Ort seines Begräbnisses im Gedächtnifs
blieb, Severin aber gänzlich vergessen zu sein scheint, bis aus
Italien Handschriften seiner Lebensbeschreibung nach Deutschland
kamen und sein Andenken erneuten. Denn am festesten haftete
immer die Erinnerung am Grabe der Heiligen.
Diesem Umstande verdanken wrir auch die Erhaltung einer an-
deren Legende, der Leidensgeschichte der Heiligen Vier
Gekrönten, welche Rettberg unbekannt geblieben ist2). Sie be-
') I, 157. Passiv S. Floriani, aus einer S. Etnmeramer Handschrift saec. X.
bei Pez SS. 1,36. Vgl. dazu Glück, die Bisthümer Norieums, besonders das Lorchische,
zur Zeit der römischen Herrschaft. Sitzungsberichte der Wiener Ak. XVII, 60.
2) Passiv Sanctorum Quatuor Coronatorum, herausgeg. von Wattenbach,
mit einem Nachwort von Karajan, in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie,
Digitized by Google
Vier Gekrönte.
29
richtet uns von vier christlichen Arbeitern in den Steinbrlichen
Pannoniens, welche noch einen ihrer Genossen bekehren; ihn tauft
der in Ketten dorthin verbannte Bischof Cyrill von Antiochien. Das
ist ein merkwürdiger Fingerzeig für die Ausbreitung des Christen-
thums. Rettberg, der nicht nur das spätere Fabelwerk mit schonungs-
loser Kritik zerstört, sondern auch den wirklichen Verlauf der Be-
kehrung dieser Lande mit gröfster Sorgfalt aus den einzelnen
Anhaltpunkten nachgewiesen hat, ist zu dem Resultate gekommen,
dafs für dieselbe nicht sowohl eigentliche Missionare thätig waren,
als vielmehr die christlichen Soldaten'), Handelsleute und Arbeiter,
welche hierher kamen, während die späteren Legenden durchgehends
die Gründung der Kirchen durch die Apostel und ihre ersten Schüler
behaupten. Die Verbannung gefangener Christen in die Steinbrüche
Pannoniens, und wohl auch anderer Lande, wird das Ihrige dazu
beigetragen haben. Es erklärt sich aber aus dieser unmerklichen
und unscheinbaren Verbreitung auch zur Genüge, warum keine
Schriftsteller das Andenken derselben aufbewahrt haben. Jene
Arbeiter nun fielen dem Neide ihrer Gesellen durch Diocletians
Spruch zum Opfer, so gerne dieser auch anfangs seine geschicktesten
Arbeiter sich erhalten wollte. Die Reliquien der fünf Arbeiter
finden sich später zu Rom in der Kirche der heiligen Vier Ge-
krönten, römischer Unterofficiere oder Sergeanten, mit denen sie
nur hierdurch in zufällige Verbindung gebracht sind, und dies hat
auch eine Verschmelzung ihrer Legenden zur Folge gehabt. Viel-
leicht erst hierdurch sind auch chronologische Widersprüche hinein-
gekommen, aber alt ist die Legende sicher; sie mufs geschrieben
sein, bevor Pannonien von den Barbaren überschwemmt war, und
das Treiben in den Steinbrüchen ist mit solcher Anschaulichkeit
und auch mit so durchgängiger Beibehaltung der technischen Aus-
drücke geschildert, dafs der Verfasser selbst noch dort gearbeitet zu
haben, oder wenigstens anwesend gewesen zu sein scheint.
W7ährend nun also diese Legende noch die ungestörte Römer-
herrschaft in diesen Gegenden voraussetzt, führt uns eine andere so
recht mitten hinein in die Stürme der Völkerwanderung, und wir
können es uns daher nicht versagen, bei dieser etwas länger zu
verweilen.
X, 115 — 137. Sie findet sich auch schon in dem Sanetuarinm des Mombritius,
I. foL 160. Vgl. Büdinger, Oesterreich. Gesch. I, 31.
') Vgl. die Verschleppung des Dolichenoscult durch römische Soldaten; G. Seidl
in den Wiener Sitzungsher. XU, 4.
Digitized by Google
30
I. Vorzeit. § 2. S. Severin.
§ 2. Das Leben des heiligen Severin.
Ausgabe von Welser in Augsburg 1595, (Opera 4. p. 653) aus einer HS. des 10. Jahrh.
in S. Emmeram, der ältesten in Deutschland. Den hier fehlenden Brief Eugipps an
Paschasius gab Canisius Antiquae Lectt. VI, 53, I, 411. Danach das Ganze voll-
ständig in der zweiten Ausgabe des Surius und Acta SS. Jan. I, 484 mit Commentar
von Boiland. Nach den minder guten , wie es seheint überarbeiteten , östreichischen
Handschriften in H. Pez SS. I, 64, und daraus bei Muchar, das römische Noricum
II, 152 — 239, mit Commentar. Uebersetzung von Carl Ritter, mit Anmerkungen.
Linz 1853. 8. Eugippii Opera bei Mignc vol. 62. Vgl. Rettberg, I, 226. Ueber die
Handschriften Dudik, Itcr Romanum I, 62. Büdinger, Oesterr. Gesch. I, 47 ff.
Die Lebensbeschreibung des heiligen Severin, von seinem Schüler
Eugippius verfafst, ist für uns von ganz unschätzbarem Werthe,
indem sie einen hellen Lichtstrahl wirft in Zeiten und Zustände, von
denen wir sonst gar nichts wissen würden, wie denn auch vorher
und nachher tiefe Finstemifs diese Donauländer bedeckt. Keine
andere Quelle giebt uns in so reichhaltiger Weise ein Bild des
christlich gewordenen, und bereits mit vollständiger kirchlicher Ein-
richtung versehenen Römerlandes im Süden der Donau; unmittelbar
vor der Vernichtung zeigt ein günstiges Geschick uns das Bild
dieser Gegenden und ihrer Bevölkerung in scharfen und lebensvollen
Umrissen.
Attila war gestorben, und die frei gewordenen Völker wenden
nun ihre Waffen gegen einander und gegen die kläglichen Ueber-
bleibsel des römischen Reiches. Alamannen und Thüringer hatten
den Grenzwall durchbrochen und drangen in Rhätien immer weiter
gegen Süden und Osten vor. In Noricum hielt sich noch die römische
Bevölkerung, aber in welchem Zustand ! Von allen Seiten wurden
sie schwer bedrängt durch die vorrUckenden Barbaren — denn so
nannten damals und noch lange nachher nicht nur die Römer, son-
dern auch die Deutschen selbst alle Nichtrömer. Jenseits der Donau
schalteten die Rugier, durch häufige Streifzüge das Land bedrängend,
nnd bald auch diesseits festen Fufs fassend. Sie sowohl wie die
Gothen in Pannonien waren Arianer, den katholischen Romanen fast
noch verhafster wie die Heiden. In Kommagena, einer bald darauf
völlig verschwundenen Römerstadt unweit Tuln, hatten bereits Bar-
baren sich festgesetzt; unfähig sie zu vertreiben, schlossen die Römer
ein BUndnifs mit ihnen, und die Einwohner lebten nun wie Ge-
fangene in ihrer eigenen Stadt. Da tritt plötzlich, ungehindert durch
die Wachen, Severinus unter sie : eben war, wie er vorher verkündigt
hatte, die benachbarte Stadt Astura gänzlich zerstört worden, und
gläubig horchte man nun auf seine Worte, da er Rettung verhiefs,
fastete und betete, bis plötzlich in der Nacht ein Erdbeben die Bar-
baren in Schrecken setzt; voll Angst eilen sie aus den Thoren und
Digitized by Googl
Leben des h. Severin.
31
morden sich gegenseitig in der Finsternifs und Verwirrung. So war
die Stadt von ihren Drängern befreit, allein was war damit gewonnen!
Nur von den Städten aus wurde noch das Feld gebaut, und
nur zu häufig fielen Ernte und Schnitter in die Hände der Barbaren ;
Hunger verwüstete das reiche und fruchtbare Land, wenn die Zu-
fuhr auf dem Inn ausblieb. Die Grenzsoldaten erhielten aus Italien
keinen Sold mehr, und in Folge davon lösten ihre Schaaren sich
auf; nur die Batavische Cohorte in Passau hielt noch zusammen,
und einige von ihnen machen sich auf, um den Sold Uber die Alpen
zu holen, werden aber unterwegs erschlagen. Vor der Donaustadt
Favianae, zwischen Passau und Wien, erscheinen plötzlich Räuber
und führen alles hinweg, was sie aufserhalb der Mauern finden,
Menschen und Vieh. Der Tribun Mamertinus hat so wenig Mannschaft,
dafs er keinen Ausfall wagen will, bis Severin ihm den göttlichen
Beistand verheifst; da zieht er muthig hinaus und gewinnt den Sieg.
Eine der wunderbarsten Erscheinungen ist dieser Severin. Nie
hat er sagen wollen, wer er sei, woher er stamme; nur dafs er aus
dem fernen Osten komme, nahm man aus seinen Reden ab, und an
der Sprache glaubte man einen Afrikaner zu erkennen. Von vor-
nehmer Abkunft, so schien es, hatte er sich in die Einsamkeit zu
den heiligen Vätern, vermuthlich in die thebaische Wüste, zurück-
gezogen ; dann aber trieb ihn, wie er selber andeutete, eine göttliche
Stimme, den bedrängten Bewohnern des Ufernoricum Trost und
Hülfe zu bringen. Seine Enthaltsamkeit erschien übermenschlich;
bei der heftigsten Kälte ging er barfufs, und an die strengsten
Fasten gewöhnt, schien er Hunger und Entbehrung nur in der Seele
der Nothleidenden zu empfinden. So durchzog er das ganze Land,
ermahnend, Bufse predigend, tröstend, vor allem aber Hülfe bringend,
soviel er vermochte. Förmliche Zehnten forderte er ein, um Ge-
fangene loszukaufen, Arme zu unterstützen. Sein Ansehen war bald
grofs im Lande; unbedingte Herrschaft Uber die Natur mafs man
ihm bei, und Gottes Zorn traf jeden, der auf sein Wort nicht achtete.
Den merkwürdigsten Gegensatz bildet dieses Land, welches in
seiner Bedrängnifs sich willig der Leitung eines frommen gott-
begeisterten Mönches hingiebt, zu den sittenlosen Grenzstädten
Galliens, über deren Verderbtheit und Leichtsinn Salvian vergeblich
eiferte, zu Trier, wo „selbst noch bei dem Sturme der fränkischen
Sieger auf die Stadt Jung und Alt der zügellosesten Schlemmerei
und Ausschweifung sich ergiebt, mit wahrer Raserei alles dem un-
ausweichbaren Untergang trunken und prassend entgegenstürzt *).“
•) Rettberg I, 25.
itized by Google
32
I. Vorzeit. § 2. S. Severin.
Severins Ansehen beugten sich auch die Fürsten der Barbaren,
selbst jene böse Königin Gisa, welche rechtgläubige Katholiken um-
taufen wollte; halb aus Wohlwollen, halb aus Furcht erfüllten sie
seine Bitten, achteten sie auf seine Ermahnungen ; seinen Rath-
schlägen dankte der Rugierkönig Flaccitheus seine friedliche Re-
gierung. Schützte Severin die Römer manchmal durch Ermuthigung
zu kräftigem Widerstand, und durch Vorhersagen feindlicher An-
griffe, so wandte er doch häufiger durch seine Fürbitten Gefahren
ab, und erlangte die Freigebung der Gefangenen. An vielen Orten
hatte er Klöster errichtet, die nach der Weise des Morgenlandes aus
einer Vereinigung einzelner Hütten bestanden, das gröfste, in welchem
er sich am häufigsten aufhielt, bei Favianae, einem jetzt spurlos
verschwundenen Orte. Hier traten einst einige Barbaren zu ihm,
die nach Italien zogen und ihn um seinen Segen baten; unter ihnen
Odoakar, damals noch ein gemeiner Krieger und mit schlechten
Thierfellen nothdürftig bekleidet, aber so hochgewachsen dafs er sich
bücken mufste, um nicht die Decke der Zelle zu berühren. Geh,
sagte Severin zu ihm, geh nach Italien; jetzt deckt dich noch ein
geringes Gewand, aber bald wirst du vielem Volke grofse Gaben
auszutheilen haben. Als König gedachte Odoakar dieser Weissagung,
und forderte Severin auf sich eine Gnade auszubitten, worauf dieser
für einen Verbannten Verzeihung erlangte.
Severin konnte es doch nicht hindern, dafs Stadt auf Stadt in die
Hände der Feinde fiel. Die Rugier bemächtigten sich der Stadt Fa-
vianae und der benachbarten Orte ; ihre Herrschaft gewährte wenig-
stens Schutz gegen die wilderen Feinde, welche alle weiter aufwärts
gelegenen Burgen und Städte zerstörten. Die geflüchteten Einwohner
führte König Feva aus Lorch, wo sie sich gesammelt hatten, in die
ihm unterthänigen Städte. Juvavum dagegen wurde von den Herulern
gänzlich verheert, während Tiburnia in Oberkärnthen , an dessen
Namen noch Debern im Lurnfeld erinnert, eine Belagerung der
Gothen glücklich überstand. Noch im sechsten Jahrhundert waren
hier christliche Bischöfe; dann aber unterlag auch diese uralte Stif-
tung, sowie die alte Bischofstadt Pettau, den Slaven und Avaren.
Den 8. Januar 481 oder 482 starb Severin. Feva’s Bruder
Friedrich plünderte gleich darauf sein Kloster; innere Kriege unter
den Rugiern und Odoakars Feldzug gegen sio mehrten die Bedräng-
nifs der Römer, bis endlich sechs Jahre nach Severins Tod Odoakar
die ganze römische Bevölkerung aus Noricum abrief und ihr in
Italien Land anwies. Dadurch erklärt es sich, dafs gerade hier von
den alten und einst so bedeutenden Römerstädten fast jede Spur
Digitized by Google
Leben des h. Severin.
33
verschwand, und nur schwache Reste einer unterwürfigen roma-
nischen Bevölkerung in den Gebirgen zurückblieben. Damals
scheint auch der heilige Antonius Noricum verlassen zu haben;
er war aus Pannonien zu Severin noch kurz vor dessen Tode ge-
kommen, wie Ennodius in der Lebensbeschreibung des Antonius
berichtet l).
Severins Mönche folgten mit Freuden dem Rufe, welcher sie
aus der Knechtschaft erlöste; der Anordnung ihres Meisters gemäfs
führten sie dessen Leiche mit sich bis nach Neapel, wo sie endlich
Ruhe fanden. Hier richtete ihnen eine vornehme Frau, Namens
Barbaria, ein Kloster ein im Casteilum Lucullanum, dessen Name
noch das Andenken der üppigen Gärten Luculls bewahrte; ebenda
war kurz zuvor auch dem letzten römischen Kaiser sein Aufenthalt
angewiesen worden.
In diesem Kloster nun war EugippiuB Abt, ein Schüler Se-
verins, der nach Kassiodors Zeugnifs von weltlicher Gelehrsamkeit
nicht gar viel wufste, aber in den heiligen Schriften wohl belesen
war3), der Verfasser eines Auszugs aus den Schriften des heiligen
Augustin3). Mit bedeutenden Kirchenschriftstellern der Zeit stand
er im Briefwechsel. Diesen Eugippius nun forderte ein ungenannter
Laie auf, ihm Materialien zu einer Lebensbeschreibung Severins zu
geben; er zeichnete darauf auch wirklich seine Erinnerungen auf,
sandte dieselben aber (511) nicht an jenen Laien, denn das erschien
ihm unpassend, sondern an den gelehrten Diakonus Paschasius,
mit der Bitte sie zu einer förmlichen Lebensbeschreibung zu ver-
arbeiten. Zugleich sandte er ihm in dem Boten einen Mann, der
als Augenzeuge Uber die Wunder berichten sollte, welche auf dem
Zuge durch Italien an Severins Sarg geschehen waren. Paschasius
aber lehnte jede Aenderung an Eugipps Aufzeichnungen ab, und
sowie wir uns Uber den Verlust jener Wunder leicht trösten können
(denn davon berichtet schon Eugippius selbst zu viel), so müssen
wir dem Paschasius sogar sehr dankbar sein, dafs er das ihm über-
sandte Werk unberührt gelassen hat. Die kunstgerechten Bücher
jener Zeit, wie z. B. die Schriften des Ennodius und manche von
Kassiodor, sind durch eine Ueberftille gesuchter Antithesen und
wortreichen Phrasenschwall so unerträglich schwülstig und geziert,
*) Vita S. Antonii I.irinensis auct Ennodio episcopo Ticinensi in den ver-
schiedenen Ausgaben der Werke des Ennodius.
*) Divin. Leclionum e. 23: quem nos quoque vidimus, virum quidem non
usqne adeo secularibus literis eruditum, sed scripturarum divinarum lectione ple-
nissimum. Vgl. Fabrieii Bibi. s. v. Eugippius.
*) Sehr gerühmt von Notker, bei Dütnmler, Fonnelbuch Salomons III. S. 65.
3
Digitized by Google
34
I. Vorzeit. § 2. S. Severin. 3. Gattungi—
dafs man oft nur mit Mühe den Sinn der Worte enträthselt. Das
galt in den Rhetorenschulen als schöner Stil.
Eugipps Aufzeichnungen dagegen sind ganz einfach und schmuck-
los, ohne strenge Reihenfolge und Ordnung, aber um so mehr der
treue Ausdruck dessen, was ihm in seiner Erinnerung als das be-
merkenswertheste erschienen war. Gerade darin liegt der Haupt-
vorzug dieser Lebensbeschreibung vor den zahlreichen Legenden,
aus deren salbungsvollem Wortreichthum die wenigen geschichtlichen
Nachrichten mühsam hervorgesucht werden müssen.
Das Leben Severins finden wir schon bald nach seiner Ent-
stehung bei dem sogenannten Anonymus Valesianus1), im Anfänge
das siebenten Jahrhunderts von Isidor erwähnt, im achten von
Paulus Diakonus benutzt; um dieselbe Zeit verfafste man zu Neapel
einen Hymnus, dem dasselbe zu Grunde liegt2). Bald wurde es
dann auch an dem Schauplatz seiner Wirksamkeit bekannt, denn
schon im Jahre 903 erwarb die Passauer Kirche eine Handschrift
desselben von dem Chorbischof Madalwin3). Eigenthümlich sind die
Wirkungen, welche hier von diesem Werke ausgingen. Man las
darin von der grofsen alten Stadt Favianae, die man nirgends fand,
und da man nun bei Wien alte Römersteine aufgrub, so zweifelte
man nicht daran, dafs hier einst Favianae gelegen habe; Otto von
Freising und Herzog Heinrich von Oestreich nahmen diese Meinung
an, und sie hat sich bis auf die neuesten Zeiten behauptet, bis endlich
Blumberger sie siegreich widerlegte4).
Viel schlimmere Folgen hatte es, dafs man in Passau nun er-
fuhr, Lorch habe einst Bischöfe gehabt, lange bevor Salzburg den
Krummstab führte. Es lag nahe, sich als Erben der benachbarten
Stadt zu betrachten, welche jetzt zum Passauer Sprengel gehörte;
aber der einmal angefachte Ehrgeiz strebte immer weiter: um dem
Vorrang des jüngeren Salzburg nachdrücklicher entgegentreten zu
können, wurde ein Erzbisthum Lorch erdacht und bald zu fabel-
hafter Gröfse ausgedehnt; neu angefertigte Legenden von St. Quirin
und Maximilian mufsten die Beweise dazu hergeben, untergeschobene
Urkunden das Vorgeben unterstützen, und mit Hülfe dieser Waffen
setzte Passau wirklich bei dem leicht getäuschten, namentlich in
geschichtlicher Kritik wenig erfahrenen Stuhle Petri seine Ansprüche
■) Nachgewiesen von Glück, die Bisthümer Noricums, a. a. 0. S. 77.
2) Neapolis gaude redimila feslis, Plaude caciestem retineos patronum etc.
Ozanatn, Documents inedits p. 241.
3) Mon. Boica XXVIII, 2, 201.
*) Archiv d.W. A. 1849. 11,355. Vgl. Böcking, Notilik Dign.Occ. p.747 — 750.
Glück, die Bisthümer Noricums S. 76.
Digitized by Google
Das Erzbisthum Lorch.
35
durch, und wufste sich seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts
der rechtmäfsigcn Salzburger Metropolitangewalt zu entziehen. Viel
gröfser aber, oder doch fUr uns bedeutender, ist das Unheil, welches
diese Fälschungen in der Geschichtsforschung angerichtet haben;
noch Rettbergs Werk trägt bedeutende Spuren davon, und es wird
noch eine gute Weile dauern, bis es gelingt, diesen häfslichen Spuk
gänzlich aus der Geschichte zu Verbannen. Aufgedeckt aber ist die
ganze Sache jetzt, und mit ebenso unermüdlichem Fleifse wie be-
sonnenem Scharfsinn nachgewiesen in E. Dümmlers Werk Uber Pili-
grim von Passau und das Erzbisthum Lorch, Leipzig 1854, 8.
Severins Leben ist der letzte Sonnenblick vor einer Zeit der
äufsersten Finsternifs, wie der Abendstrahl durch die Grotte des
Posilipp. Erst viel später, und von der andern Seite, von Gallien
aus, werden wir Deutschland wieder erreichen können. Von dort
wurde ihm aufs Neue die litterarische Cultur gebracht, vermittelt
durch diejenigen Stämme des deutschen Volks, welche auf rö-
mischem Boden sich niedergelassen hatten, und hier die Schüler
ihrer Feinde geworden waren. Die Geschichtschreibung, welche
sich im römischen Reiche während der letzten Jahrhunderte ent-
wickelte, bildet die Grundlage der mittelalterlichen, welche mit ihr
im unmittelbaren Zusammenhänge steht, und es ist deshalb nothwen-
dig, daft wir sie auch hier etwas ausführlicher ins Auge fassen, da
sonst die Entwickelung der deutschen Historiographie nicht verständ-
lich sein würde.
§ 3. Die Anfänge und Gattungen der christlichen
Geschichtschreibung.
B&hr, Geschichte der Römischen Litteratur. Supplementband. Die christlich - römische
Literatur. I. Abtheilung. Die christlichen Dichter und Geschichtschreiber. Carlsruhe,
1836. 8.
Das Mittelalter ist durch keine bestimmte Grenzlinie vom Alter-
thum geschieden; lange Zeit laufen beide gewissermafsen parallel
nebeneinander her. Das unterscheidende Element ist das Christen-
thum, welches das antike Wesen zersetzt, und theils vernichtet theils
umformt; dann das Eintreten ganz neuer Völker in die Geschichte,
welche nach und nach den Schwerpunkt ihrer Entwickelung zu sich
hinüberziehen. Die classisch - heidnische Litteratur gehört einem
anderen Gebiete an, und liegt unserer Aufgabe fern; allmählich er-
starb in ihr das Leben, und auch die Geschichtschreibung be-
schränkte sich immer mehr auf Auszüge aus den älteren Werken.
Hieran konnte sich natürlich keine weitere Entwickelung anknüpfen.
3 *
Digitized by Google
36
I. Vorzeit. § 3. Anfang« und Gattungen.
Den vorhandenen Stoff, wie ihn besonders Eutropius zubereitet hatte,
fafste zuletzt noch einmal Paulus Diakonus in seiner Römischen
Geschichte zusammen, und machte ihn durch Verschmelzung mit der
Kirchengeschichte flir seine Zeit brauchbarer. So ging er in das
Mittelalter hinüber, und bildete hier die Grundlage aller Kenntnifs
der römischen Welt. Aber ungeachtet der christlichen Zusätze und
Fortsetzungen blieb doch dieses Werk nur eine todte Masse ; die
lebendige neue Entwickelung schlofs sich an die christliche Geschicht-
schreibung, welche sich für die veränderte Auffassung und andere
Bedürfnisse auch neue Formen erschuf.
Die römische Weltgeschichte konnte den Christen unmöglich
genügen, die eigene Geschichte der römischen Republik sie nur
wenig anziehen. Ihnen war das Wesentliche in der Weltgeschichte
die Geschichte des Reiches Gottes, der Mittelpunkt lag ihnen in der
jüdischen Geschichte, und davon meldeten die Werke der Römer
nichts. Daher fand auch Adelperga den Eutrop, welchen Paulus
Diakonus ihr zu lesen gegeben, so ungenügend, und einige Zusätze
konnten hier nichts helfen; es mufste eine ganz neue Weltgeschichte
aufgestellt werden, die mit dem veränderten Standpunkte im Ein-
klang war, die namentlich auch das hohe Alter der jüdischen Cultur,
die spätere Entstehung der heidnischen Staaten nachwies. Um dieses
möglich zu machen, kam es vor allem darauf an, das chronologische
Verhiiltnifs der heiligen und profanen Geschichte zu bestimmen, um
dann eine Verschmelzung der beiderseitigen Nachrichten vornehmen
zu können. Diese Aufgabe löste, nach dem Vorgänge des Sextus
Julius Africanus, Eusebius (264 — 340); seine zwei Bücher All-
gemeiner Geschichte enthielten zuerst in darstellender Form die
Chronographie, dann tabellarisch den synchronistischen Kanon. Auf
diesem grofsen Werke beruhen alle späteren Weltchroniken, der By-
zantiner sowohl wie des Abendlandes, während zugleich aus seiner
Kirchengeschichte das Mittelalter alle seine Kenntnifs von den An-
fängen der christlichen Kirche schöpfte. Dieses letztere Werk hatte
für die Lateiner Rufinus bearbeitet und fortgesetzt, die Chronik aber
Hieronymus, welcher sie zugleich bis 378 fortsetzte1).
Diese Chronik des Hieronymus finden wir vollständig oder im
Auszug an der Spitze aller umfassenden Chroniken des Mittelalters;
er war ihre Grundlage und ihr Vorbild, und dadurch war die knappe
Form der annalistischen Aufzeichnung gegeben. Darstellende Werke
aller Art hatten daneben freien Raum, aber um eine übersichtliche
l) Opera S. Hier. ed. Vallars. Tom. VIII. Bahr S. 93 — 98. Vgl. Bcrnays,
Scaliger S. 92. 217.
Digitized by Google
Hieronymus und seine Fortsetzer.
37
Anschauung von dem chronologischen Zusammenhänge der Welt-
begebenheiten zu erhalten, war diese Form unstreitig die an-
gemessenste, wie man ja auch heut zu Tage der Tabellen zu diesem
Zwecke nicht entbehren kann. Sehr dürftig und ungenügend freilich
erscheint uns diese Form, wo sie fast allein und ausschliefslich zur
Ueberlieferung der geschichtlichen Ereignisse verwandt wird, wie
dies in den nächsten Jahrhunderten nach Hieronymus der Fall war.
Diese ersten magern Fortsetzungen seiner Chronik sind für uns ihres
Inhalts wegen wichtig; der Geschichtschreiber der auf römischem
Boden angesiedelten deutschen Stämme ist grofsentheils auf diese
dürftigen Quellen angewiesen, für die Entwickelung der Historio-
graphie in Deutschland aber haben sie nur insofern Bedeutung, als
durch ihre Vermittlung die unmittelbare Anknüpfung der späteren
Chronisten an den Hieronymus möglich wurde1).
Bemerkenswerth aber ist bei diesen Chronisten der allen ge-
meinsame römische Standpunkt, das ängstliche Festhalten am rö-
mischen Reich. Uns erscheint gegenwärtig der Gedanke, dafs in
den neuen Bildungen, den romanischen Staaten, der fruchtbare Keim
einer neuen Zukunft enthalten war, als natürlich und naheliegend;
damals aber fiel weit mehr die Zerstörung des alten Reiches ins
Auge; man sah und beklagte überall nur den Verfall, und wer die
Weltgeschichte zu betrachten versuchte, sah fortwährend nur in dem
römischen Weltreich den Träger derselben. Besonders auffallend
tritt das hervor bei dem Bischof Marius von Avenche (Lau-
sanne), der gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts so recht
mitten in der germanischen Völkerbewegung lebte, und für den doch
noch immer das römische Reich die eigentliche Basis, die legitime
Herrschaft ist, nach deren Jahren er rechnet, deren Triumphe er
feiert. Die Siege des Narses Uber Gothen, Heruler und Franken
scheinen für ihn ganz dieselbe Bedeutung zu haben, wie für einen
Angehörigen des byzantinischen Reiches. Mochte das abendländische
Römerreich in Trümmer fallen, das morgenländische keinen Schatten
von Macht Uber den Westen besitzen, für die Chronisten ist und
bleibt es das Weltreich, der Faden der sie leitet. Die in das Reich
eindringenden deutschen Stämme sind und bleiben Barbaren, wenn
auch der Schreibende, welcher jedoch immer der Kirche angehört,
‘) Von einzelnen dieser Fortsetzer werden wir später noch zu reden haben;
im Allgemeinen begnüge ich mich auf Bährs oben erwähntes Werk zu verweisen.
Für erschöpfende Untersuchungen bedarf es umfassender Benutzung des handschrift-
lichen Materials, wie solche im gröfsten Maafsstab von Bethmann unternommen ist,
und von diesem läfst sich daher auch eine neue und genügende Behandlung des
ganzen Gegenstandes erwarten.
Digitized by Google
38 I- Vorzeit. § 3. Anfänge und Gattungen.
selber ihr Landsmann ist. Diese Auffassung aber beschränkt sich
nicht auf diese Zeit, sie bleibt herrschend durch das ganze Mittel-
alter, denn sie war bedingt durch die einmal allgemein angenommene
Erklärung von dem Traume des Nebukadnezar, bei dem Propheten
Daniel 2 , 44 : „ Aber zur Zeit solcher Königreiche wird Gott vom
Himmel ein Königreich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird,
und sein Königreich wird auf kein ander Volk kommen. Es wird
alle diese Königreiche zermalmen und verstören, aber es wird ewig-
lich bleiben.“ In diesem Reiche erkannte man das römische Reich,
und seine Fortdauer war daher aufser aller Frage. Demgemäfs be-
handeln denn auch die späteren Weltchroniken die deutsche Ge-
schichte niemals als etwas neues, selbständiges, sondern nur als eine
Fortführung des römischen Reiches; sie führen nach dem Unter-
gänge des westlichen Reiches die byzantinischen Kaiser fort bis auf
Karl den Grofsen, und bewahren so eine scheinbare Continuität,
wenn sie auch dazwischen die Volksgeschichten episodisch in ihr
grofses Fachwerk einschalten, wie Ekkehard.
Neben der grofsen Chronik des Hieronymus gab es nun aber
auch noch eine andere, sehr dürftige und compendiarische, welche
nur einige Anhaltpunkte zur chronologischen Orientirung gewährte.
Sie läfst sich zurückführen auf ein älteres griechisches Werk des
Hippolyt von Porto, das bis 254 reichte, ein Werk, welches auch
dem Liber Generationum des sogenannten Fredegar zu Grunde liegt.
Ueberarbeitet und bis 334 fortgesetzt, bildet es einen Theil jenes
merkwürdigen römischen Staatskalenders, den Th. Mommsen in
seiner Abhandlung Ueber den Chronographus von 354 ausführlich be-
handelt hat1). Er hat nachgewiesen, dafs dieser Kalender mit den
nöthigen Veränderungen von Zeit zu Zeit neu herausgegeben wurde;
doch war er viel zu kostbar, als dafs sich, wer ihn einmal besafs,
immer ein neues Exemplar davon angeschafft hätte, und da die ganze
Einrichtung des Werkes zur Eintragung geschichtlicher Ereignisse
eine sehr passende Gelegenheit darbot, so ist seine Form nicht ohne
Einflufs auf die Gestaltung der verschiedenen Gattungen geschicht-
licher Aufzeichnungen geblieben. Sein Inhalt bestand nämlich aus
folgenden Stücken, welche die noch erhaltene Abschrift eines Exemplars
vom Jahre 354 uns kennen lehrt:
1. Der eigentliche Kalender, mit Bildern die noch völlig in
heidnisch-antiker Weise gezeichnet sind. Der Kalender selbst
ist nicht mehr heidnisch, aber doch auch noch nicht christlich.
*) Abhandlungen der Kgl. Sachs. Ges. der Wissenschaften in Leipzig. I. 1850.
S. 547-668.
Digitized by Google
Römischer Staatskalender.
39
Die öffentlichen Spiele, die Senatstage u. a. sind darin ver-
zeichnet, und die Geburtstage der Cäsaren auch noch abge-
sondert auf einem verzierten Blatte vorangestellt.
2. Consularfasten bis zum Jahre 354.
3. Ostertafeln auf hundert Jahre, von 312 an.
4. Ein Verzeichnifs der Stadtpräfecten von 258 bis 354.
5. Die Todestage (Depositiones) der römischen Bischöfe
und der Märtyrer.
6. Ein Papstkatalog bis auf Liberins.
7. Die oben erwähnte Welt chronik bis 334, verbunden mit einer
Stadtchronik von Kom, und der Regionenbeschreibung.
ln diesen Stücken läfst sich mehr als ein Keim erkennen, der
später zu weiterer Entwickelung gelangt ist. Während aus dem
letzten Theile jene so zahlreichen, immer neu aufgelegten Beschrei-
bungen von Rom entstanden, hauptsächlich zum Wegweiser für die
Pilger bestimmt, forderten die Consularfasten, so wie die Ostertafeln
von selbst dazu auf, bedeutende Begebenheiten bei den betreffenden
Namen und Zahlen einzutragen, so wie es z. B. Kassiodor getlian hat,
und in vollständigerer Weise Prosper. Ein solches Werk ist auch
den späteren Exemplaren jenes Kalenders eingeftigt; Fasten, die
anfangs nur sehr vereinzelte Bemerkungen enthalten, für das fünfte
Jahrhundert aber reichhaltiger, und wegen der genauen chrono-
logischen Bezeichnung wichtig werden, vermuthlich in Ravenna ge-
schrieben1). In ähnlicher Weise benutzte man auch die Folge der
Kaiser, indem man entweder nur mit jedem Namen kurze Be-
merkungen verband, oder auch die Regierungsjahre der Kaiser ein-
zeln unterschied8). Weit zweckmäfsiger für kurze annalistische
Aufzeichnungen waren aber nach dem Aufhören der Consularfasten
die Ostertafeln, welche sich ebenfalls in jenem Kalender fanden, und
auch ohne denselben bald in jeder bedeutenderen Kirche vorhanden
waren. Im Abendlande fand besonders der, auch von Dionysius
Exiguus angenommene Kanon des Aquitaniers Victorius eine grofse
Verbreitung, welche noch zunahm, als Beda die Tafeln desselben
über die Cyklen von 1 — 532 — 1063 — 1595 in sein Werk de ratipne
temporum aufnahm.
Doch hat es längere Zeit gedauert, bis man von der einmal
herkömmlichen Rechnung nach Consulaten und Jahren der Kaiser
l) Sie reichen bis 539 ; früher als Chronicon Cuspiniani bekannt, sind sie jetzt
bei Mommsen S. 656 — 668 gedruckt. Der Anonymus Valesianus bat sie benutzt.
*) S. hierüber Bethmann im Archiv X, 387, und über die Ostertafcln S. 279.
Vgl. V, 102.
Digitized by Google
40
I. Vorzeit. § 3. Anfänge und Gattungen.
abging, und das älteste Beispiel von Annalen, die am Rande der
Ostertafeln geschrieben sind, reicht nur in das sechste Jahrhundert
hinauf; sie finden sich in einer Handschrift des Vatican, die aus
S. Andrea della Valle stammt, und sind bald nach 575 aus einem
älteren Originale abgeschrieben, sodann aber bis 613 fortgesetzt.
Nach Gallien und Deutschland kamen die Annalen mit den Oster-
tafeln erst später, und nicht aus Italien, sondern durch die Vermitt-
lung der irischen und englischen Missionare.
Schon 354 hatte auch der römische Staatskalender ein Ver-
zeichnifs der römischen Päpste aufgenommen, welches seiner
Anlage nach um 230 entstanden ist. Dieses wurde in der Folge
nicht allein immer weiter fortgesetzt, sondern auch durch allerlei
Zusätze vermehrt. Man ftlgte die Amtsdauer der Päpste hinzu, ihre
Bauten und andere Verdienste um die kirchliche Verwaltung, die von
ihnen vorgenommenen Weihen, endlich auch geschichtliche Vorfälle,
und so entstand das Pontißcale Romanum, welches gewöhnlich nach
dem päpstlichen Bibliothekar Anastasius benannt wird. Pertz fand
jedoch in Neapel eine Handschrift davon, welche noch aus dem
siebenten Jahrhundert stammt 1), und auch Paulus Diakonus hat diese
Aufzeichnungen bereits benutzen können. Eine übersichtliche Dar-
stellung der Entstehung dieses Werkes und seiner Fortsetzungen hat
Giesebrecht gegeben in der Allgemeinen Monatschrift für 1852, April.
Wie in Rom, so entstanden ähnliche Aufzeichnungen auch an an-
deren Bischofsitzen, und in manchen Klöstern, und daraus erwuchsen
später die ausführlichen Geschichten der Bisthümer und Klöster,
welche in der geschichtlichen Litteratur des Mittelalters eine so be-
deutende Stelle einnehmen.
Endlich aber enthält auch der Abschnitt des Kalenders, in
welchem die Todestage der Märtyrer und Päpste verzeichnet sind,
den Anfang eines ganz eigentümlichen Zweiges der Litteratur,
nämlich der Martyrologien, in welchen die dort verzeichneten
Namen sich immer als die ersten wiederfinden, und gewissermafsen
den Kern der immer mehr anwachsenden Verzeichnisse bilden,
welche zu den blofsen Namen bald auch Nachrichten Uber Leiden
und Leben der Märtyrer und Bekenner hinzufügen. Wir sahen
schon, wie lehrreich diese Martyrologien in Rettbergs Händen für
die Entstehungsgeschichte der kirchlichen Sage geworden sind; denn
da die Zeit ihrer Verfasser bekannt ist, so läfst sich darin die all-
mähliche Erweiterung der Legenden urkundlich nachweisen 2). Die
») S. Archiv V, 70-74.
*) Ausführlicheres darüber, mit dem Nachweis der Ausgaben bei Rettberg 1, 76.
Digitized by Google
41
Papstgeschichte. Martyrologien.
ältesten tragen den Namen des Hieronymus, obwohl mit Unrecht;
besonders geschätzt ist das Martyrologium Gellonense *), andere hat
J. B. Sollerius im sechsten Band des Juni mitgetheilt. Die gröfste
Verbreitung fand, wie alle Schriften Beda’s, auch dessen Martyro-
logium, das wir jedoch nicht in seiner ursprünglichen Gestalt be-
sitzen, sondern nur mit den Zusätzen des Florus, eines Sub-
diakonus zu Lyon im neunten Jahrhundert“). So kam also auch
dieser Zweig der Litteratur Uber England nach Gallien; hier wurde
er im nennten Jahrhundert mit besonderer Vorliebe behandelt, und
aus der mündlich sich fortbildenden Tradition kamen bei jeder
neuen Ausgabe stets auch neue Zusätze hinzu. Eine metrische Be-
arbeitung verfafste um 851 Wandalbert, Mönch zu Prüm3), andere
in Prosa Raban4) um 845, Ado von Vienne3) (859 — 874), und auf
Befehl Karl des Kahlen Husward6) (Usuardus) im Jahre 875; am
Ende des Jahrhunderts schrieben Notker der Stammler7) (st. 912)
und in Versen Erchempert, der Mönch von Montecasino8). Damit
war nun aber auch dem Verlangen nach Martyrologien völlig ge-
nügt ; man fragte nicht mehr so viel nach diesen immer noch kurzen
und dürftigen Aufzeichnungen, da man bereits eine sehr grofse Zahl
ausführlicher Legenden besafs, theils aus der Zeit der Merowinger,
theils aber auch über eben jene alten Märtyrer, von denen die Mar-
tyrologien so wenig zu sagen wufsten. Der Wunsch danach war zu
dringend, besonders in den Klöstern welche Reliquien von ihnen
besafsen, als dafs nicht eine reiche Auswahl nachgemachter Le-
genden hätte entstehen sollen, welche leicht genug Glauben fanden.
Bald hatte man deren für jeden Tag im Jahr, und eine Sammlung
derselben veranstaltete schon im Anfänge des zehnten Jahrhunderts
Wolfhard, Mönch zu Herrieden9). Kleinere, unvollständige Le-
gendarien hatte man schon früher, und sie finden sich in grofser
Zahl in den folgenden Jahrhunderten, bis sie endlich wiederum
verdrängt wurden durch die in zahllosen Abschriften verbreitete
Goldene Legende des Jakob von Genua10), welche dem Ge-
‘) D’Ache’ry Spicil. ed. II. II, 27.
2) In den Werken des Beda und Acta SS. Mart. II.
8) D’Ache'ry Spicil. II, 39.
4) Canis. II, 2, 313.
s) Herausgeg. von Heribert Rosweyde mit dem Martyrologium Romanuni.
6) Acta SS. Jun. VII.
7) Canis. II, 3, 89.
8) Archiv VIII, 176. 187. Noch ungedruckt.
9) Anon. Haser. Mon. SS. VII, 256. Vgl. Archiv V, 565. X, 645.
10) Jacobi a Voragine Legenda aurea, vulgo Historia Lombardica dicta, rec.
Th. Grosse. Ed. II. Lips. 1850. 8.
Digitized by Google
42 I. Vorzeit. § 3. Gattungen. 4. Ostgothen.
brauch flir das Leben und für die praktische Anwendung auf der
Kanzel am meisten entsprach, und in gedrängter Kürze den gan-
zen Kreis der Heiligengeschichte auf den Umfang eines Bandes be-
schränkte.
Geschichtlich ist Jakobs compendiarische Behandlung der Le-
genden unbrauchbar; die ausführlichen Lebensbeschreibungen der
Heiligen aber enthalten für manche Zeiträume die werthvollsten
Nachrichten. Auch diese Aufzeichnungen finden ihre Vorbilder schon
in den früheren Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit. Die christ-
lichen Gemeinden theilten sich unter einander die Todestage der
Märtyrer mit, nebst den Umständen ihres Leidens, und solche Mit-
theilungen wurden bei ihren Zusammenkünften verlesen. Bald fing
man auch an, das Leben anderer frommer Männer, der Bekenner,
aufzuzeichnen. Kassians vielgelesenes Werk über die Einsiedler der
Thebais, das Leben des Cyprian, Ambrosius, Augustin, und ganz
besonders das um 400 von Sulpicius Severus verfafste, und durch
ganz Gallien verbreitete Leben des h. Martin von Tours, regten zu
ähnlicher Thätigkeit an. Benedict von Nursia, der eigentliche Be-
gründer des abendländischen Mönchthums, fand einen Biographen in
dem Papste Gregor dem Grofsen, und dieses Werk fehlte natürlich
in keinem Kloster seines Ordens. Daran also schliefst sich nun eine
überaus reiche Litteratur, und wenn auch vielfach der erbauliche
Ton so sehr Uberwiegt, dafs der geschichtliche Werth nur gering ist,
so ist doch keine der wirklich echten, gleichzeitigen Biographieen
ganz ohne Frucht, und für die Zeiten wo die Heiligen zugleich
Staatsmänner waren, gehören ihre Lebensbeschreibungen zu den
wichtigsten Quellen der Geschichte. Mit dem dreizehnten Jahr-
hundert aber verlieren sie fast alle Bedeutung.
Ganz vereinzelt erscheint daneben die weltliche Biographie; nur
einige Kaiser haben Lebensbeschreiber gefunden, und wenn Einhard
den Sueton zum Vorbilde nahm, so ist das nur eine Frucht der
durch Karl den Grofsen erneuten Einwirkung auch der heidnischen
Classiker; eine lebendige Fortentwicklung knüpfte sich nur an die
kirchliche Litteratur.
Zu erw'ähnen bleibt endlich noch eine Art der Aufzeichnung,
welche den Martyrologien sehr nahe steht, und häufig damit ver-
bunden ist, die Nekrologien nämlich, in welchen die Todestage
aller derjenigen verzeichnet wurden, deren Gedächtnil's in der Kirche
oder dem Kloster, dem diese Aufzeichnungen angehörten, gefeiert
werden sollte. Da jeder angesehene Mann sich um seiner Seligkeit
willen eine solche Gedächtnifsfeier zu sichern pflegte, erfahren wir
Digitized by Google
Legenden. Nekrologien. Ostgothen.
43
hierdurch ihre Todestage, deren Kenntnifs für manche Fragen wichtig
werden kann; auch für die verwandtschaftlichen Verhältnisse ist
manches daraus zu entnehmen, und zuweilen sind auch einzelne ge-
schichtliche Begebenheiten anderer Art darin verzeichnet. Zur ge-
schichtlichen Litteratur kann man diese Namensverzeichnisse nicht
rechnen, und ich beschränke mich daher auf diese Erwähnung, und
auf ein Verzeichnifs der mir bekannt gewordenen gedruckten Nekro-
logien, welches im Anhänge zu finden ist.
§ 4. Die Ostgothen. Kassiodor.
M&nso, Geschichte des ostgothischen Reiches in Italien. Breslau 1824. 8. Aschbach,
Gesch. der Westgothen. Frankf. 1827. 8. Waitz, lieber das Leben u. die Lehre des
Ulfila. Hann. 1840. 4. Wackernagel, Gesch. der deutschen Litteratur. S. 15 — 22.
Bernhardy, Grundrifs (Lröm. Litt. § 60. — Gassiodori Opera ed. Garet, Rothomagi 1679.
fol. Frammenti di orazioni panegiriche, raccolti ed illustrati di Carolo Baudi diVesme,
Memorie della Real Acad. delle Scienzie, Vol. VIII.
Das ostgothische Reich, so kurz es dauerte, bildet doch ein sehr
wichtiges Mittelglied zwischen der antiken Welt und dem Mittelalter,
welche sich in ihm auf merkwürdige Weise berühren.
Der ostgothische Stamm war einer der begabtesten, bildungs-
fähigsten der deutschen Stämme. Er allein, nebst den Angelsachsen,
hat von Anfang an auch die Muttersprache ausgebildet, nicht nur
in Lied und Gesang, sondern auch zu wissenschaftlichem Gebrauch ;
aufeer Vulfilas Bibelübersetzung haben sich auch Fragmente einer
Evangelienharmönie erhalten. Getrennt von der herrschenden Kirche,
feierten sie den Gottesdienst in ihrer eigenen Sprache1), und deren
Gebrauch war dadurch bei ihnen, wie später bei den Slaven, besser
gesichert wie in der römischen Kirche. Dennoch hätten auch sie,
wäre ihrem Reiche längere Dauer beschieden gewesen, sich der
Uebcrmacht römischer Cultur wohl sicher ebenso wenig zu er-
wehren vermocht, wie die Westgothen in Spanien, und später die
Angelsachsen.
Denn mit der gröfsten Empfänglichkeit wandten die Ostgothen
sich auch der antiken Bildung zu ; Theoderichs Reich ist merk-
würdig als ein Versuch, die neuen Elemente mit den alten zu ver-
einen und die Herrschaft in den alten Formen fortzuführen; an
seinem Hofe hörte man noch die alten gothischen Heldenlieder, aber
es sammelten sich dort auch die noch übrigen Träger der alten
Bildung; hier entstanden mehrere der Werke, welche die Elemente
der alten Cultur dem Mittelalter überlieferten, aus denen es seine
Kenntnifs des Alterthums schöpfte, und zugleich den gezierten,
*) Papencordt, Geschichte der vandalischen Herrschaft in Afrika S. 295.
Digitized by Google
44
I. Vorzeit. § 4. Ostgothen.
dunklen Stil lernte, der damals in den Schulen der Rhetoren und
Grammatiker für schön galt.
Dem Makrobius, Donat, Marcianus Capelia reiht sich Priscianus
an, Theodericlis Zeitgenosse, und mit Kassiodor bekannt; doch lebte
er in Konstantinopel. Einer der Hauptlehrer des Mittelalters aber,
dem es zunächst die Kenntnifs der Aristotelischen Philosophie ver-
dankte, war Boethius, der mit seinem gelehrten Schwiegervater
Symmachus am Hofe zu Ravenna lebte. Die Familie der Sym-
macher, die domni Symmachi, werden uns ganz besonders genannt
unter den Männern, welche in genauer Verbindung mit den Schulen
der Grammatiker und Rhetoren noch einmal das sinkende Heiden-
thum neu zu beleben suchten, durch Auffrischung der Mysterien,
der Philosophie, und namentlich auch durch angelegentliche Be-
schäftigung mit der alten Litteratur, deren Werke sie durch sorg-
fältige Verbesserung der verwahrlosten Handschriften in diejenige
Gestalt brachten, in welcher sie uns jetzt vorliegen l). Das Christen-
thum war nun freilich bereits zum unbestrittenen Siege durch-
gedrungen, dennoch aber stehen diese Männer noch ganz auf dem
Boden der alten heidnischen Bildung. Auch Kassiodor gehört
dazu; erst in seinem Alter gab er sich immer mehr einer kirchlich
frommen Richtung hin.
Dieselbe Mischung römischer und deutscher, heidnischer und
christlicher Elemente, wie an Theodericlis Hofe, finden wir nun
auch in der geschichtlichen Litteratur, die uns leider nur theilweise
erhalten ist. Was es für eine Bewandnifs mit den gothischen Philo-
sophen habe, mit Athanarit, Hildebald und Markomir, auf die sich
der Ravennatische Geograph beruft, ob sie existirt haben oder nicht,
ist bis jetzt noch dunkel2). Sicherer, aber leider verloren, ist der
von Jordanis3) benutzte und gelobte Ablavius, der „treffliche Ge-
schichtschreiber des gothischen Volks“, welcher zuerst die alten
Lieder und Sagen zu geschichtlicher Darstellung zu gestalten ver-
suchte. Noch um das Jahr 1200 verlangte jemand dieses Werk, wie
es scheint, aus der Bibliothek des Klosters Tegernsee*); ob es vor-
J) Jahn : Ueber die Subscriplionen in den Handschriften römischer Classiker.
Berichte üb. d. Verhandl. der k. Sachs. Ges. der W. Phil. hist. Classe. III, 327. 1851.
*) Motnmsen, Ueber die Ravennatische Kosmographie, Sitzungsberichte der
k. Sachs. Ges. d. \V. Phil. hist. CI. III, 8(1 — 117. 1851. Bock, Lettre ä Mr. Beth-
mann, Annuaire de la Bibi. Royale de Belgique, Vol. 12. 1851. Rec. von Waitz,
G.G. A. 1851. N. 121.
s) De orig. Get. c. 4. 14. 23. Vgl. Sybel de fontibus Jord. p. 34 — 37.
*) Blavius de gestis Gothorum. Pez Thes. VI, 2, 53.
Digitized by Google
Ablavins. Kassiodor. 45
handen war, erfahren wir nicht, aber es sieht so aus, als ob man
es damals noch kannte.
Ganz anderer Art, mit der ganzen Fülle schulgerechter Gelehr-
samkeit ausgestattet, waren ohne Zweifel Kassiodors Zwölf Bücher
gothischer Geschichten. Uns liegen darüber mehrere Aeufserungen
des Verfassers selbst vor, die er freilich anderen Personen in den
Mund legt. So läfst er in der Vorrede zu seinen Briefen einen
Freund sprechen1): „Du hast in zwölf Büchern die Geschichte der
Gothen in einer Blüthenlese ihrer glücklichen Thaten niedergelegt.“
Ausführlicher ISfst sich der König Athalarich vernehmen in einem
Briefe an den römischen Senat, worin er diesem die Erhebung
Kassiodors zum Praefectus praetorio anzeigt. Nicht damit habe er
sich begnügt, heifst es da, die lebenden Herren zu loben: auch in
das Alterthum Unseres Geschlechtes ist er hinaufgestiegen, und hat
durch Lesen erkundet, was kaum noch in dem Gedächtnifs Unserer
Altvorderen haftete. Er hat die Könige der Gothen, welche lange
Vergessenheit barg, aus den Schlupfwinkeln der Urzeit hervorgezogen.
Er hat die Amaler mit dem vollen Ruhm ihrer Herkunft wieder ans
Licht gestellt, indem er klfirlich nachwies, dafs Wir bis in die sieben-
zehnte Generation von königlichem Stamme sind5).
Darauf also legt Kassiodor — denn er selbst ist der Verfasser
dieses Briefes — den gröfsten Werth; die Amaler zu verherrlichen
war er vorzüglich bestrebt, und wie Sybel nachgewiesen hat3), häufte
er auf dieses Geschlecht, was er von gothischen Stammsagen noch
vorfand. Die glänzende Gegenwart liefe auch die Ahnen Theoderichs
in hellerem Licht erscheinen, als ihnen eigentlich gebührte. Der
Verfasser wird der Tradition absichtlich oder in gutem Glauben
nachgeholfen haben, wie das den Hofgenealogen nur zu häufig be-
gegnet ist.
Weiter aber läfst Kassiodor den Athalarich sagen: „Er hat die
Herkunft der Gothen zu einer römischen Geschichte gemacht, und
die Blüthenkeime, welche bis dahin auf den Gefilden der Bücher
hier und dort zerstreut waren, in einen einzigen Kranz gesammelt4).“
*) XII libris Golhorum historiam defloralis prosperitatibus condidisli.
2) Tetendit se eliain in anliquam prosapiam nostram, lectione discens quod
vix maiorum notitia cana retinebat. Iste reges Gothorum longa oblivione celatos,
latibulo vetustatiseduxil. Iste Amalos cum generis sui claritale restituit, evidenter
ostendens in deciuiam septimain progeniem stirpem nos habere regalem. Var. IX, 25.
s) Das deutsche Königthum S. 123 ff. Vgl. denselben de fontibus Jordanis
p. 37 — 42. Papencordt hat. nachgewiesen, dafs auch die parteiisch gefärbten Nach-
richten über die Vandalen bei Jordanis schon von Kassiodor stammen.
*) Originem Gothiram historiam fecit esse Romanam, colligens quasi in
unain coronam germcn floridum, quod per librorum campos passim fuerat ante
Digitized by Google
46
I. Vorzeit. § 4. Kassiodor. 5. Jordanis.
Auch hier erscheint wieder die Berufung auf Bücher und gelehrte
Studien, nicht auf die lebendige Ueberlieferung, und es läfst sich
deshalb wohl annehmen, dafs schon in Kassiodors Werk dieselbe
Mischung von mythischen und sagenhaften Elementen mit gelehrter
Belesenheit zu finden war, welche die Schrift des Jordanis uns zeigt.
Dafs auch die Geschichte der Westgothen in diesem Werke be-
richtet wurde, beweist eine von Kassiodor selbst (Var. XII, 20) daraus
angeführte Stelle über die Einnahme Roms durch Alarich.
Gewifs war Kassiodor einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit.
Von Herkunft war er ein Römer von angesehener Familie, aus
Bruttien , vielleicht aus Squillace gebürtig ; er besonders hat sich
bemüht, als Minister Theoderichs und seiner Nachfolger die Re-
gierung in den alten Formen fortzuf Uhren, und das Neue mit dem
Alten zu verschmelzen. Im Jahre 514 ist er Consul gewesen; in
seiner Briefsammlung findet sich seine Ernennung zum Patricius
(V ar. I, 3. 4) und zum Praefectus Praetorio (IX, 24. 25) , worin er
mit den gröfsten Lobsprüchen überhäuft wird. In seinen alten
Tagen zog er sich, müde der inneren Kämpfe und Unruhen, die
nach Theoderichs Tod das Gothenreich zerrissen, von der Welt zu-
rück (538), und gründete ein Kloster (Monasterium Vivariense) in
Bruttien, wo er das Ende seines Lebens in stiller Beschaulichkeit
und schriftstellerischer Thätigkeit erwartete; hier schrieb er seine
im Mittelalter vielgelesene Kirchengeschichte ’) , und in seinem
93. Jahre eine Abhandlung Uber die Orthographie, zum Frommen
seiner Mönche, denen er die Vervielfältigung der Bücher durch Ab-
schriften ganz besonders zur Pflicht machte; in seinem hundertsten
Jahre aber einen Commentar zu den Psalmen.
Die sogenannte Chronik des Kassiodor ist nichts weiter als
ein Exemplar der Consularfasten, mit wenigen Bemerkungen zu ein-
zelnen Jahren2). Viel wichtiger sind für uns die zwölf Bücher seiner
Briefe (Variae), in welchen er die Kanzleiformen der Zeit und
viele auch durch ihren Inhalt wichtige Briefe aus der königlichen
Kanzlei der Gothen aufbewahrt hat. Das Zureden seiner Freunde,
sagt er in der Vorrede, habe ihn zu dieser Sammlung veranlafst,
welche einen Vorrath fertiger Formeln darbieten und zugleich zur
Bildung junger Staatsmänner dienen sollte. Alles habe er hier ver-
einigt, was er aus der Zeit seiner Quästur, seines Magisteriums, und
dispersum. Ganz ähnlich ist das Bild, dessen sich Jordanis am Schlüsse seines
Werkes bedient.
») Bähr S. 129.
In d. Sammlungen seiner Werke, u. bei Roncallius II, 161 etc. Bähr S. 108.
Digitized by Google
Kassiodor. Ennodius. Jordanis.
47
seiner Präfectur in den öffentlichen ActenstUcken von seiner Feder
habe finden können. Doch nicht selten sei es ihm begegnet, dafs
er wegen Ubergrofser Eile hei der Ertheilung von Würden und Ehren
hastige und schmucklose Schreiben erlassen habe: davor wolle er
nun andere bewahren , und deshalb habe er die im sechsten und
siebenten Buche enthaltenen Formulare für die Verleihung aller
Würden nun mit Sorgfalt überarbeitet. Denn reden können wir alle
ohne Unterschied; nur der Schmuck ist es, welcher den Gelehrten
vom Ungelehrten unterscheidet1).
Das war der Grundsatz und die Richtschnur der damaligen
Schulen, und demgemäfs hat denn auch Kassiodor den oft gering-
fügigen Inhalt seiner Briefe unter einem solchen Wortschwall und
so vielem Zierrath der gesuchtesten Phrasen verborgen, dafs es
häufig nicht leicht ist, ihn herauszufinden.
Im höchsten Grade trifft dieser Vorwurf auch die Schriften des
Ennodius, Bischofs von Pavia, unter denen besonders sein Pan-
egyricus auf Theoderich geschichtlich wichtig ist2).
§ 5. Jordanis.
Bihr. S. 131 — 136. Papencordt, Geschichte der vandalischen Herrschaft in Afrika,
S. 383 — 388. Freudensprung de Jorn&nde sive Jordane et libellorum eius natalibus,
Monaci 1837. v. Sybel de fontibus libri Jordanis de origine actuque Getarum, Berl.
1838. Waitz, G. G. A. 1889 S. 769 — 781. Joh. Jordan, Jordanes Leben u. Schriften,
im Progr. des Gymn. zu Ansbach, 1843. J. Grimm, Ueber Jornandes. Philolog. u.
hist. Abh. der K. Akad. d. Wiss. zu Berlin aus d. J. 1846. Cassel, Magyar. Alterth.
1848, S. 293 — 310. Stahlberg, Jornandes, im Progr. der höheren Bürgerschule zu
Mühlheim a. R. 1854. 4. Ausgabe von Gruter in Hist. Aug. SS. Lat. minores, 1611,
von Muratori SS. Rer. Ital. 1, 187 — 241, Mediol. 1723. Die einzige neuere in der
Bibi. lat. franvaise von Pankoucke ist nach StahlbeTg nur ein Abdruck der Lyoner
Ausgabe von 1594.
An jene Vertreter der antiken Bildung, welche Theoderich an
seinem Hofe versammelte, reiht sich nun der erste und einzige
gothische Schriftsteller, dessen Werke wir besitzen, Jordanis; denn
so wird sein Name in den besten Handschriften geschrieben, mit so
überwiegender Autorität, dafs die durch Peutingers Ausgabe von
1515 gebräuchlich gewordene Form Jornandes sich dagegen
schwerlich wird behaupten können. Jakob Grimm freilich hat sie
*) Dictio semper agrestis est, quae aut sensibus electis per moram non co-
mitur aut verborum minime proprietatibus explicatur. Loqui nobis communiter
datum est: solus oraatus est qui discernit indoctos. Die Erlasse in seinem eigenen
Namen, als Pr'äfect, aus den Jahren 534, 535, 537, 538, finden sich im 11. und
12. Buche; in den früheren schreibt er im Namen des Königs.
2) Ennodii Opera ed. Sirmond. Paris. 1611. 8. Panegyricus ed. Manso, Vrat.
1822. 8. und in dess. Geschichte der Ostgolhen. Ferlig, Magnus Felix Ennodius
und seine Zeit. 1. Ahth. Passau 1855. 4.
Digitized by Google
48
I. Vorzeit. § 5. Jordan».
sehr nachdrücklich in Schutz genommen, und unmöglich ist es nicht,
dafs in der entscheidenden Stelle (Cap. 50) ursprünglich gestanden
hat: Jordanis sive Jornandes. Dann wäre nach Grimms Vermuthung
der kriegerischer lautende gothische Name Jornandes d. i. Eberkühn,
beim Eintritt in den geistlichen Stand mit dem römischen Namen
Jordanis vertauscht worden '). Wie dem nun auch sein möge, sicher
gestellt ist allein der letztere, durch das ganze Mittelalter gebräuch-
liche Name, den wir deshalb auch hier vorgezogen haben.
Jordanis rechnet Bich selbst zum gothischen Volke3). Er stammte
aus einem sehr angesehenen Geschlechte, das mit den Amalern ver-
schwägert war; sein Grofsvater war Notar oder Kanzler des Alanen-
königs Candax in Mösien, er selbst ebenfalls Notar: leider wissen
wir nicht wo und unter welchen Verhältnissen*). Später ist er in
den geistlichen Stand eingetreten, und S. Cassel hat es in seinen
Magyarischen Alterthümem S. 302 sehr wahrscheinlich gemacht, dafs
er Bischof von Kroton gewesen ist. An der unteren Donau war er,
wie seine Geschichte der Gothen deutlich zeigt, zu Hause und wohl-
bekannt; weniger in Italien, welches er wohl erst in späterem Lebens-
alter gesehen hat.
Die eigentliche grammatische Bildung der Schule war ihm fremd,
wie er selbst sagt, doch konnte es ihm nicht schwer fallen, griechische
und lateinische Schriftsteller zu lesen, und damit hat er sich denn
auch, wohl besonders in der späteren Zeit seines Lebens, eifrig be-
schäftigt; seine Schriften legen von einer umfassenden Belesenheit
Zeugnifs ab.
Seine Schreibweise ist nicht frei von dem gesuchten, senten-
tiösen Charakter, welcher damals für schön galt; aber doch noch
wreit entfernt von der Geschmacklosigkeit des Ennodius oder der
Briefe des Kassiodor, denn in seinen anderen Schriften enthält sich
auch dieser der schwülstigen Phrasen, welche er in seinen Briefen
für angemessen erachtete. Natürlich eignete sich auch Jordanis die
römisch christliche Weltanschauung an ; dahin führte ihn sein Stand,
dahin auch die ganze Richtung seines Volkes. Vollkommen theilt
i) IS. Murat. 1972, 8. Romae: IIIC P0S1TVS EST IORDANIS. Dafs ein
Jordanis im J. 470 Consul war, führt auch J. Grimm an.
3) De rebus Get. am Srhlufs: Nec me quis in favorem genlis praediclae quasi
ex ipsa trahenlem originem aliqua addidisse credat.
*) ib. e. 50: Sciri vero et Satagarii et ceteri Alanorum cum duce suo no-
mine Candax Scylhiam minorem inferioremque Moesiam acrepere. Cuius Candacis
Alaoowamuthis patris mei genitor Paria, id est meus avus, notarius quousque
Candax ipse viveret fuit, eiusque germanae filius Gunlhrigis qui et Baza dicebatur,
magister militum, filius Andagis filii Andalae, de prosapia Amalorum descendens.
Ego item quamvis agrammatus Jordanis ante conversionem meam notarius fui.
Digitized by Google
Jordanis. Geten und Gothen.
49
er die Verehrung des Kaiserthumes, und wenn er es unternahm, die
Folge der Weltreiche in gedrängter Uebersicht darzustellen, so konnte
ihm doch der Gedanke niemals nahen, dafs etwa auch das römische
Reich sein Ende erreicht habe und andere an seine Stelle treten
würden. Eben war er, wie er uns berichtet, mit der Abfassung eines
solchen Handbuches beschäftigt, als sein Freund Castalius ihn auf-
forderte, Kassiodors Geschichte der Gothen in einen Auszug
zu bringen1). Diese Aufgabe, sagt er, sei für ihn um so schwie-
riger gewesen, da ihm das Werk nicht einmal vorliege, sondern er
es nur einmal in früherer Zeit auf drei Tage zum Lesen erhalten
habe. Doch glaube er sich des wesentlichen Inhalts noch vollständig
zu erinnern2). Damit habe er nun Verschiedenes aus griechischen
und lateinischen Schriftstellern verbunden, den Anfang und das Ende
aber, wie auch Hehreres in der Mitte von seinem Eigenen dazu ge-
than. Später, im Verlauf der Geschichte, nennt er den Kassiodor
nie und es läfst sich daher nicht mit Sicherheit feststellen, was er
wirklich von ihm entlehnt habe3). Andere Quellen dagegen nennt
er häufig; so den Ablavius und die von diesem benutzten Helden-
lieder der Gothen, welche auch ihm selbst noch wohlbekannt waren;
dazu den Byzantiner Priscus, und andere neuere und ältere Schrift-
steller, welche v. Sybel zusammen gestellt hat, besonders Dio Chry-
sostomus, dessen Getica er ausschrieb, weil er die Gothen und Geten
für dasselbe Volk hielt4). Für diese Annahme beruft Jordanis sich
auf Orosius; sie war nicht neu, und auch wer die Richtigkeit der-
selben nicht zugeben kann, darf doch dem Verfasser keinen Vor-
wurf deshalb machen, dafs er der Autorität der römischen Gelehrten
folgte. Vielmehr verdient es Lob und Anerkennung, dafs er diese
vermeintliche Entdeckung nun auch für sein Geschichtswerk frucht-
bar zu machen versuchte, und so die gothische Urgeschichte mit
einer Fülle neuer Tliatsachen bereicherte. In der Ausführung frei-
lich können wir ihn von grofser Flüchtigkeit und Ungenauigkeit
Der Anfang dieser Vorrede ist nach v. Sybel in Schmidts Zeitschr. f. Gesch.
VH, 288 mit geringen Veränderungen wörtlich entlehnt aus Rufini presb. prarfatio
in explanationem Origenis super ep. Pauli ad Romanos.
2) Ad triduanam leclionem dispensatoris eius beneficio libros ipsos antehac
relegi, quorum quamvis verba non recolo, sensus tarnen et res actas credo me
integrc lenere.
*) Vgl. darüber v. Sybel de fontibus Jordanis, welcher für Kassiodor vindi-
cirt, was ohne anderen Gewährsmann gesagt ist. Cassel dagegen betrachtet das
ganze Werk mit Ausnahme der Fortsetzung ab einen Auszug aus Kassiodor.
4) Mit J. Grimm, Uber Jornandes, und Gesch. der deutschen Sprache. 1848.
Dagegen S. Cassel in den Magyar. Alterthümern, v. Sybel in Schmidts Zeitschrift
C Gesch. VI, 516. Waitz , Verfassungsgesch. I. p. XIII. Bessell de Rebus Geliris.
Gott. 1854. 4. p. 73. Müllenhoff, Art. Gelen in d. Encyel. v. Ersch u. Gruber S.463.
4
Digitized by Google
50
I. Vorzeit. § 5. Jordanis.
nicht freisprechen, und indem er ohne weiteres auch sogleich die
Skythen und Amazonen zu Gothen machte, scheint er die von seinen
Vorgängern angerichtete Verwirrung noch gesteigert zu haben.
Mit dem 14. Kapitel geht Jordanis dann auf die Genealogie der
Amaler über, und vielleicht beginnt damit die Benutzung des Kas-
siodor. Die Geschichte der Westgothen und Ostgothen in knapper
Darstellung fortführend, gelangt er bis zu den Siegen Belisars, die
er auffallend kurz berichtet, und auch für diese letzte Zeit scheint
er schon die Annalen des gleichzeitigen Marcellinus Comes ') benutzt
zu haben. Die Vergleichung mit den knappen aber genauen und
zuverlässigen Angaben dieses Schriftstellers fällt nicht günstig für
unseren Autor aus, der sich offenbar mit gröfserer Vorliebe den
alten Ueberlieferungen zuwendet, und wie das bei den Anfängen
einer gelehrten Geschichtschreibung so häufig ist, gerne eine unver-
daute Gelehrsamkeit auskramt, von der sorgsamen Gewissenhaftig-
keit aber, welche die Nachwelt am höchsten schätzt, kaum einen
Begriff hat. Indem er nun hierin gegen gleichzeitige und spätere
Annalen zurücksteht, zeichnet er sich dagegen vor den einfachen
Chronisten aus durch das Festhalten eines leitenden Gedankens,
welcher die Darstellung beherrscht. Man hat dem Jordanis eine
gänzliche Entfremdung von seinem Volke zum Vorwurf gemacht.
Nicht zum Ruhme der Gothen, sagt er schliefslich, habe er dieses
geschrieben, sondern um den Ruhm des Siegers zu erhöhen. Allein
darauf darf man nicht zu viel Gewicht legen. Die Liebe zu seinem
Volke, der Stolz auf die Tapferkeit der Gothen, auf die Herrlich-
keit der Amaler, tritt vielmehr mit grofser Lebhaftigkeit überall
hervor, und eben deshalb hielt Jordanis es für nöthig, durch eine
solche Wendung in der damaligen Zeit des Krieges dem Argwohn
der Herrscher zu begegnen. Denn als er dieses schrieb, nach Vi-
tiges Untergang und Tod (um 543) war der Krieg noch keineswegs
beendigt, und sollte bald mit neuer Wuth entbrennen. Jordanis aber
hatte allerdings für diesen letzten Todeskampf der Gothen keine
Theilnahme; dem stand in ihm theils seine politische Ansicht, theils
das Blut der Amaler entgegen, welches mächtiger war als das Volks-
bewufstsein. Er setzte seine Hoffnungen auf Germanus, den Gemahl
der Matasuintli, dem ja auch von seinen Landsleuten so viele sich
zuwandten, und nach dessen frühem Tode auf den letzten Sprossen
*) bis 534, fortgesetzt bis 551. Bähr S. 107. Diese Chronik schliefst sich
ebenfalls an Hieronymus, ist aber im Ostreiche verfafst. Die weitere Fortsetzung
bat Waitz, Nachrichten v. d Gött. Ges. d. Wiss. 1857 S. 38 als aus Ilermannus
Contractus entlehnt nachgewiesen.
ioogle
Jordanis Geschichte der Gothen, Seine Chronik.
51
der Amaler, auf das Kind Germanus: der sollte sein Volk wieder
sammeln und beherrschen, im engsten Ansclilufs an das Römerreich,
so wie einst Theoderich. Darauf führen uns deutlich genug die Er-
wähnungen dieses Germanus, welche der Verfasser später, nach der
Vollendung seiner Chronik, der Gothengeschichte eingefügt hat1).
Das aber ist eben, wie Sybel nachgewiesen, und Stahlberg
weiter ausgeführt hat, der leitende Gedanke des Jordanis, dafs er
nur in der friedlichen Einfügung des Gothenvolkes in das römische
Reich die Möglichkeit und Hoffnung einer gedeihlichen Zukunft für
dieselben erkennt. Ihm konnte es nur als ein hoffnungsloses und
frevelhaftes Unternehmen erscheinen, wenn die letzten Gothenfürsten,
die dem Stamm der Amaler fremd waren, sich dem letzten Welt-
reich gegenüber feindlich behaupten wollten, um so mehr, da er
katholisch war, und dadurch im Gegensätze zu seinen arianischen
Volksgenossen mit der Einheit der Kirche auch die Einheit des welt-
lichen Reiches erstreben mufste. Daher legt er überall besonderes
Gewicht auf die friedlichen Beziehungen der Gothen zum Ostreiche,
und seine Theilnahme und Hoffnung konnte sich nur dem Germanus
zuwenden. Dieser Auffassung konnte sich damals niemand entziehen,
der in den Bildungskreis der römischen Kirche eingetreten war, und
sie blieb herrschend, bis die Franken stark genug waren, um sich
selbst als die wahren Träger des erneuten römischen Reiches be-
trachten zu können.
Um dieser Verhältnisse willen ist es von besonderer Wichtig-
keit, dafs J. Grimm in dem Vigilius, welchem Jordanis sein zweites
Werk gewidmet hat, den damaligen römischen Papst erkannt und
mit überzeugenden Gründen nachgewiesen hata). Dieses Werk, ge-
wöhnlich De regnorum successione , von ihm selbst aber De brevia-
tione chronicorum genannt, beendigte Jordanis nach langer Arbeit
im 24. Jahre Justinians (550 oder 551), und hier sind am Schlüsse
die letzten Kämpfe der Gothen noch etwas weiter fortgeführt, mit
sichtlicher Abneigung gegen Totilas. Das ganze Werk ist eine un-
bedeutende und ungeschickte Compilation; es ist grofsentheils aus
Florus entlehnt, so wörtlich, dafs die neuesten Herausgeber desselben,
Jahn und Halm, aus Jordanis den Text des Florus bedeutend be-
richtigen konnten; später benutzt er den Eutrop und Marcellinus
') So glaube ich das Verhältnifs beider Werke auffassen zu müssen, nach
den Worten in der Vorrede der Chronik: iungens ei aliud volumen de origine
actuque Getarnm, quod iam dudum communi amico Castalio edidissem. Zu diesen
Zusätzen gehört dann auch die Beziehung auf die Pest des J. 542 (cap. 19) als
vor neun Jahren erlebt. Anders Slahlberg S. 16 ff.
a) Ueber Jornandcs S. 12.
4*
Digitized by Google
52 I. Vorzeit. § 5. Jordan«. § 6. Westgothen.
Comes. Wichtig ist diese Schrift fast nur als höchst charakteristisch
für den Standpunkt des Verfassers, denn die Weltgeschichte ist ihm
eben nur die römische, angeknüpft an die Generationen des alten
Testaments und die Regentenreihen der früheren Weltreiche; er
beruft sich ausdrücklich auf die Prophezeiung des Daniel, dafs diesem
Reiche die Herrschaft bis ans Ende der Welt beschieden sei.
§6. Die Westgothen. Isidor.
Aschbach, Geseb. d. Westgotben. Frankf. 1827. Lembke, Gesch. v. Spanien. Hamb. 1831.
Spanien gehörte, wie Gallien, in den letzten Zeiten des römi-
schen Reiches zu den blühendsten Provinzen und war von der rö-
mischen Bildung der damaligen Zeit vollkommen durchdrungen. Un-
endlich viel ging hier zu Grunde in den verheerenden Kriegen des
fünften Jahrhunderts, wo Spanien unausgesetzt der Kampfplatz ver-
schiedener deutscher Völkerschaften war; die Westgothen aber,
welche allmählich ihr Reich dort befestigten, zeigten sich der römi-
schen Bildung ebenso wenig abgeneigt wie die Ostgothen, und wäh-
rend sie die unterworfenen Romanen mit grofser Milde behandelten,
erhielt sich auch unter ihnen noch ein Nachklang des wissenschaft-
lichen Lebens der besseren Zeit; sie selbst jedoch haben nicht in
namhafter Weise an dieser Thätigkeit Theil genommen.
Den Anfang der barbarischen Heimsuchung Spaniens erlebte
noch Orosius, der Augustins Geschichte des Reiches Gottes auf
dessen WTunsch die Schilderung des Elendes dieser Welt zur Seite
stellte. Er wollte darin nachweisen, dafs nicht das Christenthum,
wie die Heiden behaupteten, das Elend Uber die Welt gebracht
habe, sondern dafs es zu allen Zeiten viel Trübsal und Leiden ge-
geben: eine Auffassung, welche in den Zeiten des Unglücks und
der Verwirrung überall Anklang fand und grofsen Einflufs auf die
Ansichten der mittelalterlichen Geschichtschreiber geübt hat, ganz
besonders auf Otto von Freising, dessen Chronik sich unmittelbar
an Augustin und Orosius anschlicfst. Für uns mindert die unhisto-
rische Auffassung des Orosius, die dadurch bedingte einseitige Be-
nutzung und Entstellung seiner Quellen, und sein ziemlich leicht-
fertiges Verfahren, den Werth, welchen sein WTerk sonst durch die
Excerpirung jetzt verlorener Schriften, namentlich des Livius, haben
würde. Im Anfang legt auch er den Eusebius in der Bearbeitung
des Hieronymus und des Rufin zu Grunde, geht aber bald zu einer
ganz überwiegenden Darstellung der römischen Geschichte Uber.
Das römische Reich ist ihm nach der herrschenden Darstellungs-
weise die vierte Weltmonarchie; als die vorhergehenden aber sieht
Digitized by Google
Orosius. Die Annalisten.
53
er, abweichend von den späteren Chronisten, das babylonische, ma-
cedonische und karthagische Reich an. Am Schlüsse seines Werkes
(bis 417) gibt Orosius die Geschichte seiner Zeit, und dieser Ab-
schnitt hat, obschon dürftig und nicht frei von Schmeichelei gegen
den Kaiser, doch selbständigen Werth, und enthält namentlich gute
Nachrichten Uber Spanien und die Geschichte der Westgothen ').
Unter der westgothischen Herrschaft entstanden ferner mehrere
jener wortkargen annalistischen Aufzeichnungen, welche sich an die
Chronik des Hieronymus anschlossen, und in den späteren Welt-
chroniken regelmäfsig den Uebergang vom Hieronymus zum Beda
bilden, weshalb denn eine Zeit lang westgothische, später angel-
sächsische Namen vorherrschen. Hierhin gehören die Chroniken des
Aquitanen Prosper, deren Anfang aus Hieronymus geschöpft war.
Man zog es daher in der Regel vor, nur die Fortsetzung (379 bis
455) abzuschreiben, und diese unmittelbar mit Hieronymus zu ver-
binden3). Daneben findet sich eine andere Fortsetzung desselben
von dem Spanier Idacius (379 — 468), welche schätzbare Nach-
richten über die Westgothen und Sueven enthält3).
Eine Weltchronik scheint auch Victor, ein Bischof von Tunis
(Tunnunensis) geschrieben zu haben, die aber nur als Fortsetzung
des Prosper von da an erhalten ist, wo dieser auf hörte4) (444 bis
566). An diesen Victor schliefst sich nun die Fortsetzung eines
Gothen, des Johannes von Biclaro5), der aber in Konstantinopel
seine Bildung erhalten hatte, bis zum Jahre 590. In Burgund schlofs
sich der schon früher (8. 37) erwähnte Marius von Avenche
wieder unmittelbar an die Chronik des Prosper an (455 — 581).
Näher auf diese Werke einzugehen, deren Werth nur in ihrem
materiellen Inhalt besteht, würde hier nicht am Orte sein; sie
durften nicht ganz übergangen werden, weil sie den Uebergang zu
den späteren Chronisten bildeten, denen vorzüglich Prosper und
Idacius ganz allgemein als Grundlage für diese Zeiten dienten: die
weiteren Quellen der westgothischen Geschichte aber dürfen wir hier
*) Th. de Mörner, de Orosii vita eiusque Historiarum libris VII adversus pa-
ganos. Berolini 1844. 8.
*) B'ähr S. 98 — 102. Archiv VII, 228. Eine ungedruckle Fortsetzung des
Prosper bis 64 1 erwähnt Waitz ib. 25 1 . Neue Ausgaben dieser Annalisten fehlen ;
man findet sie am besten in der Roncallischen Sammlung (1787) und narh Jahren
geordnet zusammengestellt (doch nur bis 455) bei Rösler, Chronica medii aevi,
Tub. 1798. Bei Migne sind sie aus der BibUotheca Maxima Patrum wieder abgedruckt.
3) Bähr S. 102 — 105. Neue Ausgabe von De Ram, im Compte rendu de
la Commission royale d’hist. VoL X.
*) Bähr S. 109. Migne 68, 941.
5) Bähr S. 110, auch über d. weitere Fortsetzung 601 — 721. Migne 72, 863.
Digitized by Google
54
I. Vorzeit. § 6. Westgothen. § 7. Franken.
wohl unbedenklich bei Seite lassen. Dagegen haben wir noch eines
Mannes zu gedenken, der wie jene Vertreter der alten gramma-
tischen Bildung am Hofe zu Ravenna, alles was von der über-
lieferten Schulbildung noch übrig war, in sich aufgenommen hatte,
und durch seine Schriften einer der einflufsreichsten Lehrer des
Mittelalters geworden ist, nämlich Isidor von Sevilla1).
Isidor war der Sohn des Severian, eines Provinzialen aus dem
District von Karthagena. Er folgte seinem Bruder Leander auf dem
bischöflichen Stuhle von Sevilla, und starb 636. Aufser vielen an-
deren Werken, brachte er die Summe aller Kenntnisse, welche er
sich mit Hülfe der damals noch vorhandenen HUlfsmittel erworben
hatte, in ein Compendium, die 20 Bücher Originum sive Etymolo-
yiarum, welche eine aufserordentliche Verbreitung erlangten und all-
gemein gelesen und benutzt wurden. Heut zu Tage ist man geneigt
diese Bestrebungen gering zu schätzen, ja ihnen zu zürnen, weil
dadurch die älteren und besseren Werke verdrängt wurden. Allein
es war damals schwer sich eine Bibliothek zu sammeln ; nur wenige
von denen, welche sich mit Wissenschaften überhaupt beschäftigten,
konnten sich die umfangreichen Handschriften der alten Classiker
verschaffen, und deshalb gewannen die leicht zugänglichen Auszüge
eine so rasche Verbreitung. Es ist sehr fraglich ob sich die reineren
Quellen besser erhalten haben würden, wenn auch niemand Auszüge
daraus verfafst hätte; diese dagegen setzten auch unbemittelte Schüler
in den Stand, wenigstens etwas zu lernen.
In jenem umfassenden Werke ist nun auch eine Chronik ent-
halten, welche in gedrängtester Kürze, nach den sechs Weltaltern
geordnet, eine chronologische Uebersicht der Begebenheiten giebt,
von der Erschaffung der Welt bis auf Sisebut. Etwas ausführlicher
ist die abgesonderte Ausgabe derselben, bis zum fünften Jahre des
Heraklius, dem vierten des Sisebut (615). Allein so sehr auch Isidor
von der in der Kirche herrschenden Ansicht von der Geschichte er-
füllt war, so hatte er doch auch ein lebhaftes Gefühl für sein Land
und für das Volk der Westgothen, von deren Milde und Menschen-
freundlichkeit er ein schönes Zeugnifs ablegt. Denn nachdem er die
Einnahme Roms durch Alarich und die dabei geübte Schonung be-
schrieben hat, fügt er hinzu: „Deshalb lieben auch bis auf den
heutigen Tag die Römer, welche im Reiche der Gothen leben, die
Herrschaft derselben so sehr, dafs sie es für besser halten, mit den
Gothen in Armuth zu leben, als unter den Römern mächtig zu sein,
l) Isidori Ilispalensis Opera ed. Arevalo. 1790 — 1803. 7 Bände in quarto.
Vol. Vll enthält die historischen Schriften. Bähr S. 111 — 113.
Digitized by Google
Isidor. Literarhistoriker.
55
nnd die Behwere Last der Abgaben zu tragen.“ Das steht in der
Volksgeschichte der Westgothen, welche er verfafst hat, kurz zwar
und dürftig für uns, die wir nach eingehenderer Darstellung ver-
langen, aber doch nicht ohne Geschick zusammengefafst, und mit
Wärme erzählt. Kurze Geschichten der Vandalen und der Sueven
schliefsen sich daran. Vorangeschickt aber ist ein überschwengliches
Lob Spaniens, das jetzt von dem blühenden Volke der Gothen in
Reichthum und glücklicher Sicherheit beherrscht werde. Dieses Stück
fehlt jedoch in vielen Handschriften.
Aufserdem aber haben wir endlich noch ein Werk des Isidor
zu erwähnen, welches ebenfalls grofse Verbreitung gefunden, und
manchen zur Nachahmung gereizt hat. Das ist sein litterar-
historisches Buch De scriptoribus ecclesiasticis. Er selbst folgte darin
dem Vorgänge des Hieronymus und des Gennadius, eines Marseiller
Priesters im fünften Jahrhundert. Ihm schlofs sich dann zunächst
Ildefons von Toledo an, und darauf nach langem Zwischen-
räume im zwölften Jahrhundert Sigebert, Honorius, Petrus
Diakonus und der ungenannte Mönch, welcher nach dem Fundort
der Handschrift von M e 1 k ( Anonymus Mellicensis ) genannt wird,
alle dürftig und mager, aber schätzbar durch einige nur von ihnen
aufbewahrte Nachrichten. Im dreizehnten Jahrhundert folgte ihnen
Heinrich von Gent, und endlich am Schlüsse des Mittelalters
der vielbelesene, aber unzuverlässige Johann von Trittenheim l).
Denselben Gegenstand behandelte im Jahre 1280 Hugo von Trim-
berg, Lehrer zu St. Gangolf in Bamberg, in Versen, in seinem
Registrum multorum auctorum, dessen nicht eben reicher Ertrag
von M. Haupt geprüft ist, in den Sitzungsberichten der Berliner
Akademie 1854 S. 142 ff.
§ 7. Die Franken.
Histoirc Litteraire de la France, von Dom Rivet. Guizot, Historie de la Civilisation en
France depuis la chute de l'Empire Romain. Ampere , Histoire Litteraire de la
France avant le clouzieme siecle. 3 Vol. 8. 1839. 1840. Thicrry, Recits Mcrovingiens.
Löbell , Gregor von Tours und seine Zeit. 1839. 8.
Die Gothen waren ohne Zweifel ein wohlbegabter, bildungs-
fähiger Stamm, und ihre Anfänge vielversprechend; aber die West-
gothen zeigen nach Isidor keine fortschreitende Entwicklung in der
Litteratur, und der Ostgothen Reich war in vollster Auflösung be-
griffen, als es den Feldherren Justinians erlag. Keines der deutschen
Reiche, welche auf römischem Boden errichtet wurden, vermochte
die innere Festigkeit und Ordnung zu gewinnen, welche allein die
B Alle zusammen gedruckt in J. A. Fabricius Bibliotheca ecdesiastica. Vgl.
Bähr S. 115—129.
Digitized by Google
56
I. Vorzeit. § 7. Die Franken.
Grundlage einer dauernden und fortschreitenden Geistesbildung und
litterarischen Entwicklung darbieten kann. Einen ganz ähnlichen
Verlauf der Dinge sehen wir auch bei den Franken: auch sie finden
einige Reste der alten Bildung vor, welche sich eine Zeit lang
kümmerlich erhalten; in der Kirche regt sich dann einige litterarische
Thätigkeit, aber zuletzt droht doch alles in der allgemeinen Auf-
lösung und Verwirrung rettungslos unterzugehen, und es bedarf einer
Neubelebung der fast ganz erstorbenen Keime, um ein besseres Zeit-
alter herbeizuführen auf der Grundlage festerer staatlicher Bildungen.
Hochberühmt waren in den letzten Jahrhunderten der Kaiser-
herrschaft die Schulen der Grammatiker und Rhetoren in Gallien ; die
französischen Schriftsteller gefallen sich darin, das Bild dieser Zeiten
auszumalen, und es tritt uns in den Werken von Guizot und Ampfere
lebendig entgegen. Diese Studien, welche noch in den letzten Jahr-
zehnten des Reiches so eifrig betrieben wurden, waren aber, wie
sich das bei dem Charakter dieser Zeiten nicht anders erwarten
läfst, dem wirklichen Leben gänzlich entfremdet, und bewegten sich
nur auf dem Boden der Schule. Die Prosa war bis auf einen un-
erträglichen Grad verkünstelt; die gesuchte, kaum verständliche
Schreibart, deren wir schon bei Ennodius und Kassiodor gedachten,
ist hier* auf die Spitze getrieben. Die Poesie war vorherrschend
epigrammatisch und diente fast nur dem Zeitvertreib der vornehmen
Welt; durch Gelegenheitsgedichte suchten die Poeten die Gunst der
vornehmen Herren, oder diese griffen auch selbst zur Feder, und
bewiesen ihre feine Bildung durch allerhand poetisches Spielwerk,
wie Ausonius aus Bordeaux, der nach der Verwaltung bedeutender
Staatsämter in Mufse der Litteratur lebte und bald nach 392 ge-
storben ist. Weniger glücklich, wie dieser, sah sich Sidonius
Apollinaris schon verdammt, unter den Barbaren zu leben, und
deshalb sind seine Gedichte und Briefe von um so gröfserem Werthe
für uns: sie zeigen uns nicht nur den damaligen Zustand der Schulen
und des Lebens in Gallien, sondern gewähren auch manche Kunde
von den Burgunden und Westgothen, denen er mit seiner Kunst
dienen mufste. Innigst verabscheut er diese Barbaren, und bei
mancher Gelegenheit spricht er das unverholen aus, aber bewundern
und feiern liefs er sich doch recht gerne von ihnen. Auch das
grofse Hochzeitfest der Franken, bei welchem diese von Aetius über-
fallen wurden, hat Sidonius zum Preise des Siegers geschildert.
Zuletzt wandte er sich der Kirche zu, welche allein noch einen
sicheren Hafen darbot, wurde 471 Bischof von Lyon und starb 489.
Einst hatte Konstantin die fränkischen Gefangenen den wilden
Digilized by Google
Sidonius Apollinaris. Prolog der Lex Salica.
57
Thieren vorwerfen lassen, weil sie ihm zu wild und zu treulos er-
schienen, um sich wie andere Barbaren zum Anbau des Landes, zum
Kriegsdienst oder als Sclaven verwenden zu lassen : nur der Schrecken,
meinte er, vermöge sie zu bändigen. Aber die vielfache, wenn auch
feindliche Berührung mit den Römern milderte allmählich ihre Wild-
heit; bald finden wir Franken in ansehnlichen Aemtern bei den Rö-
mern, und schon am Ende des vierten Jahrhunderts war der Franke
Arbogast Befehlshaber der Heeresmacht im westlichen Reiche. In
der Mitte des fünften Jahrhunderts sind die salischen Franken von
den Römern abhängig, sie führen ihre Kriege und schlagen ihre
Schlachten. Mit den Römern verbündet, durchzieht der König Chil-
derich ganz Gallien nach allen Seiten; er besiegt mit ihnen die
ketzerischen Westgothen, die britischen und sächsischen Seeräuber,
die plündernden Alamannen. Obgleich noch Heide, ist Childerich
mit seinen Franken doch bereits dem ganzen Lande wohlbekannt,
aber nicht mehr als der wildeste aller Feinde, sondern als Retter
und Beschützer. Man freute sich des alten Hünen, wo man ihn sah,
hoch zu Rofs, in reicher und prächtiger Rüstung, das ganze Geschirr
seines Pferdes bedeckt mit den goldenen Bienen, welche Napoleon
von ihm entlehnt hat. Natürlich war das alles von römischer Arbeit,
und nicht allein das Schwert wufste er zu brauchen, sondern auch
Schreibtafel und Griffel; sein Siegelring flilirto die lateinische In-
schrift: CHILDIRICI REGIS.
Da ist es denn nicht zu verwundern, dafs auch daheim im Salier-
lande schon Römer wohnen konnten, als Gäste und Hausgenossen des
Königs, ja dafs auch die Salier selbst ihr eigenes Volksrecht in latei-
nischer Sprache aufzeichneten, und andererseits erklärt es sich auch,
wie bald darauf die Vermischung der Franken mit den schon halb
barbarisch gewordenen Provinzialen so leicht und rasch von Statten
gehen konnte; war man doch beiderseitig schon längst daran ge-
wöhnt, mit einander zu leben und zu verkehren.
In lateinischer Sprache ist auch das älteste Denkmal einheimi-
scher Poesie der Franken verfafst, der Prolog zum Volksrecht
der Salier, wo das Volk der Franken hoch gepriesen wird, das
schöne, kluge, tapfere und treue, das jetzt auch den katholischen
Glauben empfangen habe und von jeder Ketzerei rein sei. Die frü-
here Abhängigkeit von den Römern erschien ihnen in der Erinnerung
wie die härteste Knechtschaft, deren Joch sie mit ihrer gewaltigen
Kraft abgeworfen hätten, und voll Stolzes rühmen sie sich der reichen
Gaben an die Kirchen der heiligen Märtyrer, gegen welche die Römer
einst mit Feuer und Schwert gewüthet hätten.
Digitized by Google
58
I. Vorzeit. § 7. Die Franken.
Dieser letzte Satz, welcher erst lange nach der Bekehrung ge-
schrieben sein kann, hat aber nicht mehr die rythmische Form,
welche für den Anfang dieses Prologs zuerst v. Bethmann - Hollweg
nachgewiesen hat1), und dieser erste Theil, in welchem die neulich
geschehene Bekehrung des Volkes erwähnt wird, mag wohl von Chlo-
dowichs Zeit wenig entfernt sein.
So wie aber die Franken das Christenthum sogleich mit dem
orthodoxen Eifer ergriffen, welcher sich in jenen Worten ausspricht,
so waren sie auch der übrigen römischen Bildung durchaus nicht
feind ; ja Chlodowichs Enkel Chilperich, der auch für byzantinischen
Hofstaat und römische Staatseinrichtung grofse Vorliebe zeigte, ver-
suchte sogar das lateinische Alphabet durch Erfindung neuer Buch-
staben zu verbessern, und machte selbst lateinische Verse nach dem
Vorbilde des Sedulius, aber wie Gregor von Tours berichtet, wollte
es ihm mit der Metrik nicht recht gelingen2).
Höchst charakteristisch für diese erste Zeit der Vermischung
des Alten und Neuen ist die Persönlichkeit des Venantius For-
tunatus3). Noch in den alten Rhetorenschulen gebildet, ist dieser
einer der letzten Repräsentanten jener verkünstelten Schulgelehrsam-
keit. Er stammte aus Italien und kam um das Jahr 565 nach Gal-
lien, an König Sigiberts Hof, wo man viel Gefallen an dieser Poesie
fand. Ueberall bei den fränkischen wie bei den römischen vorneh-
men Herren und Bischöfen war er ein gern gesehener Gast und auf
ein Lobgedicht von ihm legte man den gröfsten Werth. Aber mehr
als alles dieses fesselte ihn die Freundschaft der heiligen Radegunde,
die ihn zuletzt bewog, in den geistlichen Stand einzutreten und sich
ganz nach Poitiers zurückzuziehen. Hierhin hatte Radegunde, aller
Herrlichkeit der Welt entsagend, sich begeben, um ihr Leben in dem
von ihr gestifteten Kloster in den Werken der Frömmigkeit und De-
muth zu beschliefeen, sie, einst die Gemahlin Chlothars, den sie
aber nach der Ermordung ihres Bruders, des letzten Sprossen der
thüringischen Königsfamilie, verlassen hatte. Nur ein Vetter von ihr
war noch übrig, der in Konstantinopel lebte, und an diesen schrieb
nun Fortunat in ihrem Namen eine wahrhaft schöne poetische Epistel,
in welcher er den Untergang des thüringischen Reiches in ergrei-
fender Weise schildert. Ebenso schön ist ein zweites langes Gedicht
■) Schmidts Zeitschrift für Gesch. IX, 49. Vgl. Waitz, das alte Recht der
salischen Franken S. 36 ff.
2) S. darüber Gregor von Tours V, 45, und die Uebersctznng Giesebrechts
1,287. Das ihm zugeschriebene Epitaphium S. Germani bei Aimoin III, 16 scheint
nicht wirklich von ihm zu sein.
3) Bahr S.75 — 78. Vgl. Uber ihn besonders d. Werke von Guizot u. Ampere.
loogle
Venantius Fortunatus.
59
über das traurige Geschick der Galswintha, Tochter des Westgothen-
königs Athanagild, der Schwester der Königin Brunhilde, die mit
König Chilperich vermählt, aber bald nach der Hochzeit auf Anstiften
der Fredegunde ermordet wurde.
Wo Fortunat in solcher Weise einen bedeutenden Gegenstand
aus dem wirklichen Leben zu behandeln unternimmt, zeigt er wahres
Gefühl und ungewöhnliches Talent. Aber bei weitem die Mehrzahl
seiner Gedichte bewegt sich ganz in der spielenden Weise seiner
Zeit; er bedichtet jede gute Mahlzeit, die Radegunde ihm zukommen
läfst, und widmet jedem kleinen Vorfall ein Epigramm. Vollends
unerträglich ist seine Prosa, schwülstig, geziert, kaum verständlich;
nur in den von ihm verfafsten Heiligenleben redet er einfach und
natürlich. Das findet sich überhaupt fast durchgehends, nur wenige
derselben sind in dem gesuchten Stil der Schule geschrieben, und
zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie zur Erbauung, zum Vor-
lesen bestimmt waren, und deshalb allgemein verständlich sein
mufsten.
In den Heiligenleben, die Fortunat verfafste, herrscht übrigens
der moralisch -theologische Zweck und Standpunkt zu sehr vor, als
dafs sie einen bedeutenden historischen Werth haben könnten; am
anziehendsten und am lehrreichsten ist das Leben der Radegunde,
worin das Klosterleben der damaligen Zeit anschaulich geschildert wird.
Wie nun die Legenden sich schon durch ihre einfache Sprache
als dem Leben näher stehend bewähren, so zeigt es sich überhaupt
bald, dafs die kirchliche Litteratur die einzige wahrhaft lebensfähige
war. In die Kirche flüchteten sich alle, welche noch Sinn und Nei-
gung für litterarische Bildung hatten, die in dem wilden Getümmel
des weltlichen Lebens keine Stätte mehr fand. Das sahen wir an
Kassiodor, Jordanis, Sidonius Apollinaris, und auch Fortunat wurde
in Beinern hohen Alter noch Bischof von Poitiers, wo er zu Anfang
des siebenten Jahrhunderts gestorben ist.
Jene innerlich leblose gekünstelte Litteratur der Grammatiker
starb mit ihren letzten, von den Franken noch Vorgefundenen Re-
präsentanten ab, und nur die Kirche bewahrte von nun an die Keime
des geistigen Lebens, welche sie naturgemäfs für ihren Dienst ver-
wandte. Freilich konnte auch sie dem Drucke dieser Zeiten nicht
unversehrt widerstehen; die früher in Gallien sehr bedeutende
speculativ- theologische Thätigkeit hörte gänzlich auf, da man zu
gewaltsam vom Drange des praktischen Lebens ergriffen wurde;
aber in diesem bewahrte die Kirche eine bedeutende Stellung. Poli-
tisch war die Macht der Bischöfe im fränkischen Reiche bald gröfser,
Digitized by Google
60 I. Vorzeit § 7. Franken. § 8. Gregor von Tours.
wie Bie je gewesen war, und wenn sie auch von der immer mehr
überhand nehmenden Verwilderung stark ergriffen wurden, so ging
dertiefere sittliche Gehalt in der Kirche doch niemals völlig ver-
loren, und mitten in dem allgemeinen Verderben erschienen immer
aufs Neue einzelne Männer, welche durch Reinheit der Gesinnung
und durch rückhaltlose Hingabe ihrer eigenen Person für die Gebote
des Evangeliums die Verehrung ihrer Zeitgenossen und die Bewun-
derung der Nachwelt erzwangen. Zu keiner Zeit nach den ersten
Jahrhunderten der christlichen Kirche finden wir eine gröfsere Zahl
von Heiligen, wie gerade damals, Männer und Frauen, grofsentheils
von hervorragender äufserer Stellung, die durch Entsagungen aller Art,
durch aufopfernde Wohlthätigkeit, durch unerschrockenes Auftreten
gegen die Verbrechen der Grofsen und Mächtigen, sich die dankbare
Verehrung des Volkes erwarben. Das äufsere Leben nahm gebie-
terisch alle ihre Kräfte in Anspruch; für wissenschaftliche Bestre-
bungen war kein Raum in dieser Zeit, und die geringe litterarische
Thätigkeit, welche noch Statt findet, beschränkt sich auf Predigten,
moralische Schriften und Legenden, die ebenfalls als Vorbilder zum
Zweck der unmittelbaren Einwirkung auf die Zeitgenossen verfafst
wurden.
Auf diesem Felde schlofs sich an Sulpicius Severus eine reiche
Litteratur an, und auch der Mann, mit dem wir uns zunächst zu
beschäftigen haben, der bedeutendste Schriftsteller der merowingischen
Zeit, Gregor von Tours, wandte der Legende seine Thätigkeit haupt-
sächlich zu.
§ 8. Gregor von Tours.
Opera ed. Ruinart. Paris 1699. fol. Liber de cursu stellarum qualiter ad officium im*
plendum debeat observari, ed. Haase. Vratisl. 1853. 4. (Programm zum 15. Octbr. )
Historia Francorum, ed. Bouquet. Vol. II. Guadet et Taranne, Paris 1836, 1838. 8.
Uebersetzung, mit vottrefflicher Einleitung, von W. Giesebreclit. Berlin, 1851. 8.
Kries, de Greg. Tur. vita et scriptis. Vratisl. 1839. 8. Lnebell, Gregor von Tours
und seine Zeit. Leipzig 1839. 8. R. Koepke in der Allg. Monatsehrift, 1859, Sept.
S.775 — 800. Waitz in den Gott. Gel. Anz. 1839, S. 781 — 793, in Schmidts Zeit-
schrift f. Gesch. II, 44. Archiv V, 50. VII, 246. B&hr S. 138 — 145.
Gregor von Tours stammte aus einer sehr vornehmen römischen
Familie, der fast alle Bischöfe von Tours und viele Heilige ange-
hörten. Um das Jahr 540 in Clermont geboren, erhielt er den Namen
Georgius Florentius; Gregor hat er sich erst später genannt, nach
seinem mütterlichen Ahnherrn, dem heiligen Gregorius, Bischof von
Langres. Erzogen wurde er an seinem Geburtsort von seinem Oheim,
dem heiligen Bischof GalluB, und nach dessen Tode von dem Priester
Digitized by Google
Gregor von Tours.
61
Avitus, der im Jahre 571 ebenfalls Bischof von Clermont wurde.
573 erhielt Gregor vom König Sigibert das Bisthum Tours, und For-
tunat versäumte nicht, sein Gedicht dazu zu machen; Gregor, der
ihm nahe befreundet war, hat ihn später sogar mit einem Land-
giitehen beschenkt.
Der Bischof von Tours, der Nachfolger des heiligen Martin, war
eine der ansehnlichsten Personen im fränkischen Reiche, ein Kirchen-
fllrst von bedeutender Macht, und mehr noch wegen der ungemeinen
Verehrung des heiligen Martin ein Mann, auf den die Blicke vieler
Menschen gerichtet waren und dessen Stimme bei allen Staatshändeln
von Gewicht war. Bei den inneren Kriegen unter den Merowingern
konnte es daher nicht fehlen, dafs Gregor sehr bald in schwierige
Verwickelungen hinein gezogen wurde, und gleich anfangs sah er
sich in sehr gefährdeter Lage, als Chilperich die Stadt Tours seiner
Herrschaft unterwarf. Er benahm sich aber stets mit Klugheit und
Festigkeit, und wufste sich selbst gegen erbitterte und mächtige
Feinde zu behaupten. Nach Chilperichs Tode (584) stieg sein An-
sehen, und von nun an war er einer der einflufsreichsten Männer
im Reiche. Allgemein geachtet starb er am 17. Nov. 594, und hinter-
liefs ein dankbares Andenken in seinem Sprengel, flir den er in jeder
Beziehung mit unermüdlichem Eifer thätig gewesen war; man ver-
ehrte ihn sogar als einen Heiligen.
Vieles hatte Gregor erlebt und gesehen, von seiner Kindheit an,
wo die Auvergne der Schauplatz des Kampfes zwischen Chlotliar und
Childebert war, bis zu dem blutigen Streite der Königinnen Brun-
hilde und Fredegunde; seitdem er zu den Bischöfen des Reiches ge-
hörte, konnte kein bedeutendes Ereignifs eintreten, ohne ihn unmittel-
bar zu berühren, von allem erfuhr er, und an vielen wichtigen Staats-
geschäften nahm er persönlich Theil. Da erwachte in ihm der
Wunsch, die Kunde dieser Dinge auch der Nachwelt zu überliefern,
und während er das Leben der Heiligen beschrieb und reiche Samm-
lungen von Wundergeschichten verzeichnete, arbeitete er zugleich
unablässig an dem Geschichtswerke, welchem wir fast allein unsere
Kenntnifs von dem Reiche der Merowinger verdanken. Noch trägt
es die Spuren seiner allmählichen Entstehung, man erkennt spätere
Nachträge, und es fehlt ihm die letzte Vollendung. Um so gröfser
ist deshalb die Glaubwürdigkeit der letzten Bücher, in welche er
den Ereignissen gleichzeitig die Zeitgeschichte eintrug.
Häutig nennt man dieses Werk die Kirchengeschichte der Fran-
ken, und in manchen Handschriften trägt es nach dem Vorbild des
Beda diesen Titel (Historia ecclesiastica Francorum). Allein so sehr
Digitized by Google
62
I. Vorzeit. § 8. Gregor von Tours.
auch dem Charakter der Zeit entsprechend das kirchliche Element
vorwiegt, der Inhalt zeigt doch, dafs jene Uebei^chrift den Grund-
gedanken des Werkes nicht ausdrückt und also nicht von Gregor
herrühren kann. Richtiger nennt man es: Zehn Bücher fränkischer
Geschichten.
Gregor hatte bereits Vorgänger gehabt; er selbst, und nur er
allein, hat uns (II, 8. 9.) Namen und Bruchstücke von zwei verlore-
nen Historikern aufbewahrt, von Renatus Profuturus Frigeri-
dus1), dessen zwölftes Buch der Geschichten er anfuhrt, und Sul-
picius Alexander. Aber diese scheinen beide noch den Zeiten
der letzten Kaiser angehört zu haben, und niemand versuchte mehr
das Andenken dieser trüben Zeiten aufzuzeichnen. Mit der Klage
darüber beginnt Gregor sein Werk. Jetzt, da die Pflege der schönen
Wissenschaften in den Städten Galliens vernachlässigt, ja sogar gänz-
lich in Verfall geratlien sei2), so lauten die inhaltschweren Worte,
jetzt finde sich kein Gelehrter, dem die Kunst der Rede zu Gebote
stände3), der in Prosa oder Versen die Begebenheiten der Gegen-
wart der Nachwelt auf bewahre. Laut klage das Volk: Wehe über
unsere Tage, dafs die Pflege der Wissenschaften bei uns unter-
gegangen ist und niemand sich findet, der, was zu unseren Zeiten
geschehen, zu Papier bringen könnte! Deshalb also, weil kein an-
derer auftrete, habe er es auf sich genommen, das Gedächtnifs dieser
Tage den Nachkommen zu überliefern.
Die Zeitgeschichte also ist sein Gegenstand; aber um dafür eine
chronologische Grundlage zu gewinnen, schickt er im ersten Buche
eine Uebersicht der Weltgeschichte, hauptsächlich der biblischen, seit
der Schöpfung voran4); die Erzählung von der Stiftung der gallischen
Kirchen, zuletzt von seinem Schutzheiligen Sanct Martin, giebt dann
den Uebergang zur fränkischen Geschichte. Allein er führt doch
auch noch einen anderen Grund an für die Berechnungen, mit denen
er sein Werk beschliefst, nämlich damit diejenigen, welche wegen
des herannahenden Endes der Welt in Sorgen sind, genau wissen
möchten, wie viele Jahre seit der Erschaffung der Welt verflossen
wären. Denn diese Vorstellung beherrschte auch ihn, so wie alle,
die auf das untergehende römische Reich, das letzte Weltreich, ihre
Blicke gerichtet hatten. Und in der That bot diese Zeit kaum etwas
’) J. Grimm, über Jornandes S. 17, erklärt den letzten Namen für gothisrh.
2) Decedente atque immo potius pereunte ab urbibus GaUicanis liberalium cul-
tura litterarum.
3) Peritus in arte dialectica grammaticua.
4) Libuit etiam animo, ut pro supputatione annorum ab ipso mundi principio
libri primi poneretur initium.
Digitized by Google
Gregor von Tours.
63
anderes dar, als Zeichen des Verfalles und des Unterganges; Keime
neuen Lebens mufsten dem Frankenreiche in Gallien erst von aufsen
wieder zugetragen werden, für die Neugestaltung des Staates von
Austrasien, für die Kirche von den britischen Inseln.
Vor allem findet nun Gregor es durchaus nothwendig, sein
Glaubensbekenntnifs an die Spitze des Buches zu stellen, damit kein
Leser an seiner Rechtgläubigkeit zweifeln könne; denn ein Haupt-
gegenstand seines Werkes wlirden die Kämpfe der Kirche mit den
Ketzern sein. Höchst charakteristisch ist dies fUr eine Zeit, die seit
Jahrhunderten von dem Gegensätze der Katholiken und Arianer er-
füllt war, wo der Name des Orthodoxen der höchste Ehrentitel der
Fürsten war, und die Franken ihren gröfsten Stolz darin fanden,
von jeder Ketzerei frei zu sein. Das gesteht ihnen auch der Abt
Jonas im Leben des Columban zu; den katholischen Glauben finde
man bei ihnen, nur leider von den Werken auch gar keine Spur.
Es ist aber dieser Standpunkt für die Beurtheilung von Gregors
Werk sehr wichtig ; seine ganze Auffassung Chlodowichs beruht
darauf. Nicht nach schriftlichen Aufzeichnungen schildert ihn
Gregor ; für die ersten Zeiten hat er wohl die schon erwähnten
Autoren und den Orosius benutzt, auch einzelne annalistische No-
tizen nebst einer Legende vom Bischof Remigius, aber seine Haupt-
quelle für die Urgeschichte der Franken, und bald seine einzige,
ist doch die lebendige Ueberlieferung, und die Darstellung Chlodo-
wichs sowie seiner nächsten Nachfolger ist darum schon durchaus
sagenhaft; in diesem Abschnitt hat man sich sehr zu hüten, Gregors
Autorität nicht zu überschätzen1).
Chlodowich ist ihm der Streiter der Kirche, ihr Vorkämpfer
gegen die Arianer; als solchen fafst er ihn vorzugsweise auf, und
deshalb kann er auch (H 40) von ihm sagen: Gott aber warf Tag
für Tag seine Feinde vor ihm zu Boden und vermehrte sein Reich,
darum dafs er rechten Herzens vor ihm wandelte, und that was
seinen Augen wohlgefällig war.
Unmittelbar vorher hat Gregor erzählt, wie sich Chlodowich
durch Mord und Verrath des ripuarischen Reiches bemächtigte, und
man hat ihm daher jenen Ausspruch sehr zum Vorwurf gemacht.
Diese Worte fassen aber den Inhalt nicht des einen Capitels allein,
sondern auch der vorhergehenden zusammen, in welchen die Be-
kämpfung der arianischen Westgothen erzählt ist, der Kreuzzug den
‘) Neuerdings sind seine Nachrichten in diesem Sinne geprüft von Junghans,
die Gesrhirhte der fränkischen Könige Childerich und Chlodovech kritisch unter-
sucht. Gött. 1857. 8.
Digitized by Google
64
I. Vorzeit. § 8. Gregor von Tours.
die Kirche als Chlodowichs gröfstes Verdienst betrachtete. Ein feines
Gefühl für Recht und Unrecht darf man freilich bei den Schriftstellern
dieser Zeit nicht suchen ; wie bei den Italienern des fünfzehnten
Jahrhunderts war durch die täglich sich wiederholenden Greuelthaten
das Gefühl dafür abgestumpft worden. Mord und Hinterlist waren
so gewöhnliche Werkzeuge geworden, dafs wer sie nicht selber an-
wandte, ihnen zum Opfer fiel; es kam daher für die Beurtheilung
nur noch darauf an, ob sich ein lobenswerther Zweck damit ver-
band, oder ob sie blofs der Selbstsucht und anderen schlechten
Leidenschaften dienten. So erzählt denn auch Gregor zahlreiche
Geschichten der Art mit einer Kälte die uns unheimlich berührt,
ohne irgend etwas von dem Abscheu zu äufsem, welcher den heu-
tigen Leser dabei ergreift. Eben dadurch aber gewinnt er um so
mehr an Glaubwürdigkeit; ganz in seiner Zeit stehend, gewährt er
uns das treueste Bild derselben, und indem er nur einfach berichtet,
was geschehen war, verdient er ohne Zweifel vollen Glauben, so
weit seine eigene Kenntnifs der Begebenheiten reicht. Sehr mit
Unrecht hat man ihm absichtliche Entstellung Schuld geben wollen;
von Flüchtigkeit und Ungenauigkeit dagegen ist er im ersten Theile
seines Werkes nicht frei, und darin wird es auch wohl in den spä-
teren Abschnitten, wo er unsere einzige Quelle ist, nicht fehlen.
Die Darstellung Gregors ist einfach und kunstlos; er selbst
bittet um Entschuldigung deshalb: Ich bitte die Leser vorher um
Verzeihung, sagt er, wenn ich im Grofsen oder Geringen gegen
die Grammatik fehlen sollte, denn ich bin nicht recht bewandert in
dieser Wissenschaft. Die eigentliche Schulgelehrsamkeit der Zeit
mangelte ihm, und das ist ein Glück für uns, ebenso wie bei
Eugippius. Gregor selbst sagt darüber nicht ohne Ironie, dafs er
sich zu dieser Arbeit entschlossen habe, weil kein Gelehrter sie auf
sich nehme, und weil er häufig verwundert habe vernehmen müssen,
dafs einen Schriftsteller von gelehrter Bildung nur wenige ver-
ständen, des schlichten Mannes Rede aber viele1). Einige Stellen
seines Werkes, wo er sich in dieser Schreibart versucht hat, zeigen
uns die Gefahr, vor welcher sein Mangel an Schulbildung uns be-
wahrt hat. In der Regel aber ist seine Schreibart diejenige, welche
sich damals für die Legende ausgebildet hatte, und nach und nach
allgemein herrschend wurde; schlicht und einfach, weil sie allgemein
verständlich sein mufste, und erfüllt von biblischen Ausdrücken und
Anspielungen, dem Standpunkt der Verfasser und dem Zweck ihrer
Werke angemessen, da sie ja sämmtlich Geistliche sind und auch in
') Quia philosophanlem rhetorem intelligunt pauci, loquenlem rusticum imilti.
Digitized by Google
Gregor von Tours. 65
der Darstellung der Geschichte die kirchliche Bedeutung derselben
faBt überall vorherrscht
Die kunstlose, einfache Sprache Gregors, seine behagliche, me-
moirenartige Erzählung, welche Geschichten aller Art, die gröfsten
Staatsbegebenheiten und unbedeutende Vorfälle des gewöhnlichen
Lebens bunt durch einander mischt, das ist es eben was seinem
Werke einen so grofsen Reiz verleiht, und es zu einem so treuen
Spiegel seiner Zeit macht, dafs ihm in dieser Hinsicht kein zweites
zu vergleichen ist.
Vorzüglich zeigt uns Gregors Werk auch, wie besonders Loebell
schlagend nachgewiesen hat, die völlige Verschmelzung der fränkischen
und der romanischen Bevölkerung ; von einem feindlichen Gegensätze
beider Elemente ist nichts darin wahrzunehmen, und die römische
Abkunft des Verfassers hat durchaus keinen Einflufs auf seine Dar-
stellung ausgeübt.
Was er hörte, was er sah, das erzählt er, ohne weiteren Zweck,
als das Andenken der Dinge zu erhalten ; er dachte keineswegs ge-
ring von dieser Aufgabe und dem Werthe derselben, denn ausdrück-
lich beschwört er am Ende des letzten Buches seine Nachfolger auf
dem Stuhle des heiligen Martin, sie unverkürzt und unversehrt der
Nachwelt aufzubewahren, und nichts daran zu ändern. Und wenn
auch nicht durch ihr Verdienst, so ist uns doch wirklich Gregors
Werk in seiner ursprünglichen Gestalt überliefert worden, und seit
Jahrhunderten hat man diese ungeschminkte Darstellung einer fernen
Zeit hoch geschätzt und in Ehren gehalten. Wir können ihm keine
hohe Stelle unter den Geschichtschreibern einräumen, denn ihm
fehlen die wesentlichsten Eigenschaften, welche dazu gehören, die
Beherrschung deB Stoffes, das tiefere Eindringen in den Zusammen-
hang der Dinge, aber um so mehr ist es auch dankbar anzuerkennen,
dafs er nicht versucht hat, was ihm nicht gelingen konnte, sondern
sich in Bescheidenheit begnügte, eine reiche Fülle des mannigfaltig-
sten Stoffes in seinen Werken zusammenzufassen.
In seinen letzten Jahren , als die blutigen Stürme , die das
Frankenreich zerrissen hatten, eine Weile ruhten, als Childebert
und König Gunthram den Frieden aufrecht hielten, hat Gregor seine
Erzählung fortgeftihrt bis zum Jahre 591; am Ende fügte er noch
eine kurze Geschichte der Bischöfe von Tours, und zuletzt einen
Abrife seines eigenen Lebens hinzu. Dann begann er, wie es
scheint, sein Werk noch einmal zu überarbeiten; die sechs ersten
Bücher enthalten Einschiebungen, welche um diese Zeit geschrieben
sind, und diese sechs Bücher sind denn auch, so scheint es, zuerst
5
Digitized by Google
66
I. Vorzeit, § 8. Gregor. § 9. Fredegar.
allein bekannt geworden; nur sie finden sich in den ältesten Hand-
schriften, und sie allein wurden später in einen Auszug gebracht.
Nicht in dem Grade wie Isidor, hatte Gregor in sich auf-
genommen, was von der alten Bildung noch übrig war; doch war
sie auch auf ihn nicht ohne Einflufs geblieben; hoch überragt er
die nun folgende Zeit der tiefsten Barbarei, wo kaum noch einzelne
Funken litterarischen Lebens zu finden sind, wo die aus der alten
Welt herübergenommene Bildung fast vollständig abstarb, während
zugleich politisch die ärgste Verwilderung und Auflösung eintrat:
im siebenten Jahrhundert, sagt Abel, nach Brunhilde und Frede-
gunde verliert im merowingischen Königshause auch das Laster
seine Gröfse, in wachsender Jämmerlichkeit schleppt sich das ent-
artete Geschlecht noch anderthalb Jahrhunderte durch die Geschichte.
Die geschichtliche Aufzeichnung der Begebenheiten versiegt fast
völlig, und nur in sehr weiten Zwischenräumen entstehen die wenigen
Schriften, welche uns über diese Zeiten dürftige Kunde gewähren.
Als Zeitgenosse Gregors aber ist noch der Bischof Marius
von Avenche, im burgundischen Reiche — der Sitz des Bisthums
wurde später nach Lausanne verlegt — zu erwähnen, der Verfasser
einer dürftigen Fortsetzung des Prosper1) von 455 — 581, deren wir
schon oben (S. 37) gedachten, weil hier noch in so charakteristischer
Weise der Standpunkt des römischen Reiches als des einzig be-
rechtigten festgehalten wird.
§ 9. Fredegar.
Ausgabe der ersten vier Bücher bei Canis. II, 569. ed. Basn. II, 154 — 194; cf. Fabric.
s. h. v. Archiv VII, 252. — Buch 5 und 6 in Ruinarts Ausgabe des Gregor von
Tours , und Bouquet II. Auszug des fünften Buches in Giesebrechts Uebers. des
Gregor, 11,268 — 281. Die Chronik Fredegars (Buch 6) u. der Frankenkönige, übers,
von Otto Abel. Berlin 1849. 8. B&hr S. 145 — 147. Palacky, Ueber den Chronisten
Fredegar u. seine Nachrichten von Samo, Jahrb. des Böhm. Museums I, 387 — 413.
Mehr als ein halbes Jahrhundert verging nach Gregor von
Tours, ohne dafs, so viel wir wissen, irgend ein namhaftes Ge-
schichtswerk entstanden wäre; was von Jahrbüchern und anderen
Aufzeichnungen etwa vorhanden war, ist uns einzig und allein a) be-
kannt durch das Werk des Mannes, der sich in weitem Abstande
zunächst an Gregor anreiht, des Scholastikus Fredegar, wie er
genannt wird; aber dieser Name findet sich nur in der ältesten
Ausgabe seiner Chronik, von M. Freher, in den uns erhaltenen Hand-
schriften dagegen nirgends. Aus seiner Zeitrechnung, nach den Re-
>) bei Ronralliiis 11,399—418. Bähr S. 110. Migne 72,793.
a) mit Ausn. der kurzen Forts, des Marius Avenlicensis von 581 bis 624.
Digitized by Google
Die Chronik des Fredegar.
67
gierungsjahren der Könige von Burgund, geht hervor, dafs er in
diesem Reiche schrieb; aufserdem wissen wir nichts von seiner Person.
Der Zweck seiner Aufzeichnungen war nicht so vorwiegend,
wie bei Gregor, die Darstellung der Geschichte seiner Zeit, Bondern
er wollte vielmehr ein Handbuch der Weltgeschichte geben. Bücher
waren damals selten und theuer, und wer sich den Besitz einer
historischen Handschrift verschaffte, dem lag viel daran, nun auch
keines zweiten Werkes der Art zu bedürfen; er dankte es dem Ur-
heber sehr, wenn er von der Schöpfung anhub, und darum bearbeitete
auch Fredegar in seinem Buche alles geschichtliche Material das
ihm zur Hand war. So viel aber traute der bescheidene Mann sich
nicht zu, dafs er versucht hätte die verschiedenen Werke, welche
ihm Vorlagen, zu einem Ganzen zu verarbeiten; in einfachster Weise
läfst er die Auszüge auf einander folgen, und bezeichnet sie selbst
als fünf einzelne Chroniken, sein eigenes Werk als die sechste1).
Ich habe, sagt er, die Chroniken des heiligen Hieronymus, des
Ydacius, eines gewissen Gelehrten , des Isidor und endlich des Gre-
gorius mit Aufmerksamkeit durchgelesen, und was diese fünf Männer
in ihren Chroniken seit Anfang der Welt bis auf den Tod König
Gunthrams kunstvoll und tadellos erzählen, ohne viel wegzulassen
in mein kleines Buch der Ordnung nach eingetragen’). In der Zahl
und Folge der Bücher stimmen die Handschriften nicht überein; das
Werk eines gewissen Gelehrten, welches sonst den Anfang bildet, ist
das Buch der Geschlechter, welches man auf die oben (S. 38) er-
wähnte Schrift des Hippolyt von Porto zurückführt. Bei Gregor
von Tours3) hat sich aber Fredegar, oder vielleicht schon ein Vor-
gänger von ihm, nicht auf einen blofsen Auszug beschränkt; es
finden sich hier verschiedene Zusätze, und namentlich jene alten
sagenhaften Erzählungen über die Vorzeit der Franken, welche
Gregor, wie es scheint, absichtlich unbeachtet gelassen hat, die uns
aber von nun an aller Orten begegnen, und bald weiter ausgesponnen
wurden4).
*) ln nomine domini nostri Jesu Christi incipit chronica sexta. Guntramus etc.
*) Itaque beati Hieronymi, Ydacii et cuiusdam sapientis seu et Isidori, immo-
que et Gregorii chronicas a mundi origine percurrens usque decedente regno
Guntchrammi, his quinque ehronicis huius libelli nec pluritna praetermissa sigillatim
congruentia stilo inserui. Nach Abels Uebersetzung, der den nach d. Handschriften
berichtigten Text vor sich hatte.
*) Scarpsum de chronica Gregorii episeopi Toronaci. Dieses kommt auch ab-
gesondert in Handschriften vor als Greg. Tur. historia epitomata, in 93 Kapiteln ;
vgl. darüber Giesebrecht 1. c. Pertz Gesch. der merow. Hausmeier S. 152.
4) Das Märchen von der trojanischen Herkunft erklärt Mascou, Gesch. der
Teutschen bis zu Anfang d. fränck. Mon. S. 197, durch den Zug der von Probus
am Pontus angesiedelten Franken nach der Heimalh. Ueber die zweite aus
5*
68
I. Vorzeit. § 9. Fredegar.
Um nun das Ergebnifs seiner Arbeit beurtheilen zu können,
müfsten wir vor allen Dingen seine Quellen kennen, wovon uns je-
doch nur das Leben Columbans erhalten ist; daraus entlehnte er
ein Capitel. Nothwendig müssen ihm aber auch annalistische Auf-
zeichnungen Vorgelegen haben; ein solches Werk, wie das vorliegende,
worin Jahr für Jahr die Begebenheiten eines Zeitraums von 60 Jahren
verzeichnet sind, kann nicht allein nach mündlicher Ueberlieferung
geschrieben sein, und zwar um so weniger, da auch die letzten
Jahre nicht gleichzeitig mit den Ereignissen eingetragen sind, und
das Ganze unvollendet blieb. Wir wissen daher nicht, wie viel Fre-
degar von seinem eigenen hinzugethan hat, und ob der Abschnitt
in welchem er nach eigener Anschauung berichten wollte, schon
begonnen hat. Er wollte noch weiteres vom Kaiser Constans be-
richten (Cap. 81), er erwähnt Cap. 82 den Tod Chindasuinths, der
649 starb, er sagt Cap. 48, dafs Samo vom Jahre 623 an 35 Jahre
lang die WTenden beherrscht habe. Demnach mufs er also erst um
das Jahr 660 oder noch später sein Werk verfafst haben, welches
doch schon bei dem Jahre 642 plötzlich abbricht.
Er wird sich also wohl darauf beschränkt haben, die ihm vor-
liegenden Aufzeichnungen zu verbinden, nach mündlicher Ueber-
lieferung einzelne Zusätze zu machen, und das Urtheil des Volks
über die handelnden Personen hinzuzufügen. Man thut ihm Unrecht,
wenn man dabei einen höheren Maafsstab anlegt, als an andere
Jahrbücher ähnlicher Art ; er berichtet einfach und verständig, und
wenn Fehler unterlaufen, wenn besonders entferntere Begebenheiten
in sagenhafter Entstellung erzählt werden, so kann man es ihm nicht
verargen, dafs er nicht besser unterrichtet war.
Grofse Ansprüche zu machen, kommt Fredegar nicht in den
Sinn ; er empfindet lebhaft den traurigen Zustand der Zeit, und sieht
nach der damals herrschenden Vorstellung das Ende der Welt als
nahe bevorstehend an. Wir stehen jetzt im Greisenalter der Welt,
sagt er; darum hat die Schärfe des Geistes nachgelassen, und nie-
mand vermag es in dieser Zeit den früheren Schriftstellern gleich-
zukommen. Sich selbst legte er nur einen bäurischen und ganz be-
schränkten Sinn bei1), und diese rührende Bescheidenheit sollte wohl
den Spott über den ehrlichen Mann entwaffnen, welcher mit aller
Anstrengung geleistet hat, was er vermochte, und der sich dadurch
um die Nachwelt ein unsterbliches Verdienst erworben hat.
Hieronymus (Ethicus) genommene Stelle vgl. Kar. Perlz de Cosmographia Ethici
p. 184 — 197. Eine mythologische ilerleilung versucht K. L. Roth, die Trojasage
d. Franken, in Pfeiffers Germania 1, 1. 1856. *) Rusticitas et extremitas sensus mei.
30 C
Google
Die Chronik des Fredegar.
69
Merkwürdig wäre es allerdings, wenn Fredegar wirklich einer
Schule vorgestanden hätte; denn seine Kenntnifs des Lateinischen
war unglaublich gering, seine Sprache ist Uber die Mafsen barbarisch,
aber freilich nicht verschieden von derjenigen, welche wir auch in
den Urkunden der Zeit, und in Italien bis ins elfte Jahrhundert
finden. Entschieden falsch ist es, wenn man diese Sprache als die
des romanischen Volkes bezeichnet, sie kann nie gesprochen worden
sein. Alle Flexionsendungen sind nämlich darin vorhanden, sie
werden aber nur noch aus Convenienz gebraucht, da das Gefühl für
ihre Bedeutung sich gänzlich verloren hat '). Das Volk wirft in
solchem Falle die Endungen ab, und bildet sich neue; nur wer ge-
lehrt scheinen will, braucht sie noch, ohne aber ihre Bedeutung zu
kennen. Treffend vergleicht einmal Kausler diese Schreibart mit
schriftlichen Aufsätzen, die Einer aus der niederen Klasse in der
Sprache der Gebildeten, welcher er nicht recht mächtig ist, nieder-
geschrieben hat. Wir finden sie deshalb nur da, wo die Volks-
sprache der lateinischen noch nahe genug stand, dafs man lateinisch
schreiben konnte ohne es schulgemäfs erlernt zu haben, besonders
in Italien, wo sich ein solches Kauderwelsch bei den Notaren am
längsten erhielt. Dort zeigt es sich auch deutlich, dafs die Schreiber
weit davon entfernt waren, in der Volkssprache schreiben zu wollen,
denn mitten in solchen Urkunden kommen Zeugenaussagen in aus-
gebildetem Italienisch vor.
Stand nun also Fredegar mit seinem Latein auch nicht gerade
allein unter der fränkischen Geistlichkeit des siebenten Jahrhunderts,
so mögen doch wohl, abgesehen von den Geschäftsleuten, welche
die Urkunden schrieben , nur wenige die überhaupt an schrift-
stellerische Beschäftigung dachten, die Barbarei seiner Feder erreicht
haben. Geschätzt aber wurde sein Werk sehr; es fand später Fort-
setzungen, welche bereits der neuen Entwicklung angehören, die
sich an das Aufkommen der Arnulfinger anschliefst. Wiederum aber
verging nach ihm mehr als ein halbes Jahrhundert, in dem, aufser
einigen Heiligenleben, das ganze Frankenreich keine Spur von Ge-
schichtschreibung darbietet.
Erst in den letzten Zeiten der Merowinger, als in Austrasien
schon die ganze litterarische Thätigkeit dem aufstrebenden Geschlecht
der Hausmeier sich zugewandt hatte, wurde in Neustrien ein Werk
verfafst, welches sich Gregor und Fredegar anschliefst, und in seiner
Armseligkeit dem Zustande des absterbenden Reiches vollkommen
entspricht.
*) z. B. a Francoruin ceterasque gentes.
Digitized by Google
70
I. Vorzeit § 10. Die Thaten der Frankenkönige.
§ 10. Die Thaten der Frankenkönige.
Gest« Fr&ncorum , Bouquet II, 580. Migne 96, 1421 aus Duchesne. Vgl. Cauer, de
Karolo M&rtello, Berol. 1841. 8. p. 11 — 25. Auszugsweise Uebersetzung de« ersten
Theils von W. Giesebrecht, hinter Gregor von Tours II, 282 — 302. Vollst&ndig von
639 an, von Abel, hinter Fredegar.
Die Anfänge, die Herkunft und die Thaten des Frankenvolkes
und seiner Könige will ich erzählen — so beginnt nicht ohne Kühn-
heit der Verfasser sein Werk, aber genannt hat er sich nicht, und
obgleich er für seine Zeit Aufserordentliches leistete und im ganzen
Mittelalter sein Buch viel gelesen wurde, so hat doch niemand sei-
nen Namen uns überliefert. Es scheint, dafs er der Kirche zu Rouen
angehörte, des heiligen Bischofs Audoenus gedenkt er mit besonderer
Verehrung. Darum ist auch Neustrien das Land, von dem er be-
richtet; Austrasien berührt er nur gelegentlich, und von dem Neuen,
was sich dort bildet, ist er unberührt; während man in Austrasien
wenig mehr von den Merowingern weifs, sie in den Annalen kaum
noch nennt, stehen sie bei ihm überall im Vordergründe. Er gehört
ganz der alten Zeit an, und bezeichnet durch seine den Fredegar
weit übertreffende Dürftigkeit und Armuth den fortgehenden Verfall,
wenn auch sein Latein weniger barbarisch ist. Dafür aber fehlt
ihm auch die gelehrte Belesenheit Fredegars. Er hat nur eine Quelle,
die ersten sechs Bücher Gregors, und hierauf gestützt, unternahm
er es, im Jahre 725 die Geschichte seines Volkes zu schreiben. Mit
mageren Auszügen aus Gregor verbindet er wie Fredegar die halb
volksthümlichen, halb gelehrten Sagen Uber die Anfänge der Fran-
ken ; dann fährt er selbständig fort, nicht Jahr für Jahr berichtend,
sondern in kurzen Umrissen, wie sie sich allenfalls durch mündliche
Ueberlieferung erhalten konnten. Fredegars Chronik war ihm nicht
bekannt, und so weit diese reicht, ist sein Werk kaum zu benutzen;
dann aber ist es für lange Zeit die einzige zusammenhängende Er-
zählung, welche wir besitzen, und wie er seiner eigenen Zeit näher
kommt, wird seine Darstellung, wenn sie gleich immer dürftig bleibt,
doch zuverlässig. Die besseren Heiligenleben, aus denen einzelne
Abschnitte sich ergänzen lassen, bestätigen seine Angaben.
Damit ist nun die Zahl der merowingischen Historiker erschöpft,
denn die Thaten Dagoberts1) sind eine unzuverlässige Compi-
lation des neunten Jahrhunderts, und der so viel benutzte und oft
*) Bouq. II, 580. Migne 96, 1395 aus Duchesne. Vgl. Roth, Geschichte des
Beneficialwesens S. 443.
Digitized by Google
Gesta Francorum. Rota mundi. Lieder. 7 J
angeführte Aimoin gar erst aus dem Anfänge des elften Jahrhun-
derts und ohne allen Werth.
Von jenen halb verklungenen, halb durch Zuthaten der Schul-
gelehrsamkeit entstellten Stammsagen der Franken finden sich Spuren
auch in dem schon früher (S. 57) erwähnten Prolog des Salischen
Gesetzes, und an diesen erinnert ein seltsames Werk des siebenten
Jahrhunderts, die poetische Weltbeschreibung eines ungenann-
ten Verfassers, der in ganz ähnlicher Sprache und Weise einige Ca-
pitel des Isidor in Verse brachte, und nur über die Franken einige
selbständige Zusätze anbrachte, in denen sich das stolze Selbst-
gefühl jenes Prologs wieder erkennen läfst1). Es sind dreizeilige
Strophen mit sehr ungenauen Endreimen, die einzelnen Zeilen kata-
lektische trochäische Tetrameter mit einer Caesur in der Mitte, die
Silben aber fast nur gezählt.
Höchst eigenthümlich ist eine andere Dichtung, die vielleicht
ebenfalls noch dem siebenten Jahrhundert angehört, nämlich ein Lied,
welches sich auf Chlothars H. Sieg über die Sachsen i. J. 622
bezog, wovon uns aber leider nur ein kleines Bruchstück erhalten
ist. Es bestand ebenfalls aus je drei gereimten Zeilen, die aber
iambisehen Rhythmus haben und je vier Hebungen enthalten. Der
eigentliche Held des Liedes ist der heilige Faro, Bischof von Meaux,
welcher die Gesandten der Sachsen gegen die beabsichtigte Ermor-
dung von Seiten des Königs beschützt hatte, und ihm zu Ehren
wurde nach dem Zeugnifs des Biographen des h. Faro, der zu Karls
des Kahlen Zeit schrieb, dieses Lied allgemein von Männern und
Frauen zum Tanze gesungen*).
Ein anderes, noch weit merkwürdigeres Lied glaubte Lenormant
entdeckt zu haben*), ein historisches Volkslied des sechsten
Jahrhunderts zur Feier von Childeberts I. Feldzug gegen Sa-
ragossa i. J. 542. Dieses sollte nämlich paraphrasirt sein in dem
Leben des h. Droctoveus, ersten Abtes von S. Germain des Pr6s,
einer Stiftung jenes Childebert, und sich daraus zum Theil wieder
herstellen lassen. In der That erinnern Ausdrücke darin, wie torrens
pulchrüudinis , an jene alte fränkische Poesie, und es ist nicht un-
möglich, dafs wirklich die Spur eines alten Liedes darin zu erken-
nen ist; im Uebrigen aber ist die Erzählung von der angeblichen
• *) Versus de rota mundi, ed. Pertz: Ueber eine fränkische Kosmographie des
siebenten Jahrh. Abhandlungen der Berl. Ak. d. W. 1645.
*) Mab. Acta SS. 0. S. B. 11,617.
s) Bibi, de l’Ecole des Cbartes A. I, 321.
Digitized by Google
72
L Vorzeit. § 11. Fränkische Heiligenleben.
Erwerbung der Stola des h. Vincenz auf jenem Feldzuge ganz den
„Thaten der Franken “ entnommen, und deshalb die Herstellung jenes
Liedes aus den Worten der Lebensbeschreibung wohl ein verfehltes
Unternehmen.
§ 11. Fränkische Heiligenleben.
Aufser den bis jetzt erwähnten Geschichtswerken ist uns auB
der Zeit der Merowinger noch eine bedeutende Menge geschichtlichen
Materials erhalten in den Legenden der Heiligen, deren Zahl in
diesen Zeiten aufserordentlich grofs ist. Die meisten von ihnen sind
kirchliche Würdenträger und dadurch auch in die weltlichen Händel
verflochten: ihre Biographien würden unschätzbar sein, wenn sie
nicht erstlich zu ausschliefslich blofse Lobreden, zweitens zum gröfs-
ten Theile in späterer Zeit verfafst wären. Auch wo eine wirklich
gleichzeitige Aufzeichnung vorhanden war, besitzen wir doch häufig
nur eine spätere Ueberarbeitung; noch weit häufiger aber hat man
das Leben des Heiligen erst später nach unsicherer Ueberlieferung
beschrieben und wenige bekannte Züge zu einer ausführlichen Ge-
schichte ausgemalt. Natürlich wurden dann die Vorstellungen der
späteren Zeit auf diese schon weit entlegene Vergangenheit über-
tragen, und die unkritische Benutzung solcher Quellen trägt einen
grofsen Theil der Schuld an den falschen Ansichten, welche bis auf
die jüngste Zeit über die Zeit der Merowinger herrschend waren.
Dringendes Bedürfnifs ist deshalb eine genaue Untersuchung
aller dieser Legenden, aber bei der vorliegenden Aufgabe würde
eine solche Arbeit, welche allein schon ein ansehnliches Buch aus-
füllen müfste, uns viel zu weit führen; auch ist ohne handschrift-
liche Studien ein genügendes Resultat davon nicht zu erwarten.
Einzelne namhaft zu machen, würde daher von keinem Nutzen sein,
da aus den Werken von Mabillon und Bouquet eine Uebersicht des
Vorhandenen mit leichter Mühe zu gewinnen ist1). Eine vortreffliche
Charakteristik dieser ganzen Klasse der Litteratur giebt Ampöre in
seiner Litteraturgeschichte ; sehr beachtenswerthe Beiträge zur Kritik
derselben Roth in seiner Geschichte des Beneficialwesens.
Ich begnüge mich daher hier mit einer Betrachtung derjenigen,
welche eine nähere Beziehung auf Deutschland haben und die er-
neute Pflanzung des Christenthums auf deutschem Boden berühren.
*) Ueber viele, vorzüglich die zu dem späteren Gebiete des deutschen Reiches
in Beziehung stehen, giebt Rettberg die nöthigsten Nachweisungen. Einige Aus-
züge, besonders aus dem wichtigen Leben S. Leodegars, bei Abel hinter seinem
Fredegar.
Digitized by Google
Die Schottenmönche.
73
Die Franken haben sich damit nicht viel befafat; es kümmerte
sie wenig, dafs so viele ihrer Landsleute noch Heiden waren. Auch
bei ihnen war nicht viel mehr als die Sufsere Form der Recht-
gläubigkeit übrig geblieben, und fromme Männer fanden zu Hause
Spielraum genug für ihre Thätigkeit. Die Mission finden wir daher
in diesen Jahrhunderten fast ausschließlich in den Händen Schot-
tischer, d. h. nach dem Sprachgebrauch des früheren Mittelalters
Irländischer Mönche, welche damals alle Länder durchzogen.
In dieser Insel, welche allein ihre keltische Bevölkerung ungemischt
bewahrt hatte, die allen fremden Welthändeln ferne lag, war das
Christenthum mit dem hingehendsten Eifer aufgenommen worden,
und hier war bald nicht nur die strengste, mönchische Frömmigkeit,
sondern auch eine ernstliche wissenschaftliche Thätigkeit zu Hause ;
während im ganzen Westland die gelehrte Bildung unterzugehen und
zu verschwinden drohte, fand sie hier sorgsame Pflege, freilich nur
im Dienste der Kirche. Man schrieb die heiligen Schriften ab, man
lernte, um sie zu verstehen, lateinisch und griechisch, man beob-
achtete die Sterne, um die kirchlichen Feste berechnen zu können,
man übte die Musik für den Gottesdienst, baute Kirchen und Glocken-
thürme, man schmückte die Bücher der Kirchen mit kunstreicher
Malerei und ihre Altäre mit köstlichen Gefäfsen. Vorzugsweise aber
änfserte sich ihre Frömmigkeit in weiten Pilgerfahrten, in dem Ver-
lassen der Heimath, um in entlegener Fremde als Einsiedler zu
leben oder Klöster zu gründen, um unter Christen und Heiden das
Evangelium zu predigen1). Das Frankenreich war erfüllt von ihnen:
was gäben wir darum, wenn sie aufgeschrieben hätten, was sie sa-
hen, wenn sie uns über ihre Thätigkeit und ihre Schicksale zuver-
lässige Berichte hinterlassen hätten! Allein das lag ihnen ferne; sie,
die Meister im Schreiben, hatten für geschichtliche Aufzeichnungen
keinen Sinn, und nur, wo sie so bedeutend wirkten, dafs dauernde
Gründungen ihr Gedächtnifs bewahrten, hat ihr Andenken sich er-
halten. Aber in völlig nebelhaften Umrissen würde ihr Bild uns
verschwimmen, wenn nicht glücklicher Weise einer von ihnen, und
wohl von allen der hervorragendste, in Italien einen Biographen ge-
funden hätte. Das ist S. Kolumban, der Stifter von Bobbio2).
*) Vgl. F. Keller, Bilder und Schriftzüge in den irischen Manuscripten der
schweizerischen Bibliotheken. Mittheilungen der Antiquarischen Gesellschaft in
Zürich. VII, 3. 1851. Waltenbach, die Congregation der Scholtenklöster in Deutsch-
land, in der Archäologischen Zeitschrift von Ötte und v. Quast, Heft 1 u. 2.
2) Vita S. Columbani auct Jona abb. Bobiensi. Mab. Act. II, 5. Vgl. Rett-
berg II, 35. Im Auszug übersetzt von Abel, hinter Fredegar. Daran schliefst sich
als zweites Buch die V. Attalae abb. Bob. (Mab. II, 123) und Eustasü p. 116; die
74 I. Vorzeit § 11. Fränkische Heiligenleben.
Nach der Gewohnheit dieser Schottenmönche zog Kolumban
gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts mit zwölf Gefährten aus
von dem Kloster Benchuir oder Bangor; staunend und tief ergriffen
lauschte das Volk im Frankenreiche ihrer feurigen Beredtsamkeit,
die entartete Geistlichkeit aber scheute die strengen Bufsprediger
und fürchtete ihren Einflufs auf die Menge. Die Könige dagegen
nahmen sie willig auf, ihr Eifern gegen die ganz verfallene Kirchen-
zucht war ihnen willkommen, und auf Childeberta Wunsch liefs Ko-
lumban sich in den Vogesen nieder; zahlreiche Schüler strömten
ihnen zu, und bald erhoben sich Klöster in der Wildnifs, vor allem
Luxeuil. Es waren das nicht grofsartige Gebäude, wie in der
späteren Zeit, sondern wie einst S. Severins Ansiedelungen Haufen
unscheinbarer Hütten, in deren Mitte eine kleine Kirche sich erhob ;
neben ihr der runde Thurm, der die Glocken trug, und im unteren
Geschofs, von der Erde nur auf Leitern zugänglich, eine Zuflucht
in Zeiten der Gefahr darbot.
Aber Kolumbans Feuereifer schonte auch der Könige nicht;
keine menschliche Rücksicht konnte ihn bestimmen, zu dem sitten-
losen Treiben des austrasischen Hofes zu schweigen, und furchtlos
trat er den Ausschweifungen Theuderichs entgegen. Den Bischöfen
war er längst zuwider; schon die blofse Anwesenheit dieser Mönche
im Lande veranlafste zu Vergleichungen ihres ascetisch strengen
Lebens mit dem lockeren Wandel der merowingischen Prälaten. Die
Abweichungen der irischen Kirchengewohnheiten von den gallischen
boten eine Waffe dar, man erklärte sie für ketzerisch und so ver-
trieb denn endlich Brunhilde, deren Zorn er verachtet hatte, den
Kolumban sammt seinen Genossen. An den Höfen der anderen
Frankenkönige fanden sie ehrfurchtsvolle Aufnahme, aber nirgends
eine bleibende Stätte; sie begaben sich daher nach Alamannien, wo
ungeachtet der Frankenherrschaft und der Bestimmungen des Volks-
rechts doch das Heidenthum noch stark war. Drei Jahre lang blieb
Kolumban zur Bekämpfung desselben in Bregenz. Dann aber ver-
liefe er das Frankenreich gänzlich und begab sich in das Lango-
bardenreich, wo Theudelinde, die Freundin Gregors des Grofsen,
ihn mit Freuden aufnahm. Hier stiftete er nun das Kloster Bobbio
zur Vertilgung der Reste arianischer Ketzerei, und noch jetzt zeigen
die zerstreuten Handschriften dieses Klosters die alten irischen
Schriftzüge, Erinnerungen an die Heimath wie die Versus famüiae
Benchuir, und die altbritische Liturgie. Mit vollem Eifer Uberliefsen
Vita Burgundofarae oder Gesta in coenobio Ebroicensi p. 439 und V. Bertulfi abb.
Bob. p. 160.
Digitized by Google
Vita Columbani et Galli.
75
sie sich hier ihrer Lieblingsneigung zum Schreiben; die unverständ-
lich gewordenen Ueberbleibsel der gothischen Litteratur und Frag-
mente von alten Prachthandschriften der Klassiker benutzten sie,
um auf das reingewaschene Pergament die Werke der rechtgläubigen
Kirchenväter zu schreiben. Sie retteten jene Pergamentblätter da-
durch vom Untergang, und es war auch nicht etwa ein fanatischer
Hafs gegen die heidnischen Schriftsteller, welcher sie zur Vertilgung
derselben antrieb. An Handschriften derselben war damals noch
kein Mangel, und sie selber benutzten dergleichen zur Erlernung der
Sprachen; finden wir doch unter den Schulbüchern zu Bobbio auch
den Ovid.
Am 21. November, wahrscheinlich i. J. 615, ist Kolumban ge-
storben. Drei Jahre nach seinem Tode kam Jonas aus Susa in
das Kloster Bobbio, wo er später Abt wurde. Dieser beschrieb das
Leben des Kolumban und seiner Schüler Eustasius und Agilus,
die ebenfalls als Missionare von Luxeuil ausgingen; dann des Ber-
tulf, Abtes von Bobbio, und der Burgundofara, welche Kolum-
ban zur Nonne geweiht hatte. Jonas verräth seine italische Her-
kunft und den Unterricht der Grammatiker durch seine unerträglich
schwülstige Schreibart, aber er hat uns aufserordentlich schätzbare
Nachrichten auf bewahrt.
Einer von jenen ursprünglichen zwölf Gefährten, die mit Ko-
lumban von Bangor auszogen, war Gallus, in älterer Form Callo,
Gallunus, der in Alamannien zurückblieb, als sein Meister über die
Alpen zog, und zuerst die Bekämpfung des Heidenthums am Boden-
see fortsetzte, dann aber als Einsiedler in das wildeste Gebirge sich
zurtickzog. Als dann nach seinem Tode das Grab des Heiligen
immer häufiger von irischen Pilgern äufgesucht wurde und immer
mehrere von ihnen, so wie auch von den Alamannen, sich hier
niederliefsen, erwuchs aus dem unscheinbarsten Anfang das Kloster
8. Gallen, und so wie die kleine Zelle des Gottesmannes der Kern
und Anfang dieser reichen Stiftung ist, so schlofs sich in gleicher
Weise an die Lebensbeschreibung des Stifters1) die später so be-
deutende Litteratur von S. Gallen. Mancher merkwürdige, nament-
lich culturgeschichtlich bedeutende Zug ist darin aufbewahrt, aber
geschrieben ist sie erst nach 771, um mehr als ein Jahrhundert nach
dem Tode ihres Helden, der um das Jahr 640 gestorben ist, und
deshalb mit mehr Vorsicht zu benutzen, als gewöhnlich zu geschehen
pflegt.
*) Mon. SS. II, 1. Daraus Acta SS. Oct. VII, 860. Vgl. Stalins Wirt. Gesch.
II, 167, Rettberg II, 40. Uebersetzung von Potthast, 1857.
Digitized by Google
76
J. Vorzeit. § 11. Fränkische Heiligenleben.
Von Kolumbans Stiftung Luxeuil ging auch das Kloster Gran-
val im Baseler Sprengel aus, und das Leben des ersten Abtes Ger-
manus1), der um die Mitte des siebenten Jahrhunderts erschlagen
ist, wurde bald nachher von Bob ölen beschrieben.
Noch andere Klöster Alamanniens führten ihren Ursprung auf
irische Mönche zurück und haben es auch nicht an Lebensbeschrei-
bungen ihrer Stifter fehlen lassen, die aber erst spät entstanden und
völlig unbrauchbar sind. Merkwürdig ist es aber, dafs man in spä-
terer Zeit in diesen Gegenden so gewohnt war, die Begründer der
Klöster aus der merowingischen Zeit als Schotten zu betrachten, dafs
man sie in den Legenden unbedenklich dafür ausgab, wenn auch
gar kein Grund dazu vorhanden war; auch Franken, wie Arbogast
und Trudpert erscheinen da als Schotten, und sogar S. Rupert, der
Apostel der Baiern, wird ihnen zugezählt.
Freilich sind in Baiern ebenfalls Schotten thätig gewesen, ob-
wohl hier die namhaftesten Missionare Franken waren. Die Kirchen-
gründungen aber entstanden nach irischer Weise in der Form von
Klöstern, deren Aebte auch zugleich das bischöfliche Amt verwal-
teten. So war es in Salzburg, Regensburg und Freising, und die
Rivalität zwischen den Bischöfen und den Klöstern von S. Emmeram,
S. Korbinian und S. Peter zieht sich fort bis in die neueste Zeit.
Es ist kaum glaublich, dafs nicht im Laufe des siebenten Jahr-
hunderts einzelne Missionare, Franken und Iren, in Baiern sollten
thätig gewesen sein; das Heidenthum war erschüttert, Fürst und
Volk zur Annahme des Christenthums bereit, und der Herzog Theodo
berief selbst i. J. 696 den Bischof Rupert von Worms zu sich, um
ihn mit seinen Baiern zu taufen. Er wurde der Begründer des
Christenthums in Baiern, der Stifter von S. Peter in Salzburg, von
wo sein Nachfolger Virgil (743 — 784), ein Irländer, das Evange-
lium auch zu den karantanischen Slaven trug.
Auch ein fränkischer Bischof, Emmeram von Poitiers, verliefs
im Anfang des achten Jahrhunderts seine Heimath, um auf diesem
Felde zu wirken, und sein Grab wurde der Grundstein der Regens-
burger Kirche; Korbinian, ebenfalls ein Franke, legte den Grund
zu der Freisinger Kirche2).
Unsere Nachrichten Uber diese Begebenheiten sind aber leider
sehr unzulänglich ; am zuverlässigsten ist noch der kurze Bericht Uber
S. Rupert, welcher den Eingang der Schrift über die Bekehrung der
') Mabillon, Acta SS. II, 511.
a) Vgl. die Abhandlung von Blumberger: Ueber die Frage vom Zeitalter des
h. Rupert, im Archiv der W. A. X, 329 — 368.
Digitized by Google
S. Rupert. Emmeram. Korbinian. Kilian.
77
Baiem bildet und wohl auf alte Aufzeichnungen zurückzuflihren ist1).
Dagegen sind die Legenden von Emmeram2) und Korbinian 3) zuerst
vom Bischof Aribo von Freising (764 — 784) nach der münd-
lichen Ueberlieferung verfafst und von sehr geringem Werthe. Ein
anstöfsiger Umstand darin ist die Reise der beiden Missionare nach
Rom; denn erst die Angelsachsen hielten es für notli wendig, sich
von dort die Vollmacht zur Missionsthätigkeit zu holen, während
vorher den Franken wie den Iren ein solcher Gedanke ganz fern lag.
Später aber galt diese Erlaubnils für so unerläfslich, dafs die Le-
gendenschreiber sie auch für die ältere Zeit ganz unbedenklich als
selbstverständlich annahmen. Sie erzählen daher eine solche Reise
als Thatsache, und nennen den Papst, der nach ihrer Berechnung
der Zeitverhältnisse damals regiert hatte. Die neueren Gelehrten
haben dann wieder umgekehrt nach dem Namen des Papstes die
Zeit des Heiligen bestimmt und dadurch die Verwirrung vollständig
gemacht; ein Fehler, von dem auch Rettberg nicht frei ist. Dafs
die Sache sich aber wirklich so verhielt, zeigt sich deutlich an den
Legenden, die in ihrer älteren noch erhaltenen Form nichts von
einer solchen Reise nach Rom wissen, während sie in den späteren
Bearbeitungen eingeschoben ist. Das ist der Fall bei dem heiligen
Patricius, bei S. Rupert; auch Gregor von Tours läfst sein späterer
Biograph Odo nach Rom reisen.
• Denselben Umstand finden wir auch im Leben des heiligen
Kilian4), des ersten bekannten Missionars unter den Ostfranken.
Auch er war mit mehreren Begleitern aus Irland gekommen, und
l) Mon. SS. XI, 4. 5. Doch kann ich dem von Büdinger Oest. Gesch. 1, 101
geltend gemachten Grunde für die Abfassung des ersten Theils unter Virgil nicht
beistimmen. Auch hat Blumberger: Ueber die Frage, ob der heilige Rupert das
Apostelamt in Baiem bis an sein Lebensende geübt habe, im Archiv d. W. A.
XVI, 225 — 238, mich nicht von Ruperts Rückkehr nach Worms überzeugt, da es
mir unglaublich ist, dafs die Translation der Gebeine vergessen oder unerwähnt
geblieben sein könnte. — Unbrauchbar ist das nach der Elevation von 816 ge-
schriebene Leben Trudperts, den man wohl nur wegen der Aehnliehkeit des
Namens zu einem Bruder Ruperts machte, bei Mone, Quellens. S. 19. Vgl. Stalin
I, 67. Rettberg II, 48.
») Acta SS. Scpt. VI, 474. Vgl. Rettberg II, 189.
3) Meichelbeck Hist. Fris. I, 2 p. 3. Acta SS. Sept. III, 281. Vgl. Rettberg
II, 213 und über beide M. Büdinger, Zur Kritik altbaierischer Geschichte. Aus den
Sitzungsber. der W. Ak. 23. Darin wird auch die früher herrschende Ansicht von
der Anwesenheit des Eustasius und Agilus in Baiem bekämpft. Dess. Oest. Gesch.
I, 85. 94 u. über Aribo S. 141.
4) Canis. III, 1, 180. Mab. II, 991. Vgl. Stälin I, 167. Rettberg II, 303.
Ueber die in Kilians Grab gefundene Bibel in Uncialschrift Eckhardt Franc. Or.
1, 451. Irische Handschriften in Würzburg: Archiv VII, 106. Catalogue of Ma-
nuscripts in tbe British Museum. New Series I. 1834 fol. Tab. 1, 3. Oegg,
Korographie von Würzburg. Zeuls, Grammatica Celtica p. XX.
Digitized by Google
78 I. Vorzeit. §11. Fränkische Heiligenleben.
seine Wirksamkeit ist bezeugt durch die hohe Verehrung seines
Namens; wie an S. Gallus Grabe, so scheinen sich auch in Wttrz-
burg seine Landsleute zahlreich eingefunden zu haben, und noch
jetzt finden wir ihre Spuren in den irischen Schriftzllgen der dortigen
Handschriften. Die Lebensbeschreibung aber ist erst im zehnten
Jahrhundert verfafst und fast ganz werthlos.
Diese irischen und fränkischen Missionare bereiteten den Boden
vor für die Angelsachsen, mit deren Auftreten ihr Stern erlischt.
Ihre Pflanzungen waren zu vereinzelt, um sich erhalten zu können,
es fehlte ihnen die feste Organisation, durch welche jene so stark
waren, und die vereinzelten Mönche konnten sich von Entartung
und Verwilderung nicht frei halten. Ihre EigenthUmlichkeiten in
Lehre und Gebräuchen brachten sie bald in Streit mit den Angel-
sachsen, und es ist ferner nicht mehr die Rede von ihnen. Nur als
Pilger erscheinen sie noch, geschätzt wegen ihrer strengen Ent-
sagung, wegen ihrer Fertigkeit im Schreiben, und häufig auch noch
wegen ihrer Gelehrsamkeit; aber als Missionare finden wir sie nur
zur Zeit der Merowinger genannt.
Geschichtliche Nachrichten aus dieser Zeit haben sie selbst uns
durchaus nicht überliefert; man sollte meinen dafs ihnen der Sinn
für historische Aufzeichnung der Begebenheiten gänzlich fehlte. In
der Heimath aber verfafsten sie doch Jahrbücher, deren Anfänge
sehr alten Zeiten zugeschrieben werden, und sie mögen wohl nicht
ganz ohne Einflufs auf die Entstehung der jetzt im Frankenreiche
aufkommenden Klosterannalen gewesen sein. An der Spitze der-
selben finden wir hin und wieder irische Namen, so in Murbach
aus den Jahren 704 — 707; ein Zeichen dafs ein Anfang annalistiseher
Aufzeichnung von ihnen nach diesem erst 727 gegründeten Kloster
mitgebracht wurde. Andere Annalen gehen auf Lindisfam zurück,
eine irische Stiftung in England; aber diese sind nicht unmittelbar,
sondern über Canterbury ins Frankenreich gekommen, wie denn
überhaupt diese Annalen von den Angelsachsen, nicht von den Ir-
ländern ihren Anfang nehmen.
Die Schotten stehen in der genauesten Beziehung zu der alten
fränkischen Kirche, und gehören mit dieser wesentlich der mero-
wingischen Periode an; sie haben manche Keime gelegt und anregend
gewirkt, aber eine neue frische Entwicklung war ira merowingischen
Reiche und auf dem alten Boden nicht mehr möglich ; schon in den
letzten Zeiten der Merowinger knüpft sich alles wirklich Lebensfähige
an das neue Geschlecht der Arnulfinger, und wir beginnen deshalb
mit seinem Auftreten einen neuen Zeitraum.
Digitized by Google
II. DIE KAROLINGER.
Vom Anfang des achten bis zum Anfang des zehnten Jahrhunderts.
§ 1. Neue Anfänge der Geschichtschreibung.
Fredegara Fortsetzer.
Ausgaben, mit Fredeg&rs Chronik. Uebersetzung von Abel ebend. und von 735 an bei
Einhards Annalen. — Cauer de Karolo Martello. Berl. 1846. 8. Breysig de con-
timiato Fredegarii scholastici chronico. Berl. 1849. 8. Oelsner de Pippino rege
VratisL 1853. 8. p. 24 — 34 de Chronico Fredegarii continuato.
Das Haus der Karolinger bewies von Anfang an seine Be-
rechtigung zur Herrschaft dadurch, dafs es allein im Stande war,
das Reich herzustellen, dem weit vorgeschrittenen Verfall Einhalt
zu thun, und auf neuen Grundlagen ein neues Zeitalter zu begründen.
Auch das Wiedererwachen der Geschichtschreibung knüpft sich an
ihr Auftreten : mit dem Jahre 687, mit der Schlacht bei Testry, be-
ginnen die Annalen von S. Amand.
Fredegars Chronik war in Burgund, das Buch von den Thaten
der Franken in Neustrien geschrieben, ein Austrasier aber war es,
der im Jahr 735 es unternahm, das Werk des Fredegar fortzusetzen.
Für die Merowinger hat er keine Theilnahme mehr, ihre Folge, ihre
Schicksale kümmern ihn nicht; er entnahm die Ereignisse der Jahre
642 bis 720 aus den Thaten der Franken, aber während er manches
die Merowinger betreffende ausliefs, hebt er dagegen überall das
karolingische Haus hervor. Werth hat seine Arbeit wenig, und auch
seine eigene Fortsetzung bis zum Jahre 735 ist sehr unvollkommen;
man erkennt darin die eiserne Zeit Karl Marteis, in der gegen die
Kriegesnoth alle anderen Rücksichten zurücktreten mufsten ; es galt
vor allen Dingen erst die materielle Grundlage für eine neue Ent-
wickelung zu gewinnen.
Etwas besser, wenn gleich noch immer sehr dürftig, sind die fol-
genden Fortsetzungen, die zweite bis 741, die dritte bis 752, welche Karl
Marteis Bruder Childebrand veranlafste, und endlich die letzte bis 768,
die auf Befehl von Childebrands Sohn Nibelung geschrieben wurde.
Digitized by Google
80 II. Karolinger. § 1. Fredegars Fortsetzer. § 2. Angelsachsen.
So wie das ganze Reich von den Merowingern an die Karolinger
überging, so wurde auch die einzige Chronik der Franken zu einer
Familienchronik des karolingischen Hauses. Sie gewinnt dadurch
gewissermafsen einen officiellen Charakter, und damit eine gewisse
Glaubwürdigkeit; andererseits leidet sie aber auch an den Mängeln
solcher amtlicher Aufzeichnungen. Je näher die Verfasser den Ka-
rolingern standen, je besser sie unterrichtet waren, um so mehr
hüteten sie sich auch etwas aufzunehmen, was den Machthabern un-
angenehm wTar. Es genügt in dieser Beziehung, den einen Umstand
hervorzuheben, dafs die bedeutenden und gefährlichen Unruhen,
welche Grifo, Karl Marteis Sohn von der Swanhilde erregte, hier
mit gänzlichem Stillschweigen übergangen werden. Eine vollständige
und unparteiische Uebersicht der Begebenheiten darf man daher bei
diesen Fortsetzern des Fredegar nicht suchen1).
Mit dem kriegerischen Ruhme vereinigte das karolingische Haus,
wie es zu einer hervorragenden Stellung damals fast unerläfslieh
war, auch den kirchlichen. Klosterstiftungen und klösterlich frommer
Lebenswandel schmücken ihren Stammbaum mit Heiligen, wie Ger-
trud und Begga, und auch dem Ahnherrn, Bischof Arnulf von
Metz, wurde mit gutem Recht die dankbare Verehrung der Nach-
kommen zu Theil. Sein Leben ist auch von einem Zeitgenossen be-
schrieben worden, aber von so einseitig beschränktem Standpunkt
der mönchischen Frömmigkeit, dafs der Geschichte nur wenig Ge-
winn daraus erwächst2).
§ 2. Die Angelsachsen.
Die zahlreichen Missionen der irischen Mönche vermochten doch
nichts dauerndes zu schaffen, und auch in der Heimath konnte diese
alte, vereinzelte Kirche sich der römisch-englischen Uebermacht nicht
erwehren. Sie unterlag überall, aber nicht etwa der äufsem Ueber-
macht allein; in jeder Weise wurden die Angelsachsen ihrer alten
Lehrer Meister. In den grofsen Weltchroniken des Mittelalters finden
wir kaum eine Erwähnung von Irland; die Reiche der Angelsachsen
1) Zu vergleichen ist für diese Zeit noch das in die Metzer Annalen auf-
genommene Fragmentum de Pippino ditce b. Freber, Corpus SS. Franc, p. 168—170,
welches nach Perlz, Mon. I, 315 nicht vor dem achten oder neunten Jahrhundert
verfafst ist, u. der Libellus de Maioribus domus, Bouq. II, 699 aus Du Chesne
SS. 11 , 1 , der wohl auch nicht vor dem neunten Jahrhundert geschrieben ist
Ferner das von Willhem excerpirte Fragmentum historicum ex libro aureo
Eptemacemi Uber die Jahre 714. 715, herausgeg. von Reiffenherg im Bulleün de
l’Academie de Bruxelles. 1843. X, 2,264. cf. Archiv XI, 338.
2) Vita Arnulfi b. Mab. U, 150. Acta SS. Jul. IV, 435; vgl. Rettberg 1,488.
Auszug bei Abels Fredegar S. 96.
Vita Arnulfi. Beda.
81
aber treten auffallend in den Vordergrund für lange Zeit. Das ist
der Einflufs des Beda, dessen englischer Kirchengeschichte diese
Angaben entnommen wurden. Einen Manu wie diesen Beda hat die
gesammte irische Kirche nicht hervorgebracht; er war der Lehrer
des ganzen Mittelalters. Durch mathematische Kenntnisse haben
gerade die Schotten sich ausgezeichnet, auf ihren Unterricht mag
ein bedeutender Theil der Gelehrsamkeit Bedas sich, wenn auch nur
mittelbar, zurlickflihren lassen, ihm aber war es Vorbehalten, durch
die Gediegenheit und Fafslichkeit seiner Lehrbücher für Jahrhunderte
in jedem Kloster die Anleitung zu den nötliigen astronomischen
Kenntnissen zu geben; wo man es verschmähte tiefer einzudringen,
benutzte man wenigstens seine Ostertafeln, als unentbehrliches IlUlfs-
mittel der kirchlichen Zeitrechnung. Sein Martyrologium ist die
Grundlage aller späteren Umarbeitungen; seine kleine Chronik von
den sechs Weltaltern (bis 726) war überall bekannt, und die Kirchen-
geschicbte Englands wurde um so eifriger gelesen, da man hierin
den Ursprung der eigenen Kirche erkannte, so wie sie andererseits
das Bewufstsein dieser Verbindung wach erhielt1). Hatten die Mis-
sionare der Schotten nicht durch Frömmigkeit allein, sondern auch
durch mancherlei Kenntnisse und Gelehrsamkeit die Bewunderung
der Franken erregt, so überragten doch nun die Angelsachsen noch
in weit höherem Mafse alles was man bis dahin gekannt hatte.
Schon vor Beda hatte die angelsächsische Mission begonnen,
welche sich hauptsächlich den stammverwandten Sachsen und Friesen
zuwandte. Ein charakteristischer Unterschied dieser Mission von
der schottischen liegt in ihrem Verhältnil's zum römischen Stuhl :
seitdem S. Augustin, von Gregor dem Grofsen gesendet, die englische
Kirche begründet hatte, war diese in der engsten Verbindung mit
Rom geblieben, und von da aus geleitet, wurde die Kirchenverfassung
fest und sicher organisirt. Dadurch gewann diese Mission einen
ganz anderen Boden, und war nicht der Vereinzelung und der daraus
folgenden Verwilderung ausgesetzt, welche den Erfolg der Schotten-
predigt auf einzelne Klosterstiftungen beschränkte.
An zuverlässigen Lebensbeschreibungen der älteren unter diesen
Glaubensboten fehlt es freilich auch, und ihre Wirksamkeit würde
uns in nicht minder zweifelhaftem Dämmerlichte erscheinen, wie
die der Schottenmönche, wenn nicht die englische Kirche, von der
sie ausgingen, in helleren Umrissen vor uns stände, und vor allem
Beda uns so manche sichere Nachricht aufbewahrt hätte.
*) Beda st. 735. Opera ed. Giles. Lond. 1843 ff. 12 Bände 8. Bd. 1— 4 die
historischen Schriften. Opera historica ed. Stevenson 1841. 8. 2 Bde.
G
Digitized by Google
82
II. Karolinger. § 2. Angelsachsen.
Augustin, der erste Erzbischof von Canterbury, starb im Jahre
608. Schon sein Schüler Livin soll in Friesland gepredigt haben,
seine Lebensbeschreibung aber ist ein späteres betrügliches Mach-
werk. Da sie fälschlich dem Bonifacius zugeschrieben wird, findet
sie sich in der Sammlung seiner Schriften1).
Auch Wilfrid, Erzbischof von York, der im J. 709 gestorben
ist, hat unter den Friesen gepredigt, als er auf einer Reise nach
Rom an ihre Küste verschlagen wurde2). Besonderes Verdienst um
die Mission erwarb sich aber Egbert, der Abt des Klosters Hy, in
welchem er die bis dahin dort herrschende irische Weise durch die
siegreiche römisch -englische verdrängte. Er entsandte zum Friesen-
fürsten Radbod den Wigbert3), und nach dessen Heimkehr im Jahr
690 denWilbrord mit elf Gefährten. Dieser begründete 698 das
Kloster Epternach, aber nicht allein als Stätte eines stillen beschau-
lichen Lebens, sondern als Ausgangspunkt für seine Thätigkeit, und
mit Karl Marteis Hülfe gelang ihm sodann auch die Stiftung des
Bisthums Utrecht, wo er im J. 739 als erster Bischof verstorben
ist. Sein Leben ist erst lange nach seinem Tode von Alkuin be-
schrieben worden, und später noch einmal von Theofrid, Abt von
Epternach, überarbeitet4).
Gleichzeitig mit ihm predigte auch Suibert, der Stifter von
Kaiserswerth, von dem jedoch nur wenig bekannt ist. Das merk-
würdigste Andenken, welches er uns hinterlassen hat, sehr be-
zeichnend für die höhere und feinere Bildung, welche diese Angel-
sachsen in der Heimath pflegten und von da ins Frankenreich
verpflanzten, ist die schöne Handschrift des Livius, welche er mit-
gebracht hat, und die jetzt zu den kostbarsten Schätzen der Wiener
Hofbibliothek gehört. Seine Biographie dagegen, angeblich von
Liudgers Genossen Marchelm oder Marcellinus verfafst, ist ein grober
Betrug späterer Zeit3).
Unter den Sachsen predigten der weifse und der schwarze
Ewald, deren Lebensbeschreibung aus Beda entnommen, aber
völlig sagenhaft ist6). Später folgte ihm Liafwin, jedoch erst um
770, nachdem vielleicht schon mancher Glaubensbote vergeblich, und
ohne das Andenken seines Namens zu hinterlassen, versucht hatte
*) Vgl. Rettberg II, 509. — 3) Reitberg II, 511. — 3) Reitberg II, 513.
4) Rettberg II, 517 ff. Bähr 194. Dederich, Beiträge i. römisch -deutschen
Geschichte am Niederrhein. Anhang : Das Leben des h. Willibrord nach Alkuin,
nebst erläuternden und ergänzenden Anmerkungen. Emmerich 1850. 8. Ernenda-
tionen von Deycks, Münster 1856. 4.
6) S. Rettberg II, 396. — *) Rettberg II, 397.
Digitized by Google
Angelsächsische Missionare. Vita Bonifarii.
83
das starre Heidenthum der alten Sachsen zu überwinden. Das
Leben Liafwins, von Hucbald, Abt von S. Amand, ist nicht ohne
Werth, aber doch erst in viel späterer Zeit, im zehnten Jahrhundert
verfafst l).
In Franken finden wir Burchard, den Bonifaz zum ersten
Bischof von Würzburg weihte, wo S. Kilian mit seinen Genossen
den Boden bereitet hatte. Auch seine Lebensbeschreibung aber ist
spätem Ursprungs, und von geringem Werthe3).
Die erste wirklich gleichzeitige Lebensbeschreibung finden wir
von Winfrid, dem Stifter der neuen fränkischen Kirche, der alle
die einzelnen Pflanzungen seiner Vorgänger zusammenfafste in eine
mächtige Organisation, und ihnen dadurch die Kraft zum dauernden
Bestehen gab, der zugleich die alte verfallene fränkische Landes-
kirche emporrichtete, und bo im Verein mit den karolingischen
Herrschern das gewaltige Gebäude aufführte, in dem die neu liervor-
spriefsende geistige Bildung für viele Jahrhunderte eine gesicherte
Stätte finden sollte, mitten unter allen Stürmen und Drangsalen der
kampferfüllten Zeiten. Allein die Schilderung seines Lebens und
seiner Wirksamkeit liegt unserer Aufgabe fern; wir müssen uns hier
begnügen auf die ausführliche Darstellung Rettbergs I, 331 ff. zu
verweisen, wo auch genauere Nachweisungen Uber seine Biographen
zu finden sind3). Von noch weit gröfserem Werthe für uns ist die
Sammlung von Bonifaz eigenen Briefen und den päpstlichen Schreiben
an ihn; aber auch die bald nach seinem Tode, noch zu Pippins
Lebzeiten verfafete Biographie enthält schätzbare Nachrichten, und
erhebt sich weit Uber die früheren Leistungen der Art. Der Ver-
fasser war ein Priester Namens Willibald, der im Kloster S. Victor
bei Mainz lebte, und auf Veranlassung der Bischöfe Lullus von
Mainz und Megingoz -von WUrzburg seine Arbeit unternahm. Lullus
besonders versah ihn mit Nachrichten, so wie auch andere Schüler
Winfrids, den Willibald selbst nicht gekannt hatte. Dieser ist frei-
lich hinter einer genügenden Behandlung seiner grofsen Aufgabe
zurückgeblieben, und auch seine Sprache ist noch weit entfernt von
der Reinheit der karolingischen Latinität, aber er bezeichnet doch
schon den Anfang einer besseren Zeit; er hat in der Schule seine
Classiker gelesen, und sein Hauptfehler besteht darin, dafs er es zu
*) Rettberg II, 405; vgl. unten Kap. II, § 14. III, § 10.
*) Retlberg II, 314.
s) Dazu kommt noch die Ausgabe der Opera S. Bonifacii von Giles, Lond.
1844. 2 Bde 8. Ein Brief vollständiger in: Anecdota Bedae, Lanfranci et alioruin
ed. Giles. 1851. 8.
6*
Digitized by Google
84 II. Karolinger. § 2. Angelsachsen. § 3. Annalen.
gut machen will, dafs er im Streben nach einem gewählten Stil in
Verkünstelung verfällt, während er doch in den Grundregeln der
Grammatik noch keinesweges sicher ist1).
Von Lullu8, Bonifazens Schüler und Nachfolger, besitzen wir
ebenfalls eine Biographie, die aber späteren Ursprungs und wenig
bedeutend ist2).
Dagegen ist als ein merkwürdiges Denkmal dieser Zeit noch
das Leben der beiden Brüder Willibald und Wunnibald zu
nennen8), verfafst von einer Nonne des Klosters Heidenheim, welches
Wunnibald gestiftet hatte und bis zu seinem Tode (um 763) leitete,
während Willibald von Bonifaz zum ersten Bischof von Eichstedt
geweiht wurde. Wie diese Brüder, so stammte auch die Verfasserin,
welche mit ihnen verwandt war, aus England, und zeigt uns, was
auch aus Bonifaz Briefen hervorgeht, wie sehr lebhaft dort auch die
Nonnen an den gelehrten Studien Antheil nahmen. Freilich wurde
auch sie, wie es leider so häufig vorkam, durch ihre Gelehrsamkeit
zu einer sehr gezierten und schwülstigen Schreibart verleitet; in
auffallender Weise unterscheidet sich davon durch seine Einfachheit
in dem Leben Willibalds der Bericht über seine Pilgerfahrt nach
dem gelobten Lande, welcher darin besonders hervortritt und den
gröfsten Raum einnimmt. Es scheint dafs hierin ein Dictat des
frommen Pilgers unverändert vorliegt*).
Nach Wunnibalds Tod übernahm seine Schwester Walburga
die Leitung des Klosters zu Heidenheim, und auch von dieser be-
sitzen wir eine Biographie, welche aber erst im neunten Jahrhundert
von Wolfhard von Herrieden verfafst ist5).
§ 3. Die Annalen.
In dem Abschnitte, bei welchem wir jetzt verweilen, in den
Anfängen der karolingischen Periode, beginnt zuerst ein Zweig der
Geschichtschreibung ans Licht zu treten, welcher sich aus den un-
scheinbarsten Anfängen zu einer wahren Kunstform rasch entwickelte,
und dem wir grofsentlieils die festen Grundlagen der älteren Ge-
schichte des Mittelalters verdanken, nämlich die Jalirzeitbücher oder
1) Ausgabe von Pfrtz, Mon. SS. II, 331 — 353. Bahr S. 190. Uebersetzung
von II. E. Bonneil, Berlin 1856. 8.
2) Ada SS. Oct. VIII, 1083.
8) Retlberg II, 351. MabiUon, Acta SS. III, 2, 367. 186. (330—346 und
160— 172 ed.Ven.)
*) nach Hahn, die Reise des h.Willibald nach Palästina, im Jahresbericht über
die Louisenstädt. Realschule, Berlin 1856. 4.
5) Rettberg 11,359. Mab. Acta SS. 111,2,287. (260-276 ed.Ven.) Ada
SS. Feb. III, 523.
Digitized by Google
Vil» Willibaldi. Anfang der Annalen.
85
AnDalen. Augenscheinlich durch die Mission veranlafst, kommen sie
jetzt an verschiedenen Orten zum Vorschein. Es bedurfte eben keiner
neuen Erfindung um Jahr für Jahr die wichtigsten Ereignisse gleich-
zeitig mit wenigen Worten aufzuzeichnen ; wir haben ähnliches schon
aus der römischen Zeit zu erwähnen gehabt, und es mag auch hin
und wieder im merowingischen Reiche geschehen Bein, aber erhalten
haben sich keine Beispiele davon. Einst hatten die Verzeichnisse
der Consuln den passendsten Raum dazu dargeboten, jetzt waren
es die überall verbreiteten Ostertafeln, deren Rand schon von selbst
dazu aufforderte, neben der Jahreszahl kurze Nachrichten einzu-
tragen. Das älteste, aber vereinzelte Beispiel aus Italien (oben S. 40)
gehört noch dem sechsten Jahrhundert an; dann finden wir der-
gleichen in Irland und England, und die Missionare, denen Bedas
Ostertafeln wohl selten fehlten, behielten die heimische Sitte bei.
Mit den Ostertafeln selbst wurden nun auch die Randbemerkungen
abgeschrieben, und gingen so von einem Kloster ins andere Uber;
bald fing man an darauf Werth zu legen, schrieb die noch ganz
kurzen und mageren, völlig formlosen Annalen auch abgesondert
ab, setzte sie fort, verband sie mit anderen, und machte sich end-
lich auch an die Arbeit, die dürftige Kunde Uber die frühere Vor-
zeit durch Benutzung anderer Quellen, aus Schriftstellern aller Art,
aus der Sage und gelehrten Berechnung zu ergänzen.
Daraus ergiebt sich nun, wie verschiedenartig, von wie un-
gleichem Werthe der Stoff ist, welchen diese Jahrbücher uns dar-
bieten. Vielfache Fehler konnten schon beim Abschreiben nicht aus-
bleiben. Der Rand der Ostertafeln hatte häufig nicht ausgereicht;
dann waren Bemerkungen unten, oben, an verschiedenen Stellen
nachgetragen1), durch Zeichen auf das betreffende Jahr bezogen,
und oft ist es Belbst, wenn das Original noch erhalten ist, schwer
sich darin zurecht zu finden. Gedankenlose Abschreiber haben dann
nicht selten die allergröfste Verwirrung angerichtet, zuweilen gar die
Jahreszahlen ganz fortgelassen.
Um diese Annalen also mit Sicherheit benutzen zu können, um
an ihnen wirklich eine zuverlässige Grundlage für die Zeitrechnung
zu gewinnen, kommt natürlich alles darauf an, ihre Herstammung
und Abkunft zu erforschen, spätere Zusätze auszuscheiden, ihrem
Ursprung so nahe wie möglich zu kommen, wenn man nicht das
Original selbst noch aufzufinden vermag.
Das ist es, was in umfassender Weise für die gesammte Masse
der Annalen aus karolingischer Zeit zum ersten Male von Pertz im
*) Vgl. die Schriftprobe der Annales Corbeienses, Mon. SS. III. Tab. 1.
Digitized by Google
86
II. Karolinger. § 3. Die Annalen.
ersten Bande der Monumente geleistet worden ist, und zwar in so
meisterhafter Weise, dafs nur wenig Nachträge später nothwendig
wurden, und für alle weiteren Forschungen die sicherste Grundlage
gewonnen war1).
Aus den belgischen Landen ging das Haus der Arnulfinger
hervor, und in diesen Gegenden lagen die alten Besitzungen der
vereinigten Geschlechter Pippins und Arnulfs; hier errichteten sie
ihre Klöster unter des Hauses frommen Töchtern. Da ist es leicht
erklärlich, dafs man gerade in diesen Gegenden auch zuerst daran
dachte, die Begebenheiten einer Zeit aufzuzeichnen, welche wieder
Hoffnungen erweckte, welche nicht mehr die Seelen mit dem trost-
losen Gedanken des nahe bevorstehenden Unterganges der Welt er-
füllte. Mit der Schlacht bei Testry 687 beginnen die Annalen
von S. Amand*), die so von ihrem Ursprünge an entschieden
karolingisch sind. Doch möchte ich nicht gerade behaupten, dafs
von Anfang an alles gleichzeitig eingetragen wäre; die Form der
kurzen und noch sehr dürftigen Bemerkungen, wenn man z. B. zu
dem Jahr 708 wo Ostern auf den 15. April fiel, an den Rand schrieb:
(Das war damals) als Drogo im Frühjahr starb3) — das deutet eher
auf ein späteres Besinnen und Ueberdenken der Vergangenheit. Auch
ist das ganz natürlich ; so lange der Eindruck noch frisch ist, fühlt
man kein Bedürfnifs ihn künstlich festzuhalten, und erst später
macht sich das Bedürfnifs geltend, die verschiedenen Erinnerungen
aus einander zu halten und zu ordnen. Wenn aber nun eine Reihe
solcher Aufzeichnungen beisammen ist, dann ändert sich der Ge-
sichtspunkt, man legt Werth auf diese Zusammenstellung und setzt
sie um ihrer selbst willen fort, trägt Jahr für Jahr die wichtigsten
Begebenheiten ein, um für spätere Zeiten ein Denkmal zu hinter-
lassen. So hat man es auch in S. Ainand gehalten, und in den
den Kirchen zu welchen diese Annalen sich nach und nach ver-
breiteten: in ganz Belgien erkennen wir sie überall wieder als die
Grundlage von Annalen, welche hier bis ins 16. Jahrhundert ihre
verschiedenen Fortsetzungen fanden, und aus denen Geschichtswerke
*) S. den Bericht von Pertz im Archiv VI, 258 ff.
a) Mon. SS. I, 6 — 13. Vgl. L. Giesebrerht, Wend. Geschichten 111,280. Ver-
bunden sind damit die nach dem Besitzer der Handschrift genannten Ann. Tiliani,
die Ann. Laubacenses, und die wichtigen Ann. Petaviani, welche Beziehungen
auf Tours enthalten. Die Untersuchung über die Entstehung dieser vielfach ver-
wandten, und dann wieder aus einander gehenden und mit ganz anderen sich be-
rührenden Annalen w'ird dadurch erschwert, dafs die ursprünglichen Handschriften
verloren sind. Locale Beziehungen enthalten sie wenig; die Reichsgeschichte herrscht
durchaus vor.
3) quando Droco mortuus fuit in vernale tempore.
Digitized by Google
Annales S. Amandi, Murbacenses, S. Germani.
87
erwuchsen, wie die grofse Weltchronik des Sigebert. Fremder Ein-
flufs ist in den Annalen von S. Amand nicht zu erkennen; dagegen
finden wir irländische Kamen (704 — 707) an der Spitze der An-
nalen von Murbach in den Vogesen, in jener Gegend wo vor-
zugsweise die Schottenmönche sich niedergelassen und ihre Klöster
angelegt haben. Auch in Murbach, das von Pirmin erst im Jahre
727 gestiftet ist, waren irische Mönche, und diese scheinen eine
Abschrift der Ostertafeln mit jenen Eintragungen aus der Heimath
mitgebracht, und dadurch die Veranlassnng gegeben zu haben, dafs
man in Murbach nun auch ähnliche Bemerkungen hinzufiigtc. Das
Original der Annalen, welche hieraus allmählich erwuchsen, ist uns
nicht erhalten; sie verbreiteten sich aber weithin, besonders in
Schwaben, und die Zusammenstellung der verschiedenen abgeleiteten
und vermehrten Jahrbücher läfst die Murbacher Aufzeichnugen als
gemeinsame Grundlage erkennen ‘). Auch nach dem Kloster Hersfeld
kamen sie, und bildeten so den Keim aus, dem zuletzt das herrliche
Geschichtswerk des Lambert entsprossen ist, während auf den aus
gleicher Quelle stammenden Reichenauer Annalen Hermann der Lahme
seine Chronik erbaute.
Besonders merkwürdig sind die von Pertz in einer Handschrift
des Klosters S. Germain des Pr 6 s entdeckten Annalen3), welche
im Anfang des neunten Jahrhunderts aus einer älteren Handschrift
abgeschrieben sind, und wie gewöhnlich zur Eintragung der dortigen
Annalen benutzt wurden. An der Spitze stehen hier ganz kurze
Annalen von Lindisfarne (643 — 664), einem Bisthum auf einer
der kleinen Inseln bei Northum berland, welches von Irländern be-
gründet war, wie schon die Namen Finan, Colman zeigen. Darauf
folgen von 673 bis 690 Notizen aus Canterbury. Nach Pertz
Vermuthung war es Alkuin, welcher diese Handschrift mit sich
an Karls Hof brachte, wo er dann von 782 bis 787 die Namen der
Orte eintrug, an welchen Karl in diesen Jahren das Osterfest feierte.
Daran haben nun die Mönche von S. Germain ihre eigenen Annalen
gefügt; aber dieselben Notizen Uber die Osterfeier von 782 bis 787
finden wir auch in einer anderen Handschrift wieder, jedoch ohne
die älteren Bemerkungen aus Lindisfarne und Canterbury. Dieses
ältere Exemplar nämlich hat Am, der Freund Alkuins, nach Salz-
burg mitgenommen; die Orte der Osterfeier sind hier bis 797 ge-
*) UeLer die ältesten Alamannisrhen Annalen Stalin I, 168. Vgl. L. Giese-
brecht, Wend. Gesch. III, 281. VVaitz in Schmidts Zeitschrift f. Gesch. II, 51. Oie
verschiedenen Annalen, welche auf denen von Murbach beruhen, mit ihren Fort-
* Setzungen sind zusammengestellt von Pertz 1 , 22 IT.
*) Mon SS. IV, 2.
Digitized by Google
88 II. Karolinger. § 3. Annalen. § 4. Karl der Grofse.
nannt, und dann schliefsen sich Salzburger Nachrichten daran. In
Salzburg selbst hatte man damals aber bereits einheimische altere
Annalen, deren Spuren sich in den späteren Jahrbüchern vorfinden *).
Scheinbar bieten sich uns in diesen viel reichere und vollständigere
Aufzeichnungen dar, allein es läfst sich mit Bestimmtheit nach-
weisen, dafs diese erst im zwölften Jahrhundert nach Vermuthungen
und gelehrter Berechnung zusammengestellt wurden, um die Dürftig-
keit der alten Annalen zu ergänzen.
Namen aus Lindisfarne finden wir auch an der Spitze der Jahr-
bücher von Fulda und von Korvei, und erkennen daran den
Einflufs der angelsächsischen Glaubensboten auf diese neu auf-
keimende Litteratur: Fulda ist ja von Bonifaz gestiftet, und von
dort mögen die Ostertafeln mit ihren Randbemerkungen nach Korvei
gekommen sein.
Die weitere Entwickelung dieser Annalen gehört einem späteren
Abschnitte an; hier waren nur die ersten Anfänge zu betrachten,
welche noch im höchsten Grade dürftig und armselig sind, wie sie
denn auch in ihrer ursprünglichen Gestalt, als Randbemerkungen zu
Ostertafeln, durchaus nicht den Anspruch machen für litterarische
Erzeugnisse zu gelten. Erst der Folgezeit gehört der Gedanke an,
diese Notizen mit anderen Nachrichten zu einem Ganzen zu ver-
binden, und sie dann mit Absicht und Bewufstsein als gleichzeitige
Aufzeichnung der Geschichte weiter zu führen.
§ 4. Karl der Grofse. Allgemeines.
Bethmann, Paulus Diakonus. Phillipps, Karl der Grofse im Kreise der Gelehrten, im
Almanach der Kais. Akad, d. W. 1856. S. 173 — 221. B&lir, de literarum studiis a
Carolo Magno revoc&tis ac schola palatina instaurata. Hcidelb. 1856. 4. Desselben
Geschichte der Rom. Literatur im karol. Zeitalter. Carlsruhe 1840. S. auch Waitz
in Schmidts Zeitschrift f. Gesch. II, 48 ff. Bernhardy, Grundriss d. röm. Litt. § 61.
Eine lange Zeit der Finsternifs liegt hinter uns. Nur geringe
und dürftige Spuren haben uns Zeugnifs gegeben, dafs auch in diesen
traurigen Jahrhunderten das Bedürfnifs historischer Aufzeichnungen
nicht ganz erstorben war; wir haben gesehen dafs mit der be-
ginnenden besseren Ordnung der Dinge, der Herstellung des Reiches
durch die karolingischen Hausmeier, auch einiges Leben auf diesem
Felde sich regte, dafs lebensfähige Keime zum Vorschein kamen.
Aber noch ist fast alles namenlos; seit Venantius Fortunatus und
Gregor von Tours ist uns nirgends eine bedeutende Persönlichkeit
entgegengetreten. Das Frankenreich stand noch immer an Bildung
weit zurück hinter seinen Nachbaren, als Karl der Grofse zum ,
») Mon. SS. IX, 758.
Digitized by Google
Karl der Grofse and sein Hof. gg
Throne gelangte, und die erste Hälfte seiner Regierung war auch
noch viel zu sehr vom Kriegeslärm erfüllt, als dafs er seine Auf-
merksamkeit nach dieser Seite hätte wenden können. Wir finden
zwar, dafs er in Italien schon im Jahre 776 den Grammatiker
Paulinus1) mit einem Landgut beschenkte, dafs er ihn bald
darauf zum Patriarchen von Aquileja erhob: wir dürfen wohl darin
ein Zeichen seiner Achtung vor der Wissenschaft erblicken, aber
wir können auch eben so gut den Schlufs daraus ziehen, dafs ihm
damals noch der Gedanke fern lag, fremde Lehrer für die Ausbildung
seiner Franken zu gewinnen.
Doch hat wohl ohne Zweifel der Aufenthalt in Italien die Ver-
anlassung gegeben, dafs Karl aufmerksam wurde auf die unverkenn-
bare Ueberlegenheit, welche den Italienern ihre höhere geistige
Bildung verlieh; er fafste den Entschlufs seine Franken von dem
Joche der Unwissenheit zu befreien, und von da an finden wir ihn
unablässig bemüht, mit allen Mitteln nach diesem Ziele zu streben.
Der feste Grund geordneter äufserlicher Verhältnisse und einer neu
gekräftigten, von sittlichem Eifer erfüllten Kirche war bereits vor-
handen, und auf diesem Boden gediehen die Pflanzungen Karls mit
dem überraschendsten Erfolge.
Im Jahre 781 in Parma traf Karl zuerst mit Alkuin zusammen,
und veranlafste ihn an seinen Hof zu kommen ; von demselben
Heereszuge brachte er 782 Paulus Diakonus und den Gram-
matiker Peter von Pisa mit nach Frankreich; vielleicht auch
Theodulf, einen italischen Gothen*), dessen geistreiche und form-
gewandte Dichtungen das lebhafteste Bild von Karls Hof gewähren,
während er als Staatsmann und Bischof eine bedeutende Wirksam-
keit entfaltete3). Schotten aus Irland hat Karl, wenn wir dem
Mönch von S. Gallen glauben dürfen, schon früher an sich ge-
zogen4); einer von ihnen lebte am Hofe in heftiger Feindschaft mit
Theodulf und Angilbert6).
■) vencrabilis arlis grammaticae magister. Er schritb später gegen Felix, and
nahm an den verschiedenen Synoden dieser Zeit Theil ; st. 804. Bähr S. 356 — 359.
Vgl. Büdingers Oest. Gesch. I, 141. — *) Theod. Carm. I, 1, 139. HI, 1, 165.
3) Er starb d. 18. Sept. 821 als Bischof von Orleans, in Ungnade als angeblicher
Theilnehmer an der Verschwörung des Königs Bernhard von Italien. Opera ed.
Sirmond. 1646. 8., und in Sirmonds Werken, Band II. Äligne CV, 187— 380.
Von geschichtlichem Werth ist besonders unter seinen Gedichten die Paraenesis ad
Judices, und das Gedicht an Karl nach Pippins Hunnensieg, in welchem der ganze
Hof des Königs geschildert wird. Vgl. Bähr S. 91 — 95. 359 — 360. Eine neue
Ausgabe dieser Gedichte wäre sehr verdienstlich.
4) Kap. 1. Ueber Donat, 816 Bischof von Fiesoie, nachdem er vorher als
Lehrer gewirkt hatte, s. Ozanam, Documenta inedits p. 48—57.
‘) Theod. Carm. III, 1, 160—173. 213 —234. 3, 341 — 354. Es ist wohl
gitized by Google
90
II. Karolinger. § 4. Karl der Grofse.
Aach Baiern hatte unter den Agilolfingem , in enger Ver-
bindung mit Italien, bereits einen höheren Grad der Bildung erreicht.
Herzog Odilo hatte Casinenser Mönche nach Mondsee berufen, und
Reichenauer nach Nieder Altai ch; von hier entnahm Thassilo den
ersten Vorsteher seiner herrlichen Stiftung Kremsmünster. Vor
allem aber glänzteFreising unter seinem Bischof Aribo (764 — 784)
durch die Pflege der Wissenschaft Aribo selbst verfafste die Lebens-
beschreibungen der alten Glaubensboten Emmeram und Korbinian,
deren wir oben (S. 77) schon gedachten; als Diakonen aber finden
wir an seiner Kirche Am und Leidrad, und auch diese folgten
einem Rufe des grofsen Frankenkönigs. Am erscheint in den Frei-
singer Urkunden zuletzt 778; 782 erhielt er die Abtei von S. Amand.
Leidrad schrieb noch 782 eine Urkunde für Thassilo'), dann finden
wir auch ihn im Frankenreiche wieder, wo er neben Theodulf das
Amt eines königlichen Sendboten verwaltete, und von 799 bis 813
dem Bisthum zu Lyon Vorstand, welches er dann seinem Schüler
Agobard überliefs, um sich in das Kloster des h. Medardus zurück-
zuziehen.
So zog also Karl um das Jahr 782 von allen Seiten die Träger
wissenschaftlicher Bildung an sich, und arbeitete von nun an unab-
lässig und unverwandt hin auf eine Wiederherstellung der antiken
Cultur, deren Herrlichkeit seinen Geist erfüllte. Wie er die alten
Kunstwerke nach Achen führte und seine Bauten nach den Regeln
des Vitruv und den Mustern der Kirchen zu Ravenna und Rom auf-
führen liefs, so liefs er auch die alten Schriftsteller nach den alten
Handschriften mit der sorgsamsten Genauigkeit abschreiben. Staunend
bewundern wir die Prachtwerke seiner Kalligraphen, und nichts ist
vielleicht so charakteristisch für das was man damals erstrebte, wie
diese Handschriften der heiligen Schriften sowohl wie des Terenz,
des Horaz, mit ihrer Unzialschrift, ihren vollkommen nach antiken
Mustern nacbgeahmten Verzierungen und Bildern. Ja so wie Eigil
von Fulda Modelle der antiken Säulen sich verschafft hatte, welche
Einhard benutzte, so sehen wir bald auch einen Mönch aus dem
Kloster Reichenau nach Rom ziehen, die Denkmale des Alterthums
beschreiben, und mit musterhafter Genauigkeit die alten Inschriften
in sein Gedenkbuch eintragen.
derselbe, über dessen heftigen Tadel Alkuin klagt. Gedichte eines Schotten aus
dieser Zeit, darunter ein leider sehr fragmentarisches auf den Abfall Thassilos bei
A. Mai, Classicorum Auetorum Vol. V, 405 ff
l) lieber beide s. Meichelbecks Historia Frisingensis; üb. Leidrad BährS.361;
seine Schriften gesammelt bei Migne XC1X,853 — 886.
Digitized by Google
Baiern. Karls Hofschule.
91
An seinem Hofe richtete Karl die Hofschule ein, in der er
selbst, seine Kinder, seine Hofleute, an dem Unterrichte und den
Uebungen Theil nahmen. Es erwuchs daraus eine förmliche Aka-
demie, welche Karl und seine vertrauteren wissenschaftlichen Freunde
zu regelmäfsigen Sitzungen vereinigte1). In ähnlicher Weise wie an
den arabischen Höfen dieser Zeit, wurden hier poetische Episteln
gewechselt, wissenschaftliche Aufgaben gestellt und beantwortet,
Käthsel aufgegeben und gelöst. Alle führten hier Namen aus der
Vorzeit, in denen heidnische und christliche Erinnerungen in selt-
samer Mischung erscheinen. So hiefs Karl selbst David, Alkuin
Flaccus, Einhard Beseleel nach dem Erbauer der Stiftshütte, Ri-
culf Damoetas, Angilbert Homer. Die Standesverschiedenheiten der
Gegenwart wurden dadurch auf diesem Gebiete in den Hintergrund
gestellt.
Man wird durch dieses Treiben erinnert an die platonische Aka-
demie zu Florenz, allein es ist zwischen beiden doch ein grofser
Unterschied. Karl lag der Gedanke fern, die Litteratur nur wie
einen Gegenstand des Luxus zu seinem Vergnügen zu pflegen; sein
Briefwechsel mit Alkuin zeigt uns, dafs seine Akademie auch
praktisch wichtige Fragen behandelte, und oft einem Ministerium
der geistlichen Angelegenheiten ähnlich wird. Der Herstellung des
alten Glanzes und der Reinheit der Kirche mufsten alle seine ge-
lehrten Freunde mit ernstlicher Arbeit dienen. Allein das war doch
auch wieder nur eine Seite der Bestrebungen des Königs; ihm war
es voller Ernst, sein ganzes Volk auf eine höhere Stufe der Bildung
zu heben, und deshalb legte er überall Schulen an, und sorgte un-
ermüdlich für die Pflege und Hebung derselben. Sogar von Alkuin
trennte er sich aus diesem Grunde, und verlieh ihm die Abtei des
heiligen Martin zu Tours, wo er von nun an als Leiter einer blühenden
Schule wirkte. Fast alle bedeutenderen Bisthümer und Abteien des
Frankenreiches erhielten von hier aus ihre Vorsteher, und wo in der
nächsten Folgezeit von litterarischer Thätigkeit etwas zu melden ist,
da können wir mit Sicherheit darauf rechnen, einen Schüler Alkuins
zu finden. Weit genug erstreckte sich der Wirkungskreis dieser
Schule; doch errichtete Karl für die entfernteren Theile seines
Reiches auch eigene Mittelpunkte, welche von seinem Scharfblick
Kunde geben, wie alles was er gethan. In Italien besafs Pavia
schon von Alters her gefeierte Lehrer, und diese Schule erhielt jetzt
neuen Glanz durch den Schotten Dungal; ihr Fortleben und blei-
*) Oebeke, De Academia Caroli Magni. Aachener Gym.-Progr. 1847.
Digitized by Google
92
II. Karolinger. § 4. Karl der Gro&e. § 5. Alkuin.
bendes Gedeihen bezeugt der erst später durch Bologna verdunkelte
Ruhm der Rechtschule von Pavia1).
Ein echt Karlischer Gedanke war die Stiftung des Erzbisthums
Hamburg an der Nordgrenze seines Reiches, die jedoch erst unter
seinem Nachfolger zu Stande kam ; aber gerade in den fernsten Osten
schickte er Alkuins ebenbürtigen Freund, Am, den Abt von S. Amand,
dem er 785 das Bisthum Salzburg anvertraute. 798 errichtete er
hier dann ein Erzbisthum, welches bestimmt war ein fester und
segensreicher Mittelpunkt in politischer, kirchlicher und litterarischer
Beziehung zu werden. Am erfüllte seine Mission in vollem Mafse,
und wenn ihm auch zu schriftstellerischer Thätigkeit keine Zeit
blieb, so zeugen doch seine Bemühungen für die Sammlung eines
Bücherschatzes durch Abschriften von seiner Sorge für Schule und
Lehre5), wobei ihm von 797 bis 801 Alkuins Schüler Wizo hülfreich
zur Seite stand. Die feindliche Erhebung des mährischen, dann des
ungrischen Reiches, die Errichtung selbständiger Metropolen im Osten,
haben Salzburg nicht zu seiner vollen Entwickelung gelangen lassen,
doch auch in dieser Beschränkung ist die Stiftung des bairischen
Erzbisthums von den bedeutendsten Folgen gewesen.
Alkuin blieb auch von Tours aus fortwährend im lebhaftesten
Verkehr mit Karl, und war sein treuester Rathgeber, die Seele aller
seiner Bestrebungen für die Cultur der Franken. Ein wunderbarer
Erfolg krönte diese Bemühungen, und Karl hatte das Glück, die
Früchte seiner Mühen noch selbst zu erleben. Wie ein Phänomen
in dunkelster Nacht erscheint plötzlich die Litteratur des neunten
Jahrhunderts; nicht nur Geistliche, auch Laien schrieben Bücher,
was seit Jahrhunderten nicht vorgekommen war, und Jahrhunderte
lang nicht wieder vorkommt.
Denn von Dauer war dieser Glanz nicht; er verschwand fast
eben so plötzlich wie er gekommen war, aufs Neue bedeckte Finster-
nifs das Land, aber gerade in dieser Finsternifs bewährte sich die
feste Begründung von Karls Schöpfungen. So viel auch wieder ver-
loren ging, es blieb noch immer genug übrig um als Grundlage für
alle Folgezeit zu dienen. Wir haben schon oben bemerkt, dafs Karl
sein Werk nicht erst begann, dafs er den Boden vorbereitet fand
durch die Befestigung und Ordnung des Staates, durch die Her-
*) Merkel, Geschichte des Langobardrnrechts. Berlin 1850. 8. Italienisch nach
einer neuen Bearbeitung des Vfs in: Memorie e Documenti inedili spettanti aüa
Storia del Dirilto Ilaliano. Fase. I. Torino 1857.
s) Mehr als 150 Bücher liefs er nach Angabe des Nekrologs schreiben. Mon.
SS. IX, 770. Darunter ein Formelbuch, heftusgegeben von Rockinger, Quellen zur
bayerschen Gesch. Bd. VII. Ueber Am BUdingers Oest. Gesch. 1, 147 ff., über Wizo 149.
Karl der Grobe und Alkuin.
93
Stellung der Kirchenzucht, und dafs er nur dadurch im Stande war,
so fest zu bauen. Es regten sich auch bereits einige Keime litte-
rarischer Thätigkeit als er auftrat, aber ihre rasche und glänzende
Entfaltung ist doch ganz sein Werk, und nicht mit Unrecht sagte
man im Mittelalter von ihm, dafs er den Sitz der Studien von Rom
nach Paris verpflanzt habe*). Zu einer Zeit, wo die Pariser Uni-
versität als der Mittelpunkt der Wissenschaft betrachtet wurde, galt
er für den Stifter derselben. In dieser Form sprach sich der
richtige Gedanke aus, dafs Karl der Stifter einer neuen Culturperiode
gewesen war.
§ 5. Alkuin.
Alcuini Oper» ed. Frobenius (Frohen Förster, Fürst -Abt zu S. Emmeram), 4 Binde,
fol. Ratisb. 1777. Danach bei Migne, C. CI. Aleuins Leben von F. Lorentz. Halle
1829. 8. Monnier, Alcuin et son influence litteraire, religieuse et politique chez les
Franks. Paris 1853. 8. mit einem früher ungedruckten Gedicht und einem Briefe
Alkuins an Leo III. im Anhang. Vita Alcuini , vor 829 nach dem Berichte seines
Schülers Sigulf geschrieben ; sehr unbedeutend und von beschränkt ascetischem Stand-
punkte verfafst; Mab. IV, 1, 145 und bei Frohen. Ueber seine Gedichte Bähr S. 78 — 84;
historische Schriften S. 192 — 196; theolog. philosophische und grammatische S. 302
bis 854.
Alchwin oder Alkuin nannte sich gerne in latinisirter Form
Albinus. Verwandt mit Willibrord, dessen Leben er auch beschrieben
hat, wurde er um das Jahr 735 in York geboren. Seine Bildung
verdankte er der ausgezeichneten Domschule in seiner Vaterstadt
unter der Leitung Egberts, der seit 712 Erzbischof war, und Ael-
berts, der Alkuin mit sich nach Rom nahm, als er, nach der Sitte
dieser Angelsachsen, dahin reiste, um Handschriften auf dem dor-
tigen Markte zu erwerben, der noch immer bedeutend und damals
wohl der einzige im Abendland war. Im Jahre 766 wurde Aelbert
zum Erzbischof erhoben, und Alkuin folgte ihm in der Leitung der
Domschule. Der Auftrag, für Eanbald das erzbischöfliche Pallium
vom päpstlichen Hofe zu holen, führte ihn 781 wieder nach Rom,
und auf dieser Reise war es, wo er zu Parma mit Karl zusammen-
traf und von ihm die Einladung erhielt, welche ihn vermochte, im
folgenden Jahre mit seinen Schülern Wizo s), Fridugis 3) und Sigulf4)
an Karls Hof zu kommen; die Einkünfte der Abteien zu Ferriöres
und des heiligen Lupus zu Troyes sicherten ihm hier eine ansehn-
liche Stellung, während er in der Hofschule vor alten und jungen
*) Studium generale ab urbe Romana est translatum Parisius. Franc. Pra-
gensis ad a. 780.
s) genannt Candidus, von 797 — 801 bei Arn in Salzburg.
*) genannt Nalhanael, von 818 — 832 Kanzler, und Alkuins Nachfolger als
Abt von S. Martin, wo er aber die Schule verfallen liefs.
4) genannt Velulus, später Abt von Ferneres und Stifter der dortigen Schule.
Digitized by Google
94
II. Karolinger. § 5. Alkuin. § 6. Paulus Diakonus.
Zuhörern seine Vorträge hielt Auch hier schon war es durchaus
nicht allein auf dilettantische Belehrung der Hofleute abgesehen,
sondern die vielen Söhne vornehmer Franken, welche nach alter
Sitte zur Erziehung an den Hof gebracht wurden, erhielten hier
alles Ernstes ihre Ausbildung zu Staatsmännern und Bischöfen.
Im Jahre 789 kehrte Alkuin nach England zurück; aber die
heftigen Streitigkeiten über Adoptianismus und Bilderverehrung ver-
anlafsten Karl, ihn von neuem dringend einzuladen, und die inneren
Unruhen, welche England zerrissen und Alkuin sogleich wieder in
die ihm verhafsten politischen Händel verflochten hatten, machten
diesen geneigt, seine Heimath zu verlassen. Er erschien 784 auf
dem zu Frankfurt gegen Felix und Elipand versammelten Concil als
Abgesandter der englischen Kirche und bewährte sich durch mehrere
Schriften als tapferen Streiter gegen die Irrlehren ; noch zog es ihn
zurück in sein Vaterland, aber die Ermordung Ethelreds 796 ver-
leidete ihm die Heimkehr, und von nun an widmete er sich ganz
dem Frankenreiche. Nach Itherius Tod erhielt er die Abtei des
heiligen Martin zu Tours, der er bis zu seinem Tode, am 19. Mai 804,
Vorstand. Dem unruhigen Getreibe des Hofes fern, entfaltete er hier
die segensreichste Thätigkeit und bildete eine aufserordentliche Zahl
von Zöglingen, welche im ganzen weiten Reiche Karls neue Stätten
wissenschaftlicher Thätigkeit begründeten. Seinen Schüler Wizo
schickte er nach England, um Bücher zu holen, die er dann zu
Tours durch zahlreiche und sorgfältige Abschriften vervielfältigen
liefe. Zugleich aber blieb er in fortwährender Verbindung mit Karl,
der ihm das gröfste Vertrauen schenkte; man hat ihn nicht mit Un-
recht seinen Unterrichtsminister genannt. Als unschätzbares Denk-
mal davon ist uns seine Briefsammlung erhalten, welche zu den
wichtigsten Quellen für die Geschichte dieser Zeit gehört. Auch
seine Gedichte gewähren manchen Einblick in die Zustände der
Zeit, und das umfangreichste darunter, Uber die Bischöfe der Kirche
zu York, reich an schönen Stellen und belebt durch die warme Liebe
zur Heimath, gewährt mannigfache Belehrung über die Stiftschule
zu York und Alkuins Leben vor seiner Berufung nach Frankreich.
Seine übrige schriftstellerische Thätigkeit dagegen war mehr auf
Theologie, Philosophie und Grammatik gerichtet als auf Geschichte.
Er überarbeitete ältere Heiligenleben, aber in moralisirender Weise
zu erbaulichen Zwecken ; von geschichtlicher Bedeutung ist nur das
Leben Willibrords (oben 8. 82). Dafs man ihm auch ein Leben
Kaiser Karls zugeschrieben hat, beruht auf einer Verwechselung mit
Einhard.
Digitized by Google
Alkuin. Origo Langobardorum. Secundus Tridentinus.
95
§ 6. Paulas Diakonus.
Bethmann, Paulus Diakonus Leben und Schriften. Archiv X, 247 — S34. Bethm&nn, die
Geschichtschreibung der Langobarden. Archiv X, 335 — 414. (Auf diesen beiden
trefflichen Abhandlungen beruht gröfstentheils die folgende Darstellung.) 0. Abel,
Paulus Diakonus und die übrigen Geschichtschreiber der Langobarden (Uebersetsung).
Berlin. 1849. Neu entdeckte Gedichte (Grabschrift auf Ansa und Lob des Komer*
sees), cd. Haupt, Berichte der kgl. Sächs. Ges, d. Wiss. 1850. 1,6. Neuer Abdruck
der Hist. Miscella. 1854. 8.
Wie die Gothen, so bewahrten auch die Langobarden ihres
Volkes Urgeschichte, die alten Sagen, die Grofsthaten der Väter, be-
sonders aber, worauf sie den gröfsten Werth legten, die Folge und
Verwandtschaft der Geschlechter, in ihren Liedern, die sich mündlich
vom Vater auf den Sohn vererbten. Sie aufzuzeichnen, keine leichte
Arbeit, mochte überflüssig erscheinen, so lange sie noch im Volke
lebten; doch gegen das Ende des siebenten Jahrhunderts, nach Kö-
nig Grimualds Tode (671) hat ein Langobarde aus ihnen die Ge-
schichte seines Volkes entnommen, und der Langobarden Her-
kunft, wie man davon sagte und sang, in kurzen und schlichten
Worten berichtet; in Umrissen nur, nicht in ausführlicher Erzäh-
lung, aber was er uns giebt, ist unberührt von der fremden Gelehr-
samkeit, welche die gothischen und fränkischen Sagen entstellt hat *).
Man hatte darin doch etwas mehr, wie in dem kahlen Königsver-
zeichnifs, welches König Rothar 643 seinem Gesetzbuche vorange-
stellt hatte; des Volkes Aelteste, welche das Recht sprachen und das
Andenken der Vergangenheit festhielten, trugen darum auch dieses
Schriftchen in ihr Rechtsbuch ein, wie wir das so häufig wieder-
finden in den Handschriften des Mittelalters, bei den Gesetzen der
Westgothen und Franken so gut, wie beim Sachsenspiegel.
Es gab freilich damals bereits auch eine andere Geschichte der
Langobarden, verfafst von dem Knechte Gottes Secundus, Bischof
von Trient (t 612); wir kennen sie aber nur, weil Paulus ihrer ge-
denkt, und sie scheint wenig Verbreitung gefunden zu haben3). Se-
cundus erzählte gewifs nicht von Wodan und Freia, und mit der
römischen Bildung haben die Langobarden sich nur sehr langsam
befreundet. Von litterarischer Thätigkeit in ihrem Reiche finden sich
weiter keine Spuren, man müfste denn etwa des Abtes Jonas von
*) Origo Gentis Langobardorum , in : Edicta regum Langobardorum ed. opera
et Studio Carolo Baudi di Vesme, Aug. Taur. 1855. Vgl. p. LXXI — LXXXII.
(Abdruck des Textes von Neigebaur, München 1855. p. 1 — 4.) Ueberselzung von
Abel 1. 1. 1 — 8. ßethmann S. 351 — 365 und über die Sagen im Allgemeinen
S. 335 — 349. Waitz Gott. Gel. Anz. 1856 S. 1585 setzt mit Baudi di Vesme die
erste Abfassung schon unter Rothari.
3) Bethmann 1. 1. 349 — 351.
96
II. Karolinger. § 6. Paulus Diakonus.
Susa Schriften, deren wir schon oben (S. 75) gedachten, dazu rech-
nen, der aber auch ein Romane war.
Die Grammatiker jedoch, welche trotz aller Ungunst der Zeiten
ihre Thätigkeit in Italien immer fortgesetzt hatten, fanden allmählich
auch unter den Langobarden Schüler, und als deren Herrschaft sich
ihrem Ende nahte, da hatten sie dem fremden Volke bereits seinen
Geschichtschreiber erzogen, der, wie Jordanis, nach dem Sturze des
Reiches wenigstens das Andenken desselben für die Nachwelt be-
wahrte.
Paulus, des Warnefrid Sohn, aus einem edlen Langobarden-
geschlechte, das im Friaul begütert war, wurde nach alter deutscher
Sitte am Hofe des Ratchis (744 — 749) zu Pavia erzogen ; als seinen
Lehrer nennt er den Grammatiker Flavianus, dessen er noch in
seinem hohen Alter mit Liebe gedenkt. Auch dem König Deside-
rius soll Paulus lieb und werth gewesen sein, und wenn auch die
Zeugnisse dafür unzuverlässig sind, so ist es doch an sich sehr
wahrscheinlich, dafs er in der königlichen Kanzlei Beschäftigung
fand und eben dadurch in ein so nahes Verhältnifs zu der Herrscher-
familie trat. Er verfafste die Grabschrift der Königin Ansa und war
der Lehrer ihrer Tochter Adelperga; dieser und ihrem Gemahl
Arichis war er mit der wärmsten Anhänglichkeit und Freundschaft
ergeben, und an ihrem Hofe zu Benevent fand er eine Zuflucht nach
dem Falle des Reiches von Pavia, wenn er nicht schon früher die
Königstochter dahin begleitet hatte. Für sie verfafste er hier seine
römische Geschichte, während er für Arichis die Inschriften dichtete,
womit dieser seine glänzenden Bauten zu Salerno schmückte, und die
Uebertragung der Gebeine des heiligen Merkur nach Benevent (768)
durch einen Lobgesang feierte, der noch jetzt alljährlich dort ge-
sungen wird.
Wann Paulus in den geistlichen Stand eingetreten ist, dem er
seinen Beinamen Diakonus verdankt, wissen wir nicht; ebenso wenig,
wann er den Hof zu Benevent verlassen hat, um in dem grofsen
Mutterkloster des Abendlandes zu Montecasino das Mönchsgelübde
abzulegen; vielleicht führte ihn dorthin die Anhänglichkeit an Kö-
nig Ratchis, der hier als Mönch seinen Weinberg baute. Das stille
Klosterleben aber gewann bald einen solchen Reiz für Paulus nach
den traurigen Zeiten, die er durchlebt hatte, dafs er die heilige
Stätte wohl nicht wieder verlassen haben würde, wenn nicht die po-
litischen Ereignisse ihm auch hier keine Ruhe gelassen hätten.
Im Jahre 776 nämlich war im Friaul ein Aufstand gegen die
Franken ausgebrochen, dem vielleicht Paulus selbst nicht fremd war,
Digitized by Google
Paulus Diakouus.
97
und wohl ohne Zweifel war dies die Veranlassung, weshalb sein
Bruder Arichis gefangen fortgeftihrt wurde und sein Vermögen ver-
lor. Lange scheint sich Paulus jeder Annäherung an die Franken
enthalten zu haben; als aber Karl 781 nach Rom gekommen war,
und in der Ordnung der italischen Verhältnisse seine Mäfsigung und
Milde bewährt hatte1), da richtete Paulus eine Elegie an den König,
worin er ihn um Gnade für seinen Bruder bat. Sei es dafs er sich
selbst damit zum Könige begab, sei es dafs dieser, der gerade da-
mals begann, die Gelehrten der verschiedenen Völker an seinem
Hofe zu versammeln, ihn berief — er verlebte die nächsten Jahre
am Hofe und nahm lebhaft Theil an dem litterarischen Leben, wel-
ches sich dort entwickelte. So sehr sich Paulus auch nach seiner
stillen Klosterzelle zuriieksehnte, er gab doch nach der Gewährung
seiner Bitten dem Andringen Karls nach und blieb an dessen Hofe,
wo er nicht nur die Grabschriften für die Königin Hildigard und
deren so wie für Pippins Töchter verfafste, sondern auch in anderer
Weise den Zwecken des Königs dienen mufste. Er unterrichtete im
Griechischen, dessen Kenntnifs im Frankenreiche ein so seltener
Schatz war, und verfafste auf Karls Befehl die Homiliensammlung,
welche der Unwissenheit der Geistlichen in wirksamer Weise zu
Hülfe kam.
In eben dieser Zeit schrieb Paulus auch auf Bitten des Bischofs
Angilram von Metz die Geschichte seiner Vorfahren auf dem Stuhl
des heiligen Clemens2). „Mit besonderer Ausführlichkeit behandelt
er darin die Familie und die Ahnen Karls des Grofsen, vielleicht,
wie Bethmann sagt, auf dessen eigenen Wunsch oder wenigstens
ihm zu Gefallen, und nicht undeutlich blickt die Absicht durch, die
Thronbesteigung der Karolinger zu rechtfertigen und sie als ein
durch Heilige gleichsam legitimes Herrscherhaus darzustellen.“
Allein so wahrhaft und innig auch die Liebe gewesen zu sein
scheint, welche den langobardischen Mönch mit dem Besieger seines
Volkes verband, auf immer liefs er sich doch-nicht am Hofe fesseln.
Die immer zunehmende, endlich bis zum Kriege gesteigerte Feind-
schaft zwischen Arichis und Karl mag ihm wohl zuletzt den Aufent-
*) Quod raro fieri adsolet, clemcnti moderalione victoriam temperavit. Pauli
Gesta epp. Met.
s) Gesta episcoporum Mettensium ed. Peru, Mon. SS. II, 260 — 270. Im
Aaszuge übersetzt bei Abel, Einhards Jahrbücher S. 1 — 8. Durch weitere Aus-
führung mifsverslandener Worte des Paulus entstanden hieraus, mit Benutzung
des Fredegar und seiner Forlselzer die Genecdogia dormis Carolorum, Mon. SS.
II, 208 und durch dieselbe Genealogie als später entstanden kenntlich, der Libellus
de Maioribus domus, Bouq. II, 699, aus Du thesne 11, 1.
Digitized by Google
98 II. Karolinger. § 6. Paulus. § 7. Angilbert.
halt daselbst vollends verleidet haben, obwohl sein persönliches
Verhältnifs zum Könige auch durch diese Vorfälle nicht gestört
wurde. Doch finden wir ihn 787 wieder in Montecasino, wo er die
schöne Grabschrift für den am 25. August verstorbenen Fürsten
Arichis verfafste. Den Abend seines Lebens widmete er von nun
an in ungestörter Ruhe frommen Betrachtungen und der Geschichte
seines Volkes. Er schrieb eine ausführliche Erläuterung der Kloster-
regel und verfafste die sechs Bücher seiner Geschichte der Lango-
barden1), die er leider unvollendet hinterlassen hat.
Als einen bedeutenden Historiker können wir Paulus freilich
nicht betrachten. Die Sprache weifs er in seinen Gedichten mit
Leichtigkeit und Anmuth zu behandeln und in der Erzählung zieht
uns ihre schmucklose Einfachheit an. Von der gesuchten Gelehr-
samkeit und Ueberkünstelung so wie von der barbarischen Rohheit
des siebenten Jahrhunderts ist er frei, und für sein Zeitalter ist seine
gelehrte und sprachliche Bildung aufserordcntlich hoch anzuschlagen.
Allein historische Kunst oder tiefere Auffassung dürfen wir bei ihm
nicht suchen. In der Geschichte der Bischöfe von Metz berichtet
er anfangs die fabelhafte Lokaltradition, ohne ein Urtheil darüber
anszusprechen, als Sage, dann schöpft er seine Nachrichten aus
Gregor, Fredegar und dem Leben Arnulfs; was er aus der neueren
Zeit hinzufügt, ist wenig bedeutend, wie denn auch dieses ganze
Werk Uber einen ihm fernliegenden Gegenstand, auf den Wunsch
seines Gönners verfafst, zu keinen höheren Ansprüchen berechtigt.
Anders verhält es sich mit der Geschichte der Langobarden.
Leider reicht sie nur bis zum Tode Liutprands (744) und es fehlt
uns also die Darstellung der Zeit, welche der Verfasser selbst durch-
lebt hat. So weit er aber mit seiner Arbeit gekommen ist, finden
wir auch hier nur einfache Erzählung, zusammengesetzt aus der
mündlichen Ueberlieferung und schriftlichen Quellen, wie Gregor von
Tours, Beda, den Leben der Päpste u. a. m. a). Aus diesen nimmt
er ganze Stücke auf, ohne sie eigentlich zu einem Ganzen zu ver-
arbeiten; in der Kritik, sogar in der Sorgfalt und Genauigkeit bei
Benutzung seiner Gewährsmänner erscheint er schwach, und obwohl
seine eigentliche Aufgabe die Volksgeschichte der Langobarden ist,
nimmt er ohne rechtes Mafs und Princip doch auch ferner Liegendes
auf. Läfst er aber demnach als gelehrter Geschichtschreiber viel
zu wünschen übrig, so entschädigen uns doch dafür andere sehr
wesentliche Vorzüge, die einfache Klarheit seiner Darstellung, die
*) Gedruckt u. a. in der Sammlung von Muratori, SS. Vol. I.
a) Belhmann, Archiv X, 314.
Ilistoria Langobardorum. Angilbert.
99
lautere Wahrheitsliebe, die ihn von allem in ungeschminkter Gerad-
heit berichten lälst, die Wärme des Gefühls für sein Volk, welche
sich auch ohne ruhmredige Verherrlichung besonders in der Auf-
zeichnung der alten Sagen kundgiebt. Sehen wir nun aber vollends
auf den materiellen Werth seiner Geschichte, so ist derselbe unbe-
denklich als ganz unschätzbar anzuerkennen; wir verdanken ihm
eben die Bewahrung jenes reichen, durch keine spätere Gelehrsam-
keit verfälschten Sagenschatzes, und Uber die Geschichte der Lango-
barden, was er aus dem Sekundus von Trident und anderen verlo-
renen Quellen schöpfte sowohl wie die Aufzeichnung mündlicher
Ueberlieferung : rettungslos würde alles dieses nach dem Sturze des
Reiches dem Untergang verfallen sein, wenn nicht des alten Mönches
Hand es mit treuer Liebe aufgezeichnet hätte.
§ 7. Angilbert.
Elogium auctore Jo. Mabillon, Acta SS. O. S. B. IV» 1, 87 ed. Ven. Pertz SS. II, 391.
B&hr 85 — 89. Carmina aus Frobens Ausgabe des Alcuin, Ducliesne u. Mabillon ge-
sammelt bei Migne XCIX, 849—854.
Wie Paulus am langobardischen, so war Angilbert, der ebenfalls
aus vornehmem Geschlechte stammte, am fränkischen Hofe aufge-
wachsen1). Wohl wenig jünger wie Karl selbst, war er mit diesem
durch innige Freundschaft verbunden und stand zu der ganzen könig-
lichen Familie im vertraulichsten Verhältnifs. Er scheint sich schon
früh mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt zu haben, wenigstens
so weit sie für den Dienst in der königlichen Kanzlei nöthig waren,
und ergriff, als Alkuin an den Hof kam, mit demselben Eifer, wie
sein königlicher Freund, die Gelegenheit zu höherer Ausbildung; er
wurde ein Schüler Alkuins und Peters von Pisa, und nahm an der
Akademie den lebhaftesten Antheil; hier erhielt er wegen seiner
poetischen Begabung den Namen Homer. Bald aber mufste er diesen
Kreis verlassen, indem ihm, gewifs ein Zeichen hohen Vertrauens,
eine bedeutende Stellung am Hofe des Kindes Pippin in dem neu-
gewonnenen italienischen Königreiche anvertraut wurde*).
Zurückgekehrt trat Angilbert wieder in den Kreis seiner alten
Freunde ein und mufs wohl jetzt oder auch schon früher die nie-
*) Qui pacne ab ipsin infantiae rudimentis in palatio vestro enutritus est,
schreibt Papst Hadrian 794 an Karl. Er mufs aber 782 als Primicerius palatii
bei dem unmündigen Pippin schon in reifem Aller gewesen sein. Doch nennt
Alkuin ihn wiederholt filius, und in einem ungedruckten von Pertz angeführten
Briefe genauer: filius eruditionis meae; Karl noch 796: Homeriane puer.
2I Primicerius palatii nennt ihn Alkuin in dem Briefe n. 42, welchen Mabillon
ins Jahr 782 setzt. Sein Biograph Anscher aus dem 12. Jahrh. läfst ihn auch als '
maritimae Franciae dux die Dänen schlagen, was kaum glaublich und wohl eine
Anticipation späterer Zustände ist
7*
Digitized by Google
100
II. Karolinger. § 7. Angilbert.
deren Weihen erhalten haben, da er Karls Kapelle angehörte; auch
seine Würde am italienischen Hofe war vielleicht schon eine geist-
liche ‘). Wie bedeutend und einflufsreich seine Stellung gewesen ist,
zeigen die wichtigen Gesandtschaften an den römischen Papst, welche
ihn noch dreimal (792, 794, 796) nach Italien führten; auch soll er
im Jahre 800 den König nach Rom geleitet haben, und im Jahre
811 Unterzeichnete er Karls Verfügung Uber seinen Schatz zu Gun-
sten der Kirchen seines Reiches.
Noch hatte sich am fränkischen Hofe aus Karl Marteis Zeit
die Sitte erhalten, dafs die Einkünfte reicher Abteien zum Unterhalt
der Hofleute verwandt wurden, und auch Angilbert war Abt von
Centula oder S. Riquier; 794 wird er zuerst als solcher genannt.
Er betrachtete aber diese Würde nicht als eine blofse Pfründe, son-
dern stellte es sich vielmehr zur Aufgabe, dieses Kloster aus seinem
eigenen Vermögen so herrlich wie möglich auszustatten; er baute es
von Grund aus neu, und schmückte es in glänzendster Weise mit
jedem Zubehör des prachtvollen Kirchendienstes; namentlich liefs er
sich, wie Arn, die Pflege der Bibliothek angelegen sein und be-
reicherte diese mit 200 Büchern. Vielleicht das köstlichste unter
diesen für die Mönche von Centula war das Leben ihres Stifters,
des h. Richarius, welches auf Angilberts Bitten sein Freund Alkuin
nach den gesteigerten Anforderungen der Zeit neu bearbeitete. Im
Jahre 800 hatte Angilbert die Freude, seinen königlichen Freund in
den Mauern seines Klosters als Gast zu empfangen, und wie er
diesem Zeit seines Lebens in treuester Freundschaft zugethan war,
so folgte er ihm auch am 18. Februar 814 im Tode nach.
Dafs Angilbert nach solchen Verdiensten um das Kloster später
daselbst als Heiliger verehrt ward, versteht sich von selbst; Ha-
riulf, der Chronist von 8. Riquier2), weifs auch viel von seinem
strengen und erbaulichen Wandel zu erzählen, allein das war gleich-
falls so unvermeidlich, wenn man im zwölften Jahrhundert Uber das
Leben des Stifters berichtete, dafs darauf durchaus kein Gewicht zu
legen ist. Einem Staatsmann Karls des Grofsen stand mönchische
Askese Übel an, und Angilberts Thätigkeit scheint mehr auf eine
tüchtige praktische Wirksamkeit gerichtet gewesen zu sein; unmög-
lich ist es aber nicht, dafs er in seinen alten Tagen sich getrieben
fühlte, für ein früher allzu freies Leben Bufse zu thun. Hatte er
*) Ministmm capellae nennt ibn Hadrian 794. Docen macht darauf aufmerk-
sam, dafs in seinem Gedichte an Karl primicerius aulac der Erzkaplan ist.
s) IlariulK Chron. Cenlulense, im Anfänge des 12. Jahrh. hei D ’Achery, Spi-
cil. ed. II. II, 291. Das Leben Aagilberts daraus auch bei Mabillon a. a. 0.
Digitized by Google
Angilberte Leben und Gedichte.
101
sich doch schon von Alkuin einreden lassen, dafs die Schauspiele,
an denen er so viel Freude hatte, slindlich wären, und wenn auch
Alkuin seinen Wandel im Uebrigen würdig und angemessen nennt1),
so wissen wir doch von einem Verhältnifs, welches den mönchischen
Sittenpredigern nicht gefallen konnte, so wenig es auch an Karls
Hofe auffallen und Anstofs erregen mochte. Denn Angilbert war
der glückliche Geliebte von Karls schöner Tochter Bertha, die ihm
zwei Söhne, Nithard und Hamid, geboren hat: ein Verhältnifs, wel-
ches vielleicht durch eine nahe liegende Verwechselung Anlafs ge-
geben hat zu der bekannten Sage von Eginhard und Emma3); Ha-
riulf sagt natürlich kein Wort davon, wohl aber der zweite Biograph
Anscher, dem Nitliards Werk bekannt war, denn dieser, der eigene
Sohn, erzählt es. Anscher berichtet nun freilich von einer wirk-
lichen Ehe, aber wir haben ja Einhards ausdrückliches Zeugnifs da-
für, dafs Karl sich nicht entschliefsen konnte, eine von seinen Töch-
tern zu verheirathen. Dafs er ihnen dafür um so gröfsere Freiheit
gestattete und dafs manches anstöfsige Verhältnifs an seinem Hofe
geduldet wurde, ist ebenfalls bekannt genug. Einen Blick in Angii-
berts Familienleben gewährt uns das Gedicht, welches zuerst von
Docen an dem Dichternamen Homer als ein Werk Angilberts er-
kannt ist 3) , ein Grufs an Karl und den engeren Kreis der Seinen
aus der Feme, vielleicht von einer der italienischen Gesandtschafts-
reisen. Hier gedenkt er zuletzt auch seines Hauses mit dem Garten,
in welchem seine Knaben spielen; die zärtlichste Liebe und Sorge
spricht sich darin aus, aber von der Mutter ist keine Rede. Da-
gegen begrüfst er unter Karls Töchtern Bertha mit besonderer Ver-
ehrung4), und die Weise, wie er den König als seinen süfsen Karl,
dessen Kinder als seine Lieben grüfst, deutet auf ein sehr vertrau-
liches Verhältnifs.
Aehnlicher Art wie dieses ist ein anderes Gedicht Angilberts,
verfafst, als er 796 nach Italien eilend dem Könige Pippin, dem
Besieger der Avaren, in Langres begegnete; er schildert die Freude
des Wiedersehens, die ungeduldige Erwartung am Hofe, und voraus
*) Alcuini ep. 144. et 213. ed. Froben.
s) S. Abel, Kaiser Karls Leben von Einhard, S. 56 — 62.
3) Neuer lillerar. Anzeiger 1807. N. 6. Dafs dieses Gedicht schon unter Al-
kuins Namen bei Froben II, 614 gedruckt ist, fand Docen selbst später, Aretins
Beiträge 7, 523.
4) Virginis egregiae Bertae nunc dicite laudes, Pierides, mecum, placeant cui
carmioa nostra. Carminibus Musarum digna puella est Ich will jedoch
nicht verhehlen, dafs die Chronologie des Gedichtes und namentlich die Bezeichnung
der Schwestern als sehr jung (praefragiles annis) ernstliche Schwierigkeiten macht.
Digitized by Google
102 II. Karolinger. §7. Angilbert. §8. Einhard.
schauend die zärtliche Begrüfsung des jungen Helden im Kreise
der Seinen1).
Vielleicht aber ist uns auch noch aus einem gröfseren Werke
Angilberts ein Bruchstück erhalten. Sein Dichtername Homer, den
ihm Karl selbst 796 beilegt, in dem Briefe welcher die wichtigsten
Aufträge für seine römische Gesandtschaft enthält2), deutet auf
grofse Erwartungen, die sich an ihn knüpften, die Erwartung dafs
er Karls Thaten in einem Epos feiern werde. Wenn wir daher
einem solchen Epos wirklich begegnen, so ist wohl die Vermuthung
gerechtfertigt, dafs kein anderer als Angilbert der Verfasser ist. Hege-
wisch hat deshalb bereits diese Vermuthung ausgesprochen, und Pertz
das Gedicht unter Angilberts Namen herausgegeben *). Verfafst ist
es um mehrere Jahre später wie jene beiden gröfseren Gedichte
Angilberts, und daraus liefse sich ein freilich sehr bedeutender
Fortschritt in der Beherrschung der Sprache und der Behandlung
des Verses allenfalls erklären, doch bleibt mir dieser Umstand be-
denklich. Auffallend ist es, da wir doch im Ganzen Uber diese Zeit
so genau unterrichtet sind, von einem so bedeutenden Werke gar
keine Erwähnung zu finden. Vermuthlich ist es unvollendet geblieben,
und deshalb weder vollständig erhalten, noch hinlänglich beachtet,
um von anderen genannt zu werden. Doch würde Angilberts Dichter-
name Homer wenigstens eine Hindeutung enthalten, die für andere,
wie Theodulf den Dümmler vermuthungsweise genannt hat, gänzlich
fehlt. Sicher war der Verfasser ein Mann von ungewöhnlichem
Geiste und grofser dichterischer Begabung, der sich den Unterricht
der Hofschule mit bestem Erfolge zu Nutze gemacht hat. Auch
mufs er zu Karls Akademie gehört haben, da er den Kaiser immer
David nennt, und die lebendige Schilderung verräth sowohl den
Augenzeugen als auch einen Mann der Karls Hofe nicht fern stand,
was freilich bei einem so ausgezeichneten Dichter ohnehin mit voller
Sicherheit anzunehmen ist.
Erhalten ist uns der Anfang des dritten Buches, 536 Verse,
vermuthlich ein Stück, welches seiner besonderen Schönheit wegen
einzeln in eine Blumenlese aufgenommen war, denn es steht mitten
zwischen anderen Bruchstücken. Die Geschichte der Gegenwart
episch zu behandeln, ist stets ein Mifsgriff, und immer werden es
es die einzelnen Schilderungen sein, welche einem solchen Werke
*) Du Chesne SS. Rer. Franc. II, 646. Bouq. V, 408.
a) Bouq. V, 625. Alcuini ep. 83.
3) Mon. II, 391 — 403. Orelli, Helperici sive ut alii arbitrantur Angilberti
Karolus magnus et Leo III. 1832. 8. nach der von ihm wieder aufgefundenen Hand-
schrift. Dagegen Pertz im Archiv VII, 363.
Digitized by Google
Karl und Leo. Einhard.
103
seinen Reiz verleihen. Aber auch die Anlage ist hier doch sehr
geschickt entworfen. In voller Pracht wird Karls Hofhaltung uns
vor Augen geführt; eine Lobrede auf den grofsen König eröffnet
das Buch, dann werden die Bauten zu Aachen, und eine grofse Jagd
mit reichen Farben und lebendiger Anschaulichkeit geschildert: mit
besonderer Vorliebe verweilt der Dichter bei den Töchten Karls, zu
denen wohl kein anderer Dichter der Zeit in so nahem Verhältnis
stand wie Angilbert. In der Nacht läfst dann der Dichter den
König im Traume die Mifshandlung erblicken, welche der Papst Leo
799 in Rom erfuhr; er weicht darin von der Wirklichkeit ab, aber
wenn man einmal die Geschichte episch behandeln will, so ist eine
solche Wendung geschickt genug, um ohne lange Vorbereitungen die
Hauptereignisse einander nahe zu rücken *). Ohne von den umständ-
lichen Gesandtschaften, welche in der Wirklichkeit dazwischen lagen,
berichten zu müssen, gelangt so der Dichter sogleich zu der Zu-
sammenkunft Karls mit dem Papste im Lager bei Paderborn, welche
den eigentlichen Gegenstand seiner Darstellung bildet.
Niemand wird dieses Fragment aus der Hand legen, ohne zu
bedauern dafs uns von diesem Werke nicht mehr erhalten ist; es
weht uns darin gleichsam die frische Luft jenes kraftvollen Lebens
an, und wir fühlen uns auf einen Augenblick entrückt aus der ein-
förmigen Atmosphäre der mönchischen Chronisten.
, § 8. Einhard.
Pertz, Mon. SS. IT, 426 — 430. B*hr S. 200 — 216. Abel, Kaiser Karls Leben *on Ein-
hard S. 1 — 18. Opera ed. Teulct, Paris 1840. 1843. 8. 2 Binde. Dümmler be-
zieht auch die Verse Alkuins II, 231 auf Einhard.
Dem Kaiser Karl wurde das Glück zu Theil, so lange die
Herrschaft zu führen, dafs er noch selbst den Erfolg seiner Be-
strebungen und Einrichtungen erlebte. Haben wir bisher mit den
Männern uns beschäftigt, welche er als Gehülfen seiner Thätigkeit
an sich zog, seinen gleichalterigen Zeitgenossen, so haben wir da-
gegen jetzt in Einhard den ersten der jüngeren Generation zu be-
trachten, der schon ganz unter dem Einflufs von Karls Zeitalter
erwachsen war, und selbst den schönsten Beweis gab für den ge-
segneten Erfolg dieses Strebens. Kein mittelalterlicher Schriftsteller
ist den classischen Vorbildern, welchen sie nacheiferten, so nahe ge-
kommen; er erfreut sich deshalb eines guten Namens und findet
selbst vor philologischen Augen Gnade.
Und doch zeigt sich auch gerade darin wieder eine Gefahr der
*) Dieser dem Virgil entlehnte Kunstgriff ist freilich nicht selten, sonst würde
es für Angilberts Autorschaft sprechen, dafs auch in seinem Gedichte auf Pippins
Ankunft ein Traum auf ähnliche Weise angewandt wird.
Digitized by Google
104
II. Karolinger. § 8. Einhard.
damaligen Richtung : so viel anziehendes Einhard auch hat, es fehlt
ihm die frische Natürlichkeit anderer; er schreibt fast wie Sueton,
aber es war nicht das richtige Ziel des Mittelalters, zu schreiben
wie Sueton, so wenig wie am Beginn der neueren Zeit diejenigen
das Höchste erreicht haben, welche fast wie Cicero schrieben.
Man hätte in die Gefahr kommen können, nichts als ein mattes
Abbild der römischen Kaiserzeit darzustellen, wenn nicht doch da-
gegen das widerstrebende Element der Kirche immer geschützt
hätte, welches sich in dieser Form nicht fesseln lassen konnte, und
das unvertilgbare frische Leben der Völker, welches nicht ruhte, bis
es sich seine eigenen neuen Formen geschaffen hatte.
Einhard — denn so, nicht Eginhard, wird der Name von seinen
Zeitgenossen urkundlich geschrieben — ist um das Jahr 770 geboren.
Seine früheste Erziehung soll er im Kloster Fulda erhalten haben,
zu dem er auch immer in freundschaftlicher Beziehung blieb. Dann
aber ist er schon früh an Karls Hof gekommen, hat hier in der
Hofschule seine weitere Ausbildung erhalten, und scheint vom Kaiser
fast wie ein Sohn geliebt zu sein, während er ihm seinerseits die
zärtlichste Zuneigung, die innigste Verehrung widmete. Ganz be-
sonders zeichnete er sich durch seine Kunstfertigkeit aus, durch
seine Kunde der Baukunst, welche er durch eifriges Studium des
Vitruv und der alten Denkmäler auszubilden suchte. Er erhielt
deshalb unter den Hofgelehrten den Beinamen Beseleel, nach dem
kunstreichen Werkmeister der Stiftshütte, und wurde vom Kaiser
zum Aufseher seiner grofsartigen Bauten ernannt : das Münster zu
Aachen ist aller Wahrscheinlichkeit nach sein Werk. Auch in
anderen wichtigen Angelegenheiten bewies ihm der Kaiser sein Ver-
trauen; er sandte ihn im Jahre 803 an den Papst, um dessen Zu-
stimmung zu seiner Anordnung Uber die Reichstheilung zu erlangen,
und 813 war es Einhard, dessen Rath und Bitte Karl bestimmt
haben soll, seinen Sohn Ludwig zum Kaiser zu ernennen. Da ist
es denn nicht zu verwundern, dafs er auch bei diesem sehr in Gunst
stand; die grofsen Bauten hörten auf, aber nun wurde dem kunst-
reichen und gelehrten Manne eine ganze Reihe der ansehnlichsten
Abteien übertragen. Allein mehr als diese zog ihn der abgelegene
und einsame Fleck Landes zu Michelstadt im Odenwald an, den er
815 für sich und seine Gemahlin Imma vom Kaiser zum Geschenk
erbat. Mehr und mehr zog er sich hierhin zurück, und nachdem
er sich im Jahre 826 den nach den Begriffen der Zeit unschätzbaren
Besitz der Gebeine der heiligen Märtyrer Marcellinus und Petrus
verschafft hatte, gründete er hier das Kloster Seligenstadt.
Digitized by Google
Einhards Leben. Seine Annalen.
105
Noch konnte er sich nicht ganz den Staatsgeschäften entziehen,
deren unruhiges und kriegerisches Getreibe allen denen, welche sich
zu litterarischer Beschäftigung hingezogen fühlten, unerträglich war.
Im Jahr 817 gab ihn Ludwig dem jungen Kaiser Lothar als Rath-
geber, und 830 finden wir ihn eifrig bemüht, den Ausbruch der
Empörung zu verhindern, die Aussöhnung zwischen Vater und Sohn
zu bewirken: als aber die inneren Zustände des Reiches immer un-
heilbarer wurden, auch niemand mehr auf seinen weisen Rath
achtete, da zog er sich ganz in seine Waldeinsamkeit zurück. Noch
war ein harter Schlag des Schicksals ihm Vorbehalten, der Tod
seiner innig geliebten Gemahlin Imma im Jahre 836 ; der alte Kaiser
hat ihn damals in seiner Zurückgezogenheit aufgesucht, um ihm
seine. Theilnahme zu bezeugen. Im achten Jahre darnach , am 14.
März 844, starb er selbst.
a ) Einhards Annalen.
Mon. SS. 1,124 — 218. Besonderer Abdruck, Hann. 1845. 8. Frese, de Einhardi Vita
et Scriptis Specimen. Berol. 1845. 8. (Gegen die Autorschaft Einhards). Abel, Ein-
hards Jahrbücher. Berl. 1850. BÄhr 163 — 166. Ranke, Zur Kritik frfinkisch-deutscher
Reichsannalisten, in d. Abhandlungen der Berl. Ak. a. d. J. 1854 S. 415 — 435. Waita,
au den Lorscher und Einhards Annalen. Nachr. von d. Gött, Societät 1857 S. 46 — 52.
Die Bestrebungen der gelehrten Männer an Karls Hofe richteten
sich vorzugsweise theils auf das Studium der älteren Litteratur und
die formelle Ausbildung, theils auf theologische und philosophische
Probleme; mit geschichtlichen Forschungen beschäftigten sie sich
wenig. Dem Kaiser jedoch entging die Wichtigkeit derselben nicht;
er sorgte wenigstens dafür, das Andenken seiner eigenen Zeit zu
erhalten. Er verordnete, dafs die Gesetze und die Beschlüsse der
Reichstage seiner Zeit in mehreren Exemplaren an verschiedenen
Orten sorgfältig aufbewahrt werden sollten, und seinen Briefwechsel
mit dem päpstlichen Hofe liefs er, im vollen Bewufstsein der über-
wiegenden Wichtigkeit dieser Verhältnisse, in einem eigenen Buche
zusammen fassen, dem Codex Carolinus, welcher uns noch erhalten,
und eine der wichtigsten Geschichtsquellen ist. Aufserdem aber ver-
gafs er auch nicht der Fürsorge, welche wie wir oben (S. 80) sahen,
das karolingische Haus schon in früherer Zeit der Aufzeichnung sei-
ner Haus- und Landesgeschichte gewidmet hatte. Unmöglich konnte
es ihm genügen , dafs man in einigen Klöstern die hervorragendsten
und bekanntesten Begebenheiten der Zeit am Rande der Ostertafeln,
oder auch abgesondert, aufzeichnete; für uns sind diese abgerissenen
Notizen von einigem Werthe, und wo andere Nachrichten fehlen,
gewinnen sie grofse Bedeutung, aber auf den Namen eines GeBchichts-
werkes können sie doch keinen Anspruch machen. Und wenn auch
106
II. Karolinger. § 8. Einhard.
etwa hier oder dort der Verfasser den Wunsch hatte, ans jenen
Fragmenten eine vollständigere und zusammenhängendere Erzählung
zu bilden, wie sollte es ihm gelingen, einen Ueberblick Uber die
Geschichte des weiten Reiches zu gewinnen, und in gleichmäfsigem
Fortschritt die Begebenheiten aus so entlegenen Provinzen zu ver-
zeichnen? Wenn wir nun also dennoch Annalen besitzen, in denen
dieses geleistet ist, so müssen noth wendig die Umstände ihrer Ent-
stehung ganz eigenthümliche gewesen sein, und diese auffallende
Erscheinung verdient die sorgfältigste Aufmerksamkeit und Unter-
suchung. L. Ranke ist es, welcher mit sicherem Scharfblick zuerst
hierauf hingewiesen hat; er unterzog die sogenannten Annalen
des Klosters Lorsch, welche in gedrängtester Kürze freilich,
aber doch mit vollständiger Uebersicht aller Begebenheiten die ganze
Regierung Karls begleiten, einer eindringlichen Prüfung, und legte
die Resultate derselben in einer Abhandlung nieder, aus welcher wir
hier die betreffende Stelle wörtlich auszuheben uns erlauben 1). Er
sagt nämlich Uber diese Jahrbücher : „ Bei dem alten Annalisten
fällt nun zweierlei auf, einmal, was wir eben berührten dafs er
grofse Unglücksfälle verschweigt; auch von den inneren Stürmen,
den dann und wann auftauchenden Verschwörungen giebt er keine
oder nur ungenügende Nachricht, — sodann aber, dafs er Uber das
was er berührt, ausnehmend gut unterrichtet ist. Ein Mönch in
seinem Kloster konnte unmöglich die Dinge so genau erkunden, wie
sie hier beschrieben sind; wir haben Kloster- Annalen dieses Landes,
aus derselben Zeit, allein wie sehr sind sie verschieden! Sie be-
richten nur das ganz Allgemeine der auffallendsten Thatsachen.
Hier aber haben wir einen Autor vor uns, der die Züge der Heere,
ihre Zusammensetzung und Führung, die einzelnen Waffenthaten,
kurz aber sicher angiebt, und der auch von den Unterhandlungen
bis auf einen gewissen Grad zuverlässige Kenntnifs hat. Niemand
konnte über die Unternehmung gegen Benevent und Baiern so gute
Nachrichten mittheilen, der nicht dem Rath des Kaisers nahestand.
Diese beiden Eigenschaften zusammen, gute Kunde und grofse Zu-
rückhaltung, scheinen fast auf eine officielle Abfassung zu deuten,
die aber freilich von einem Geistlichen herrüliren müfste : jede
Phrase bezeichnet einen solchen. Es würde ein in den Welt-
geschäften erfahrener, und mit dieser Thätigkeit vielleicht speciell
beauftragter Geistlicher gewesen sein, der diese Notizen am Hofe
selbst aufgesetzt hätte; in rohem Stil, wie ihn die Zeit, welche der
Einrichtung der Hofschule voranging, wohl erlaubte; ein Mann der
*) Abhandlungen der Berliner Akademie a. d. J. 1854. S. 434.
Amtliche Reichsannalen. 1 07
alten Art und Weise, die sich hier durch die Nachwirkung der Er-
eignisse allein höher erhob als je zuvor.“
ßanke hat in diesen Worten eine Ansicht, die er mUndlich be-
reits weiter ausgefttlirt hatte, nur leicht angedeutet; die Ansicht dafs
nicht nur diese, sondern auch ein Theil der späteren Reichsannalen
amtlicher Natur waren, dafs auf Veranlassung des Hofes die Zeit-
geschichte officiell verzeichnet wurde, und daraus die ungemein rasche
und bedeutende Entwickelung der Annalistik sich erklärt, welche
dann später auch anderen zum Vorbild diente, die nur aus eigenem
Antrieb die Ereignisse, welche sie erlebten, darzustellen versuchten.
Es bedarf noch einer eingehenden und umfassenden Untersuchung
über das Verhältnifs dieser Annalen zu den verschiedenen Aufzeich-
nungen, welche aus dem Kloster Lorsch hervorgegangen sind *), und
zu den Annalen von Metz, in welchen auch eigenthümliche Nach-
richten aus dieser Zeit erhalten sind; der Anfang jener Annalen von
741 bis 768 mag erst nachträglich ergänzt sein, aber das kann man
wohl schon jetzt als erwiesen annehmen, dafs so wie Childebrand und
Nibelung den Fredegar fortsetzen liefsen, so auch Karl der Grofse von
Anfang an für eine kurze und gedrängte, aber zuverlässige Aufzeich-
nung der Begebenheiten seiner Zeit Sorge trug. Es theilen daher
auch diese Jahrbücher die Vorzüge wie die Fehler der offieiellen Ge-
schichtschreibung, wie das schon in Rankes Worten angedeutet ist.
Nachher, fährt Ranke fort, mufste die Historiographie in litte-
rarisch geschicktere Hände kommen, wie die Einhards waren, der
die alten Annalen überarbeitete und neue abfafste, wie es scheint
im Palast zu Aachen in eben den Jahren, von denen er handelte.
Bis zum Jahr 788 gehen die alten Annalen gleichmäfsig fort,
dann schliefst sich in der ältesten, jetzt leider verlorenen Hand-
schrift eine abweichende Fortsetzung an. In den übrigen Hand-
schriften sind die nächsten Jahre zum Theil auffallend kurz, übri-
gens aber in unveränderter Weise behandelt*); dann tritt mit dem
Jahre 796 ein ganz veränderter Stil, eine neue Art der Auffassung
*) Vgl. darüber L. Giesebreeht, Wend. Gesch. III, 281—283. Nach Waitz
a. a. 0. haben die Ann. Lauriss, maiores keine andere Beziehung zu Lorsch, als
dafs eine bis 788 reichende Abschrift in dieses Kloster kam, hier fortgesetzt, und
von dem Verfasser der Lauriss, minores excerpirt wurde. Dafs in Lorsch ein leb-
haftes Interesse für die Reichsgeschichte bestand, beweisen die Ann. Laureshamenses
(Mon. 1,22 — 39), welche von 703 bis 768 den Murbacher Annalen entnommen,
von da an bis 803 von verschiedenen Verfassern gleichzeitig fortgeführt sind, mit
der Absicht, Reichsgescbichte, nicht Klostergeschichte zu geben. Vgl. über den
Schlufs derselben unten das Chron. Moissiaccnse.
*) nach Waitz a. a. 0., während Pertz schon mit 788 die Fortsetzung Ein-
hards beginnen läfst.
Digitized by Google
108
Ii. Karolinger. § 8. Einhard.
ein, und diese Fortsetzung fliefst allmählich so vollständig zusammen
mit Einhards Werk, dafs seine Hand auch im Anfang nicht zu ver-
kennen ist. Während der Arbeit selbst aber schritt er an Bildung
und namentlich an Gewandtheit in der Sprache und Darstellung
weiter vor, und fand zuletzt die alten rohen Jahrbücher und seine
eigene Arbeit so ungenügend, dafs er sie noch einmal überarbeitete.
Ueber die Art wie dies geschah, genügt es auf Rankes Untersuchung
zu verweisen. Nicht die tief eindringende Kenntnifs der früheren
Geschichte war es, die ihn auszeichnete, oder die ihn zu dieser
Arbeit veranlafste; seine Arbeit war vorzugsweise stilistisch, und
nicht selten hat er dadurch auch beachtenswerthe Züge des älteren
Annalisten verwischt: ja er hat an einigen Stellen eine unrichtige
Auffassung der Ereignisse hineingetragen, weil er die ihn erfüllende
Vorstellung von der alles andere überragenden Hoheit des Kaisers
unwillkürlich auch schon auf die früheren Zeiten übertrug. Wichtig
aber ist uns dennoch auch seine Ueberarbeitung nicht nur wegen
einzelner Zusätze, und weil es für uns Werth hat, auch seine Auf-
fassung kennen zu lernen, sondern auch deshalb, weil er so wenig
zu ändern fand; die alten Lorseher Annalen, sagt Ranke, erhalten
dadurch eine nicht geringe Beglaubigung, dafs Einhard, was die
Sache anbelangt, nur eine und die andere Einschaltung über ein
Paar einzelne merkwürdige Begebenheiten beizubringen hatte.
Einhards eigene selbständige Arbeit reicht bis zum Jahre 826,
bis zu der Zeit wo er sich vom Hofe zurückzog, voll Trauer über
die zunehmende Verwirrung und Auflösung des Reiches. Für solche
Zeiten war weder er selbst noch seine Feder geeignet. Mit ruhiger
Würde hatte er, so lange das Reich nach den kriegerischen Zeiten
des achten Jahrhunderts für immer befestigt schien, und durch den
gewaltigen Kaiser auch noch von seinem Grabe aus zusammen-
gehalten wurde, Jahr für Jahr die Ereignisse registrirt; den helleren,
feiner gebildeten Zeiten verlieh sein reines fehlerfreies Latein den
angemessenen Ausdruck, und kurz und gedrängt zwar, aber doch
vollständig in allem Wesentlichen liegt die Reichsgeschichte in seinen
Jahrbüchern vor uns, in edler Einfachheit, frei von aller Leiden-
schaft und Parteilichkeit Als es unmöglich wurde inmitten der
heftig erbitterten Feinde in solcher Weise fortzufahren, da überliefs
er anderen die Fortsetzung seines Werkes *).
l) Ich bin hier der herrschenden Ansicht gefolgt, dafs Einhard der Verfasser
der Annalen sei, welche nach einem Cilat in der Transiatio S. Sebastiani von Du
Chesne aufgestellt, und zuletzt von Pertz angenommen und vertheidigt ist. Gründe
dagegen entwickelt Frese; L. Giesebrecht erklärt sich ebenfalls dagegen, und Waitz
läfst die Frage unentschieden.
Digitized by Google
Einhards Annalen und Leben Karls. . 109
Wie sehr aber in dieser Zeit die Ausbildung der Form, welche
so lange Zeit aufs Aeufserste vernachlässigt war, in den Vorder-
grund trat, das zeigt uns recht deutlich das Werk des ungenannten
sächsischen Dichters, welcher Einhards Jahrbücher in recht löbliche
Hexameter brachte, für die Erweiterung und Erläuterung des Inhalts
aber fast gar nichts gethan hat.
4) Das Ltben Karls.
Ausgabe von Ideler in 2 Bünden 1839; von Pert* Mon. SS. II, 426 — 463, vgl. Archiv
VII, 864 über die Steinvelder Handschrift. Besonderer Abdruck, 2. Ausg. Hann.
1845. 8. Abel, Kaiser Karls Leben von Einhard. Berlin 1850.
„Einhard“, sagt Ranke a. a. 0. 8.416, „hatte das unschätzbare
Glück, in seinem grofsen Zeitgenossen den würdigsten Gegenstand
historischer Arbeit zu finden; indem er ihm, und zwar aus persön-
licher Dankbarkeit für die geistige Pflege, die er in seiner Jugend
von ihm genossen, ein Denkmal stiftete, machte er sich selbst für
alle Jahrhunderte unvergefslich.
„Vielleicht in keinem neueren Werke tritt nun aber die Nach-
ahmung der Antike stärker hervor, als in Einhards Lebensbeschrei-
bung Earls des Grofsen. Sie ist nicht allein in einzelnen Ausdrücken
und der Phraseologie, sondern in der Anordnung des Stoffes, der
Reihenfolge der Capitel, eine Nachahmung Suetons. Wie auffallend,
dafs ein Schriftsteller, der eine der gröfsten und seltensten Gestalten
aller Jahrhunderte darzustellen hat, sich dennoch nach Worten um-
sieht, wie sie schon einmal von einem oder dem anderen Imperator
gebraucht worden sind. Einhard gefällt sich darin, die individuellsten
Eigenheiten der Persönlichkeit seines Helden mit den Redensarten
zu schildern, die Sueton von Augustus, oder Vespasian, oder Titus,
oder auch hie und da von Tiberius gebrauchte. Er hat gleichsam
die Mafse und Verhältnisse nach dem Muster der Antike eingerich-
tet, wie in seinen Bauwerken: aber damit noch nicht zufrieden,
wendet er wie in diesen, auch sogar antike Werkstücke an. Wenn
wir auch überzeugt sind, dafs hiebei die Wahrheit nicht verletzt
wurde, so konnte doch die ganze Originalität der Erscheinung auf
diese Art nicht wiedergegeben werden. Ueberhaupt suchen wir in
der Geschichte nicht allein Schönheit und Form, sondern die exacte
Wahrheit, deren Ausdruck die freieste Bewegung fordert und dadurch
eher erschwert wird, dafs man sich ein bestimmtes Muster vor
Augen stellt.
„Ohne Zweifel war die Absicht Einhards mehr auf eine ange-
nehm zusammenfassende Darstellung, als auf strenge Genauigkeit
Digitized by Google
HO II- Karolinger. § 8. Einhard.
in den Thatsachen gerichtet. Das kleine Buch ist voll von histo-
rischen Fehlern.
„Nicht selten sind die Regierungsjahre falsch angegeben, z. B.
bei Karlmann, der nur zwei Jahre regiert haben soll, während er
doch über drei Jahre als König neben Karl dem Grofsen lebte; Uber
die Theilung des Reiches zwischen den beiden Brüdern wird eben
das Gegentheil von dem behauptet, was wirklich stattgefunden hat:
Schlachten, die ohne besondere Wirkung vorüber gingen, wie die
an der Berre, werden als entscheidend bezeichnet; Namen der Päpste
werden verwechselt; die Gemahlinnen sowohl, wie die Kinder Karls
des Grofsen nicht richtig aufgeführt; es sind so viele Verstöfse zu
bemerken, dafs man oft an der Aechtheit des Buches gezweifelt hat,
obwohl sie Uber allen Zweifel erhaben ist.“
So weit Ranke, zu dessen scharfer Charakteristik ich nur wenig
hinzuzufügen habe. Gerade in diesem Werke tritt die Eigen thttm-
lichkeit der karolingischen Bildung am deutlichsten hervor; unmög-
lich kann der fränkische Volkskönig in diesen suetonischen Aus-
drücken zur vollen Erscheinung kommen. Nur darf man auch nicht
vergessen, dafs Einhard eben den Volkskönig kaum noch kannte,
sondern hauptsächlich nur den alternden Kaiser, der selber nach
der Wiederbelebung des antiken Wesens trachtete, dessen Streben
in vieler Hinsicht auf die Herstellung des alten Imperatorenreiches
gerichtet war, und der, wenn ihm auch die Einführung der staat-
lichen Formen jener Zeit fern lag, doch durch seine grofse persön-
liche Ueberlegenheit so ehrfurchtgebietend dastand, und so sehr die
Seele der ganzen Herrschaft war, dafs es nicht so ganz unpassend
war, ihn dem Augustus zu vergleichen und die Farben des Bildes
von dem Biographen der Imperatoren zu borgen.
Dafs Einhard sich bei diesem Werke nicht eine eigentlich ge-
schichtliche Darstellung zur Aufgabe gewählt hatte, bemerkt auch
Ranke; für diesen Zweck konnte er auf seine Annalen verweisen.
Hier wollte er ein Lebensbild entwerfen, eben nach der Weise des
Sueton, und diesen Zweck hat er vollständig erreicht. Er verfafste
dieses Werk unmittelbar nach des Kaisers Tod; schon 820 finden
wir es von einem Zeitgenossen erwähnt, floch stand das Bild sei-
nes väterlichen Freundes in voller Frische vor seinem Geiste und
die etwas kalte Eleganz der Form wird durchwärmt von der kind-
lichen Verehrung und Anhänglichkeit, von welcher der Verfasser
ganz erfüllt ist, und die sich überall ausspricht, ohne dafs doch das
Lebensbild in eine Lobrede ausartete. Vielmehr tritt die ruhige
Mäfsigung, welche Einhards Charakter eigen ist, auch hierin deutlich
loogle
Einhards Leben Karls. Der Mönch von S. Gallen. 111
hervor, und seine reine Wahrheitsliebe ist unverkennbar, wenn er
auch die Schwächen seines Helden mit leichter Hand berührt.
Ein Werk, welches diesem an Vollendung der Form, wie an
ansprechendem Inhalte zu vergleichen wäre, hatten die germanischen
Nationen noch nicht hervorgebracht, und so ist es denn auch nicht
zu verwundern, dafs es rasch die gröfste Verbreitung fand und Jahr-
hunderte lang zu den beliebtesten und gelesensten Büchern gehörte;
mehr als 60 Handschriften sind uns noch jetzt bekannt.
Häufig finden sich in Handschriften das Leben Karls und die
Annalen als erstes und zweites Buch mit einander verbunden; als
drittes tritt dann die Schrift des Mönches von S. Gallen1) hinzu,
der im Jahre 883, veranlafst durch Karl den Dicken, den reichen
Schatz von Erzählungen und Sagen aufzeichnete, welche sich im
Munde des Volkes an Karl, seinen Sohn und den Enkel, Ludwig
den Deutschen, knüpften. Da ist nun nichts mehr von Einhards
klassischer Form zu finden, die Sprache ist roh und unbehülflich,
und der Inhalt keine Geschichte; nur selten und mit grofser Vor-
sicht ist ein Vorfall, der hier erzählt wird, als wirkliche Thatsache
hinzunehmen.
Aber um keinen Preis möchten wir doch dieser Sammlung ent-
behren. Sie zeigt uns das Bild des grofsen Kaisers, wie es im
Volke lebte und bis dahin sich gestaltet hatte, und mancher höchst
charakteristische Zug hat sich nur hier erhalten. Der gute alte
Mönch, der uns so lebendig mitten unter das Volk und seine Erzäh-
lungen führt, hat deshalb den gröfsten Anspruch auf unsere Dank-
barkeit, und wir müssen sehr bedauern, dafs er sein Werk, wie es
scheint, nicht vollendet hat.
Der Uebersetzer dieser Schrift hat sich bemüht, die Anfänge
karolingischer Sage weiter zu verfolgen, und die Spuren davon zu
sammeln ; ihm ist dabei eine merkwürdige Stelle entgangen, die An-
gabe in dem Leben der Königin Mahthild, dafs der Krieg zwischen
Karl und Widekind durch einen Zweikampf beider entschieden sei:
nach langem Widerstand besiegt, habe Widekind sich taufen lassen *).
Mit den KreuzzUgen artete die Karlssage aus und verlor allen
geschichtlichen Inhalt; besonders die Aachener Keliquien brachten die
Erzählung von Karls Kreuzfahrt zu allgemeiner Geltung, und fortan
treten die Lügen des falschen Turpin an die Stelle von Einhards
treuer Schilderung.
Ausgabe von Pertz, Mon. SS. II, 726 — 763. Uebersetzung von Watten-
bach, Berlin 1850. 8.
a) Mon. SS. X, 576.
Digitized by Google
112
II. Karolinger. § 8. Einhard. § 9. Ludwig d. Fr. Zeit.
c) Die Cebertragnng der heiligen Märtyrer Petras und Mareellinus.
Aufser den ungemein wichtigen Briefen Einhards *) bleibt uns
noch eine Schrift von ihm zu erwähnen, sein Bericht nämlich von
der Uebertragung der Gebeine der heiligen Märtyrer Petrus und
Marcellinus von Rom nach Seligenstadt. 826 geschah die Ueber-
bringung, und 830 verfafste Einhard die sehr anziehend geschriebene
Darstellung derselben. Wir sehen darin, wie er sich mehr und mehr
von dem weltlichen Leben abwandte und der kirchlichen Richtung
hingab, wundergläubig in hohem Grade und ganz mit der Pflege
seiner Pflanzung im Odenwald beschäftigt. Die hohe Verehrung der
Reliquien theilte er mit allen seinen Zeitgenossen, und eben wegen
dieser Verehrung haben die zahlreichen Uebertragungen solcher Ge-
beine für uns auch geschichtlichen Werth. Auf ihnen beruhte grofsen-
theils der Einflufs der Kirchen; besonders verehrte Reliquien ver-
schafften ihnen unermefslichen Zulauf: der Ruf von geschehenen
Wundern verbreitete sich weithin, und ohne Zweifel wurde dadurch
die Ausbreitung des Christenthums, z. B. in Sachsen, sehr wesent-
lich befördert. Aus den genauen Beschreibungen der Reise, wie aus
den Erzählungen von den Wundern, ist zugleich vieles flir die Sitten-
geschichte wie für die Topographie nicht unwichtige zu entnehmen,
und daher vermissen wir auch diese anmuthige Erzählung Einhards
ungern in den Monumenten.
§ 9. Ludwig des Frommen Zeit.
Funck, Ludwig der Fromme. Frankfurt a. M. 1832. 8.
Ein Jahrhundert lang hatte das karolingische Haus daran arbeiten
müssen, das zerfallende merowingische Reich wieder zur Ordnung
und Festigkeit zu bringen, bevor Karl daran denken konnte, auch
den Wissenschaften hier eine neue Heimath anzuweisen. Als dann
Ludwigs ungeschickte Hände den stolzen Bau im Laufe weniger
Jahre in seinen Grundfesten erschütterten, als von neuem Raub und
Gewaltsamkeit aller Art ungehindert geübt wurden, da wurde auch
diese zarte Blüthe geknickt. Es half nichts, dafs Ludwig persönlich
litterarischen Bestrebungen geneigt war, dafs er die Klosterzucht her-
Btellen half, was auch den Schulen zu Gute kam; wir wollen ihm
nicht den Ruhm schmälern, das schöne altsächsische Gedicht des
Heliand veranlafst zu haben, aber unter dem Waffenlärm konnte die
') In der Ausgabe der Werke Einhards von Teulet ist zu den Briefen die
von Pertz wieder aufgefundene Laoner Handschrift benutzt.
Digitized by Google
Ann. Bertiniani. Ermoldus Nigellus. J J 3
Wissenschaft nicht gedeihen, und über ihre Mifsachtung wird schon
jetzt geklagt1).
Die Reichsannalen freilich wurden nicht unterbrochen, son-
dern auch nachdem Einhard davon zurückgetreten war, in ähnlicher
Weise fortgeführt. Es sind die nach ihrem Fundort genannten
Bertinianischen Annalen2), deren Schreibart den amtlichen Cha-
rakter nicht verkennen läfst. Alle die traurigen Vorfälle der Zeit
werden mit möglichster Schonung berührt; der Herr Kaiser er-
scheint Btets in seinem Rechte, aber auch gegen die Gegner, welche
ja ebenfalls seinem Hause angehörten, wird anständige Mäfsigung be-
obachtet. Im Jahre 835 übernahm der Bischof Prudentius von
Troyes die Fortsetzung3), und führte sie bis zum Jahre 861, wo
der Erzbischof Hinkmar die Arbeit aufnahm ; schon war nicht mehr
der königliche, sondern der erzbischöfliche Hof zu Reims der wahre
Mittelpunkt des Reiches. Der genaue Zusammenhang der karolingischen
Reiche aber tritt in diesen Jahrbüchern noch deutlich hervor, indem
auch die italienischen und die deutschen Begebenheiten sorgfältig be-
rücksichtigt werden.
Der vornehmen Kürze der Reichsannalen treten für die frühere
Zeit Ludwigs die Gedichte des Ermoldus Nigellus*) zur Seite;
schmeichlerische Lobgedichte, die zwar als solche kaum zu den
eigentlichen Geschichtsquellen gerechnet werden können, aber doch
von mancher Einzelheit uns Kunde geben, und durch ihre Schilde-
rungen vielerlei Aufschlufs gewähren Uber Zustände und Personen
der Zeit. Aquitane von Geburt, war Ermold ein Günstling des
Königs Pippin; er geleitete ihn, obwohl Mönch, auf der Heerfahrt
des Jahres 824 gegen die Bretonen mit Schild und Speer: doch
scherzt er darüber selbst, und sein Herr lachte ihn aus. Der Kaiser
aber gab ihm Schuld, dafs er Pippin zur Empörung reize, und ver-
bannte ihn deshalb nach Strafsburg, wo Bischof Bemold ihn unter
seine Aufsicht nahm. Hier nun schrieb er seine vier Bücher, in
Distichen, Uber die Thaten des Kaisers, und es liegt in der Natur
der Dinge, dafs er ihm sowohl wie der Kaiserin Judith um so ärger
schmeichelte, je mehr er sich seiner Verbindung mit ihren Gegnern
bewufst sein mochte. Er erreichte jedoch seinen Zweck nicht, und
sandte deshalb noch zwei Lobgedichte an König Pippin. Seine Be-
Lupus an Einhard: Nunc oneri sunt, qui aliquid discere affectant. BährS. 31.
2) Ausgabe von Pertz, Mon. SS. I, 419 — 429; vgl die Lesarten der Brüsseler
Handschrift il, 193.
») Mon. SS. I, 429—452.
4) Ausgabe von Pertz, Mon. SS. II, 464 — 523. Migne CV, 551 — 640 nach
Bouquet. Uebersetzung von Pfund, Berlin 1856. Vgl. Bähr S. 96. 97.
8
Digitized by Google
114 n. Karolinger. § 9. Ludw. d. Fromme. § 10. Streit der Söhne.
freiung aber mag er wohl dem Siege der Verschworenen im Jahre
830 verdankt haben.
Kanm minder lobrednerisch für Ludwig, als die Verse Ermolds,
sind die beiden Lebensbeschreibungen, welche wir von ihm besitzen.
Die eine davon ist schon zu Beinen Lebzeiten verfafst, im Jahre 835,
von Th eg an oder Degan, einem vornehmen Franken und Land-
bischof der Trierer Kirche, von welchem sonst nichts bekannt ist,
als sein freundschaftlicher Verkehr mit Walafrid und einigen anderen,
den ein Paar noch erhaltener Briefe und Verse bezeugen. Jene Schrift
nun ist in der Form sehr unvollkommen, und gröfstentheils in magerer
annalistischer Weise verfafst, gewährt uns aber einige gute Nach-
richten. Genügen konnte der Verfasser seiner Aufgabe schon des-
halb nicht, weil er von Leidenschaftlichkeit gegen Ludwigs Gegner
erfüllt ist, und die wahren Ursachen der Unruhen und inneren Kriege
verschweigt1). Walafrid freilich, ein ebenso eifriger Anhänger Ludwigs,
lobt, indem er die Mängel des Ausdrucks mit der seelsorgerischen
Thätigkeit des Mannes entschuldigt, gerade die Wahrhaftigkeit des-
selben; er theilte das Büchlein in Capitel und versah diese mit Ueber-
schriften, um sich und andere an den Thaten des Kaisers Ludwig,
heiligen Andenkens, um so besser und häufiger erbauen zu können.
Mit weniger Heftigkeit, doch mit nicht minderer Parteilichkeit
für Ludwig, ist die zweite gröfsere Lebensbeschreibung desselben3)
geschrieben, welche ein unbekannter Geistlicher vom Hofe bald nach
dem Tode des Kaisers verfafst hat; man pflegt ihn den Astronomen
zu nennen, wegen einiger Bemerkungen, welche sich auf diese Wissen-
schaft beziehen. Tiefere geschichtliche Einsicht dürfen wir bei einem
Anhänger Ludwigs überhaupt nicht suchen, und auch der Stil dieses
Biographen ist entstellt durch übertriebenes Streben nach phrasen-
haftem Schmuck. So hat er in dem mittleren Theile seines Werkes
von 814 bis 829 fast nur die Jahrbücher Einhards ausgemalt und
durch seine Schönrednerei entstellt. Schätzbarer ist der erste Ab-
schnitt, wo Ludwigs Jugendzeit nach den Erzählungen des Mönches
Adhemar geschildert ist, der mit dem Kaiser auferzogen war. Im
letzten Theile endlich giebt der Verfasser aus eigener Kenntnifs Nach-
richt von dem was er erlebt, und wenn auch seine Darstellung wenig
zu loben ist, so ist doch der Inhalt von grofsem Werthe für uns.
Diesen Schriften reihen wir noch das Leben des Abtes Benc-
*) Am Schlufs folgen noch Nachrichten über die Jahre 836, 837. Ausgabe
von Pertz, Sion. SS. II, 585 — 604. Uebersetz. von Jasmund. 1850. Bähr S. 221.
s) ib. 604 — 648. Jasmund, das gröfsere Leben Ludwigs des Frommen. Berl.
1850. Bahr S. 223.
Ludwig des Fr. Leben. Nilhard.
115
dict von Aniane an, der das Vertrauen des Kaisers in so hohem
Grade besaß, und sich um die Reform der Klöster verdient machte,
verfafst von dem Mönch Smaragdus1).
In einer Zeit der erbittertsten Parteiungen konnte die Geschicht-
schreibung nicht den Charakter ruhiger, unparteilicher Schilderung
bewahren, den wir bei Einhard wahrnehmen ; jede Erzählung nimmt
eine bestimmte Farbe an nach dem Standpunkt des Verfassers, und
es treten nun auch die politischen Streitschriften hinzu, in welchen
die Gegner ihr Verfahren zu rechtfertigen, die Widersacher anzu-
schuldigen sich bemühen. Dahin gehört aus dieser Zeit namentlich
das beredte Manifest des Erzbischofs Agobard von Lyon, welches
das Auftreten der Söhne gegen ihren Vater rechtfertigen sollte“).
Den Tod des Kaisers und die darauf folgende Zwietracht be-
klagte in einer Elegie Florus, der bekannte Diakonus von Lyon3).
§ 10. Der Streit der Söhne. Nithard.
Nith&rdi Historiarum libri IV. cd. Pertz, Mon. SS. II, 649 — 672. Besonderer Abdruck
H&nn. 1839. 8. Uebersetzung von J&smund. Berlin 1851. 8. Bfihr S. 224 — 227.
Wir haben schon früher gesehen, wie am Anfang des Mittel-
alters diejenigen Männer, welche sich durch litterarische Bildung
auszeichneten, wenn sie auch ihre Bildung noch nicht der Kirche
verdankten, doch zuletzt dieser sich zuwandten, und dieses wieder-
holt sich auch in Karls Zeit. Die fränkischen Ritter verschmähten
jede gelehrte Bildung, und die Bemühungen Karls in dieser Beziehung
blieben ohne dauernde Wirkung. Die Kirche war gar bald wieder
alleinige Hüterin des Griffels und der Feder. Auch Einhard war in
den geistlichen Stand getreten, und kriegerische Waffen hatte er nie
geführt. Auch Angilbert, wenn er jemals, wie man später erzählte,
ein Kriegsheld gewesen war, zog doch die Kutte an; sein Sohn
Nithard aber bietet uns das einzige Beispiel eines vornehmen und
tapferen Streiters, der wirklich das Schwert aus der Hand legte um
auch mit der Feder die Sache seines Herren zu vertheidigen. Frei-
lich hat seine Rede nicht mehr den Wohlklang von Angilberts Muse,
man fühlt ihr die Zeit an, wo schon Uber den Verfall der Schulen
geklagt wird, sie ist rauh und hart, aber dafür entschädigt der
tüchtige Sinn des Mannes, seine Einsicht und Kenntnifs der Dinge.
1) Mab. IV, 1, 191. Bahr S. 336.
*) Apologeticus pro filiis Ludovici Pii imp. adv. patrem. Bouq. VI, 248 u.a.m.
Er war einer der bedeutendsten theologisch - politischen Schriftsteller, und seine
Schriften berühren vielfach die Zeilverhältnisse. S. über ihn Bahr S. 98. 383 — 388.
a) Querela de divisione imprrii post mortem Ludovici Pii, bei Mab. Anal. I,
388. ed. II. p. 413. Bouq. VII, 301. Vgl. über ihn Bahr S. 447— 453.
8*
Digitized by Google
116
II. Karolinger. § 10. Nithard.
Dafs auch seine Schrift durchaus parteiisch ist, versteht sich von
einem Manne, der mitten in den heftigsten Kämpfen stand, von Belbst;
es konnte nicht anders sein.
Nithard war ein eifriger Anhänger Karls des Kahlen, und theilte
mit ihm alle Wechselfälle des KriegB. Im Jahr 840 übernahm er
eine Gesandtschaft an Lothar, und als diese vergeblich blieb, zog
er mit Karl dem Heere Lothars entgegen; da, als sie eben im Be-
griff waren, in Chälons sur Marne einzureiten, gab Karl ihm den
Auftrag, die Geschichte seiner Zeit zu schreiben, um sein Recht
aller Welt darzulegen. Doch war ihm zunächst noch Nithards
Schwert wichtiger, wie seine Feder; am 25. Juni 841 wurde die Ent-
scheidungsschlacht bei Fontenaille geschlagen, wo auch Nithard, wie
er selbst erzählt, tapfer kämpfte. Dann griff er wieder zur Feder;
im ersten Buch stellte er einleitend die Ereignisse dar, welche zu
diesen Kämpfen geführt hatten, die Reichstheilungen, und die Ver-
wirrung welche daraus entstanden war, zweckmäfsig und übersicht-
lich erzählt. Mit Ludwigs Tode hebt im zweiten Buch die ausführ-
liche Darstellung an; das Unrecht Lothars und die Verwerflichkeit
seines Benehmens gegen die Brüder sind der vorzügliche, auch in
dem an Karl gerichteten Vorwort ausdrücklich bezeichnete Gegen-
stand. Die Schilderung des entscheidenden Kampfes, mit dem das
Buch schliefst, unterbricht Nithard durch die Bemerkung, dafs eben
jetzt, während er schreibe, am 18. Oct. dess. Jahres, die Sonne sich ver-
finstere. Das dritte beginnt er voll Unmuth : er habe gar nicht weiter
schreiben wollen, weil es ihn schmerze und ihm zuwider Bei von
seinem Volke Schmähliches zu berichten ; doch damit nicht etwa
jemand sich erkühne, die Sachen anders zu berichten als sie sich
ereignet hätten, habe er sich entschlossen noch ein drittes Buch
hinzuzufügen Uber dasjenige woran er selber Theil genommen, die
Verhandlungen nämlich, die ihn fortwährend in Anspruch nahmen.
Mit ähnlichen Worten beginnt er auch das vierte Buch, das letzte,
welches leider nur bis zum Anfänge des Jahres 843 reicht; dann,
scheint es, wurde Nithard wieder durch andere Pflichten abgerufen,
und fand vermuthlich in einem der kleineren Gefechte jener Zeit
seinen Tod. Wir hören nichts weiter von ihm, als dafs im elften
Jahrhundert, als Angilberts Grab in S. Riquier eröffnet wurde, man
darin auch die Leiche Nithards fand, in Salz gelegt, in dem hölzernen,
mit Leder bedeckten Sarge, worin er einst vom Schlachtfelde heim-
getragen war, an seinem Haupt die Wunde welche ihm den Tod ge-
geben. Denn auch Nithard war nach der Sitte der Zeit Abt von
S. Riquier gewesen, obwohl nicht geistlichen Standes.
Nithard. Volksmäfsige Dichtung.
117
Ungern trennen wir nns von diesem Büchlein, dem Werke eines
wackern Kriegshelden nnd einsichtigen Staatsmannes, welcher so recht
aus der Mitte der Begebenheiten mit Ernst und Wahrheitsliebe be-
richtet, was er selbst durchlebt, woran er selbst den bedeutendsten
Antheil genommen hat. Unwillkürlich knüpft sich daran der Ge-
danke, wie ganz anders die Geschichtschreibung sich hätte entwickeln
können, wenn die Laien der folgenden Jahrhunderte es nicht ver-
schmäht hätten zu schreiben, wenn nicht die Feder ausschliefslich
der Geistlichkeit überlassen wäre, der wir zwar viel Schönes und
Treffliches zu danken haben, die aber mit Nothwendigkeit ihre kirch-
liche Auffassung in alle Verhältnisse tibertrug. Wir möchten ihre
Werke nicht missen, aber gar gerne hätten wir daneben auch die
Stimmen einsichtiger Laien.
Doch ist Nithard nicht der einzige von den Kämpfern in der
Schlacht von Fontenaille, dessen Worte uns vorliegen; auch von
Lothars Seite ist uns eine Schilderung der Schlacht erhalten in dem
Klagelied jenes Angilbert, der, im ersten Treffen kämpfend, von
Vielen allein übrig geblieben war. Voll tiefen Grames sind seine
Worte, nirgends tritt uns so lebendig der bittere Schmerz entgegen
über diese allzu harte Nacht, in welcher die Tapferen gefallen sind,
die Kundigsten des Krieges1). Die Sprache dieser Verse ist die-
jenige, welche uns schon aus der merowingischen Zeit bekannt ist,
lateinisch, wie es ein Romane sprechen und schreiben konnte, ohne
es schulmäfsig erlernt zu haben. Daher haben wir auch dergleichen
Dichtungen nur aus Frankreich2) und Italien9), aus Deutschland nur
*) Gedruckt in der Octavausg. des Nithard S. 55. 56. und sonst häufig. Die
Verse fangen nach der Reihe mit den Buchstaben des Alphabets an; die zweit«
Hälfte fehlt. Charakteristisch ist für diese Poesie die rhythmische Form, im Gegen-
satz der metrisch gemessenen Kunstdichtung.
s) Bei Dumeril, Poesies populaires Latines anterieures au douzieme siede
finden sich p. 251 ein Klagelied um Hugos Tod (844), p. 253 eine Klage Got-
schalks in seiner Verbannung (846 oder 847), p. 255 Verse auf die Zerstörung
des Florentiiklosters zu Saumur durch die Bretonen (848), p. 266 Sigloards Klage-
lied um Fulko von Reims (900). Anderer Art ist die Ode auf Ludwigs des
Frommen Ankunft in Orleans bei Canis. cd. Basn. II, 2,75, und in Tours, bei
Haupt in den Berichten der Kgl. Sachs. G. d. W. II, 1.
3) Rhythmische Beschreibung von Verona, aus Pippins Zeit, von Rather mit-
gebracht und nebst einem Gemälde von Verona in eine Handschrift des Kl. Lobbes
eingetragen, bei Mab. Anal. ed. II. p. 409; Verse auf K. Pippins Sieg über die
Avaren 796 in der Octavausg. von Einhards V. Karoli p. 35 ; Paulinus Klage über
Herzog Erichs Tod (799) ib. p. 37, Dumeril p. 241 etc. Planctus Karoli (814)
vermuthlich aus Bobio, bei Einhard p. 41, Dum. p. 245 (nicht zu verwechseln mit
dem späteren Kirchenliede: Urbs Aquensis, urbs regalis). Zwei Dichtungen aus
Aquileja bei Dum. p. 234. 261. aus Endlicher, Codd. Philolog. p. 298. 300. Ueber
Ludwigs II. Gefangenschaft (871) Dumeril p. 264. Das Wächterlied aus Modena
während der Belagerung durch die Ungern 904 bei Dumeril p. 268.
Digitized by Google
118
II. Karolinger. § 11. Allgemeine Chroniken.
Knnstpoesie gelehrter Geistlicher. Daneben sang das Volk seine
deutschen Lieder, die wohl gelegentlich erwähnt werden, die aber
niemand aufschrieb. Nur der Ludwigsleich, gedichtet auf die
Normannenschlacht bei Saucourt (881) bildet davon eine Ausnahme ‘).
§ 11. Allgemeine Chroniken.
Wir haben bis jetzt diejenigen geschichtlichen Erzeugnisse der
Karolingerzeit betrachtet, welche den Ereignissen der Gegenwart
gewidmet waren. Diese zunächst nahmen die Aufmerksamkeit in
Anspruch, und mit ihrer Beschreibung begann man; doch mufste
sich sehr bald auch das BedUrfnifs regen, die fast verlorene Ver-
bindung mit der Vergangenheit wieder herzustellen, und einen Ueber-
blick über die Weltgeschichte zu gewinnen. Ein Exemplar des
Fredegar mit seinen Fortsetzungen konnte diesem BedUrfnifs unmög-
lich genügen, schon der barbarischen Form wegen, welche dieses
Zeitalter am wenigsten vertrug. Schon bei Einhard haben wir ge-
sehen, wie sehr die Ausbildung formaler Gewandtheit damals vor-
herrschte, wie dagegen die kritische Geschichtsforschung ganz zu-
rtlckstand. Dieser Richtung entspricht es, dafs zahlreiche ältere
Heiligenlegenden in diesem Jahrhundert überarbeitet wurden, was
mehr aus dem praktischen BedUrfnifs der Kirche als aus geschicht-
lichem Interesse hervorging. Doch versuchte man sich auch an
Compendien der Weltgeschichte, aber freilich noch mit geringem
Erfolge. Die älteste Arbeit der Art ist die Chronik der sechs
Weltalter, welche bis 810 reicht, von einem ungenannten Ver-
fasser2), ein mageres chronologisches Gerippe, ohne selbständigen
geschichtlichen Werth.
Bis 818 reicht die Chronik von Moissac8), eine grofse unver-
arbeitete Compilation, welche aus Beda, den Annalen von Lorsch
und anderen bekannten Werken geschöpft ist, aber doch hin und
wieder auch eigentliümliche Nachrichten aus jetzt verlorenen be-
sonders aquitanischen Quellen hat; im Ganzen aber ist der Verfasser
so unselbständig, und schreibt so gewissenhaft seine Vorlagen wört-
lich ab, dafs ihm auch die werthvolle Fortsetzung von 803 bis 818
nicht zuzutrauen ist. Diese schliefst sich vielmehr in der ganzen
*) Wackernagels Litt-Gesch. S. 67.
2) Chronica de sex aetatibus mundi, b. Kollar, Analecta Vindob. p. 602. Das
Ende allein Mon. SS. II, 256; vgl. Archiv VII, 272. Die unter Ludwig d. Fr.
verfafste, unter dem falschen Namen des Claudius Taurin, bei Labbe' Bibi, nova
I, 309 — 315 gedr. Chronik ist vollends nur ein chronologischer Versuch.
3) Chron. Moissiaeense, bis auf den Kaiser Honorius ungedruckt; von da an
Mon. SS. I, 280 — 313; vgl. II, 257, wo die Jahre 804 — 813 nach einer neu
gefundenen Handschrift verbessert sind. Bähr S. 166.
Digitized by Google
Chroniken. Frekulf. Ado. Erchanbert.
119
Weise der Erzählung so genau den bis dahin benutzten Annales
Laureshamenses an, dafs wir wohl mit L. Giesebrecht annehmen
müssen, es habe dem Schreiber der Handschrift ein vollständigeres
Exemplar derselben Vorgelegen, dessen Schlufs uns nur hier erhalten ist.
Ganz anderer Art, und das Werk eines wirklich bedeutenden
Mannes ist die Weltchronik des Bischofs Frekulf von Lisieux1),
verfafst für den Unterricht Karls des Kahlen, oder doch der Kaiserin
Judith mit dem Wunsche überreicht, dafs es dazu dienen möge. Im
ersten Theile ist die Darstellung der heidnischen Autoren durch die
Nachrichten des Alten Testamentes ergänzt; im zweiten wird die
Geschichte des römischen Reiches von Christi Geburt bis zum Unter-
gang des abendländischen Kaiserthums, zum Beginn des fränkischen
und des langobardischen Reiches fortgeführt. Damit schliefst Frekulf
sein Werk, und es scheint nicht dafs er es fortsetzen wollte. Es ist
sehr merkwürdig, dafs er in dieser Weise von der sonst so ängstlich
festgehaltenen Continuität abzuweichen wagt, und die neuen Reiche
auf römischem Boden wirklich als etwas neues, ihre Stiftung als den
Beginn einer neuen Zeit zu betrachten scheint.
Endlich versuchte sich auch Ado, Erzbischof von Vienne (st. 874),
den wir als Verfasser eines Martyrologium zu erwähnen hatten, an
einer Weltchronik2). Er verband zu diesem Zwecke mit der Chronik
des Beda, wie herkömmlich, Auszüge der gewöhnlichen Quellen, die
er jedoch stilistisch zu einer zusammenhängenden Erzählung über-
arbeitete. Den Faden für die Verbindung des Ganzen gab ihm nach
der herrschenden Auffassung des Mittelalters die Folge der Kaiser;
an Konstantin und Irene knüpft sich unmittelbar Karl der Grofse,
dann Ludwig, Lothar, Ludwig II : so wird der Gedanke der Einheit
des römischen Reiches durchaus festgehalten. Die Erhebungen der
Söhne gegen Ludwig den Frommen erscheinen nur als unberechtigte
Revolutionen; dann wird Karl der Kahle als trefflicher und weiser
Regent gepriesen, alle aber überstrahlt die Hoheit des Papstes Ni-
kolaus. Es ist die Geschichte vom Standpunkte der Autorität und
der vorgefafsten Meinungen, der sie so lange beherrscht hat, und eine
unbefangene Auffassung der Ereignisse unmöglich machte.
Auch eine Volksgeschichte der Franken liegt uns vor, aus dem
Jahre 826, die einem übrigens unbekannten Erchanbert, doch
*) Bähr S. 181. Eine eingehende Würdigung dieses Werkes wäre sehr zu
wünschen, würde uns hier aber zu weit führen, da es stofflich nicht als Quelle
in Betracht kommt.
2) Auszüge, und von 814 an vollständig Mon. SS. II, 315 — 323; die beiden
unbedeutenden Fortsetzungen p. 324. 325. Eine weitere, ebenfalls unbedeutende
Fortsetzung aus dem 11. Jahrhundert S. 326. Bähr S. 182. 500.
Digitized by Google
120
II. Karolinger. § 12. Deutschland unter den Karolingern.
ohne genügende Sicherheit, zugeschrieben wird l). Doch ist kein
grofser schriftstellerischer Ruhm daran zu verlieren oder zu ge-
winnen; sie beruht ganz und gar auf dem bekannten Buche von
den Thaten der Franken, und der angehängte Schlufs ist über alle
Mafsen dürftig: nur die sagenhafte Erzählung Uber die Beseitigung
des letzten Merowingers zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich.
Die Localgeschichten, welche später zu so bedeutender
Entwickelung gelangten, zeigen sich in dieser Zeit noch kaum in
ihren ersten Anfängen. Wir erwähnten schon des Paulus Diakonus
Geschichte der Bischöfe von Metz; aufserdem ist nur noch die Ge-
schichte der Aebte von S. Wandrille zu nennen*), bis zum Jahre
833, mit einer Fortsetzung bis zum Jahre 850. Sie enthält mancherlei
Merkwürdiges, z. B. über Einhards Stellung als Aufseher der könig-
lichen Bauten, und ist besonders ausführlich Uber die Thätigkeit des
Abtes Ansegis, jenes bedeutenden Mannes, dessen Kapitularien-
sammlung so grofses Ansehen gewann.
§ 12. Deutschland unter den Karolingern.
Reichsannalen.
Mit dem äufsersten Widerstreben hatten die deutschen Stämme
sich der Herrschaft der Franken unterworfen, welche von ihrer nieder-
rheinischen Heimath aus sowohl am Oberrhein wie am Main festen
Fufs fafsten und in gröfsercn Massen sich ansiedelten, während ein-
zelne Herren dieses herrschenden Stammes überall im ganzen Lande
zu finden waren. Mit ihnen kam die fremde, römische Kirche und
die rein deutsche, ureigene Entwickelung wurde durch das Ueber-
gewicht der fremden Bildung erdrückt. Doch ist es fraglich, ob wir
überhaupt berechtigt sind, hier von einer Entwickelung zu sprechen ;
so lange wir von den Deutschen Nachricht haben, ist eine solche,
wo sie unberührt blieben, kaum wahrzunehmen, und gerade das am
spätesten unterworfene sächsische Heidenthum ist völlig starr und
jeder Veränderung widerstrebend; das waren Zustände, die ungestört
viele Jahrhunderte ohne merkliche Entwickelung fortbestehen konnten.
Gewaltsam wurden die Schwaben, Baiern, Sachsen dem Franken-
reiche einverleibt; aber nachdem bei ihnen die Kirche durch Boni-
facius sicher gegründet und durch Karls feste Hand auch Uber
Sachsen ausgebreitet war, nahmen sie nun auch an dem Leben
innerhalb derselben, an der Entwickelung aller der durch Karl ge-
l) Erchanberti Breviarium Regum Francoruin cd. Perlz Mon. SS. II, 327;
nur der letzte Theil ist abgedruckt.
J) Gesta abbatum Fontanellensium, cd. Pertz Mon. SS. II, 270 — 301.
Digitized by Google
Localgescbichten. Ludwig der Deutsche.
121
legten und gepflegten Keime, den lebhaftesten sclbstthätigsten Antheil.
Als das grofse Reich zerfiel, hatte diese Pflanzung bereits so tiefe
Wurzeln bei ihnen geschlagen, dafs die Trennung keinen nachthei-
ligen Einflufs darauf äufserte; auch blieb ja die Einheit der Kirche,
welche die einzelnen Glieder schützte gegen das Schicksal jener
alten, in ihrer Vereinzelung verkommenden Gemeinden der irischen
Glaubensboten.
Ludwig dem Deutschen fehlte es nicht an Bildung; er fand
Freude und Geschmack daran und scheint namentlich auch, wie sein
Vater, den Wunsch gehabt zu haben, den Deutschen das Christen-
thum durch Werke in der Volkssprache näher zu bringen. Ihm
selber glaubt man die Aufzeichnung des deutschen Gedichtes vom
Jüngsten Tage in dem Gebetbuche seiner Gemahlin zuschreiben zu
dürfen *) ; ihm übersandte auch Otfrid 868 sein Evangelienbuch.
Nicht minder nahm aber auch Ludwig, wie sein Vater und seine
Brüder, lebhaften Antheil an den Fragen und Untersuchungen, welche
die gelehrten Theologen seiner Zeit beschäftigten, in so eingehender
Weise, wie es nur bei der gründlichen Schulbildung der Karolinger
möglich war. Der Erzbischof Adalram von Salzburg (821 — 836)
übersandte ihm die Abschrift einer Predigt des heiligen Augustin*).
Besonders aber stand er in lebhaftem Verkehr mit Hraban, der ihm
mehrere seiner Werke theils aus eigenem Antriebe, theils auf aus-
drückliche Aufforderung des Königs überreicht hat. Auch zu der
Unterredung mit seinem Bruder Karl im Jahre 863 führte Ludwig
den Bischof Altfrid von Hildesheim mit sich und benutzte die An-
wesenheit des gelehrten Hinkmar, um diesen beiden Männern einige
schwierige Stellen der Heiligen Schrift zur Erklärung vorzulegen.
Dadurch veranlafst, verfafste Hinkmar seine Auslegung des 17.VerBes
des 103. Psalmes, welche er dem Könige übersandte. Auch fehlte
es am ostfränkischen Hofe nicht an einer Hofschule für die vor-
nehmen Jünglinge, welche nach alter Sitte dort sich auszubilden
suchten. Ermanrich von Eiwangen kann nicht Worte genug finden
zum Preise des weisesten der Lehrer, des Erzkaplans Grimald, der,
selbst noch ein Schüler Alkuins und von Kindheit auf am Hofe er-
zogen, nun der Kapelle und Kanzlei Ludwigs Vorstand. Reich mit
Abteien bedacht, unter denen S. Gallen die vorzüglichste war, hielt
er sich doch noch immer viel am Hofe auf, wo die wichtigsten Ge-
schäfte ihm anvertraut wurden. Zu den bedeutendsten Gelehrten
der Zeit stand er in freundschaftlichen Beziehungen; so übersandte
*) Schmeller, Muspilli. Wackernagels Lilteraturgesch. S. 56.
*) Gerckens Reisen II, 199. Hansiz Germ. Sacra II, 127.
Digitized by Google
122 II. Karolinger. § 12. Deutschland unter den Karolingern.
Hraban ihm sein Hartyrologium mit einer poetischen Widmung1),
nnd nie vergafs Grimald über den Staatsgeschäften die Pflege der
Wissenschaft.
Allein der Königshof war doch nicht mehr wie in Karls Zeit
der Mittelpunkt aller litterarischen Bestrebungen, welche sich nun
vielmehr an die Orte anschlossen, wo die bedeutendsten Lehrer der
Zeit wirkten, nnd namentlich bei dem bald nachher eintretenden
Verfall des Reiches kann man es nur als eine glückliche Entwicke-
lung betrachten, dafs diese Studien in voller Unabhängigkeit an den
verschiedensten Orten feste Wurzeln getrieben hatten. Naturgemäfs
verbreiteten sie sich im ganzen Reiche, erblühten bald hier bald da
zu reicher Entfaltung und folgten so derselben Richtung der Ver-
einzelung und Absonderung, welche im deutschen Reiche sich überall
und immer von neuem geltend macht. Daher ergiebt sich denn
auch die Betrachtung nach landschaftlichen Gruppen als die einzige
für die deutsche historische Litteratur anwendbare.
Aber wie überhaupt die Zeit der deutschen Karolinger sieh
aufs Genaueste den Zuständen des Frankenreiches anschliefst, so
finden wir auch unter Ludwig und seinen Söhnen noch eine Fort-
setzung der alten Reichsannalen. Denn wenn auch die Annalen
von Fulda2) zu einem einzelnen Kloster in ähnlicher Beziehung
stehen, wie einst die Annalen von Lorsch, so umfafst doch auch ihr
Gesichtskreis das ganze Reich, und die Klostergeschichte erscheint
ganz als Nebensache. Die Verfasser standen in naher Verbindung
mit dem Hofe, wie uns das namentlich von Rudolf, dem Beichtvater
Ludwigs, ausdrücklich bekannt ist; sie zeigen sich aufserordentlich
gut unterrichtet und beobachten auch als officielle Reichshistorio-
graphen dieselben Rücksichten, welche schon in den Fortsetzungen
des Fredegar und in den Lorscher Annalen wahrzunehmen sind.
Uebrigens sind sie vortrefflich geschrieben in jener durch Einhard
festgestellten Weise: dieselbe in ruhiger Würde völlig objectiv ge-
haltene Darstellung, von Jahr zu Jahr fortschreitend, mit der deut-
lichen Absicht, der Nachwelt Kunde von den Ereignissen zu hinter-
lassen und zugleich ihr Urtheil zu bestimmen. Nicht jedes Jahr ist
daran geschrieben, aber doch immer ziemlich bald nach den Ereig-
nissen, und deshalb haben wir an ihnen eine unschätzbare Quelle
*) Mab. Anal. p. 419.
2) Annales Fuldenses ed. Pertz Mon. SS. I, 337 — 415. Uebersetzung von
Rebdantz, Berl. 1852. 8. Bähr S. 170 — 172. Vgl. über die hieraus abgeleiteten
werthloscn Ann. Sithicnses Waitz im Archiv VI, 739. Aufserdem stammt ans
Fulda die Fortsetzung der Ann. Lauriss. min. von 804 — 817, Mon. I, 120 — 123,
und die Klosterannalen SS. III, 116* — 118.
Digitized by Google
Reichsannalen.
123
ersten Ranges, bei der wir nur die Absichtlichkeit der Darstellung
nicht aufser Acht lassen dürfen. Die Form ist anspruchslos, und
doch mufii man bei näherer Betrachtung die Kunst anerkennen,
welche dazu gehörte, in diesen wirren Zeiten alles im Auge zu be-
halten, sich durch Nebensachen nicht abwenden zu lassen, und mit
knapper Beschränkung das Wichtigste übersichtlich zusammen zu
stellen.
Enhard, ein nicht weiter bekannter fuldischer Mönch, war es,
der zuerst die Aufgabe übernahm, das von Einhard 829 abgebrochene
Werk für Ludwigs Reich weiter zu fuhren. Doch genügte ihm eine
blofse Abschrift der Einhardschen Jahrbücher nicht, sondern er ver-
arbeitete dieselben mit den älteren Lorscher Annalen, dem Leben
Kaiser Karls und verschiedenen einheimischen Nachrichten zu einem
annalistischen Berichte, der mit der Regierung Karl Marteis (714)
anhebt. Dem fügte er dann ziemlich dürftige Nachrichten über die
folgenden Jahre bis 838 hinzu. Mag auch dieser Theil des Werkes
schon durch einen Auftrag des Königs veranlafst sein: er enthält
keine Kennzeichen davon und verräth keine Beziehungen zum Hofe
Ludwigs. Nachdem einmal die Jahrbücher Einhards Vorlagen, mufste
der Wunsch sie fortzusetzen, überall erwachen, wo man eine Ab-
schrift davon besafs, und wir werden sehen, dafs auch an anderen
Orten dergleichen Arbeiten unternommen wurden.
Nach Enhard aber übernahm die Fortsetzung (839 — 863) Ru-
dolf, Hrabans würdiger Schüler, welcher des Königs höchstes Ver-
trauen besafs, wie uns derselbe selbst in einer Urkunde vom 27. Ja-
nuar 849 bezeugt1). Damals war er Vorsteher der Klosterschule und
konnte sich also nicht gut dauernd am Hofe auf halten; auch die
Worte, mit welchen sein Tod zum Jahre 865 verzeichnet ist, lassen
nicht auf eine längere Entfernung von seinem Kloster schliefsen.
Sicher aber war er tief eingeweiht in die Geheimnisse des Hofes
und konnte aus voller eigener Kenntnifs über die Schicksale des
Reiches berichten; die Reinheit seiner Sprache und die Klarheit der
Darstellung stellen seine Jahrbücher würdig den Einhardischen zur
Seite, und wenn in uns auch häufig der Wunsch sich regt, dafs es
ihm gefallen haben möchte, etwas mehr über das zu berichten, was
er ohne Zweifel wufste, so macht sich doch eben so entschieden
*) Er verleiht darin den Zins der Königsleute auf fuldischem Boden cuidam
ßdeli clerico, oratori et confessori nostro Rudolfo monacho, qui praeest scola-
ribu* in monasterio S. Bonifacii Fulde, und seinen Nachfolgern in der Scholasterie.
Es scheint danach fast, dafs Rudolf auch als Gesandter des Königs (orator) thätig
gewesen ist. Schannat, Hist. Fühl. pag. 56. Dronke Cod. Dipl. Fuld. p. 249 ex
Cod. Eberhardi. Das Original ist verloren. Vgl. Uber Rudolf Biihr S. 228.
ligitized by Google
124 n. Karolinger. § 12. Reichsannalen. § 13. Fulda u. Hersfeld.
auch die Sehnsucht nach diesem trefflichen Führer geltend, wenn
wir an die Zeiten kommen, wo jeder Anhalt dieser Art uns verläfst,
wo auch bei sonst reichlich fliefsenden Nachrichten doch von den
Absichten und Motiven des Hofes niemand uns Kunde giebt, niemand
die Ereignisse von diesem Gesichtspunkte berichtet.
Die weitere Fortsetzung von 863 bis 882 kommt Rudolfs Arbeit
wohl nicht gleich, behält aber denselben Charakter und ist durch
ihre ausführlichen und zuverlässigen Nachrichten sehr schätzbar.
Mit dem Tode Ludwigs des Jüngeren schliefst das Werk in der
ältesten Handschrift; es fand zwar noch Fortsetzer, aber dem Zu-
stande des Reiches entsprechend theilen sie sich jetzt in verschie-
dene Richtungen. Den fuldischen Mönchen stand Karl fern ; sie ver-
loren das Amt der officiellen Annalistik, und ihre weitere Fortsetzung
bis zum Jahre 887 kündigt durch rücksichtslosen Tadel des Königs
und seiner Räthe sogleich ihre veränderte Natur an: man setzte
zwar die gewohnte Thätigkeit fort, aber nur aus eigenem Antriebe,
und der hielt nicht lange vor. Nach der Vertreibung Liutwards
scheint man in Fulda auf bessere Zeiten gehofft zu haben; als aber
statt dessen die Entthronung des Kaisers durch Arnulf erfolgte, sah
man neuer Zerrüttung entgegen und legte die Feder nieder.
Aber auch Karl blieb bei dem alten Herkommen, und auch er
fand einen Historiographen und zwar keinen der schlechtesten, der
es möglich machte, ihn zu loben. Auch die Absetzung des Kaisers
wird von diesem noch mit loyalem Unwillen berichtet, Arnulf jedoch
mit grofsem Geschick geschont, und von dem Augenblicke seiner
Erhebung an tritt dieser in die gebührende Stellung des rechtmäfsi-
gen Königs ein. Ohne Zweifel ist diese Fortsetzung in Baiern ver-
fafst, vielleicht in Nieder - Altaich '); die Nachrichten Uber diese
Gegenden, Uber die Beziehungen zum Mährischen Reiche sind vor-
trefflich, und so lange Arnulf lebt, wird die Würde der Reichshisto-
riographie ungemindert aufrecht gehalten. Man versuchte sogar
auch unter dem Kinde Ludwig in alter Weise fortzufahren, allein
bei der rasch überhand nehmenden Zerrüttung verschwand auch
diese Erbschaft aus dem Reiche des grofsen Karl, und mit dem
Jahre 901 erlischt die Fackel, welche bis dahin unserem Wege so
treulich leuchtete.
§ 13. Fulda und Hersfeld.
Kunstmann, ürabanus Magnentins Maurus. Mainz 1841. 8. Kettberg I, 370 — 974. 605 — 633.
Die litterarische Thätigkeit der Mönche zu Fulda beschränkte
sich nicht auf die Reichsannalen ; sie ist umfangreich genug, um einen
*) Diimmler de Arnulfo rege p. 172.
Digitized by Googl
. Reichsannalen. Fulda.
125
eigenen Abschnitt in Anspruch zu nehmen, und die Bedeutung des
Klosters für die Anfänge gelehrter Bildung auf deutschem Boden
ist so grofs, dafs wir auch seiner Geschichte eine etwas umständ-
lichere Betrachtung widmen müssen.
Die Gründung Fuldas wurde veranlafst durch Bonifaz, welcher
sich seine Ruhestätte dort erwählte, und wohl auch noch bei Leb-
zeiten sich dahin zurückgezogen hätte, wenn nicht schon früher die
Märtyrerkrone ihm zu Theil geworden wäre. In schmuckloser, aber
ausführlicher Erzählung wird uns mit anmuthiger Schlichtheit die
Geschichte der ersten Gründung berichtet in dem Leben des ersten
Abtes Sturmi, den Bonifaz auch nach Italien sandte, um an der
Quelle die rechte Einrichtung des Klosterlebens kennen zu lernen;
er hielt sich deshalb längere Zeit in Montecasino auf1), welches als
des Abendlandes Mutterkloster von fränkischen Pilgern häufig auf-
gesucht wurde. Unter königlichen und päpstlichen Schutz gestellt
und bald auch durch den Leib des hochverehrten Apostels der
Deutschen geheiligt, gewann das Kloster Fulda rasch eine kräftige
Entwickelung und nahm zu an Glanz und Reichthum. Sturm ver-
teidigte, nach manchen Wechselfällen doch zuletzt mit glücklichem
Erfolge, die Freiheit und Unabhängigkeit des Stiftes gegen den Erz-
bischof Lull; sein Nachfolger Baugolf (780 — 803) schmückte es
mit Bauwerken, und erst jetzt begann auch das wissenschaftliche
Leben in seinen Mauern sich zu entwickeln, obwohl es an einer
Schule von Anfang an nicht gefehlt hatte. Alkuin hat damals Fulda
besucht, und Karls berühmtes Rundschreiben Uber die Notwendig-
keit gelehrter Bildung für die Geistlichen ist uns gerade in der an
Baugolf gerichteten Ausfertigung erhalten. Die ältesten Fulder An-
nalen2) beginnen mit angelsächsischen Namen und in ihren Hand-
schriften begegnen uns die Schriftzüge der Angelsachsen; es kann
nicht ohne günstigen Einflufs geblieben sein, dafs diese höher ge-
bildeten Mönche gerne bei den Reliquien tres gefeiertsten Lands-
mannes weilten, und auch gelehrte Schotten fanden sich schon bald,
des alten Gegensatzes ihrer Kirche vergessend, an Winfrids Grabe
ein, wie jener Probus, der Freund des Lupus und Walafrids. Bau-
golfs Nachfolger Ratgar (803 — 817) sandte die fähigsten Mönche
seines Stiftes zu den berühmtesten Lehrern der Zeit, Hraban und
Hatto nach Tours zu Alkuin, Brun zu Einhard, Modestus nebst meh-
reren anderen zu dem Schotten Clemens3).
*) Ruodolfii V. Liobae c. 10. Libeüus supplex § 10.
2) Mon. SS. III, 1 16*. 1 17*.
s) Catalogus abbatum in Böhmers Fontes 111, 162; doch s. unten S. 127.
Digitized by Google
126
H. Karolinger. § 13. Fulda und Hersfeld.
Dagegen brachte freilich andererseits Ratgars ungemessene Bau-
lust, seine Härte und Hoffart schlimme Zeiten Uber Fulda; heftige
innere Zerwürfnisse waren die Folge1), und der Friede kehrte erst
wieder, als 817 Ratgar abgesetzt wurde. Es war das Jahr, in wel-
chem der Kaiser sich ernstlich der Reform der Klöster annahm und
auf der Achener Versammlung die Kapitel verordnet*, welche lange
Zeit fast gleiches Ansehen mit der Regel selber genossen. Zwei
westfränkische Mönche, Aaron und Adalfrid, führten diese Reform
auch in Fulda ein; als sie sich hinlänglich befestigt hatte, erlaubte
der Kaiser eine neue Wahl, und Eigil übernahm die Leitung des
Stiftes. Dieser, den wir aus Einhards Briefen als dessen Freund
kennen lernen, war noch ein Schüler Sturms; ein Baier, wie er,
und sein Verwandter, war er schon als Kind nach Fulda gebracht
und der Klosterschule übergeben: über 20 Jahre hatte er unter
Sturms Zucht gelebt, und in dankbarer Erinnerung schrieb er das
Leben seines Meisters2), auf Bitten der Angildruth, vielleicht einer
Nonne von Bischofsheim, dem ebenfalls von Bonifaz gestifteten grofeen
Nonnenkloster. Die Sprache Eigils ist nicht frei von Germanismen,
sie trägt noch den Stempel der älteren, vor Alkuins Wirksamkeit
liegenden Zeit. Doch verletzt sie nicht mehr durch die groben
Fehler der merovingischen Zeit, und reichlich entschädigt für die
Mängel des Stils der einfach fromme Sinn des Mannes, seine an-
sprechende und ungesuchte Erzählung dieser Begebenheiten, welche
er theils noch selbst erlebt, theils aus dem Munde der älteren Brüder
und seines Meisters erfahren hatte. Nach seiner Anordnung wurde
diese Legende jährlich an Sturms Gedenktage (17. Dec.) während
der Mahlzeit den Mönchen vorgelesen.
Das Leben des zweiten Abtes Baugolf schrieb, durch Eigil
veranlafst, Bruun, mit dem Beinamen Candidus, wohl derselbe
den Ratgar zu Einhard gesandt hatte, noch in seiner ersten, guten
Zeit, als er erst kürzlich in wunderbarer Einigkeit von den Brüdern
zum Abt erwählt war, wie Brun berichtet. Leider ist dieses Leben
Baugolfs verloren; erhalten aber ist uns das Leben Eigils von
demselben Verfasser8), das nicht ohne Geschick verfafst ist, und
wenn auch nicht fehlerfrei, doch in der anspruchsvolleren Form den
Schüler Einhards wohl erkennen läfst. Besonders gelungen ist die
*) Librllus supplex Monarhorum Fuldensium, Carolo Magno Imperatori porre-
ctus. Broweri Antt. Fuld. p. 212. Srhannat Cod. Prob. p. 84. Mab. IV, 1,247. ed. Yen.
2) Vita S. Sturmi ed. Pertz Mon. SS. II, 365-377. Bähr S. 196. Bei Migne
CV, 421—444 nach Mabillon.
*) V. Eigilis, Broweri Sidera Germaniae, Srhannat, Cod. Prob. 88—114. Mab.
IV, 1, 217-246. Daraus Migne CV, 381-422.
Digitized by Google
Fulda. Eigil, Hraban.
127
sehr lebensvolle Schilderung der Bewegung, welche die Abtswahl
im Kloster hervorruft; die Ansichten und Aeufserungen der ver-
schiedenen Wortführer werden in der gewöhnlichen Umgangsprache
wiedergegeben , und ein Kampf der Meinungen und Wünsche, wie
er sich ohne grofse Veränderungen noch heutiges Tages bei solcher
Gelegenheit beobachten läfst, stellt sich uns mit grofser Lebendigkeit
dar. Darauf versucht sich der Verfasser in langen Reden, die man
nun einmal nach dem Vorbilde des Alterthuros als nothweudig be-
trachtete, wenn man schön schreiben wollte, Reden des Kaisers und
des Erzbischofs von Mainz, in denen Brun die Betrachtungen nieder-
gelegt hat, zu welchen ihn Ratgars Amtsführung und die dadurch
hervorgerufenen WTirren veranlafsten. Der Hauptinhalt dessen, was
er dann von Eigils eigener Thätigkeit berichtet, bilden wiederum
dessen Bauten, namentlich die noch jetzt stehende achteckige Ro-
tunde, die uns wieder an die Freundschaft mit Einhard erinnert;
Brun, Einhards Schüler, nahm selbst an diesen Arbeiten Theil : die
Absida Uber dem Grabe des h. Bonifaz hatte seine Hand mit Ge-
mälden geschmückt.
Der prosaischen Biographie schliefst sich eine zweite in Hexa-
metern an; der Inhalt ist fast ganz derselbe, und die Form giebt
ein neues Zeugnifs von der im früheren Mittelalter so sehr ver-
breiteten Fertigkeit in dieser Kunst, deren wir schon bei Karls
Zeitgenossen häufig zu gedenken hatten. In jeder Schule bildete
die Uebung im Versemachen einen stehenden Theil des Unterrichts,
und dadurch entstand die Vorliebe für poetische Einkleidung, die
so oft dem inneren Gehalte nachtheilig geworden ist.
Zugeeignet hat Candidus oder Brun sein Werk dem Modestus,
oder mit deutschem Namen Reccheo, der die Unthaten des Ratgar,
des Einhorns, welches in die fromme Heerde eingebrochen war, durch
beigefügte Zeichnungen noch anschaulicher machte.
Am 15. Juni 822 starb Eigil; ihm folgte sein Freund Hraban,
der bis dahin der Klosterschule vorgestanden hatte, einer der gröfsten
Gelehrten seiner Zeit *) , dessen Ruhm sich schon durch das ganze
Frankenreich verbreitet hatte. Er war ein Schüler Alkuins; Ratgar
hatte ihn, wie oben erwähnt, nach Tours gesandt. Die Schrift, in
der uns dieses berichtet wird, ist jedoch nicht so zuverlässig, dafs
nicht der Zweifel erlaubt sein sollte, ob Hraban vielleicht schon
früher, vor 803, nach Tours gekommen ist. Gewifs ist, dafs sich
in der Zeit seines dortigen Aufenthaltes ein warmes Freundschafts-
*) Kunstmann 1. L Wackernagels Lilteraturgesch. S. 52. Bach, Hrab. Maurus
d. Schöpfer d. deutschen Schulwesens, Zimmermanns Zts. f. Alt. II, 636. Opera ed.
Colvener Bähr S. 105—107. 415 — 447.
Digitized by Google
128 II. Karolinger. § 13. Fulda u. Uersfeld.
band anknüpfte zwischen ihm und dem allverehrten Lehrer; Alkuin
nannte ihn Maurus nach dem Lieblingsjunger des heiligen Benedict,
er schreibt ihm nach seiner Heimkehr, dafs er einst (olim) eine
Schrift unter seinem und seines Mitschülers Samuel Namen verfafst
habe: kaum scheint dazu die Zeit auszureichen, da Alkuin schon
am 19. Mai 804 gestorben ist. Damals stand Hraban bereits der
Klosterschule in Fulda vor, welche nun eine Pflanzstätte gelehrter
Bildung für ganz Deutschland, und auch durch die Ungunst der
Zeiten unter Katgar nur theilweise in ihrer segensreichen Wirksam-
keit gehemmt wurde. Fuldische Mönche finden wir bald in den an-
gesehensten Stellungen; so wurde jener Samuel Abt von Lorsch,
dann 841 — 859 Bischof von Worms, Haimo 840 — 853 Bischof von
Halberstadt; Hrabans Schüler war Otfrid, der Mönch von Weifsen-
burg mit seinen Gefährten Werinbert und Hartmut aus S. Gallen1).
Einhard sandte ihm seinen Sohn Vussinus, Alderich Erzbischof von
Sens den Lupus, der dann als Abt von Ferneres einen grofsen
Namen gewann, und von dem eine Briefsammlung5) voll reicher Be-
lehrung sich erhalten hat. Auch Frekulf von Lisieux war mit ihm
befreundet, doch scheint die Annahme, dafs auch er ein fuldischer
Mönch gewesen sei, unbegründet zu sein. Ermanrich von Eiwangen
übersandte seinem Lehrer Rudolf, der Hraban zur Seite stand, das
von ihm verfafste Leben des heiligen Sola. Vor allem aber glänzt
unter Hrabans Schülern Walafrid der Abt von Reichenau, der bald
selbst das Haupt einer neuen Schule wurde. Auch Bernhard, der
unglückliche König von Italien, war ihm zur Erziehung übersandt
worden. Nicht zu den unbedeutendsten Schülern des Hraban ge-
hört endlich auch der Mann, der ihm und der ganzen Reichsgeist-
lichkeit in der Folge so viel zu schaffen machte, der Mönch God-
schalk, der ungeachtet seines Standes den Muth hatte, eine un-
abhängige Ueberzeugung auszusprechen und zu verfechten.
Wie glückliche Erfolge für das eigene Kloster Hrabans Wirk-
samkeit hatte, haben wir schon an den Verfassern der Annalen ge-
sehen. Unter seinen eigenen Werken sind keine geschichtliche, wenn
man nicht etwa das schon früher erwähnte Martyrologium so be-
zeichnen will ; wohl aber enthalten seine Vorreden, Widmungen und
Gedichte viele schätzbare Nachrichten Uber sein Kloster und Uber
seine mitstrebenden Zeitgenossen, und mehrere seiner Schriften stehen
!) Otfrid bezeichnet als seinen Lehrer, vielleicht in Fulda, auch Salotnon I.
von Constanz, s. Dümmler, Fnrmelbuch Salomons UI, S. 138.
s) Du Chesne II, 726 — 788. Er verfafste auch ein Leben des h. Wigbert,
den ßonifaz zum Abt von Fritzlar eingesetzt hatte. Mab. III, 1, 671. Vgl. Bahr
S. 228. 456-461.
Digitized by Google
Hraban. Rudolf! V. S. Liobae.
129
in Verbindung mit den Zerwürfnissen der kaiserlichen Familie. Nach
Eigil wurde er Abt des Stifts; verlor dann 842 diese Würde wegen
seiner Verbindung mit Lothar, gewann aber bald von neuem das
Vertrauen des Königs, und wurde endlich (847 — 856) Erzbischof
von Mainz. Diese ansehnliche Stellung des alten Meisters, wie so
mancher anderer fuldischer Mönche, ist ohne Zweifel auch den An-
nalen zu Gute gekommen; die Schule aber behielt an Rudolf, der
sie schon unter und neben Hraban geleitet hatte, einen würdigen
Vorsteher, und durch die erwähnte Urkunde König Ludwigs vom
Jahr 849 wurde die Scholasterie auch mit eigenen Einkünften aus-
gestattet.
In hohem Grade theilte Hraban das eifrige Streben der deutschen
Geistlichkeit, den an solchen Schätzen noch armen Boden dieses
Landes mit Gebeinen der Heiligen zu bereichern; die italienischen
Reliquienkrämer hatten an ihm ihren besten Kunden. Seit alter Zeit
bewahrte Fulda den Leib der heiligen Lioba oder Leobgyth; diesen
liefs Hraban nach dem Petersberge bringen, und veranlafste Rudolf,
ihr Leben zu beschreiben1). Ihm standen dazu die Aufzeichnungen
des Priesters Mago zu Gebote, welche die Erzählungen von Schülerinnen
der Heiligen enthielten. Anderes hatte sich noch in mündlicher Tra-
dition erhalten. Leobgyth war eine Verwandte des Bonifaz, und von
ihm aus England berufen, um in dem Kloster Bischofsheim an der
Tauber einen Mittelpunkt geistlicher Belehrung für Nonnen zu er-
richten; auch ihnen waren die lateinische Sprache und mancherlei
andere Kenntnisse unentbehrlich zum Verständnifs der heiligen
Schriften und des Gottesdienstes. Rudolfs Nachrichten geben daher
eine erwünschte Ergänzung für die Kenntnifs von der Wirksamkeit
des Bonifaz; später war Leobgyth auch mit der Königin Hildegard
befreundet. Diese Nachrichten sind nun verbunden mit einer Fülle
von Wundergeschichten; sowenig in Rudolfs Annalen der kirchliche
Standpunkt hervortritt, so sehr zeigt er sich hier von der die Zeit
beherrschenden Richtung erfüllt. In noch höherem Grade tritt das
hervor in seiner Schrift Uber die Wunder der unter Hraban nach
Fulda gebrachten Reliquien J) , welche auch einige geschichtliche
Nachrichten enthält, übrigens aber eine Fülle jener sich immer
und überall in ermüdendster Eintönigkeit wiederholenden Wunder-
geschichten, welche nur durch die Namen der Personen und Ort-
*) Rudolf! Vita S. Liobae, Mab. III, 2, 245. Acta SS. Sept. VII, 748; cf. Mone
Quellens, p. 51. Sie starb nach dem Necrol. Fuld. 780, wo für IX Kal. Oct. wohl
zu schreiben ist IV Kal.
*) Schannat Cod. Prob. p. 117 — 132 aus Browers Antiquitates Fuldenses.
Unter dem falschen Titel V. Rabani auch bei Mab. IV, 2, 1. Acta SS. Feb. I, 500.
9
Digitized by G
130
II. Karolinger. § 13. Fulda u. Hersfeld.
schäften, und gelegentliche Angaben Uber Sitten und Gebräuche
der Zeit einigen Werth erhalten.
Dieses Werk Rudolfs war es wohl, welches Waltbraht, den
Enkel Widukinds, der im Jahre 851 den Leib des h. Alexander
von Rom nach Wildeshausen brachte, zu dem Wunsche und der Bitte
veranlafste, dafs Rudolf auch diesen Gebeinen eine ähnliche Schrift
widmen möchte ’). Die Art, wie Rudolf diese Aufgabe erfafste, zeigt
seinen geschichtlichen Sinn; erfüllt davon dafs hauptsächlich diese
Uebertragungen von Reliquien das Christenthum unter den Sachsen
ausbreiteten und befestigten, ging er zurück auf die alte Heidenzeit,
um zu zeigen von welchen Irrthümern das Volk durch die Einführung
des Christenthums befreit sei. Er begann mit einem kurzen Abrifs
der Stammsage, die Widukind von Korvei ausführlicher erhalten hat;
dann aber entlehnt er die näheren Angaben über Glauben und Sitten
der Sachsen aus der Germania des Tacitus. Das ist ein guter Be-
weis für die gelehrten Studien der fuldischen Klosterschule, ein
Zeichen dafs Rudolf fortfuhr sie im Geiste Hrabans zu leiten, der
die von andern häufig verdammte Beschäftigung mit den Schrift-
stellern des heidnischen Rom für notliwendig erklärt hatte zum
richtigen Verständnifs der heiligen Schriften. Zugleich aber ist es
charakteristisch für Rudolf nicht allein, sondern für die mittel-
alterlichen Gelehrten überhaupt, dafs er in Fulda, wo doch noch
kürzlich das Hildebrandslied aufgeschrieben war, über das sächsische
Heidenthum nichts ans eigener Kunde und Beobachtung mittheilt,
sondern sich genau an die Worte des Tacitus hält
Rudolf fügte noch eine kurze Uebersicht der Bezwingung der
Sachsen durch Karl den Grofsen nach Einhard hinzu ; dann rief ihn
der Tod (865 d. 8. März) ab von dem wohl angelegten Werke ; die
Fortsetzung übernahm sein Schüler Meginhard. Die Taufe Widu-
kinds, mit der Rudolfs Erzählung abbricht, gab diesem den Ueber-
gang auf dessen Enkel Waltbraht, der, an Lothars Hofe erzogen,
sich mit vollem Eifer dem Christenthume zuwandte, und um das
Christenthum in Sachsen besser zn befestigen, auszog um aus Rom
Reliquien zu holen. Die Empfehlungsbriefe, welche ihm Kaiser Lo-
thar mitgab, hat Meginhard vollständig aufgenommen, hält sich dann
aber bei den Vorfällen der Reise nicht lange auf, sondern geht bald
zu seinem eigentlichen Gegenstände, den Wundern, Uber. Eine zweite
Schrift ähnlicher Art, über den heiligen Ferrutius und dessen
Uebertragung nach Bleidenstadt durch den Erzbischof Lull2), hat
*) Translatio S. Alexandri ed. Pertz, SS. II, 673 — 681. Ueber*. von Richter,
Berlin 1856. — a) Bei Surius zum 28. October.
Digitized by Google
Translalio S. Alexandri. Annalen von Ilersfeld.
131
einen ganz überwiegend erbanlichen Charakter und verdeckt durch
eine grofse Fülle von Phrasen den Mangel geschichtlichen Inhalts.
Ob Meginhard auch an der Fortsetzung der Annalen Antheil
gehabt hat, ist unbekannt; nur aus ihnen sehen wir aber, dafs die
litterarische Thätigkeit in diesem Kloster noch nicht ganz erstarb.
Nur aus dem Anfänge des folgenden Jahrhunderts haben wir noch
eine kurze Geschichte der Aebte von Fulda1), einen sehr
kurzen und gedrängten, aber recht hübsch geschriebenen Bericht,
der jedoch nur mit Vorsicht zu benutzen ist, da er durchaus pane-
gyrischer Natur und keineswegs geschichtlich wahrhaftig ist. Dann
verstummt dieses einst so beredte Kloster fast vollständig, und wir
werden kaum noch einmal Gelegenheit haben, seiner zu gedenken*).
Länger dagegen, wenn auch mit geringerem Glanze, erhielt sich
litterarische Thätigkeit in dem nahe gelegenen, ebenfalls hessischen
Kloster Hersfeld, welches von Lullus begründet wurde, als Fulda
mit Erfolg seine Selbständigkeit gegen ihn behauptete und bald zu
kräftiger Entwickelung gelangte3). Auch von seiner Schule, seinen
gelehrten Mönchen würde wohl manches zu berichten sein, wenn
nicht die Ueberlieferungen dieses Klosters ein besonders ungünstiges
Geschick betroffen hätte; dieHersfelderAnnalen, Lamberts Ge-
schichte von Hersfeld, sind verloren, und auch von Lamberts Jahr-
büchern ist keine alte Handschrift vorhanden ; da mag noch anderes
Bpurlos für uns verschwunden sein. Nachzuweisen aber ist, dafB
man in Hersfeld, ganz ähnlich wie in Fulda, mit dem immer ein
reger Verkehr Statt fand, im Jahre 829 Annalen, mit der Erschaffung
der Welt beginnend, in der gewöhnlichen dürftigen und änfserlichen
Weise compilirte und diese sodann fortsetzte; aber nicht ausführlich
und durch besondere Verbindungen mit dem Hofe begünstigt, wie
in Fulda, sondern kurz und abgerissen wurden einzelne Ereignisse
und lange Zeit fast nur die Folge der Aebte des Klosters und der
Erzbischöfe von Mainz eingetragen. Gröfsere Bedeutung gewinnen
diese Annalen erst von der Zeit an, wo die fuldischen versiegen,
und am Ende des zehnten Jahrhunderts finden wir sie vielfach ver-
breitet, und als ein bequemes Handbuch zu chronologischer Orien-
tirung benutzt und geschätzt.
In ihrer ursprünglichen Gestalt sind diese Hersfelder Annalen,
wie gesagt, verloren, aber die wörtlich übereinstimmenden Nach-
*) Acta vetusta Abbatum Fuldensium a. 744 — 916. Schannat Cod. Prob. 1 — 3.
Böhmers Fonles III, XXVIII und 161—164.
a) Eine ausführliche Geschichte des Klosters, von einem Abte desselben, die
aber verloren ist, erwähnt und lobt Lambert, Mon. SS. V, 137.
a) Rettberg I, 602—605.
9»
132
II. Karolinger. § 14. Sachsen.
richten lassen die gemeinschaftliche Quelle erkennen, nicht nur in
den späteren Jahrbüchern des Hersfelder Mönches Lambert, sondern
auch in den Annalen von Hildesheim und Quedlinburg, von Weifsen-
burg im Elsafs *), von Fulda3), Ottobeuern 8), Eiwangen*) und
Altaich 6).
§ 14. Sachsen. Münster, Bremen, Hamburg.
Als Sturm zuerst in Hersfeld sein neues Kloster gründen wollte,
verwarf Bonifaz diesen Vorschlag wegen der Nähe der heidnischen
Sachsen. Karl aber zog auch dieses Volk in den Kreis der christ-
lichen Bildung, und so gewaltsam anch die neue Pflanzung begründet
wurde, sie schlug doch bald kräftige Wurzeln, und die Söhne der
Bekehrten gaben sich bereits mit regem Eifer der neuen Lebens-
richtung hin. Lange schon hatten die Angelsachsen sich danach
gesehnt, hin und wieder auch versucht, ihren alten Stammesbrüdern
das Evangelium zu bringen; jetzt drangen sie unter dem Schutze
Karls vor, und pflanzten den Baum der neuen Lehre, der in dem
frischen Erdreich bald kräftig und segensvoll gedieh.
Einer der hervorragendsten unter ihnen war Liudger, von
Geburt zwar ein Friese, aber ein Schüler der angelsächsischen
Glaubensboten. Er selbst hat uns in dem Leben seines Lehrers,
Gregor von Utrecht6), die Werkstatt geschildert, wo ein grofser
Theil der Lehrer für das Sachsen volk ausgebildet wurde; ergänzt
werden seine Nachrichten durch seine eigene Lebensbeschreibung _
von Altfrid.
Liudgers Grofsvater Wursing, ein reicher und vornehmer Friese,
hatte sich, von Radbod vertrieben, zu den Franken geflüchtet und
die Taufe angenommen; als dann Karl Marteil nach der Besiegung
des Landes das Bisthum Utrecht begründete, siedelte er auch Wur-
sing mit den Seinen dort an, und an ihnen fand Willibrord die kräf-
tigste Stütze. Nach Willibrords Tode nahm Bonifaz sich des ver-
waisten Bisthums an; dann ward es der Pflege Gregors übergeben,
der lange Zeit ein treuer Begleiter und Gehülfe seines Lehrers Bo-
nifaz gewesen war und nun als Abt dem MartinBstifte Vorstand. Die
bischöflichen Geschäfte versah neben ihm der Angelsachse Alubert
Von Wursings Nachkommen widmeten sich mehrere der Kirche, und
*) Daraus zusammengestellt Mon. SS. 111,50 — 63. Vgl. Waitz im Archiv
VI, 663—688. — 3) Annales S. Bonifacii, Mon. SS. III, 117.
3) Mon. SS. V, 4. — *) ib. X, 15. — 6) W. Giesebrecht, Ann. Altaheoses.
6) Broweri Sidera illustrium et sanctorum virorum, Mogunt. 1616. Mab. III,
2, 319. Acta SS. Aug. V, 254. Migne XC1X, 749 — 770 nach Mabillon.
Digitized by Google
Liudger von Münster. Liafwin.
133
der junge Liudger wurde in York Alkuins eifriger Schüler, bis ein
Streit der Friesen und Angeln ihn nöthigte, nach Utrecht heimzu-
kehren, wo Gregor zahlreiche Schüler aus allen deutschen Stämmen,
nach Liudgers Angabe auch Sachsen, um sich versammelte. Unter
Gregors Neffen und Nachfolger Alberich war die Leitung dieser
Schule in solcher Weise vertheilt, dafs abwechselnd Alberich selbst,
Liudger, Adalgar und Thiatbrat, jeder ein Vierteljahr, derselben vor-
standen. Die übrige Zeit verwandten sie auf die Seelsorge und die
weitere Bekehrung des Volkes. Der Aufstand der Sachsen unter
Widukind 782 brachte auch in Friesland das Heidenthum wieder
zum Siege, und Liudger begab sich damals nach Montecasino, dessen
klösterliche Einrichtung er später auf seine Stiftung Werden über-
trug. Karl der Grofse aber vertraute ihm die geistliche Leitung
von fünf friesischen Gauen an und verband damit im Anfänge des
neunten Jahrhunderts das neu errichtete Bisthum Münster in West-
falen. Hier wirkte er für die Befestigung der neuen Lehre bis zu
seinem Tode am 26. März 809.
Die von ihm verfafste Biographie Gregors ist in dem gewöhn-
lichen Legendenstil geschrieben, aber die stereotypen Phrasen sind
hier von wirklicher Wärme erfüllt, von inniger Liebe zu seinem
Lehrer und einer kindlichen Demuth, wo er seines eigenen Wirkens
gedenkt. Es finden sich darin einige schätzbare Nachrichten Uber
Bonifaz so wie über das Bisthum Utrecht; geschichtlicher Sinn zeigt
sich jedoch wenig darin, und in dieser Beziehung ist Liudgers eige-
nes Leben von Altfrid1) weit vorzuziehen, obgleich auch dieses
von dem Verfasser, Liudgers Verwandtem und zweitem Nachfolger
(839—849), auf Bitten der Mönche von Werden zunächst zum Zweck
der Erbauung geschrieben wurde. Die Darstellung ist einfach und
ansprechend, und die ganze Missionsthätigkeit tritt hier mit beson-
derer Anschaulichkeit uns entgegen.
Dem Kreise dieser Männer gehört auch Liafwin oder Le-
buin an, ein Angelsachse, der zu Gregor nach Utrecht kam und
sich, nachdem er eine Zeit lang an der Yssel gewirkt hatte, nach
Sachsen begab, wo er auf dem Landtage zu Marklo unerschrocken
das Christenthum verkündete. Seine Legende, welche besonders
durch die Nachricht Uber diese Landtage und die Verfassung der
Sachsen merkwürdig ist, wurde jedoch erst am Anfänge des zehnten
Jahrhunderts von Hu c bald von S. Amand verfafst; nicht in Münster,
*) V. Liudgeri auct. Altfrido ed. Pertz. Mon. II, 403 — 425. Bei Migne XCIX,
769 — 796 nach Leibniz.
Digitized by Google
134
II. Karolinger. § 14. Sachsen.
dessen wir nach diesen so viel versprechenden Anfängen nicht wie-
der zu gedenken haben werden1).
Ein anderer Angelsachse war Willehad aus Northumberland,
der ebenfalls seine Missionsthätigkeit in Friesland begann und 781
von Karl dem Grofsen Uber den Gau Wihmodia gesetzt wurde. Auch
ihn vertrieb der Aufstand Widukinda 782, dem ein grofser Theil
seiner Schüler und GehUlfen zum Opfer fiel; er selbst flüchtete nach
Friesland und pilgerte nach Rom; dann lebte er eine Zeit lang in
stiller Zurückgezogenheit in Eptemach ; Karl aber rief ihn nach der
Besiegung der Sachsen zu seiner früheren Tbätigkeit zurück und
erhob ihn 787 zum Bischof von Bremen, wo er am 8. Nov. 789 ge-
storben ist. Sein Leben2) ist in kurzer und einfacher Darstellung
beschrieben von seinem berühmteren Nachfolger Anskarius, dem
Apostel des Nordens.
Wir gedachten schon oben der grofsartigen Idee Kaiser Karls,
an den äufsersten Grenzen seines Reiches Metropolen zu errichten,
welche das Christenthum weit Uber die Marken hinaus tragen und
den geistlichen Einflufs des Kaiserthums dahin erstrecken sollten,
wo man seine Waffen nicht mehr fürchtete. Das Heidenthum war
der christlichen Kirche unversöhnlicher Feind, es hing genau zu-
sammen mit der alten freien Gemeinde Verfassung, und aus beiden
entsprangen die unablässigen Raubzüge, von denen die germanischen
Nationen jetzt abgelassen hatten, vor denen sie aber nun in ihren
gefährdeten Grenzen keine Ruhe fanden, bis die Ausbreitung des
Christenthums dem alten Unwesen ein Ende machte.
Hamburg war dazu bestimmt, der kirchliche Mittelpunkt des
Nordens zu werden. Ludwig achtete nicht auf den unausgeführt
gebliebenen Gedanken seines Vaters; als aber der flüchtige Dänen-
könig Harald die Taufe verlangte und Anskarius, der ihn als Lehrer
der Seinen begleitete, bald auch auf Schweden seine Wirksamkeit
ausdehnte, da wurde der alte Plan wieder aufgenommen und Anskar
834 zum Erzbischof von Hamburg geweiht. Doch fehlte Karls starke
Hand zum Schutze der neuen Schöpfung, ungestraft verwüsteten die
Dänen 837 Hamburg, und durch die Reichstheilung verlor der Erz-
bischof auch den Rückhalt der ihm angewiesenen Zelle Thurholt.
Da vereinigte Ludwig der Deutsche 847 das erledigte Bisthum Bre-
men mit dem Erzbisthum und sicherte dadurch dessen Bestand.
*) Zu diesem Kreise gehört auch die Legende über die Stiftung des Klosters
Freckenhorst, Acta SS. Jan. II, 1156 —1160, welche aber erst spät aufgezeich-
net und wenig bedeutend ist.
s) V. Willehadi auct. Anskario cd. Pertz, Mon. SS. II, 378 — 390. Uebers.
von Laurent, Berl. 1856.
Digitized by Google
Willehad, Anskar, Rimbert.
135
Anskarius konnte nun mit ausreichenden Mitteln seine Wirksamkeit
fortsetzen und starb nach einem Leben voll rastloser Thätigkeit am
3. Febr. 865. Einst hatte er in seiner Zelle Thurholt in Flandern
einen Knaben bemerkt, der ihm besonders hoffnungsreich erschien: es
war Rimbert, den er zum Geistlichen erziehen liefs, und der dann
bald als sein treuester und liebster Jtlnger sein unzertrennlicher Ge-
fährte, zuletzt sein Nachfolger wurde. Dieser ist es, der mit einem
anderen Schüler Anskars zusammen in Hamburg das Leben des Mei-
sters bald nach dem Tode desselben geschrieben hat1), voll warmer
und inniger Liebe, zugleich aber reicher an Inhalt als die Mehrzahl
der übrigen Biographien ähnlicher Art. Anskars Leben gehört ohne
Frage zu den bedeutendsten Quellenschriften des Mittelalters; die ganze
reiche Wirksamkeit des glaubensstarken Erzbischofs, das volle Bild
seiner grofsartigen, kindlich demüthigen nnd doch so verständigen
Persönlichkeit tritt uns lebensvoll darin entgegen, und Uber die Zu-
stände des Nordens verbreiten die einfachen und zuverlässigen Auf-
zeichnungen Rimberts das erste Licht. Dafs auch Träume, Visionen,
Wunder einen grofsen Raum darin einnehmen, liegt in der Natur
der Verhältnisse; geschrieben wurde das Buch für die Mönche des
Klosters Corbie, aus dem Anskar hervorgegangen war, dessen Mönche
ihn begleitet hatten, und diesen lag mehr daran, ihren grofsen
Klosterbruder als einen Heiligen geschildert zu sehen, als von den
nordischen Heiden genaue Nachrichten zu erhalten. Man darf es
bei der Beurtheilung dieser Litteratur nie vergessen, dafs was wir
am meisten darin zu finden wünschen, gewöhnlich von den Ver-
fassern wie von den Lesern als Nebensache betrachtet wurde.
Hier aber brachte es die ganze Art der Thätigkeit Anskars mit
sich, dafs auch die äufseren Verhältnisse, in denen er sich bewegte, ge-
schildert werden mufsten, und uns zum Glück hat Rimbert vieles von
dem, was er berichtet, selbst mit durchlebt und gesehen. Darum reiht
sich dieses Leben dem früheren Severins, dem späteren des Otto von
Bamberg an. Unbedeutend dagegen ist des wackeren Rimbert ei-
gene Lebensbeschreibung2), nach Lappenbergs Vermuthung von dem-
selben ungenannten Mitschüler Rimberts verfafst, welcher mit diesem
an dem Leben Anskars gearbeitet hatte. Geschrieben ist sie zu Lebzei-
ten seines Nachfolgers Adalgar, der von 888 bis 909 Erzbischof war.
*) V. Rimb. c. 9. Adam Br. I, 36. V. Anskarii in Mon. Germ. SS. 11, 683 — 725,
berausgeg. von Dahlmann, der in den Anmerkungen leider noch das unechte Chron.
Corbeiense benutzt hat. Vgl. Dahlmanns Gesch. v. Dänemark 1, 38 ff. Lappenberg in
Schmidts Zeits. V, 535 — 552. Bähr S. 234 b. 237. Uebers. von Laurent, ßerl. 1856.
a) V. Rimberti ed. Pertz, Mon. II, 764 — 775. Uebers. von Laurent, Berl. 1856,
Abdr. nach Mabillon bei Migne CXXVI, 991 — 1010.
136
U. Karolinger. § 15. Korvei, Gandersheim.
§ 15. Fortsetzung. Korvei. Gandersheim.
In Fulda, wie in Friesland, in Münster und Bremen, waren es.
Angelsachsen, welchen die Grundlagen der neuen Entwickelung ver-
dankt wurden ; bei Anskar aber war ein solcher Einflufs nicht nach-
zuweisen. Von Kindheit an im Kloster Corbie an der Somme er-
zogen, übernahm er dort schon früh die Leitung der Klosterschule
und wurde dann der erste Vorsteher der Schule in dem neu gegrün-
deten Tochterkloster Korvei in Sachsen.
Diese Stiftung war eine Frucht der nicht blos äufserlich durch
Zwang und Eroberung, sondern auch innerlich vollzogenen Einigung
des fränkischen und des sächsischen Stammes. Schon König Pippins
Bruder Bernhard hatte eine sächsische Gemahlin und Bernhards
Söhne, Adalhard und Wala, nahmen sich eitrigst der Bekehrung
und Belehrung ihres Volkes an.
Adalhard hatte Karls Hof verlassen, als dieser die Tochter des
Königs Desiderius verstiefs, war in Corbie Mönch geworden und,
weil hier die Besuche seiner vornehmen Verwandten die klösterliche
Ruhe störten, nach Montecasino entwichen. Aber Karl rief ihn von
da zurück; er wurde Abt von Corbie und mufste von neuem an den
Reichsgeschäften Theil nehmen. Als Karl starb, verwaltete Adalhard
Italien für den jungen König Bernhard, Wala aber war über Sach-
sen gesetzt.
Karl wünschte aus den Sachsen selbst Lehrer des Christenthums
zu erziehen, und deshalb hatte er gefangene und als Geiseln über-
gebene Sachsenknaben in verschiedene Klöster vertheilt; viele der-
selben waren Adalhards Obhut in Corbie übergeben, und dieser
wünschte in Sachsen selbst ein Kloster zu gründen, aber seine Sen-
dung nach Italien verhinderte die Ausführung. Als Ludwig zur Re-
gierung kam nnd mit dem kleinlichsten Hasse die Staatsmänner
seines Vaters verfolgte, wurde Adalhard nach Noirmoutiers verbannt,
Wala aber Mönch in Corbie. Dieser betrieb nun mit dem gröfsten
Eifer die Stiftung eines Klosters unter dem Volke, dem er durch
seine Mutter angehörte, und durch seinen Einflufs im Lande kam
sie auch wirklich zu Stande, fing aber erst an zu gedeihen, als der
wieder zu Gnaden angenommene Adalhard beim Kaiser die Schen-
kung des Königshofes Huxere auswirkte i. J. 821. Hier erblühte
nun die neue Corbeja rasch und kräftig; nach Adalhards Tode (2. Jan.
826) wurde Warin zum Abt erwählt, der Sohn des alten Sachsen-
fürsten Ekbert und der karolingischen Ida, der Bruder Liudulfs, des
Grofsvaters Heinrichs I. Auch er hatte bereits das Schwert geführt
Digitized by Google
Komi. Adalhard und Wala.
137
und erst im späteren Alter mit der Mönchskutte vertauscht. Im Jahre
830 empfing er in seinem Kloster einen vornehmen Gast, Hilduin,
den Abt von S. Denys, der nach Korvei verbannt war. Die liebe-
volle Aufnahme, welche dieser bei Warin fand, dankte er ihm später
nach seiner Ktickkehr durch ein kostbares Geschenk, den Leib des
heil. Veit, der 836 nach Korvei gebracht und hinfort als der Hort
und Schutz des sächsischen Volkes betrachtet wurde.
Ueber diese Ereignisse berichtet uns ein ungenannter Mönch
von Korvei in der Erzählung von der Uebertragung des h. Veit,
der er selbst beigewohnt hatte1). In Corbie dagegen schrieb Rad-
bert, mit dem Beinamen Pasehasius, einer der bedeutendsten unter
den gelehrten Theologen dieser Zeit, das Leben der Brüder Adal-
hard und Wala, jedoch so überladen mit rednerischem Schmuck,
dafs die Thatsachen nur mühsam herauszufinden sind. Adalhards
Leben2) ist bald nach seinem Tode, noch bei Lebzeiten des Wala
geschrieben; es ist einfacher und nicht so überladen wie das Leben
des Wala8) (f836), welches in Gesprächform verfafst und aus
Furcht vor dem Kaiser und Karl dem Kahlen in absichtliche Dunkel-
heit gehüllt ist.
Verloren sind uns leider Adalhards Briefe, und nur in einem
Auszuge Hinkmars erhalten seine Schrift über die Hofordnung
Karls des Grofsen, welche auch so noch zu den lehrreichsten
Denkmälern dieser Zeit gehört, deren Zuverlässigkeit aber durch die
Ueberarbeitung ungewifs geworden ist*).
Das Leben der Ida, der Mutter Warins, ist erst nach hun-
dert Jahren von Uffing, einem Wordener Mönche, geschrieben und
erscheint wenig glaubwürdig8).
Einige Nachrichten über diese ersten geistlichen Stiftungen im
Sachsenlande sind uns ferner noch erhalten in den Berichten über
die Erwerbung und Uebertragung der Reliquien, welche zu ihrem
Gedeihen nun einmal unerläfslich waren; so erhielt Herford, das
neben Korvei von Soissons aus gegründete Nonnenkloster, 860 die
l) Historia Translationis S. Viti ed. Pertz, Mon. SS. II, 576 — 585. Nach Hirsch
und Waitz, Prüfung des Chrnn. Corb. p. 94 ist für den Text auch die Ausgabe
Acta SS. Iun. II, 1017 zu vergleichen.
*) Mab. IV, 1, 291—349 ed. Ven. Excerpte in den Mon. SS. II, 524 — 532.
3) Mab. IV, 1, 455 (434 — 497 ed. Ven.) Excerpte in den Mon. SS II, 533 bis
569. Vgl. Himly, Wala et Louis le Debonnaire. Paris 1849. 8. Bähe S. 233.
462—471.
*) Hincmari epistola de ordine palatii, gedr. u. a. in Walthers Corp. Jur. Germ.
III, 761-772.
8) Acta SS. Sept. 0, 260 — 270. Leibn. I, 171 nach Surius. Excerpta Mon.
SS. II, 569—576.
Digitized by Google
138 II. Karolinger. § 15. Korvei n. Gandersheim. § 16. Lothringen.
h. Pusinna1), Paderborn schon 836 S. Liborius1); die Erzählungen
davon sind aber erst gegen das Ende des neunten Jahrhunderts ver-
fafst. Auch das Leben der h. Liutbirg s), einer Klausnerin bei
Halberstadt, die bis zu den Zeiten König Ludwigs des Jüngeren
(876—882) lebte, giebt Kunde von dem Eifer, mit welchem die Neu-
bekehrten sich der Kirche zuwandten, und ist merkwürdig durch die
darin enthaltenen Angaben über die Nachkommen jenes Hessi, des
Fürsten der Ostfalen, welcher sich 775 Karl dem Grofsen unter-
worfen hatte.
Aus Korvei aber sind uns noch Ostertafeln erhalten, im neun-
ten Jahrhundert von angelsächsischer Hand geschrieben und mit
wenigen Bemerkungen versehen, zu welchen die Mönche des Klosters
im Laufe der Zeiten andere hinzugefügt haben; als Geschichtswerk
kann man diese kurzen Notizen nicht betrachten, und auch der ma-
terielle Inhalt ist für die vorliegende Periode fast ohne Bedeutung4).
Dagegen hat der Abt Bovo (879 — 890), ein Enkel Warins, eine
Geschichte seiner Zeit geschrieben, aus welcher Adam von Bremen
(I, 41) ein Bruchstück Uber die Normannenschlacht von 885 erhalten
hat, welches den Verlust dieses Werkes sehr bedauern läfst. Dann
ruhte auch hier die Feder, bis die Thaten der Ottonen neuen Anstois
zu schriftstellerischer Thätigkeit gaben.
Dasselbe war der Fall in einem anderen Kloster, welches den
Ludolfingem noch näher stand wie Korvei, in Gandersheim, wo
Graf Ludolf selbst um 850 eine ältere Stiftung erneuert hatte und
Prinzessinnen seines Hauses als Aebtissinnen walteten. Die erste,
bis zum J. 874, war Ludolfs Tochter Hathumod, deren Leben von
ihrem Bruder Agius, wahrscheinlich Mönch in dem nahe gelegenen
Kloster Lammspring, beschrieben wurde. Zu der in Prosa geschrie-
benen Biographie fügte er Elegien, die eine tiefgefühlte rührende
Todtenklage enthalten5). Sowohl die reine und fehlerfreie Sprache,
die gewandte Ausdrucksweise, der fliefsende, wenn auch nicht ganz
eorrecte Versbau, wie das zarte und sinnige Gemüth des Verfassers,
den die innigste Liebesgemeinschaft mit seiner Schwester verbunden
hatte, verleihen diesen Schriften einen ganz besonderen Reiz; die
*) Translatio S. Pusinnae, Mon. SS. II, 681 — 683 im Auszuge. Vollst. Act. SS.
Apr. III, 170. Leibn. SS. Brunsv. 1, 181.
2) Transl. S. Liborii Mon. SS. IV, 149—157.
s) Bei A. Lang de Sanctis 0. S. Benedicti. B. Pez Thes. II, 3, 146. Mon.
SS. IV, 158 — 164 im Auszuge.
4) Annales Corbeienses, Mon. SS. III, 1 — 18, nicht zu verwechseln mit dem
unechten Chronicon Corbeiense.
s) Agii Vita Hathumodae ed. Pertz, Mon. SS. IV, 165 — 189. Uebersetzung
von Riickert. Stuttg. 1845. 8.
Digitized by Google
Translationen. Agius u. Hathumod. Regino.
139
mancherlei Nachrichten über die verschiedenen Mitglieder dieser
zahlreichen und ausgezeichneten Fttrstenfamilie geben ihnen aufser-
dem noch einen gröfseren Werth für den Geschichtsforscher.
Pertz hat die Vermuthung ausgesprochen, dafs wohl derselbe
Agius jener sächsische Dichter sein möge, welcher Einhards Jahr-
bücher metrisch bearbeitete. Dieselben Vorzüge des Ausdruckes
finden sich darin wieder, und die einzige vorhandene Handschrift
stammt aus dem Kloster Lammspring. Für die Geschichte ist je-
doch diese nur stilistisch merkwürdige Leistung fast ganz bedeu-
tungslos1).
§ 16. Lothringen.
Richbod von Trier (795 — 804) ist als Schüler Alkuins bekannt,
und wird als ein Mann von gründlicher Gelehrsamkeit und Bildung
gerühmt; ohne Zweifel wird er sich um die Schulen in seinem Sprengel
verdient gemacht haben. Auch Amalarius (809 — 814) machte sich
als Schriftsteller bekannt, und Thegan, der schon erwähnte Biograph
Ludwigs des Frommen, war Chorbischof von Trier. Am Ende des
Jahrhunderts (883 — 915) war Ratbod Erzbischof, welcher den ver-
triebenen Abt von Prüm, Regino2), zu gelehrten Arbeiten ver-
anlafste.
Dieser Regino war von Jugend auf im Kloster Prüm erzogen,
wo schon unter dem Abte Markward (829 — 853) litterarische Thä-
tigkeit bemerkbar wird. Er veranlafste nämlich den Wand albert,
einen Mönch desselben Klosters, ein altes Leben des h. Goar neu
zu bearbeiten und seine Wunderthaten aufzuzeichnen. Auch sind
noch Gedichte von diesem Wandalbert vorhanden, und das schon
oben erwähnte, metrisch bearbeitete Martyrologium 3). Im J. 892 er-
lebte Regino die Zerstörung dieses besonders durch Kaiser Lothars
Vorliebe verherrlichten Klosters durch die Normannen, und da in
demselben Jahre der Abt Farabert sein Amt niederlegte, wurde Re-
gino zu seinem Nachfolger erwählt. Allein die Parteikämpfe, welche
damals Lothringen zerrissen, liefsen auch ihm keine Ruhe; er mufste
899 seinen Gegnern weichen und verlebte den Rest seiner Tage bis
an seinen Tod im J. 915 im Kloster S. Maximin bei Trier*), die un-
*) Poetae Saxonis Annales de Geslis Caroli magni imperatoris. Mon. SS. I,
225 — 379. Wieder abgedruckt bei Migne XC1X, 683 — 736. Bähr S. 124.
4) Bähr S. 184 — 186. 535 — 538. Ditminler in der Vorrede zur Ucbersetzung
der Chronik. — 8) S. über ihn Bähr S. 114. 229.
*) Nach späteren Aufzeichnungen war Regino in Altrip am Rhein geboren
und erhielt von Ratbod die Leitung des von ihm hergestellten MartinskJosters.
Archiv 111, 291.
Digitized by Google
140
11. Karolinger. § 16. Lothringen.
freiwillige Mufae zu gelehrter Arbeit verwendend. Auf Ratbods
Wunsch verfafste er hier sein umfassendes und lehrreiches Werk
liber die Kirchenzucht, welches er dem Erzbischof Hatto von Mainz
übersandte, und seine Chronik1) von Christi Geburt bis zum Jahre
905, die er einem Bischof Adalbero, vermuthlich von Augsburg,
widmete. Sie verdient Beachtung als einer der frühesten Versuche,
die Weltgeschichte in einer ziemlich ausführlichen Erzählung zu-
sammenzufassen, eine Aufgabe, an welche sich damals nicht leicht
jemand wagte und deren Schwierigkeiten aufserordentiich grofs wa-
ren. Die Ausführung ist denn freilich auch sehr mangelhaft geblie-
ben und namentlich die Chronologie in der höchsten Verwirrung.
Beda, die Thaten der Frankenkönige, und andere bekannte Quellen
bilden die Grundlage seines Werkes, welches anfangs nach den Re-
gierungen der Kaiser angeordnet ist; weiterhin geht er, der Natur
Beiner Quellen folgend, in die annalistische Form über und fährt
auch selbst in dieser Weise fort. Darin ist seine Chronik den oben
erwähnten Reichsannalen ähnlich, aber sie unterscheidet sich sehr
wesentlich dadurch, dafs er nicht gleichzeitig mit den Begebenheiten
schrieb und deshalb auch gerade in der chronologischen Anordnung
derselben wenig zuverlässig ist.
ln dieser Beziehung hat bei ihm wie bei manchem anderen das
Vorbild der Annalen nachtheilig gewirkt, denn für die Aufzeichnung
unbestimmt gewordener Ueberlieferungen ist die annalistische Form
flicht nur hinderlich, sondern die scheinbare Bestimmtheit verleitet
auch dazu, den Angaben mehr Gewicht beizulegen, als ihnen zu-
kommt. Bis zum Jahre 814 hat Regino die Lorscher Annalen be-
nutzt; von da an aber fehlten ihm schriftliche Hülfsmittel, und er
mufste sich zur Ausfüllung der grofsen Lücke von Karls des Grofeen
Tode bis auf seine Zeit allein auf die so unsichere mündliche Tra-
dition verlassen ; nur Uber die Händel, welche Lothars H ärgerliche
eheliche Verhältnisse veranlafsten, standen ihm Urkunden zu Gebote.
Auffallend und für die Stellung Lothringens charakteristisch ist
es dabei, wie wenig Regino von dem Ostfrankenreiche zu sagen
weifs, während er von den Westfranken viel und eingehend erzählt,
und namentlich die Bretagne besonders berücksichtigt, ein Umstand,
den Dümraler durch die dort gelegenen Besitzungen der Mönche von
Prüm erklärt. Ueber das, was er selbst mit erlebt bat, giebt Re-
gino sodann ausführliche und schätzbare Nachrichten. Dafs er von
*) Reginonis Chronicon ed. Pertz, Mon. SS. I, 536—612. Vgl. Archiv XI, 299.
Dümmler de Armilfo p. 174. 175. Uebersetzung von Dümmler, Berl. 1857. Von
der Fortsetzung s. unten III, 6.
Digitized by Google
Rfgino. Annalen von Xanten.
141
den entfernteren Ereignissen nur unsichere Kunde erhalten hat, wird
man ihm nicht zum Vorwurfe machen; Uber Lothringen aber war
er genau und zuverlässig unterrichtet, und wUrde gewifs noch tiefer
in die dortigen Verhältnisse blicken lassen, wenn Hin nicht die Be-
sorgnifs vor dem Zorne der Machthaber verhindert hätte, die ganze
Wahrheit zu sagen. Diese Zurückhaltung hat ihn jedoch nicht da-
vor schützen können, dafs aus seinem Werke ein bedeutendes Stück,
in welchem er von seinen eigenen Schicksalen erzählte, ausgeschnitten
und vernichtet wurde.
Seine Schreibart ist einfach und dem Gegenstände angemessen,
und wenn es ihm auch keineswegs gelungen ist, die Weltgeschichte
in wirklich historischer Weise zu bearbeiten, so zeigt er doch für
die ihm näher liegenden Zeiten und Verhältnisse einen freien Blick
und gesundes Urtheil ; die eigenen Erfahrungen und die freundschaft-
liche Beziehung zu einem hochstehenden Kirchenfürsten erhoben ihn
über die gewöhnlichen Annalisten, und sein Werk steht am Ende
der karolingischen Zeit als eine bedeutende Erscheinung da, der sich
wohl weitere Fortschritte angeschlossen haben würden, wenn nicht
gerade jetzt die äufsere Noth für lange Zeit alle wissenschaftlichen
Bestrebungen erdrückt hätte.
Als die bei allen ihren Mängeln doch bei weitem beste um-
fassende Behandlung der Weltgeschichte ist Regino’s Chronik bis ins
zwölfte Jahrhundert viel benutzt worden und hat grofse Verbreitung
gefunden, wobei denn auch seine grofsen chronologischen Irrthümer
manchen irre geleitet haben.
Man kann wohl nicht bezweifeln, dafs Lothringen mit seinen
bedeutenden Kirchen und Klöstern noch manches andere Geschichts-
werk hervorgebracht hat, welches in den furchtbaren Verheerungen
des Landes durch Normannen und Ungern zu Grunde gegangen ist;
die blühendsten Klöster verödeten und kamen in Laienhände, so
dafs eine Periode tiefer Dunkelheit eintrat, welche später der kecken
Erdichtung freien Spielraum darbot. Merkwürdig sind auch in dieser
Beziehung die Annalen von Xanten1), weil von einer litterarischen
Thätigkeit in diesem Stifte durchaus nichts bekannt war, bis Pertz
1827 diese Jahrbücher in einer angebrannten Handschrift der Cotton-
schen Bibliothek entdeckte. So war auch dieser vereinzelte Rest der
höheren Ausbildung jener Periode dem gänzlichen Untergange schon
ganz nahe gewesen. Auf Excerpte aus Einhard u. A. folgen darin
von 831 bis 873 selbständige und gleichzeitige Aufzeichnungen,
welche hin und wieder ziemlich ausführlich werden, nicht in der
') Mon. SS. II, 217—235.
Digitized by Google
142 Df. Karolinger. § 16. Lothringen. § 17. Schwaben.
gleichmäfsig umfassenden Weise der Reiehsannalen, welche an diesem
entlegenen Orte nicht möglich war, aber übrigens in derselben Art.
Kaum treten die lothringischen Angelegenheiten besonders hervor —
denn Lothars Ehescheidung beschäftigte die ganze Christenheit —
und nur die genauere Erzählung Uber die Vernichtung Xantens durch
die Normannen i. J. 863 verräth den Chorherrn von S. Victor1).
Aufser der kurzen Erzählung von der Uebertragung des h.
Hubertus2) nach S. Hubert in den Ardennen (825), des h. Justus
bald nach 900 nach Malntedy3), ist schliefslich nur noch die Bis-
thumsgeschichte von Verdun4) zu erwähnen, von Berthar,
der erste Versuch einer Localgeschichte, an denen später Lothringen
so reich war, nach der traurigen Zeit der feindlichen Verwüstungen,
denn der Verfasser schrieb erst nach dem Brande der Domkirehe
im J. 91 6 «oder 917; sein Werk reicht aber nur bis in die Zeit des
Kaisers Arnulf und ist wegen des fast gänzlichen Mangels an älteren
Quellen sehr dürftig5). Aus To ul sind uns einige Briefe des Bischofs
Frothar (813 — 848) erhalten6).
§ 17.. Schwaben.
St&lin I, 235 — 240. BShr S. 118 — 122. Ild. v. Arx, Gesch. von S. Gallen. Dümmler,
das Formelbuch des Bischofs Salomo III. von Konstanz. Lcipz. 1857. 8. F. Keller,
Bilder und Schriftzüge in den irischen M&nuscripten der 6chweiz. Bibliotheken, in
den Mittheilungen d. Antiquarischen Gesellschaft in Zürich VII, 3. 1851.
Wenden wir unsern Blick nach dem Süden Deutschlands, so
zieht vor allem S. Gallen unsere Aufmerksamkeit auf sich , nebst
dem nahe gelegenen Reichenau. Hatten wir früher schon in dem
alten Leben des h. Gail wenigstens einen ersten Versuch literarischer
Thätigkeit zu erwähnen, so finden wir nun auch hier einen Schüler
Alkuins, Grimakl, als Abt (841 — 872); S. Galler Mönche, wie Werin-
bert und Hartmut, Otfrids Mitschüler, besuchen die berühmte Schule
des Klosters Fulda, und Hrabans Schüler Walafrid wird Abt von
Reichenau (842 — 849). Hierzu kommt noch der Unterricht gelehrter
Iren, welche auch die Kenntnifs des Griechischen .hier heimisch
machen, während der lebhafte Verkehr mit Italien nicht minder an-
regend wirkt. Die S. Galler Schule war vielleicht von allen die be-
*) Auffallender Weise geben die Annalen gerade hier die falsche Jahreszahl 864.
a) Vom Bischof Jonas von Orleans verfafst, Mab. IV, 1, 295 (278 ed. Ven.).
3) Marlene Coli. VI, 833. Spät und fabelhaft ist die Translatio S. Quirini
Malmnndarium, angeblich 808, mit einem fingirten Briefe Hildebalds von Cöln an
Karl den Groben. Mart. Thes. UI, 1685 — 1690.
4) Bertharii Gcsta episcoporum Virdunensium, ed. Waitz, Mon. SS. IV, 36.
5) Historisch unbrauchbar ist die fabelhafte Vita S. Mengoldi, Acta SS. Feb.
II, p. 191 — 196; vgl. Dümmler de Amulfo p. 201 — 204.
«) Du Chesne U, 712-723.
Digitized by Google
Verdun. S. Gallen. Othmar,
143
deutendste, und glücklicher Weise besitzen wir zugleich von ihr das
lebendigste Bild in der reichhaltigen Klosterchronik1), welche von
verschiedenen Verfassern bis 1330 fortgefiihrt wurde. Die Schule
war hier lange Zeit der Mittelpunkt des Klosterlebens, der Stolz
und die Freude der S. Galler Mönche, und die Lebensnachriehten
von den bedeutenderen Lehrern nebst mannigfachen Schulgeschichten
verschiedener Art nehmen einen sehr hervorragenden Raum in der
Chronik ein. Doch die Aufzeichnung dieses Theiles derselben gehört
einer späteren Zeit an2); der erste Theil bis z. J. 883, von Ratpert
verfafst, ist erfüllt von den äufseren Schicksalen des Klosters, den
langen Kämpfen um seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit, welche
bald von den Mächtigen des Landes, bald und mit mehr Erfolg von
den Bischöfen von Konstanz angefochten wurde. Diese Verhältnisse
nehmen Ratperts Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, dafs er auch
aus der späteren Zeit der Blüthe wenig Uber das innere Leben des
Klosters berichtet.
Die ersten Zeiten des angestrengten und oft unglücklichen
Kampfes waren der litterarischen Entwickelung nicht günstig, und
das am Ende des achten Jahrhunderts verfafste Leben des Stifters
gehört durch seine unbehülfliche Sprache noch ganz der früheren
Stufe der Bildung an.
Bessere Zeiten brachen zuerst unter dem Abte Gozbert an
(816 — 837), der 830 den Bau der neuen Kirche begann, zu welcher
er den noch vorhandenen Grundrifs von den königlichen Baumeistern
entwerfen liefe. Um diese Zeit beschrieb Gozbert, des Abtes
gleichnamiger Neffe, das Leben des Abtes Othmar, welcher am
16. Nov. 759 in der Verbannung gestorben war, und fügte auch
zum Leben des h. Gallus ein Buch über die Wunder desselben hinzu.
Doch genügten ihm selber diese Arbeiten nicht, und er bat den be-
rühmten Abt von Reichenau, Walafrid, beide zu überarbeiten8). Uns
liegt daher das Leben Othmars nur in Walafrids reiner Sprache vor;
es enthält einige schätzbare Nachrichten Uber die damaligen Verhält-
nisse von Alamannien. Begreiflich ist es, dafs man daneben auch
des h. Gallus Leben in seiner schlichten, unsauberen Gestalt nicht
*) Casus S. Galli ed. v. Arx, Mon. SS. II, 59 — 183 (bis zum J. 1233).
Zwischen 883 und 890 ist ein Stück verloren , auf welches sich Ekkehard S. 83
mit den Worten bezieht: Gerhaldo (corr. Bernhardo) itaque abhate, ut alias in alio
libro relalum est, deposito (890). — Ratperti Casus S. Galli na.ch obiger Ausgabe
bei Migne CXXVI, 1055—1080.
2) und ist leider sehr unzuverlässig, s. Dümmler S. 108.
*) Sie sind nur in dieser Form vorhanden, V. S. Othmari SS. II, 41 — 47.
Uebers. v. Pottbast 1857. Miracula S. Galli ib. 21 — 31.
Digitized by Googl
144 II. Karolinger. § 17. Schwaben.
mehr ertragen konnte: wenn es bei der Mahlzeit oder am Gedächt-
nifstage des heiligen Mannes verlesen wurde, störten die Germa-
nismen und Sprachfehler die Andacht der Zuhörer. Walafrid mufste
deshalb auch dieses ehrwürdige Denkmal des Alterthums in eine
zeitgemäfse Form bringen ; doch hielt man es zu sehr in Ehren, um
das Original verloren gehen zu lassen.
Nach dem Bürgerkriege verlieh Ludwig der Deutsche die Abtei
seinem Erzkaplan Grimald (841 — 872), der sich das Wohl derselben
sehr angelegen sein liefs, so dafs jetzt die rechte Blüthezeit des
Klosters und namentlich der Schule beginnt. Da er selbst nicht
Mönch war und viel am Hofe lebte, vertraute er dem Hartmut die
unmittelbare Verwaltung des Klosters an, und nach Grimalds Tod
Btand dieser demselben bis 883 als Abt vor. Beide sorgten eifrig
für die Bereicherung der Bibliothek, und als der erste bedeutende
Lehrer wird unter ihnen Iso genannt1); ihm zur Seite der Schotte
Moengal, auch Marcellus genannt5), welcher in der inneren
Schule die für das Mönchskleid bestimmten Knaben unterwies, wäh-
rend jener in der äufseren Schule die Söhne des Adels für ihren
Beruf als Domherrn und Bischöfe vorbereitete.
Im Jahre 864 wurde Othmars Leib erhoben und in der neuen
Kirche des h. Gallus feierlich beigesetzt, wobei es an Wundern
natürlich nicht fehlte; davon berichtet uns eine bald nachher ver-
fafste Schrift Isos3). Später soll er jedoch das Kloster auf eine Ein-
ladung des Königs von Burgund verlassen, und als Lehrer im Kloster
Granval eine grofse Wirksamkeit und aufserordentlichen Ruf erlangt
haben, bis er am 14. Mai 871 starb.
Die volle geistliche Bildung der inneren Schule erhielten drei
Schüler des Iso, welche Marcellus von ihm übernahm, und nicht
minder wie in der Wissenschaft, auch in der Musik und apderen
Künsten unterwies, deren er als Irländer Meister war. Diese waren
Notker der Stammler, später Marcellus Gehülfe, Verfasser des oben
erwähnten Martyrologiums, der kunstreiche Tutilo , und Ratpert,
welcher bis an das Ende des neunten Jahrhunderts der Kloster-
schule Vorstand, und wie schon erwähnt, den ersten Theil der
Klosterchronik verfafste. Er war so eifrig in seinem Amte, dafs
er jede Entfernung vom Kloster dem Tode gleich achtete, und nicht
mehr als zwei Schuhe im Jahre verbrauchte ; selbst die Messen und
Gebete versäumte er darüber, denn, sagte er, wir hören die besten
*) urkundlich in S. Gallen erwähnt von 847 bis 868.
a) von 848 bis 865 urkundlich erwähnt.
*) Translatio S. Othmari, Mon. SS. 11,47 — 54.
Digitized by Google
Die S. Galler Schule. Ratpert. Salomo. 145
Messen, wenn wir andere lehren, sie zu feiern. Unnachsichtig hand-
habte er den Stock, der überhaupt in diesen Jahrhunderten eine
grofse Rolle in der Erziehung spielte, und doch wufste er sich durch
seine Berufstreue und wahres Wohlwollen auch die Liebe seiner
Schüler zu gewinnen. Als er auf seinem Todbette lag, hatte gerade
das Fest des h. Gallus (Oct. 16) die Geistlichkeit Alamanniens im
Kloster versammelt, und 40 seiner Schüler, sämmtlich Domherren,
umgaben das Sterbelager ihres Lehrers.
Kaum beachtet von diesen gelehrten Herren, die auf ihre Kennt-
nisse nicht wenig stolz waren, lebte in S. Gallen noch ein alter
Mönch der früheren Generation, deren grammatischer Unterricht
weniger gründlich gewesen war; dafür aber reichte sein Gedächtnifs
noch in die Zeit des grofsen Karl und er wufste die Geschichten
zu erzählen, welche er einst von des tapfern Gerolds Waffengefährten
gehört hatte. Karl der Dicke, von dem sonst wenig Löbliches zu
berichten ist, hatte an diesen Geschichten, als er 883 das Kloster
besuchte1), solche Freude, dafs er den guten Alten veranlafste, Bie
aufzuschreiben; emsig ging er an die Arbeit, scheint aber vor der
Vollendung gestorben zu sein. Keiner hat uns seinen Namen auf-
bewahrt, die Klosterchronik weifs nichts von ihm, nicht einmal eine
Abschrift seines Werkes findet sich in der reichen Bibliothek von
S. Gallen, auswärts aber hat man an seinem Buche schon früh und
vielfach Gefallen gefunden, und es trotz seiner mangelhaften Form
mit Einhards Meisterwerk verbunden3).
Am Schlüsse dieser Periode steht Notkers berühmtester Schüler
Salomo III, von 890 bis 920 Bischof von Konstanz und zugleich
Abt von S. Gallen, ein Mann von den glänzendsten Geistesgaben,
der kluge und gelehrte Freund Hatto’s von Mainz, der das schöne
und blühende Kloster wie seinen Augapfel liebte und hegte. Mehrere
uns erhaltene Briefe und Gedichte zeugen von Notkers Liebe zu ihm
und zugleich von der Sorge des treuen Lehrers um das Seelenheil
seines Schülers in den Gefahren der Welt, denen er am Königshofe
ausgesetzt war. Salomo selbst sammelte, wie DUmmler nach-
gewiesen hat, um das Jahr 890 eine Mustersammlung von Urkunden-
formeln und Briefen, in welchen uns einige auch für die Geschichte
der Zeit wichtige Briefe auf bewahrt sind, während die Urkunden
über mannigfache Verhältnisse reichen Aufschlufs gewähren3). Schon
l) Hierhin gehört wohl das Gedicht des Deeans Waldram b. Canis. Ant. Lect.
V, 749. ed. Basn. 11, 3, 304, obgleich Karl darin immer König heilst; vgl Mon.
S. Gail. I, 5.
a) s. oben S. 111.
*) früher Formulae Alsaticae genannt. Zum ersten Mal kritisch und voll-
10
Digitized by Google
146
II. Karolinger. § 17. Schwaben.
waren in 8. Gallen selbst Iso1), in Reichenau andere8) mit ähnlichen
Sammlungen vorangegangen, aber die Sammlung Salomons läfst sie
durch ihren Inhalt wie durch ihre Form weit hinter sich. Aus der
späteren Zeit besitzen wir von ihm zwei schöne poetische Episteln
an den Bischof Dado von Verdun in vortrefflichen Hexametern. In
der einen8) beklagt er voll tiefer Trauer den Tod seines letzten
Bruders, des Bischofs Waldo von Freising (906); in der anderen*),
schon früher geschriebenen, schildert er mit den lebhaftesten Farben
das Unglück des Vaterlandes, dessen König ein Kind ist, dessen
Gaue erfüllt sind von allgemeiner Zwietracht, von innerem Kampfe
in allen Ständen des Volkes, während die Ungern ungehindert das
Land verheerend durchziehen.
Ekkehards lebendige Schilderung hat die S. Galler Schule un-
sterblich gemacht ; ohne ihn würden wir nicht so gar viel davon
wissen, und ohne Zweifel herrschte in manchem andern Kloster ein
ganz ähnliches Treiben, von dem nur niemand uns Nachrichten auf-
bewahrt hat. So vor allem in Reichenau, welches schon in hoher
Blüthe stand, als S. Gallen noch schwach und unbedeutend war6).
Hier war im Anfang des neunten Jahrhunderts Haito Vorsteher
der Klosterschule, der dann Abt, und 807 Bischof von Basel wurde.
Karl der Grofse sandte ihn 811 nach Konstantinopel, und Uber diese
Sendung verfafste er eine Reisebeschreibung8), die leider verloren
ist; 823 entsagte er seinem Bisthum, und zog sich dann in sein
altes Kloster zurück, wo er 836 starb. Hier leitete jetzt sein früherer
Schüler Wettin die Schule. Dieser hatte kurz vor seinem Tode 824
eine Vision, indem er wie so viele andere nach ihm, Himmel und
Hölle zu durchwandern glaubte, und was er in diesen Regionen
ständig herausgegeben von Dümmler : Das Formelbuch des Bischofs Salomo III.
Leipzig 1857. S. über diesen bes. S. 103 ff.
*) Dümmler S. XIV.
a) Eine ältere Sammlung aus dem 8. Jahrh., herausgegeben von Mone in d.
Zeitschrift f. Gesch. des Oberrheins 111, 385 — 397 (1852), eine zweite von Eug.
de Roziere : Formules ine'dites publ. d’apres un MS. de la bibl. de Strasbourg.
Paris 1851. (Bibi, de l’erole des chartes, Ser. III. T. 2,504 — 526) u. Form. ined.
publ. d’apres un MS. de la Bibi, de S. Gail. Paris 1853. Vgl. Dümmler S. XI. XII.
3) Canis. II, 3, 245. ed. pr. I. App. 15. Daselbst auch 2 Elegieen des Mönchs
Waldram über diesen Verlust.
*) ib. 235. Vgl. W. Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit I, 160. Ueber die ihm
zugeschriebene Encyklopädie (Glossae Salomonis) s. Stalin I, 404.
5) Die älteste Lebensbeschreibung des Stifters, S. Pirmin, mit d. Gründungs-
geschichte von Reichenau (um 724), zuerst gedruckt von Mone Quellens. 30 — 36,
ist nach Mone im neunten Jahrh. in Reichenau verfafst Retlberg (11,51) dagegen
glaubt, dafs sie in Hornbach geschrieben ist, und weist nach, dais sie keinen
Glauben verdient und ganz ungesehichtlich ist.
®) Herrn. Contr. a. 81 1. Vgl. über ihn Bähr S. 379.
Digitized by Google
Reichenau. Haito, Wettin, Walafrid. 147
gesehen zu haben vermeinte, den gläubigen Brüdern berichtete.
Haito hat diese Vision in Prosa, Walafrid in Versen bearbeitet1),
und der Eindruck derselben auf die Zeitgenossen war aufser-
ordentlich grofs; hatte er doch sogar den grofsen Kaiser Karl
im Fegefeuer Schlimmes leiden gesehen. Unter den Märtyrern da-
gegen erscheint darin Gerold, der Königin Hildegard Bruder,
welcher im Kampfe gegen die Avaren gefallen war, ein geborener
Alamanne, und des Klosters Hort und Beschirmer. Eine vielleicht
von Walafrid verfafste Grabschrift auf ihn2) findet sich in einer
Handschrift neben dem Epitaph des Bernald, an den die
Reichenauer ebenfalls mit Stolz zurückdachten. Dieser Bernald war
nämlich ein geborener Sachse, aber in Reichenau erzogen; er kam
dann in die kaiserliche Kapelle, und erhielt um das Jahr 821 das
Bistbum Strafsburg. Zu den treuen Anhängern des alten Kaisers
gehörend, wurde er 825 als Gewaltbote nach Rhätien, 832 nach
Rom gesandt, und starb am 17. April 840. Man rühmte ihn als
einen klugen und gelehrten Mann.
Den gröfsten Glanz aber verbreitete Uber Reichenau der Abt
Walafrid, mit dem Beinamen Strabo oder Strabus, einer der
besten Lateiner seiner Zeit, ein viel bewunderter Gelehrter und ge-
wandter Dichter. Ueber sein Leben haben wir leider nur wenig
sichere Nachrichten, und so befreundet er auch mit den S. Galler
Gelehrten war, wird er doch in der Klosterchronik gar nicht ge-
nannt. Noch als Jüngling übersandte er dem Grimald, welchen er
seinen Lehrer nennt, seine metrische Behandlung der Wettinischen
Vision; später hat er in Fulda Hrabans Unterricht genossen. Mit
Thegan, dem Diakon Florus und anderen der classisch und kirch-
lich gebildeten Männer jener Zeit war er befreundet, und obwohl
eifriger Anhänger Ludwigs des Frommen, gewann er doch nach
dessen Tode auch Ludwigs des Deutschen Gunst und Vertrauen.
Vielleicht durch Grimalds Einflufs, erhielt er 842 die herrliche Abtei
Reichenau in seiner Heimath Schwaben, und im Jahre 849 wurde
ihm eine Botschaft des Königs an dessen Bruder Karl anvertraut.
Auf dieser Reise starb er, kaum vierzigjährig, am 18. August.
Die von Walafrid überarbeiteten Lebensbeschreibungen des Gallus
und Othmar erwähnten wir schon; selbständige geschichtliche Werke
») Visio Weltini, Mab. IV, 1,272 (Miene CV, 769) und 280 (249 und
257 ed. Ven.)
2) herausgfg. von Aschbach im Rhein. Museum 1854, IX, 299. Bei Canis.
VI, 510. 511 und daraus bei Du Meril p. 246. 248 finden sich Verse an Kaiser
Lothar, und auf die Ankunft eines Königsohnes Karl in Augia, die vielleicht nach
Reichenau gehören.
10*
Digitized by Google
148
II. Karolinger. § 17. Schwaben.
tat er so wenig wie Hraban verfafst, aber sein Buch über Ursprung
und Entwickelung der kirchlichen Einrichtungen enthält viel Beaeh-
tenswerthes Uber die Verfassung der Kirche in jenen Zeiten1).
Unter Walafrids Schülern ist vor allen Otfrid, der Mönch von
Weifsenburg, bekannt Eines der merkwürdigsten Zeugnisse aber
für den ernstlichen Eifer, mit welchem man in diesen Klöstern da-
mals das Studium des classischen Alterthums betrieb, bietet uns die
durch Mabillon bekannt gewordene Handschrift von Einsiedeln,
deren Urschrift aus Reichenau zu stammen scheint. Wohl ein Schüler
Walafrids, im vollen Besitz der damaligen Schulbildung, und auch
des Griechischen kundig, hat eine der damals so häufigen Pilger-
fahrten nach Rom benutzt, um nicht nur eine Beschreibung des da-
maligen Rom und des Ceremoniels der kirchlichen Feste in sein
Gedenkbuch einzutragen, sondern auch antike Inschriften aus Pavia
und Rom mit gröfster Genauigkeit und Sorgfalt copirt; alles direct
auf den heidnischen Cult bezügliche hat er jedoch in frommem Ab-
scheu weggelassen2).
Durch besondere Lernbegierde zeichnete sich auch Ermenrich
aus, ein Elwanger Mönch. Wie Walafrid, ging auch er nach Fulda,
wo er Hrabans und Rudolfs Schüler wurde. Besondere Freundschaft
verband ihn mit Hrabans Neffen, dem Diakon und königlichen Kaplan
Gundram, welcher der fuldischen Zelle Solenhofen Vorstand, und die-
sem, der den Stifter seiner Kirche, S. Sola, feierlich transferirt hatte,
zu Liebe schrieb er das Leben desselben und übersandte es Hraban
zur Durchsicht3). Sola gehörte zu den Begleitern des h. Bonifaz;
Ermenrich standen aber nur mündliche Erzählungen Uber ihn zu
Gebote,, und der geschichtliche Werth seiner Nachrichten ist daher
unbedeutend. Wo er dieses Werk geschrieben hat, wissen wir nicht;
vielleicht in Nieder- Altaich, da auch Gozbald, der Abt dieses Klosters
und von 842 — 855 Bischof von WUrzburg, sein Lehrer gewesen ist.
An diesen sandte er, schon als Priester, eine kleine Schrift in
Form eines Dialogs, über die Gründung seines Klosters El wangen,
das Leben des Stifters Hariolf, König Pippins Zeitgenossen, Bru-
ders und später Nachfolgers des Bischofs Erlolf von Langres, und
die Wunder, welche man ihm zuschrieb4).
«) Ueber ihn Bähr S. 100-105. 217-219. 398-401.
3) Mab. Anal. p. 358. Ilänel in Jahn und Seebode’s Archiv, 5. Supplement-
band S. 115. Monunsen in den Berichten über die Verhandlungen der K. Sachs.
G. d. W. Phil. hist. CI. 1850. IV, 287. Rhein. Museum 1854. IX, 296.
3) Als Ilraban noch Abt war, also vor 842. Gedruckt mit den Briefen,
welche sich darauf beziehen, bei Canis. II, 2, 169—175. Vgl. Retlberg 11,360.
4) Vita Hariolii cd. Pertz, Mon. SS. X, 11 — 15.
Digitized by Google
Ermenrich von Eiwangen.
149
Im Jahre 849 finden wir Ermenrich wieder im Kloster Reichenau
als Schüler Walafrids; als dieser seine unglückliche Reise nach
Frankreich antrat, berief ihn Gozbert nach S. Gallen, um dort seine
Studien fortzusetzen. Walafrid hatte sterbend das Versprechen un-
erfüllt gelassen, das Leben S. Galls metrisch zu bearbeiten, und
stürmisch gedrängt von Gozbert dem Kahlkopf, dem Neffen des
Abtes, übernahm Ermenrich diese Aufgabe, scheint sie jedoch unvoll-
endet gelassen zu haben *). Er schrieb aber 854 oder 855 einen Brief an
den Abt Gozbert, der von der Grammatik und vielen anderen Dingen
handelt und in der schwülstigen, gezierten Weise vieler Gelehrten
der damaligen Zeit verfafst ist; eine Schreibart, die auch das Leben
des h. Sola entstellt und am wenigsten in dem Leben Hariolfs her-
vortritt3). Es enthält aber jener Brief auch einige wichtige geschicht-
liche Daten und eine Lobpreisung der gelehrten S. Galler Mönche,
welche zur Ergänzung der dortigen Klosterchronik dient.
In der Aufschrift dieses Briefes hat eine etwas spätere Hand
zu dem Namen Ermenrich das Wort Bischof gesetzt, und man hat
deshalb nicht ohne Wahrscheinlichkeit geschlossen, dafs der Verfasser
identisch ist mit dem gleichnamigen Bischof von Passau, den Ludwig
der Deutsche 867 zu den Bulgaren sandte, und dessen Tod am
26. Dec. 873 sich in alamannischen Jahrbüchern und im Todtenbucbe
von Reichenau verzeichnet findet3).
Ermenrichs Name ist dann auch gemifsbraucht in einer häfs-
lichen Betrügerei, dem angeblichen Leben des h. Magnus von
Theodoras, das bei der Uebertragung der Gebeine in der Mitte des
neunten Jahrhunderts in 8. Magnus Grab soll gefunden sein. Der
Bischof Lanto von Augsburg soll dann den Elwanger Mönch Ermen-
rich veranlafst haben, das kaum noch lesbare Denkmal zu erneuen.
So wird dort erzählt; die Art, wie Ermenrichs Name erwähnt wird,
macht es aber nicht wahrscheinlich, dafs wirklich er selbst zu dieser
Fälschung seine Hand geboten habe4).
J) Ein Stück davon Mon. SS. II, 31 — 33.
*) Dieses erwähnt Ermenrich in dem Briefe mit folgenden Worten: Adjunxi
autem et huic operi breve opusculum, quod de inceptione nostri coenobii et fra-
trum ibidem Deo famulantium vita conscripsi ipsaque dicta viro per omnia doctis-
simo Gozbaldo episcopo vel approbanda seu refutanda commendavi. Diese Worte
lassen kaum daran zweifeln, dafs die Vita Hariolii gemeint ist, obgleich von den
Elwanger Mönchen nur wenig darin vorkommt. Dafs ein ariderer Ermenrich aus
Reichenau zu derselben Zeit eine Geschichte dieses Klosters verfafst und ebenfalls
an Gozbald gesandt haben sollte, ist unglaublich. Gedruckt ist der Brief an Goz-
pert auszugsweise in Mabillons Analecten IV, 329, und in der zweiten Ausgabe
p. 420 — 422. — 3) Dümmler, Piligrim von Passau S. 144.
4) S. Stalin 1, 167. Rettberg II, 147. Das letzte Stück mit der Translations-
geschichte Mon. SS. IV, 382. 425-427.
Digitized by Google
150
II. Karolinger. § 17. Schwaben. § 18. Baiern.
Auch Reichenau bezog wie Fulda seine Reliquien aus Italien,
doch scheint man damit wenig Glück gehabt zu haben. Die Mönche
behaupteten zwar, im J. 830 den Leib des heiligen Marcus des
Evangelisten aus Venedig erhalten zu haben, aber man wollte es
ihnen nicht glauben, und ihre eigene Erzählung (Mon. SS. IV, 450)
läfst den Betrug sehr deutlich erkennen. Nicht besser scheint es
ihnen mit der heiligen Fortunata und ihren Brüdern ergangen zu
sein, welche ein wackerer Schwabe im Jahre 874 von einer Heer-
fahrt Kaiser Ludwigs II nach Hause schickte. Denn wie es scheint,
holte Sr sie aus der Kirche in Torre di Patria, von wo sie jedoch
bereits um das Jahr 780 nach Neapel in das Nonnenkloster des
h. Gaudiosus übertragen waren. Auf Neapel aber pafst die Be-
schreibung nicht, und dort fahren auch die Heiligen fort, die schön-
sten Wunder zu thun, während ihre Anwesenheit in Reichenau so
wenig Beachtung fand, dafs die Herausgeber der Acta Sanctorum
nichts davon erfahren haben1).
') Acta SS. Oct. Vf, 456. Die Geschichte selbst theile ich hier mit, da sie
nur kurz und meines Wissens ungedruckt ist; sie ist entnommen aus den Mün-
chener Handschriften Cod. lat. 4608. olim S. Emm. 108. fol. 216. und 9506. olim
Oberalt. 6. fol. 23. beide Saec. XII.
Qualiter autem Corpora sanctorum ad nos idest Augiam insutam delata sint,
paucis monstrabimus. Lotharius rex duos filios regni quod in partem stiam contra
fratres suos susceperat, moriens reliquit heredes, Hudovuicum scilicet et Lotharium.
Hudouvicum praeposuit Italiae et ei cohaerentibus provineiis, Lodharium parti quam
in Francia tenuit. Irruentibus autem in Campaniam Sarracenis, et non per paucos
annos ibidem cuncta vastantibus, praedictus rex ad ereptionem iam dictae provin-
ciae obviam Sarracenis perrrxit, exercitu undique contracto. Contigit autem, ut
cum domino suo quidam vassallus ex Alamannia nobiliter natus eidem exercitui
interesset, lilteris non mcdiocriter doctus, ingenio etiam subtilis et ad omne bonum
vivaciter strennuus. Ilic qurndam presbyterum inibi habuit hospitem, quem de
diversis rebus praedictus iuvenis sciscitatus est, maxime de reliquiis sanctorum, si
alicubi inveniri possent, quas suo iuri assciscere valeret. Annuit senior, et vo-
lunlati iuvenis paratissimus, indicavit ubi corpora beatorum marlyrum Fortunatae
virginis et fratrum illius, Carponii, Euagristi et Prisciani, in quadam permagna ec-
clesia essent rerondita, quam iam fratres ibi Christo servientes ob Sarraeenorum
infestam deserebant persecutionem ; tres tantum ibi iam pauperrimi effecti reman-
serant, ne sanctorum rehquiae sine custodia et obsequio canonicarum horarum exi-
sterent. Sequitur ergo iuvenis cum multitudine maxima praeeuntem monachum et
presbyterum usque ad loca sepulchrorum. Quae praemissa oratione aperientes in-
venerunt pulcherrimo roarmore subtus et supra dextra laevaque tumbas composi-
tas; reliquias sanctae virginis Fortunatae semotim in una, in altera autem lumba
simul fratrum eius sancta reppererunt corpora. Quae tollentes, cum timore et re-
verentia condiderunt in scriniis, et abierunt ad diversorium. Statimque postea ut
spacium habuit praedictus iuvenis, ipsa sanctorum corpora in Alamanniam ad Au-
giam direxit insulam, anno ab incarnatione domini dccc. lxx. iiii. indictione vii. anno
xxx. v. regni Iludovuici regis in orientali Francia. Sancti autem viri qui haerendo
excubiis sanctorum in praefata basilira ubi sepulta fuerant corpora sanctorum re-
manserant, ut viderunt aperiri sepulchra et sacras auferri reliquias, cruciabant se-
met ipsos fletibus, et niuiio eiulatu capiüosque suis de capitibus extrabentes, pe-
Reichenau. Rheinau. Weifsenau, Augsburg.
151
In Rheinau wurde gegen das Ende dieses Jahrhunderts das
Leben eines Schottenmönches, desh. Findan, aufgezeichnet (f878),
welches für das Treiben dieser fremden Pilger charakteristisch und
durch einige Stellen in irischer Sprache merkwürdig, übrigens aber
sehr fabelhaft und geschichtlich wenig bedeutend ist1). Fast überall
finden wir theils die ascetische, theils die formale Richtung vor-
herrschend in der Litteratur dieser Zeit, den historischen Sinn aber
noch wenig entwickelt.
Nur ein Weifsenauer Mönch setzte das früher erwähnte Bre-
vier Erchenberts fort durch eine kurze Uebersicht über die Theilun-
gen und Regentenfolge im karolingischen Reiche. Er schrieb bald
nach der Kaiserkrönung Karls des Dicken (881), von dem er, wie
die Alamannen überhaupt, mit grofser Verehrung spricht2).
Auch in der Bischofstadt Augsburg war ein gelehrter und
ausgezeichneter Bischof, Adalbero (887 — 910), der Erzieher Lud-
wigs des Kindes, ein vertrauter Freund der S. Galler Lehrer, und
vermuthlich derselbe, welchem Regino, der seiner mit grofsem Lobe
gedenkt, seine Chronik widmete; wir haben eine Biographie von ihm,
sie ist aber erst im zwölften Jahrhundert geschrieben und gewährt
uns keine Belehrung*).
§ 18. Baiern.
Baiem, wo schon unter den Agilolfingem eine rege litterarische
Thätigkeit begonnen hatte, zeigt auch in diesem Abschnitte Spuren
derselben, und es wird an geschichtlichen Aufzeichnungen in den
zahlreichen und blühenden Klöstern des Landes nicht gefehlt haben,
obgleich im Ganzen die Bedürfnisse des praktischen Lebens, der
Geschäftsthätigkeit und des Schulunterrichts die Kräfte überwiegend
in Anspruch nahmen. Doch ist in den Verheerungen des Landes
durch die Ungern ohne Zweifel vieles zu Grunde gegangen.
In Freising zeugen die zahlreichen grammatischen Hand-
schriften aus dem neunten und zehnten Jahrhundert4) von eifrigen
Studien. Nach Aribo, dessen wir schon früher gedachten, machte
ctoraque et ora pugnis ferientes, eatenus recedentes secuti sunt, quousque eursum
exinde recedere festinantium consequi non valuerunt
*) Mone, Quellensammlung S. 54; vgl. Rettberg II, 125. — Ueber die Vita
S. Reginswindis (-j- 837 in Laufen) Acta SS. Jul. IV, 90 — 96, und Meinradi
(-j- 861) Jan. II, 382, s. Stalin I, 238. 239. Beide sind späteren Ursprungs. Mein-
rad soü unter Haito Mönch in Reichenau geworden sein, wo er unterrichtet war.
Er liefe eine ihm anvertraute Schule im Stich, um in der Einsamkeit zu leben,
wo Räuber ihn erschlugen.
*) Mon. SS. II, 329. — ») S. Mon. SS. IV, 382.
*) Pez Thes. I, Praef. p. XXVII.
Digitized by Google
152 II. Karolinger. § 18. Baiern. § 19. Frankreich.
sich hier der Bischof Hitto (810 — 835) sehr verdient; er veranlafste
seinen Notar Cozroh, das höchst schätzbare Traditionsbuch der
Kirche anzulegen, welches dann von demselben unter seinem Nach-
folger Erchanbert (bis 853) fortgesetzt wurde l). Auch Waldo ( 884
bis 906) ein Bruder Salomons III von Konstanz zeichnete sich durch
seine wissenschaftliche Bildung aus, und scheint auch als Bischof
in dieser Richtung thätig gewesen zu sein3).
Von Regensburg entnahm Ludwig der Deutsche einen Cle-
riker, der des Schreibens und Lesens kundig war, für seine Kapelle*);
auch hier sammelte Anamod die Urkunden über Schenkungen an
das Kloster S. Emmerams und eignete das Werk dem Bischof Aspert
zu, welcher Kaiser Arnulfs Kanzler gewesen war. Hier verwahrte
man auch jene merkwürdige Aufzeichnung Uber die Gaue der Slaven,
welche aus einer Handschrift von S. Emmeram durch Hormayr zu-
erst bekannt gemacht ist*).
In Nieder- Altaich finden wir als Abt den Gozbald, wel-
cher 833 als Gesandter Ludwigs des Deutschen erwähnt wird, von
842 — 855 Bischof von Wirzburg ; ihn nennt Ermenrieh von Eiwangen
seinen Lehrer. Vielleicht in diesem Kloster, gewifs in Baiern, ist
die treffliche Fortsetzung der Fulder Annalen von 882 — 901 ge-
schrieben, welche schon oben erwähnt wurde.
In Eichstedt liefs B. Erchanbald (882 — 912) nicht nur viele
Bücher abschreiben, sondern er veranlafste auch den Priester Wolf-
hard, das Leben der h. Walpurga5) zu schreiben, der Schwester
Willibalds — eine der zahlreichen Aufzeichnungen solcher Art, welche
diese Zeit mit ihrer immer wachsenden Heiligenverehrung hervor-
brachte, weniger durch geschichtlichen Sinn als durch das Bedttrf-
nifs einer Legende veranlafst und mit Wundergeschichten überreich
ausgestattet. In ausgedehntestem Mafse sorgte aber Wolfhard für
die Befriedigung dieses Bedürfnisses durch das, ebenfalls auf Veran-
lassung des Bischofs Erchanbald von ihm gesammelte, schon früher
erwähnte grofse Legendarium.
Aus Salzburg endlich ist uns, aufser urkundlichen Aufzeich-
nungen und der Erzählung von der Uebertragung des h. Her-
*) Meicheib. Hist. Fris. 1,1,115. K. Roth, Kozroh’s Mönches zu Freising,
Renner über die ältesten Urkunden des Bisthums Freising. 1.2. Heft. 1854. 8. Vgl
dess. Beiträge. — 3) S. Dümmler, Formelbuch Salomons III, S. 154.
3) B. Pez Thes. 1,3, 199, wo p. 191 — 286 Anamods Codex Traditionum ge-
druckt ist.
*) Archiv f. östr. Gesch. 1827. S. 282. Boczek Cod. Dipl. Moraviae I, 67.
Zeufs, die Deutschen und ihre Narhbarstämme S. 600.
5) Acta SS. Feb. 111, 523. Mab. III, 2, 287. Vgl. den Anon. Haser. c. 3. 10.
Mon. SS. VII, 255. 256. Rettberg II, 359.
Digitized by Google
Freising. Regensburg. Eichstedt. Salzburg.
153
mes1) aus Rom vom J. 851, ein überaus ■werthvolles Denkmal er-
halten, eine Denkschrift, welche durch die Errichtung eines selb-
ständigen mährischen Erzbisthums veranlafst und 871 dem Könige
überreicht wurde. Die Verdienste und Berechtigungen der Salzburger
Kirche sollten darin dargestellt werden, und wie billig steht an der
Spitze das alte Leben des h. Rupert, welches wohl ohne Zweifel
schon in älterer Aufzeichnung vorhanden war. Die weitere Erzäh-
lung stützt sich durchweg auf Urkunden und andere Aufzeichnungen
der Kirche, es ist mehr eine rechtliche Deduction, als ein eigent-
liches Geschichtswerk , und weil der Verfasser sich streng auf das
beschränkt, was für seinen Zweck von Wichtigkeit war, anderes,
wie namentlich die ganze Wirksamkeit des Bonifaz, völlig mit Still-
schweigen übergeht, genügt die Schrift unseren Wünschen nicht, aber
was sie giebt, ist unschätzbar, und bei dem fast gänzlichen Mangel
anderer Quellen Uber die Verhältnisse dieser südöstlichen Lande, bei
dem Verlust der Annalen, von denen nur geringe Reste übrig ge-
glichen sind, ist jedes Wort des Verfassers von hohem Werthe
für uns2).
§ 19. Frankreich.
Der Vertrag von Verdun besiegelte die politische Theilung des
karolingischen Reiches, aber er zerstörte nicht die Gemeinsamkeit
der litterarischen Entwickelung. Diese beruhte, besonders in Deutsch-
land und Frankreich, Jahrhunderte lang ausschliefslich auf der Geist-
lichkeit, die von dem Gefühl erfüllt war eine grofse Corporation zu
bilden, deren Mitglieder in den verschiedenen Ländern sich sehr
häufig einander näher verbunden fühlten als mit den Laien ihres
Volkes. Dieses Gefühl der Gemeinschaft tritt auch in späterer Zeit
häufig aufserordentlich stark hervor; ganz besonders lebhaft aber
war es, so lange die Karolinger herrschten und die Erinnerung an
die Einheit des Kaiserreiches noch die Gemüther erfüllte. In der
Litteratur sind es jedoch die kirchlichen Fragen, in denen die Ge-
meinsamkeit der Bildung wie der Interessen sich vornehmlich zeigt;
die überaus reiche und bedeutende theologische Litteratur des neun-
ten Jahrhunderts läfst sich gar nicht getrennt behandeln. In der
historischen dagegen verhält es sich anders; diese wird naturgemäfs
*) Translatio S. Hermelis. Hansiz Germ. Sacr. II, 929.
2) Ausgabe von Waltenbach, Mon. SS. XI, 1 — 15. Vgl. Dess. Beiträge zur
Gescb. d. christl. Kirche in Mähren und Böhmen, Wien 1849. 8. Diimmler, die
pannonische Legende vom h. Method, im Archiv f. Kunde östr. Gesch. Quellen XIII.
Ginze), Gesch. d. Slawenapostel Cyrill u. Method, Leitm. 1857. Nicht unwichtig
sind auch die Versus de ordine comprovincialium episcoporum, zwischen 835 und
858 verfafst bei Mab. Anal. ed. II. p. 346.
ized by Googl
154
II. Karolinger. § 19. Frankreich.
von der politischen Trennung weit stärker berührt und sondert sich
rascher in verschiedene Zweige. Alles was die Localgeschichte be-
trifft, gewinnt nur noch in einzelnen Fällen Bedeutung für das
Nachbarland; die bedeutenderen Werke allgemeinerer Art aber dür-
fen nicht aufser Acht gelassen werden, und bei der engen Verbin-
dung der karolingischen Theilreiche finden wir in diesen immer auch
die Nachbarländer wenn nicht gleichmäfsig, so doch mit wenig ge-
ringerer Sorgfalt berücksichtigt, wie das eigene. Vor allem gilt das
von der Beichshistoriographie der Annalen. Wie die Fulder An-
nalen auch für Frankreich von Wichtigkeit sind, so die Bertinia-
ni sehen1) für Deutschland.
Einhards Annalen bilden für beide Reiche gleichmäfsig den
Ausgangspunkt; während man aber am ostfränkischen Hofe diese
Aufgabe erst nach einiger Zeit wieder aufnahm, trat im westlichen
Franken keine Unterbrechung ein, und wir finden schon in den Jah-
ren 830 bis 835 eine gleichzeitige Fortsetzung. Das Kloster S. Bertin
hat nur deshalb den Namen dazu hergegeben, weil diese Annalen
zuerst aus einer Handschrift desselben bekannt wurden; sie tragen
einen durchaus universellen Charakter und haften an keinem be-
stimmten Orte. Die weitere Fortsetzung bis zum Jahre 861 hat den
Prudentius*) zum Verfasser, einen Spanier, der am französischen
Hofe lebte und später (vor 817) Bischof von Troyes wurde. Der
Brief Hinkmars, welcher allein uns die Kunde von Prudentius Autor-
schaft erhalten hat, zeigt zugleich dafs die Urschrift des Werkes in
des Königs Händen war und bestätigt dadurch den officiellen Cha-
rakter desselben. Die Fortsetzung aber hat dann Hink mar selber
übernommen, der Erzbischof von Keims und der bedeutendste Staats-
mann im Reiche Karls des Kahlen; er hat sie bis zum Jahre 882,
dem Jahre seines Todes fortgeführt3). Niemand wird bezweifeln,
von wie hohem Werthe für die Geschichte die ausführlichen und
sorgfältigen Aufzeichnungen eines Mannes sind, der selber eine so
hervorragende Stellung einnahm; aber eben so einleuchtend ist es
auch, dafs an eine unbefangene Darstellung der Zeitereignisse hier
nicht zu denken ist. Zu doppelter Vorsicht aber mufs uns veran-
l) Annales Bertiniani ed. Prrtz. Mon. SS. 1,419 — 515. Vgl. II, 193 die Va-
rianten der Brüsseler Handschrift. Bähr S. 167. — *) Bähr S. 453 — 456.
8) Ueber ihn Bähr S. 507 — 523. Opera neu abgedr. bei Migne Vol. CXXV.
CXXVI. Pritchard, the Life and Times of Hinrmar. Liltlemore 1849. 8. Auch
seine übrigen Schriften sind zum Theil von bedeutender Wichtigkeit für die Ge-
schichte der Zeit; die für Karlmann geschriebene Darstellung von Karls des Grofscn
Regierungsweise nach Adalhard, ist schon oben S. 137 erwähnt. Als Verfasser
der Annalen nennt ihn Richer im Prolog seiner Geschichte.
Digitized by Googl
Ann, Bertiniani, Vedastini. Abbo.
155
lassen, dafs sieh Hinkmar zur Entstellung der Geschichte auch vor
Fälschungen nicht gescheut hat, -wie ihm das von P. Roth in seiner
Geschichte des Beneficialwesens nachgewiesen ist
Mit Hinkmars Tode versiegte in Frankreich noch früher wie in
Deutschland diese Art der Geschichtschreibung, wie denn auch der
Verfall des Reiches hier noch rascher und unaufhaltsamer eintrat
Allein in ganz ähnlicher Weise wie wir in Deutschland neben
den Reichsannalen die Jahrbücher von Xanten finden, wie auch nach
dem Uebergange der amtlichen Geschichtschreibung an die Baiern
die Jahrbücher von Fulda unabhängig aus freiem Antriebe weiter
fortgesetzt wurden, so stehen auch in Frankreich den Annalen Hink-
mars die Jahrbücher von S. Vaast1) bei Arras zur Seite. Sie rei-
chen von 874 bis 900; vielleicht ist aber was uns vorliegt nur ein
Bruchstück. Auf das Kloster des h. Vedast weisen mehrere Stellen
hin, aber die Absicht des Verfassers war, die Geschichte des west-
fränkischen Reiches zu schreiben ; die Darstellung ist ausführlich und
umfassend, nnd dabei frei von den Rücksichten, welche in den Ber-
tinianischen Annalen unverkennbar sind. Wie in Deutschland die
Xantener Annalen, bo blieben auch hier die Vedastiner fast unbekannt;
in Reims wufste man nichts von ihnen, als Richer seine Geschichte
schrieb, und wir haben ihre Erhaltung als einen besonderen Glttcks-
fall zu betrachten.
So finden wir also auch in Frankreich diese Art der gleich-
zeitigen Geschichtschreibung bedeutend entwickelt, bis sie durch den
Verfall des Reiches erstickt wird. Von Aufzeichnungen anderer Art
ist nur noch die poetische Behandlung der Belagerung der Stadt
Paris durch die Normannen vom Nov. 885 bis Jan. 887 zu erwäh-
nen, verfafst von Abbo’), einem Mönche von S. Germain bei Paris,
zur Verherrlichung seines Heiligen ; schätzbar durch ihren Inhalt, da
der Dichter diese Ereignisse selbst mit durchlebt hatte, aber kaum
als Geschichtswerk zu rechnen. Im Allgemeinen Uberwog in Frank-
reich noch mehr wie in Deutschland die Richtung auf theologische
nnd philosophische Gelehrsamkeit; die kirchlichen Fragen beschäf-
tigten die Geister im höchsten Grade und die wissenschaftliche Thä-
tigkeit, welche Karl der Kahle bei aller Schwäche seiner Regierung
lebhaft begünstigte, kam der Geschichte wenig zu Gute. Denn die
Ueberarbeitung oder auch neue Aufzeichnung älterer Heiligenleben,
*) Annales Vedastini ed. Pertz, Mon. SS. I, 516 — 531, und nach Auffindung
der Brüsseler Handschrift in verbessertem Abdruck II, 196 — 209. Vgl. Dümmler
de Arnulfo rege p. 176.
*) Abbonis de bellis Parisiacae urbis libri III ed. Perlz, Mon. SS. II, 806 — 839.
Bähr S. 123.
Digitized by Google
156
□. Karolinger. § 20. Italien.
welche auch hier vielfach vorkommt, hatte mehr einen liturgischen
Zweck; die Form ist die Hauptsache dabei und von ernstlicher ge-
schichtlicher Forschung nicht die Rede.
§ 20. Italien.
W. Giesebrecht, De litorarum «tudiU »pud Italoe. 1854. 4.
In auffallendem Gegensätze gegen die beiden fränkischen Reiche
steht Italien. Hier war die Geistlichkeit unberührt von der Boni-
fezischen Reform; ihr fehlte der wissenschaftliche Sinn, welcher vor-
nehmlich von den Angelsachsen ausgehend die fränkische Kirche
durchdrungen hatte, und an den theologischen Fragen, die dort im
neunten Jahrhundert so eifrig erörtert wurden, nimmt sie keinen
Antheil. Eben so wenig übt der königliche Hof hier eine bedeu-
tende Einwirkung, und niemand machte auch nur den Versuch, die
Reiehsgeschichte in zusammenhängender Darstellung für die Nach-
welt aufzuzeichnen. Weit bedeutender tritt der römische Hof hervor,
wo die amtlichen Aufzeichnungen über die Thätigkeit der einzelnen
Päpste, deren wir schon früher gedachten, immer fortgesetzt1), und
gerade in diesem Jahrhundert ausführlicher und reicher wurden, so
dafs sie sich mit den Reichsannalen vergleichen lassen. In Bezug
auf die Darstellung und historische Kunst stehen sie aber weit da-
gegen zurück; es scheint den Verfassern ein solches Bestreben ganz
fern gelegen zu haben. Der Bibliothekar Anastasius, dem man
früher das ganze Werk zuschrieb, ein gelehrter Mann, der verschie-
dene Werke aus dem Griechischen übersetzt hat, ist vielleicht der
Verfasser des Lebens Nikolaus I, jenes gewaltigen Papstes, der den
schwachen Karolingern gegenüber die Weltherrschaft des römischen
Stuhles schon dem Ziele nahe führte. Es war nicht der Vorrang
wissenschaftlicher Bildung, worauf der Primat des h. Petrus sich
gründete; die grammatischen Studien betrachtete man in Rom wegen
ihrer heidnischen Antecedentien und der Beschäftigung mit den heid-
nischen Schriftstellern stets mit Abneigung, und völlig bewufst ver-
achtete man die feinere litterarische Bildung. Es giebt nichts Cha-
rakteristischeres dafür, wie die Worte des päpstlichen Legaten Leo,
mit denen er im J. 991 der gallischen Kirche entgegentrat. Diese
hatten durch Gerbert ausgesprochen, es sei in Rom niemand der
eine litterarische Bildung empfangen habe und folglich auch niemand
der nach den kanonischen Vorschriften auch nur die Weihe zum
Thürhüter erhalten dürfe. Leo erklärt das kurzweg für Ketzerei;
*) Liber pontifiralis oder Gesta Pontificum Romanorum, edd. Blanchinus et
Vignolius 1718-1735 fol. Murat. SS. III. Bähr S. 261—271.
Digitized by Google
Papstgeschichte. Montecasino. J 57
auch Petrus habe Bich um das Vieh von Philosophen nicht beküm-
mert und sei doch Pförtner des Himmels geworden1).
Die nachtheiligen Folgen einer solchen Auffassung konnten nicht
ausbleiben ; aber andererseits bewahrte man auch hier, während man
sich nie durch ideale Bestrebungen von den praktischen Zwecken
ablenken liefs, eine aufserordentliche Sicherheit in der Behandlung
der kirchlich -politischen Angelegenheiten, und der Geschäftstil der
Curie gewann eine ungemeine Ausbildung und Festigkeit. Die Briefe
der Päpste geben davon Zeugnifs, und die erhaltenen gröfseren Samm-
lungen aus den Zeiten Nikolaus I und Johanns VHI sind in ihrer
Art wahrhaft bewunderungswürdig. Davon erhielt sich auch später
bei zunehmender Barbarei die Tradition, obgleich mit dem Ende des
neunten Jahrhunderts die Einwirkung des päpstlichen Hofes auf die
Kirche diesseit der Alpen fast ganz verschwand, und wie hier die
Annalen, so verstummten auch in Rom die Papstleben mit dem
Jahre 891. In der nächstfolgenden Zeit veranlafsten noch die Strei-
tigkeiten Uber die Besetzung des päpstlichen Stuhles und die Ge-
schicke des Papstes Formosus die höchst merkwürdigen Streitschriften
des Priesters Auxiliua a); dann aber versinkt hier, während die
Factionen der römischen Grofsen Uber den Stuhl Petri streiten, alles
in Schweigen, und für lange Zeit geht keine Erscheinung der Litte-
ratur von Rom aus.
Die blühendsten Klöster Italiens erlagen alle gegen das Ende
dieses Jahrhunderts den Sarazenen oder verkamen durch die inneren
Kriege und die allgemeine Unsicherheit und Verwilderung; bis dahin
finden wir auch in ihnen einige Pflege der Wissenschaft, welche sich
jedoch mit der litterarischen Bedeutung der transalpinischen Klöster
nicht vergleichen läfst. In dem Mutterkloster Montecasino wurden
im J. 872 einige Nachrichten Uber die Geschichte des Klosters und
der Fürsten von Benevent aufgezeichnet, welche materiell für uns
sehr wichtig sind, aber die Form ist in hohem Grade roh und man-
gelhaft8). Im J. 883 wurde, wie schon früher S. Vincenz am Volturno,
*) Et quia vicarii Petri et eius discipuli nolunt habere magislrum Platonem
neque Virgilium neque Terentium neque ceteros pecudes philosophorum , qui vo-
iando superbe ut avis aerem et emergentes in profundum ut pisces rnare, et ut
pecora gradientes terram descripserunt : dicilis eos nec hostiarios debere esse, quia
tali carmine imbuti non sunt. Pro qua re sciatis eos esse mcntitos, qui talia
dixerunt. Nam Petrus non novit talia, et hostiarius coeli effectus est. Mon. SS. III, 687.
a) Bähr S. 530. Dümmler de Arnulfo p. 101.
*) Chronica de Monasterio Sanctissimi Benedicti ed. Pertz, Mon. SS. III, 198.
Chron. Casinense ib. 222; vgl. Bethmann im Archiv X, 389 — 395; daselbst ist auch
von den Übrigen GeschichlsqueOen des langobardischen Italiens aus dieser Zeit
Nachricht gegeben.
Digitized by Google
158
Q. Karolinger. § 20. Italien.
so auch M. Casino von den Sarazenen verwüstet, und die Casinesen
flüchteten nach Capua; hier schrieb Erchempert eine Geschichte
der langobardischen Fürsten von Benevent l), an das Werk das Paulus
Diakonus anknüpfend, bis zum J. 889. In schlichter und zuverlässi-
ger Erzählung berichtet er von den Schicksalen dieser Lande, von
den Kriegen, durch welche sie verheert wurden, und den Verwüstun-
gen der Sarazenen; sein eigenes Urtheil Uber die Anstifter des Uebels
hält er nicht zurück, sondern spricht es häufig mit biblischen Worten
aus. Die feinere karolingische Bildung ist ihm fremd, aber seine
Sprache ist doch weit reiner, wie wir sie sonst bei den Italienern
dieser Zeit zu Anden gewohnt sind, und sein Werk zeichnet sich da-
her sehr vortheilhaft aus.
Im mittleren Italien war im Anfänge des neunten Jahrhunderts
das KloBter Farfa in blühendem Zustande, bis auch hier die Sara-
zenen alles wüste legten. Merkwürdiger Weise waren hier schon im
achten Jahrhundert immer fränkische Aebte. Für das gute Gedeihen"
der klösterlichen Zucht und der Schule spricht die reine Sprache,
in welcher die Geschichte der Gründung des Stiftes und seiner Aebte
bis zum Jahre 857 aufgezeichnet ista).
Ganz aufserordentlich barbarisch dagegen und an die Werke
des achten Jahrhunderts erinnernd ist die Langobardengeschichte des
Priesters Andreas von Bergamo, welcher um 877 einen Auszug
aus der Geschichte des Paulus Diakonus machte und ihn bis auf
seine Zeit fortsetzte *). Und dieses ist fast das einzige litterarische
Erzeugnifs der Lombardei im neunten Jahrhundert, da Claudius von
Turin und Dungal als Ausländer nicht zu rechnen sind4).
Die Itavennater Bisthumsgeschichte von Agnellus gegen die
Mitte des neunten Jahrhunderts verfafst6), und des Diakon Johannes
Chronik der Bischöfe von Neapel6) bis 872 sind auch nicht eben
*) Hystoriola Langobardorum Beneventum degentium ed. Pertz. Mon. SS. 111,
240 — 264. Vgl. Bcthmann S. 374.
*) Construclio Farfeusis, ed. Belhmann. Mon. SS. XI, 520 — 530.
s) Andrcae presb. Bergomatis Chronicon , eigentlich Adbreviatio de gestis
Langobardorum, ed. Pertz, Mon. SS. III 231. Belhmann S. 367 ergänzt den Anfang.
4) Ebenso wenig kann man das sog. Chronicon Brixiense, oder wenigstens
was uns davon erhalten ist, zu den Geschichtswerken rechnen. Mon. SS. 111,238;
vgl. Belhmann S. 401.
s) Murat. SS. II, 1 — 187. Bähr S. 220. Schwülstiger Bombast wechselt
mit treuherzig einfältiger Erzählung; Solöcismen fehlen nirgends. Der Inhalt liegt
der deutschen Geschichte fern, doch sind über Kaiser Karl und seine Nachfolger,
besonders über die Schlacht von Fontenaille, einige merkwürdige und wichtige
Stellen. Für die frühere Zeit benutzte Agnellus aufser vielen Inschriften und der
Langobardengescbichte des Paulus auch eine sonst unbekannte Chronik des Bischöfe
Maximian von Ravenna, eines Zeitgenossen des Kaisers Justinian.
6) Murat. SS. I, 2, 291. Bähr S. 271.
Digitized by Google
Farfa. Andreas Bergomas. Panegyrieus Berengarii. 159
geeignet, die litterarische Bildung der italienischen Geistlichkeit in
günstigerem Lichte erscheinen zu lassen.
Es würde aber ein grofser Irrthum sein, wenn man hiernach
den allgemeinen Standpunkt der Bildung in Italien beurtheilen wollte.
Aus Verona z. B. besitzen wir ein langes Gedicht zum Preise des
Bischofs Adalhard in sapphischem Versmafse, aus dem Ende des
neunten Jahrhunderts, dessen Correetheit in Erstaunen setzt1). Und
im überraschendsten Gegensätze zu der Barbarei eines Andreas von
Bergamo tritt uns aus dem Anfänge des zehnten Jahrhunderts (zwi-
schen 916 und 924) ein Werk entgegen, welches in Rücksicht der
Form den meisten karolingischen Productionen ebenbürtig zur Seite
steht, nämlich das Lobgedicht auf den Kaiser Berengar3),
dessen ungenannter Verfasser die Sprache nicht ohne Gewandheit be-
handelt und regelrechte Hexameter ohne Anstofs zu fertigen verstand.
Andere freilich finden sich darunter, welche holperig genug sind, und
gesuchte Ausdrücke, verkünstelte Constructionen verdunkeln nicht
selten den Sinn. Der Unterschied ist nicht schwer zu bemerken,
wenn plötzlich der melodische Wohllaut Virgils oder die kunstvollen
Verse des Statins sich vernehmen lassen. Das sind fremde Federn,
mit denen der Autor sich geschmückt hat; Bilder und einzelne Schlacht-
scenen machte er sich auf solche Weise zu eigen.
Die Thaten und Schicksale Berengars, seine Kämpfe um die
Krone Italiens sind es, welche er schildert, und allem Anschein nach
schrieb er bald nach der Kaiserkrönung seines Helden (24. März 916).
Er war also ein Zeitgenosse, und sein Werk ist in manchen Einzel-
heiten nicht ohne geschichtlichen Werth. Doch ist er zu sehr Lob-
redner und zu ungenau, um als eigentliche Geschichtsquelle gelten
zu können. Die Verhältnisse sind nicht ohne Geschick, aber mit
arger Entstellung so gewandt, dafs Berengar als der allein berech-
tigte und legitime Herrscher erscheint. Es ist merkwürdig, dafs,
während thatsächlich die Gewalt allein den Ausschlag gab, doch
nachträglich man ängstlich bemüht war, vor der Welt den Anschein
einer formellen Berechtigung zu gewinnen. Wir haben Aehnliches
schon in Bezug auf die Karolinger gesehen und werden es in noch
auffallenderer Weise bei den Magyaren wiederfinden.
In der Form der Darstellung schliefst sich der Panegyrist durch-
aus den alten heidnischen Mustern an, so gut er es vermochte. Er
') Lei Baronius ed. Luc. XV, 480.
2) Panegyrieus Berengarii, ed. Valesius, cum Adalbcronis ep. Laudun. carmine
ad Rotbertum regem, Paris. 1663.8. Leibn. I, 235. .Mural. II, 371. ßouq. V1H, 106.
Pertz, Mon. SS. IV, 189 — 210. Vgl. Dümmler de Arnulfo p. 176. Bähr S. 129.
Digitized by Google
160
11. Karolinger. § 20. Italien.
zeigt die genaueste Bekanntschaft mit Virgil, Statius und Juvenal
und hat unverkennbar eine gute grammatische Schule durchgemacht.
Auch stand er mit diesen Kenntnissen und dieser Kunst keineswegs
vereinzelt da: Niemand, sagt er, sich selbst anredend, kümmert sich
jetzt um deine Verse; dergleichen wissen die Leute auf dem Lande
wie in der Stadt zu machen.
Ob der Verfasser ein Geistlicher oder ein Laie war, geht aus
seinem Werke nicht hervor; auf jeden Fall aber verdankt er seine
Bildung nicht der Kirche, sondern jenen einzeln stehenden Gram-
matikern, deren Wirksamkeit in Italien niemals aufgehört hat. Es
ist W. Giesebrechta Verdienst, zum ersten Male nachgewiesen zu
haben, dafs diese Schulen in Italien immer fortbestanden haben und
unter den Laien einen Grad der Bildung verbreiteten, den man
diesseit der Alpen nicht kannte, ln Italien, sagt Wipo im elften
Jahrhundert, geht die ganze Jugend ordentlich zur Schule, und nur
in Deutschland hält man es für überflüssig oder unanständig, einen
Knaben unterrichten zu lassen, wenn er nicht zum geistlichen Stande
bestimmt ist. Der italienische Laie las seinen Virgil und Horaz,
aber er schrieb keine Bücher, während die Geistlichkeit theils in
Rohheit versank, theils zu sehr in den politischen Händeln befangen
war, um an den wissenschaftlichen Bestrebungen der Zeit Theil zu
nehmen. Daraus erklärt sich der Mangel litterarischer Productivität
und die Dürftigkeit der vorhandenen Litteratur, während anderer-
seits bei jenem Panegyristen und etwas später bei Liudprand plötzlich
eine überraschende Fülle klassischer Gelehrsamkeit und grofse Ge-
wandheit im Ausdruck hervortritt, namentlich im Versificiren, welches
ein Hauptgegenstand der Schulbildung war. Denn einzelne vom
geistlichen Stande naschten auch von jener verbotenen Frucht; im
allgemeinen aber stand der Clerus in Opposition zu diesem Treiben,
in dem er nicht mit Unrecht ein heidnisches Element erkannte. Die
Wissenschaft war hier nicht in den Dienst der Kirche genommen;
sie behauptete einen unabhängigen Standpunkt, war aber fast aus-
schliefslicli formaler Natur und darum wesentlich unproductiv.
Digitized by Google
m. DIE ZEIT DER OTTONEN.
Von Heinrich I bis zum Tode Heinrichs n, 919 — 1024.
§ 1. Allgemeines.
Contzen, die Geschichtschreiber der s&chs. Kaiserzeit. Regensb. 1837. 8. Entstellt
durch Benutzung der falschen Korveier Chronik, und durch die neuen Ausgaben der
Quellen fast ganz unbrauchbar gemacht. — Stilin Wirt. Gesell. I, 419 — 426. L. Giese-
brecht, Wendische Geschichten III, 294 — 307. Waitz, über die Entwickelung der
deutschen Historiographie im Mittelalter, in Schmidts Zeitschrift f. Geschichte II, 97
bis 103. — W. Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit I, 739 — 756. II,
517 — 521.
Mit dem Jahre 905 endigt Reginos Chronik, zwei Jahre bevor Her-
zog Liutpold mit der Blüthe des bairischen Volkstammes von den
Ungern erschlagen wurde. Ein schwaches Kind safs auf dem Throne
und vermochte nicht das Reich zu schirmen. Es hatte den Anschein,
als ob die ganze von Karl dem Grofsen neu gepflanzte Kultur be-
reits dahin sinken sollte. Ein Stift nach dem anderen wurde den
Normannen zur Beute, und was übrig blieb, rissen die räuberischen
Grofsen an sich, die in ihren gegenseitigen Fehden verheerten, was
dem äufseren Feinde noch entgangen war. Die Sitze der Bildung
und Gelehrsamkeit verstummten; auch wenn sie der gänzlichen Ver-
ödung entgingen, liefs doch die nagende Sorge um die stets gefähr-
dete Existenz keine wissenschaftliche Thätigkeit aufkommen.
Schlimmer noch, wie in Deutschland, sah es in den Nachbar-
ländern aus; die Normannen, aus Sachsen zurückgeschlagen, hausten
in Frankreich und Lothringen ohne Widerstand zu finden, während
der Süden von sarazenischen Seeräubern verheert wurde. Die Bre-
tonen und WaBkonen schüttelten das fränkische Joch ab, und die
Ungern streiften auf ihren leichten Rossen bis an den Ocean. In
Italien begegneten spanische und afrikanische Sarazenen den Ungern,
und die innere Zwietracht war in beiden Ländern noch ärger, wie
in Deutschland.
Allein die Keime, welche einst Karl der Grofse gelegt hatte,
waren bereits so stark und kräftig geworden und hatten so tiefe
Wurzeln geschlagen, dafs sie auch diese Feuerprobe überdauerten.
11
Digitized by Google
162
III. Ottonen. § 1. Allgemeines.
Wie einst von Anstrasien, so ging jetzt von Sachsen die Ret-
tung aus. Hier hatte man zuerst sich ermannt und unter den Lu-
dolfingern in festem Zusammenhalten die Kraft gefunden, der Feinde
Herr zu werden. Reginbern, aus Widukinds Stamm, der Bruder der
Königin Mahthild, schlug die Dänen so, dafs sie nicht wiederkamen.
Die Wenden, welche die Ostgrenze bedrängten, wurden zurlick-
geworfen. Heinrich I stellte, wie einst Karl Märtel und Pippin,
das Reich her und wies die Ungern zurück; was er begonnen, voll-
endete sein Nachfolger, bis er die inneren und äufseren Feinde be-
zwungen hatte. In dieser eisernen Zeit war noch für die Feder
kein Raum, aber nach dem Siege konnte Otto an die Herstellung
der geistigen Bildung denken. Da sehen wir überall die verödeten
Klöster aus der Asche erstehen, sie werden den Händen der Laien-
äbte entrissen und ihrer Bestimmung wiedergegeben. Bald regt sich
in ihnen, zunächst in denen, welche von den Stürmen dieser Zeit
weniger gelitten hatten, von neuem wissenschaftliche Thätigkeit.
Wie Karl, schätzte auch Otto die Wissenschaften, ohne selbst
eine gelehrte Bildung erhalten zu haben; seine Erziehung war krie-
gerisch gewesen, und erst spät, nach dem Tode der Königin Edid
(26. Jan. 946), lernte er lateinische Bücher lesen und verstehen1);
reden konnte er die Sprache der Gelehrten nicht2). Auf der Synode
zu Ingelheim 948 wurden der Könige wegen die päpstlichen Schreiben
in deutscher Sprache verlesen *) , und auch in seinem Alter liefs er
sich einen lateinisch geschriebenen Brief von seinem Sohne Otto H
übersetzen4).
Wie Karl, suchte auch Otto gelehrte Ausländer ins Land zu
ziehen. So bemühte er sich lange vergeblich, den Gunzo von No-
vara, einen jener italischen Grammatiker, nach Deutschland zu be-
kommen, bis es ihm zuletzt bei seiner persönlichen Anwesenheit ge-
lang, ihn zu gewinnen6). An hundert Bücher behauptet Gunzo
mitgebracht zu haben, darunter Schriften von Plato und Aristoteles;
er verstand auch griechisch. Dennoch geschah es ihm zuweilen,
durch das Italienische verleitet, dafs er die Casus verwechselte6),
und deshalb wurde er in S. Gallen mit einem Spottliede verhöhnt,
>) Widuk. II, 36. — 2) Liudpr. Hist. Ott 11.
8) Flodoard h. a. Mon. SS. III, 396.
4) Casus S. Galli Mon. SS. II, 139. Einen anderen übersetzt die Kaiserin Adal-
heid, nam litteratissima erat; ib. p. 146.
6) So erzählt Gunzo selbst in seiner Epistola ad Augienses fratres bei Martene
Coli. I, 294. Da er Otto nur König nennt, mufs sein erster Zug nach Italien ge-
meint sein. Gatterer hat eine Commentatio de Gunzone Italo geschrieben.
6) Falso putavit S. Galli monachus me rrmotum a scientia grammaticae artis,
licet aliquando retarder usu nostrae vulgaris linguae quae latinitati vicina est
Digitized by Google
Aufleben der Studien. Fremde Gelehrte.
163
denn er hatte statt eines Ablativs einen Accusativ gesetzt. Dagegen
rechtfertigte sich nun Gunzo in einem sehr langen und sehr pedan-
tischen Briefe an die Mönche von Reichenau, in welchem er seine
ganze gelehrte Schulweisheit zur Schau stellt.
Einen anderen dieser Grammatiker, Namens Stephan, hatte
Bischof Poppo von Wtirzburg (941 — 961) aus Italien berufen, und
der Ruf seiner Vorträge Uber Marcianus Capella zog Othlon aus
Reichenau nach WUrzburg1).
Die politischen Verwickelungen führten auch die gelehrten Bi-
schöfe Rath er von Verona und Liudprand von Cremona an Ottos
Hof, wo sie gute Aufnahme fanden, und auch Gerbert wurde von
Papst Johann XIII im J. 971 zum Kaiser gesandt, verweilte aber da-
mals nur kurze Zeit am Hofe, weil er vorher noch im Reims seine
philosophische Ausbildung zu vollenden wünschte2).
Gern gesehen an Ottos Hofe war Ekkehard von S. Gallen,
den man deshalb im Kloster den Höfling (palatinus) nannte; er war
der Lehrer Ottos H 3). Dieser hatte einen vollständigen wissen-
schaftlichen Unterricht erhalten ; er liebte und beförderte die Wissen-
schaften und nahm lebhaften Antheil an den gelehrten Problemen,
welche damals die Menschen beschäftigten4). Roswitha feiert ihn
als einen zweiten Salomo. Er zog den Gerbert wieder an sich,
und noch ist uns die Disputation erhalten, welche dieser 980 vor
dem Kaiser zu Ravenna hielt gegen den berühmten Magdeburger
Lehrer Otrich, den Otto ebenfalls an seinen Hof berufen hatte6).
Auch der Abt Adso von Montier -en- Der, einer der berühmtesten
Gelehrten Frankreichs, war dabei zugegen, nebst einer grofsen Menge
von Scholastern oder Grammatikern. Auch von S. Wolfgang wird
uns berichtet, dafs er vor diesem Kaiser gegen einen Ketzer dis-
putirte.
Kurz vor dem Tode des alten Kaisers, im Jahre 972, besuchten
Vater und Sohn das Kloster S. Gallen. Der Vater fragte nach dem
alten Notker, dem gelehrten Maler und Arzte, mit dem Beinamen
Pfefferkorn; schwach und erblindet safs er auf einem Sessel. Auf
das Geheifs des Vaters führte der junge Kaiser ihn herbei, und
der Alte leitete ihn nach zärtlicher Umarmung sorgsam ins Kloster
*) V. Wolfkangi c, 5. Ein grofses Lobgedicht auf die Würzburger Schule,
gegen einen mifsgiinstigen Wormser gerichtet, aus Fromunds Sammlung, ist ge-
druckt bei Pez Thes. Anecd. VI, 1, 189 — 199.
s) Richer 11, 44. 45. Vgl. Büdinger über Gerbert S. 44.
») Casus S. Galli p. 126. — 4) Richer III, 67.
6) Richer III, 55 ff. Vgl. Büdinger S. 52 ff.
11 *
Digitized by Google
104
III. Gttonen. § 1. Allgemeine».
und setzte ihn an seine Seite. Otto II aber liefs sich nun hier die
Bibliothek öffnen und nahm, von den reichen Schätzen derselben
gelockt, eine Anzahl der besten Bücher mit sich fort; einige gab er
auf Ekkehards Bitte später zurück1).
Otto III endlich wurde von seiner Mutter Theophano, von dem
Kalabresen Johannes und Bernward von Hildesheim auf das Sorg-
fältigste erzogen2), und sein wissenschaftlicher Verkehr mit Gerbert
ist weltbekannt; wie es nur zu leicht geschah, wendeten ihn diese
ganz auf fremdländischen Grundlagen beruhenden Studien vom vater-
ländischen Wesen ab, und störten die harmonische Entwickelung
seines Geistes.
Auch Heinrich II hatte von S. Wolfgang und später in Hildes-
heim eine gelehrte Erziehung erhalten und besafs die litterarische
Bildung des Klerus jener Zeit5); wissenschaftliche Thätigkeit förderte
er nicht unmittelbar, aber seine Bestrebungen für die Reform ver-
wilderter Klöster kamen auch den Schulen zu Gute, wovon nament-
lich die Geschichte des Bischofs Godehard von Hildesheim ein Bei-
spiel giebt.
Bei den Frauen fand man im früheren Mittelalter weit eher
als bei den Männern aus dem Laienstande die Anfänge einer ge-
lehrten Bildung, die schwierige Kunst des Lesens und Schreibens,
nebst einer Kenntnifs der allgemeinen Schriftsprache, welche zum
Verständnifs des Psalters ausreichte. Leicht knüpfte sich mehr daran,
und auch der Einflufs, welchen Geistliche über weibliche Gemüther
so leicht erlangen, begünstigte ihre Beschäftigung mit dem besonde-
ren Erbtheile dieses Standes, den Büchern. Die Frömmigkeit der
Königinnen Mahthild und E di d ist bekannt; Adalheid aber, die
Burgunderin, und Theophano, die Griechin, zeichneten sich durch
eine in Deutschland seltene litterarische Bildung aus, die sich auch
in der sorgsamen Erziehung ihrer Kinder erkennen läfst. Ganz be-
sonders wird uns die hohe Bildung der schönen Herzogin Hedwig
von Schwaben gerühmt, der Tochter von Ottos des Grofsen Bruder
Heinrich von Baiern. Anfangs zur Braut eines griechischen Kaisers
bestimmt, wurde sie durch Kämmerlinge, welche dieser eigens des-
halb gesandt hatte, im Griechischen unterrichtet; aber sie zerrifs
diese Verbindung, welche ihr mifsfiel.
Später mit Herzog Burehard vermählt und früh (973) verwittwet,
>) Casus S. Galli, Mon. SS. II, 147.
2) Giesebrerht Kaiserzeit I, 636. Lüntzel, Bernward S. 14.
5) Vgl. die Versus Gudini de niorte Constantii scholastici Luxoviensis: Hein-
rtcus in Romano residens palatio et arrana sapientum comprobans ingenio dolet
nusquam inveniri siuiilem Constantio. Mab. Anal. p. 217. Dumcril p. 280.
Digitized by Googl
Bildung der Frauen. Erzbischof Brun.
165
beherrschte sie Schwaben mit männlicher Festigkeit, ja mit Härte,
und ihre wechselnden Launen waren sehr gefürchtet. Ihre liebste
Beschäftigung aber auf ihrer Feste Hohentwiel bestand darin, mit
dem S. Galler Mönche Ekkehard, den sie sich dazu vom Abte aus-
gebeten hatte, die alten lateinischen Dichter zu lesen. Den jungen
Burchard, der später Abt wurde, lehrte sie selbst griechisch und be-
schenkte ihn zum Abschied mit einem Horaz1).
Ihre Schwester Gerbirg, die Aebtissin von Gandersheim, war,
80 sagt Roswitha, wie es der Nichte des Kaisers gebührte, von hö-
herer wissenschaftlicher Bildung und unterwies mich in den Autoren,
welche zuvor die gelehrtesten Meister mit ihr gelesen hatten1).
Späterhin betrachtete man die feine Bildung der vornehmen
Frauen als einen besonderen Vorzug dieses Zeitalters8).
Finden wir also in dieser Weise das Ottonische Kaiserhaus
wissenschaftlicher Bildung geneigt, so überstrahlt doch alle, sowohl
durch seine eigene gründliche Gelehrsamkeit, wie durch seine frucht-
reiche Thätigkeit für Kirche und Schule der grofse Erzbischof Brun,
Ottos des Grofsen jüngster Bruder4).
Nachdem er in Utrecht unter der Aufsicht des Bischofs Balde-
rich erwachsen war und hier die erste grammatische Bildung erhal-
ten hatte, wurde er noch in früher Jugend (940) zum Kanzler und
Erzkaplan erhoben, und bald lag in seinen Händen fast die ganze
Verwaltung des Reiches, deren Fäden in der königlichen Kanzlei
zusammenliefen, vor allem aber die Leitung der kirchlichen Angele-
genheiten. Mit Geschäften aller Art überhäuft, fand er doch noch
Zeit für seine geliebten Bücher, die ihn überall hin begleiteten, für
den wissenschaftlichen Verkehr mit den Meistern der Wissenschaft,
die, wie Ruotger sagt, von allen Enden der Welt sich hier zusammen-
fanden. Ratherius, Liudprand, der Spanier Recemund, Bischof von
Elvira, wurden durch politische Ereignisse diesem Kreise zugeführt,
nahmen aber während ihres Aufenthaltes daselbst ebenfalls an den
wissenschaftlichen Bestrebungen Theil. Die Anwesenheit gelehrter
Griechen benutzte Brun, um von ihnen, deren Sprache ihm schon
») Casus S. Galli Mon. SS. II, 122—126.
*) Gerberga, cuius nunc subdor dominio abbatiae, aetate minor sed ut impe-
rialem decebat neptem, scienlia provecüor, aliquot auctores quos ipsa prior a sa-
pientissimis didicit, me admodum erudivit. Praef. ad vitam b. Mariae.
3) Im Chron. Gozec. 1,2 (Mon. SS. X, 142) heifst es von der Agnes von Wei-
mar, Gemahlin des 1036 verstorbenen Pfalzgrafen Friderich von Sachsen: mor«
antiquorum tarn litteris quam diversarum artium disciplinis apud Quidelingeburg
pulrhre fuit instructa.
4) S. über ihn und seine Wirksamkeit W. Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit
1,301-307, vgl. 772; 379. 380 ; 408-416, vgl. 780. Vogel, Ratherius I, 156 ff.
Digitized by Google
166 III. Otlonen. § 1. Allgemeines. § 2. Sachsen.
vertraut war, zu lernen; besonders aber verehrte er als seinen Lehrer
einen irländischen Bischof Namens Israel.
Ungeachtet seiner hohen Stellung verschmähte Brun es nicht,
auch selbst als Lehrer zu wirken; wieder gab es, wie zu Karls Zei-
ten, eine Hofschule, und die königliche Kanzlei wurde zu einer
Pflanzschule trefflicher Bischöfe, deren Wichtigkeit für das Reich
nicht hoch genug anzuschlagen ist, denn mit diesen Bischöfen re-
gierten die Kaiser von nun an bis zu den Zeiten Heinrichs IV ihr
Reich, und fast allein in ihnen bildete sich ein Element der Stätig-
keit in der Reichsregierung aus, welches von dem Wechsel der Per-
sonen unabhängig war.
Brun selbst wurde im Jahre 953 Erzbischof von Köln, wo er
noch 12 Jahre wirkte, ohne doch darum der kaiserlichen Kanzlei
fremd zu werden. Die schwierigsten Aufgaben ruhten auf ihm, denn
das unruhige, unzuverlässige Lothringen war seiner Leitung anver-
traut, und seine Schwester, die Königin von Frankreich, baute fast
allein auf seine Hülfe. Aber während man nie in ihm die Thatkraft
seines grofsen Bruders vermifste, vergafis er doch über den welt-
lichen Sorgen nie seines bischöflichen Amtes. Die ganz zerrütteten
Kirchen Lothringens richtete er aus ihrer Versunkenheit auf; kirch-
liche und klösterliche Zucht wurden erneut, die Schulen mit gröfster
Sorgfalt gepflegt, und bald entfaltete sich hier das rege literarische
Treiben, welches von nun an Lothringen besonders auszeichnet.
Nicht minder erblühten nun auch in den übrigen Reichslanden
unter so guter Pflege alle die Keime, welche die vorhergegangenen
Stürme noch überdauert hatten; frisches Leben erfüllte die alten
Klöster, welche wie Korvei, Gandersheim, S. Gallen weniger gelitten
hatten, und neben ihnen erhoben sich zahlreiche neue Stätten lite-
rarischer Bildung.
Sehr bald liefsen sich auch schon Stimmen vernehmen, welche
die heidnische Gelehrsamkeit als sündlich verwarfen und gegen die
klassischen Studien eiferten l), wie ja auch Roswitha ihre Dramen
schrieb, um den Terenz aus den Händen der Christen zu verdrängen.
Allein diese Richtung drang nur an einzelnen Orten und bei ein-
zelnen Männern durch; in den Schulen behaupteten sich bis ins
zwölfte Jahrhundert Virgil und Horaz, Terenz, Ovid und Sallust, und
verlockten immer von neuem die jugendlichen Gemüther durch den
Zauber ihrer Anmuth von den trockeneren Vätern der Kirche.
Die Gewandheit im Ausdruck, der leichte Flufs der lateinischen
4) Schon Notker empfiehlt dem jungen Salomo den Prudentius: non sunt tibi
nccessariae gentilium fabulae. Diimmler, Formelbuch S. 73.
Digitized by Googl
Bruno von Köln. Neue Anfänge. 107
Rede, im karolingischen Jahrhundert so allgemein verbreitet, waren
jedoch in der fünfzigjährigen Unterbrechung schriftstellerischer Thä-
tigkeit verloren gegangen; mit grofser Anstrengung mufste man
wieder von neuem beginnen. Die mühsam erworbene gelehrte Bil-
dung ist fast überall kenntlich; man war stolz auf die neue Kunst
und trug sie gern zur Schau. Die schwerfälligen Phrasen sind er-
füllt von ungeschickt eingefügten Ausdrücken der alten Schriftsteller,
man prunkt gern mit Citaten und bringt die gelehrten Reminiscenzen
auch da an, wo sie am wenigsten passend sind, wie z. B. Liudprand
die Ungern in ihrem Kriegsrath mit pedantischer Affectation grie-
chische Worte einmischen läfst. Schulmäfsig gekünstelte Reden sind
besonders beliebt, und nur zu häufig erschwert der gesuchte Aus-
druck das Verständnifs des Inhaltes. Aber die frische Lebenskraft,
welche jetzt wiederum die von jugendlichem Aufschwung erfüllte
Generation durchdrang, ist auch in dieser Vermummung nicht zu
verkennen1).
Wie nun unter den ersten Karolingern die kräftige Neugestal-
tung des Reiches naturgemäfs dahin geführt hatte, die Begebenheiten
der Gegenwart aufzuzeichnen, weil man wieder Lust und Bedürfnis
empfand, sie festzuhalten, so geschah es auch nach langer Pause
unter den Ottonen. Auch jetzt suchte man zunächst die Zeit-
geschichte festzuhalten; die Weltgeschichte zu umfassen, versuchte
man noch kaum. Aber überall begann man um die Mitte des Jahr-
hunderts, die Zeitereignisse aufzuschreiben. Beziehungen zum kaiser-
lichen Hofe wirkten auch hier anregend, aber nirgends erhob man
sich doch zu einem so klaren Ueberblicke der Verhältnisse, wie ihn
die karolingischen Reichsannalen zeigen; locale Gesichtspunkte herr-
schen überall vor, und es entwickeln sich selbständige Mittelpunkte
gelehrter Thätigkeit. Deshalb betrachten wir nach einander die ein-
zelnen Reichslande und beginnen mit demjenigen, von welchem die
Herrschaft der Ottonen ausging, mit Sachsen.
§ 2. Sachsen. Korvei.
Das Kloster Korvei, von Anfang an in enger Verbindung mit
dem Hause der Ludolfinger und ihrer Gunst und ihres Schutzes sich
erfreuend, hatte von der Ungunst der Zeiten weniger gelitten wie
andere Stifter. Nach dem Abte Bovo, der als Geschichtschreiber zu
nennen war, zeichnete ein zweiter Abt desselben Namens und aus
derselben Familie (900 — 916) sich durch seine Kenntnifs des Grie-
') Vgl. über den Charakter der Litteratur dieser Zeit W. Giesebrecht, Kaiser-
zeit I, 308.
Digitized by Google
168
Hl. Ottonen. § 2. Sachsen. Korvei.
chischen aus; es erregte allgemeine Bewunderung, dafs er ein grie-
chisches Schreiben dem König Konrad hatte auslegen können 1). Doch
verschwindet dann auch hier, mit Ausnahme der dürftigen Annalen’),
jede Spur litterarischer Thätigkeit, bis der Glanz von Ottos des
Grofoen Thaten ein Geschichtswerk aus diesem Kloster hervorrief,
wie noch keines in Sachsen ans Licht getreten war.
W i d o k i n d.
Widukindi Res gestae Saxonicae ed. Walt*. Mon. SS. III, 408 — 467. Besonderer Abdruck
in Octav. Uebersetzung von Schottin, mit Einleitung von Wattenbach 1852. Waitz
in Schmidts Zeitschrift II, 100. L. Giesebrecht, Wend. Geschichten III, 295. W. Gie-
sebrecht, Geschichte der Kaiserzeit 1,741.
Im Jahre 967, als Kaiser Otto auf der Höhe seiner Macht stand,
unternahm es Widukind, Mönch im Kloster Korvei, die Geschichte
seines Volkes zu schreiben, nachdem er vorher sich mit der Bear-
beitung von Heiligenleben beschäftigt hatte. Dadurch, so sagt er
selbst, habe er seinem Berufe genug gethan; jetzt erfülle er die
Pflicht gegen seinen Stamm und sein Volk, indem er die Thaten
ihrer Fürsten niederschreibe. In der Widmung an die Aebtissin von
Quedlinburg, des Kaisers Tochter Mahthild, bezeichnet er genauer
als seinen Gegenstand die Thaten Heinrichs und Ottos; die Ueber-
schrift aber bezeichnet sein Werk als die Geschichte der Sachsen.
Denn Volk und Herrscher waren auf das Innigste verbunden, und
in dem Ruhme des Kaisers fühlte das ganze Volk sich gehoben, wie
es denn auch seinen reichen Theil daran hatte. Gänzlich fern lag
es Widukind, nach der Weise der Chronisten an das römische Reich
anzuknüpfen, sondern völlig dem Verlaufe der geschichtlichen Ent-
wickelung entsprechend, nimmt er zum Ausgangspunkte seiner Erzäh-
lung die Urgeschichte der Sachsen. Ihre alten Sagen zeichnet er
auf, und obgleich er eB nicht lassen kann, sie durch übel angewandte
Schulgelehrsamkeit zu entstellen, so erkennt man doch in jedem
Worte die Freude des Mönches an seinen alten heidnischen Vorfah-
ren, an diesem kraftvollen Geschlechte, vor dem schon damals die
Franken sich fürchteten. Heiden freilich durften sie nicht bleiben,
und darum mufsten sie nach tapferer Gegenwehr den Franken unter-
liegen, um durch die Taufe nun mit ihnen ein Volk zu werden.
Aber das Gefühl der Unterdrückung lastet dennoch auf ihnen, bis
nun S. Veit zu ihnen kommt, und mit ihm das Glück, welches die
*) Qui Graecas liiteras coram Cuonrado rege legendo factus est clarus. Cod.
Steinveld, ad Widuk. III, 2.
s) Mon. SS. III, 4. Durch ihren Inhalt sind sie bei dem Mangel anderer Nach-
richten wichtig. — Eine Abtreihe, mit Angabe der rccipirten Mönche, bis auf
Wicbold, bei Meibom I, 756.
Digitized by Google
Widukind von Korvei.
169
Westfranken jetzt verläfst. Unter seinem Schutze gedeihen und er-
starken die Sachsen, und werden unter ihrem grofsen König Hein-
rich aller übrigen Völker und selbst der Franken Herr; kein fremder
Gebieter beschränkt hinfort ihre Freiheit.
Gegen Otto erheben sich noch einmal alle Stämme, schon schwin-
det die Hoffnung, dafs daB Reich ferner bei den Sachsen bleibe,
aber mit Gottes Hülfe überwindet Otto alle seine Widersacher, er
bändigt die Slaven, die Ungern, die Westfranken, bringt auch Italien
wieder ans Reich und beherrscht nun, von Gott und S. Veit beschützt,
mit seinen Sachsen die Christenheit.
Durch diese durchgehende Einheit der Auffassung und durch
die naturfrische Lebendigkeit der Darstellung hat das ganze Werk
eine epische Färbung; was in der Ferne vorgeht, berührt Widukind
nur kurz, und ist auch darüber wenig genau unterrichtet, so wie er
für die älteren Zeiten freilich auf Beda und die Geschichte der
Franken hinweist, aber doch in dem, was er giebt, kaum eine Spur
gelehrter Forschung verräth. Auch darin steht er dem Epos nahe,
dafs er vorzüglich bei der Schilderung der Schlachten und anderer
Begebenheiten verweilt, Uber ihre geschichtliche Verknüpfung aber
rasch hinwegeilt. Einen seltsamen Gegensatz zu diesem ganz volks-
tümlichen Inhalt bildet der gesuchte sallustische Ausdruck , ge-
mischt mit den Worten und Wendungen der lateinischen Bibel. Müh-
sam zieht er dem widerstrebenden Gedanken ein altrömisches Kleid
an, das oft nur schwer und unvollkommen erkennen läfst, was er
eigentlich sagen will. Die Nachahmung der antiken Redeweise be-
herrscht ihn so sehr, dafs er sogar Heinrich wie Otto nach dem
Siege Uber die Ungern vom Heere als Imperator begrüfsen läfst,
und Otto auch von da an so nennt, die Kaiserkrönung in Rom aber
ganz übergeht, wie denn überhaupt der Papst, aufser einer gelegent-
lichen Erwähnung in früherer Zeit (n, 11), gar nicht genannt wird.
Betrachten wir Widukinds Buch als eigentliches Geschichtswerk,
so können wir nicht umhin, es für sehr mangelhaft zu erklären;
seine Auffassung der Dinge und namentlich seines grofsen Kaisers
ist keineswegs richtig: so wie der Kaiser selbst den Standpunkt
eines Sachsenfürsten verliefs, wurde er dadurch dem Gesichtskreise
Widukinds entrückt. Obgleich Mönch, übersieht dieser fast ganz die
so überaus wichtige kirchliche Wirksamkeit Ottos, und besonders
auffallend ist sein Schweigen über die Stiftung des neuen 'Erzbisthums
in Magdeburg. Er stand dem kaiserlichen Hause nicht ganz ferne,
wie seine Widmung an Mahthild zeigt, und es kamen ihm gute
Nachrichten zu, aber er blieb doch als Mönch in seinem Kloster,
Digitized by Google
170 III. Ottonen. § 2. Korvei. § 3. Gandersheim.
und war daher nicht im Stande, sich diejenige Uebersicht der Ver-
hältnisse zu verschaffen , welche damals wohl nur am kaiserlichen
Hofe zu erlangen war. Dagegen verleiht ihm aber gerado seine
Einseitigkeit und die lebendige Wärme des Volksbewufstseins einen
Reiz, der den objectiver gehaltenen Annalen fehlt, und stofflich be-
trachtet, sind seine Mittheilungen für uns von dem unschätzbarsten
Werthe. In allem was ihm nahe lag, zeigt er sich durchaus zuver-
lässig, unbefangen und wahrheitsliebend in der Schilderung der han-
delnden Personen, und so sehr er auch für das Ottonische Haus
begeistert ist, liegt eine absichtliche Entstellung der Thatsachen zu
ihren Gunsten ihm doch gänzlich fern. Sogar ftir jene kühnen
Recken, die in unbändigem Trotze lieber alles erdulden, als der
Herrschaft ihres Vetters sich fügen wollten, bezeugt er eine offen-
bare Theilnahme, ja Vorliebe, wie auch beim Volke solche Naturen
immer Anklang finden. Widukind ist eben mit seinen Vorzügen,
wie mit seinen Mängeln ein ganzer Sachse des zehnten Jahrhunderts,
und in ihm spiegelt sich die Natur seines Stammes treu und wahr.
Es konnte daher auch nicht fehlen, dafs sein Werk gern und viel
gelesen wurde; es findet sich bei den späteren Schriftstellern überall
benutzt, jedoch seit dem zwölften Jahrhundert nicht mehr unmittel-
bar, sondern nur durch die Vermittelung Ekkehards, der es fast ganz
in seine grofse Weltchronik aufgenommen hatte. Daraus erklärt es
sich wohl, dafs uns nur drei Handschriften davon erhalten sind.
Wie es scheint, enthält von ihnen die eine, jetzt Dresdener (A), das
Werk in seiner ursprünglichen Gestalt; später hat Widukind am
Schlüsse noch einiges in loserer Verknüpfung hinzugefügt, den so
sehr merkwürdigen Brief des Kaisers aus Capua und die schöne
Schilderung vom Tode der Königin Mahthild und von des Kaisers
Heimkehr und Tod. Zugleich veränderte er einige Ausdrücke ; viel-
leicht auch die Stelle über des Erzbischofs Hatto Nachstellungen
gegen Heinrich (I, 22), in welcher die Dresdener Handschrift von
der Schuld des Erzbischofs schweigt 1). Die in dieser Weise über-
arbeitete Handschrift wurde etwas später in Korvei interpolirt, um
eine Notiz Uber den Abt Bovo und eine ausführliche Erzählung der
beliebten Volkssage von dem Untergange des Grafen Adalbert von
Babenberg durch Hattos Verrath anzubringen. In dieser Gestalt
findet sich das Werk in der Stein velder Handschrift.
*) Diese Darstellung der Dresdener Handschrift ist jedoch so wenig in Widu-
kinds Stil geschrieben, dafs ich darin lieber mit Wailz die Hand eines Fremden
erkennen möchte. Für die Halsbandgeschichte findet sieh ein merkwürdiges Seiten-
stück in Konrad Stolles Erfurter Chronik, herausgegeben von Hesse, S. 177.
Digitized by Google
Widukind. Roswitha.
171
§3. Fortsetzung. Gandersheim. Quedlinburg.
Während die schwerfällige, von Fehlern keineswegs freie Sprache
Widukinds von den gelehrten Studien in Korvei eben kein glinstiges
Zeugnifs ablegt, überrascht im Kloster Gandersheim die Nonne Ros-
witha (eigentlich Hrotsuit) durch ihre klassische Bildung und ihre
grofse Herrschaft über die Form des Ausdruckes; ihr bedeutendes
Talent war durch eine sorgfältige Schulbildung entwickelt, und sie
hatte dann diese Studien unter der Leitung der Nichte des Kaisers,
Gerberga, fortgesetzt. Sie bearbeitete verschiedene Gegenstände aus
der älteren Kirchengeschichte in metrischer Form und verfafste dar-
auf auch sechs Komödien über verwandte Stoffe, weil es ihr an-
stöfsig war, dafs der leichtfertige Terenz überall mit so grofsem
Vergnügen gelesen wurde.
In ähnlicher Weise wie Widukind wurde dann auch Roswitha
durch die glänzenden Thaten Ottos des Grofsen der Geschichte der
Gegenwart zugeführt; ihre Aebtissin Gerberga (959 — 1001), Herzog
Heinrichs von-Baiern Tochter, forderte sie auf, ein Heldengedicht
zum Preise ihres Oheims zu verfassen, welches dem Erzbischof Wil-
helm von Mainz, dem Sohne des Kaisers, überreicht werden sollte.
Im Jahre 968 war es vollendet1), und die Dichterin übersandte es
mit einer poetischen Widmung nicht nur dem jüngeren Kaiser, wel-
cher ein Exemplar davon verlangt hatte, sondern auch dem alten
Kaiser selbst. Kein Buch, so sagt sie, habe ihr dabei zur Hülfe
gedient; es sind die Mitglieder der kaiserlichen Familie, welche ihr
den Stoff gegeben haben, und so ist es denn nicht zu verwundern,
dafs verschiedene Rücksichten auf die Darstellung eingewirkt haben.
Ueber die Vergangenheit Heinrichs von Baiern konnte hier nur mit
der äufsersten Vorsicht gesprochen werden. Es war nur zu viel in
der kaiserlichen Familie vorgefallen, dessen man ungern gedachte.
Allein daneben gab es doch auch des Stoffes noch reichlich genug,
und hier hat Roswitha nicht nur manches, wie namentlich die Flucht
der Kaiserin Adalheid, in hübscher und ansprechender Weise behan-
delt, sondern sie hat auch geschichtlich wichtige Thatsachen und
Umstände aufbewahrt. Denn hier, wie in ihren übrigen Werken,
hält sie Bich ganz genau an den ihr überlieferten Gegenstand und
erlaubt sich nie, ihn der poetischen Darstellung zu Liebe umzuge-
l) Ilrotsuithae farmen de gestis Oddonis I impcratoris ed. Peru, Mon. SS. IV,
317 — 335. Vgl. W. Giesebreeht, Gesch. der Kaiserzeit I, 741. — Gust. Frey tag:
De Rosuitha portria. Vrat. 1839. 8. Die Werke der Hrotsvilha, herausgegeben
von Dr.K.A. Barack. Nürnb. 1858. 8. Comoedias ed. Bendixen, Lübeck 1858. 16.
Digitized by Google
172 HI- Ottonen. § 3. Gandersheim. Quedlinburg.
stalten. Die metrische Form bleibt bei ihr nur ein äufserliches Ge-
wand, und wir können daher ihre Erzählung geradezu als Geschichts-
quelle benutzen. Um so mehr ist es zu bedauern, dafs etwa die
Hälfte ihres Werkes verloren ist, und zwar gerade die so inhalt-
reichen Jahre 953 bis 962 ; nur ein kleines Bruchstück daraus ist
vorhanden.
Später behandelte Roswitha in ähnlicher Weise auch die An-
fänge ihres Klosters und dessen Geschichte bis zum Jahre 919, bis
zum Tode der Christina, der letzten von den drei Töchtern Ludolfs,
welche nach einander dem Stifte vorstanden1). Da diese Dichtungen
der Roswitha sich von der Prosa fast nur durch die äufsere Form
unterscheiden, so lassen sie sich den später so beliebten Reimchro-
niken vergleichen; sie schliefsen sich nicht dem Epos Angilberts,
sondern den versificirten Annalen des sächsischen Dichters an.
Zu Heinrichs H Zeit ist dann in diesem Kloster auch eine
Chronik geschrieben, welche manches nicht Unwichtige Uber die
Aebtissinnen Gerburch und Sophie enthalten haben mufs; Widukinds
Werk, das inzwischen hier bekannt geworden war, scheint grofsen-
theils darin aufgenommen zu sein. Leider ist das Original uns ver-
loren; wir besitzen nur eine niederdeutsche gereimte, weitschweifig
umschreibende Bearbeitung von einem Priester Eberhart aus dem
Jahre 1216, die freilich die Urschrift nicht ersetzt, aber doch wohl
bisher zu wenig beachtet worden ist2).
Andere Frauenklöster Sachsens scheinen hinter Gandersheim
an gelehrter Bildung nicht zurückgeblieben zu sein, wenn auch
gerade keine Roswitha ihnen einen so hohen Ruhm vor der Welt
verlieh, wie Gandersheim. Nicht leicht traten die Nonnen als Schrift-
stellerinnen auf, aber auch die Bildung der Priester, welche wie
Agius dem Stifte nahe standen oder auch dem Kloster selbst ange-
hörten, erlaubt einen vortheilhaften Schlufs auf den Zustand der
Klosterschule.
Herford hatten wir schon früher zu erwähnen wegen der
Uebertragung der h. Pusinna. Hier wurde die Königin Mahthild
unter der Aufsicht ihrer gleichnamigen Grofsmutter, der Aebtissin
des Klosters, erzogen und unterrichtet. Als Wittwo stiftete die Kö-
nigin das Kloster Nordhausen, und hier wurde sechs Jahre nach
ihrem Tode (968) ihr Leben beschrieben, entweder von einer Nonne
des Stiftes oder von einem Priester, der ihr nahe gestanden hatte
1) De primordiis coenobii Gandersheimensis. Mon. SS. IV, 306 — 317.
2) De Fundatione Gandersemensis ccdesiae, in Leukfeldii Antiquitates Gandersh.
S. 353-408. Leibn. SS. UI, 149— 171.
Digitized by Google
Leben der Königin Mahthild.
173
und von der Aebtissin Ricburg die übrigen Nachrichten erfuhr. An
den Kaiser Otto II ist es gerichtet und natürlich ganz panegyrischer
Natur. Auch die Form ist ungeschickt, aber in dieser Zeit war es
noch ein nicht häufiges Verdienst, überhaupt schreiben zu können.
Der Inhalt genügt freilich unseren Wünschen bei weitem nicht; die
gewöhnlichen Schilderungen klösterlicher Frömmigkeit nehmen den
gröfsten Raum ein, und wie Einhard die Worte Suetons benutzt hat,
um den Kaiser Karl zu schildern, so finden wir hier ganze Stellen
aus Sulpicius Severus und aus dem Leben der Radegunde angewandt.
Das Formelhafte dieser Lobpreisungen tritt dadurch hier noch mehr
wie sonst hervor, aber der geschichtliche, nicht unwichtige Inhalt
wird mit Ausnahme einer Stelle1) davon nicht berührt, und um so
erfreulicher ist es, dafs Koepke diese ursprüngliche Biographie in
einer Göttinger Handschrift entdeckte. Früher kannte man nur eine
spätere Ueberarbeitung derselben, deren Verfasser, ebenfalls dem
Kloster Nordhausen nahestehend, das Werk stilistisch umformte und
manches veränderte, namentlich Heinrich von Baiern, Mahthilds
Lieblingssohn, ungebührlich hervorhob, dem Enkel desselben, Hein-
rich H, zu Liebe, welcher ihm diese Arbeit aufgetragen hatte *).
Bedeutender wie Herford und Nordhausen tritt Quedlinburg
hervor, ebenfalls eine Stiftung der Königin Mahthild; die erste Aeb-
tissin (966 — 999) war ihre Enkelin gleiches Namens, die Tochter
Ottos des Grofsen, welcher Widukind seine Geschichte widmete.
Hier wurde die Pfalzgräfin Agnes erzogen, und auch der Bischof
Thietmar von Merseburg hat hier seine ersten Jugendjahre verlebt,
wie denn häufig in damaliger Zeit zum geistlichen Stande bestimmte
Knaben die Anfänge des Unterrichts von den Frauen ihrer Familie
erhielten.
Die bedeutende Stellung, welche die Aebtissin von Quedlinburg
im Reiche einnahm, besonders als Otto III ihr während seines Römer-
zuges die Verwaltung der Geschäfte übertrug, konnte nicht fehlen,
hier das Bedürfhifs nach geschichtlichen Aufzeichnungen hervorzu-
rufen, so wie an Nachrichten hier kein Mangel sein konnte.
Man sammelte dazu, was von verschiedenen Annalen erreichbar
>) Das ist gerade die anstöfsige Stelle über Ottos I angeblich gewaltsame Er-
hebung auf den Thron. Sie ist wörtlich aus Sulpic. Dial. 11, cap.VI, 2 entnommen
und verliert dadurch vollends alle Autorität.
*) Vita Mahthildis antiquior ed. Koepke, Mon. SS. X, 575 — 582; posterior
SS. IV, 283 — 302. Vgl. G. Waitz in den Nachrichten von der G. A. Univ. 1852,
N. 13. Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit 1, 744. Uebersetzung von Jaffe 1858, wo
die fremden Federn des Verfassers zuerst bemerkt und nachgewiesen sind. Hätte
er Widukinds Werk schon gekannt, so würde das bei seiner Gewohnheit wörtlicher
Entlehnung wohl deutlicher zu erkennen sein.
Digitized by Google
174 HI. Ottonen, §3. Quedlinburg. §4. HUdeshelm,
war, und aus diesem Material wurde, als Heinrich II schon König
war und Ottos HI Schwester Adalheid dem Stifte Vorstand, eine
Compilation verfertigt, welche unter dem Namen der Quedlin-
burger Annalen noch zum Theil erhalten ist1).
Der Verfasser gehörte vielleicht dem von der Aebtissin Mahthild
986 neben dem ursprünglichen Damenstift gegründeten Mönchskloster
an. Ihm lagen , als er seine Arbeit unternahm , die Thaten der
Frankenkönige und Einhards Leben Karls vor; auch Widukinds Werk
kann ihm nicht unbekannt gewesen sein. Allein er machte keinen
Versuch, nach der Weise dieser Vorgänger die Geschichte der Vor-
zeit dazustellen, sondern schlofs sich einfach der bequemsten Form
der Hersfelder Annalen an, von welchen er ein bis etwa zum
Jahre 990 reichendes Exemplar besafs. So lange, scheint es, hat
man in Uersfeld die schon vor mehr als einem Jahrhundert begon-
nene Thätigkeit fortgesetzt, und zwar besonders in Ottos II Zeit mit
zunehmender Ausführlichkeit, welche für uns erst durch die von
Giesebrecht restituirten Altaicher Annalen wieder gewonnen ist.
Diese Hersfelder Jahrbücher also excerpirte der Quedlinburger
Chronist in sehr roher Weise ; hin und wieder machte er noch einige
Zusätze, aber es kam ihm doch nicht in den Sinn, auch eine inner-
liche Verknüpfung zu erstreben.
Auch hier finden wir Stücke aus der alten Heldensage, die zum
Theil mit Widukinds Erzählung Ubereinstimmen, aber sie sind hier
nur ganz äufserlich eingeschoben. Es fehlte gewifs in Quedlinburg
nicht an HUlfsmitteln , um besseres zu leisten, aber vielleicht eben
deshalb und weil der Verfasser gar nicht daran dachte, die ausführ-
licheren Werke Uber die Vorzeit durch das seinige ersetzen zu wollen,
begnügte er sich mit dem dürftigsten annalistischen Gerippe, welches
ihm diente, um nach Bedürfnifs hier und da Bemerkungen und Zu-
sätze einzutragen. Mit Heinrichs I Zeit werden die selbständigen
Eintragungen häufiger; nach einer Lücke von 961 — 983, die sich
aus den späteren sächsischen Chronographen zum Theil ergänzen
läfst, finden wir den Verfasser schon 993 als Augenzeugen redend,
und von da an beginnt nun eine sehr ausführliche Geschichtserzäh-
lung, die von Jahr zu Jahr fortschreitet, und wenn nicht immer
gleichzeitig, so doch nicht sehr fern von den Ereignissen aufgezeich-
net ist. Vieles erinnert darin an die alten Reichsannalen, allein es
fehlt doch die gleichmäfsige Einheit, es fehlt auch der umfassende
*) Mon. SS. III, 22 — 90. Vgl. Lappenberg im Archiv VI, 635 — 653. Waitz
p. 686 — 688; wo aber aus den Quellen die unechten Fast! Corbeienses zu streichen
sind. W. Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit 1, 746. 11,517.
Digitized by Google
Aon. Qucdlinburgenses. Trans). S. Epiphanii. 175
Ueberblick Uber das ganze Reich. Wenn man anch die Beziehung
der fürstlichen Aebtissin zum Kaiserhofe wahrnimmt an der zuver-
lässigen Kunde von entfernten Ereignissen, so Uberwiegt doch das
Interesse für die nähere Umgegend, namentlich die Kämpfe mit den
Slaven, und die unbedeutendsten lokalen Vorfälle treten ohne Unter-
scheidung zwischen die grofsen geschichtlichen Begebenheiten. Doch
müssen wir diese Jahrbücher zu den bedeutenderen Erscheinungen
der Historiographie zählen, und sachlich sind sie vom höchsten
Werthe; ihr plötzliches Abbrechen mit dem Jahre 1025 läfst eine
sehr empfindliche Lücke zurück. Wie weit sie ursprünglich gereicht
haben mögen, ist unbekannt1); uns ist nur eine Abschrift aus später
Zeit erhalten, und der gänzliche Verlust, der hier so leicht erfolgen
konnte, legt den Gedanken nahe, wie manche andere Aufzeichnung
der Art spurlos verschwunden sein mag. Namentlich läfst sich das
mit Sicherheit von Halberstadt annehmen, wo gewifs auch Ge-
schichtliches geschrieben wurde. Von einer Biographie des Bischofs
Haimo (840 — 853) hat sich sogar ein Fragment erhalten2). Der
Verfasser, Rochus, war jedoch Mönch im Kloster Ilsenburg, welches
erst 998 gegründet ist, und schrieb also mindestens anderthalb Jahr-
hunderte nach dem Tode des Bischofs.
Zu nennen ist von anderen sächsischen Klöstern nur noch
Werden an der Ruhr, wo Uffing aufser einigen Versen zum Preise
des h. Liudger und seines Klosters auch das schon oben (137) er-
wähnte Leben der h. Ida zwischen den Jahren 980 und 983 verfafste.
§4. Hildesheim.
Hildesheim, in der karolingischen Periode noch nicht durch
litterarische Leistungen bekannt, gewann in der zweiten Hälfte des
zehnten Jahrhunderts einen glänzenden Namen unter den Pflanz-
stätten höherer Bildung, den es dann lange behauptete. Als erstes
Denkmal ist uns die Geschichte der Uebertragung des h. Epi-
phanius erhalten3). Der Eifer für die Erwerbung von Reliquien,
der schon im neunten Jahrhundert so manche kleinere geschichtliche
Aufzeichnung veranlafst hatte, gewann in der folgenden Periode einen
neuen Anstofs durch die Römerzüge der Ottonen, und der an solchen
Schätzen reiche italische Boden wurde mit allen Mitteln ausgebeutet.
Dieser heilige Zweck entschuldigte alles; die frommsten Männer
*) Doch benutzt auch schon der Chronogr. Saxo sie nur bis 1025 und viel-
leicht noch 1029. 1030. 1034. Thietmar benutzte sie schon um das Jahr 1012.
*) Archiv XI, 285.
*) Translatio S. Epiphanii ed. Pertz, Mon. SS. IV, 248—251.
Digitized by Google
176
111. Ottonen. § 4. Hildesheim.
scheuten sich nicht vor Bestechung, vor Diebstahl und Raub, um
der Heimath neue Schutzpatrone zu erwerben.
Otwin, der zweite Abt des Mauriciusstiftes zu Magdeburg, der
954 den Hildesheimer Bischofstuhl bestiegen hatte, begleitete den
Kaiser auf seiner zweiten Heerfahrt nach Italien und benutzte 964
seinen Aufenthalt zu Pavia, um sich durch List den Leib des h. Epi-
phanius zu verschaffen, den er dann als herrlichste Beute nach
Sachsen brachte.
Allein nicht blofs an Reliquien, sondern auch an Büchern war
Italien noch immer das reichste Land, und auch diesem Schatze
stellte Otwin eifrig nach; auch davon brachte er einen grofsen Vor-
rath mit nach dem bis dahin bücherarmen Hildesheim, und dadurch
legte er den Grund zu der kräftigen Entwickelung der dortigen
Schulen1). Die erste Frucht dieser neuen Thätigkeit, welche uns
bekannt geworden ist, verherrlicht eben jene Uebertragung; es ist
eine im schlichten kirchlichen Stil der Zeit geschriebene Erzählung,
die jedoch erst nach Otwins Tode (1. Dec. 984) verfafst ist.
Der Schule stand damals Thangmar vor, der später Dom-
dechant wurde und zugleich als Bibliothekar und Notar eine bedeu-
tende Stellung einnahm ; ein grofser Theil der bischöflichen Geschäfte
ging durch seine Hand, und namentlich in den Jahren von 1000 bis
1002 führten ihn wichtige Aufträge wiederholt an den päpstlichen
und kaiserlichen Hof. Seiner besonderen Leitung wurde der junge
Bernward anvertraut, ein sächsischer Knabe von vornehmster Her-
kunft, der schon in früher Kindheit der Hildesheimer Kirche über-
geben war. Er unterwies ihn nicht allein in den Wissenschaften,
sondern auch in den Künsten, der Schreibkunst, Malerei, Bildhauerei
und Baukunst, und auch hierin zeichnete sich Bemward bald in
hohem Grade aus. Denn wie wir das besonders auch in S. Gallen
sahen, die Geistlichkeit pflegte und bewahrte in Deutschland damals
in ihrer Mitte alles, was überhaupt von höherer Ausbildung irgend
vorhanden war; noch mufste sie fast alles, dessen sie bedurfte um
den hohen Anforderungen ihrer Stellung zu genügen, selber leisten.
Später hielt Bernward sich einige Zeit bei dem Erzbischof
Willigis auf, bei seinem Grofsvater dem Pfalzgrafen von Sachsen,
und bei seinem Oheim, dem Bischof von Utrecht; dann begab er
Bich 987 an den kaiserlichen Hof, und hier vertraute ihm Theophano
die Erziehung des königlichen Kindes Ottos UI.
0 Librorum nihilooiinus tarn divinae lcctionis quam philosophicae fictionis
tantam convexit copiam, ut qui illorutn penuria inerliautc torpebant otio, frequeuti
nunc studii caleaat negotio. TransL c. 2.
Digitized by Google
Leben Bernwards von Thangwar.
177
Am 7. Dec. 992 starb in Komo der Bischof Gerdag von Hildes-
heim, und Bernward wurde zu seinem Nachfolger erwählt. Dreifsig
Jahre lang hat er dieses Amt verwaltet, und nicht leicht hat ein
Bischof ein besseres Andenken hinterlassen. Unter den trefflichen
Bischöfen, an welchen diese Zeit so reich ist, war er einer der
hervorragendsten. In ihrer Hand waren zum grofsen Theil die Reichs-
geschäfte; Bernward hatte schon als Hofkaplan an der Regierung
Antheil gehabt, und als Bischof nahmen ihn die wichtigsten Ange-
legenheiten vielfach in Anspruch. Dabei aber sorgte er für seinen
Sprengel mit unermüdlicher Sorgfalt. Noch war Sachsen nicht ge-
sichert gegen die Einfälle der Normannen und Wenden, und erst
Bernward verschaffte seinem Gebiete durch Befestigungen und zweck-
mäfsige Einrichtungen ausreichenden Schutz, sowie er auch durch viel-
fache kaiserliche Begnadungen die Ausbildung des Stiftes zu einem
wirklichen Ftirstenthume begründete. Ueberhaupt liefs er keine
Eigenschaft eines tüchtigen weltlichen Regenten an sich vermissen
und war zugleich ernstlich bemüht, Hildesheim immer mehr zu einer
Stätte geistiger Bildung zu machen. Er bereicherte die Bibliothek
des Stiftes mit zahlreichen Handschriften und liefs talentvolle Knaben
in Wissenschaft und Kunst unterweisen ; die begabtesten führte er
mit sich an den königlichen Hof, um sie von der vielfachen hier
gebotenen Gelegenheit zu höherer Ausbildung Nutzen ziehen zu
lassen. Tief betrauert starb er am 20. November 1022, und seinem
alten Lehrer Tangmar, der ihn um einige Jahre überlebte, fiel
noch die Aufgabe zu, ein Bild seines Lebens zu entwerfen. Die
Absicht hatte er schon früher gehabt, und nachdem er mit Mühe
BemwardB Einwilligung dazu erlangt, die Materialien dafür gesammelt.
Einen grofsen Theil dessen, wovon er berichtet, hatte er selbst mit
durchlebt und an allen Geschäften thätigen Antheil genommen;
Bernward aber war, wie Thangmar selbst sagt, von solchem Ver-
trauen zu ihm erfüllt, wie ein Kind zu seinem Vater, und aus sei-
nem ganzen Leben konnte auch nicht der geringste Umstand ihm
verborgen bleiben.
So entstand denn das Leben Bernwards1), eines der schön-
sten biographischen Denkmale des Mittelalters, welches wir besitzen,
und eine der wichtigsten Quellen für einen bedeutenden Zeitraum.
Die reichste Fülle des Stoffes tritt hier an die Stelle jener immer
wiederkehrenden Phrasen, welche sonst so häufig die Armuth des
') Thangmari Vita Bcrnwardi ed. Pertz , Mon. SS. IV, 754 — 782. Vgl.
W. Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit 1, 748. Der h. Bernward, von H. A. LünlzeL
Hild. 1856. 8.
12
Digitized by Google
178 III. Ottonen. § 4. Hildesbeim. § 5. Magdeburg.
Schreibenden verdecken; die Sprache ist schlicht und einfach, und
während die wärmste Liebe zu dem Verstorbenen das ganze Werk
erfüllt, trägt es doch den Stempel der Wahrhaftigkeit. Bernward
bedurfte zu seinem Lobe keiner Uebertreibungen1 * * * * * *).
Vieles was im Leben Bernwards steht, findet sich übereinstim-
mend, aber kürzer, auch in den Hildesheimer Annalen8), einer
sehr schätzbaren Geschichtsquelle, welche wir vennuthlich der An-
regung Bernwards verdanken. Wenigstens sind sie in der noch er-
haltenen Urschrift bis zum Jahre 993 von einer Hand geschrieben
und also wohl in diesem Jahre, in welchem Bernward Bischof wurde,
zuerst verfafst. Die Beschaffenheit dieses ersten Theiles ist ganz
dieselbe, welche wir schon bei den Quedlinburger Annalen sahen
und überall wiederfinden; der Verfasser hielt eine bis auf Adam
zurückreichende annalistische Grundlage für nothwendig, ohne jedoch
darauf irgend welche Sorgfalt zu verwenden; er verknüpfte nur die
Chronik des Isidor mit den kleinen Lorseber Annalen und excerpirte
von da an, wo diese auf hören, die Hersfelder Annalen. Daran
schliefst sich dann die Fortsetzung, welche den Werken dieser Art
allein einen Werth verleiht, abgesehen von den einzelnen Notizen,
welche durch den Mangel besserer Quellen zufällig Bedeutung er-
langen. Mehrfacher Wechsel in der Hand der Schreiber deutet auf
verschiedene Verfasser; an dem einen Theile von 1000 bis 1022
scheint Thangmar Antheil gehabt zu haben. Vielleicht benutzte der
Verfasser, ein Mönch des von Bernward gestifteten Michaelisklosters,
die Aufzeichnungen, welche Thangmar für seine Biographie, wie er
selbst sagt, schon zu Bernwards Lebzeiten gesammelt hatte. Die
Nachrichten sind gut und zuverlässig, bei weitem nicht so ausführ-
lich wie die Quedlinburger, aber übrigens ähnlicher Art. Der Ver-
fasser hat die grofsen Begebenheiten der Zeit im Auge und berichtet
darüber, was er erfährt; dazu setzt er alles, was ihm merkwürdig
vorkommt, grofses und kleines; von einer eigentlichen Verarbeitung,
einer gleichmäfsig fortgeführten geschichtlichen Erzählung ist nicht
die Rede.
Auf diese Annalen werden wir noch einmal zurückkommen, da
l) Nur in Bezug auf Heinrichs II Wahl, der Bernward entgegen war, ist
Thangmar nirht ganz aufrichtig, lieber den Streit mit den Mainzer Erzbischöfen
wegen des Diöcesanrechles über Gandersheim, welcher hier wie im Leben Gode-
hards grofsen Raum einnimmt, fehlt es uns leider ganz an einer Oarsteüung von
der anderen Seite.
8) Annales Hildenesheimenses ed. Pertz, Mon. SS. III, 22 — 116. Vgl. Wailz
im Archiv VI, 663 ff. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 299. 307. W. Gie-
sehrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 745.
Digitized by Google
Hildesheimer Annalen. Magdeburg.
179
sie bis zum Tode Kaiser Lothars fortgefiihrt sind ; Hildesheim wurde
das Glück zu Theil, dafs auf Bernward der nicht minder ausgezeich-
nete Bischof Godehard folgte, und es behauptete auch in der folgen-
den Periode eine hervorragende Stellung.
§5. Magdeburg. Merseburg.
An der Ostgrenze Sachsens hatte Otto, auch hierin Karls Bei-
spiel folgend, Magdeburg ausersehen zum geistigen Mittelpunkte für
die wendischen Länder. In das Moritzkloster, welches die Grund-
lage dazu bildete, berief er 937 Mönche aus S. Maximin bei Trier,
einem Kloster, das freilich auch verweltlicht und verwildert, aber
schon 934 zur klösterlichen Ordnung zurückgeführt war. Auch der
erste Erzbischof Adalbert (968 — 981) war ein Mönch von S. Ma-
ximin und Abt von Weifsenburg gewesen; in beiden Klöstern zeigt
sich Sinn für Geschichtschreibung, und Adalbert, unter dem die
Magdeburger Schule einen hohen Aufschwung nahm, wird ohne
Zweifel auch dafür gesorgt haben, dafs die merkwürdigen Ereignisse,
deren Mittelpunkt Magdeburg war, nicht in Vergessenheit geriethen.
Otrich, der Vorsteher der Domschule1), galt bei seinen Verehrern
für den gröfsten Gelehrten seiner Zeit; er wetteiferte mit Gerbert
und disputirte mit ihm vor dem Kaiser Otto n. Ein Zwist mit dem
Erzbischof störte freilich seine Wirksamkeit in Magdeburg; die vielen
durch ihn dahin gezogenen Fremden verliefsen die Stadt, und Otrich
selbst lebte von 976 an am kaiserlichen Hofe. Doch scheint die
Schule unter Geddo und Ekkehard dem Rothen immer eine achtungs-
werthe Wirksamkeit geübt zu haben.
Bald nach dem Tode Gisilers (1004), dessen Ehrgeiz die kirch-
lichen Schöpfungen Ottos in betrübender Weise zerrüttet hatte, ist
in Magdeburg ein Geschichtswerk, wohl eine Chronik des Stiftes,
entstanden, welches uns leider verloren und nur aus abgeleiteten
und getrübten späteren Quellen theilweise herzustellen ist2).
Einer von Otrichs Schülern war Adalbert, der schwärmerisch
fromme Freund Ottos IH, der vergeblich als Bischof von Prag seine
Landsleute, die Böhmen, zu lenken versuchte und zuletzt 997 in
Preufsen den ersehnten Tod als Märtyrer fand. Wir werden später
*) Uebrr ihn s. Biidinger, Uebcr Gerbert S. 54 — 60. Oest. Gesch. I, 319.
2) Thietmar, der Chronographus Saxo u. Chronicon Magdeburgense. W. Giese-
brecht in den Rankeseben Jahrbüchern II, 1, 157 — 162. L. Giesebrecht, Wendische
Geschichten III, 304.
12*
Digitized by Google
180
III. Ottonen. § 5. Magdeburg. Merseburg.
eine Lebensbeschreibung von ihm zu erwähnen haben, welche in
Italien verfafst ist; eine andere schrieb einer seiner Genossen auf
der Schule zu Magdeburg, Brun, aus dem Hause der Grafen von
Querfurt, welcher von derselben weltverachtenden Frömmigkeit und
derselben Sehnsucht nach dem Märtyrertode beseelt war.
Dieses Leben Adalberts1 *) ist in einer widerlich blumenreichen
und salbungsvollen Sprache verfafst, aber charakteristisch für diese
aufs Aeufserste getriebene Ascetik und in seinem Inhalte lehrreich;
Brun verfafste es um das Jahr 1004, als er im Begriffe war, dem
Beispiele seines Freundes zu folgen. Zum Erzbischof der Heiden
geweiht, ging er zuerst gegen Ende des Jahres 1007 durch Ungern
und Rufsland zu den Petschenegen , und nachdem er diese seiner
Meinung nach bekehrt hatte, zu Boleslaw von Polen, von dessen
Hofe aus er einen sehr merkwürdigen und lehrreichen Brief an Kaiser
Heinrich H schrieb1). Von hier aus begab er sich zu den Preufsen
und drang bis zu deren östlichsten Grenzen vor, wo er den Tod
fand den er suchte, am 14. Februar 1009. Ein kurzer, aber lügen-
hafter Bericht Uber seine Predigt, seine Wunder und sein Ende hat
sich erhalten3); eine andere Schrift Uber ihn, die als wahrhaft ge-
rühmt wird, kennen wir nur aus der späteren Magdeburger Chronik,
wo sie benutzt ist. Vielleicht hat auch schon Thietmar von Merse-
burg sie vor sich gehabt4), der letzte Schriftsteller Sachsens, den
wir in dieser Periode zu betrachten haben, und der erste, bei dem
eine Art gelehrter Forschung vorkommt. Denn von allen den Schrift-
stellern, die uns bis jetzt beschäftigt haben, hat niemand zu seinem
Werke ein Buch oder irgend eine schriftliche Quelle benutzt: sie
schrieben, was sie erlebt oder gehört hatten. Auch bei den Annalen
von Hildesheim und Quedlinburg ist doch die Aufzeichnung der Zeit-
geschichte die Hauptsache; die Zusammenstoppelung der älteren
Theile läfst sich kaum als gelehrte Arbeit in Anschlag bringen.
Diesen ganz unvollkommen Anfängen gegenüber zeigt uns die Chronik
Thietmars schon einen bedeutenden Fortschritt.
l) Vita S. Adalberti auct. Brunone ed. Pertz, Mon. SS. IV, 577. 596 — 612.
Vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 750.
4) Zuerst von Gilferding in einer russischen Zeitschrift herausgegeben , dann
bei Miklosich und Fiedler, Slav. Bibi. II, 307 und W. Giesebrecht, Geschichte der
Kaiserzeit 11, 600, vgl. 192 f. und Nachträge.
*) Mon. SS. IV, 579. — 4) L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 303.
Digitized by Google
Leben Adalberts von Bruno. Thietmar.
181
Tbietmar von Merseburg.
Auagabe Bf in er Chronik von Wagner, 1807. 4. mit guten Anmerkungen. Die einzige kri-
tisch zuverlässige von Lappenberg Mon. SS. III, 783 — 871. Uebersetzung von Ursinus,
Dresden 1790; von Laurent, mit Vorwort von Lappenberg. 1848. Nachträgliche Be-
merkungen über Thietmars Leben. Archiv IX, 438. Ueber sein Todesjahr Otte in
Foerstemanns Neuen Mitth. V, 8, 141. vgl. Wilmans, Archiv XI, 151. Ueber ein Mefs-
buch und Kalender mit Eintragungen von Thietmars Hand, Hesse ib. IV, 876, und
Ausgabe von Hesse in Höfers Zeitschrift für Archivkunde I, 111 ; vgl. Wilmans, Archiv
XI, 141. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten 111,305. W. Giesebrccht, Gesch. der
Kaiserzeit 1,746. 11,517. Schmckal, über Diethmar von Merseburg, im Jahresbericht
über das Domgymnasium zu Merseburg, 1856. wÄre besser ungeschrieben geblieben.
Thietmar, ein Sohn des Grafen Siegfrid von Walbeck, im Jahre
976 geboren, stammte aus einem der vornehmsten Geschlechter
Sachsens; er war mit den bedeutendsten Fürstenhäusern, selbst mit
den Ottonen verwandt, und die wichtigsten Ereignisse im Reiche
hatten deshalb eine persönliche Beziehung zu ihm, so dafs er früh-
zeitig von allem Kunde erhielt und mit den Verhältnissen des Reiches
vertraut wurde. Von Emnilde, einer Nichte der Königin Mahthild,
erhielt er als Knabe den ersten Unterricht in dem kaiserlichen Stifte
Quedlinburg; vom zwölften Jahre an vollendete er dann seine Schul-
bildung im Kloster Bergen und in Magdeburg selbst An Belesen-
heit in kirchlichen und profanen Schriftstellern fehlte es ihm nicht,
einen guten lateinischen Stil zu schreiben hat er aber nicht gelernt.
Im Jahre 1002 wurde er Propst des Klosters Walbeck, einer Stiftung
seiner Vorfahren und endlich 1009 Bischof von Merseburg; ein Amt,
welches er löblich, aber nur zehn Jahre lang verwaltete, denn er
starb schon am ersten December 1019 in seinem dreiundvierzigsten
Lebensjahre.
Das Bisthum Merseburg hatte, obschon erst von Otto I gegrün-
det, doch schon mannichfaltige und merkwürdige Schicksale erlebt;
zum Gedächtnifs der Ungernschlacht auf dem Lechfelde dem h. Lau-
rentius zu Ehren gestiftet, wurde es schon durch den zweiten Bischof
Gisiler völlig zerstört, um diesem den Weg zum Erzbisthum Magde-
burg zu bahnen, und ungeachtet vielfacher Anstrengungen konnte
die Herstellung doch erst nach Gisilers Tode (1004) erlangt werden.
Diese Ereignisse, so lange sie noch in frischer Erinnerung haf-
teten, für die Nachkommen durch schriftliche Ueberlieferung festzu-
halten, war eine dringende Pflicht, die Thietmar zu erfüllen über-
nahm. Die Geschichte des Ottonischen Hauses, die verschiedenen
Wechselfälle des stets fortgesetzten Kampfes mit den Wenden ge-
hörten mit Nothwendigkeit zu einer Geschichte Merseburgs. Thiet-
mar aber beschränkte sich auch darauf nicht, sondern wie das im
Mittelalter so häufig war, und sich, da so wenig geschrieben wurde
Digitized by Google
182 HI' Ottonen. § 5. Magdeburg. Merseburg. § 6. Lothringen.
und ein Buch schon ein Schatz war, leicht erklärt: da er überhaupt
einmal ein Buch schrieb, so legte er in diesem auch alles nieder,
was ihm denkwürdig schien, alle seine Erlebnisse, die kleinsten wie
die gröfsten, und was er zu Hause und am Hofe sah und hörte,
oder was er in anderen Büchern fand. Noch hat sich seine eigene
Handschrift erhalten, und sie zeigt uns am deutlichsten, wie er ar-
beitete, wie er immer neue Zusätze und Nachträge machte '). Bald
trug er am Rande nach, was ihm später bekannt wurde, bald er-
zählt er rückblickend, was eigentlich an eine frühere Stelle gehört.
Manchmal ist dadurch der Zusammenhang gestört, es sind Wider-
sprüche entstanden, und die Form ist überall mangelhaft: die letzte
Hand fehlt, und auch durch wiederholte Ueberarbeitung hätte der
Verfasser aus diesem lose an einander gereihten Stoffe kein einheit-
liches Geschichtswerk machen können. Aber die ihm vorliegenden
Nachrichten des Widukind, des Ruotger, die Hersfelder, Hildesheimer
und Quedlinburger Annalen, das Leben der Königin Mahthild und
des Bischofs Udalrich von Augsburg nebst der eben erwähnten
Magdeburger Chronik sind doch immer mit verständiger Auswahl
in einander gearbeitet, und mit seiner aus mündlicher Ueberlieferung,
aus Urkunden und späterhin aus eigener Erinnerung geschöpften
Kenntnifs verbunden. Wenn man die rohen Excerpte der Anna-
listen von Hildesheim und Quedlinburg dagegen hält, so kann man
einen bedeutenden Fortschritt nicht verkennen, und es hat noch
lange gedauert, bis man im Stande war etwas besseres zu leisten.
Als Geschichtsquelle betrachtet hat aber Thietmars Werk gerade
einen besonderen Werth dadurch, dafs das Gefüge seiner Bestand-
theile so leicht zu erkennen ist, wodurch die Kritik wesentlich er-
leichtert wird. Andererseits kommt es uns nicht minder zu gut,
dafs er auch geringfügige Umstände nicht verschmähte und deshalb
ein lebendigeres Bild der damaligen Zustände gewährt, in dem wir
dergleichen kleinere Züge nur ungern vermissen würden.
Für die ersten drei Bücher standen Thietmar wenig Quellen zu
Gebote, die wir nicht auch noch besäfsen; aber von dem Anfänge
der Regierung Ottos HI an werden seine eigenen Mittheilungen immer
reichhaltiger. Im Jahre 1012 hatte er die ersten fünf Bücher und
den gröfsten Theil des sechsten vollendet, im Jahre 1014 das sechste,
das siebente 1017 und das letzte erst im Jahre 1018, wenige Monate
vor seinem Tode. Er schrieb also die Geschichte dieser letzten
Jahre gleichzeitig mit den Ereignissen selbst; sein Werk nimmt da
fast den Charakter eines Tagebuches an und verbindet deshalb die
*) Vgl. W. Giesebrecht in den Rankeschen Jahrbüchern II. 1, 156 — 162.
Digitized by Google
Tbietmar von Merseburg. Lothringen. 183
Zuverlässigkeit der besseren Annalen mit gröfserer Fülle und Reich-
haltigkeit.
Dafs es ihm, dem Bischof, der viel am Hofe verkehrte und zum
Rathe des Kaisers gehörte, dem nahen Verwandten der bedeutendsten
Fürsten, nicht an Mitteln fehlte, sich über die wichtigsten Vorfälle
und den ganzen Gang der Begebenheiten genau zu unterrichten, er-
wähnten wir schon ; auch entfernte Begebenheiten bei anderen Völ-
kern und an den fremden Höfen verfolgt er mit bemerkenswerther
Aufmerksamkeit und Kenntnifs. Eben so wenig ist aber auch ein
Grund vorhanden, seine Wahrheitsliebe zu bezweifeln. Sich selbst
schont er durchaus nicht; mit der rührendsten Bescheidenheit deckt
er seine eigenen Fehler und Schwächen auf, und durchgehends be-
währt er sich als einen redlichen Mann von biederer Gesinnung und
bestem Willen. Dafür können wir ihm dann wohl die Unbehülflich-
keit der Darstellung, den oft gesuchten Ausdruck und das gelegent-
liche Prunken mit seiner mühsam erworbenen Gelehrsamkeit ver-
zeihen.
Wegen seines vorherrschend provinziellen Charakters ist Thiet-
mars Werk zwar von sächsischen Schriftstellern viel benutzt worden *),
hat aber eine weitere Verbreitung nicht gefunden.
§6. Lothringen. Köln. Trier. Metz.
Wir haben in Sachsen die neue Entwickelung litterarischer
Tbätigkeit unter der unmittelbaren Einwirkung des Ottonischen
Hauses betrachtet, und auch in Lothringen ist es ein Ludolfinger,
der Kirche und Schule zu neuem Leben weckt, unter dessen Pflege
überall frische Keime hervorspringen, die bald zu reicher Fülle sich
entfalten.
Hoch mehr wie Sachsen war Lothringen durch innere Zwie-
tracht zerrüttet und durch äufsere Feinde verwüstet. Die alten
Stätten der Kultur, die reichen Bischofsitze und Klöster lagen grofaen-
theils in Asche, und von den Einkünften der Stiftsgüter zehrten die
Vasallen, denen sie als Preis ihrer Treue oder Untreue zugefallen
waren; kaum bewahrten ein Paar verwildeter und unwissender Geist-
licher den kirchlichen Charakter von Klöstern, die man früher weit-
hin mit Ehrfurcht und Bewunderung genannt hatte.
Durch Heinrich und Otto wurde das fast verlorene Land den
Westfranken wieder entrissen und mit dem Ostreiche neu vereinigt;
*) so besonders vom Annalista Saxo. Io der Vorrede zu diesem SS. VI, 543
sind auch Berichtigungen der Collaüon der Brüsseler Handschrift des Tbietmar
gegeben.
Digitized by Google
184 III. Ottonen. §6. Lothringen. Köln, Trier, Metz.
aber den inneren Frieden herzustellen, Ordnung zu schaffen und die
beginnende Reform der verwahrlosten kirchlichen Zustände zu pflegen
und zu befestigen, das war die schwere Aufgabe, welche dem Bruder
Ottos des Grofsen, dem Erzbischof Bruno von Köln, zufiel und
von diesem auf das Glänzendste gelöst wurde.
Wir haben schon oben S. 165 der Wirksamkeit dieses ausge-
zeichneten Mannes gedacht, und können um so weniger auf eine
ausführliche Schilderung derselben eingehen, da er selbst nicht als
Schriftsteller aufgetreten ist. Sein Leben hat uns einer seiner Schüler
beschrieben, Ruotger, der Bruno sehr nahe gestanden hatte und
die ihm von dessen Nachfolger Folkmar übertragene Aufgabe nicht
ohne Geschick gelöst hat. Sein Werk gehört zu den besseren Bio-
graphien des Mittelalters, ist reich an Inhalt, wenn auch für unsere
Wünsche viel zu kurz und gedrängt, und fafst das Wesentlichste von
Bruns Leben und Wirken mit richtiger Auffassung und wahrheits-
getreu zusammen. Die Sprache ist nicht eben gewandt und von
den üblichen Ausdrücken der kirchlichen Redeweise erfüllt, aber frei
von Fehlern; man erkennt die gute Schule darin1).
Uebrigens aber haben Bruns Bemühungen in Köln selbst am
wenigsten Frucht gebracht; aufser den unbedeutenden kleinen
Kölner Annalen3) ist keine litterarische Erscheinung weiter an-
zuf Uhren, denn auch die kleine Chronik des Schottenklosters Grofs
Sanct Martin, so wie die Gründungsgeschichte von Gladbach
und das Leben Heriberts, die ihrem Inhalte nach hierher gehö-
ren, sind doch erst in der folgenden Periode verfafst worden.
In Köln war kein Boden für wissenschaftliche Thätigkeit; weder
früher noch später hat es sich dadurch ausgezeichnet. Dagegen
regte sich in Trier, nachdem wieder bessere Zeiten gekommen
waren , der alte Geist aufs Neue. Sogar mitten unter den Stürmen,
welche das unglückliche Land verheerten, hatte man im Kloster
8. Maximin, wie in Korvei, es nicht ganz unterlassen, einige ge-
schichtliche Nachrichten aufzuzeichnen5).
Im Jahre 882 verwüsteten die Normannen das Stift, und auch
hier blieben nur einige Weltgeistliche ohne klösterliche Zucht, aber
schon 934 wurde dieselbe hergestellt, und unter dem Abte Hugo
gedieh das klösterliche Leben so gut, dafs schon 937 König Otto
*) Ruotgeri Vita Brunonis ed. Pcrtz, Mon. SS. IV, 252 — 275 und auch be-
sonders abged ruckt. Urbersclzung von Jasmund. Vgl. Girsebrecht, Geschichte der
Kaiserzeit I, 742. Janssen in den Annalen des Niederrhein. Vereins I, 85. Ueber
die viel spätere zweite Vita (ib. 275 — 279), s. Vogel, Ratherius II, 14 — 18.
s) Annales Colonienses, Mon. SS. I, 97 — 99.
*) Annales S. Maximini, von 708 — 987, Mon. SS. IV, 6. 7.
Digitized by Google
Erzbischof Bruno. Trier. Fortsetzung des Regino. 185
die Mönche fUr Beine neue Stiftung in Magdeburg von hier entnahm.
Unter dem Abte Wiker (957 — 966) verfafste Sigehard, ein Mönch
von S. Maximin, eine Schrift über die Wunder ihres Heiligen, die
auch einige geschichtliche Nachrichten enthält1).
Der Erzbischof liodbert von Trier (930 — 956) war ein ge-
lehrter Mann, der die Wissenschaft liebte; ein Brief Rathers an ihn
zeigt uns, dafs er diesem einige Probleme vorgelegt hatte’). Unter
seinen Nachfolgern waren zwei, Heinrich (956 — 964) und Ekbert
(977 — 993) zu Köln in Bruns Schule gebildet. Die alte Gröfse
Triers, welche aus den gewaltigen Bauwerken der Römerzeit ver-
nehmlich redete, und die vielfachen Ueberlieferungen aus der frü-
heren Zeit eines blühenden kirchlichen Lebens, forderten zur Er-
forschung der Vergangenheit auf, für welche es aber, nachdem in
der normannischen Verwüstung vieles zu Grunde gegangen war, an
zuverlässigen HUlfsmitteln mangelte. Man bemühte sich, Biographien
der alten Trierer Heiligen zu schreiben und überliefs sich aus Mangel
an echten Nachrichten einer regellosen Phantasie, die zu immer un-
sinnigeren Fabeleien führte. So entstand in dieser Zeit jene märchen-
hafte Urgeschichte Triers, welche besonders aus der späteren Bis-
thumsgeschichte bekannt ist3).
Daneben aber wurde im Kloster S. Maximin auch eine Geschichte
der Gegenwart verfafst, in der Form ausführlicher Jahrbücher, welche
wir wohl unbedenklich als die beste Reichsgeschichte dieser Zeit
bezeichnen können, ohne damit den eigenthümlichen Vorzügen Widu-
kinds zu nahe zu treten. Es ist die Fortsetzung der Chronik
des Regino, verfafst um das Jahr 960 und bis 967 fortgeführt von
einem unbekannten Mönche von S. Maximin, der sich nicht allein
durch seine Schreibart als einen der besten Schriftsteller seiner Zeit
zu erkennen giebt, sondern der auch aufserdem eine ungewöhnliche
Stellung haben mufste, um einen so klaren Einblick in den Gang
der Dinge zu erhalten und so zuverlässige Nachrichten sammeln zu
können. Dem Erzbischof Wilhelm von Mainz mufs der Verfasser
nahe gestanden haben, besonders aber Adalbert, dem Mönch von
S. Maximin, der eine Zeit lang Abt von Weifsenburg im Elsafs war,
961 als Bischof nach Rufsland geschickt und endlich 968 auf den
neuen erzbischöflichen Stuhl von Magdeburg erhoben wurde. Da
nun gerade mit diesem Jahre die Fortsetzung abbricht, so hat nicht
ohne Wahrscheinlichkeit W. Giesebrecht die Vermuthung aufgestellt,
') Ex Miracolis S. Maximini, auet. Sigebardo, cd. Waitz, Mon.SS.1V, 228 — 234.
») Vogel, Rathrr I, 98.
*) s. die Vorrede zu den Gesta Trevirorum von Waitz.
Digitized by Google
186
III. Oltonen. § 6. Lothringen. Köln, Trier, Mrtz,
dafs wohl Adalbert selbst der Verfasser sein könnte l). Die Ereig-
nisse in Italien sind ihm ebenso gegenwärtig, wie die lothringischen;
er theilt, wie die Verfasser der alten Reichsannalen, die Gesichts-
punkte des Hofes und ist durchaus nicht in provinzieller Einseitig-
keit befangen, was bei einem Mönche, wie Widukind, der in seiner
Zelle blieb, kaum anders möglich war.
Um an die Chronik des Regino ankniipfen zu können, welche
nur bis 905 reicht, mufste der Verfasser ziemlich weit znrtickgehen,
und für diese entlegene Zeit standen ihm nur wenige Nachrichten
zu Gebote. Besonders sind es die Reichenauer Annalen, welche er
benutzte, aber schon früh (z. B. 919) fügt er ausführlichere Angaben
hinzu, welche eine gute Kenntnifs der Geschichte und klaren Blick
zeigen; nach und nach wird die Erzählung immer reicher, wenn
man auch die Notizen der älteren Annalen noch durchschimmern
sieht. Der letzte Theil ist dann völlig eigenthümlich und berichtet
die Ereignisse der Zeit in einfach schöner Darstellung, in reiner,
ungesuchter Sprache und vollkommen zuverlässig. Für den Zeit-
raum von 960 bis 967 ist keine andere Quelle damit zu vergleichen ;
„ dann verläfst uns leider viel zu früh dieser treue Führer’).
Unter den Suffraganen von Trier ist besonders Metz ausge-
zeichnet durch wissenschaftliche Thätigkeit unter einer Reihe treff-
licher Bischöfe, die mit Adalbero (929 — 962), dem Vetter und
Schüler des Erzbischofs Bruno, beginnt. Von hier besonders ging
durch eigenen inneren Antrieb die neue Klosterreform aus, hier
zuerst fafste sie festen Boden und verbreitete sich dann auch weiter
zn entfernteren Klöstern: diese Erneuerung von unten auf und von
innen heraus, welche allein für die Wirksamkeit des Brun eine
dauernde Grundlage gewähren konnte. Die Bischöfe Adalbero und
Dietrich beförderten diese Richtung und die Thätigkeit der Männer,
welche sie hauptsächlich vertraten, auf alle Weise, und bald sehen
wir die lothringischen Klöster aus tiefem Verfall sich zu einer nenen
und dauernderen Blüthe erheben.
Der Mittelpunkt dieser Bestrebungen war lange Zeit das Kloster
Gorze, dessen Abt Johannes (960 — 973) eine sehr einflufsreiche
Stellung einnahm, und nachdem ihm noch als Mönch die Reform
seines eigenen Klosters gelungen war, die neue strenge Zucht nach
allen Seiten verbreitete. Nach seinem Tode unternahm es sein
*) besonders wegen der Jahre 961, 962. Geschichte der Kaiserzeit I, 740.
Grosfeld (De archiepiscopatus Magd, originibus. Monaslerii 1855. p. 27) nimmt
diese Ansicht an, die auch Büdinger wahrscheinlich findet.
*) Continuator Regionis ed. Perlz, Mon. SS. I, 614 — 629 und eine Ergänzung
zum Jahre 967 SS. VI, 620. Uebersetzung von Büdinger, 1857.
Digitized by Google
Metz. Johannes von Gorze.
187
Freund und der Genosse seiner Wirksamkeit, Abt Johannes von
Arnulfskloster zu Metz, sein Leben zu beschreiben, und er be-
gann die Ausführung dieser Aufgabe mit besonderer Liebe und gutem
Erfolge. Die Regeneration des Klosterwesens in Lothringen liegt
uns darin in sehr ausführlicher Schilderung vor; weiterhin gewinnt
dieses Werk noch eine ganz eigenthümliche geschichtliche Wichtig-
keit dadurch, dafs Johannes es war, welcher im Jahre 956 sich be-
reit finden liefs, für den König Otto als Gesandter zum Kalifen Ab-
derrahman nach Kordova sich zu begeben. Auch diese Reise ist
hier sehr ausführlich beschrieben, leider aber bricht unser Text mitten
in dieser eben so merkwürdigen, wie anziehenden Darstellung ab;
das Uebrige ist verloren, vielleicht auch die zu ausführlich ange-
legte Arbeit nie ganz vollendet worden. Schon einmal, im J. 978,
als ein bedeutender Theil derselben vollendet war, hatte der Ver-
fasser sie unterbrochen, und es bedurfte des Zuspruches der Bischöfe
Dietrich von Metz und Folkmar von Utrecht, um ihn zur Fortsetzung
zu bewegen ; ob er sie aber wirklich zu Ende geführt hat, ist zwei-
felhaft und kaum wahrscheinlich1).
Auch Johannes von Gorze ist als Schriftsteller thKtig gewesen;
wir haben von ihm eine Schrift Uber die Wunder des h. Gorgo-
nius*), dessen Leib in seinem Kloster als kostbarster Schatz ver-
wahrt wurde, und eine andere über die Wunder der h. Glode-
sinde *). In beiden sind auch geschichtliche Nachrichten, namentlich
über die Klosterreform des Metzer Sprengels enthalten, welche schon
Johann von Metz in seiner Lebensbeschreibung benutzt hat. Aufser-
dem ist ihm von Pcrtz auch mit grofser Wahrscheinlichkeit das
Leben des Bischofs Chrodegang von Metz beigelegt worden,
welches jedoch nur aus denselben Quellen geschöpft ist, die auch
uns zu Gebote stehen und sich daher den zahlreichen Paraphrasen
alter Heiligenleben anreiht, welche durch die höheren Anforderungen
der gebildeteren Nachfolger hervorgerufen wurden4).
Wir erwähnten schon, dafs der Bischof Dietrich von Metz
(965 — 984), der ebenfalls aus der Schule des Erzbischofs Brun
stammte, nicht minder wie Adalbero bemüht war, seinen Sprengel
in jeder Beziehung zu verherrlichen; er beförderte eitrigst die
Klosterreform, und die Römerzüge der Ottonen dienten ihm dazu,
*) V. Johannis Gorziensis ed. Pertz, Mon. SS. IV, 337 — 377. Vgl. W. Giese-
brecht, Gosch, der Kaiserzeit !, 479 ff. 745. 785.
*) Miracula S. Gorgonii, Mon. SS. IV, 235. 238—247.
3) Mab. IV, 1, 436. Auszug Mon. SS. IV, 236—238.
*) Mon. SS. X, 552 — 572. Pertz, Ueber die Vita Chrodegangi in den Abh.
der Berl. Ak. 1852. S. 507 ff
Digitized by Google
188 III. Ottonen. § 6. Lothringen. Köln, Trier, Metz.
zahlreiche Heiligenleiber für Lothringen zu erwerben. Zugleich nahm
er auch in der politischen Geschichte der Zeit eine sehr bedeutende
Stellung ein. Wir besitzen eine Biographie von ihm1); sie ist aber
nicht von einem Zeitgenossen, sondern erst ein Jahrhundert später
von Sigebert von Gembloux verfafst.
Glücklicher war sein nicht minder ausgezeichneter Nachfolger
Adalbero H (984 — 1005), der Dietrichs Wirksamkeit in entsprechen-
der Weise fortsetzte, indem er einen ganz vortrefflichen Biographen
fand an Konstantin, dem Abte des von ihm wieder hergestellten
Schottenklosters S. Symphorian zu Metz®).
Um dieselbe Zeit schrieb auch ein Mönch im Kloster Horn-
bach im Sprengel von Metz ein Buch Uber das Leben und die
Wunder des heiligen Pirmin, der im achten Jahrhundert das Kloster
gestiftet hatte, und widmete sein Werk dem Erzbischof Ludolf von
Trier (994 — 1008). Geschichtlichen Werth für jene entlegene Zeit
hat es kaum, und ist, wie so viele ähnliche Producte, mehr ein ge-
fährliches Irrlicht für den Forscher als eine wirkliche Quelle für
historische That Sachen5). Dagegen enthalten die von Mone zuerst
bekannt gemachten Wunder4) (bis 1012) einige geschichtliche Nach-
richten, namentlich Uber Heinrichs II Zug nach Lothringen i. J. 1009.
So entwickelte sich in Metz jener den Lothringern besonders
eigene Sinn für Localgeschichte, der sich in Biographien, Kloster-
Chroniken und Schriften zur Verherrlichung der Ortsheiligen in
grofser Fülle kundgegeben hat. Der allgemeinen Geschichte wandte
sich nur ein unbekannter Schriftsteller zu, welcher in den Annalen
von Metz5) eine Compilation ähnlicher Art zustande brachte, wie
sie uns schon so häufig vorgekommen sind. Während aber andere
Annalen Bedeutung gewinnen, wo sie sich der Zeit des Verfassers
nähern, hat sich dieser Compilator ganz mit der Geschichte Widu-
kinds begnügt, und sein Werk hat daher nur für die früheren Zeiten
Bedeutung, insofern für uns verlorene Quellenschriften darin ent-
halten sein können. Und allerdings weichen die Nachrichten, welche
sich hier finden, vielfach von den Quellen ab, die auch uns bekannt
sind und die den übrigen Theilen der Metzer Annalen deutlich zu
Grunde liegen. Eine genauere Prüfung hat aber ergeben, dafs diese
') Vita Deoderici Mettensis ed. Pertz, Mon. SS. IV, 461.
*) Vita Adalberonis II Mettensis episeopi ed. Pertz, Mon. SS. IV, 658 — 672;
geschrieben um das J. 1015.
*) Gedr. bei Mab. 111,2, 140—153 ed. Par. Vgl. Mone, Quellens, p. 36 — 38.
Stalin I, 168. Rettb. 11,52 u. über die ältere Vita oben p. 146.
*) Quellensammlung p. 45 — 50.
6) Annales Mettenses ed. Pertz, Mon. SS. 1, 314 — 336.
Digitized by Googl
Annalen von Metz. Alpert. Verdun. Toul. 189
Nachrichten anfserordentlich unzuverlässig sind; es läfst sich mit
Bestimmtheit nachweisen, dafs der Verfasser, wo seine Quellen ihm
zu dürftig erschienen, aus freier Phantasie die Thatsachen erweitert
und ausgeschmückt hat, und deshalb kann man auch da, wo dieses
Verhältnis nicht so klar vorliegt, doch kaum einen Gebrauch von
seinem Werke machen.
Schliefslich ist noch ein Mönch jenes schon erwähnten Klosters
des heil. Symphorian zu nennen, der nur zum Theil dem Metzer
Sprengel angehört, Alpert nämlich, der an das Werk des Paulus
Diakonus anknüpfend eine Geschichte der Bischöfe von Metz1)
verfafste, von welcher jedoch nur ein Bruchstück erhalten ist. Er
widmete sie dem Abte Konstantin. Später aber kam er in den
Utrechter Sprengel, und hier schrieb er um 1022 sein Buch Uber
den Wechsel der Zeiten’), worin er in bunter Mannichfaltigkeit
von allerlei Vorfällen aus diesen Gegenden erzählt: ein Vorrath ge-
schichtlichen Stoffes ohne bestimmte Ordnung, der um so willkom-
mener ist, da wir sonst nur wenig Kunde von diesem entlegeneren
Theile des Reiches besitzen. Unter Bischof Balderich (918 — 976),
dem Erzieher Bruns, erhielt sich hier wohl einige wissenschaftliche
Thätigkeit3), aber Erzeugnisse derselben sind uns wenigstens nicht
erhalten.
Auch aus Verdun verlautet aus dieser Periode nichts, mit
Ausnahme der Bisthumsgeschichte von Berthar, deren wir schon
oben gedachten, weil sie nur bis auf die Zeit des Kaisers Arnulf
reicht. Der Bischof Wikfrid (962—984), ein geborener Baier, war
zu Köln in Bruns Schule gebildet, Heimo (991 — 1024) unter Notker
von Lüttich. In dem Kloster S. Mihiel an der Maas lehrte am
Anfänge dieser Periode der Grammatiker Hildebold, ein Schüler des
hochgefeierten Lehrers Remigius. Johannes von Gorze wurde seiner
Zucht anvertraut, äufserte sich aber ziemlich ungünstig über die Ver-
dienste seines Lehrers.
Auch Toul besafs an Gerhard (963 — 994), einem Schüler
Bruns, einen jener ausgezeichneten Bischöfe, welche die Zeit der
Ottonen zieren; er wurde später als Heiliger verehrt, und der Abt
Widerich von S. Evre beschrieb sein Leben, jedoch erst lange
nach seinem Tode unter der Regierung Heinrichs HI. Die Schule
*) Alperti de episcopis Mettensibus libellus ed. Pertz, Mon. SS. IV, 697.
’) Alperti de diversitate temporum libri II ed. Pertz, Mon. SS. IV, 700.
*) Sein Vorgänger Ratbod (899 — 918) wird als Verfasser eines Lebens des
b. Bonifaz von Trithemius genannt, und die Gothaer Handschrift fol. 64 schreibt
ibm die Legende des sog. Anonymus Ultrajectensis zu, was jedoch nach Rettberg
I, 332 unstatthaft ist.
Digitized by Google
190
UI. Ottonen. § 7. Lüttich.
des Bisthums wird am Anfänge des elften Jahrhunderts als blühend
und ausgezeichnet gerühmt; Graf Brun, später als Papst Leo IX ge-
nannt, und Adalbero III , Bischof von Metz , erhielten hier ihre Er-
ziehung. Wir erkennen darin wieder die Einwirkung der beginnen-
den Blüthezeit Lüttichs, wo Bischof Hermann oder Hezelo (1018 —
1026) unter Notker gebildet war.
§ 7. Lüttich.
In Lüttich finden wir schon am Anfänge dieser Periode einen
Bischof, der sich als Schriftsteller versucht hat und durch gelehrte
Bildung ausgezeichnet war, Stephan (901 — 920), früher Domherr
zu Metz, der das alte Leben des h. Lambert neu überarbeitet hat1).
Vogel (I, 24) vermuthet in ihm den Lehrer des Batherins, jenes
unstäten Mönches des Klosters Lobbes, der eben so sehr durch seine
wechselnden Schicksale, wie durch seine umfassende Gelehrsamkeit
aber auch durch seine seltsam gesuchte und absichtlich dunkle und
verworrene Schreibart merkwürdig ist Sein Ehrgeiz, sein unver-
träglicher Charakter, sein beifsender Witz, mit dem er unbarmherzig
die Fehler seiner Zeitgenossen geifselte, während er in seinen Be-
kenntnissen eben so schonungslos seine eigenen Sünden beichtete,
liefsen ihm nirgends Ruhe, und machten es ihm unmöglich, als
Bischof von Verona und von Lüttich den Widerstand seiner vorneh-
meren und mächtigen Gegner auszuhalten. Seine Schriften, so lehr-
reich sie sind, können doch nicht als Geschichtswerke betrachtet
werden, und auch das Leben des h. Ursmar ist nur eine stilistische
Ueberarbeitung der älteren Legende*). Die Beschäftigung mit gram-
matischen, philosophischen und theologischen Studien war lange in
Lüttich vorherrschend, und erst spät begann man auch hier sich
ernstlich mit der Geschichte zu beschäftigen, wenn man es auch
nicht ganz unterliefs, kurze Notizen am Rande von Ostercyklen ein-
zutragen.
So wie Rather immer von neuem in die politischen Wirren
hineingezogen wurde, so liefsen auch in Lüttich die lothringischen
Parteikämpfe lange keine ruhige Entwickelung friedlicher Studien
auf kommen. Von 945 — 947 war ein gelehrter Abt von S. Maximin,
Hugo, Bischof, 953—955 Rather, aber dieser konnte nicht zu irgend
einer Wirksamkeit gelangen, und unter Balderich, der ihn verdrängte,
*) Bahr S. 259. Abdruck bei Surius zum 17. Sept. Chapeaville I, 350.
s) Ucber Rather (sl. 974) Vogel, Ratherius von Verona und das zehnte Jahr-
hundert. Jena 1854. 2 Bände. W. Giesebrecht, Gesell, der Kaiserzeit 1, 307. Opera
edd. Petrus et Hieronymus fratres Ballerini presbyteri Veronenses. Veronae 1765. fol.
Digitized by Google
Ratherius. Lüttich und Lobbes.
191
fand die Wissenschaft keine Stätte. Dann aber bestieg auch hier
ein Schüler Bruns, Ebrachar (959 — 971), den Bischofstuhl, und
ihm folgte 972 — 1008 Notker, bis dahin Propst im Kloster
S. Gallen, ein Mann, der in jeder Beziehung höchst ausgezeichnet
war, der während der Minderjährigkeit Ottos III als Regent Italien
verwaltete und in Lüttich jenen hohen Glanz der Schulen begrün-
dete, dessen Ruf sich bald durch die ganze Christenheit verbreitete.
Bald strömten lernbegierige Jünglinge von allen Seiten her an der
Maas zusammen, während eben so bedeutende Lehrer von hier aus-
gingen und den Wirkungskreis der Lütticher Schule immer weiter
ausbreiteten; sogar in Paris bei S. Genofeva lehrte der Lütticher
Hubald mit aufserordentlichem Beifall1).
Im Jahre 960 war im Kloster Lobbes, das bis dahin dem
Bischof von Lüttich untergeben war und das durch die Kämpfe der
Parteien und die rechtlosen Zustände viel gelitten hatte, das regel-
mäfsige Klosterleben unter einem eigenen Abte wieder hergestellt
worden, und einige Zeit darauf, um 980, also gerade ein Jahrhundert
nach dem Endpunkte der alten Jahrbücher des Klosters1), begann
man auch hier, wie an so vielen anderen Orten, Annalen zusammen-
zustellen, eine grofse Compilation aus bekannten Quellen, denen
kurze einheimische Notizen hinzngefügt wurden *). Diese Arbeit
wurde nicht weiter fortgesetzt, wohl aber andere, viel kürzer ge-
haltene Annalen, die im Jahre 1000 compilirt wurden und uns in
abgeleiteter Gestalt in zwei Exemplaren erhalten sind, deren eines
aus Lobbes, das andere aus Lüttich stammt. Bis 1054 stimmen
beide überein ; von da an sind beide selbständig, beide in trockener
abgerissenerWeise fortgesetzt; die Lütticher bis 1121, die des Klo-
sters Lobbes dagegen bis in die neuere Zeit4).
Bedeutender ist die Klostergeschichte des Abtes Folkuin s),
die bis zum Jahre 980 reicht. Ebrachar hatte ihn 965 zum Abte
erhoben, und 25 Jahre lang verwaltete er sein Amt in grofsem An-
sehen bei den trefflichen Männern, welche um diese Zeit die ver-
*) Anselm c. 2!). Mon. Germ. SS. VII, 205 nennt als Notkers Schüler aufser
Hubald, Günther v. Salzburg (1024 — 1025), Ruthard u. Erluin v. Cambray (979 —
995 — 1012), Heimo v. Verdun (991 — 1024), Hezelo v. Toul (1018 — 1026), Adal-
bold v. Utrecht (1010 — 1027). Hubald wurde vom Bischof Balderich auf einige
Zeit nach Prag gesandt
a) Ann. Laubacenses bis 885. Mon. SS. I, 7 — 13.
3 ) Würdtwein Nova Subsidia dipl. XIII, 151 — 214, cf. Mon. SS. 11, 192;
p. 209 — 211 die hieraus genommenen Annales Lobienses von 900 — 982.
4) Annales Laubienses 418 — 1505, Leodienses 58 — 1121, mit einer Fortsetz,
aus dem Kloster Fosses bis 1389, ed. Pertz Mon. SS. IV, 8— 35.
*) Folcuini Gesta Abbatum Lobiensium ed. Pertz, Mon. SS. IV, 52 — 74.
Digitized by Google
192 III. Ottonen. § 7. Lüttich. § 8. Alamannien.
schiedenen Bischofsitze zierten. Er war früher Münch in S. Bertin
gewesen nnd hatte schon hier die Urkunden des Stiftes gesammelt
und mit Lebensnachrichten der Aebte versehen; dieser Thätigkeit
entsprechend legte er auch der Geschichte von Lobbes die Urkunden
seines Klosters nebst den ihm zugänglichen Werken Einhards, Flo-
doards, Ruotgers und anderer zu Grunde. Ist ihm nun auch die
Verarbeitung dieses Stoffes wenig gelungen, so ist doch schon das
Streben nach einer urkundlichen Geschichtschreibung bemerkens-
werth, und für die spätere Zeit, wo er die eigenen Erlebnisse zu
schildern hat, empfiehlt er sich durch Wahrheitsliebe und Einfach-
heit, wenn auch die Kürze der Erzählung unbefriedigt läfst.
Folkuins Nachfolger in LobbeB war Heriger (990 — 1007), ein
vertrauter Freund des Bischofs Notker, den er im Jahre 989 nach
Italien begleitete und mit dem er auch sich zu gemeinsamer Arbeit
vereinigte. Schon im Jahre 980 schrieben beide zusammen für die
Kirche zu Gent ein Leben des alten Heiligen Landoald, und wohl
schon früher verfafste Heriger, von Notker dazu aufgefordert und
unterstützt, die ältere Geschichte des Lütticher Bisthums1). Er ge-
langte damit aber nicht weiter als bis zum Jahre 667, so dafs das
Buch als Geschichtsquelle kaum in Betracht kommt, und litterarisch
kann man es leider nur als ein ganz verfehltes Werk betrachten
wegen der unverständigen Anwendung der Gelehrsamkeit, welche
dem Verfasser allerdings in reichem Mafse zu Gebote stand. Aber
kaum kann man einen übleren Gebrauch davon machen, als wenn
man lange Reden aus Stellen der Klassiker zusammensetzt und diese
dann alten Heiligen der merowingischen Zeit in den Mund legt.
Ein Schüler Notkers und Herigers war Adalbold, Bischof
von Utrecht (1010 — 1027), ebenfalls durch seine Gelehrsamkeit be-
rühmt, aber eben so wenig vorzugsweise der Geschichte zugewandt.
Es entspricht dem Charakter dieser Schule, dafs ein Leben Kaiser
Heinrichs n2), welches ihm zugeschrieben wird, mit rhetorischem
Schmucke überladen, der Inhalt aber fast ganz aus Thietmar von
Merseburg genommen ist. Freilich ist es kaum glaublich, dafs ein
Mann wie Adalbold, der selbst am Hofe zum Rathe des Kaisers ge-
hört hatte, nicht mehr aus eigener Kenntnifs hinzugefügt haben
sollte, aber wir besitzen auch nur ein Fragment, den Anfang des
Werkes.
*) Gesta episcoporum Leodiensium ed. Koepke, Mon. SS. VII, 134.
*) ViU Heinrici II auct. Adalboldo ed. Wailz, Mon. SS. IV, 679 — 695. Nach
W. Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit II, 519 wäre das Werk unvollendet, wie wir
es besitzen, geblieben; es kommt auf die Auslegung der Worte Alperls 1,5 an.
Digitized by Google
Heriger. Adalbold v. Utrecht. Burchard v. Worms. 193
Später übernahm man in dem von Heinrich gestifteten Bisthura
Bamberg die Bewahrung seines Andenkens und machte hier aus
dem tüchtigen und umsichtigen Kaiser, dem wackern Kriegsmanne,
der nur selten aus den Waffen kam, einen gewöhnlichen Legenden-
heiligen; es bildete sich hier ein völlig entstelltes Bild aus, welches
auf die richtige Erkenntnifs und Darstellung der Geschichte einen
sehr nachtheiligen Einflufs geübt hat1). Denn was die geistlichen
Schriftsteller des Mittelalters gelobt hatten, tadelten die neueren
Historiker; die ^tatsächliche Grundlage aber wurde nirgends genü-
gend untersucht, bis in neuester Zeit W. Giesebrecht mit umfassender
und eindringlicher Benutzung der echten gleichzeitigen Quellen eine
besser begründete Schilderung jenes Kaisers in die Geschichte ein-
führte. "
Notkers Nachfolger in Lüttich, BalderichH (1008 — 1018),
früher Vizthum der Regensburger Kirche, wird als ein trefflicher
Mann gerühmt; er stiftete das Kloster S. Jacob und fand hier auch
einen Biographen, der jedoch erst um die Mitte des Jahrhunderts
schrieb und den Bischof nicht mehr persönlich gekannt hatte2).
Ein ausgezeichneter Zögling der Schule zu Lobbes wurde von
Otto HI im Jahre 1000 ( — 1025) zum Bischof von Worms berufen,
Burchard, der als der gelehrteste Kanonist seiner Zeit bekannt
und berühmt ist, und der sein gänzlich verfallenes Bisthum zu neuer
Blüthe erhob. Er fand Worms noch in Ruinen nach der Verwüstung
durch die Ungern, und die Fehden des Adels hinderten jeden Fort-
schritt zu besseren Zuständen. Durch die Schilderung dieser Zu-
stände und der Art, wie es Burchard gelang den Uebelständen ab-
zuhelfen, ist dessen Biographie sehr lehrreich, so wie andererseits
Burchards einflufsreiche und angesehene Stellung bei Otto IH und
Heinrich II ihr auch für die Reichsgeschichte Bedeutung verleiht.
Sie ist von einem Zeitgenossen verfafst und gehört durchaus zu den
besseren Werken dieser Art3).
§ 8. Alamannien.
Stälins Wirtemberg. Geschichte If 605 ff.
Die Schulen von S. Gallen und Reichenau bewahrten auch
in dieser Zeit ihren alten Ruhm und erhoben sich zu hoher Blüthe;
es wurde manches hier geschrieben, aber wie Schwaben damals der
*) Adalberti Vita Heinrici II ed. Waitz, Mon. SS. IV, 792 — 814.
*) Vila Balderiri ep. Leod. ed. Waitz, Mon. SS. IV, 724 — 738.
3) Vila Burchardi YVormat. cd. Waitz, Mon. SS. IV, 829 — 846. vgl.YV.Giese-
brecht, Gesch. der Kaiserzeit I, 748.
13
Digitized by Google
194
III. Ottonen. § 8. Alamannien.
Reichsgeschichte ferner stand, wie den Alamannen der sächsische
Kaiserhof weit fremder war als der karolingische, so nahm auch
das ganze Leben einen provinziellen Charakter an, und während wir
in Sachsen und in Lothringen Geschichtswerke von allgemeinerem
Gesichtspunkte entstehen sahen, beschränkt sich hier die Litteratur
auf Schriften von engerem Gesichtskreise. Annalen freilich sind
auch hier geschrieben und darin auch, wie überall, von Kaiser und
Reich berichtet; ihre Notizen sind als gleichzeitige Aufzeichnungen
wichtig, aber sie zeigen kein Streben nach zusammenhängender Dar-
stellung, wie die gröfseren sächsischen Jahrbücher und der Fort-
setzer des Regino. So wurden in S. Gallen die alten Alamannischen
Annalen bis 926 fortgesetzt1); um die Mitte des Jahrhunderts ent-
standen dann die gröfseren Annalen von S. Gallen, bis 955 von einer
Hand geschrieben und von verschiedenen Schreibern gleichzeitig
mit den Ereignissen bis 1044 fortgeführt3), die S. Galler Gelehrsam-
keit durch Anwendung von Stellen alter Schriftsteller bekundend3).
Dagegen liefs man in Reichenau, wo längere Zeit hindurch die
alten Murbacher Annalen fortgesetzt waren, schon mit dem Jahre
939 von dieser Thätigkeit ab; ein Exemplar dieser Annalen ist merk-
würdig durch die von Ottos des Grofsen Sohn Wilhelm eigenhändig
am Schlüsse zugesetzte Nachricht von seiner Erhebung zum Erz-
bischof von Mainz (954) und dem gleichzeitig zwischen dem Kaiser
und seinem Sohne Ludolf geschlossenen Frieden4).
Auch die W'eingarter Annalen hören schon mit dem Jahre 936
auf5). In Einsiedeln aber wurden um das J. 966 Annalen zusam-
mengestellt, und bis 1057, in einer anderen Handschrift bis 1268
gleichzeitig fortgeführt“). Im nahen Elsafs wurde in Weifsenburg
ein Exemplar der Hersfelder Annalen in einen Auszug gebracht und
von 985 bis 1075 fortgesetzt7).
Bei weitem das bedeutendste Werk für die Geschichte dieser
») Mon. SS. I, 52—56.
s) Ann. S. Galli maiores, früher Hepidanni genannt, ed. Pertz, Mon. SS. I, 73-85.
Stalin I, 420.
3) Strehlke de Heinrici III bellis Ungaricis p. 35.
4) Annales Augienses von 709 — 858 und selbständig 860 — 939 (953. 954),
in diesem letzten Theile als gleichzeitige Aufzeichnung wichtig und Quelle Her-
manns des Lahmen. Mon. SS. I, 62. 67 — 69. vgl. II, 238 und Waitz, Nachrichten
von der Göttinger Univ. 1857. S. 53 über die Pariser Handschrift.
“) Mon. SS. I, 65-67.
•) Ann. S. Meginradi, Ileremi und Einsidlenses ed. Pertz, Mon. SS. III, 137 —
149. Vgl. Stalin 1, 420 und Gail Morel über den Liber Heremi im Geschichtsfreund
1843. 1,91 — 152. Aeltere Elemente sind darin mit späteren Zusätzen so gemischt,
dafs kaum ein Gebrauch davoD zu machen ist.
7) Annales Weifsenburgenses ed. Pertz, Mon. SS. III, 33 — 65. 70 — 72.
Digitized by Google
S. Gallen und Reichenau.
195
Zeit ist die Fortsetznng der Klosterchronik von S. Gallen, deren wir
schon oben gedachten, nnd die uns das anschaulichste und lebendig-
ste Bild gewährt von einem schön und reich entwickelten Kloster-
leben, dessen Mittelpunkt die Schule ist. Der Verfasser dieser Fort-
setzung ist Ekkehard, ein Schüler Notkers deB Deutschen, der
zuletzt der Schule zu Mainz Vorstand und um 1036 gestorben ist.
Voll liebevoller Erinnerung an seine Heimath schilderte er mit der
anziehendsten Ausführlichkeit, mit einer reichen Fülle von einzelnen
Zügen, die uns ganz in das Innerste des Klosters einführen, die
Schicksale desselben, die Thätigkeit der verschiedenen Lehrer und
ihr Leben mit einander; aber freilich hatte er dafür keine andere
Quelle als das Gedächtnifs an eine schon sehr fern liegende Vergan-
genheit, an Erzählungen, die er in seiner Kindheit gehört hatte.
Es ist daher nicht zu verwundern, dafs sich ihm in den Einzelheiten
vielfache Irrthümer nachweisen lassen; die kulturgeschichtliche Be-
deutung der Schilderung wird aber dadurch wenig gemindert, Ton
nnd Färbung des Bildes werden wir als wahrhaft anerkennen können,
wenn auch die Umrisse einzelner Gestalten täuschen. Leider hat
Ekkehard sein Werk nur bis zum Jahre 971 geführt, und weit über
ein Jahrhundert verging nach ihm, bevor man wieder an die weitere
Fortsetznng dachte1).
Schätzbar durch Nachrichten Uber den verheerenden Einfall der
Ungern im J. 926 ist die sonst nicht bedeutende Lebensbeschreibung
der Klausnerin Wiborada, von dem S. Galler Mönche Hart mann
erst gegen das Ende des Jahrhunderts verfafst*).
Das Kloster Beichenau erhält eine besondere Bedeutung da-
durch, dafs es an der Hauptstrafse nach Italien lag. Bischöfe von
Verona haben hier Kirchen gestiftet; griechische und italienische
Pilger und Reisende werden erwähnt, und auch Irländer und Isländer
lassen sich hier nachweisen. Durch Nachrichten dieser Art verdie-
nen die Wunder des h. Markus Berücksichtigung, dessen Reli-
quien angeblich 830 von Venedig nach Reichenau gebracht sein
sollten. Die schon damals vielfach laut gewordenen Zweifel an der
Echtheit der Reliquien veranlafsten natürlich eine um so viel gröfsere
Zahl von Wundern, und auch die Abfassung eines apologetischen
Berichtes darüber, welcher noch unter Heinrich I oder gleich nach
seinem Tode geschrieben ist’). Eine andere Reliquie, die als eine
*) Casus S. Galli anct. Ekkehardo IV, ed. v. Arx. Mon. SS. II, 74 — 147; vgl.
Wailzin Schmidts Zeitsch. IV, 100. Dümmler, Formelbuch des B. Salomo III, S. 108.
2) Vita S. Wiboradae ed. Waitz, Mon. SS. IV, 446. 452—457. Vgl. Stalin 1,424.
’) Miracula S. Marci ed. Waitz, Mon. SS. IV, 445. 449 — 452 im Auszuge,
Vollständig bei lüone, Quellensammlung S. 61.
13 *
Digitized by Google
196
III. Ottonen. § 8. Alamannien.
besondere Kostbarkeit betrachtet wurde, war ein Kreuz mit dem
Blute Christi, das durch einen Araber Hassan an Kaiser Karl
gebracht sein sollte und 925 nach Reichenau geschenkt wurde. Ne-
ben vielem Fabelhaften, das aber für die Sagengeschichte nicht un-
wichtig ist, enthält die darüber verfafste Schrift doch auch einige
geschichtliche Nachrichten1). Aehnlicher Art sind auch die im An-
fänge des elften Jahrhunderts in Zurzach beschriebenen Wunder
der h. Verena2).
Von mehr geschichtlichem Inhalt ist ein Gedicht zu Ehren des
Abtes Witigowo (985 — 997), von Purchard im J. 994 nicht ohne
Geschmack und Kunstfertigkeit verfafst. Er läfst darin die Augia
selbst auftreten, trostlos Uber die häufige Abwesenheit des Abtes,
der bald am kaiserlichen Hofe weilt, bald die Stiftsgüter mit Kirchen
schmückt; ausführlich berichtet sie von seinen Verdiensten, nament-
lich dem Neubau des Klosters. Ein Nachtrag vom J. 996 berührt
die Theilnahme des Abtes an Ottos III Römerzuge3).
Im J. 1006 nöthigte Heinrich H den Mönchen wider ihren Willen
den Abt Immo auf, welcher schon den Klöstern Gorze und Prüm
Vorstand, und die strenge lothringische Zucht mit grofser Härte den
Mönchen aufzudringen versuchte, was viele von diesen zur Flucht
veranlafste und dem Kloster grofsen Schaden that. Davon hat der
Mönch Rudpert in Prosa und in Versen berichtet4), sein Werk ist
aber verloren. Nach zwei Jahren erlöste der König Reichenau von
seinem Zuchtmeister und gab ihnen Bern aus dem Kloster Prüm
zum Abte, welcher den früheren blühenden Zustand wieder herstellte.
Diese beiden grofsen Klöster scheinen alles an sich gezogen zu
haben, was an litterarischer Thätigkeit noch vorhanden war; Kon-
stanz, so sehr es durch bedeutende Bischöfe ausgezeichnet war,
tritt litterarisch gar nicht hervor, denn Salomo HI, dessen Formel-
buch und Gedichte oben (S. 145) erwähnt wurden, gehört ganz dem
Kloster S. Gallen an, welchem er seine Bildung verdankte und in
dem sein Andenken immer fortlebte. Von dem Bischof K onrad
(935 — 976) giebt es freilich eine Biographie6); sie ist aber erst
150 Jahre nach seinem Tode geschrieben und von geringem Werthe.
Das Leben des Bischofs Gebehard (980 — 995) ist ebenfalls erst
*) Ilistoria Sanguinis Domini, gedr. im Auszuge v. Waitz, Mon. SS. IV, 445.
446 — 449; vollständig bei Mone S. 67. Später wiederholt überarbeitet, auch in
deutschen Reimen, von Albert, herausgegeben von Schmeller, München 1844.
2) Miracula S. Verenae ed. Waitz, Mon. SS. IV, 457—460. Stalin I, 423.
s) Carmen Purchardi de Gestis Witigowonis ed. Pertz, Mon. SS. IV, 621 — 632.
4) Ilerim. Aug. Chr. ad a. 1006.
6) Vita Chuonradi Const. ep. ed. Pertz, Mon. SS. IV, 436.
Digitized by Google
Reichenau, Konstanz, Strafsburg, Augsburg. 197
viel später, im zwölften Jahrhundert, in seiner Stiftung Petershausen
verfafst; es enthält einige merkwürdige Nachrichten Uber den Bau
des Klosters1).
Wir haben schon gesehen, wie S. Gallen auch in die Ferne
wirkte durch seinen Propst Notker, der 972 Bischof von Lüttich
wurde. Mit Weifsenburg im Elsafs war vielfacher Verkehr und auch
mit Strafsburg, besonders unter dem Bischof Erchenbald (965
bis 991). Dieser berief, zur Zeit des Abtes Burchard (958 — 971),
den S. Galler Mönch Viktor, einen fähigen und gelehrten, aber un-
ruhigen Mann von vornehmer Abkunft nach Strafsburg, wo er mit
Erfolg als Lehrer wirkte2). Nach dem Tode des Bischofs zog der
in früherer Zeit geblendete Viktor sich als Eremit in die Einsamkeit
zurück. Erchenbald aber hat auch selbst einige Verse Uber seine
Vorfahren im Bisthum verfafst“), und ihm überreichte ein anderer
Mönch von S. Gallen, Gerald, eine Abschrift von Ekkehards Wal-
tharius *). Andererseits wirkte auch Frankreich auf Strafsburg ein;
auch Konstantius, der berühmte Scholaster von Luxeuil hat hier
gelehrt.
Aus der Klosterschule von S. Gallen aber, wo ein grofser Theil
der jungen vornehmen, zu hohen Kirchenämtern bestimmten Geist-
lichkeit erzogen wurde, ging auch der ausgezeichnetste Bischof hervor,
den Alamannien in der Ottonisehen Zeit besessen hat, Udalrich,
aus dem Hause der Grafen von Dillingen, der von 924 bis 973 dem
Sprengel von Augsburg Vorstand und ein segensreiches Andenken
hinterlassen hat. Ohne Zweifel würde er hier eine reiche Entfaltung
geistiger Thätigkeit hervorgerufen haben, wenn nicht die schweren
Zeiten, welche Ludolfs Aufstand und der Ungernkrieg Uber Stadt
und Sprengel brachten, seine Wirksamkeit gehemmt hätten. Die
Folgen dieser Ereignisse sind gewifs noch lange fühlbar gewesen;
doch finden wir zu Bischof Liutolds Zeit (989 — 996) in einem Briefo
des Wigo von Feuchtwangen6) den blühenden Zustand der Augs-
burger Schule gerühmt, und zugleich zeigen uns diese zufällig er-
haltenen Briefe ein lebhaftes litterarisches Streben in dem Kloster
Feuchtwangen, im nördlichsten Winkel des Augsburger Bisthums.
Wir dürfen daraus wohl den Schlufs ziehen, dafs noch an vielen
Orten eifrig gelehrt und gelernt wurde, ohne dafs uns eine Nach-
richt auf bewahrt ist, dafs auch vieles geschrieben worden ist, was
*) Vita Gebehardi ed. Wattenbach, Sion. SS. X, 582.
а) Urbem suam doctrinis eius floridam fecit. Sion. II, 116.
3) Böhmers Fontes 111, Xll u. 1 — 4. — *) Haupts Zeitschrift IX, 150.
б) B. Pez Tbes. VI, 115.
Digitized by Google
198 UI- Ottonen. § 8. Alamannien. § 9. Baicrn.
später unbeachtet zu Grunde ging. Ueber S. Ulrichs segensreiche
Wirksamkeit aber ist uns glücklicherweise ein reichhaltiger und vor-
trefflicher Bericht zugekommen, dessen Verfasser, der Priester Ger-
hard, ein jüngerer Zeitgenosse des Bischofs, zugleich durch seine
gute Schreibart und Darstellung den gesegneten Erfolg von Udal-
richs Bestrebungen bezeugt. Die aufserordentlich angesehene Stel-
lung dieses Bischofs, sein Einflufs bei Hofe, die mannhafte Verthei-
digung seiner Stadt und seines Sprengels gegen die Aufrührer und
gegen die Ungern geben seiner Biographie eine besondere Wichtig-
keit und stellen sie dem Leben des Erzbischofs Brun zur Seite.
Auch die Zeit seines Nachfolgers Heinrich (973 — 982) zog Ger-
hard in seine Darstellung1). Liutold oder Ludolf bewirkte 993
die Kanonisation S. Ulrichs, das erste Beispiel eines solchen Aktes,
und von da an wurde das Leben desselben immer von neuem, später
auch in deutscher Sprache überarbeitet; schon Bischof Gebhard
(996 — 999) früher Abt von Eiwangen, dem die Zeitgenossen hohes Lob
zollen, machte den Anfang damit, aber geschichtlichen Werth hat nur
das ursprüngliche Werk. Lehrreich sind diese Bearbeitungen nur, in-
sofern man darin recht deutlich sehen kann, wie das geschicht-
liche Element sich immer mehr verliert und dafür der rhetorische
Schmuck, die herkömmlichen Phrasen überhand nehmen, bis nur
noch eine gewöhnliche, mit Wundem überladene Legende übrig bleibt.
§ 9. Baiern.
Ein Geschichtswerk aus Baiern ist uns aus diesem Zeiträume
nicht auf bewahrt, wohl aber mögen manche Aufzeichnungen vor-
handen gewesen sein, welche für uns verloren sind, wie die Salz-
burger Annalen von 835 an und Regensburger Annalen, von
denen Spuren sich in späteren Werken nachweisen lassen3). Doch
hatte auch gerade dieses Land besonders schwer durch die Verhee-
rungen der Ungern gelitten; manches blühende Kloster war zerstört,
andere durch Herzog Arnulfs Säcularisationen kaum minder hart ge-
troffen, und erst allmählich begann eine neue Entwickelung und
wissenschaftliche Thätigkeit.
In Regensburg wirkte der treffliche Bischof Wolfgang
(972 — 994), der auch einen Biographen gefunden hat, aber nicht in
der Heimath, sondern in Franken, und auch diese Schrift ist uns
*) Vita S. Oudalrici ed. Waitz, Mon. SS. IV, 377—428. Vgl. Stalin I, 424.
W. Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit I, 745. Ruland in Steicheles Archiv für die
Geschichte des Bisthums Augsburg I, 7.
3J Kurze Annalen von S. Emmeram von 748 bis 823 und von 732 bis 1062,
Mon. SS. I, 92—94.
Digitized by Google
Vita S. UdalricL Regensburg. Tegernsee.
199
leider verloren; nur in der späteren Bearbeitung von Othloh sind
Fragmente davon erhalten *). Wolfgang war der Erzieher Kaiser
Heinrichs II, und auch Poppo, Markgraf Liutpolds Sohn, der 1016
Erzbischof von Trier wurde, war in Regensburg erzogen3). Auch
Tagino, 1004 — 1012 Erzbischof von Magdeburg, war vorher Vizthum
der Regensburger Kirche3).
Neben 8. Wolfgang wirkte der Abt Ramwold, unter dom in
dem altberühmten Stifte S. Emmeram die klösterliche Zucht wieder
hergestellt wurde; hier hat sich in einer Handschrift ein merkwür-
diges Bruchstück über den Herzog Arnulf erhalten, merkwürdig so-
wohl als vereinzelte Spur verlorener geschichtlicher Aufzeichnungen
als auch durch den heftigen Widerwillen gegen den Sachsenkönig,
welcher sich darin ausspricht, und die Verherrlichung des tapferen
Herzogs, auf den in späterer Zeit die Geistlichkeit so Übel zu sprechen
war. Das Fragment ist in Regensburg geschrieben und könnte wohl
noch dem zehnten Jahrhundert angehören4).
Von S. Emmeram ging Gozpert aus, der 982 Abt von Tegern-
see wurde und hier zu eifriger Beschäftigung mit dem klassischen
Altcrthume veranlafste. Statius, Persius, Horaz, Ciceros Briefe,
Boethius wurden gelesen und abgeschrieben; natürlich auch Priscian,
aus dem man hier wie überall die lateinische Grammatik lernte.
Boethius Schrift vom Tröste der Philosophie schrieb Froumund in
Köln ab und sandte sie nach Tegernsee6). Dieser Froumund war
Scholaster in Tegernsee und sammelte in einer noch erhaltenen
Handschrift eigene und fremde Briefe und Gedichte; daraus allein
ist uns dieses eifrige Studium in Tegernsee und die lebhafte Ver-
bindung mit den gleich strebsamen Mönchen und Klerikern in
Feuchtwangen, Augsburg, Wirzburg bekannt geworden6). Der ge-
zierte und mit Gelehrsamkeit prunkende Stil der Zeit, auf den die
italienischen Grammatiker eingewirkt haben mögen, findet sich auch
hier in vollem Mafse.
») Mon. SS. IV, 521-542.
*) Thietmar 1. V. Prol. Gesta Trevirorum, Mon. SS. VUI, 175.
3) Thietra. V, 25. V. Wolfg. c. 36.
4) Gedr. in Gerckens Reisen II, 104. Emendationen Arehiv III, 346. Vgl.Waitz
in den Jahrbüchern I, 1, 47 n. 5. Die entgegengesetzte Auffassung in der Aufzeich-
nung Hermanns von Aitaich, in Böhmers Fontes 111, 563.
6) Pez Thes. I, Praef. p. XV.
6) Codex epistolaris Froumundi von 983 bis in Heinrichs II Zeit bei Pez Thes.
VI, 110 — 199. Mab. Anal. p. 435. Bei Günthner, Gesch. der litterar. Anstalten in
Baiem I, 170 die Inschrift eines Remigius in Sedulii opus paschale: Ego Froumun-
dus cepi hunc li bellum scribere, scd pueri nostri quos docui meo iuvamine per-
scripserunt. Ueber den Froumund zugeschriebenen Ruodlieb s. Gervinus I, 91.
Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit II, 177.
Digitized by Google
200
III. Ottonen. § 9. Baiern. § 10. Frankreich.
Schon früher, noch in der ersten Hälfte des Jahrhunderts lehrte,
vielleicht in Wessobrunn1), ein sehr gelehrter Mönch, Meister
Benedikt, die Grammatik; ihm übergab S. Ulrich seinen Neffen
Adalbero zur Erziehung.
In Salzburg lehrte ein hochgefeierter Mönch aus S. Gallen,
Chunibert, den Herzog Berhtold (938 — 945) sich vom Abt
Kralo (942 — 948) erbeten hatte2). Etwas später unter Erzbischof
Friedrich (954 — 990) versammelte hier ein gewisser Liudfrit zahl-
reiche Schüler3), und Erzbischof Günther (ord. 1024 Jan. 26. + 1025
Nov. 1.) hatte seine gelehrte Ausbildung unter Bischof Notker von
Lüttich erhalten. In Benediktbeuern erhielt im Anfänge des elften
Jahrhunderts der Propst Adalbero wegen seiner eifrigen Studien den
Beinamen des Bücherfasses4), und aus Freising hat sich uns ein
Segenspruch erhalten, welcher für die Schreibstube bestimmt war5).
Jener Chunibert aus S. Gallen ist auch in Nieder - Altaich
Abt gewesen, um 940; später hausten hier nach dem Verfall der
klösterlichen Zucht Kanoniker. Unter ihnen war ein alter Priester,
Namens Udalgis, der sich als Lehrer grofsen Ruhm erwarb. Vor-
nehme Jünglinge wurden ihm gern anvertraut, um sich hier in freierer
Weise ohne die strengere Ordensregel in den Wissenschaften auszu-
bilden, und mehrere Bischöfe sind aus seiner Schule hervorgegangen*).
Der berühmteste unter seinen Schülern aber ist Godehard (geb.961)
der dann in Salzburg seine Studien fortsetzte, die gesunkene Kloster-
zucht in mehreren Klöstern wieder herstellte und auch Altaich zu
neuer Blüthe erhob, nachdem dort im J. 990 wieder ein Schwabe,
Erchembert, nach Benedikts Regel zum Abt erwählt war.
In Eichstedt liefs Bischof Starchand (933 — 966), ein Freund
Ulrichs von Augsburg, viele Bücher abschreiben und verfafste selbst
Gebete; sein Nachfolger Re ginold ( — 989) wird wegen seiner Be-
') Nach der Vermuthung Beutners, Ilist. Wessofont. I, 63.
s) Ekkeh. Casus S. Galli Mon. II, 138. Er nennt Herzog Heinrich, was nicht
angeht; Giesebrecht, Ann. Allah. S. 11.
3) V. Godeh. ant. c. 6. Mon. SS. XI, 172. In einer später geänderten Stelle
spricht Wolfher von einem celebre Studium in Passau, aber wohl nur durch eine
Verwechselung. — Für Passau ist noch ein merkwürdiges Schulbuch des neunten
Jahrhunderts nachzutragen, welches auch Formeln enthält, unter der Aufschrift
Epistolae AUati, welche Rockinger aus der noch erhaltenen Tegernseer Handschrift
herausgegeben hat (Drei Formelsammlungen aus der Zeit der Karolinger, Quellen
zur Bair. Gesch. VII, 1857). Nach Dümmiers Vermuthung könnte dieses Buch wohl
von Ermenrich (oben S. 149) herstammen.
4) Vas librorum, Mon. SS. IX, 219.
6) Benedictio in scriptorio, bei Günthner 1, 190.
°) Vita Godeh. ant. c. 2. Mon. SS. XI, 171. ln der zweiten Vita Prol. p. 197
wird aber Rumold als Godehards erster Lehrer genannt.
Digitized by Google
Salzburg, Altaich, Eichsted t. Reims, Hucbald. 201
redtsamkeit Chrysostomus genannt; er verstand griechisch nnd he-
bräisch, besonders aber war er ein grofser Musiker und soll zur
Uebertragung des h. Willibald ein gar schönes Gedicht verfertigt
haben l).
Bei einer so lebhaften litterarischen Thätigkeit kann es auch
an geschichtlichen Aufzeichnungen nicht ganz gefehlt haben; viel
ist jedoch nicht vorhanden gewesen, da wir sonst doch bei den spä-
teren Schriftstellern Spuren davon antreffen müfsten , und gröfsere
Geschichtswerke scheinen hier nicht entstanden zu sein. Jene gram-
matisch-philosophische Bildung, welche vielfach hochgeschätzt und
eifrig erstrebt wurde, befördert durch Italiener wie Gunzo nnd
Stephan, führte zur Geschichtschreibung nur insofern sie zu dem
erforderlichen Bildungsgrade verhalf; eine unmittelbare Beziehung
zur Geschichte hatte sie nicht und leitete eher ab von der Beschäf-
tigung mit der eigenen, einheimischen Vorzeit, wie wir denn auch
gesehen haben, dafs die Hauptpunkte dieser gelehrten Studien, wie
Reichenau, S. Gallen, Lüttich, keineswegs auch die productivsten für
Geschichtswerke waren.
§10. Frankreich. Reims.
An gelehrter Thätigkeit hat es in dieser Periode in Frankreich
nicht gefehlt; trotz aller Verheerungen und Unglücksfälle erhielt sich
ein bedeutender Grad von Bildung, der sich durch eine grofse An-
zahl von Lehrern, Scholastern, fortpflanzte. Diese waren in Frank-
reich wie in Deutschland wohl alle von geistlichem Stande; es
scheint jedoch, dafs sie dort nicht so allgemein wie hier bestimmten
Stiftern angehörten, sondern mehr nach italienischer Weise in unab-
hängiger Stellung Schüler um sich sammelten. Ihre ganze Richtung
ging vorherrschend auf Grammatik, Dialektik und Rhetorik und trug
daher eben so wenig Frucht für die Geschichte, wie die verwandten
Bestrebungen in deutschen Klöstern.
Reims behauptete fortwährend seinen Ruf als die bedeutendste
Schule des Landes. Hinkmars Nachfolger Fulko berief hierher den
Hucbald, Mönch von S. Amand, dessen Gelehrsamkeit ausnehmend
gerühmt wird. Er gehörte jenem merkwürdigen Kloster an, welches
auf der Grenzscheide beider Sprachen im Hennegau gelegen, uns
zugleich das deutsche Ludwigslied und das älteste Denkmal fran-
zösischer Dichtung auf bewahrt hat2). Ein jüngerer Zeitgenosse und
*) Anon. Ilaser. Mon. SS. VIT, 255. 257.
a) Fragmenta Elnonensia, von Hofftnann. Gent 1837. 4. Vgl. Wackernagel
L. G. 67. Gervinus I, 84.
Digitized by Google
202
M. Ottonen. § 10. Frankreich, Reims.
ohne Zweifel Schüler des Milo, der zu Karls des Kahlen Zeit als
Schriftsteller gefeiert war1), erwarb er sich bald einen grofsen Na-
men und bewährte sich in Keims als Lehrer, zog sich aber später
wieder in Bein Kloster zurück, wo er im J. 930 neunzigjährig ge-
storben sein soll. Aufser anderen Heiligenleben hat er auch das
Leben des angelsächsischen Glaubensboten Liafwin beschrieben,
welches besonders durch die Erwähnung der altsächsischen Landes-
versammlung sehr merkwürdig ist3).
Reims aber war in diesem Jahrhundert auch der Mittelpunkt
der französischen Politik und namentlich für die lothringischen
Händel von der grölsten Bedeutung. Hier konnte man unmöglich
ohne geschichtliche Aufzeichnungen auskommen; hier bedurfte man
anderer Werke als rhetorisch ausgeschmückter Legenden, und Hink-
mar selbst hatte das beste Beispiel gegeben. Er fand einen Nach-
folger an Flodoard (894 — 966), der als Archivar der Kirche so-
wohl wie durch seine sehr angesehene Stellung ganz besonders zu
dieser Aufgabe befähigt war. Im Gegensätze zu der herrschenden
Art der Schriftstellerei legte er wenig Gewicht auf die Form und
hatte fast allein die Vollständigkeit und Zuverlässigkeit des Inhalts
im Auge. Seine Geschichte der Reimser Kirche ist eine ur-
kundliche in so hohem Grade, dafs sie grofsentheils geradezu aus
Regesten der wichtigsten Urkunden, besonders päpstlicher Schreiben
besteht. Die Verarbeitung dieses Stoffes mufs man als mangelhaft
bezeichnen; sie läfst sich oft ganz vermissen, aber der materielle
Werth seines Werkes ist dadurch um so gröfser für uns3). Der-
jenige Theil desselben, welcher die Geschichte seiner Zeit behandelt,
findet sich grofsentheils wiederholt in seinem zweiten Hauptwerke,
den Annalen, welche von 919 bis 966 reichen. Ob der Anfang
verloren ist, ob ein anderes Werk vorhanden war, welches die Ge-
schichte bis zum Jahre 919 führte, ist unbekannt; sicher ist, dafs
auch Richer nicht mehr Hülfsmittel für die Zeit von 882 an, wo
Hinkmars Jahrbücher auf hören, vor sich hatte; nicht einmal die
Annalen von S. Vast waren ihm bekannt. Für jenen Zeitraum nun
berichtet Flodoard mit der gröfsten Treue Jahr für Jahr die Ereig-
nisse, wie er sie erfuhr, grofse und kleine, ohne auf ihren inneren
Zusammenhang einzugehen, in derselben objectiven Weise, die wir
») Bähr S. 110.
a) Ilurbaldi V. S. Lebuini cd. Pertz, Mon. SS. II, 360 — 364 im Auszug. Vgl.
über Ilucbald Fabricius s. v. Bähr S. 126. 244.
a) Flodoardi Historia Remensis ed. Colvener. Duaci 1617. 8. Bibi. Patrum
Lugd. XVII, 500. Bouquet VIII, 154 — 175. Oeuvres de Flodoard. Reims 1854.
Vgl. Bähr S. 274.
Digitized by Google
Reims. Hucbald, Flodoard, Gerbert.
203
schon bei anderen ähnlichen Werken bezeichneten, in einfacher, un-
gesuchter Sprache. Was ihn aber auszeichnet, ist die Fülle seiner
Nachrichten, nicht über Frankreich allein, sondern auch über Loth-
ringen und das ostfränkische Reich, und ferner seine fleckenlose
Wahrheitsliebe und Zuverlässigkeit1). Fast bis an den Tag seines
Todes hat er das Werk fortgesetzt, dann ist noch ein Zusatz über
die Jahre von 976 bis 978 nachgetragen worden; darauf aber ver-
ging lange Zeit, bevor sich ein Nachfolger fand. In den politischen
Wirren, von welchen auch die Metropole, lange Zeit ein Zankapfel
der Parteien, viel zu leiden hatte, gingen Zucht und Lehre fast zu
Grunde, bis der Beginn einer besseren Zeit in dem nahen Loth-
ringen auch hierher seine Einwirkung erstreckte. Zwei Metzer Dom-
herren, welche nach einander auf den erzbischöflichen Stuhl erhoben
wurden, Odelrich 961 — 969 und besonders Adalbero von 969 — 988,
ein Zögling der Klosterschule zu Gorze 2), stellten die Ordnung wieder
her, und bald zog der neu erwachte Glanz der Reimser Schule
Schaaren lernbegieriger Jünglinge zu der alten Kathedrale.
Bald nach Flodoards Tode, um das J. 967, hatte ein junger
Mönch, Gerbert, das Kloster Aurillac in Aquitanien verlassen, um
in der spanischen Mark Lehrer aufzusuchen, welche namentlich
seiner Liebe zu mathematischen Studien genügten. Im Jahre 970
folgte er dem Grafen von Barcelona und dem Bischof Hatto von
Vieh, seinem Lehrer, nach Rom und wurde hier bereite als ein aus-
gezeichnet begabter Jüngling vom Papste dem Kaiser Otto zugesandt.
Noch fehlte es ihm aber an philosophischer Ausbildung, und deshalb
begleitete er den Reimser Archidiakonus Garamnus, einen berühm-
ten Lehrer der Logik, nach Reims, wo er einige Zeit seine Studien
fortsetzte, bald aber selbst als Lehrer einen aufserordentlichen Ruf
gewann. Ganz Gallien, sagt Richer, erglänzte von ihm durch-
leuchtet, wie von einem strahlenden Lichte. Nachdem er sich später
einige Zeit bei Otto H aufgehalten und von ihm die Abtei Bobio
erhalten hatte, kehrte er nach dessen Tode zurück und nahm nun
während der Minderjährigkeit Ottos III in Reims eine sehr bedeu-
tende politische Stellung ein. Diese Periode ist es besonders, Uber
welche uns seine Briefsammlung die wichtigsten Aufschlüsse
giebt, obgleich viele der darin enthaltenen Anspielungen uns jetzt
unverständlich sind , und durch die absichtliche Dunkelheit der
Schreibart die Benutzung sehr erschwert wird *). Als später (991)
‘) Flodoardi Annales, Mon. SS. III, 363 — 408. B'ähr S. 188. W. Giesebrecht,
Geschichte der Kaiserzeit 1, 740. — 5) Gesta epp. Camerac. I, 102.
3) Gerberti epistolae bei Duchesne II, 789 — 844. Vgl. Wiimans in Rankes
Jahrbüchern II, 2, 141 — 175. W. Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit 1, 748. Hock,
Digitized by Google
204
III. Ottonen. § 10. Frankreich, Reims.
der Erzbischof Arnulf von Reims entsetzt und Gerbert sein Nach-
folger wurde, zeichnete dieser selbst die Verhandlungen der Synoden
zu S. Basle, Mouzon und Coucy auf, welche durch diese Verhältnisse
veranlafst wurden1), und die aufserordentliche Klarheit, Schärfe und
Gediegenheit der Darstellung, sowie die Meisterschaft im Ausdruck
lassen uns sehr bedauern, dafs er uns aufserdem keine Werke ge-
schichtlichen Inhaltes hinterlassen hat. Besonders merkwürdig sind
die Acten der Synode von S. Basle durch die heftige und rücksichts-
lose Opposition gegen den römischen Stuhl, welche sich darin aus-
spricht, und die eine nicht minder heftige und charakteristische Ent-
gegnung von Seiten des römischen Abtes Leo hervorrief2).
Hat aber Gerbert nicht selbst Geschichte geschrieben, so ver-
anlafste er doch, dafs nach langer Unterbrechung in Reims diese
Thätigkeit wieder aufgenommen wurde. Er beauftragte damit einen
seiner Schüler, den Richer, einen Mönch von S. Remy, der sich mit
nicht gewöhnlichem Eifer dem Studium der alten Lateiner und der
Philosophie, der Medicin und der Mathematik hingab. Von seinen
Vorgängern wich Richer ab, indem er die schlichte annalistische
Form verliefs; ihm schwebte das höhere Ziel einer künstlerisch
durchgebildeten und das innere Wesen der Dinge erfassenden Ge-
schichtschreibung vor. In den Jahren 995 und 996 hat er die Wid-
mung an Gerbert und den Anfang seines Werkes (bis II, 78) geschrie-
ben; dann scheint eine Unterbrechung eingetreten zu sein, worauf
er in den Jahren 996 bis 998 diesen Anfang noch einmal über-
arbeitete und bis zum Jahre 995 fortführte; einige kurze Notizen
Uber die folgenden Jahre auf dem letzten Blatte seiner Handschrift
deuten die Absicht einer weiteren Fortsetzung an, zu welcher er
aber, vielleicht durch Gerberts Absetzung (998) verhindert, nicht
mehr gekommen ist.
Zum Ausgangspunkte seines Werkes nahm Richer nach einer
kurzen Einleitung das Ende von Hinkmars Werk (882); er versuchte
es, die Lücke zwischen diesem Zeitpunkte und Flodoards Annalen
(919) auszufüllen, was aber nur sehr unvollkommen gelingen konnte,
weil es ihm offenbar an schriftlichen Denkmälern Uber diese Periode
fast gänzlich fehlte8). Dann ist Flodoard sein Führer; wo dieser
Gerbert oder Papst Sylvester II u. sein Jahrhundert. Wien 1837. 8. M. Büdinger,
Ueber Gerberts wissenschaftliche und politische Stellung. Kassel 1851. 8. Merk-
würdige Sagen über Gerbert bei Gualt. Mapes de nugis curialium ed. Wrigbt.
Camden Society. 1850. 8.
») Mon. SS. III, 658 — 693. — a) Mon. SS. HI, 686 — 690.
8) Vgl. die Dissertation von Reimann, worin Richers Unzuverlässigkeit im
Einzelnen nachgewiesen ist, namentlich auch die Unechtheit seiner Zusätze zum
Ingelheimer ConciL
Digitized by Googl
Gerbert. Richer.
205
endet (966) erreicht er die Zeit, welche er schon selbst mit durch-
lebt hatte, und je mehr er sich der Gegenwart näherte, desto mehr
hatte er Ereignisse zu berühren, deren Mittelpunkt grofsentheils der
erzbischöfliche Stuhl von Reims gebildet hatte. Hier konnte es ihm,
der im Aufträge Gerberts seine Geschichte schrieb, an zuverlässiger
Kunde nicht fehlen ; für die frühere Zeit kam es ihm auch zu statten,
dafs sein Vater Rudolf ein Dienstmann König Ludwigs IV gewesen
war, dessen Gunst er sich durch seine Tapferkeit und Klugheit er-
worben hatte.
Aeufserlich war also Richer vortrefflich ausgerüstet, um ein
Geschichtswerk von nicht gewöhnlichem Werthe zu schreiben , aber
leider fehlte es ihm gänzlich an der inneren Befähigung. Es fehlte
ihm vor allen Dingen ganz an geschichtlichem Sinn. Nicht die That-
sachen, nicht die Wahrheit sind ihm das Wesentliche, sondern mehr
noch die Form der Darstellung. Das Studium der Alten führte ihn,
wie wir das im Mittelalter nur zu häufig wahmehmen, blos zu dem
Bestreben, in der äufseren Form ihnen nachzueifern, namentlich fin-
girte Reden den handelnden Personen in den Mund zu legen und
alterthümliche Benennungen anzuwenden, wo sie nicht an ihrem
Orte sind, nämlich für die eigenthümlichen Zustände und Verhält-
nisse der Gegenwart. Bei Richer aber geht das Streben nach rhe-
torischem Schmucke so weit, dafs die Darstellung des Geschehenen
dadurch wesentlich beeinträchtigt wird. Schilderungen von Schlach-
ten und Belagerungen, sowie besonders auch von Krankheiten, bei
denen er seine medicinische Gelehrsamkeit zur Schau trägt, wieder-
holen sich in übertriebener Weitschweifigkeit, und bei genauerer
Untersuchung findet man bald, dafs der Verfasser sich hier nicht
selten fast ganz seiner Phantasie Uberläfst. Dieses führt uns auf
den zweiten grofsen Fehler Richers, nämlich seinen Mangel an Wahr-
haftigkeit und Genauigkeit. Eine unbefangene Darstellung darf man
bei seinem Standpunkte überhaupt nicht erwarten, aber auch da, wo
keine Parteirticksichten ihn verleiteten, begeht er die gröfsten Fehler,
welche besonders deutlich hervortreten, wo wir seine Quelle, die
Annalen Flodoards, zur Vergleichung bei der Hand haben. Flüchtig
und ungenau erscheint er da im höchsten Grade. Tritt nun aber
gar noch ein bestimmter Beweggrund hinzu, von der Wahrheit ab-
zuweichen, so sehen wir ihm jedem Antrieb der Art folgen ; er über-
treibt und vergröfsert, was er bei Flodoard vorfindet, aber er geht
auch so weit, sein eigenes Werk zu verfälschen, um eine krank-
hafte nationale Eitelkeit zu befriedigen. Ein besonders günstiges
Geschick hat uns seine eigene Handschrift auf bewahrt, und diese
Digitized by Googl
206
III. Ottonen. § 10. Frankreich, Reims.
zeigt uns, wie er im ersten Buche das was er früher geschrieben
hatte, verändert hat um anstatt Giselberts und der Lothringer den
König Heinrich und die Deutschen dem westfränkischen Könige
unterworfen erscheinen zu lassen. Doch bleibt es zweifelhaft, ob
hier wirklich eine absichtliche Entstellung anzunehmen ist, oder ob
er sich selbst durch seine ganz falsche Auffassung der älteren Ge-
schichte irre leiten liefe; gewonnen wird aber für ihn auch dadurch
nicht viel, wenn man annimmt, er habe einer oberflächlichen Theorie
zu Liebe die überkommenen Thatsachen willkürlich verändert.
Als Historiker können wir demnach Richer unmöglich hoch
stellen; so sehr er im Einzelnen nach rhetorischem Schmucke strebt,
so wenig ist er doch auf ein richtiges Verhältnifs der Theile be-
dacht gewesen, und es wird durch ganz zufällige Umstände bestimmt,
wo er auf alle Einzelheiten mit gröfster Ausführlichkeit eingeht,
oder wiederum wichtige Ereignisse nur leicht berührt oder ganz
übergeht. Dazu ist seine Sprache gesucht und oft durch unpassende
Ausdrücke kaum verständlich, so dafs wir sein Werk auch nicht in
Rücksicht auf die Form loben können, wenn wir von der Wahrhaf-
tigkeit der Darstellung absehen wollten. Demungeachtet aber hat
doch Richers Buch für uns einen hohen Werth; er ist unser ein-
ziger Berichterstatter über jene hochwichtige Zeit, in welcher die
Herrschaft von den Karolingern auf die Kapetinger überging, und
seine ausführliche Darstellung gerade dieser letzten Jahre enthält
eine grofse Fülle wichtiger Nachrichten, die wir ihm allein ver-
danken, die freilich nur mit grofser Behutsamkeit zu gebrauchen
sind, aber doch als eine sehr wesentliche Bereicherung unserer ge-
schichtlichen Kenntnife betrachtet werden müssen. Denn bis auf
unsere Tage ist Richers Werk fast ganz verborgen geblieben; nur
in grofsen Zwischenräumen haben Ekkehard, Hugo von Flavigny,
Trithemius davon Gebrauch gemacht und dadurch eine sehr unbe-
stimmte Kunde von diesem Schriftsteller erhalten; sein Werk aber
galt für verloren, bis Pertz es 1833 in Bamberg von neuem ent-
deckte und 1839 zum ersten Male bekannt machte1).
Ein Zeitgenosse Richers war Aimoin, seit 970 Mönch im
Kloster Fleury an der Loire, wohin aus Montecasino, während es
von den Langobarden verwüstet in Trümmern lag, der Leib des
l) Richeri Historiarum libri IV ed. Pertz, Mod. SS. III, 561 — 657. Besonderer
Abdruck in Oct. Han. 1839. Mit franz. Uebersetzung von Gnadet. Paris 1845 u.
?uldiee par l’Acad. Imp. de Reims avee traduction, notes etc. par A. M. Poinsignon.
856. 8. Uebersetzung von Freih. v. d. Osten -Sacken, mit Einleitung von Watten-
bach. Berlin 1854. Reimann de Richeri vita et scriplis. Olsnae 1845. 8. W. Gie-
sebrecht, Gesch. der Kaiserzeit I, 749.
Digitized by Google
Aimoin. Annalen von Sena.
207
h. Benedikt entführt war, eine Thatsaehe, welche freilich später von
den Casinesen hartnäckig geleugnet wurde. Die Geschichte dieser
Uebertragung vcrfafste schon zu Ludwigs des Frommen Zeit Adre-
vald und fügte ein Buch über die Wunder des h. Benedikt hinzu,
welches von Adelerius fortgesetzt wurde. Diesen schlofs sich nun
auch Aimoin an, indem er im J. 1005 ein zweites und drittes Buch
der Wunder schrieb. Geschichtliche Nachrichten Uber die Könige
von Frankreich kommen gelegentlich darin vor und wurden, obwohl
sie weder genau noch ausführlich sind, doch bei dem Mangel an
anderen Quellen, besonders da auch Richers Werk nur wenig bekannt
geworden war, von Späteren häufig benutzt1).
Um dieselbe Zeit verfafste auch Aimoin eine Lebensbeschreibung
des im J. 1004 erschlagenen Abtes Abbo von Fleury 2), und eben
diesem Abbo ist ein früheres Werk Aimoins gewidmet, eine Ge-
schichte der Franken, welche bis zur Thronbesteigung Pippins
reichen sollte, die aber unvollendet blieb und nur bis in die Mitte
des siebenten Jahrhunderts geführt ist3). Selbständigen Werth hat
sie deshalb durchaus nicht; sie gleicht vielmehr den damals so
häufigen Ueberarbeitungen alter Legenden, und ist wie diese mehr
eine sprachliche und formale als eine geschichtliche Leistung. Eine
später im Kloster S. Germain des Pres hinzugefügte Fortsetzung bis
1040 ist aus bekannten Quellen compilirt, mit einigen Zusätzen
Uber die Geschichte des Klosters; eine weitere Fortsetzung reicht
bis 1165.
Schon frühzeitig, seit dem Anfänge des neunten Jahrhunderts,
wurden kurze Annalen im Kloster der h. Kolumba zu Sens ge-
schrieben*), und mit Hülfe derselben verfafste ein unbekannter Geist-
licher eine etwas ausführlichere, aber doch immer sehr magere
Chronik des westfränkischen Reiches von der Schlacht bei Testry
bis 1015, mit besonderer Beziehung auf das Erzbisthum Sens, die
nicht nur in der wenig späteren Chronik des Odorannus von Sens5),
*) Adrevaldi Historia Translationis S. Benedicti et S. Scholasticae, und die
Historia Miraeulorum S. Benedicti erschienen zuerst 1605 in Jo. a Bosco Biblio-
theca Floriacensis , dann Act. SS. Martii III, 302 ff. Mab. II, 338 ff. ed. Yen. mit
den Mirakeln; die von Aimoin bei Mab. IV, 2, 356. Excerpta ex Aimoino de Mi-
raculis S. Benedicti ed. Waitz, Mon. SS. IX, 374 — 376.
*) Yita Abbonis abb. Floriacensis auct. Aimoino, Mab. VI, 682.
*) Aimoini Historia Francorum ed. Breulius, 1603 f. und in Frehers Corpus
Franc. Ilist. mit den Fortsetzungen. Ohne dieselben Ducbesne III, 1 — 120. Bouq.
III, 21 — 139. Ueber die Handschriften Waitz, Archiv XI, 314.
*) Annales S. Columbae Senonensis 708 — 1218 ed. Pertz, Mon. SS. 1, 102 — 109.
5) Odoranni monachi S. Petri Yivi Senonensis Chronicon collectum a. 1045.
Duchesne II, 636.
Digitized by Google
208
III. Oltonen. § 11. Cluny. § 12. Italien.
sondern auch von Hugo von Fleury n. A. viel benutzt, von Ordericus
Vitalis vollständig in sein Werk aufgenommen wurde1).
Von gröfserem Werthe, aber der deutschen Geschichte und
unserer Aufgabe schon sehr fern liegend ist die Chronik der Nor-
mannen von Rollo bis auf den Tod Richards I (996), von Dudo,
Dekan zu S. Quentin, am Ende des zehnten Jahrhunderts verfafst.
Er schrieb nach mündlicher Ueberlieferung, hauptsächlich nach den
Erzählungen des Grafen Rudolf, des Bruders Herzog Richards I und
giebt uns eine wahre Volksgeschichte in reichhaltiger lebendiger Er-
zählung, die freilich natürlicher Weise nicht überall zuverlässig ist
und den Charakter ihres Ursprunges nicht verleugnet*).
§ 11. Cluny.
Als die herrschende Richtung in den französischen Schulen im
zehnten Jahrhundert trat uns jene rhetorisch -philosophische Bildung
entgegen, welche auf den Lehren der alten Grammatiker beruhte
und nicht auf kirchlichem Grunde erwachsen war. In scharfem
Gegensätze zu diesem Treiben entfaltete Bich gleichzeitig in Cluny
eine streng mönchische Askese, welche das Studium des profanen
Alterthums für sündlich erklärte, geistesverwandt mit der auf gleicher
Grundlage ruhenden Klosterreform in Lothringen, mit welcher auch
häufige Berührungen stattfanden. Die Geschichtschreibung konnte
nicht gedeihen, wo man alles Irdische verachtete und verwarf, aber
indem man die Tugenden der gefeierten Häupter dieser Richtung
anderen zum Vorbilde aufstellte, entstanden doch Biographien, welche
um so wichtiger sind, je gröfser auch filr die weltlichen Angelegen-
heiten damals die Bedeutung jener Männer war. Aber auch die
Kenntnifs dieser ganzen Richtung und namentlich die Entstehung
und das Wachsthum der Cluniacenser Congregation, welche bald eine
so aufserordentliche politische Bedeutung gewann, ist von unmittel-
barer Wichtigkeit für den Geschichtsforscher; nur ist zu bedauern,
dafs der legendenartige, auf Erbauung abzielende Ton der Biogra-
phien uns gerade über diejenigen Umstände, welche geschichtlich
bedeutend sind, am wenigsten Aufklärung finden läfst. Ueber das
Leben des ersten AbteB Odo (927 — 942) besitzen wir eine Schrift
*) Historia Francorum Senonansis a. 688 — 1015 (1034) ed. Waitz, Mon. SS.
IX, 364 — 369.
*) Dudonis libri III de moribus et actis primorum Normanniae ducum, Du-
chesne SS. Normannici Paris, f. 1619. Vgl. Lappenberg, Gesch. von England II,
372 — 374. Unbedeutend, weil ganz aus den Berlin, und Vedast. Annalen genom-
men, ist das Chronicon de Gestis Normannorum in Francia 820 — 897. Mon. SS.
1,532 — 536.
Digitized by Google
Dudo von S. Quentin. Cluny. Italien.
209
seines Schillers Johannes1). Das Leben deB Abtes M a j o 1 u s
(c. 964 — 994) beschrieb bald nach seinem Tode in blllthenreicher,
salbungsvoller Rede der Mönch Syrus2), dessen Schrift dann Alde-
bald u. A. noch weiter ausschmtlckten. Sein Nachfolger Odilo
(994 — 1049) fand mehrere Biographen in ähnlichem Stile*); er selbst
verfafste aufser einer kurzen Lobschrift auf seinen Vorgänger Ma-
jolus auch ein sogenanntes Epitaphium der Kaiserin Adalheid4).
Er hat derselben sehr nahe gestanden, besonders in der letzten Zeit
ihres Lebens, in welcher sie sich fast ganz frommen Uebungen und
Klosterstiftungen hingab. Hierüber enthält seine Schrift viele Lob-
preisungen, Uber ihr Leben in der Welt ist sie sehr kurz und be-
gnügt sich mit den allgemeinsten Umrissen; nur bei den Leiden
und Gefahren ihrer Gefangenschaft und Flucht verweilt Odilo etwas
länger. Der geschichtliche Gewinn aus dieser Arbeit ist daher nicht
bedeutend, und nur einige wenige brauchbare Nachrichten lassen
sich daraus entnehmen.
§ 12. Italien. Liudprand.
Liudprandi Oper» e<L Pertz, Mon. SS. III, 264 — 363, und besonderer Abdruck in oct»v.
Koepke, de vita et scriptis Liudpr&ndi, Berol. 1842. 8. Uebersetzt (die Antapodosis
im Auszug) vom Freih. v. d. Osten - Sacken , mit Einleitung von Wattenbach, Berlin
1853. Waitz in Schmidts Zeitschrift II, 99. W. Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit
I, 740—743.
Auch Italien beginnt in dieser Periode sich wieder zu schrift-
stellerischer Productivität zu erheben, und nach langer Unterbrechung
erscheint hier wieder ein Geschichtschreiber, welcher den bedeutend-
sten seiner Zeitgenossen zur Seite tritt. Es ist Liudprand, der so
den italienischen Namen wieder zu Ehren brachte. Wie Paulus,
Wamefrids Sohn, stammte auch er aus vornehmem langobardischen
Geschlechte; auf die Römer sieht er als ganz entartet mit tiefer
Verachtung herab. Aber ein Italiener ist er ganz und gar, und
vollständig zeigt sich in ihta jener Charakter der dort herrschenden
grammatischen Ausbildung, deren wir im vorigen Abschnitt gedach-
ten. Auch erhielt er wie Paulus seinen Unterricht nicht in einer
Klosterschule, Bondern am Hofe zu Pavia, wo er früh die Aufmerk-
samkeit des Königs Hugo auf sich zog und durch seine schöne
Stimme die Gunst desselben gewann.
») Mab. V, 150. Bähr S. 538.
a) Mab. V, 786. Auszüge Mou. SS. IV, 649 — 655.
*) Jotsaldi de vita et virtutibus Odilonis abb. libri III. Mab. VI, 1,597 — 623
ed. Ven.
4) Odilonis Epitaphium Adalheidis ed. Pertz, Mon. SS. IV, 633 — 645. Ueber-
setzung von Hüffer, Berlin 1856. W. Giesebrecht, Gesch. d. Kaiserz. 1, 750. 11, 526.
14
Digitized by Google
210
III. Ottonen. § 12. Italien. Liudprand.
Obwohl es in seinen Schriften nicht an Bibelstellen fehlt und
er den Griechen mit orthodoxem Eifer entgegen tritt, so hat doch
seine Gelehrsamkeit, die er nur gar zu gern zur Schau trägt, einen
überwiegend weltlichen Charakter, und Virgil, Terenz, Ovid, Juvcnal,
Cicero sind die Schriftsteller, deren Aussprüche ihm immer gegen-
wärtig sind, die er mit Vorliebe anfuhrt. Nach dem Muster des
Boethius schmückt er seine Schriften gern mit Versen in vielförmi-
gen Metren, und er zeigt darin eine solche Gewandheit, dafs man
an jene früher erwähnte Aeufserung des Panegyristen Berengars er-
innert wird, dafs auf Verse jetzt niemand Werth lege, weil jeder-
mann dergleichen zu machen verstehe.
Schon Liudprands Vater und Stiefvater waren als Gesandte in
Konstantinopel gewesen und hatten dort mancherlei Verbindungen
angeknüpft, welche dann Liudprand, als eine Sendung des Königs
Berengar, dessen Kanzler er geworden war, ihn 949 nach Byzanz
führte l), erneute und benutzte, um sich nicht nur mit der grie-
chischen Sprache, sondern auch mit der Geschichte und den Ein-
richtungen des Reiches bekannt zu machen. Später hat er sich mit
Berengar und mehr noch mit der Königin Willa erzürnt; er suchte
und fand eine Zuflucht am Hofe des Königs Otto, und hier traf er
zusammen mit dem spanischen Bischof Recemund von Elvira, der
ihn im J. 956 aufforderte, ein Werk Uber die Geschichte seiner Zeit
zu verfassen. Zwei Jahre später 958 machte sich Liudprand wirk-
lich an die Arbeit in Frankfurt, und ungeachtet eines vielbewegten
Lebens und mancher Unterbrechungen arbeitete er daran fort bis
zum Jahre 962, wo Otto ihn zum Bischof von Cremona erhob und
zu einer bedeutenden Wirksamkeit berief. Da legte er dieses Werk
bei Seite, welches ohnehin durch den grofsen Umschwung der Dinge
in Italien seinen Zweck grofsentheils verloren hatte. Denn dieser
hatte vorzüglich darin bestanden, allen denen, welche ihm Gutes
oder Böses erwiesen hatten, nach Verdienst zu vergelten, besonders
aber seinem Hasse gegen Berengar und Willa Luft zu machen;
darum nannte er es das Buch der Vergeltung, Antapodosis. Er
hat darin auch weidlich auf seine Feinde gescholten; was aber
eigentlich Berengar und Willa ihm angethan hatten, erfahren wir
nicht, da er in den sechs Büchern seines Werkes nicht weiter ge-
langt ist, als bis zu jener Gesandschaftsreise an den griechischen
Hof im Jahre 949.
*) Aus seinen damaligen Mittheilungen sind nach Diimmlers Vermuthung die
Nachrichten des Constantinus Prophyrogenitus de adinin. imp. c. 26 über K. Hugo
geschöpft. Sitzungsberichte der Wiener Akad. XX, 358.
Digitized by Google
Liudprands Antapodosis und Historia Ottonis. 211
Als seine Absicht bezeichnet Liudprand, alles zn berichten was
sich seit Kaiser Karls des Dicken Zeit begeben, die Thaten der
Kaiser und Könige von ganz Europa, wie er selbst sagt. Er erzählt
von allem, was ihm bekannt geworden, von Deutschland, mit beson-
derer Vorliebe vom griechischen Reiche, am meisten und eingehend-
sten aber doch natürlicher Weise von Italien. Eigentliche Ordnung
ist nicht darin zu finden, und auch die chronologische Folge sehr
ungenau. Ueberhaupt darf man sich nirgends auf ihn verlassen;
wie Widukind schreibt er nur nach mündlicher Kunde und verfällt
besonders über ferner liegende Vorfälle in grofse Irrthümer. Aber
Widukind ist frei von der Leidenschaft, welche den rachsüchtigen
Italiener nur zu oft hinreifst. In seinem Ingrimm hält er sich bei
den einzelnen, oft unbedeutenden Vorfällen Ubermüfsig auf; er ge-
fällt sich in der Mittheilung von Anekdoten, besonders wenn sie
boshaft und anstöfsig sind, in der rhetorischen Ausmalung der Be-
gebenheiten, in gezierten, den Umständen wenig angemessenen Reden.
Im Einzelnen ist sein Urtheil oft richtig und treffend, seine Ansicht
von den geschichtlichen Verhältnissen wohlbegründet, wie er denn
auch in Otto dem Grofsen sogleich den Mann erkannte, von dem
allein Italien Abhülfe seiner Leiden und Gebrechen, die Herstellung
der Zucht und Ordnung erwarten konnte, und diesem ohne Wanken
treu blieb. Seine Erwiderungen auf die leeren Anmafsungen der
Griechen sind ungemein treffend. Aber von einer höheren Begabung
zum Geschichtschreiber giebt doch sein Werk, als Ganzes betrachtet,
kein günstiges Zeugnils. Dafür gewährt uns andererseits gerade
seine behagliche, memoirenartige Art zu erzählen einen Einblick in
die Sitten, Zustände und Denkweise der Zeit, der vom höchsten
Werthe ist.
Als Otto der Grofse sich dauernd und ernstlich mit den italie-
nischen Verhältnissen zu befassen begann, fand er die Hülfe des
gelehrten und in den politischen Verhältnissen des Landes erfahre-
nen Mannes sehr schätzbar; er verlieh ihm das Bisthum Cremona
und übertrug ihm 963 eine Gesandschaft an den Papst Johann XH;
bald darauf war er zugegen in der Kirchenversammlung, durch
welche dieser Papst entsetzt wurde, und Uber diese Vorgänge hat er
eine eigene Schrift verfafst. Hier versuchte er eine würdigere
Sprache anzunehmen, er bringt weder griechische Floskeln noch
Verse an und mäfsigt seine Leidenschaftlichkeit; doch blickt sein
eigenthümlicher Stil überall durch, und der Anspielungen auf römische
Dichter hat er sich auch hier nicht enthalten. Da er in höherem
Aufträge oder doch für das Auge des Kaisers schrieb, so ist seine
14*
Digitized by Google
212 III. OUonen. § 12. Liudprand. § 13. Italien. Chroniken.
Darstellung keineswegs unbefangen; er verschweigt manches, und
man darf nicht vergessen, dafs diese scheinbar so rein objective
und actenmäfsige Erzählung doch nur eine Parteischrift ist, dafs er
es namentlich vorzieht, manche Vorfälle und Umstände nicht zu er-
wähnen. Aber im Wesentlichen hat sich dennoch, was er mittheilt,
als richtig bewährt.
Im Sommer 968 ging Liudprand abermals nach Konstantinopel
als Brautwerber für Otto II, und über diese Sendung stattete er dem
Kaiser einen Bericht ab, der ebenfalls erhalten ist, aber wie jene
beiden anderen Werke unvollendet. Jene besitzen wir in seiner
eigenen Handschrift und wissen daher, dafs er sie selbst in diesem
unfertigen Zustande hinterlassen hat; der Gesandsehaftsbericht aber ist
nur aus der Ausgabe des Canisius bekannt und daher auch der Text
unzuverlässig. In diesem Berichte nun hat sich Liudprand wieder
ganz der üblen Laune überlassen, welche durch die schlechte Be-
handlung, die ihm in Konstantinopel widerfuhr, in ihm erregt war,
und er strömt über von Spott und Hohn. Der Uebermuth der
Griechen hatte ihn aufs Tiefste gekränkt, und er bietet alle seine
Beredsamkeit auf, um die Kaiser zur Züchtigung derselben zu be-
wegen und diese Aufgabe als leicht und mühelos darzustellen.
Uebertrieben ist daher seine Schilderung, aber im Uebrigen wahr,
und sie gewährt uns ein so eigentümliches und lebendiges Bild des
griechischen Reiches, dafs Giesebrecht sie mit Recht fast vollständig
in seine Geschichte der Kaiserzeit (S. 495 — 518) aufgenommen hat,
als Seitenstück zu der Gesandschaft des Abtes Johannes von Gorze
an den Kalifen von Kordova.
Liudprands Bericht endet mit seiner Abreise von Korfu am sie-
benten Januar 969; Uber seine weiteren Schicksale ist wenig be-
kannt, und nur eine Nachricht von sehr zweifelhaftem Werthe läfst
ihn an der glänzenden Gesandschaft Theil nehmen, welche endlich
971 die kaiserliche Braut wirklich in Empfang nahm, und auf dieser
Reise sterben.
In Deutschland sind Liudprands Schriften frühzeitig bekannt
geworden und von den gelehrteren, vielbelesenen Schriftstellern be-
nutzt, während sie der gröfseren Menge unbekannt blieben. Ekke-
hard und Sigebert, Magnus von Reichersberg, Alberich und Hein-
rich von Herford, endlich Trithemius haben aus ihm geschöpft.
§ 13. Italien. Chroniken.
Bei manchen Schwächen bewies doch Liudprand einen tüchtigen
und auf das wahre Beste des Landes gerichteten Sinn, indem er
Digitized by Google
Lludprand. Benedikt von S. Andrea.
213
sich mit aller Entschiedenheit dem Manne anschlofs, von welchem
allein die Herstellung eines geordneten Zustandes in Italien sowohl
wie in der römischen Kirche zu hoffen war. In höchst merkwürdi-
ger Weise spricht sich das Verlangen nach der alten kaiserlichen
Gewalt wie Karl der Grofse und seine nächsten Nachfolger sie geübt
hatten, auch in einer kleinen Schrift aus, welche in Rom oder in
einem der kaiserlichen Klöster um die Mitte des zehnten Jahrhunderts
verfafst zu sein scheint, ehe noch Otto eine neue Ordnung der
Dinge begründet hatte '). Klar und einfach wird darin von der frü-
heren guten Einrichtung Nachricht gegeben, wo noch der Kaiser
oder sein Stellvertreter in Rom die tibermüthigen Grofsen im Zaum
hielt und jedem zu seinem Rechte verhalf. Ueber die älteren Zeiten
ist der Verfasser schlecht unterrichtet, aber die Verhältnisse unter
den Karolingern sind ihm wohl bekannt, und er schildert sie mit
eindringlicher Einfachheit bis zu dem unglücklichen Moment, wo
durch Karls des Kahlen Usurpation die kaiserliche Autorität in Rom
dahin gegeben wurde. Ueber die Ottonischen Einrichtungen belehrt
uns eine Schrift, welche unter Otto HI entstanden ist und mit einer
Beschreibung von Rom Nachrichten Uber die damalige Verfassung
verbindet3).
Während es also in Italien durchaus nicht an Männern fehlte,
welche leidlich zu schreiben verstanden, verfafste um das J. 968 ein
Mönch des Klosters S. Andrea am Berg Sorakte, Benedikt, eine
Chronik, welche an Rohheit der Gedanken wie der Sprache unüber-
troffen ist3). Wäre die Ausführung nicht gar zu ungeschickt, so
könnte man in dem Versuche , eine Weltgeschichte seit Christi Ge-
burt zusammenzustellen, einen Fortschritt erkennen, aber es ist nur
eine Compilation der dürftigsten Art. Wie wenig geschichtlichen
Sinn der Verfasser besafs, zeigt sich auch darin, dafs er zuerst die
Sage von Karls Zug nach dem Morgenlande aufnahm ; mitten zwischen
Stellen aus Einhards Werken schiebt er sie ein, ohne einen Wider-
spruch darin zu gewahren. Ueber seine eigene Zeit, Uber Alberich
*) De imperatoria poteslate in urbe Roma, Mon. SS. III, 719 — 722. Vgl. Wil-
mans in Rankes Jahrbüchern II, 2, 235. W. Giesebrecht, Gesch. d. Kaisers:. I, 324.
a) Graphia anreae urbis Romae bei Ozanam, Documents ine'dits p. 155 — 183;
vgl. W. Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit 1, 814. Ueber die Fortsetzung der Papst-
geschichte ib. S. 743. Merkwürdig ist der Rythmus de obitu Ottonis III imp. et
electione Henrici II bei Böller, Deutsche Päpste I, 331, von einem Kleriker aus
dem Kreise des Bischofs Leo von Vercelli, der gegen Arduin am meisten der kaiser-
lichen Autorität bedurfte. Vgl. Gies. II, 26.
3) Chron. Benedicti de S. Andrea, entdeckt von Pertz und zuerst gedr. Mon.
SS. III, 695— 719 mit Weglassung des Anfanges; vgl. Archiv V, 146. X, 381. W.
Giesebrecht, Gesch. der Kaiserzeit I, 743. Abels Paulus Diakonus S. 203. Watten-
bach, der Mönch von S. Gallen S. 75.
Digitized by Google
214 111. Ottonen. § 13. Italien. Chroniken. § 14. Biographien.
und die Stadtgeschichte von Rom gewährt übrigens Benedikt bei dem
Mangel an anderen Quellen wichtige Aufschlüsse, welche man aus
seiner verworrenen und aller Grammatik hohnsprechenden Schreib-
art mit Vorsicht und Mühe zu entnehmen hat.
Einen eigenthümlichen inneren Gegensatz zeigt uns die um die-
selbe Zeit geschriebene Chronik eines Salernitaners bis zum Jahre
974 '). Der Verfasser hat nämlich seinen grammatischen Cursus
durchgemacht, er ist sehr stolz auf seine gelehrte Bildung und gicbt
zuweilen wunderlich spitzfindige sprachliche Untersuchungen zum
Besten. Auch kann er ziemlich fehlerfrei schreiben, wenn er sich
Mühe giebt; dazwischen aber kommen dann wieder Stellen, wo er
alle seine Gelehrsamkeit vergifst und mit allen Flexionsformen ein
leichtsinniges Spiel treibt. Zum Geschichtschreiben war er wohl
etwas besser befähigt wie Benedikt, aber auf einen hohen Stand-
punkt hat auch er keinen Anspruch. Er knüpft an Paulus Geschichte
der Langobarden an und erzählt nun weiter von den langobardischen
FUrstenthümern in Unteritalien, was ihm gerade einfällt, ohne viel
Ordnung und ohne alle Kritik ; trauen darf man ihm nicht viel, aber
seine lebendig vorgetragenen, oft ganz novellenartigen Erzählungen
geben doch einen erwünschten Einblick in das Leben und Treiben
jener Länder, und für die Geschichte Unteritaliens sind wir oft
allein auf seine Nachrichten angewiesen.
Ungleich besser als diese Schriften ist die Chronik Venedigs
von dem Diakonus Johannes, dem Kaplan des Dogen Urseolus II,
der wiederholt als Gesandter an Otto III und Heinrich II geschickt
wurde2). Seine Sprache ist die eines Geschäftsmannes, ungeschmückt,
auch nicht frei von Verstöfsen gegen die Regeln der Grammatik,
aber leicht verständlich und dem Gegenstände angemessen; seine
venetianischen Provinzialismen sind in einer solchen Schrift für
seine Landsleute ganz an ihrem Platze und unendlich viel ange-
nehmer, als die ungeschickten Phrasen der halbgelehrten Mönche.
Er begann seine Geschichte wohl noch im zehnten Jahrhundert und
führte sie fort bis 1008; sie gewinnt an Reichthum des Inhalts mit
dem Fortschritt der Erzählung und wird besonders wichtig wo er
') Chron. Salernitanum ed. Prrtz, Mon. SS. III, 467 — 571. Bruchstücke in
Abels Paulus Diakonus S. 192 — 202.
a) Johannis diaconi Chron. Venetun) et Gradense ed. Pertz, Mon. SS. VII, 4—38.
Vgl. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit 1, 750. Früher nannte inan diese
Chronik das Chron. Sagornini. — Eben so alte Elemente enthält das in seinen ersten
Büchern höchst barbarische Chronicon Altinate, welches bis ins 13. Jahrh. fort-
geführt ist, herausgegeben vom Abate Antonio Rossi im Archirio Storico Italiano
Tomo VIII, und nach dem besseren Dresdener Codex im Appendice Tomo V. 1847.
Digitized by Google
Chronicon Salernitanum, Venetum. Leben Wenzels.
215
von den Berührungen mit den Kaisern berichtet, bei denen er selbst
betheiligt war. Ueberhaupt erkennt man hier gleich, dafs der Ver-
fasser das Leben nicht nur aus der Ferne sah, sondern selbst mitten
darin stand.
§ 14. Italien. Biographien.
Gegen das Ende des zehnten Jahrhunderts verschwindet in Ita-
lien jene Barbarei, welche hier weit greller wie in den anderen
Theilen des karolingischen Reiches hervorgetreten war. Die bessere
Ordnung der politischen und kirchlichen Verhältnisse macht sich auch
hier fühlbar. Auf Veranlassung des Kaisers Otto II schrieb ein
Bischof Gumpold von Mantua, von dem sonst wenig bekannt ist,
ein Leben des böhmischen Herzogs und Märtyrers Wenzeslaus
(t 935). Er stand indessen der Zeit wie den Ereignissen zu fern
um viel davon zu wissen und suchte die Dürftigkeit des Inhalts
durch schwülstige Phrasen zu verdecken. Hochtrabende sallustische
Ausdrücke paaren sich bei ihm in widerlicher Mischung mit der
kirchlichen Phraseologie. Im Prolog werden auf solche Weise die
Bestrebungen der Menschen geschildert und dabei die freien Künste
mit Umschreibungen bezeichnet, welche Büdinger ohne Grund auf
Gerberts Disputation mit Otrich bezogen hat *). Es ist deshalb auch
nicht nöthig, die Entstehung der Schrift nach Errichtung des Prager
Bisthums anzunehmen, von welcher Gumpold noch nichts weifs und
von der man doch kaum annehmen kann, dafs er sie, wenn er
später schrieb, nicht sollte erfahren oder berücksichtigt haben2).
Ein zweites Leben desselben Märtyrers schrieb später im elften
Jahrhundert, doch unabhängig von Gumpold, Laurentius, ein
Mönch von Monte Casino; dieser beruft sich auf die Erzählungen
eines Landsmannes des Märtyrers und mag durch diesen Kunde er-
halten haben von einer schon früher in Böhmen und vielleicht in
slavischer Sprache verfafsten Legende, auf die wir später noch ein-
mal zurückkommen werden3).
Eine bedeutende Einwirkung übte auf Italien die damals auch
*) Diese, wie mir scheint, allein richtige Deutung jener Stelle verdanke ich
freundlicher Miltheilung von Jaffe.
2) Gumpoldi Vita Vencezlavi ducis, von Pertz entdeckt und herausgegeben
Mon. SS. IV, 211 — 223. Vgl. Büdinger, Zur Kritik altböhmischer Geschichte, Wien
1857. Besonders abgedruckt aus der Zeitschr. f. österr. Gymnasien 1857. Heft VII.
Hierin ist Gumpolds Existenz urkundlich nachgewiesen.
3) Auszugsweise initgetheilt von Pertz, Archiv V, 137 — 143; vollständig von
Dudik, Iter Romanum 1,304—318. Ebenda S. 319 — 326 auch die Legende Crescente
fi de. Ueber die wenig glaubwürdigen Legenden von Wenzels Mutter Ludmila s.
Büdinger S. 25.
Digitized by Google
216
III. Ottonen. § 14. Italien. Biographien.
hier eindringende streng mönchische Askese, welche theils von Cluny
aus Uber die Alpen sich verbreitete, theils unabhängig davon und
in anderer Gestalt in Italien selbst aufkam. Zu den Hauptträgern
dieser Kichtung gehört der griechische Kalabrese Ni lus, der durch
seine aufs Aeufserste getriebene Verachtung alles Irdischen einen so
grofsen Eindruck auf Otto III machte. Sein Leben ist von einem
Landsmanne in griechischer Sprache geschrieben und enthält einige
werthvolle Nachrichten l).
Von demselben Geiste erfüllt, aber ungleich wichtiger für die
deutsche Geschichte ist das Leben des h. Adalbert, des Bischofs
von Prag und Apostels der Preufsen, (f 997) auf den Wunsch seines
schwärmerischen Freundes, des Kaisers Ottos HI, verfafst von Jo-
hannes Canaparius, dem Abte des Alexiusklosters in Rom, in
welchem Adalbert sich eine Zeit lang aufgehalten hatte. Der Ver-
fasser hat Adalbert selbst nahe gestanden und schreibt daher aus
voller Kenntnifs des Gegenstandes und mit grofser Wärme, in reiner,
wenn auch von biblischen Phrasen erfüllter Sprache’). Die wenig
Bpätere Ueberarbeitung dieses Lebens von Bruno von Querfurt er-
wähnten wir schon oben. Brun gehörte zu dem Kreise jener Asce-
ten, welche in dem Kloster Classe bei Ravenna lebten, aus deren
Mitte der Camaldulenser Orden seinen Ursprung nahm. Das Leben
des Abtes Romuald hat um die Mitte des elften Jahrhunderts der
Hauptvertreter dieser Richtung, Petrus Damiani, geschrieben; aus
den salbungsvollen Sentenzen lassen sich einige geschichtliche Nach-
richten auslesen, welche in den Mon. Germ. SS. IV, 846 — 854 mit-
getheilt sind.
») Acta SS. Sept. VII, 336. Auszüge Mon. SS. IV, 615-618.
’) Johannis Canaparii Vita S. Adalberti ed. Pertz, Mon. SS. IV, 581 — 595.
Vgl. den böhmischen Landtagsschlufs von 992 in Wattenbachs Beiträgen S. 51 und
bei Erben, Regesta Bohemiae p. 33.
Digitized by Google
IY. DIE ZEIT DEK SALIEE.
Von der Wahl Konrads II bis auf Heinrichs V Tod.
§ 1. Allgemeines.
Die besten Regenten des früheren Mittelalters, Karl der Grofse wie
seine Vorfahren, Heinrich I, Otto I, Konrad II, haben keine gelehrte
Bildung gehabt; noch waren die beiden Kreise des Lebens so ge-
schieden, dafs eine Vereinigung kaum möglich war, und eine Erzie-
hung durch Kleriker brachte fast unvermeidlich ein solches Ueber-
gewicht des geistlichen Einflusses und der kirchlichen Ideen mit
sich, dafs das Reich davon Schaden litt. Doch hat Heinrich H ein
kräftiges Regiment geführt, so sehr er auch der Kirche ergeben
war; er brachte das fast ganz zerrüttete Reich durch unablässige
Anstrengung wieder in Ordnung, und auf dieser Grundlage baute
Konrad rüstig fort: es ist kein kleiner Ruhm für ihn, dafs seine ge-
rechte und feste Herrschaft die Zeitgenossen an Karl den Grofsen
erinnerte.
Um Gelehrsamkeit und Wissenschaft aber kümmerte Konrad
sich nicht viel; dagegen war seine burgundische Gemahlin, die kluge
Gisela, der Geistlichkeit und ihren Künsten zugethan *), und sie liefs
auch ihren Sohn Heinrich in solcher Weise erziehen. Als sein Lehrer
wird ein italienischer Mönch genannt, Almerich der Bär, aus dem
Kloster S. Peter ad Coelum aureum in Pavia, den Heinrich 1039
zum Abt von Farfa ernannte2). Ohne Zweifel hat aber auch Kon-
rads Kaplan Wipo, auf den wir bald zurückkommen werden, grofsen
Antheil an seiner Erziehung gehabt.
Die Kaiserin Agnes von Poitiers war ebenfalls im Besitz der
gelehrten Bildung der Zeit und begünstigte gern litterarische Studien
bis sie als Wittwe mehr und mehr in ascetische Frömmelei verfiel s).
l) Sie liefs sich die Werke Notkers des Deutschen von S. Gallen abschreiben.
Mon. SS. II, 58, 11. — 2) Gregor. Catin. Mon. SS. XI, 559.
*) Der Anonymus llaserensis nannte den ersten Tbeil seines Werkes Libellus
Agnetis imperatricis , Mon. SS. VII, 264. Ihre Kapläne Gundechar 1057 Bischof
von Eichstedt, Altmann 1065 Bischof von Fassau. Johannes Pauper widmete ihr
Digitized by Google
218
IV. Salier. § 1. Allgemeines.
Auch Heinrich IV war durchaus nicht ungebildet und wufste
die Vortheile einer gelehrten Umgebung sehr wohl zu schätzen1):
hatte er doch seine Kämpfe nicht allein mit weltlichen Waffen zu
führen. Noch deutlicher sehen wir das bei seinem Sohne Heinrich V
hervortreten, der sogar einen eigenen Historiographen auf seinem
Römerzuge mit sich führte und Ekkehard zur Verfassung einer Ge-
schichte des fränkischen Reiches aufforderte.
Die Herstellung äufserer Ordnung und Sicherheit durch Hein-
rich II und Konrad, sowie die Begünstigung der Geistlichkeit unter
Heinrich IH und seine erfolgreichen Bemühungen für die Herstellung
einer strengeren Kirchenzucht kamen in gleichem Mafse der Litte-
ratur zu Gute. Man rühmte bald sein Zeitalter als das goldene:
viele Männer, heifst es in den Augsburger Annalen, gelangten durch
seine Unterstützung zu hohem Ansehen in Wissenschaft und Kunst;
die Studien waren überall im blühendsten Zustande *). Vornehme
Knaben wurden auch jetzt noch am Hofe erzogen, die kaiserliche
Kapelle vereinigte zu allen Zeiten eine Anzahl ausgezeichneter Männer
von gründlicher Bildung, doch tritt die Hofschule nirgends bedeutend
hervor, und es war auch nicht nöthig, denn jene Schulen, deren
Anfänge wir im vorigen Abschnitt betrachteten, hatten sich überall
zu selbständigem Gedeihen entwickelt und trugen nun ihre volle
Frucht.
Noch war die ganze Bildung geistlich; als etwas aufserordent-
liches wird es dem Pfalzgrafen Friderieh von Sachsen (t 1088) nach-
gerülimt, dafs er, wie man sich erzähle, Briefe die für ihn an-
langten, selbst habe lesen und verstehen können; so weit habe er
es in der Schule zu Fulda gebracht*). Das war eine grofse Aus-
nahme. Die Heiligenleben zeigen es zur Genüge, dafs in der Regel
der Entschlufs, den Sohn lesen und, was identisch war, Latein lernen
sein Buch de contemplatione aniinae. Mab. Anal. I, 133; ed. II. p. 120. Zu Hein-
rich III stand Williram in Beziehung und übersandte ihm seine Auslegung des
Hohen Liedes.
*) ( Heinricus V ) more patris sui clericos et maxime litteratos adbaerere sibi
voluit, hosque honorifice tractans nunc psalmis nunc lectionc vel coliatione sive
scripturarum ac liberalium artium inquisitione secum familiarius occupavit. Ekkeh.
a. 1106. Mon. SS. VI, 239.
2) Huius astipulatione et industria plurimi eo tempore in artibus, in acdificiis
in auctoribus, in omni genere doctrinac pollebant. Studium ubique famosissimum.
Ann. August, ad a. 1041. Auffallend ist die gleichzeitige Klage Willirams, die aber
besonders auf die Entfremdung der Grammatiker von theologischen Studien und
die Unwissenheit der frommen Leute geht. Er hofft Besserung von dem Einflufs
Frankreichs.
*) Chron. Gozec. 1, 19. Mon. SS. X, 148. Ganz dasselbe rühmt Ordericus Vi-
talis von König Heinrich 1 Beauclerc von England.
Digitized by Google
Ilohe Blülhc der Wissenschaften.
219
zu lassen, Um zugleich zum geistlichen Stande bestimmte. Die
Mütter thaten es oft heimlich, und die Väter wurden dann sehr
zornig, wenn sie es erfuhren. In dieser Beziehung ist man gegen
die frühere Zeit zurückgeschritten. Sehr merkwürdig ist in Bezug
darauf die Ermahnung, welche Wipo an Heinrich III richtete; er
stellt ihm vor, wie nachtheilige Folgen es habe, dafs in Deutschland
niemand etwas lerne, der nicht zum Geistlichen bestimmt sei, ja dafs
man es für schimpflich halte. Er räth ihm geradezu durch ein
Gesetz zu verordnen, dafs auch in Deutschland wie in Italien jeder
vornehme Mann seine Söhne zur Schule schicken solle.
Das geschah nun freilich nicht, und noch bei Sebastian Münster
finden wir dieselbe Klage wiederholt. Dagegen aber zeichnete sich
die Geistlichkeit unter Heinrich HI durch einen hohen Grad von
Bildung aus. Die Bischöfe und Aebte, auf denen seit Otto dem
Grofsen das Reich zum grofsen Theil beruhte, besafsen jetzt grofse
und reiche Gebiete, welche sie mit aller Sorgfalt pflegten, und wohl
mehr wie jemals galt damals der Spruch, dafs unter dem Krumm-
stabe gut wohnen sei. War bei manchen die Baulust übertrieben,
hatten Prunkliebe und Wohlleben in manchen Stiftern alles ernstere
Streben erdrückt, so waren doch immer auch andere, in denen die
Wissenschaft eifrige Beförderung fand. Die bedeutende politische
Stellung der Kirche aber weckte gerade den geschichtlichen Sinn
und führte mit Nothwendigkeit auch zur Beschäftigung mit der Ver-
gangenheit und zur Aufzeichnung der Begebenheiten der Gegenwart.
Von den Fesseln der Schule macht man sich jetzt frei; die
lateinische Sprache ist nicht mehr eine fremde, mühsam erlernte, in
der man die vorliegenden Muster ängstlich nachahmt, sondern sie
ist die gewöhnliche Sprache aller geschäftlichen Verhandlungen, aller
Wissenschaft und Kunst, die Sprache des feineren geselligen Ver-
kehrs. Es hat sich eine eigene, den Bedürfnissen und Zuständen
der Zeit angemessene Ausdrucksweise gebildet, in der man sich mit
Leichtigkeit bewegt. Einen sehr bedeutenden Einflufs auf diese
Sprache übt natürlich der kirchliche Gebrauch ; nicht nur finden wir
überall die Ausdrücke der Bibel und der Kirchenväter angewandt,
sondern man erkennt auch nicht selten den Chorgesang wieder in
dem rythmischen Klang der Prosa ; häufig sind sogar die Satztheile
mit unvollkommenen Endreimen versehen, eine Entartung die schon
im vorigen Zeitraum hin und wieder sich zeigt.
Unbestritten war jetzt der römische Kaiser das weltliche Haupt
der Christenheit; er und seine Räthe hatten fortwährend die mannig-
fachsten und entferntesten Verhältnisse im Auge zu behalten, und der
Digitized by Google
220
IV. Salier. § 1. Allgemeines.
gesichertere Zustand der Heimath erlaubte es auch dem Gelehrten
in seiner Zelle, den Blick von den näehstliegenden Vorfällen zu er-
heben und nach dem Zusammenhänge der Dinge zu forschen. Man
beschränkte sich nicht mehr wie unter den Ottonen auf einen engen
Gesichtskreis ; damals hatte man nach und nach begonnen, den Er-
eignissen der Gegenwart den weltgeschichtlichen Stoff in der Form
rohester Compilation voranzustellen, jetzt aber suchte man sich
dieses Stoffes wirklich zu bemeistern. Otto hatte durch die Her-
stellung des Kaiserthumes an die alten Traditionen wieder ange-
knlipft, und man fühlte sich wieder im Zusammenhänge der Welt-
geschichte. Die zunehmende wissenschaftliche Ausbildung aber und
der gröfsere Reichthum an Büchern gaben zugleich die Möglichkeit
ein klareres Bild der Vorzeit zu gestalten, und so entstanden jetzt
die grofsen Weltchroniken, in denen man zunächst chronologisch
eine wirkliche Uebersicht der Begebenheiten zu gewinnen strebte
und dadurch der Folgezeit die Lehrbücher gab, auf denen fufsend
nun Männer wie Otto von Freising den Versuch wagen konnten, auch
philosophisch des ganzen Stoffes Herr zu werden.
Zugleich erweiterte Bich auch in räumlicher Beziehung der Ge-
sichtskreis der Chronisten. Selbst die Localgeschichte wurde überall
berührt von dem alles durchdringenden Einflüsse des römischen
Papstes, von seinem wechselnden Verhältnifs zum Kaiser; wer aber
die Geschichte in gröfserem Zusammenhänge betrachtete, der konnte
unmöglich sich ferner auf den eigenen Stamm beschränken, denn
die ganze Christenheit erschien jetzt als ein organisch verbundenes
Ganzes; in den Kreuzzügen kam dieses am deutlichsten zur Erschei-
nung, und diese Kreuzzüge trugen wieder ungemein viel dazu bei,
den Blick zu erweitern. Kaiser und Papst erschienen als die beiden
Häupter der Christenheit, die Landesgeschichte trat dagegen zurück,
und diese Auffassung gab der Geschichtschreibung ihren Gesichts-
punkt.
Aber als der Kreuzesruf die ganze christliche Welt in Bewegung
brachte, waren jene beiden Häupter bereits in Zwietracht gerathen.
Es trat der lange und unheilvolle Kampf ein, der namentlich auf
Deutschland, wo auf dem einträchtigen Wirken des Kaisers und der
von ihm gesetzten Bischöfe die ganze Organisation des Reiches ruhte,
im höchsten Grade erschütternd und zerstörend wirkte. Jetzt, klagt
Gozechin, Scholaster in Mainz, gilt nur noch Geld und Gewalt, die
Wissenschaft führt zu nichts und mufs in den Schenken betteln
gehen. Durch die Folgen dieses Kampfes verlor Deutschland seinen
Vorsprung vor Frankreich und Italien. Nichts war jetzt mehr ge-
Digitized by C»oog
Folgen des Investiturstreites. Einfluß Frankreichs. 221
schätzt als kanonistische Gelehrsamkeit tmd dialektische Gewandheit,
und für diese Seite der Ausbildung hatte Frankreich immer die beste
Schule dargeboten. Schon unter Heinrich HI lassen sich Klagen
über das Eindringen französischer Moden vernehmen1). Schon von
Bischof Heribert von Eichstedt (1021 — 1042) wird gesagt, dafs er
seinen Scholaster Gunderam flir nichts geachtet habe, weil er in
der Heimath erzogen war und nicht am Rhein oder in Frankreich
seine Studien gemacht hatte a) , und Heriberts Vetter Williram be-
zeugt, dafs damals zahlreiche Schüler aus diesen Gegenden den Lan-
frank im Kloster Bec aufsuchten.
Die Lothringer besuchten von jeher französische Schulen, wie
Olbert, von 1012 bis 1048 Abt von Gembloux, der in S. Gennain,
Troyes und Chartres studirt hatte, und zu ihnen, besonders nach
Lüttich kam zahlreich die lernbegierige Jugend aus dem ganzen
Reiche.
Gegen das Ende des elften Jahrhunderts hörte Friderieh von
Ortenburg (1100 — 1131 Erzbischof von Köln) in Frankreich den
Gerhard, später (1101) Bischof von Angouleme, welcher damals in
Angouleme, Bourges und auf dem Lande Schule hielt3). Im An-
fänge des folgenden Jahrhunderts ging Eberhard, später (1147) Erz-
bischof von Salzburg, von Bamberg aus, Otto von Freising, Gebhard,
1122 Bischof von Wirzburg4), nach Frankreich, und Vicelin, der
schon Scholasticus in Bremen war, verliefs sein Amt um ebenfalls
in diesem Lande sich weiter auszubilden6). Von der Kölner Schule
eilte Godschalk, später Abt von Selau in Böhmen, nach Paris und
studirte dort, bis er 1135 in das Kloster Steinfeld eintrat 6). Auch
Bruno, der Bruder des Grafen Adolf von Berg, befand sich der
Studien halber in Paris, als die Kölner Erzbischofswahl ihn 1131
zur raschen Heimkehr veranlafste 7). Adalbert von Saarbrücken be-
gab sich von der Hildesheimer Schule nach Reims und Paris, und
hörte 1137 noch die gelehrten Aerzte zu Montpellier, worauf er im
*) Sigifrldi Gorziensis epistola, zuerst angeführt von Ruehs, Uistor. Entwicke-
lung des Einflusses Frankreichs u. der Franzosen auf Deutschland u. die Deutschen.
1815; jetzt vollständig bei Gicsebrecht, Gesch. d. Kaiserzeit II, 617. Im 12. Jahrh.
hielten schon die vornehmen Herren französische Hofmeister für ihre Kinder. Ger-
vinus I, 246.
s) Anon. Haserensis, Mon. SS. VII, 261. Auch die Briefe in Sudendorfs Re-
gistr. III , 1 — 3 zeigen eine lebhafte Verbindung mit Frankreich um die Mitte des
elften Jahrhunderts; die zugesetzten Namen aber sind schwerlich richtig.
3) Gesta Pontif. Engolism. bei Labbe Nova Bibi II, 259, angeführt von Stein,
De Friderico archiep. Col Monast. 1855. 8.
4) in Franciam causa studii iveram, Tengn. Mon. p. 374.
6) Helmold. I, 45. 73. — «) Gerl, ad a. 1184.
7) Balderici Gesta Alberonis cap. 11. Mon. SS. VIII, 249.
Digitized by CjOOglc
222 IV. Salier. § 1. Allgemeines. § 2. Konrad II. Wipo.
folgenden Jahre Erzbischof von Mainz wurde1). Albero von Trier
(1131 — 1152) war selbst ein Franzose und holte sich auch von dort
seinen Scholasticus Balderich. In Böhmen spricht schon Cosmas
von den jungen Philosophen, die voll von Franciens Schätzen heim-
kehrten, und Bischof Daniel von Prag (1148 — 1167) hatte in Paris
studirt, Lucas von Gran dort den Girardus Puella gehört“). Immer
entschiedener wurde Frankreich das Hauptland der Kirche, der Sitz
aller theologischen Gelehrsamkeit, wie auch von dort die neuen
Mönchsorden ihren Ursprung nahmen, und Deutschland konnte seine
frühere Geltung den Nachbaren gegenüber nicht mehr behaupten.
Die Geschichte Deutschlands erklärt es zur Genüge, dafs die
aller Orten so reich und kräftig erblühenden Studien nur in wenigen
glücklichen Fällen den Sturm überdauern konnten; gerade die geist-
lichen Stifter, die Sitze der Bildung, wurden von der unheilvollen
Spaltung in ihrem innersten Kerne ergriffen und zerrissen, und in
Deutschland blieb alles stumm, wenn der Klerus schwieg.
Diese traurigen Folgen traten aber erst später ans Licht; als
der Kampf zuerst ausbrach, brachte er vielmehr neues Leben und
neue Bewegung in die Litteratur. Man kämpfte nicht minder mit
der Feder wie mit dem Schwerte, und es erwuchs in kurzer Zeit
eine reiche Fülle von Streitschriften, die zum Theil mit grofser Kunst
und Gewandheit verfafst sind3). Aus der Geschichte wie aus dem
eben jetzt mit neuem Eifer ergriffenen Studium des römischen Rechts
wurden die Waffen entlehnt, und Stil und Sprache wurden auch für
diesen Zweck sorgfältig geübt, tlieils in den Kanzleien der geist-
lichen und weltlichen Herren, theils in den jetzt in Italien und
Frankreich entstehenden eigenen Schulen zur Erlernung des Ge-
schäftstils4).
Versuchen wir es nun, das umfangreiche geschichtliche Material
dieser Periode zu überblicken. Die geographische. Eintheilung, wel-
cher wir bisher folgten, läfst sich hier nicht mehr allein festhalten,
weil der Verkehr und die gegenseitige Einwirkung Bich zu sehr ge-
steigert haben: wir werden uns von den Hauptwerken leiten lassen
und diesen die übrigen gruppenweise anreihen.
*) Jaffe de Arte medica Saec. XII, p. 17.
*) Cosm. III, 59. Gerl, ad a. 1167. Gualt. Map. Sitzungsberichte d. Wiener
Akad. X, 331.
3) s. darüber Stenzei, fränk. Kaiser I, 496 ff. Floto , Heinrich der Vierte II,
283 — 303. Helfenstein, Gregors VII Bestrebungen nach den Streitschriften seiner
Zeit. Frankf. 1856. 8.
4) S. über diese Dictatorenschulen Wattenbach im Archiv für Kunde österr.
G. Q. XIV, 29 — 94.
Digitized by Google
Konrads II Kaplan Wipo.
223
§2. KonradH. Wipo.
Wiponis Opera ed. Pertz, Mon. SS. XI , 243 — 275. Separater Abdruck. ITan. 1853. 8.
Pertz, lieber Wipo’s Leben und Schriften, in den Abhandlungen der Berl. Ak. 1851.
Stenzei II, 20. 41 — 49. Waitz in Schmidts Zeitschrift II, 104. W. Giesebrecht,
Kaiserzeit II, 521. 576. 582. 589.
Ueber Wipos Herkunft und Leben ist uns nichts bekannt, als
was aus seinen Schriften hervorgeht. Er war Priester und Kaplan
Konrads II, bei dessen Wahl er zugegen gewesen ist. Seine Kränk-
lichkeit verhinderte ihn aber häufig, dem kaiserlichen Hoflager zu
folgen, und er scheint dann in seiner Heimath zurückgeblieben zu
sein, nämlich in Burgund, denn die specielle Berücksichtigung dieses
Landes in seinen Schriften und die Berufung auf den Bischof von
Lausanne als seinen Gewährsmann lassen kaum daran zweifeln, dafs
er dort zu Hause war. In besonders nahem Verhältnifs stand er
schon bei Kaiser Konrads Lebzeiten zu dessen Sohne und Nach-
folger Heinrich, an dessen Hofe er dann in gleicher Stellung blieb,
und dem er 1048 oder 1049 die Lebensbeschreibung seines Vaters
überreichte. Es ist wohl nicht zu bezweifeln, dafs er auch an der
Erziehung Heinrichs Antheil gehabt hat.
Wir wissen nicht, wo Wipo seine Bildung erhalten hat; er war
offenbar mit der classischen Litteratur vertraut und behandelte die
Sprache der damaligen Zeit mit grofser Leichtigkeit und Sicherheit1).
Eine besondere Vorliebe hatte er für rythmische gereimte Dich-
tung, und auch darin zeigt er Geschmack und Gewandheit. Manches
davon ist verloren; erhalten sind seine 1027 oder 1028 für Hein-
rich III verfafsten Denksprüche, Proverbia, in ihrer Art vortrefflich 2),
und der 1041 Heinrich zu Ehren verfafste Tetralogus, in fliefsenden
Hexametern, die nach damaligem Geschmacke gereimt sind. In an-
muthiger und geschickter Weise ist hier das Lob des Königs mit
guten Ermahnungen gemischt, und darunter befindet sich auch der
oben schon erwähnte gute Rath, er möge doch seine Grofsen dazu
anhalten, ihre Söhne in die Schule zu schicken und sie Recht und
Gesetz kennen zu lehren3). Bei jeder Gelegenheit kommt Wipo
l) Einen merkwürdigen Beleg für die gelehrten Studien jener Zeit u. Gegend
giebt auch der Dichter Amarcius, vermuthlich ein Zürcher, s. Haupt in den
Sitzungsberichten der Berl. Ak. 1854. S. 160 — 164.
*) — z. B. Decet regem discere legem.
Legem servare, hoe est regnare.
Notitia litterarum lux est animarum.
Bene credit qui neminem laedit
a) Tune fac edictum per terram Teutonicorum,
Quilibet ut dives sibi natos instruat omnes
LiUerulis, legemque suam persuadeat iliis,
Digitized by Google
224 IV. Salier. § 2. Konrad II. Wipo.
darauf zurück, dafs Recht und Gesetz die wahre Grundlage des
Thrones sind, wie er denn auch jene Ermahnungen dem Gesetze
selber in den Mund legt, und König Heinrich als ehrendsten Bei-
namen die Bezeichnung Richtschnur der Gerechtigkeit (Linea
iustitiae) beilegt. Besonders schön und von wahrem Gefühl erfüllt
ist endlich die Todtenklage um Kaiser Konrads Tod1).
Aufser diesen noch jetzt erhaltenen Gedichten hat aber Wipo
auch noch Konrads Winterfeldzug nach Burgund im Jahre 1033 und
seine Heldenthaten im Wendenlande 1035 besungen und eine gröfsere
Dichtung unter dem Titel Gallinarius verfafst, die sich ebenfalls auf
Konrad H bezog8). Diese Schriften sind uns leider alle verloren;
wir wissen davon nur, was Wipo Belbst anführt, der mit einiger
Selbstgefälligkeit ihrer gern gedenkt, indem er mit leichtem Schleier
den Verfasser nur als einen der Unsrigen bezeichnet. Mancher ein-
zelne Vers, der mitten in Wipos Prosa vorkommt, mag auch wohl
aus diesen Dichtungen stammen; seine Vorliebe für solchen Schmuck
tritt häufig hervor, sowie er auch seinen Geschmack an Sprüch-
wörtem hier nicht verleugnet Andererseits ahmt er auch dem sen-
tenziösen Stil des Sallust nach, und daraus ist eine etwas seltsame
Mischung entstanden; wo er aber einfach erzählt, ist seine Sprache
dem Gegenstände angemessen und frei von der affectirten Classiciüit
anderer*).
Ut cum principibus placitandi vencrit usus,
Quisque suis fibris rxemplum proferat Ulis.
Moribus bis duduin vivebat Roma dercnter,
Bis studiis tantos potuit vincire tyrannos:
Hoc scrvant Itali post prima crepundia cuncti.
Et studare scholis mandatur tota iuventus.
Solis Teutonicis vacunm vel turpe videtur,
Ut doceant aliquem nisi clericus accipiatur.
*) Otto v. Freising schreibt diese dem Herinan von Reichenau zu und eben
so den Rythmus auf den Ungernkrieg 1044: Vox haec melos pcmgat, welcher
vermulhlich auch von Wipo war.
*) Er führt daraus die vierte Satire an; Vita Chuonr. cap. 6.
*) Ueber die lateinische Hof- u. Klosterpoesie vgl. Wackemagels L. G. 70 — 74;
über Volkslieder S. 75. Ueber den Cod. Cantabrig. Pertz Archiv VII, 1001 u. über
Wipo p. 7. - — Ein lateinisches Lied auf Hcriger von Mainz (913 — 926) Eccard
Quat. 58. Grimm und Schmeller 335. Du Meril 298. — Leich von den beiden
Heinrichen lat. u. deutsch, Lachmann bei Koepke, Otto I, S. 97. — Spottlied auf
Adalbert Berengars Sohn, aus Landulf von Mailand bei Du Meril 271. Er schlägt
statt Salonichina vor Salacina, nach Salacia, der Meeresgottheit bei Festus und
Varro. — Andere im Cbron. Salernitanum. — Ein Gedicht auf Ottos III Tod und
Heinrich II mit besonderer Beziehung auf Leo von Vercelli und Harduin, bei Denis
Codd. theol. Vindobon. I, 658 (unvollständig). Hoefler, Deutsche Päpste 1,331 u.
Archiv f. österr. G. Q. XII, 316. — Ruodlieb, mit Bezügen auf die Zusammenkunft
Heinrichs II mit König Robert von Frankreich, bei Grimm u. Schmeller, Lat. Ge-
dichte des 10. u. 11. Jahrh. vgL oben S. 199. — Ecbasis Captivi, Lothring. Thier-
Digifized by Google
Wipos Schriften.
225
Das einzige gröfsere Werk, welches wir von Wipo besitzen, ist
sein Leben Konrads II, um so schätzbarer, weil Uber diese Zeit nur
wenig Quellen vorhanden sind. Eben so vereinzelt steht anderer-
seits diese Schrift da als eine der Behr wenigen weltlichen Bio-
graphien, welche im Mittelalter verfafst sind. Es berührt angenehm,
dem Schwalle stereotyper Phrasen zu entgehen, die in keiner Le-
gende fehlen. Einhard, mit dem wir Wipo zunächst vergleichen
müssen, Ubertrifft ihn freilich an Kunst der Darstellung und Reinheit
der Sprache, dafür hat Wipo aber mehr frische Natürlichkeit, und
während Einhard in fast ängstlicher Nachahmung Suetons auch den
Kategorien desselben folgt, berichtet Wipo einfach nach der Zeit-
folge Uber das Leben Konrads. Er selbst sagt, dafs häufig Krank-
heit ihn vom Hofe fern hielt, und daher ist er nicht überall gleich
gut unterrichtet. Im Allgemeinen aber schreibt er mit vollständiger
Kenntnifs seines Gegenstandes und mit warmer Liebe zu seinem
Helden. Doch ist er weit entfernt, ein blofser Lobredner zu sein;
er berührt auch die Schwächen des Kaisers, wenn auch nur in
schonender Andeutung, wie das in seinen Verhältnissen und in einem
Werke, das dem Sohne und Nachfolger gewidmet war, nicht anders
sein konnte.
Im Allgemeinen können wir wohl sagen, dafs Wipo seine Auf-
gabe gut gelöst hat; er giebt uns freilich keine tiefer gehende ge-
schichtliche Auffassung der damaligen Weltlage, des Verhältnisses
des Kaisers zu den Fürsten und zur Kirche, der Deutschen zu ihren
Nachbaren, aber er giebt uns ein frisches, lebensvolles Bild des
thatkräftigen, verständigen und in jeder Beziehung tüchtigen Kaisers,
der vor allem rücksichtslos das Recht handhabte und ganz für seinen
hohen Beruf lebte, und das eben war Wipos Zweck und Absicht.
Wiederholt spricht Wipo die Absicht aus, auch Heinrichs IH
Geschichte zu schreiben; er sagt, dafs er fortwährend dafür sam-
mele: wenn er als der früher geborene auch früher sterben werde,
so möge ein anderer auf dieser Grundlage fortbauen. Er beschwört
seinen Nachfolger, den Grund welchen er lege nicht zu verschmähen.
Das Leben Konrads ist im Jahre 1048 oder 1049 geschrieben, und
fabel mit polit. Anspielungen ib. — Modus Oltinc, über die Lechschlacht aber
auch Otto II und Olto III feiernd, Lachmann im Rhein. Mus. III, 432. Soltau,
Deutsche hist. Volkslieder 20. Du Meril 273. — Zwei kirchliche Lieder zu Ehren
Heinrichs II, Eccard. Quat. 54. Eberl, Ueberlieferungen I, 81. Grimm u. Schnuller
333. Du Meril 286. Haupts Zeitschrift XI, 10. — Auf Heribert von Köln , zur
kirchlichen Feier aus späterer Zeit, Ecc. Quat, 59. Du Meril 279. Haupts Zts.
XI, 16. — Zu Ehren Konrads II, Ecc. Quat. 55. Du Meril 287. Haupts Zts. XI, 12.
— Zu Heinrichs Iil Krönung, Ecc. Quat. 57, Du Meril 289. Soltau 31. Haupts
Zts. XI, 15. — Lob des Bolcslaus 1109 im Chron. Polon. III, 11.
15
Digitized by Google
226
IV. Salier. § 2. Wlpo. § 3. Allaich und Hildesheim.
gerade bis zum Jahre 1048 finden sich bei dem sächsischen Anna-
listen, der das Leben Konrads vor sich hatte, auch Uber Heinrich IH
AuszUge aus einer sonst nicht bekannten Quellenschrift. Da hat
nun Pertz die Vermuthung aufgestellt, dafs Wipo schon bald nach
jenem Zeitpunkte gestorben sein möge und dafs der Annalist seine
Sammlung vor sich hatte. Weitergehend hat er vermuthet, dafs wohl
das Hermann dem Lahmen zugeschriebene Werk Uber Heinrich IU
nichts anderes sein möge, als Wipos hinterlassene und von Hermann
Überarbeitete Aufzeichnungen. Doch ist es ein bedenklicher Umstand,
dafs Hermanns eigene Chronik nur wenig Uebereinstimmung mit
jenen Nachrichten zeigt, während dieselbe Quelle auch dem Chrono-
graphns Saxo Vorgelegen hat, und zwar wie bei dem Annalisten in
genauer Verbindung mit den Hildesheimer Annalen. Deshalb ver-
muthet Giesebrecht (Gesch. d Kaiserzeit H, 525) darin vielmehr eine
verlorene reichere Form jener Annalen und nicht das Werk des Wipo.
Wipo erzählt, dafs Konrad im J. 1027 den Bischof Wernher
von Strafsburg nach Konstantinopel sandte. Ueber diese Gesand-
schaft finden sich einige, freilich fabelhafte Nachrichten in einer
Schrift des zwölften Jahrhunderts Uber die Kreuzpartikel zu Donau-
wörth, welche Wernhers Begleiter, Mangold von Werd, damals
soll erworben haben '). Wir finden darin auch die beliebte Geschichte,
dafs der Kaiser, zur Mahlzeit geladen, verbietet dem Bischof Holz
zu verkaufen, dieser aber die Speisen bei einem Feuer von Nüssen
bereiten läfst. Es ist nicht ohne Interesse zu verfolgen, wie diese
Geschichte mit geringen Abänderungen an den verschiedensten Orten
auftaucht und beliebig auf andere Personen übertragen wird. Denn
Gleiches erzählt Robert Wace im Roman de Rou von Herzog Robert
und dem griechischen Kaiser, Enenkel von Friderich dem Streit-
baren und Kaiser Friderich H, eine österreichische Reimchronik von
den belagerten Wienern und Thomas Ebendorfer von Rudolf IV und
Karl IV. Noch dürfen wir endlich nicht unerwähnt lassen, dafs in
einer Briefsammlung, welche aus dem Kloster Lorsch stammt, sich
eine Anzahl sehr beachtenswerther Schreiben erhalten hat, von denen
nur wenige, aber freilich wohl die wichtigsten bekannt geworden sind.
Neben den gewöhnlichen Angelegenheiten der Geistlichkeit, Wahl-
sachen, Klagen Uber Bedrückungen, Bitten um gastliche Aufnahme, fin-
den sich darin zwei merkwürdige Berichte Uber Kaiser Konrad und
seinen Hof, namentlich eine genaue Erzählung von der Absetzung des
*) ilistoria quomodo portio vivifice cruris Werdeam pervenerit. Oefrle I,
332 — 336. Königsdorfer, Geschichte von Donauwörth I, 384 — 392. Grandidier,
llistoire d’Alsace I, 226.
Digitized
Wemher v. Strafsburg. Lorscher Briefe. Godehard.
227
Herzogs Adalbero von Kärnten, welche uns den Kaiser in der ganzen
Heftigkeit und Schroffheit zeigt, die diesem gewaltigen Fürsten-
stamme eigen war1).
§3. Nieder- Altaich und Hildesheim. Godehard.
Benno von Osnabrück.
Stenzel, Geschichte Deutschlands unter den fränkischen Kaisern II, 50 — 55. 90 — 95*
Um das Jahr 961 wurde einem Dienstmann des Klosters Nieder-
Altaich, Namens Ratmund, ein Sohn geboren, der den Namen Gode-
hard erhielt. Wir erwähnten schon früher, dafs die Klosterzucht
dort verfallen war und Kanoniker in freierer Weise an dem Orte
lebten, dafs sie aber eine Schule von gutem Rufe hielten, welche
von vornehmen jungen Geistlichen zahlreich besucht wurde. Auch
Godehard erhielt hier seinen ersten Unterricht und bildete sich dann
weiter aus am Hofe des Erzbischofs Friderich von Salzburg, der
mit Nieder- Altaich belehnt war und dem es seinen blühenden Zu-
stand verdankte. Im Jahre 990 aber gab der Erzbischof das Kloster
vollends seiner alten Bestimmung zurück, gab ihm seine Selbstän-
digkeit wieder und führte Benediktiner -Mönche aus Schwaben dahin.
Der Herzog Heinrich von Baiern und Kaiser Otto IH verhalfen der
Abtei wieder zu ihren längst entfremdeten Besitzungen, und bald
gedieh sie zu grofser Blüthe und zeichnete sich aus durch einen
hoben Grad wissenschaftlicher Bildung. Dem ersten Abte Erkenbert
folgte 996 — 1022 Godehard, welcher die Regel in ihrer vollen Strenge
durchführte und sich namentlich auch der Klosterschule ernstlich
annahm. Wohl schon damals wurden hier kurze annalistische Auf-
zeichnungen (989 — 1038) verfafst, die dann später (nach 1054) ein
Mönch des Klosters, dem die Chronik Hermanns des Lahmen, viel-
leicht schon in abgekürzter Gestalt, zugekommen war, mit dieser
und den Annalen von Hersfeld und Hildesheim zu einer im Anfänge
sehr mageren Compilation verband, wie wir das schon häufig ge-
sehen haben und bei Lambert wieder finden. Unter Konrad H werden
die selbständigen und eigenthümlichen Nachrichten reichlicher, und
Heinrichs IH Regierung ist in ausführlicher Erzählung dargestellt.
Wir finden hier Uber diese Zeiten vortreffliche Aufschlüsse und zwar
gerade über die Verhältnisse dieser Gegenden, Uber welche es sonst
so sehr an Quellen mangelt, und Uber Heinrichs IH Berührungen
mit Ungern und Böhmen. Von 1054 an ist der Verfasser völlig selb-
ständig, und Uber die ersten Zeiten Heinrichs IV gewährt er uner-
*) A. Mai, Spicilegium Romanum V, 147. Mone, Anzeiger für Kunde des
Mittelalters 1838. S. 204. Böhmer im Notizenblatt d. Wiener Ak. 1855. S. 520,
W. Giesebreeht, Gesch. d. Kaiserzeit II, 608. 611.
15*
Digitized by Google
228 IV. Salier. § 3. Altaich u. Hildesheim. Godehard. Benno.
wartete Blicke in das Treiben der Fürsten; der sonst so gepriesene
Otto von Nordbeim erscheint hier, wo man ihn näher kannte, in
sehr ungünstigem Lichte. Die Art der Darstellung schliefst sich
der Weise der alten Annalisten an, indem der Verfasser nur die
Thatsachen reden läfst und es vermeidet, seine eigene Ansicht oder
ein Urtheil Uber Personen und Ereignisse auszusprechen. So weit
wir seine Nachrichten zu prüfen vermögen, ist er in hohem Grade
zuverlässig.
Die bairischen Historiker seit Aventin haben diese Annalen,
welche bis 1073 reichen, lange als eine Hauptquelle benutzt; dann
sind sie unglücklicher Weise verloren gegangen und lange unbeachtet
geblieben, bis Giesebrecht zuerst wieder darauf aufmerksam machte
und sie aus den späteren Citaten grofsentheils wieder herstellte,
wobei freilich eine völlige Sicherheit nicht zu erreichen ist und
manches problematisch bleibt1).
Godehard aber erwarb sich durch seine Amtsführung ein solches
Ansehen, dafs ihm bald auch andere Klöster zur Herstellung einer
besseren Zucht anvertraut wurden; so 1001 Tegernsee, 1005 das
gänzlich verwilderte Hersfeld a). Es gelang ihm auch seine Refor-
mation mit dauerndem Erfolge durchzuf Uhren; er selbst entzog sich
nach einigen Jahren wieder dieser Thätigkeit, welche ihn zu sehr
von seinem Berufe abzog, aber Mönche aus seiner Schule verbrei-
teten sich als Achte verschiedener Klöster bis nach Böhmen, Mähren
und Italien s). Er selbst widmete sich von 1012 an allein seinem
eigenen Kloster, bis er im J. 1022 zum Bischof von Hildesheim
erwählt wurde, wo er nun bis an seinen Tod 1038 eine segensreiche
Thätigkeit entfaltete.
Ungeachtet der Verdienste seines Vorgängers Bernward fand
Godehard die Hildesheimer Schulen ungenügend; sie mochten vicl-
*) Annales Altahenses. Eine Quellenschrift zur Geschichte des elften Jahr-
hunderts, hergestellt von W. Giesehrerht. Berlin 1841. 8. Vgl. den Nachtrag in
der Litterar. Zeitung 1841. S. 687. Kaiserzeit II, 525. — Rec. v. Wailz G. G. A.
1842 N. 38 — 41. L. Giesehrerht, Wend. Geschichten 111,309. Die werthlosen
Excerpta Altahensia, Mon. SS. IV, 36 haben keine Beziehung zu diesen Annalen.
N. Altaich und dem elften Jahrhundert gehört dem Inhalt, aber schwerlich der
Abfassung nach die nichtssagende Vita S. Alrunae, aus dem Hause der Markgrafen
v. Chamb, bei Pez, Thes. II, 3, 253 — 266; der Zeit des Abtes Walther (Waltker,
von 1067 an,?) die abgeschmackte Vita S. Salomae virg. et Judithae viduae, die
nur durch eine Stelle über die Grafen von Ortenburg und den Herzog Engelbert
merkwürdig und wohl im 13. Jahrh. verfafst ist Acta SS. Jun. V, 493 — 498; cf.
Pez, Thes. II, p. LVII.
2) Gegen die gewöhnliche Annahme, dafs er auch Kremsmünster erhalten habe,
Biidinger, osterr. Gcsch. 1, 449.
s) Vgl. Lackner, Memoriale Altachae inferioris S. 137, wo ein Verzeiehnifs
der Klosterbrüder aus Godehards Zeit gedruckt ist
Digitized by Google
Annales Altahenses. Wolfhers Leben Godehards.
229
leicht den bedeutend gesteigerten Anforderungen dieser Zeit nicht
mehr entsprechen. Er sandte deshalb zuerst seine jungen Kleriker
nach fremden Schulen; dann aber stiftete er in Hildesheim eine
eigene Schule, die er nicht nur mit trefflichen Lehrern, sondern
auch mit allem, was zur leiblichen Notkdurft erforderlich war, reich-
lich ausstattete. Unter denen, welche Godehard zuerst anssandte,
war auch Wolfher, der die von ihm hergestellte Schule in Hers-
feld besuchte1); diese leitete damals der Propst Albwin, der 1035
Abt von Nienburg wurde. Ein Mitschüler Wolfhers, Ratmund, Gode-
hards Neffe, wurde 1027 zum Abt von Nieder -Altaich berufen, und
Wolfher hielt sich auch hier einige Zeit auf, dann kehrte er nach
Hildesheim zurück, wo er Domherr wurde und nach Godehards Tode
das Leben desselben zu beschreiben unternahm. Ihn befähigte dazu
aufser einer guten grammatischen Ausbildung die persönliche Be-
kanntschaft mit Godehard in dessen letzten Jahren und der Aufent-
halt in Hersfeld und in Altaich, wo ihm Godehards erster Lehrer
Rumold erzählt hatte, was sich bis zu dessen Bischofswahl ereignet
hatte. Schon damals hatte ihn Ratmund dringend aufgefordert, das
Leben Godehards zu beschreiben, und nach dem Tode des Bischofs
forderte er die Erfüllung des einst gegebenen Versprechens. So
entstand diese gut geschriebene und reichhaltige Biographie, die uns
jetzt in verschiedenen Bearbeitungen vorliegt. Den Anfang macht
ein kleines Fragment, in der Form einer Fortsetzung des Lebens
von Bernward 2). Dann kommt die von Pertz zuerst herausgegebene
erste Biographie, die schon 1038, gleich nach Godehards Tode, ver-
fafst ist3), später aber, um das J. 1054, noch einmal vom Verfasser
überarbeitet wurde 4). In dieser letzten Ausgabe findet sich mehr
über die ältere Geschichte von Altaich und über den merkwürdigen
Mönch Günther, der als Eremit im Böhmerwalde lebte und 1040
Heinrichs HI Heer von dem Untergange rettete; es ist aber auch
manches Wichtige weggelassen, so dafs die erste Bearbeitung von
gröfserem Werthe ist. Zugeeignet sind beide dem Albwin, welcher
Godehard als sein Beichtvater am genauesten gekannt hatte; als
l) Hier war Othloh sein Mitschüler, Mon. SS. XI, 378.
a) Wolfherii Continuatio Vitae Bernwardi, ed. Pertz, Mon. SS. XI, 165.
3) Vita Godehardi prior, ib. p. 167.
4) Vita Godehardi posterior, ib. p. 196 — 218; dann noch Wunder p. 218 — 221.
Eine Handschrift nachgetragen Archiv XI, 304. Vgl. W. Giesebrecht, Kaiserzeit II,
520. Fast ganz werthlos ist die grofsentheils hieraus entlehnte, als Predigt zum
Vorlesen verfafste V. Guntheri, SS. XI, p. 276— 279, und zu warnen ist vor den
auf Günther bezüglichen falschen Urkunden, welche im 13. Jahrhundert im Kloster
Brzewnow verfafst wurden. — Translatio Godehardi (1132) mit Wundern, SS.
XII, 639 - 652.
Digitized by Google
230 IV. Salier. § 3. Altaich u. Hildesheim. Godehard. Benno.
Veranlassung, wird in der zweiten Bearbeitung, ohne jedoch der
schon vorhandenen ersten zu gedenken, nicht mehr Ratmunds, son-
dern des Abtes von Michaeliskloster zu Hildesheim, Adalberts, Auf-
forderung bezeichnet.
Vielleicht ist auch Wolfher der Verfasser der Fortsetzung der
Hildesheimer Annalen1), welche bis zum J. 1041 zu den be-
deutenderen Quellen für diese Zeit gehören. Dann aber tritt bis
zum Jahre 1101 eine grofse Lücke ein, welche erst später aus den
Mainzer Annalen von S. Alban ergänzt ist s). Mit dem Jahre 1101
beginnt dann wieder eine sehr ausführliche, mit entschiedener Feind-
schaft gegen Heinrich IV geschriebene Fortsetzung bis 1109, die man
später in Paderborn weiter geführt hat.
Das Verstummen der Hildesheimer Annalen mit dem Jahre 1041
ist nicht zufällig; es hängt zusammen mit dem Verfall, der damals
eintrat, weil ein unwissender Däne sich das Bisthum zu verschaffen
gewufst hatte. Er hiefs Tymme, auf Deutsch aber nannte man ihn
Thietmar; die Königin Gunhild hatte ihn als Kaplan mitgebracht
und so gut für ihn gesorgt3). Die Folgen zeigten sich rasch in der
Abnahme der wissenschaftlichen Bildung der Geistlichkeit. Der Bio-
graph des Benno behauptet sogar, dafs dieser zuerst in Hildesheim
wissenschaftliche Studien eingeführt habe, bis dahin seien die Geist-
lichen wie die Bauern aufgewachsen3). Das ist ohne Zweifel über-
trieben, aber freilich brachte auch Benno eine Gelehrsamkeit mit,
die wohl damals in Sachsen neu sein mochte, und von der anderen
Seite wurde die damals eintretende Veränderung als ein Verfall der
guten alten Kirchenzucht aufgefafst6).
Benno war ein geborener Schwabe; er hatte die Schule in
Strafsburg besucht, hörte dann den eben damals sehr gefeierten
Lehrer Hermann von Reichenau und besuchte, von Wissensdrang
getrieben, noch viele andere Orte zu seiner weiteren Ausbildung6).
Auch nach Jerusalem begleitete er 1027 den Bischof Wernher von
Strafsburg. Dann kam er nach Speier, welches gerade um diese
*) Mon. SS. III, 103—112. Vgl. XI, 163.
2) Nachgewiesen von VVaitz in den Nachrichten von der Gott. G. d. W. 1857.
S. 56. Wailz vermuthet, dafs auch die folgende Fortsetzung bis 1109 aus der-
selben Mainzer Quelle entnommen sein könnte. Ueber eine Vermuthung von Giese-
brecht s. oben S. 226.
3) Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit II, 290 nach Adam Br. II, 75 u. Vita
Godeh. posterior e. 33. Er starb am 14. Nov. 1044.
4) Aehnlich spricht sich Hettel selbst in Betreff der Klosterzucht aus, die er
durch seinen Neffen Chuno aus der Bamberger Schule reformiren wollte, aber mit
sehr schlechtem Erfolge. Sudendorf II, 26 — 31.
5) Annalista Saxo ad a. 1044.
6) per alia quoque loca studentium more aliquante tempore vagatus. Vita c. 3.
Digitized by Google
Hildesheimer Annalen. Benno von Osnabrück.
231
Zeit durch die Gunst der Salier aus tiefem Verfall zum höchsten
Glanze erhoben wurde und die strebsamsten Lehrer und Schüler an
sich zog l). Hier trat er nun selbst als Lehrer auf und erwarb sich
durch seinen Unterricht grofse IteichthUmer, ein bedeutsames Zeichen
für den hoch gesteigerten Trieb nach Kenntnissen in der damaligen
Zeit, nach der man bald nachher sehnsüchtig als nach dem goldenen
Zeitalter zurücksah.
Als darauf Heinrich HI seine Lieblingsstiftung in Goslar auf
alle Weise emporzubringen suchte, folgte ihm Benno dahin, und von
hier nun berief ihn Azelin, früher königlicher Kaplan, jetzt (1044
bis 1054) Bischof von Hildesheim, zum Vorsteher der Domschule.
Aber Benno war zu reich für alle Verhältnisse des Lebens von der
Natur begabt und durch seine Studien vorgebildet, als dafs er lange
in dieser bescheidenen Stellung hätte verbleiben können. Die Bischöfe
der damaligen Zeit hatten, da sie Landesherren geworden waren
und den ersten Platz im Rathe des Königs einnahmen, die mannig-
fachsten Aufgaben zu erfüllen und bedurften dazu aller Kräfte,
welche sich ihnen nur irgend darboten. So begleitete denn auch
Benno im J. 1052 den Bischof Azelin auf dem ungrischen Feldzuge
des Kaisers und bewies hier eine so ausgezeichnete Befähigung für
die Besorgung der weltlichen Angelegenheiten, dafs er bald nachher
zum Dompropst befördert wurde. Gegen die Armen war er über-
aus mild und freigebig, sein Grundsatz war, dafs cs besser sei,
einen Armen zu sättigen, als selbst den ganzen Tag mit leerem
Magen zu gehen; wo er aber bösen Willen sah, trieb er die Ein-
künfte des Stiftes mit Strenge ein. Auch in Goslar, wo er längere
Zeit als Erzpriester und zugleich als königlicher Amtmann schaltete,
bewährte er sich durch Umsicht und Festigkeit.
Besondere Sorgfalt verwandte er auf den Feldbau und die
Gärtnerei, und darin soll er eine ganz besondere Kenntnifs an den
Tag gelegt haben, die er nur aus Büchern geschöpft hatte. Vor
allem aber war er erfahren in der Baukunst; viel wurde in Hildes-
heim unter Bischof Hettilo (1054 — 1079) nach seinen Angaben ge-
baut; aufserdem war aber auch er es, der Heinrichs IV Burgen in
Sachsen bauen liefs. Ganz besonders jedoch gewann er grofsen
Ruhm durch einen sehr schwierigen und kunstreichen Wasserbau,
welcher den Dom zu Speier gegen die Fluthen des Rheins sicherte.
Im J. 1067 wurde Benno Bischof von Osnabrück, und in den
schwierigen und stürmischen Zeiten, welche nun folgten, zeichnete
') eo quod Studium etiam litcrarum inibi ardentissimum florere coepisset,
Vita c. 4.
Digitized by Google
232 IV. Salier. § 3. Altaich u. Ilildesheira. Godehard. Benno.
er sich durch unerschütterliche Treue gegen den König, zugleich
aber durch Friedensliebe und durch eine vorsichtige Klugheit aus,
welche ihn mit keiner Partei ganz zerfallen liefs. Auf seinen und
des ebenso eifrig kaiserlichen Erzbischofs Liemar von Bremen Wunsch
schrieb Wido, der ihm 1092 als Bischof folgte, ein Werk Uber
Heinrichs IV Streit mit Hildebrand *), in welchem Gregors Verfahren
scharf getadelt wird. Dennoch aber blieb auch Anno von Köln, der
ihm eine Zeit lang die ganze weltliche Verwaltung seines Sprengels
übertrug, immer mit Benno befreundet, und auch mit den eifrigen
Mönchen von Siegburg und S. Pantaleon hielt er Freundschaft So
gelang es ihm, sein Bisthum, obgleich er es zeitweise verlassen
mufste, bis an seinen Tod 1088 vor Verwüstung zu schützen. In
Beinen letzten Jahren beschäftigte ihn ganz besonders die Stiftung
des Klosters Iburg, und dieser Stiftung verdanken wir seine Bio-
graphie, eines der besten Werke dieser Art. Der Verfasser erklärt
es geradezu für sündlich, wenn Andere ihre Helden als ganz voll-
kommen und fehlerfrei schildern; er will Benno darstellen, wie er
war, und wirklich trägt auch seine einfache und ungesuchte Schil-
derung das Gepräge der Wahrheit Es war der Abt Nortbert,
der zwischen den Jahren 1090 und 1100 dem Stifter seines Klosters
dieses schöne Denkmal setzte, ein geborener Brabanter, der von
Kindheit an bei dem Domscholaster zu Köln, seinem Verwandten,
erzogen war, dann Domherr in Bamberg, endlich Mönch in Siegburg
und 1084 Abt von Iburg wurde. Sehr merkwürdig ist, dafs un-
geachtet der nahen Beziehungen zu den von Anno von Köln gegrün-
deten streng gregorianischen Klöstern doch die damals in Iburg ge-
schriebenen Annalen sowohl, wie die Biographie des Benno*) kaiser-
liche Gesinnung zeigen. Clemens HI galt hier für den rechtmäfsigen
Papst Dergleichen Werke sind später mehr wie andere der Zer-
störung ausgesetzt gewesen; nur in vereinzelten Exemplaren, in
späteren Abschriften haben sie sich erhalten, und gewifs sind viele
ganz zu Grunde gegangen. Von Bennos Leben bewahrte man in
Iburg die Urschrift, welche erst im vorigen Jahrhundert verschwunden
ist, nachdem Abschriften davon genommen waren und Eccard (Corp.
1,2161 — 2194) die erste Ausgabe publicirt hatte. Die Annalen
benutzte der fleifsige sächsische Annalist und um das Jahr 1500 der
Liesbomer Benediktiner Bernhard Witte; in neuerer Zeit war ihre
Existenz unbekannt, bis Julius Ficker in Münster zwei Blätter davon
*) Es ist nur in einem Auszuge erhalten, bei Eccard, Corp. II, 183. Vgl.
Helfenslein S. 80. 118. 168.
*) V. Bennonis auct. Nortberto ed. Wilmans. Mon. SS. XII, 58 — 84.
Digitized by Google
Iburg. Hildesheimer Schule uud Chronik.
233
entdeckte, welche die Jahre 816 — 841 und 1073 — 1085 enthalten.
Der Anfang ist aus den Annalen von Fulda entnommen, mit einigen
Zusätzen; aus dem elften Jahrhundert waren oifenbar gleichzeitige
Aufzeichnungen vorhanden, die gemäfsigt gehalten, aber doch mehr
in sächsischem als in königlichem Sinne geschrieben sind. Diese sind
später1) durch Einschaltungen aus Bennos Leben ergänzt und, wie
es scheint, bis zur Mitte des zwölften Jahrhunderts fortgeführt3).
Die neumodische französisch - süddeutsche Gelehrsamkeit, welche
durch Benno und Hettel in die Hildesheimer Schule eingeführt
wurde, läfst sich einigermafsen erkennen in der Briefsammlung,
welche von Sudendorf durch die drei Bände seines Registrum ver-
theilt ist und mit Hülfe der Einleitung zum dritten Bande wieder
zusammengebracht werden kann 3). Sie sind in der Ausgabe mit
gröfster Willkür bestimmten Personen zugetheilt und auf politische
Ereignisse bezogen; dadurch darf man sich nicht irre machen lassen.
Deutlich tritt uns in Hettels Briefe H, 28 die lebhafte Beschäftigung
mit den römischen Dichtern, besonders Virgil entgegen1), und auch
Cicero wurde eifrig gelesen. Auswärtige Schüler hielten sich der
Studien wegen in Hildesheim auf und erhielten nach Godehards
Anordnungen bestimmte Praebenden zum Unterhalt. Während einer
längeren Abwesenheit des Bischofs litten die Schüler unter der Härte
und dem Geize seiner Beamten; mehrere entflohen bis nach Köln,
darunter Hettels Neffe Meginhard. Das war jedoch nur ein vorüber-
gehendes Unglück; die schweren Zeiten des Krieges werden aber
auch hier wohl die wissenschaftliche Thätigkeit gehemmt und unter-
brochen haben. Die alten Annalen blieben, wie erwähnt, ohne
Fortsetzung. Dafür aber verfafste man im Jahre 1079 eine Bis-
thumschronik, welche in gedrängter Uebersicht die Geschichte
des Hochstiftes, die Thätigkeit der einzelnen Bischöfe behandelt,
und von dieser Zeit an bis zum Ausgange des Mittelalters fortge-
setzt wurde 5). Mit dem neuen Jahrhundert nahm man auch die
Annalen wieder vor; bald darauf kam der Baier Gerhoh hierher,
*) 1083: rirographura quod actenus servatur.
*) Zuerst erwähnt von Wilmans, Mon. SS. XII, 59 n. 21, der auf eine aus
Wittes Historia Westphaliae ergänzte Ausgabe Hoffnung macht. — Annalium Ibur-
gensium Fragments. Nach einer Handschrift des 12. Jahrh. zum ersten Male her-
ausgegeben von Ludwig Perger. Aus der Zeitschr. f. vaterl. Gesch. u. Alterthums-
kunde, 18. Band, bes. abgedruckt. Münster 1857. 8.
*) Eine andere Briefsammlung, welche vieles über die Hildesheimer Schule,
doch, wie es scheint, aus dem 12. Jahrh. enthält, befindet sich in Leipzig. Archiv
XI, 352.
4) Der adadidumeus auf S. 29 ist jedoch der Adad Idumaeus aus dem Alten
Testament.
5) Chronicon episcoporum Hildesheimensium ed. Pertz, Mon. SS. VII, 850-873.
Digitized by
234 IV. Salier. § 3. Hildesheim. § 4. Paderborn.
um die Schule zu besuchen, nachdem er bereits in Freising und
Mosburg eifrige Studien gemacht hatte, und Adalbert von Saarbrücken
(1138 — 1141 Erzbischof von Mainz) erhielt hier seinen Unterricht,
bevor er nach Frankreich ging. Die Schule mufs also damals wieder
einen bedeutenden Ruf gehabt haben. Sehr gerühmt wird in der
Chronik der Scholasticus Bernhard, welcher 1130 Bischof wurde.
§4. Paderborn. Meinwerk.
Noch zu den älteren Zöglingen der Hildesheimer Schule gehörte
der Bischof Meinwerk von Paderborn l). Er stammte aus dem alten
und vornehmen Hause der Immedinger, dem auch die Königin Ma-
thilde angehört hatte, und war eine tüchtige, derbe Sachsennatur
durch und durch. Als Kind wurde er in Halberstadt der Kirche
dargebracht, dann besuchte er die Schule zu Hildesheim, wohl noch
unter Thangmar. Kaiser Heinrich H soll hier Bein Mitschüler ge-
wesen sein. Das Lernen aber war Beine Sache nicht ; durch Gelehr-
samkeit hat er sich niemals ausgezeichnet, und er mufste deshalb
manche Anfechtung erleiden. Als er schon Bischof war, liefs Hein-
rich H ihm einmal in der Missa pro defunctis aus den Worten fa-
mulis et famulabus die erste Silbe fa ausradiren, und Meinwerk sang
wirklich pro mulis et mulabus tuis. Er nahm das sehr übel
und liefs den königlichen Kaplan, der es gethan hatte, tüchtig durch-
prügeln; dann aber beschenkte er ihn zum Tröste mit einer neuen
Kleidung. So war sein ganzes Wesen, nicht eben fein, oft hart,
aber im Grunde doch sehr wohlwollend und gutmüthig.
Von Hildesheim zurückgekehrt, wurde Meinwerk Domherr in
Halberstadt und kam dann unter Otto HI als Kaplan an den Hof.
Als im J. 1009 der Bischof Ratheri von Paderborn starb, überreichte
Otto IH ihm seinen Handschuh als Symbol dieses Bisthums. Ver-
wundert fragte Meinwerk, was er denn damit anfangen solle: so ein
Bisthum könne er ja aus eigenen Mitteln stiften. Dann aber ent-
schlofs er sich doch es anzunehmen, und machte dieses arme Bis-
thum, dem er 30 Jahre Vorstand, nun zu einem reichen, theils durch
eigene Schenkungen und andere, die er veranlafste, besonders aber
durch Königsgut, welches er im reichsten Mafse durch Bitten und
Drängen, durch List und Scherz zu erlangen wufste, wie das in
seiner Lebensbeschreibung gar anmuthig geschildert ist. Heinrich H
*) Vita Meinwerci ed. PerU, Mon. SS. XI, 104 — 161. Vgl. W. Giesebrecht.
Gesch. der Kaiserzeit II, 86. 538 und über Meinwerks böse Mutter, die Gräfin
Adels S. 133 f.
Digitized by Google
Meinwerk von Paderborn.
235
erlaubte sich dagegen manchen derben Scherz mit dem ungestümen
Dränger, mufste aber dafür zuletzt immer mit neuer Gabe büfsen.
Ueberhaupt sorgte Meinwerk für sein Stift in jeder Weise, wie
uns das sein Biograph durch viele kleine, sehr charakteristische,
traditionell bewahrte Züge anschaulich macht. Er sorgte dafür, dafs
seine Liten und seine Mönche ordentlich zu essen bekämen und
nahm sich sehr ernstlich der Wirthschaft auf seinen Höfen an, z. B.
der Hühnerzucht und des Gemüsebaues. Als er einmal einen Garten
voll Nesseln, die Meierin aber in schönen Kleidern findet, läfst er
diese von Beinen Leuten ergreifen und so lange darüber hin und
her ziehen, bis alles Unkraut niedergelegt ist. Im nächsten Jahre
fand er hier die schönsten Gemüse.
Mit Schlägen, die in Sachsen landüblich waren, war er gleich
bei der Hand, aber die Gezüchtigten pflegte er nachher durch Ge-
schenke zu versöhnen. Häufig ging er verkleidet umher, um den
Zustand seiner Untergebenen, die Mängel der Verwaltung auszu-
kundschaften; seine Feinde nannten ihn deshalb den Gaukler (iocu-
lator).
Auch bauen liefs er viel; seine Stadt umgab er mit Mauern,
und eine Kirche liefs er von griechischen Werkleuten aufftihren.
Obgleich wenig gelehrt, hob doch Meinwerk auch die Schulen
zu bedeutendem Ansehen ; neben seinem Neffen, dem späteren Bischof
Immed (1052 — 1076) studirten da Anno von Köln (1056 — 1075) und
Friderich von Münster (1062 — 1084); auch Altmann von Passau
(1065 — 1091) und vielleicht mit ihm Gebhard vou Salzburg und
Adalbero von Wirzburg. Altmann hat auch lange Zeit als Scholaster
hier gewirkt; am Anfänge des zwölften Jahrhunderts fand Vicelin
hier eine blühende Schule unter dem Meister Hartmann, und auf
diesen folgte Mangold, der mit Wibald in Correspondenz stand.
Im Jahre 1015 stiftete Meinwerk das Kloster Abdinghofen, wo-
hin er aus Cluny den Abt Sigehard und zwei Brüder berief; er
sorgte väterlich dafür, dafs sie nicht gar zu schlechte Kost erhielten,
und als er einst in der Küche ausgekundschaftet hatte, dafs die
Speisen übermäfsig mager waren, weil es an Oel fehlte, schickte er
ihnen Speck, indem er verständiger Weise einsah, dafs die Vor-
schriften der Regel der Natur des Landes angepafst werden müfsten.
In diesem Kloster scheint sich denn auch der Geist des Stifters
noch lange Zeit erhalten zu haben, da man dort mit so grofsem
Behagen alle die kleinen Geschichten von ihm aufbewahrte und ein
Jahrhundert später schriftlich aufzeichnete. Erst gegen das Jahr
1155 ist nämlich diese Biographie verfafst worden; eine sehr fleifsige
236 IV. Salier. § 4. Paderborn. Meinwerk. § 5. Hermann v. Reichenau.
Arbeit, deren Verfasser, ein unbekannter Mönch von Abdinghofen,
mit grofser Sorgfalt die Hildesheimer Annalen und andere Schriften,
besonders auch die zahlreichen Urkunden des Klosters benutzte.
Das Beste aber gab ihm die lebendige mündliche Ueberlieferung,
welcher gerade Meinwerks eigentümliche Persönlichkeit reichen Stoff
geboten hatte. Natürlicher Weise war es besonders die specielle
häusliche Thätigkeit Meinwerks, von der man sich noch erzählte, und
die allgemeine Geschichte ist daher von dem Verfasser gar nicht
berührt; nur der grofsen Anzahl trefflicher Bischöfe gedenkt er,
welche damals den deutschen Kirchen vorstanden.
Und gerade als bei einem rechten Vertreter dieser alten Reichs-
geistlichkeit vor den Zeiten des Investiturstreites haben wir uns bei
diesem wackeren Manne etwas länger aufgehalten. Vom Kaiser auf
alle Weise gehoben und begünstigt, grofsentheils in seiner Kanzlei
gebildet, vertraten damals die Bischöfe das Interesse des Reiches den
weltlichen Machthabern gegenüber. Daneben und wenn nicht gerade
der Reichsdienst sie in Anspruch nahm, widmeten sie sich ganz und
gar der Fürsorge für ihre Sprengel, für ihr rasch angewachsenes
und herrlich erblühendes Gebiet. Sie hatten keine Zeit weder für
dogmatische Controversen , noch auch für schriftstellerische Thätig-
keit, aber sie riefen diese hervor durch ihre Sorge für die Schulen,
durch die Stiftung von Klöstern, endlich durch den Stoff, welchen
ihr eigenes Wirken der Geschichtschreibung gab. Darum beschäftigen
sie uns auch hier. Ihre Biographien sind wichtige Quellen, um das
besondere Leben in den einzelnen Landschaften kennen zu lernen;
die allgemeine Geschichte wird nur gelegentlich berührt, und nament-
lich in Sachsen ist der Unterschied von dem vorhergehenden Ab-
schnitte auffallend. Von Natur zur provinziellen Absonderung ge-
neigt, waren die Sachsen nur durch die hervorragende Stellung ihres
eigenen Fürstenhauses zu lebhafterer Theilnahme an der Welt-
geschichte herangezogen; jetzt verschwindet dieselbe fast ganz, bis
der Widerstand gegen Heinrich IV, die Verbindung mit dem römischen
Hofe und die Erhebung ihres Herzogs Lothar sie aus ihrer Abson-
derung etwas herausreifsen. Da nahm man die alten Hildes-
heimer Annalen wieder vor, und ein Exemplar derselben fand in
Paderborn eine weitere Fortsetzung von 1109 — 1137 (Mon. SS. HI,
112 — 116). Der Verfasser war gut unterrichtet, auch Uber die Vor-
gänge in Italien, aber er begnügt sich grofsentheils mit Andeutungen
und scheut sich offenbar, Uber die Vorfälle, deren er gedenkt, sich
eingehend auszusprechen.
Es ist uns noch ein Werk erhalten, welches um diese Zeit
Digitized by
Paderborn. Translatio S. Modoaldi. Reichenau. 237
(zwischen 1107 und 1112) in Helmershausen, einem Kloster des
Paderborner Sprengels entstand, die Uebertragung des h. Modoal-
du s *). Das Kloster wollte nicht recht gedeihen , weil es ihm an
einem ordentlichen Heiligen fehlte, und deshalb bemühte sich der
Abt Thietmar mit Erfolg, aus Trier, wo dergleichen- Schatze in Menge
vorhanden waren, Reliquien zu erhalten. Im J. 1107 gelang es ihm,
den Leib des h. Modoald heimzubringen, der nun seine gebührenden
Wunder that und dem Kloster zu gröfserem Ansehen verhalf. Die
weitschweifige Erzählung davon enthält einige Nachrichten Uber das
Concil von Guastalla, sowie Uber Trier und andere lothringische
Klöster, welche der Abt zu diesem Zwecke besuchte. Verbunden
sind damit die zwischen 1121 und 1124 geschriebenen Wunder des
h. Aegidius; ihr Schauplatz ist S. Gilles im südlichen Frankreich,
ein viel besuchter Wallfahrtsort: Pilger aus Schleswig und Stettin
begegnen uns unter den Verehrern des Heiligen.
§ 5. Hermann von Reichenau.
Stenzei 1, 186. W. Giesebr$cht, Kaiserzeit II , 523. Pertz, Mon. SS. V, 67 ff.
Lebensnachrichten Uber einen bedeutenden Mann zusammenzu-
stellen, die Geschichte eines Bisthums oder Klosters darzustellen,
das erforderte keine umfangreichen Studien und konnte allenfalls
allein nach mündlicher Ueberlieferung gelingen. Allein das Bedürf-
nifs, welches sich immer fühlbarer machen mufste, die ganze Welt-
geschichte zu Überblicken, blieb unbefriedigt, wenn es nicht gelang,
aus zahlreichen verschiedenartigen Schriften ein zusammenhängendes
Resultat zu gewinnen; ohne eine reiche Bibliothek war hieran gar
nicht zu denken, und wenn auch der reichste Stoff vorlag, erforderte
doch die Bearbeitung ganz ungewöhnliche Fähigkeiten. Wir haben
gesehen, wie man sich im vorigen Zeiträume mit dürftigen Zusammen-
stellungen aus älteren Annalen zu helfen suchte; aber diese unzu-
sammenhängenden Skelette konnten niemandem genügen. Der vor-
geschrittenen Bildung dieser Periode war es Vorbehalten, durch
verschiedene Versuche dem Ziele näher zu kommen.
Reichenau ist uns als einer der Hauptsitze gelehrter Bil-
dung bereits bekannt. Der Abt Bern (1008 — 1048), dessen Ein-
setzung schon oben (S. 196) erwähnt wurde, stand dem Kloster
vierzig Jahre lang vor und zeichnete sich nicht minder durch seine
gute Verwaltung wie durch seine Gelehrsamkeit aus. Er ist bekannt
als Schriftsteller Uber Gegenstände der Theologie und Liturgik, vor-
l) Translatio S. Modoaldi, Miracula S. Modoaldi, Transl. S. Auctoris, Miracula
S. Acgidii, ed. Jaffe. Mon. SS. XU, 284—323.
Digitized by Google
238
IV. Salier. § 5. Hermann von Reichenau.
zUglich auch Uber Musik; aufserdem Überarbeitete er das Leben
Ulrichs von Augsburg1) und schrieb das Leben des h. Meginrad*),
welches aber fast keinen geschichtlichen Werth hat.
Unter ihm erwuchs im Kloster Hermann, genannt der Lahme
(Contractus), denn er war von früh an gichtbrUehig; er safs in einem
Tragstuhl und konnte ohne Hülfe nicht einmal seine Lage ändern;
ja er konnte nur mit Mühe verständlich sprechen. Seine Eltern,
der schwäbische Graf Wolverad und dessen Gemahlin Hiltrude, hatten
ihn in seinem siebenten Jahre (1020) den Wissenschaften übergeben3);
im dreifsigsten Jahre nahm Bemo ihn unter die Zahl der Mönche
auf, und von da an hat er Reichenau nie verlassen. Dennoch er-
streckte sich seine Wirksamkeit in weite Feme, denn zahlreiche
Schüler strömten ihm von allen Seiten zu, angezogen durch den
Ruf seiner Gelehrsamkeit, und seine Milde, seine liebevolle Freund-
lichkeit gewannen ihm allgemeine Verehrung und die zärtlichste An-
hänglichkeit seiner Schüler bis an seinen Tod am 24. Sept. 1054.
Es scheint, dafs Hermann sogar Arabisch verstand; Kenntnifs des
Griechischen war in Reichenau gar nicht selten. Besonders aber
zeichneten ihn mathematische und astronomische Kenntnisse aus,
von denen verschiedene seiner Werke Zeugnifs geben. Nicht minder
geschätzt war er als Musiker und als Dichter und eine ziemlich
umfangreiche Dichtung von ihm, welche uns erhalten ist, der Wett-
kampf des Lammes und des Flachses 4), ist sowohl durch Inhalt und
Gedanken, wie durch die Reinheit und Anmuth der Form sehr an-
sprechend; Die mannigfache Nutzbarkeit des Schafes und seiner
Produkte und des Flachses wird darin mit einander verglichen, und
es wird dabei über Gewerbe und Manufaktur jener Zeit mancherlei
Nachricht gegeben.
Das Hauptwerk Hermanns aber ist seine Chronik6), welche
mit Christi Geburt beginnt und von den grofsen Weltchroniken
dieser Zeit die erste ist. Aus vielen Quellen mosaikartig zusammen-
’) Später ist es auch zu einem deutschen Gedichte verarbeitet, herausgegeben
von Schmeller, München 1844.
2) Mab. IV, 2, 63. Vgl. oben S. 151. Briefe von Bemo bei Pez, Thcs. VI,
1, 199-222.
*) Litteri» traditu», sagt er selbst. Ob er gleich damals nach Reichenau
kam, ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich, weil sonst wohl Berthold etwas über
die Veränderung seines Aufenthaltes gesagt hätte. Auch war schon ein Verwandter
seiner Mutter, der oben erwähnte Rudpert, Mönch in Reichenau.
*) Conßidus ovis et Uni, bei Dumeril, Poesies populaires p. 379, am Ende
unvollständig. Eine vollständige Ausgabe ist in Haupts Zeitschritt zu erwarten.
6) Herimanni Augiensis Chronicon ed. Pertz, Mon. SS. V, 67 — 133. Ueber-
setzung von Nobbe. 1851. 8.
Digitized by Google
Chronik Hermanns des Lahmen.
239
gesetzt, ist sie ein Denkmal seines grofsen Fleifses, seiner aufser-
ordentlichen Belesenheit und seiner sorgfältigen Genauigkeit. 'ln
der chronologischen Anordnung der Ereignisse besteht ihr Haupt-
verdienst ; deshalb besonders wurde sie von den Zeitgenossen so sehr
geschätzt und darauf war auch Hermanns Augenmerk gerichtet.
Eine zusammenhängende Darstellung, ein Eingehen auf die geschicht-
liche Verbindung der Ereignisse, ihre Ursachen und Folgen lag
aufserhalb seines Planes. Von den früheren roh zusammengestellten
Annalen unterscheidet ihn theils die gröfeere Sorgfalt und Genauig-
keit der Arbeit, theils die gröfsere Vollständigkeit und die verständige
Auswahl dessen, was er aufgenommen hat. Wo er sich seiner eige-
nen Zeit nähert, wird er ausführlicher und erhebt sich vom J. 1039
an zu einer Quelle ersten Banges Uber die Zeitgeschichte bis zum
J. 1054, seinem Todesjahre, denn bis dahin hat er die erst in den
letzten Jahren seines Lebens begonnene Chronik fortgeführt. Das
Ebenmafs seines Werkes wird dadurch freilich gestört, wie er denn
auch nicht selten unbedeutende und nur ihm persönlich wichtige
Vorfälle den Weltbegebenheiten eingereiht hat. Uebrigens bleibt
auch in diesem letzten Theile die ruhige, auf gedrängte Mittheilung
der Thatsachen beschränkte Natur der Chronik, dem Stile der alten
Annalen, welche er vor sich hatte, entsprechend. Ob Hermanns
historische Begabung Uber das sorgsame Sammeln von Nachrichten
und ihre chronologische Anordnung hinausging, würden wir vielleicht
beurtheilen können, wenn uns sein zweites GeBchichtswerk , die
Thaten Konrads und Heinrichs, vorläge. Doch hat Pertz nicht ohne
Grund die Vermuthung aufgestellt, dafs hierunter die von Wipo
hinterlassene Schrift zu verstehen ist, an welche Hermann wohl nur
die letzte Hand gelegt hat. Otto von Freising hat dieselbe noch
gekannt und benutzt1).
Frühzeitig ist Hermanns Chronik in einen Auszug2) gebracht,
der ohne allen geschichtlichen Sinn gemacht ist und mit seinen ab-
gerissenen Notizen kaum von Nutzen sein konnte. Dennoch fand er
grofse Verbreitung, wurde mit Zusätzen versehen und diente später
zur Grundlage anderer Annalen, wie der Melker und Salzburger;
besonders aber beruht darauf die sogenannte Wirzburger Chronik,
auf welche wir später zurückkommen werden.
*) lieber die von Waitz und Pertz hierher gezogenen Fragmente beim Anna-
listen und Chronographus Saxo s. oben S. 225.
*) Oie sog. Epitome Sangaüensis, zuerst von Sichard 1529 als Hermanns
Chronik herausgegeben. Die Zusätze finden sich in der Ausgabe von Pertz unter
dem Texte.
Digitized by Google
240
IV. Salier. § 6. Die Klöster des Schwarzwaldes.
§ 6. Die Klöster des Schwarzwaldes.
Hermann der Lahme erlebte nicht mehr die Zeiten der Ver-
wirrung; er war noch nicht gezwungen, die schwere Wahl zwischen
Kaiser und Papst zu treffen. In der Regel stellten sich diese ehren-
wertlien alten Benediktiner Stifter auf die Seite des Kaisers, und
das Eindringen des neuen mönchischen Geistes hatte Reichenau
glücklich abgewehrt; Hermanns Schüler aber wurden davon ergriffen.
Die Richtung und Entwickelung der Kirche, welche mit GregorVII
zur Herrschaft kam, ging vornehmlich von Cluny aus, und einer
ihrer stärksten Vorposten, in engster Verbindung mit Cluny, waren
die Klöster des Schwarzwaldes. Hier verkehrten die Legaten und
Gegenkönige, hier feierten sie ihre Feste, hier suchten sie und ihre
Anhänger Zuflucht in Zeiten der Noth. Die Mönche von Ebersheim
im EIsafB haben Rudolf von Reinfelden sogar seine Krone geschmie-
det. Es war nicht wie bei den Sachsen eine zufällige Ueberein-
stimmung in der Opposition gegen das Reich, welche diese Mönche
mit Gregor zusammenführte, sondern der reine dogmatische Eifer.
Sie lebten in der Vorstellung von der päpstlichen Allgewalt und
konnten einen anderen Standpunkt gar nicht begreifen.
In Verbindung mit Cluny standen diese Klöster wohl schon
lange. Ein rocht lebendiges und festes Band aber knüpfte sich erst
durch Wilhelm von Hirschau. Dieser führte auf den Rath des
bekannten päpstlichen Legaten Bernhard, Abt von S. Viktor, der sich
1077 ein ganzes Jahr lang bei ihm aufhielt, die Cluniacenser Regel
in seinem Kloster ein, und von hier aus verbreitete sich nun der
Hirschauer Orden nach allen Seiten; neue Klöster wurden gestiftet
und alte nach der neuen Weise reformirt. Hirschauer Mönche kamen
nach Reichenbach und S. Georgen im Schwarzwald, nach Schaff-
hausen *), Petershausen und Pfävers, nach Weilheim (später auf den
Petersberg bei Freiburg verlegt) und Zwifalten, Blaubeuern und
Isny, Wiblingen und Ochsenhausen, nach Komburg in Franken, nach
Fischbachau und Scheiem, Prüfling und Ensdorf in Baiern, nach dem
Petersberg bei Erfurt, Reinhardsbrunn, Goseck, Hasungen und Magde-
burg, nach Admunt in Steiermark, S. Paul in Kärnten. Otto von
Bamberg führte in allen seinen Klöstern die Hirschauer Regel ein.
Derselben Richtung gehörte S. Blasien im Schwarzwalde an. Hier
■) Die Griindungsgeschichte (1052) im Buch der Stifter, Mones Quellensamm-
lung S. 80 — 98, welches aufser der urkundlichen Relatio Burcardi comitis (Mones
Anzeiger 1837 S. 3 ff.) eine spätere deutsche Lebensbeschreibung des Stifters, Grafen
Eberhard von Nellenbure, mit Fortführung bis c. 1106 enthalt. Das Thatsächliche
enthalten die Relatio und Bernold.
Digitized by Google
Leben Wilhelms von Hirschau, Ulrichs von Zell.
241
wurde Hartmann, früher Propst von S. Nikola bei Passau, des Gegen-
königs Rudolf Kaplan, Mönch und Prior; dann aber 1091 Abt von
Götweich, wohin er eine Colonie aus S. Blasien führte und bald
wurden ihm auch 8. Lambert in Steiermark, Kempten, 8. Ulrich und
Afra in Augsburg anvertraut. Nach Kremsmünster kamen Mönche
aus Gottesau, einer Hirschauer Colonie im Sprengel von Speier.
Bischof Burchard von Basel aber unterwarf 1105, eingedenk der
alten Freundschaft und innigen Verbindung, das von ihm gestiftete
Kloster S. Alban bei Basel unmittelbar dem Abte von Cluny.
Diese merkwürdige und folgenreiche Entfaltung des neuen
Mönchthums verdiente wohl eine eigene Untersuchung1); zahlreiche
Quellen bieten einzelne Züge dazu, wir können hier nur einige
nennen, welche unmittelbar diesen Gegenstand berühren. Dahin
gehört das Leben des Abtes Wilhelm von Hirschau3) (1069 — 1091).
Es soll bald nach seinem Tode von dem Prior Haimo verfafst, später
aber überarbeitet sein. Völlig im Legendenstil geschrieben, gerade
die wichtigsten Gegenstände kaum berührend, ist es nur von sehr
geringem Nutzen. Ungleich bedeutender ist das Hirsehauer Buch3),
welches die zuverlässigsten Nachrichten Uber die Ausbreitung des
Ordens gewährt; es hat aber einen halb urkundlichen Charakter,
nicht die Form eines Geschichtswerkes.
Lehrreicher als das Leben Wilhelms ist das Leben des Priors
Udalrich von Zell4), einem Cluniacenser Priorat im Selrwarz-
walde, der wie Wilhelm aus Regensburg stammte, von klein auf mit
ihm befreundet war und in Cluny, wo er Mönch geworden, auf
Wilhelms Wunsch die dortigen Gewohnheiten aufschrieb und nach
Hirschau schickte. Auch seine Biographie ist uns aber in ihrer
ursprünglichen Gestalt nur fragmentarisch erhalten; eine wenig
spätere Ueberarbeitung hat bereits manchen geschichtlich wichtigen
') Einiges hat Stalin znsammengestellt, Wirt. Gesch. II, 685 ff. Vgl. auch den
Codex epistolaris von Reinhardsbrunn im Archiv £ Kunde österr. G. Q. V, 1 — 66.
*) ed. Wattenbach, Mon. SS. XII, 209 — 225.
3) Codex Hirsaugiensis , im ersten Bande der Bibi, des Lilter. Vereins in
Stuttgart. Die dem Traditionsbuche vorausgeschickte Abtgeschichte ist aus dem
Ende des zwölften Jahrhunderts, mit einem Zusatz, der bis 1205 reicht. Dem
Gegenstände nach gehören hierher auch die Casus monasterii Petrishusen und die
Zwifalter Quellen.
4) Vita Udalrici Cellensis, Mab. VI, 2, 781, Acta SS. Jul. III, 152 die zweite
Bearbeitung; Mon. SS. XII, 249 — 267 die Fragmente der ersten und Excerpte der
zweiten von Wilmans herausgegeben. Nach dem Anon. Meli. c. 110 schrieb Udal-
rich ein Leben Hermanns von Zeringen, der als Mönch in Cluny starb,
Bischof Gebhards von Konstanz Bruder. Vgl. Ficbler, Berhtold der Bärtige,
Mannh. 1856.
16
Digitized by Google
242 IV. Salier. § 6. Hirschau. § 7. Bernold u. Berthold.
Zug verwischt und dafür die Masse der Wunder ansehnlich ver-
mehrt, wie wir das bei fast allen Heiligenleben beobachten können.
Beachtenswerth ist neben dem überschwänglichen Lobe eine
entgegengesetzte Stimme, die sich aus dem Kloster Lorsch verneh-
men liefs, als auch hier Hirschauer Mönche gewaltsam eingefiihrt
wurden, eine Klage der alten Mönche in Versen, worin den neuen
Mönchen alles Ueble nachgesagt wird1).
§ 7. Bernold und Berthold.
Die Mönche der neuen Richtung, welche sich vorzüglich in der
zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts in Deutschland ausbreiteten
und theils unmittelbar, theils auf verschiedenen Umwegen von Cluny
ausgegangen waren, kämpften für das Haupt ihrer Partei, für Hilde-
brand, mit allen Waffen deren sie fähig waren, und vor allem mit
der Feder. Mit zahlreichen Streitschriften traten sie den Schrift-
stellern der kaiserlichen Partei entgegen 2), und auch die Geschicht-
schreibung mufste sich an dem Kampfe betheiligen; es war nicht
länger möglich, die unparteiische Ruhe und würdevolle Haltung der
alten Annalen zu bewahren.
Im eifrigsten gregorianischen Sinne schrieb Bernold seine
Chronik 3) , wie er denn auch so recht mitten unter den Gegnern
Heinrichs IV lebte. Er hatte die Schule in Konstanz besucht , war
dann in S. Blasien Mönch geworden und später in das Kloster Schaf-
hausen eingetreten. Otto von Ostia, der päpstliche Legat, weihte
ihn 1084 zum Priester, und bald darauf zog er mit dem Gegenkönig
Hermann in den Krieg und war zugegen in der Schlacht bei Bleich-
feld 1086. Ihm ist Heinrich IV Antiochus, seine Gegner sind die
Makkabäer, und was diese mit den Waffen vollfuhren, das verkündet
er den Gläubigen und Getreuen zum Preise und zur Ehre Gottes4).
Seine Auffassung ist dadurch natürlich einseitig und gefärbt, doch
läfst er sich nicht wie Bruno und andere durch parteiischen Eifer
zu Lügen und Fabeln fortreifsen; er strebt nach Wahrheit und be-
richtet, was er erfährt und für wahr hält. Dabei aber beurtheilt
er die Menschen von seinem Standpunkte aus; es ist wieder mehr
Wärme in die Geschichtschreibung gekommen, und wenn auch die
*) Carmen Laureshamcnsium monachorum expnlsorwn ad Heinricum V contra
Hirsaugienses a. 1111, gedruckt in Goldasts Apologia pro Heinrico IV p. 233.
2) s. Stenzei I, 496 ff. Helfenstein 153.
3) Bernoldi Chroniron ed. Perlz, Mon. SS. V, 385 — 467. Vgl. Stenzei 11, 100.
Stälin II, 7.
4) ad laudem et gloriam dei fidelibus annunciare curavi, über die Schlacht
bei Bleichfeid.
Digitized by Google
Bernolds Chronik. Berthold von Reichenau. 243
Gefahr parteiischer Darstellung gröfser ist, so wird doch dadurch
auch Veranlassung gegeben, Uber das blofse Niederschreiben der
Thatsachen hinauszugehen, Ursachen und Motive ins Auge zu fassen.
Bernolds noch jetzt erhaltene Urschrift zeigt uns, dafs er sein
Werk 1073 begann und es dann nach und nach den Ereignissen
gleichzeitig fortsetzte bis zum 3. Aug. 1100; am 16. Sept. desselben
Jahres starb er. Auch er gab seiner Chronik die Form einer Welt-
geschichte, aber sie hat fUr die früheren Zeiten keinen selbständigen
Werth. Er beginnt mit der kurzen Chronik des Beda, verbindet
damit eine Ueberarbeitung von Hermanns Chronik, die er bis 1072
mit einer ziemlich dürftigen Fortsetzung versah, und von da an
trägt er nun mit grofser Ausführlichkeit alles ein, was ihm zu
Ohren kommt. Wir sehen in seiner Handschrift mit der gröfsten
Deutlichkeit, wie er die einzelnen Sätze in Zwischenräumen eintrug,
und je nachdem er Uber frühere Ereignisse bessere Nachrichten er-
hielt, auch hier noch änderte und zusetzte. Von einer eigentlichen
Form der Darstellung kann dabei kaum die Rede sein; um so gröfser
und schätzbarer aber ist die Zuverlässigkeit und namentlich die
chronologische Sicherheit dieser völlig gleichzeitigen Eintragungen.
Bernold zur Seite steht ein anderer Fortsetzer des Hermann,
Berthold, der ganz derselben Richtung angehörte. Er war ein
Mönch von Reichenau, Hermanns Schüler und vertrauter Freund.
Als sein Lehrer und Meister auf dem Todtenbette lag, rief er Ber-
thold noch einmal zu sich, sagte ihm, dafs er sein Ende nahen fühle,
und ermahnte ihn, seine (Hermanns) angefangene Schrift de vitiis
zu vollenden. Später, jedoch erst im J. 1076, unternahm Berthold
auch die Fortsetzung der Chronik. Er fügte zu derselben ein kurzes
aber mit Wärme und Liebe gezeichnetes Lebensbild seines Lehrers
hinzu und knüpfte daran eine Fortsetzung, zu welcher er bereits
Bernolds Chronik benutzte. Seine eigenen Zusätze aber werden
immer bedeutender, und 1074 beginnt eine völlig selbständige, sehr
ausführliche Darstellung, die uns leider nur bis zum Jahre 1080
erhalten ist. Gestorben ist Berthold am 12. März 1088 in hohem
Alter '). Auch er gehörte zu den eifrigsten Gegnern Heinrichs IV ;
was Gregor VH in seinen Briefen sagt, benutzt er ohne Weiteres als
Geschichte, und wir erfahren von ihm die Ereignisse eben nur, wie
sie von seiner Partei betrachtet und dargestellt wurden. Aber auch
er berichtet von seinem Standpunkte aus mit Wahrheitsliebe, sehr
') Bertholdus, doctor egregius, in sacris litteris adprime cruditus, in senectule
bona plenus dierum migravit ad Dominum 4. Idus Martü. Bernoldi Chronicon ad
a. 1088.
16 *
Digitized by Google
244 IV. Salier. § 7. Berthold. § 8. Konstanz. Augsburg.
umständlich und sorgsam. Sein Werk ist für uns deshalb vom
gröfsten Werthe, und es ist sehr zu bedauern, dafs ihm nicht nur
das Ende fehlt, sondern auch der frühere Theil nur unvollständig
erhalten ist. Wir kennen es nur aus einer grofsen Compilation,
welche Auszüge aus Bernolds und Bertholds Chroniken mit einander
verbindet; Bernolds eigene Handschrift gab Pertz ein sicheres Mittel,
das auszuscheiden, was diesem angehört und den Rest als Bertholds
Werk herauszugeben1).
§8. Konstanz. Augsburg.
Von den Klöstern des Konstanzer Sprengels hat uns Reichenau
bereits beschäftigt; in S. Gallen wurden die Annalen noch bis zum
J. 1044 in ausführlicher Weise fortgesetzt, und nähern sich in diesem
Abschnitte am meisten einer Reichsgeschichte. Dann aber verstum-
men sie; das Stift wurde bald darauf in die politischen Wirren
hineingezogen; als Zankapfel zwischen beiden Parteien gerieth es
in tiefen Verfall, und die Feder ruhte. Aus Pfävers liegt eine
kurze, doch nicht unwichtige Erzählung vor, die aber erst dem Ende
dieser Periode angehört und von der glücklichen Vertheidigung der
Unabhängigkeit des Klosters gegen die Bischöfe von Konstanz Zeug-
nifs giebt2).
Konstanz selbst war eifrig päpstlich; hier wirkte als Vor-
steher der Schule Bernhard, der Lehrer Bernolds, welcher auch in
Hildesheim und in Korvei gelehrt hat und 1088 starb; ein anderer
Bernhard, aus dem Kloster Hirschau, leitete die Schule des Klosters
Petershausen , jenseit des Rheines. Bekannt ist der Name des
Bischofs Gebhard U (1084 — 1110) als eines der eifrigsten und
thätigsten Vorkämpfer der päpstlichen Ansprüche. Auch er war ein
Mönch des Klosters Hirschau, ein Sohn Bertholfs von Zäringen; sein
Bruder, der Markgraf Herrmann, starb als Mönch in Cluny. Im J.
1084 wurde Gebhard zugleich mit Bernold vom Cardinal Otto von
Ostia geweiht zum Priester und Bischof, und wenn die Kaiserlichen
die Ueberhand gewannen, fand er in Hirschau und S. Blasien seine
Zuflucht. Es ist eine Biographie von ihm vorhanden gewesen, aber
leider spurlos verloren’). Sein zweiter Nachfolger Ulrich H (1127
’) Bertholdi Annales ed. Pertz, Mon. SS. V, 2G4 — 326. Giesebrecht, Kaiser-
zeit II, 524 bezeichnet die Sichardsche Handschrift, 3 bei Pertz, als diejenige, welche
allein die ursprüngliche Gestalt erkennen läfst Waitz in den Nachrichten von d.
Gott. Univ. 1857 S. 62 bezweifelt die Benutzung Bernolds bei Berthold.
2) Narratio de libertate ecclesiae Fabariensis ed. Bethmann. Mon. SS. XII,
410—414.
8) cuiud vita eximia luculento sermone descripta /uibetur. Cod. Hirsaug. p. 21.
Digitized by Google
S. Gallen. Konstanz. Augsburg.
245
bis 1139) veranlafste die Lebensbeschreibung des alten Bischofs
Konrad von Konstanz, deren Verfasser Udalschalk sogleich zu er-
wähnen sein wird.
In Augsburg machte der Bischof Emmerich oder Embrico
(1063 — 1077) früher Propst zu Mainz, sich verdient um die Dom-
bibliothek, indem er viele Bücher abschreiben liefs1). Bald nach
seinem Tode aber wurde auch dieses Bisthum von dem grofsen Zwie-
spalt der höchsten Gewalten ergriffen. Es standen sich hier beide
Parteien mit der leidenschaftlichsten Erbitterung gegenüber. Der
kaiserliche Bischof Hermann (1096 — 1132) wird von den Gegnern
mit den schwärzesten Farben geschildert, und doch ist er es ge-
wesen, welcher Gerhoh von Reichersberg als Scholaster anstellte.
Im Domkapitel wurden ziemlich ausführliche Annalen2) verfafst, die
im kaiserlichen Sinne geschrieben sind und bis 1104 reichen; sie
sind schätzbar und willkommen als eine der wenigen Stimmen von
dieser Seite, aber an Reiehtlium des Inhaltes stehen sie hinter Ber-
nold weit zurück.
Weniger entschieden in ihrer Gesinnung, aber doch auch Hein-
rich IV günstig sind die kurzen Annalen von Ottenbeuern bei
Memmingen bis 1113, die sich einem Auszuge aus den Hersfelder
Annalen bis 1039 anschliefsen3).
Zu den unerschütterlichsten Anhängern der Gegenpartei gehörte
dagegen der Abt Egino von S. Ulrich und Afra (1109 — 1120).
Schon als Mönch war er aus dem Kloster entwichen, weil der
Abt Sigehard dem Kaiser anhing; er hatte damals in S. Blasien eine
Zuflucht gefunden, bis Bischof Gebhard von Konstanz ihn in seine
Kapelle aufnahm und ihn mehrfach zu gefahrvollen Sendungen an
Paschalis H verwendete. Nach der Herstellung des Friedens be-
riefen ihn die Mönche von S. Ulrich und Afra 1109 aus S. Blasien
zum Abte. Aber bald trat neue Feindschaft mit dem Bischof Her-
mann ein, und als dieser dem von Heinrich V eingesetzten Papste
Burdinus anhing, verliefs Egino sein Kloster. Ihn begleitete Udal-
schalk und folgte ihm auch 1120 nach Rom, wo er eine Schrift
Uber die jüngst vergangenen Ereignisse verfafste, zum Preise seines
*) Archiv VII, 118. Verzeichnifs in Steicheles Archiv für die Geschichte von
Augsburg 1, 13.
2) Annales Angustani, Mon. SS. III, 123 — 136. Vgl. Stalin II, 9. Waitz,
Nachrichten von der Gott Univ. 1857 S. 58 hat nachgewiesen, dafs die Jahre
1000 — 1054 mit wenigen Zusätzen aus Herrn. Contr. excerpirt sind.
*) Annales Ottenburani, zum ersten Male gedruckt von Pertz, Mon. SS. V,
1 — 9. Ueber die Klosterchronik s. unten V, 14.
Digitized by Google
246 IV. Salier. § 8. Konstanz. Augsburg. § 9. Regensburg.
Abtes und voll bitteren Tadels seiner Gegner1). Es ist nicht zu
verwundern, dafs sie einseitig und leidenschaftlich ausgefallen ist,
auch ist die Sprache häufig schwülstig, aber der Inhalt ist um so
werthvoller, da die Actenstücke Uber diese Gegenstände vollständig
aufgenommen sind. Leider reicht die Erzählung nur bis zum Jahre
1118, entweder weil das Ende verloren ist, oder weil Udalschalk
selbst an ihrer Vollendung verhindert wurde durch den Tod des
Abtes, welcher am 15. Juli desselben Jahres 1120 auf der Rückreise
in Pisa starb. Udalschalk verfafste über diesen Trauerfall ein aus-
führliches Schreiben und ein Gedicht; dann suchte er eine Zuflucht
in Konstanz, wo ihn der Bischof Ulrich, welcher seinen Vorgänger
Konrad zum Heiligen erhoben zu sehen wünschte, veranlafste, das
Leben desselben zu schreiben. Geschichtliche Nachrichten darüber
standen wenig zu Gebote; Udalschalk mufste sich auf einige münd-
lich erzählte Geschichtchen, die üblichen Phrasen der Legende und,
was die Hauptsache war, die Wunder an seinem Grabe beschrän-
ken2), und mit diesem Werke begab er sich 1123 nach Rom, wo er
die Heiligsprechung auch glücklich auswirkte. Noch in demselben
Jahre fand die feierliche Erhebung der Gebeine statt, mit welcher
die Lebensbeschreibung beschlossen wurde. Im folgenden Jahre
wurde Udalschalk selbst zum Abte seines Klosters geweiht; er lebte
noch bis gegen das Jahr 1150 und schrieb verschiedene Legenden
und Kirchengesänge, welche unserer Aufgabe fern liegen3). Auch
das auf den Wunsch des Bischofs Walther von Augsburg (1133-1150)
verfafste Leben seines Vorgängers Adalbero (887 — 910) kann nicht
zu den Geschichtsquellen gerechnet werden, da es ihm an allem
historischen Inhalte fehlt4).
§ 9. Regensburg.
Indem wir uns nach dem nahen Baierlande wenden, müssen
wir wieder zum Anfang dieser Periode zurückkehren. Damals lebte
im Kloster S. Emmeram Arnold, aus dem Hause der Markgrafen
von Vohburg, ein lernbegieriger Jüngling, der sich eifrig dem Stu-
dium der alten Klassiker hingab. Aber bald ergriffen ihn Gewissens-
zweifel Uber diese Vorliebe für die heidnischen Schriftsteller, und
er wandte sich ab von diesen Fallstricken des Teufels. Doch hatte
er sein Gefühl für Sprache und Darstellung so verfeinert, dafs er
0 Fodalscalcus de Eginone et Herimanno, ed. Jaffa', Mon. SS. XII, 429 — 448.
2) Vita Chuonradi Constantiensis ed. Pertz, Mon. SS. IV, 436 — 445.
s) Sein Registrum tonorum ist abgedruckt in Steicbeles Archiv f. d. Gesch.
d. Bisth. Augsburg II, 68 — 78.
4) Die Vorrede allein Mon. SS. IV, 383.
Digitized by Google
Udalschalk. Arnold von Vohburg. Otbloh.
247
das alte, vom Bischof Arbo von Freising verfafste Leben des h. Em-
meram zu unvollkommen fand und es umzuarbeiten gedachte. Da
erhoben sich die Mönche des Klosters gegen dieses Unterfangen,
welches ihnen wie ein Sacrilegium erschien; sie trieben ihn fort,
und er begab sich nun nach Magdeburg, wo er sich mit Meginfrid,
dem Vorsteher der Domschule befreundete. Dieser unternahm auf
Arnolds Bitte eine Erneuung jener Legende von S. Emmeram , und
später hat Arnold, als er zurlickgekehrt war, sein altes Vorhaben
doch auch noch selbst ausgeführt und ein Buch Uber die Wunder
des Heiligen hinzugefügt. Darauf aber verfafste er zwischen den
Jahren 1035 und 1037 ein anderes, für uns wichtigeres Werk Uber
den h. Emmeram1), eine seltsam geschmacklose Schrift in Form
eines Dialoges zwischen Ammonicius und Collecticius. Lange Be-
trachtungen und Auslassungen moralisirender Art sind darin ge-
mischt mit geschichtlichen Nachrichten Uber die ältere Geschichte
des Klosters, und diese haben für uns nicht geringen Werth als die
frühesten einheimischen Aufzeichnungen Uber die Anfänge der Re-
gensburger Kirche. Leider war die Kenntnifs von jenen weit ent-
legenen Zeiten bei dem Mangel an schriftlichen Quellen nur unvoll-
kommen, und Arnold verschweigt aufserdem einiges, das er nur in
Andeutungen berührt, aus Rücksicht auf noch lebende Nachkommen
der Feinde S. Emmerams. Ueber die späteren Schicksale Regens-
burgs finden sich gelegentlich erwünschte Notizen bei ihm.
Ein jüngerer Zeitgenosse Arnolds war Othlon oder Otloh, ein
geborener Freisinger ; als Knabe wurde er nach Tegernsee geschickt,
um die Kunst des Schreibens zu lernen, durch welche er sich in
hohem Grade hervorthat. Von da kam er nach Uersfeld, wo er
mit Wolfher zusammentraf. Wie Arnold zog auch ihn die profane
Litteratur besonders an, für Lucan schwärmte er, aber auch er
wandte sich dann so sehr von ihr ab, dafs er sogar die Fabeln deB
Avian und die Catonischen Sittensprüche aus dem Jugendunterricht
zu verdrängen suchte. Bischof Meginhard (1018 — 1034) berief ihn
wegen seiner Geschicklickeit im Schreiben nach Wirzburg, 1032 aber
begab er sich nach S. Emmeram, wo er Mönch wurde und die Lei-
tung der Schule erhielt, welcher er lange Zeit Vorstand. Es herrschte
dort der Geist des strengen Mönchthums; von dort wurde Wilhelm
1069 zum Abt von Hirschau berufen. Der Domschule stand der
l) De Saneto Emmeramino ed. Perlz, Mon. SS. IV, 543 — 574, mit Weglassung
der moralischen Betrachtungen. Vgl. ßlumberger im Archiv f. österr. G. Q. X, 364.
Die Annahme, dafs Emmeram erst im achten Jahrhundert nach Baiern gekommen
sei, hält jedoch Merkel nach seinen Untersuchungen über die Lex Baioariorum
für falsch.
Digitized by Google
248 IV. Salier. § 9. Regensburg. § 10. Salzburg. Passau.
Meister Gerald vor, welcher 1063 mit Udalrich nach Cluny ging,
hier Mönch und bald darauf Kardinal und Bischof von Ostia wurde.
Der Bischof Otto aber (1060 — 1089) war kaiserlich gesinnt; er be-
drängte das Kloster und deshalb entwich Othloh 1062 nach Fulda,
wo er im Archive die Briefe des Bonifaz fand, und zu einer neuen
und umfassenden Biographie des Heiligen benutzte l). Nachdem er sich
dann auch noch in Ammerbach aufgehalten hatte, kehrte er endlich
1067 nach S. Emmeram zurück, wo er sich von nun an unablässig
mit schriftstellerischen Arbeiten beschäftigte s). Schon ehe er nach
Fulda ging, hatte er die Legenden von S. Nikolaus, Altoa) und Wolf-
gang geschrieben; nach seiner Rückkehr überarbeitete er auch noch
die Legende vom h. Magnus auf die dringende Bitte des Adalhalm,
welcher, um zu lernen, von Füfsen nach S. Emmeram gekommen
war. Geschichtliche Bedeutung hat davon nur das Leben des Bischöfe
Wolfgang (972 — 994), welches einige schätzbare Nachrichten ent-
hält4); es ist aber auch aufserdem bemerkenswerth durch das Streben
des Verfassers nach geschichtlicher Wahrheit und die von ihm geübte
historische Kritik, wie er ja auch im Leben des Bonifaz auf die
sichere Grundlage der Urkunden zurückging. Ueber Wolfgangs Leben
lagen ihm zwei ältere Bearbeitungen vor, nämlich die oben erwähnte
Schrift Arnolds von Vohburg und ein älteres, in Franken verfafetes
Leben, an dem er nicht nur die fehlerhafte Sprache, sondern auch
verschiedene Widersprüche mit Arnolds Angaben und der münd-
lichen Ueberlieferung zu tadeln fand. Abweichend von der Sucht
anderer Legendenschreiber, ihren Heiligen ungebührlich zu preisen,
verwarf er z. B. die Erzählung, dafe Wolfgang den König der Ungern
getauft habe. Er verband nun also den Stoff, welcher in Arnolds
formlosem Werke enthalten ist, mit dem, was er aus jener anderen
Biographie brauchbar fand, und einigen Zügen aus der Tradition.
Freilich machte er sich die Sache etwas zu leicht, indem er die
Worte seiner Vorgänger so wenig verändert, dafe er an zwei Stellen
selbst als Zeitgenosse Wolfgangs spricht, den er doch nicht mehr
gesehen hatte.
l) Mab. III, 2, 28. Da die Briefe selbst erhalten und bekannt sind, wurde in
die Mon. SS. II, 357 nur wenig aufgenommen. Retlberg I, 331.
*) s. darüber seine eigenen Angaben Mon. SS. XI, 391, und die Vorrede von
Wilmans.
3) Vielleicht die Acta SS. Feb. II, 359, Mab. III, 2, 218 gedruckte, welche vor
der Verlegung des Klosters nach Altorf ( 1047) doch dem Anschein nach in Alten-
münster verfafst ist. Alto, der Gründer von Altenmünster soll ein Schotte aus
der Zeit des Bonifaz gewesen sein; über ihn giebt die Legende nur eine unsichere
Tradition und über die Herstellung des Klosters durch Welf sehr wenig.
4) Othloni Vita S. Wolfkangi ed. Waitz, Mon. SS. IV, 521—542.
Digitized by Google
Olhloh. Benediktbeuern. Tegernsee.
249
Aufiser diesen Legenden verfafste Othloh auch noch verschiedene
Werke erbaulichen Inhaltes, und darunter zwei, die Bücher der Ver-
suchungen und der Visionen1), in denen er viel aus seinem Leben
und von allerhand anderen Dingen in loser, Verknüpfung ähnlich wie
Arnold erzählt.
Mit der Aufzeichnung der Zeitgeschichte scheint man sich in
Regensburg kaum beschäftigt zu haben; wenigstens haben sich von
dort enstandenen Annalen nur geringe Spuren erhalten. Der wich-
tigen, leider nur fragmentarisch erhaltenen Altaicher Annalen ge-
dachten wir schon oben; auch diese reichen aber nur bis zum Jahre
1073, denn auch dieses Kloster gerieth durch die Bedrängnisse jener
rechtlosen Zeit nach kurzer Blüthe wieder in Armuth und Verfall.
Von Altaich aus war Tegernsee reformirt, und von hier aus kamen
1031 Mönche mit dem Abt Ellinger, den im folgenden Jahre Gothelm
ablöste, nach Benediktbeuern, wo sie eine lebhafte litterarische
Thätigkeit weckten. Einige Aufzeichnungen Uber die Geschichte
des Klosters und eine bis 1139 reichende Hauschronik geben uns
davon Kunde*). Tegernsee selbst entartete bald wieder, erhielt um
die Mitte des Jahrhunderts auf Heinrichs IH Befehl Egbert aus Hers-
feld, dann als auch dieser wieder entsetzt war, Seifried aus der
Lütticher Schule zum Abt; es scheinen hier mancherlei Studien be-
trieben zu sein und in der Kunstgeschichte tritt Tegernsee bedeutend
hervor, aber die Geschichtschreibung blühte hier nicht; nur die
fabelhafte Gründungsgeschichte gehört vielleicht schon diesem Zeit-
raum an, und der Anfang der dürftigen Klosterchronik mag aus dem
Beginn des zwölften Jahrhunderts stammen.
Was sonst noch vielleicht an geschichtlichen Aufzeichnungen
in Baiern um diese Zeit entstanden ist, ging uns verloren, denn Uber
den bairischen Handschriften hat leider ein Unstern gewaltet. So
benutzte noch Aventin den Othochus, einen Freisinger Historiker
aus Heinrichs IV Zeit, der nicht unbedeutend gewesen zu sein scheint,
von dem aber sonst keine Spur zu finden ist3).
§ 10. Salzburg und Passau.
Im südöstlichen Vorlande rief erst der grofse Zwiespalt dieser
Zeit litterarische Thätigkeit hervor; er wirkte befruchtend durch die
*) Libri Temptationum et Visionum, auszugsweise herausgegeben von Wil-
mans, SS. XI, 376—393.
*) Chron. Benedictoburanum ed. Wattenbarh, Mon. SS. IX, 210 — 238.
3) Vgl. Wilmans, Mon. SS. XII, 252 n. 12. Gicsebr. , Gesch. d. Kaiserzeit II, 583.
Waitz erklärte G. G. A. 1842 S. 398 den Namen Othochus für eine Verdrehung von
Othloh, meint aber ib. 1856 S. 1899, dafs an Othloh ja wohl nicht zu denken sei.
Digitized by Google
250
IV. Salier. § 10. Salzburg und Passau.
enge Verbindung mit der schwäbischen und sächsichen Geistlichkeit,
welche die Gemeinschaft harten Kampfes mit sich brachte. Wir ge-
dachten schon oben der Beziehungen des Klosters Hirschau und der
S. Blasianer zu diesen Qegenden, die auch in der deutschen Litte-
ratur sehr merklich sich kundgeben1).
Auf dem Salzburger Stuhle eröffnete Gebhard (1060 — 1088)
früher königlicher Kanzler, die Reihe eifriger Vorkämpfer der gre-
gorianischen Grundsätze; ihm folgte Thiemo bis 1101, Konrad bis
1147. Lange Zeit waren sie unglücklich im Kampfe, mufsten ver-
trieben aus ihrem Sprengel weichen und harte Verfolgung ertragen,
zuletzt aber behaupteten sie dennoch das Feld.
Gebhard führte zuerst (1074) schwäbische Mönche aus S. Bla-
sien ins Land, nach Admunt, das später unter Thiemo noch einmal
durch Hirschauer nach fast gänzlicher Verödung neu gegründet
wurde. Gebhard fand, als er in Salzburg sich nicht länger halten
konnte, eine Zuflucht bei den Sachsen und ist aus der Geschichte
als ihr Wortführer bekannt. WTir besitzen von ihm ein Schreiben
an den Bischof Hermann von Metz oder vielmehr eine an diesen
gerichtete Abhandlung, in welcher er die gregorianischen Grundsätze
und das Verfahren des Papstes vertheidigt3).
Thiemo, der lange vertrieben in Hirschau weilte, schlofs sich
zuletzt der unglücklichen Kreuzfahrt des Herzogs Welf an und fand
auf derselben seinen Tod. Vergeblich verlangte seine verwaiste
Heerde nach einem Berichte Uber das Ende des geliebten Hirten,
niemand wufste davon zu sagen; aber wie es so häufig erging,
machte sich bald jemand diese Lage der Dinge zu Nutze, behauptete
bei seinem Leiden und Sterben zugegen gewesen zu sein, und er-
zählte entsetzliche Greuel, für die er gläubige Hörer fand.
Schon Otto von Freising widerlegt seine Fabeln; uns ist aber
diese Schrift eines vorgeblichen Augenzeugen nicht mehr erhalten,
sondern nur zwei verschiedene Bearbeitungen, welchen sie zu Grunde
liegt. Die eine ist aus Admunt. Man besafs hier eine kurze metrische
Uebersicht der Folge der Salzburger Erzbischöfe bis auf diese Zeit,
welche später nach und nach bis ins fünfzehnte Jahrhundert fort-
gesetzt ist*). An diese knüpfte man nun im Anfänge des zwölften
Jahrhunderts einige kurze Nachrichten Uber den ersten Stifter, den
>) Diemer in den Sitzungsberichten der Wiener Ak. VI, 334.
s) Zuerst gedruckt bei Tengnagel, Monumenta adversus schismaticos. 1612.
Vgl. Ilelfenstein S. 111. 149.
3) Catalogus praesulum Salisburgensium, Mon. SS. XI, 19 — 25. Die hier be-
rührten Schriften sind als Gesta Archiepiscoporum Salisburgensium zusammen
berausgegeben von Wattenbach, SS. XI, 1 — 103.
Digitized by Google
Leben des Gebhard, Thiemo, Allmann, Adalbero. 251
Erzbischof Gebhard, und fügte dann, wieder zur Poesie übergehend,
das Leben und Sterben seines Nachfolgers Thiemo hinzu1). Bei
weitem den gröfsten Theil davon füllt das Martyrium desselben,
welches geschichtlich werthlos ist und nur eine recht gute Probe
von der Formgewandheit giebt, die man in der Admunter Schule
sich damals erwerben konnte. Lehrreicher ist ein zweites Leben
des Thiemo, welches die Zeiten vor dem Kreuzzuge ausführlicher
behandelt, jedoch erst um die Mitte des zwölften Jahrhunderts ver-
fafst und daher auch Uber jene schon ziemlich fern liegenden Ereig-
nisse nicht frei von Fehlern ist3). Die weitere Fortbildung dieser
Litteratur gehört den späteren Epochen der kirchlichen Kämpfe an,
und wir werden dann darauf zurückkommen.
Mit Gebhard im Kampfe eng verbündet waren seine beiden
Jugendfreunde und Schulgenossen Altmann und Adalbero.
Altmann, Domherr und Schulvorsteher in Paderborn, von wo
er herstammte, dann Propst zu Aachen und Kaplan der Kaiserin
Agnes, war als Bischof von Passau (1065 — 1091) einer der eifrigsten
Betreiber des Coelibats der Geistlichen und eine Hauptstütze Gre-
gors. Er stiftete das Kloster Götweih, wohin er Hirschauer Mönche
führte, und hier ist auch, jedoch erst lange nach seinem Tode,
(nach 1125) sein Leben beschrieben worden. Der Verfasser ist uns
nicht bekannt; er war ein fremder Geistlicher, der sich als Gast im
Kloster aufhielt und aufzeichnete, was ihm dort erzählt wurde. Es
ist daher sehr natürlich, dafs fast nur die besondere Geschichte
dieser Gegend und des Klosters darin berücksichtigt ist; darüber
giebt die Schrift Aufklärungen, die bei dem Mangel anderer Nach-
richten um so schätzbarer sind, aber die so sehr einflufsreiehe und
bedeutende Thätigkeit Altmanns, welche sich weit Uber die Grenzen
seines Sprengels erstreckte, erhält dadurch nur wenig Licht3).
Dasselbe gilt in noch höherem Grade von dem Leben des Adal-
bero von Wirzburg (1045 — 1090), welches erst im Anfänge des
dreizehnten Jahrhunderts verfafst ist und ihn nur als Stifter des
des Klosters Lambach darstellt. Er war der letzte Sprofs des mäch-
tigen Hauses der Grafen von Wels und Lambach, und die Nach-
richten des Biographen über diese Familie so wie über die Anfänge
des Klosters sind dankenswerth4).
*) Vita Gebehardi p. 25 — 28. Passio Thiemonis metrica p. 28 — 33.
a) Passio Thiemonis archiepiscopi p. 51 — 62.
3) Vila Altmanni ed. Wattenbach, Mon. SS. XII, 226 — 243. lieber die in das
Ende dieser Periode fallenden Anfänge annalistischer Aufzeichnungen in Oesterreich
und die Passio Cholomanni s. unten V, 7.
4) Vita Adalberonis ed. Wattenbach, Mon. SS. XII, 127 — 147.
Digitized by Google
252 IV. Salier. § 10. Salzburg u. Pasaau. § II. Adam v. Bremen.
Alle diese Schriften sind nur unbedeutend ira Verhältnifs zu
den gewaltigen Kämpfen dieser Zeit, welche sie berühren, aber nicht
darstellen. Sie führen uns aber einzelne Züge daraus vor, durch
deren Zusammenstellung ein lebendiges Bild der Zeit zu gewinnen
ist. Sie zeigen uns auf dem engen Schauplatze der einzelnen Sprengel
und Stifter, wie der grofse Streit hier überall eingriff, wie überall
die Vorkämpfer der neuen mönchischen , französisch - römischen
Kirchenzucht den Anhängern der alten Gewohnheit entgegentraten;
manche Blüthe entsprofs der sittlichen Kraft dieser strengen Mönche,
aber viel Gutes und Schönes ging darüber zu Grunde, und jene viel
verheifsende gleichmäfsige Entwickelung aus der Zeit Heinrichs HI
wurde unwiederbringlich geknickt.
§ 11. Sachsen. Adam von Bremen.
M. Adami Gesta Pontificum Hammenburgensium ed. Lappenberg, Mon. SS. VTI, 267 — 389
und besonderer Abdruck in 8. 1846. Abhandlung Lappenbergs im Archiv VI, 766 — 892.
Uebersetzung von Laurent mit Einleitung von Lappenberg 1850. Stenzei II, 95 — 99.
L. Giesebrecht, Wendische Geschichten 111,317. W&itz in Schmidts Zeitschrift II,
104. W. Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit I, 752. Waitz, Gott. Gel. Anz. 1856
S. 1906 rögt seltsamer Weise Mangel der Ausgabe, welche längst durch einen Carton
beseitigt sind.
Wir haben schon oben gesehen, wie Sachsen sich unter der
Herrschaft der Salier von der Reichsgeschichte wiederum abwandte.
Noch war freilich der Verband des Reiches fest genug, um sich in
jeder Lokalgeschichte und Biographie fühlbar zu machen, aber in
der Darstellung tritt doch diese Seite überall zurück und auch in dem
Kampfe gegen Heinrich IV Uberwog durchaus der provinzielle Ge-
sichtspunkt: jener hingebende Eifer der schwäbischen Mönche, welche
in Heinrich IV ohne jede andere Rücksicht den neuen Antiochus
verfolgten, ist bei den Sachsen nicht zu finden, so eifrig Bie auch
die Bundesgenossenschaft des heiligen Peter ergriffen.
So hatte denn auch der hervorragendste Mann unter den Sachsen
dieser Zeit, der Erzbischof Adalbert von Bremen, sein Augen-
merk weniger auf die allgemeinen Verhältnisse gerichtet als auf
seine besonderen Pläne. Sein Ehrgeiz ging nicht dahin, Papst zu
werden, was er vielleicht hätte erreichen können: er strebte nach
Macht im Reiche, aber nicht wie Anno von Köln, um seine Grundsätze
und Ansichten zur Herrschaft zu bringen, sondern um seine Kirche
grofs und mächtig zu machen, und als er seine Pläne scheitern sah,
wandte er seine letzten Kräfte auf die Bekämpfung seiner bittersten
Feinde, der Billunger.
Adalbert, aus dem Hause der Pfalzgrafen von Sachsen, war
Erzbischof von Bremen von 1045 — 1072. Er nahm die Thätigkeit
Digitized by Google
Adalbert von Bremen. Adam.
253
Anskars im gröfstem Mafsstabe wieder auf; den ganzen Norden nm-
fafste seine Thätigkeit, und er gedachte hier ein Patriarchat zu
errichten, welches dem römischen mit gleichem Rechte und gleicher
Macht an die Seite treten könnte. Eine Zeit lang ging ihm alles
nach Wunsch, und man scheute sich nicht, Bremen mit Rom zu ver-
gleichen: es erschien als ein kaum minder hochgeehrter und viel-
besuchter Mittelpunkt für weite Länderstrecken, welche zum Theil
erst jetzt vom Christenthum erreicht und dadurch auch der Kennt-
nifs ,der Zeitgenossen erschlossen wurden. Nie bot sich eine gün-
stigere Gelegenheit zu einer Beschreibung dieser noch so wenig ge-
kannten nördlichen Lande, und schon war auch der Mann nach
Bremen gekommen, welcher diese Aufgabe zu erfüllen unternahm,
und ihr vollkommen gewachsen war.
In den Jahren 960 und 961 hatte der Bremer Domschule Thia-
delm, ein Schüler des berühmten Magdeburger Scholasters Otrich,
vorgestanden (Ad. II, 10), aber von einer hervorragenden Wirksamkeit
der Schule ist nichts bekannt. Adalbert wandte auch ihr seine
Sorgfalt zu als der nothwendigsten Grundlage für sein Missionswerk.
Er bemühte sich, ausgezeichnete Männer nach Bremen zu ziehen,
wie den Waldo, welcher Anskars Leben von Rimbert in Hexa-
metern bearbeitete und dem Erzbischof als Kanzler zur Seite stand ').
Im Jahre 1068 kam auch der Meister Adam, der, wie es scheint,
im oberen Sachsen zu Hause war und wohl der Magdeburger Schule
seine Bildung verdankte. Ob der Erzbischof ihn berufen hat, wissen
wir nicht, aber er nahm ihn sogleich unter die Zahl der Bremer
Domherren auf, und im folgenden Jahre wird Adam urkundlich als
Domschoiaster genannt; weiter aber ist über sein Leben nichts be-
kannt, nur geht aus seinem Buche hervor, dafs er dem Erzbischof
nahe gestanden hat. Die Geschichte des Nordens zu erforschen,
mufs er sich von Anfang an zur besonaeren Aufgabe gemacht haben,
denn schon bald nach seiner Ankunft in Bremen begab er Bich zu
dem Dänenkönig Sven Estrithson, „der die ganze Geschichte der
Barbaren in seinem Gedächtnisse wie in einem geschriebenen Buche
verwahrte“ (II, 41), und liefs sich von ihm so viel und so genau
erzählen, dafs uns diese Nachrichten in dem ganzen Werke Adams
überall als eine Hauptquelle begegnen. Daneben aber benutzte er
auch jede andere Gelegenheit, um Nachrichten Uber die Länder des
Nordens und ihre Geschichte zu sammeln. Zugleich versäumte er
nicht, die reiche Bibliothek der Bremer Kirche fleifsig zu durch-
*) herausgegeben von Lambecius, Rerum Hamburg. 1 , 243. Acta SS. Febr.
I, 427. Mab. IV, 2, 1 15.
Digitized by Google
254
IV. Salier. § 11. Sachsen. Adam von Bremen.
forschen. Er fand hier aufser den damals gangbaren alten Autoren
das Leben Karls des Grofsen von Einhard, die Uebertragung des
h. Alexander nach Sachsen von dem fuldischen Mönche Meginhard,
den er mit Einhard oder Eginhard verwechselte *), die Annalen von
Fulda, vielleicht in einer bis zum Tode Ludwigs des Kindes fort-
gesetzten Bearbeitung, und wohl auch noch ein anderes, uns unbe-
kanntes Werk, welches er als die Geschichte der Franken bezeich-
net; ferner eine ebenfalls nicht mehr vorhandene angelsächsische
Chronik, die Annalen von Korvei, die Lebensbeschreibungen des
Bonifaz, des Willibrord, des Willehad, Liudger, des Anskar und
Rimbert, endlich die nur durch Adams Erwähnung bekannte Schrift
des Abtes Bovo von Korvei Uber die Geschichte seiner Zeit. Unter
den alten Schriftstellern, in denen er sehr bewandert war, boten
ihm besonders Orosius, Solinus, Marcianus Capelia einige Angaben,
welche er zu seinem Werke benutzte. Vorzüglich aber zog er das
Archiv der Hamburg -Bremer Kirche zu Rathe mit seinen Urkunden
und Briefen.
Gewifs hatte Adam schon längere Zeit für seine Zwecke ge-
sammelt und geforscht, als er bald nach Adalberts Tode die Aus-
arbeitung der Hamburger Kirchengeschichte begann: denn Hamburg
galt noch immer als der eigentliche Sitz des Erzbisthums, obgleich
die stete Gefährdung dieses Ortes durch Wenden und Normannen,
die wiederholten Zerstörungen die Erzbischöfe veranlafsten, Bremen
zu ihrem bleibenden Aufenthalte zu machen. Seinen Stil hatte Adam
durch fleilsiges Lesen der Alten gebildet; Virgil, Horaz, Lucan sind
ihm geläufig, und er bezieht sich mit Vorliebe auf Verse und ein-
zelne Wendungen von ihnen. Sein Vorbild aber ist besonders Sallust,
der in den Schulen vorzugsweise gelesen wurde und darum auch
einen Ubergrofsen Einflufs auf den Stil der Zeit übte ; seine gesuchte
Kürze, die eingestreuten Sentenzen findet man überall wieder und
mufs bedauern, dafs die Ausbildung einer einfachen, ungesuchten
Ausdrueksweise dadurch gehindert wurde. Auch bei Adam finden
wir häufig Sallustische Ausdrücke, doch hat auf ihn viel mehr wie
aufWidukind die Sprache der kirchlichen Schriftsteller und Legen-
den eingewirkt, welche sich mit den klassischen Reminiscenzen zu
einer ungleichartigen Mischung verbindet. Auch von Fehlem und
Germanismen ist er nicht frei.
Ein grofser Thcil von Adams Werk ist eine Frucht seiner ge-
lehrten Forschung und mit Fleifs und Sorgfalt aus den oben berühr-
*) Die dagegen überflüssiger Weise erhobenen Zweifel widerlegte neuerdings
Waitz in den Nachrichten von der Gült. Univ. 1857 S. 42 — 46.
Digitized by Google
Adam von Bremen. Bremer Bisrhofsrhronik.
255
ten Quellen, die er stets gewissenhaft anfiihrt, zusammengesetzt,
doch nicht etwa, wie es so häufig geschah, durch rein äufserliche
Verknüpfung, sondern er hat sie mit gutem Erfolge zu einer zu-
sammenhängenden Erzählung verarbeitet. Je mehr er sich dann
Beiner eigenen Zeit nähert, desto reicher werden seine Mittheilnngen
aus mündlicher Ueberlieferung, zuletzt aus eigener Erfahrung und
Kenntnifs. Das ganze dritte Buch schildert allein die Wirksamkeit
und die wechselnden Schicksale des Erzbischofs Adalbert, dem er
trotz aller seiner Fehler doch eine liebevolle Anhänglichkeit bewahrte,
ohne sich dadurch verblenden oder zum Verdecken der Schwächen
des Mannes verleiten zu lassen l). Seine Darstellung ist hier voll
Wärme und Leben und die Wahrhaftigkeit derselben unbezweifelt.
Für die Geschichte Heinrichs IV gewinnen wir dadurch eine reich-
haltige und überaus werthvolle Quelle, während die Bremer Missions-
thätigkeit zugleich die Geschichte des Nordens erschliefst. Das vierte
Buch endlich ist der Beschreibung dieser Nordlande gewidmet (De-
scriptio insularum Aquilonis). Durch diese Nachrichten hat er das
grofse Verdienst, zuerst eine sichere Grundlage für die Geschichte
der baltischen Lande gelegt zu haben, die sich immer von neuem
als Prüfstein für andere unbestimmtere Ueberlieferungen , für den
Inhalt der nordischen Heldenlieder und Sagen bewährt hat. Jede
gewissenhafte Forschung geht auf ihn zurück, und seine Autorität
stand von Anfang an mit Recht in hohem Ansehen. Die Hand-
schriften seines Werkes sind bereits mit Randbemerkungen versehen,
welche zum Theil noch von seiner eigenen Hand, zum Tlieil von
späteren Bremer Domherren herrühren; dann haben die norddeutschen,
dänischen, isländischen Chronisten ihn allgemein für ihre Zwecke
benutzt, und sein Werk blieb ohne Unterbrechung ein Grundpfeiler
für die Geschichte dieser Gegenden.
Bis auf Adalberts Tod reicht auch eine sehr kurze Bremer
Bischofschronik, eigentlich nur ein Verzeichnis der Bischöfe
und Erzbischöfe mit einigen Bemerkungen2). Mit dem Glanze des
Erzstiftes war es aber jetzt für lange Zeit vorbei; auch die Schule
wurde von dem raschen Verfall ergriffen, sic war in traurigem Zu-
stande, als im Anfänge des zwölften Jahrhunderts Vicelin ihre Lei-
tung übernahm, ein frommer Mann, Schüler des Magister Hartmann
*) Vgl. III, 64. Ehen quam veilem meliora scribere de tanto viro qui et me
düexit et tarn clarus in vila sua fuit. Verum limeo quia scriptum est: Vae Ulis
qui malum bonum dicunt, et pereant qui nigrum in cimdidum vertunt. Diese
feisten Worte sind halb aus Jesaja 5, 20 und halb aus Juvenal 111, 30 genommen.
2) Chronicon breve Bremense, bei Lappenberg, Bremer Geschichtsquellen S. VIII
und 1 — 6.
Digitized by Google
256 IV. Salier. § 12. Das östliche Sachsen. Bruno.
in Paderborn, der aber so Ubermäfsig strenge war, dafs viele Schüler
aus Bremen entflohen.
Bis zum vierzehnten Jahrhundert scheint man hier nicht wieder
an geschichtliche Aufzeichnungen gedacht zu haben.
§ 12. Das östliche Sachsen. Bruns Sachsenkrieg.
Die Ottonischen Pflanzungen an der nordöstlichen Grenze des
Reiches waren nach dem Tode des grofBen Kaisers und besonders
nach der Niederlage seines Sohnes (982) theils verloren, theils be-
droht. Man machte wenig Fortschritte mehr gegen die Wenden,
und unter solchen Umständen konnte auch keine litterarische Thä-
tigkeit gedeihen. Ueberdies aber hat auch spätere Verwahrlosung
noch verkommen lassen, was hier und da aufgezeichnet wurde. Das
Ende der Quedlinburger Annalen von 1025 an ist verloren, nachdem
es vielleicht noch dem sächsischen Annalisten und Chronographen
Vorgelegen hatte, und dieselben Schriftsteller haben auch Reste von
Magdeburger und Halberstädter Aufzeichnungen erhalten. Nament-
lich hatte der Bischof Herr and oder Stephan von Halberstadt
(1090 — 1102) eine Schrift Uber den gewaltsamen Tod seines Vor-
gängers Burchard verfafst, des Vorkämpfers der Papisten der am
7. April 1088 in Goslar erschlagen wurde. Diese findet sich grofsen-
theils beim sächsischen Annalisten zum Jahre 1088 aufgenomme.n
und übersetzt in Winnigstädts Halberstädter Chronik aus dem sech-
zehnten Jahrhundert1).
Dieser Herrand war nicht weniger eifrig papistisch wie sein
Vorgänger und schrieb im Namen des Landgrafen von Thüringen
eine Entgegnung gegen ein Sendschreiben des kaiserlich gesinnten
Bischofs Walraban oderWalram von Naumburg a), eines wackeren
und gelehrten Mannes, der als eifriger Anhänger Heinrichs IV mit
mehreren gut geschriebenen Abhandlungen und offenen Briefen den
Behauptungen Hildebrands und seiner Partei nachdrücklich entgegen
trat®). In früherer Zeit war Herrand Abt zu S. Burchard in Wirz-
burg gewesen und hatte dann in Ilsenburg die Cluniacenser Regel
eingeführt. Durch einen kaiserlichen Gegenbischof verdrängt, suchte
*) in Caspar Abels Sammlung alter Chroniken S. 289.
*) Beide sind u. a. in den älteren Ausgaben des Marianus Scottus gedruckt.
Eine Vita Bennonis ep. Misn. (1066— 1 106) soll auch existirt haben, ist aber
von Waitz vergeblich gesucht. G. G. A. 1856 S. 1898.
8) s. über diese Schriften Fabricius s. v. Walramus. Den Liber de unitate
ecclesiae conservanda gab Ulrich von Ilutten 1520 heraus. Wieder gedruckt u. a.
bei Freher ed. Struv. 1, 244 und in Goldasts Apologia. Vgl. Helfenstein S. 106.
162. Lepsius, Gesch. d. Bischöfe v. Naumburg S. 29 — 33. Walram war Mönch
in üersfeld, bis ihn Heinrich IV 1089 zum Bischof erhob.
Digitized by Google
Halberstadt, Ilsenburg, Rosenfeld. VValram. Brun. 257
er hier eine Zuflucht, aber im J. 1101 wurden auch die Mönche zur
Flucht genöthigt und zogen sich nach Rosenfeld oder Harsefeld un-
weit Stade zurück, wo eben jetzt die Markgrafen von Stade eine
früher von ihnen gestiftete Propstei auf Herrands Rath zur Clunia-
censer Abtei umgestalteten. Auf diesem Wege gelangten die alten
Wirzburger Annalen bis 1099 nach Rosenfeld, wo sie bis 1164 fort-
gesetzt wurden l).
Aus Magdeburg ist uns durch Arnold von S. Emmeram der
Domscholaster Meginfrid als ein gefeierter Lehrer bekannt. Als der
Kampf des Kaiserthums mit dem Papstthum ausbrach, war hier
Werner Erzbischof, der Bruder des Erzbischofs Anno von Köln, ein
geborener Schwabe. Er theilte die Richtung seines Bruders und
gehörte bald zu den entschiedensten Feinden des jungen Königs
mit seinem Nachbaren, dem Thüringer Werner von Merseburg. In
dieser Umgebung lebte Brun oder Bruno, anfangs am Hofe Werners
von Magdeburg, der ihn wohl in seiner Kanzlei verwendet haben
mag, dann nach dessen Tode (1078) bei dem Bischof von Merse-
burg3). Diesem widmete er 1082, als eben der neue Gegenkönig
Hermann gesalbt, war, ein Werk Uber den Sachsenkrieg3). Dafs dies
nur eine Parteischrift sein konnte, versteht sich von selbst, der
Verfasser stellt sich eben so entschieden wie Bernold als Heinrichs
Feind hin. Aber damit endet auch die Aehnlichkeit zwischen beiden.
Auch Brun steht auf Seiten Hildebrands gegen den König, aber weit
überwiegend ist doch in ihm die sächsisch -provinzielle Auffassung.
Der Papst ist ihm fast nur ein Bundesgenosse der Sachsen, der hart
getadelt wird, wenn er nicht nach ihrem Gefallen handelt. Dann
heifst es wohl, dafs die Sachsen nur dem h. Peter zu Liebe die
Waffen ergriffen hätten, aber Bruns eigenes Werk zeigt deutlich
*) Ann. Rosenveldcnses, erhalten von 1057 — 1130, Mon. SS. XIH, 99, zuerst
von Wedekind, Noten I, 349—367 als Chronographi Saxonis fragmentum publicirt;
vgl. die Abhandlung von Jaffe im Archiv XI, 850 — 867, wo die Restitution der
Jahre 1141 — 1164 versucht ist aus dem Chronogr. Saxo und Albert v. Stade,
welche wie auch der Annalista Saxo daraus schöpften. Bis 1110 zeigt sich auch
wörtliche Uebereinstimmung mit den Ann. S. Dysibodi, und es ist zweifelhaft, ob
dieser Theil ganz in Rosenfeld verfafst ist. Eine spätere ums J. 1575 compilirle
Rosenfelder Chronik bei Vogt, Mon. inedila rer. Brem. I.
a) Ueber diesen besitzen wir eine unbedeutende Biographie, die erst gegen
die Milte des zwölften Jahrhunderts geschrieben zu sein scheint, ed. Wilmans,
Mon. SS. XII, 244-248.
3) Brunonis de bello Saxonico Über ed. Perlz, Mon. SS. V, 327 — 384. Separat-
Abdruck 1843. 8. Uebersetzung von Wattenbach 1853. Stenzei 11, 55— 67. Ranke,
Zur Kritik fränkisch -deutscher Reirhsannaüsten S. 436— 440 (24 — 28). Smolka,
De Brunonis bello Saxonico, Wrat. 1856. 8. bestreitet die Echtheit der darin ent-
haltenen Artenstücke, ohne zu bemerken, dafs der Annalista Saxo sie bereits eben
so las wie wir.
17
Digitized by Google
258 IV. Salier. § 12. Brun. § 13. Die Lobredner Heinrichs IV u. V.
genug den sehr weltlichen Ursprung des Krieges. Ferner schreibt
Bernold unmittelbar unter dem Eindruck der Ereignisse, vollkommen
gleichzeitig, und ist daher chronologisch völlig zuverlässig; Brun
aber im Rückblick auf einen ziemlich langen Zeitraum und ist von
der Genauigkeit Bernolds weit entfernt. Und endlich ist leider seine
Wahrhaftigkeit, wenn er diese Eigenschaft überhaupt besafs, völlig
verblendet durch die Leidenschaft der politischen Parteiung; man
hat in Bezug auf ihn zu wählen zwischen dem Vorwurf bewufster
Lüge und grenzenloser Leichtgläubigkeit. Ranke hat neuerdings
darauf aufmerksam gemacht, dafs die neueren Historiker viel zu viel
Gebrauch von Bruns Erzählungen machen, dafs auch Stenzei davon
nicht frei ist, obgleich er selbst die geringe Glaubwürdigkeit der-
selben nachwies. Ranke nennt ihn Uber den Verlauf des sächsischen
Krieges wohl unterrichtet: ich kann auch das nicht zugeben. Er
übergeht die wichtigsten Dinge gänzlich, entstellt andere, und von
den verborgenen Fäden, von den geheimen Verhandlungen und den
wahren Absichten der Fürsten scheint er wirklich wenig oder nichts
zu wissen. Die beiden Werner scheinen ihn nicht in ihr Vertrauen
gezogen zu haben, wenn ihm auch einige Briefe und Actenstücke
mitgetlieilt wurden, deren unverkürzte Aufnahme seinem Werke
höheren Werth verleiht. Aber verarbeitet hat er diese Documente
nicht im mindesten, rein äufserlich sind sie seinem Buche an un-
passender Stelle eingefügt. Als Historiker steht Bruno auf der
niedrigsten Stufe, nur mit gröfster Vorsicht läfst sich sein Werk
überhaupt benutzen, um Thatsachen daraus zu gewinnen, deren er
freilich einige von grofser Wichtigkeit mittheilt. So zeigt er sich
ungewöhnlich gut unterrichtet Uber die Wahlen der Gegenkönige,
Ereignisse, die natürlicher Weise bei der ganzen Partei die lebhaf-
teste Aufmerksamkeit auf sich zogen, und besonders in Sachsen, wo
man lieber den Herzog Otto von Nordheim zum König gehabt hätte.
Im Allgemeinen aber können wir diese Schrift nur betrachten und
schätzen als eine Stimme aus Sachsen, die uns zeigt, was man sich
dort von Heinrich IV, von seinen Anhängern und von den Vorfällen
des Krieges erzählte. Die Zeit spiegelt sich darin wieder, und bei
der Ausführlichkeit der Erzählung läfst sich manches Uber die Zu-
stände und Verhältnisse Sachsens daraus entnehmen.
§ 13. Die Lobredner Heinrichs IV und Heinrichs V.
Dem Werke eines der erbittertsten Gegner Heinrichs IV stellen
wir die Schriften zweier von seinen eifrigsten Anhängern gegenüber,
Digitized by Google
Bruns Sachsenkrieg. Das Epos Uber denselben.
259
deren Herkunft ungewifs ist, weil sich zu wenig locale Beziehungen
bei ihnen vorfinden. Das erste dieser Werke, welche von der anderen
Seite nicht minder parteiisch sind wie Bruno, ist das Epos vom
Sachsenkriege1). Unmittelbar nach dem Siege des Königs Uber
die Sachsen bei Hohenburg am 9. Juni 1075 hat hier ein unbekannter
Dichter von guter classischer Bildung es unternommen, den Krieg
von seinem Ursprünge an in entschieden royalistischer Auffassung
zu schildern, und er hat diese Aufgabe mit vielem Geschick durch-
geführt. Hexameter von bemerkenswerther Reinheit, wenn gleich
mit manchen damals üblichen Freiheiten und hSufig leoninisch ge-
reimt, fliefsen ihm mit Leichtigkeit, und die Darstellung ist so leben-
dig und spannend, dafs man ihr mit Vergnügen bis ans Ende folgt.
Natürlich haben hier die Sachsen in allen Stücken Unrecht. Nur
die Gerechtigkeit des Königs hat sie zum Aufstand getrieben, da er
die unrechtmäfsig in Besitz genommenen Güter den rechten Erben,
Fremden und Waisen zurückgab. Unerhört finden es die Sachsen,
dafs diese, welche sonst überall Unrecht leiden, bei ihnen Ansprüche
durchsetzen, welche sie geradezu als Raub bezeichnen. Gewifs ist
auch diese Auffassung einseitig, aber eben so wenig ist auch Bruns
und Lamberts Darstellung unparteiisch, und die Sache der Sachsen
durchaus nicht so rein, wie sie in ihren eigenen Parteischriften er-
scheint. Der Verfasser schildert dann die Ereignisse des Krieges
mit grofser Anschaulichkeit, und so wenig er sich auch in der Dar-
stellung als zuverlässig erweist, bereichert er doch unsere Kenntnifs
der Zustände und Ereignisse mit manchem nicht unwichtigen Zuge;
namentlich läfst er in dem Ausfall der Bürger von Goslar die auf-
strebende Wehrhaftigkeit der städtischen Bevölkerung deutlich er-
kennen, wie sie um dieselbe Zeit auch in Worms, Köln und anderen
Orten sichtbar wird. Eingehend wird besonders die Belagerung und
Vertheidigung der Burgen geschildert, die Flucht des Königs von
der Harzburg dagegen ganz verschwiegen. Lehrreich ist auch die
Musterung des königlichen Kriegsheeres; Herzog Welf erscheint darin
in lateinischer Uebersetzung als Catulus, was wir wenig später auch
in dem Leben Thiemos von Salzburg finden: eine gelehrte Spielerei,
die damals sehr beliebt war und hier noch um einen Schritt weiter
geführt ist, indem der neue Catulus mit dem alten römischen Ge-
schlechte dieses Namens in Verbindung gebracht wird. Mit einer
Aufforderung zur Milde gegen die Besiegten schliefst das Gedicht.
Im Jahre 1848 hat Pertz dasselbe, zunächst veranlafst durch
*) Gesta Heinrici imperatoris metrice, zuerst 1508 in Strafsburg, dann in
der Sammlung von Reuber und in Goldasts Apologia pro Heinrico IV gedruckt.
17*
litized by Google
260 IV. Salier. § 13. Die Lobredner Heinrichs IV u. Heinrichs V.
den Mangel einer alten Handschrift, für unecht erklärt ‘) und in die-
selbe Kategorie mit dem vermuthlich von Celtes verfafsten Ligurinus
gesetzt; deshalb fehlt es in der Sammlung der Monumenta. Dagegen
trat Floto in seiner Geschichte Heinrichs IV (II, 427 — 432) auf, ohne
jedoch seinen Widerspruch ausreichend zu begründen. Darauf hat
Waitz, nachdem er früher seine Zustimmung zu der Abhandlung von
Pertz ausgesprochen hatte, die Sache von neuem vorgenommen2) und
die Echtheit des Gedichtes überzeugend dargethan.
Ganz in demselben Geiste geschrieben ist das Leben Hein-
richs IV, aber noch merkwürdiger, weil es nach dem Tode des
alten Kaisers verfafst ist und uns ein schönes Zeugnifs bietet von
der aufrichtigsten Treue und Hingebung, welche dieser vielgeschmähte
Mann bei wenigen Auserwählten bis Uber das Grab hiftaus gefunden
hat3). Dazu kommt nun, dafs diese kleine Schrift fast alle Werke
des Mittelalters durch die Reinheit und Schönheit der Sprache und
die aufserordentliche Kunst der historischen Darstellung Ubertrifft.
Die ganze lange und wechselvolle Regierung Heinrichs IV ist hier
in einen engen Rahmen zusammengedrängt und liegt klar und über-
sichtlich vor uns. Isaac Casaubonus sprach die gröfste Bewunderung
für den Verfasser aus und verglich sein Werk mit dem Agricola
des Tacitus.
Das dürfen wir freilich dabei nicht verschweigen, dafs in Bezug
auf die Thatsachen manche Unrichtigkeit vorkommt, wie es auch
kaum anders möglich war, da der Verfasser nur aus dem Gedächt-
nisse schrieb, und dafs er in seinem Lobe einseitig ist wie die
Gegner in ihrem Tadel. Den gröfsten Werth hat die Darstellung
der letzten Jahre, und hier werden namentlich die Motive der Gegner
mit der gröfsten Schärfe und wohl auch der Wahrheit gemäfs auf-
gedeckt.
Geschrieben ist diese rührende Todtenklage gleich nach dem
Tode des Kaisers in der Form eines Sendschreibens an einen gleich-
gesinnten Freund, vermuthlich in Regensburg, wo sich im Emmerams-
kloster die einzige Handschrift davon erhalten hat. Der Verfasser
ist unbekannt. Goldast zuerst hat die Vermuthung ausgesprochen,
dafs die Schrift von Otbert von Lüttich herrühren möge, welcher
‘) Archiv X, 75 — 86.
*) Nachrichten von der Gotting. Univers. 1857 S. 13 — 38; vgl. G. G. A. 1856
S. 1882.
3) Vita Heinrici IV ed. Wattenbach, Mon. SS. XII, 268 — 283 und in beson-
derem Abdruck, zum ersten Male seit der siebenmal wiederholten Ausgabe Aven-
tins nach der jetzt in München befindlichen Handschrift besorgt. Uebersetzung
von Jaffe, Berl. 1858.
Digitized by Google
Das Leben Heinrichs IV. Der Schotte David. 26 1
dem von seinem Sohne verfolgten Kaiser in Lüttich eine Zuflucht
zu gewähren wagte und als sein treuester Anhänger bekannt ist,
und diese Vermuthung hat ziemlich allgemeine Zustimmung gefunden.
Jetzt aber hat Jaffö die Sache nochmals genauer geprüft und nicht
nur verschiedene Bedenken gegen die Autorschaft Otberts angeregt,
sondern auch eine andere Spur hervorgehoben, welche nach Mainz
leitet, einer Stadt, deren bürgerliche Bevölkerung sowohl wie der
Clerus bis ans Ende kaiserlich gesinnt waren. Er hat darauf hin-
gewiesen, dafs nach den Hildesheimer Annalen im J. 1105 der Abt
Dietrich von S. Alban eine Botschaft Heinrichs IV an dessen Sohn
nach Speier Uberbrachte, und bemerkt, dafs möglicher Weise dieser
der Verfasser sein könne. Doch legt er selbst auf diese Vermuthung
wenig Gewicht, und verweist mit Beziehung auf die oben (S. 218)
abgedruckte Stelle aus Ekkehard auf den zahlreichen Kreis gelehrter
Männer, welche Heinrich IV um sich zu versammeln pflegte. Es ist
bemerkenswerth, dafs auch die Sendschreiben Heinrichs aus der
letzten Zeit seiner Regierung besonders gut geschrieben sind und es
ihm also auch damalB nicht an geschickten Schreibern in seiner
Umgebung fehlte.
Beide, der Verfasser jenes Epos sowohl wie der Biograph, ge-
hören offenbar zu der Schule der alten grammatisch - classischen
Bildung, welche unter Heinrich III so eifrig betrieben wurde und
den Cluniacensern ein Greuel war. Deshalb stehen die Vertreter
derselben gewöhnlich auf der Seite des Kaisers; ihre Werke aber
sind nach dem Siege der Gegenpartei vernichtet worden, und es ist
immer als ein besonderes Glück zu betrachten, wenn sich eine
Schrift dieser Richtung in irgend einer vereinzelten Abschrift erhalten
hat, da ja selbst so manche gut gesinnte Schrift völlig verloren ist.
Daher ist es denn auch nicht zu verwundern, dafs von dem Gedicht
über die Thaten Heinrichs nur eine Abschrift des 16. Jahrhunderts
übrig geblieben ist, während von der Biographie eine ziemlich gleich-
zeitige Handschrift im Kloster 8. Emmeram aufbewahrt wurde.
Völlig verloren bis auf geringe Fragmente ist uns das Werk
des Schotten David. Wilhelm von Malmesbury nennt ihn einen
Bischof von Bangor ; er war noch nicht Mönch, als er nach Deutsch-
land kam, und soll lange Zeit als Scholaster in Wirzbtfrg thätig ge-
wesen sein. Dann nahm Heinrich V ihn als Kaplan an seinen Hof
und führte ihn 1110 auf seinem Römerzuge mit sich nach Italien
mit dem ausdrücklichen Aufträge, die Geschichte dieser denkwürdi-
gen Heerfahrt zu schreiben, welchen David auch ausführte. Nach
Digitized by Googl
262 IV. Salier. § 13. Die Lobredner Heinrichs IV u. V. § 14. Lambert
Heinrichs V Tode soll er in seinem hohen Alter noch Mönch ge-
worden sein im Schottenkloster zu Wirzburg unter dem Abte Ma-
charius ’).
David bewährte sein Geschick zur officiellen Historiographie in
glänzender Weise durch den von ihm erfundenen Vergleich der
Gefangennahme des Papstes Paschalis H mit jenem Ringen des Pa-
triarchen Jacob mit dem Engel des Herrn, den er nicht lassen wollte,
er segne ihn denn. Es ist sehr zu bedauern, dafs dieses Werk, von
dem wir nur durch Ekkehard und Wilhelm von Malmesbury Kunde
erhalten, verloren ist.
Jener berühmte Vergleich ist übrigens mehr spitzfindig als
treffend; er schliefst ein richtiges Erfassen des wahren Verhältnisses
zwischen Kaiser und Papst aus, aber es ist in hohem Grade merk-
würdig, dafs man überhaupt wieder an eine officielle Reichsgeschichte
dachte. Das letzte Beispiel der Art, welches wir anzuführen hatten,
war Liudprands Schrift Uber die Absetzung Johanns XH und Bene-
dikts V ; wiederum sind es jetzt die Kämpfe mit dem Papstthum,
welche das Bedürfhifs hervorrufen, auf die öffentliche Meinung ein-
zuwirken. Das versuchten schon zu Heinrichs IV Zeit beide Parteien
durch Flugschriften und Manifeste, und Lambert sagt ausdrücklich,
dafs die Kaiser Verkündiger ihrer Thaten mit sich führen4), welche
durch die Erzählung der ihnen bekannten wahren Begebenheiten die
Irrthümer aus dem Wege räumen. Ob man darin eine bestimmte
Beziehung auf amtliche Darstellungen von Heinrichs IV Regierung
suchen darf, ist zweifelhaft. Lobschriften wie die oben erwähnten
sind doch davon noch zu unterscheiden. Von Heinrich V aber ist
es nicht zweifelhaft; er veranlafste auch Ekkehard, eine Geschichte
der Franken und ihres Reiches zu schreiben, und wir werden sehen,
dafs von nun an deutlichere Spuren solcher Bestrebungen hervor-
treten.
Zuvor aber müssen wir nach dieser Abschweifung zurückkehren
zu einem Hauptschriftsteller Uber den früheren Theil von Hein-
richs IV Regierung, der mehr wie irgend ein anderer das Urtheil
der Nachwelt geleitet hat, zu Lambert von Hersfeld.
*) Nach Trithemius der Abt dieses Klosters war. Uebrigens s. Waitz zum
Ekkeh. Mon. SS. VI, 11. 243 und X, 479.
2) Kam imperatores suorum secum habent praecones meritorum, experientia
ut ita dicam vernacula eis scribenda dictante et falsas opiniones veritate astipulante
longius propellente. Hist. Herveld. Mou. SS. V, 140.
Digitized by Google
Amtliche Geschichtschreibung. Lambert von Hersfeld. 263
§ 14. Lambert von Hersfeld.
Lamberti HersfeldensU Annales ei Hesse, Mon. SS. III, 22 — 29. SS— 69. 90 — 102. V,
134 — 263. Separat- Abdruck 1843. 8. Uebersetzung von Hesse. 1855. Ranke, Zur
Kritik fränkisch - deutscher Reichsannalisten S. 436-458 (24 — 46). Stenzei 11, 101-106.
Waitz in Schmidts Zeitschrift II, 105. Nach W. Giescbrecht, Gesell, d. Kaiserz. II, 597
hat er auch das Chron. Wirziburgense benutzt.
Hersfeld, das altbertihmte Kloster, war gegen das Ende des
zehnten Jahrhunderts in ärgerlichen Verfall gerathen und dann im
Jahre 1005 durch Godehard reformirt. Seitdem hielt es fest an der
guten und ehrenwerthen Weise dieser Benediktiner alten Schlages,
die vom praktischen Leben als bedeutende Grundbesitzer vielfach
in Anspruch genommen, nicht Zeit hatten, auf die modernen asce-
tischen Kasteiungen zu verfallen, und mit dem kaiserlichen Hofe
durch vielerlei Fäden verknüpft, sich mit dem Gedanken nicht be-
freunden konnten, dafs der Kaiser des Papstes Dienstmann sein
solle und dafs gegen ein Wort von Rom alle alten Ordnungen der
deutschen Kirche nichts bedeuteten. Die Klöster nach der neuen
Art der Hirschaner nahmen . Laienbrüder an, welche die Hand-
arbeiten verrichteten, damit die Mönche ansschliefslich dem Gebet,
den Studien, dem Dienst der Kirche sich hingeben konnten l); in
den alten Stiftern aber hatte man gewaltig viel zu thun, man mufste
Land urbar machen, Kirchen bauen und ausschmücken, ein grofses
und zerstreutes Gebiet bewirthschaften und verwalten. Der Abt
mufste beständig auf seiner Hut sein, dafs seine eigenen Vasallen
und Dienstleute ihm nicht über den Kopf wuchsen, und nur am
Kaiser konnte er dagegen einen Schutz und Halt finden. Leicht
gewann diese weltliche Seite des Berufes die Oberhand und Uber-
grofser Reichthum wurde zur gefährlichsten Klippe. In Hersfeld
aber hielt man auf eine tüchtige Schule, die unter dem Propste Al-
buin sich eines guten Rufes erfreute, bis dieser 1034 Abt von Nien-
burg wurde. Kurz vorher war freilich unter dem Abte Arnold das
Kloster durch inneren Zwiespalt zerrüttet worden, und Rudolf, bis
dahin Propst in Stablo, hatte auf des Kaisers Befehl 1031 schon
wieder reformiren müssen. Ihm folgte, als er 1035 Bischof von
Paderborn wurde, Meginher, ein Mann von frommem und strengem
Wandel, welcher die Klosterschule erneute und zu bedeutendem An-
sehen brachte, so dafs sie von allen Seiten zahlreiche Zöglinge an-
zog. Vielleicht führten diese Bestrebungen Meginhers auch Lambert
nach Hersfeld, wo er im J. 1058 das Mönchskleid empfing.
*) In der Wirklichkeit kam dies jedoch nicht immer zur Ausführung, und oft
war nur wenig Unterschied zwischen den Klöstern alter und neuer Regel.
Digitized by Google
264 IV. Salier. § 14. Lambert von Hersfeld.
Leider wissen wir gar nichts über Lamberts Herkunft und
Bildungsgang. Dafs er eine ausgezeichnete Schulbildung erhalten
hat, zeigen seine Schriften; er war offenbar ein vermögender Mann
und ohne Zweifel zum Geistlichen, aber nicht zum Mönche erzogen ;
er mag wohl wie Benno verschiedene Lehrer aufgesucht und sich
in der Welt umgesehen haben, bevor er, wie so manche ältere Welt-
geistliche jener Zeit, den Entschlufs fafste, in ein Kloster einzutreten.
Denn Lambert war damals schon längst erwachsen und mindestens
dreifsig Jahre alt, da ihn im Herbste desselben Jahres der Erzbischof
von Mainz in Aschaffenburg zum Priester weihte. Auch konnte er
sich noch nicht sogleich an die engen Schranken seines neuen
Standes gewöhnen, denn unmittelbar nach seiner Priesterweihe unter-
nahm er, ohne seinen Abt zu fragen, eine Pilgerfahrt nach Jerusa-
lem, von welcher er im folgenden Jahre 1059 glücklich heimkehrte.
Zu seiner grofsen Beruhigung fand er den Abt Meginher noch am
Leben und erhielt von ihm Verzeihung für sein so bald verletztes
Gelübde. Von da an scheint er sich ganz seinem Kloster und Be-
rufe hingegeben zu haben; vermuthlich gehörte er dieser Gegend
auch durch seine Geburt an, wenigstens macht sein Werk den Ein-
druck, dafs der Verfasser wohl ein geborener Thüringer gewesen
sein müsse, und es ist kein Umstand vorhanden, der auf eine andere
Spur führen könnte.
Im Jahre 1071 schickte der Abt Ruthard, Meginhers Nachfolger,
Lambert aus, um die Klöster Siegburg und Saalfeld kennen zu lernen,
wo die vom Erzbischof Anno aus Fructuaria mitgebrachten Mönche
nach ihrer strengen Regel lebten, vom Erzbischof selber und vom
Volke, wie Lambert sagt, nicht wie Menschen, sondern wie Engel
verehrt und bewundert. Die Mönche der älteren Art kamen durch
diese neuen Regeln, welche sich rasch verbreiteten, mehr und mehr
in Mifsachtung beim Volke und bei den Grofsen und sahen sich da-
durch manchen Gefahren ausgesetzt. Lambert hielt sich längere
Zeit in jenen Klöstern auf, wo die aufserordentliche Strenge der
Zucht, die gänzliche Hingebung der Mönche grofsen Eindruck auf
ihn machten. Dennoch fiel sein Gutachten nicht günstig aus, die
Zuthaten zu der alten Regel gefielen ihm nicht, und er erklärte diese
für völlig ausreichend, wenn man sie nur genau befolgen wolle. Er
beklagt, dafs dieses nicht geschehe ; warum es aber immer und trotz
aller Reformen immer wieder nicht geschah, das ist ihm nicht klar
geworden.
Wir haben diesen Gegenstand schon oft genug zu berühren ge-
habt, und immer von neuem tritt es uns entgegen, dafs Klöster,
Digitized by Google
Lambert von Hersfeld.
265
welche noch vor kurzem blühende Stätten eines regen Geisteslebens
waren, verfallen, dafs andere an ihre Stelle treten und daher diese
Entwickelung durchaus keine Stetigkeit hat, sondern mit aufser-
ordentlichem Kraftaufwande immer wieder von neuem begonnen
werden mufs.
Der Grund dieser Erscheinung liegt wohl ganz einfach darin,
dafs das ganze Mönchswesen der menschlichen Natur zuwider ist
und ihr widerstrebt. In seiner Reinheit und Strenge kann es nur
durchgeführt werden vermittelst einer aufsergewöhnlichen Anstren-
gung, mit Hülfe einer Begeisterung, einer Hingebung an die Ver-
wirklichung einer unerreichbaren Idee, die naturgemäfs nicht dauernd
sein kann. Darum macht sich immer wieder die menschliche Natur
geltend, nur ein erneuter Aufschwung vermag wieder auf die frühere
Bahn zu führen, und wo dieser fehlt, ist die Ausartung unvermeid-
lich. In Hersfeld nahm man die neue Richtung nicht an und ver-
fiel damit dem allgemeinen Geschick der älteren Klöster, nachdem
der durch Godehard gegebene Anstofs aufgehört hatte zu wirken.
Der rechtlose Zustand des Reiches, die ungezügelte Raubsucht der
Klostervögte beschleunigte freilich den Verfall, aber die Kloster-
geschichten zeigen uns, dafs in der Regel eifrige und reformatorische
Aebte in ihrem geistigen Uebergewicht auch gegen solche Gefahren
Schutz zu finden wufsten. Die innere und die äufserliche Biüthe
der Klöster pflegen immer Hand in Hand zu gehen.
Lamberts erstes Werk war ein Epos über die Geschichte seiner
Zeit, welches gänzlich verloben ist. Noch mehr zu bedauern ist der
Verlust seiner Geschichte des Klosters Hersfeld, die er um das Jahr
1074 voll bitteren Kummers über den tiefen Verfall desselben ver-
fafste; nur geringe Fragmente davon sind uns erhalten1). Einige
Jahre später begann er die Ausarbeitung seines Hauptwerkes, der
Annalen. Die Geschichte seiner Zeit zu schreiben, war sein Zweck,
aber nach dem herrschenden Gebrauche fing er dennoch mit der
Schöpfung an, indem er einen ganz kurzen chronologischen Abrifs
*) Mon SS. V, 136 — 141. Rudolf von S. Tron rühmt jedoch den Zustand
Hersfelds unter dem Abte Friderich, gegen das Ende des Jahrhunderts, sowohl
wegen des grofsen Reichlhums, als wegen der wissenschaftlichen Bildung. Mon.
SS. X, 232. — W. Giesebrecht bezieht die Worte 141, 41 nicht auf Anno von Köln,
sondern auf den Abt Hartwich, bei dessen Lebzeiten also Lambert das Werk ver-
fafst hätte. Danach kann es auch später geschrieben sein, doch endigen die Ex-
cerpte mit 1074, und nach dem Prolog ist cs vor den Annalen verfafst. Ermuthigt
wurde Lambert, wie er sagt, zu diesem Unternehmen durch eine wohl gelungene
Geschichte des Klosters Fulda: ad audendum perpulit lecta (so schreibe ich für
laeta) cuiusdam Fiddensis abbatiae (so verbessert Giesebrecht für abbatis) historia
subtiliter memoriae commendata.
Digitized by Google
266
IV. Salier. § 14. Lambert von Hersfeld.
der Weltgeschichte seinem eigentlichen Werke voranstellte. Sorgfalt
hat er darauf nicht verwendet, sondern nur die alten bis zum Jahre
1040 fortgefilhrten Hersfelder Annalen in oberflächlicher Weise ex-
cerpirt. Es ist schwer zu begreifen, wie ein Mann von so ausge-
bildetem Sinn flir die Form der Darstellung seine Geschichte auf
eine so häfsliche Weise entstellen konnte; an einem eigentlichen
Anfänge fehlt es derselben ganz, denn jene mageren Excerpte kann
man noch gar nicht zu dem Werke selbst rechnen, wie sie denn
auch Pertz in den Monumenten ganz davon getrennt hat. Für eine
genauere Erforschung der älteren Geschichte aber hatte Lambert
überhaupt wenig Sinn; das zeigen uns auch die Fragmente seiner
Klosterchronik, bei der ihm gar nicht der Gedanke gekommen ist,
was doch andere bei ähnlichen Aufgaben so fleifsig versuchten, mit
Hülfe des reichen Hersfelder Archivs die Lücken der Ueberlieferung
zu ergänzen. Er beschränkte sich vielmehr auch hier ganz auf die
ungenügenden Notizen der Annalen und eilte rasch weiter zu der
neueren Zeit, für die ihm anfangs die vorhandenen Aufzeichnungen,
dann mündliche Mittheilungen und eigene Erlebnisse reicheren Stoff
darboten.
Von 1040 an beginnen allmählich Lamberts Annalen reichhaltiger
zu werden; anfänglich sind die mitgetheilten Nachrichten noch ver-
einzelt und unverbunden, aber seit dem Anfänge der Regierung Hein-
richs IV wird die Erzählung immer vollständiger; wenn er auch im
Ganzen die annalistische Form beibehält, so bindet er sich doch nicht
strenge daran und bei der Fülle der Ereignisse und der Ausführlich-
keit der Darstellung macht sich diese Form kaum noch bemerklich.
Auch fafst er zuweilen, um die Erzählung nicht zu zerstückeln, die
Begebenheiten eines längeren Zeitraums an einer Stelle zusammen,
wo man sich dann durch die Einreihung unter ein bestimmtes Jahr
nicht zu irrthtimlicher Auffassung verführen lassen darf.
Bis zur Wahl Rudolfs im Jahre 1077 setzte Lambert sein Werk
fort, dann legte er, ermattet, wie er sagt, von der unermefslichen
Masse des Stoffs, die Feder nieder und überliefs einer anderen Hand
die Fortsetzung : die Wahl Rudolfs werde dazu einen passenden An-
fang gewähren. Allein es hat sich niemand gefunden, der dieser
Aufforderung nachgekommen wäre.
Zu allen Zeiten hat Lamberts Werk lebhafte Anerkennung ge-
funden und man hat ihm fast unbedingt vertraut. Es fehlte ihm
nicht an Gelegenheit, sich gute Nachrichten zu verschaffen, da sein
Kloster, in der Mitte der kämpfenden Parteien gelegen, zu beiden in
Beziehung stand. Heinrich IV selbst kam mehr als einmal nach
Digitized by Gpogle
Lamberts Annalen.
267
Hersfeld und der Abt suchte eine vermittelnde Stellung einzuneh-
men, während man doch im Ganzen den Gegnern geneigter war und
vom römischen Hofe Mittheilungen empfing. Thüringen war der
Schauplatz der Entscheidungskämpfe sowohl wie der Friedensver-
handlungen und des Zehntenstreites, der auch Hersfeld so nahe be-
rührte. Von den Ereignissen im südlichen Deutschland und Italien
ist freilich Bernold, von dem entfernteren Norden Adam besser unter-
richtet.
Lamberts Schreibart ist durchaus geeignet, ihm eine grofse
Autorität zu sichern. Von der Leidenschaftlichkeit eines Bruno und
Bernold ist er weit entfernt; wie er sich in der Form den alten
Annalen anschliefst, so gleicht er ihnen auch in der ruhigen gleich- „
mäfsigen Darstellung, in der Sicherheit und Bestimmtheit seiner An-
gaben. Die Sprache selbst ist klar und deutlich, gebildet nach dem
Muster der alten heidnischen und kirchlichen Schriftsteller, aber
frei von der affectirten Gelehrsamkeit, welche überall mit fremden
Brocken prunkt. Es ist die Sprache, welche sich durch fortgesetzte
schriftstellerische Uebung nach und nach ausgebildet hat, in welcher
man jetzt gelernt hat, sich mit Leichtigkeit und freier Bewegung
auszudrUcken.
In Bezug auf die Zeitfolge der Ereignisse und ihre einzelnen
Umstände ist Lambert mit wenigen Ausnahmen so zuverlässig, dafs
es billig in Erstaunen setzt, wenn man bedenkt, wie lange nachher
er sein Werk verfafste. Denn auf eine allmähliche Entstehung des-
selben weist keine Spur ; man kann aber wohl annehmen, dafs Lam-
bert, dem auch in der Geschichte von Hersfeld die Zeitgeschichte die
Hauptsache war, der noch früher dieselbe episch behandelt hatte,
sich wie Wipo bei Zeiten den Stoff sammelte, den er später ver-
arbeitete. Wenn er daher auch nicht so unmittelbar wie Bernold
unter dem Eindruck der Ereignisse schrieb, so läfst er doch die
Vorzüge einer solchen Methode nicht vermissen, während ihn zu-
gleich der BUckblick auf einen längeren Zeitraum in den Stand setzt,
die Einzelheiten in Verbindung zu bringen und die Ursachen und
Folgen der Ereignisse zu entwickeln. Sein Werk erhebt sieh da-
durch über die Chronik; es wird zur wirklichen Geschichte, aber es
nimmt natürlicher Weise auch weit mehr von der Persönlichkeit des
Verfassers an, und indem dieser die Dinge aus einem bestimmten
Gesichtspunkte darstellt, erscheint er nicht mehr als ein unbefangener
Zeuge: wir haben seine Darstellung um so sorgfältiger zu prüfen,
je mehr sie durch die Mäfsigung und Würde des Ausdrucks, durch
Digitized by Google
268
IV. Salier. § 14. Lambert § 15. Mariamis Scottus.
die Schönheit der Form und die Folgerichtigkeit der Verknüpfung
geeignet ist, unser Urtheil zu bestechen.
Diese sorgfältige Prüfung aber ist bisher fast ganz versäumt
worden. Es war Ranke Vorbehalten, in seiner schon erwähnten Ab-
handlung näher auf diesen Gegenstand einzugehen. Er hat darin
nachgewiesen, dafs doch nicht immer Lambert wirklich so genau
unterrichtet war, wie man nach dem Anscheine glauben sollte; dafs
bei mehreren nicht unwichtigen Anlässen seine Erzählung, wie sich
mit Bestimmheit nachweisen läfst, irre leitet. Er tischt uns aller-
dings nicht solche Mährchen auf wie Bruno, er bemüht sich offenbar,
unparteiisch zu erscheinen, und strebt auch wirklich danach, es zu
sein. Allein ganz unmöglich war es doch, dafs er in dem grofsen
Zwiespalt der Zeit allein sich hätte unberührt erhalten können, und
es ist nicht schwer zu erkennen, dafs er zu den Gegnern Heinrichs
gehört. Er ist nicht so unbedingt und eifrig hildebrandisch, wie die
Hirschauer und S. Blasianer, aber er gehört doch auch zu ihnen, und
die sehr ungünstige Beurtheilung, welche Heinrich IV beinahe durch-
gängig in der Geschichte erfahren hat, rührt fast ganz von Lambert
her. Was sich auch für ihn und noch mehr für die Ansprüche der
Krone, welche er zu vertreten hatte, sagen liefs, das lag Lamberts
Auffassung ferne. Eine genauere Beschäftigung mit der älteren Ge-
schichte würde ihn vielleicht, wie Sigebert und Ekkehard, zu einer
richtigeren Beurtheilung des Kampfes zwischen Königthum und
Priesterthum geführt haben.
Vor den blofsen Wortführern der einen oder der andern Partei
zeichnet sich Lambert in hohem Grade dadurch aus, dafs er auch
die Gegner nicht unbedingt verwirft und eben so wenig die Wider-
sacher Heinrichs unbedingt lobt, sondern auch ihre Fehler und
Schwächen nicht verschweigt. Wie Ranke mit Recht bemerkt, ist
er der städtischen Erhebung, die ihm als Auflehnung gegen die
Obrigkeit erscheint, abgeneigt, und doch hat er sie vortrefflich ge-
schildert.. „Kein Anhänger des Städtewesens hätte es besser in die
Geschichte einführen können. “ So verschweigt er auch bei Gelegen-
heit des Kölner Aufstandes und bei anderen Anlässen nicht die Fehler
des Erzbischofs Anno, so sehr er sonst zu seinen Bewunderern ge-
hört, und hier können wir ihm das Beispiel einer bewufsten und
absichtlichen Parteilichkeit unmittelbar gegenüber stellen. Um das
Jahr 1100 nämlich schrieb ein Mönch des Klosters Siegburg eine
Lebensbeschreibung deB Stifters. Man hatte in Köln noch nicht die
Härte und Grausamkeit desselben vergessen, und seine Heiligkeit,
litized by Google
Lambert. V. Annoms, Heimeradi. Mainz.
269
seine Wunder wurden vielfach nicht anerkannt. Die Stimmen der
Zweifler wollten nicht verstummen. Da schrieb denn jener Mönch
das Leben des h. Anno1), um alle Widersacher zum Schweigen
zu bringen; seine Hauptquelle ist Lambert, aber jeden Tadel, den
dieser geäufsert hatte, jede Thatsache, die ein ungünstiges Licht auf
Anno werfen konnte, liefs er weg2). Der geschichtliche Werth dieses
umfangreichen Werkes ist deshalb sehr gering und beschränkt sich
auf einige Nachrichten von örtlicher Natur.
Lambert gedenkt zum Jahre 1072 des grofsen Zulaufes zu den
Gräbern des h. Sebald in Nürnberg und des h. Heimerad in
Hasungen. Letzterer war ein alberner beschränkter Fanatiker aus
Schwaben, dessen gröfstes Vergnügen es war, wenn man ihn mit
Schlägen tractirte. Meinwerk von Paderborn fragte, als er den zer-
lumpten und schmutzigen Kerl Bah, wo doch dieser Teufel herkäme,
und liefs ihm nach seiner Gewohnheit eine Tracht Schläge ertheilen;
dasselbe soll sogar die fromme Kaiserin Kunigunde gethan haben
und auch der Abt Arnold von Hersfeld. Das Volk lief ihm aber
haufenweise zu, als er sich am Berge Hasungen ansiedelte, Wunder
blieben nicht aus, und endlich gründete Sigefrid von Mainz an sei-
nem Grabe ein Kloster Hirschauer Mönche. Die Hersfelder nahmen
sich nun die Schläge zu Herzen, welche Heimerad einst von ihrem
Abte erhalten hatte, und auf Befehl des Abtes Hartwich schrieb um
das Jahr 1080 Ekkebert ein Leben des h. Heimerad, welches in
schwülstigen Phrasen seine sinnlosen Kasteiungen verherrlicht, dabei
aber einige geschichtliche Nachrichten enthält*).
§. 15. Mainz. Marianus Scottus.
In Mainz hat die Litteratur nie recht gedeihen wollen, obgleich
Willegis (975 — 1011) und seine Nachfolger hinter ihren Zeitgenossen
nicht zurückstanden. Von Erchenbald (1011 — 1020), der vorher Abt
von Fulda gewesen war, hatte man Predigten *) ; ihm folgte von 1020
bis 1031 der königliche Kaplan Aribo, ein stolzer Mann aus dem
‘) Vita S. Annonis ed. Kocpke, Mon. SS. XI, 462 — 515. Am Schlüsse folgt
die Translation von 1183, welche nicht unwichtig ist. In den noch ungedruckten
Wundern, die nach jener feierlichen Erhebung der Gebeine in Siegburg verfafst
wurden, tritt die sehr verbreitete Opposition gegen Annos Heiligkeit noch deutlicher
hervor. Vgl. über die Vita Janssen in den Annalen des niederrhein. hist. Vereins
1,88, auch Uber das deutsche Annolied. Mafsmann, Kaiserchronik III, 263 — 278
behauptet das höhere Alter der Kaiserchronik.
2) Anno konnte keinen schlechteren Biographen finden. Giesebrecht, Kaiser-
zeit II, 538.
*) Ekkeberti Vita S. Ilaimeradi ed. Koepke, Mon. SS. X, 595 — 607.
*) Sermones Erchanbaldi archiepiscopi in Augsburg. Steichele, Archiv f. d.
Geschichte von Augsb. S. 14.
Digitized by Google
270 IV- Salier. § 15. Mainz. Marianus Scottus.
Hause der Pfalzgrafen von Baiern l). Um diese Zeit, bis gegen
das Jahr 1036, wirkte in Mainz als Scholaster der 8. Galler Ekke-
hard, der Verfasser der oben erwähnten Fortsetzung der Kloster-
geschichte. Damals ist auch in Mainz ein Leben des h. Bonifaz
verfafst 2) , in welchem zu Willibalds Nachrichten einige ZUge aus
der Ueberlieferung hinzugefügt sind, welche Othlon bereits wieder
in seinem Werke benutzt hat.
Auf Aribo folgte im Jahre 1031 als Erzbischof Bardo, Abt
von Hersfeld, der in Fulda unter Erchanbald die Schule besucht
hatte und sich ebenfalls durch seine kirchliche Beredsamkeit aus-
zeichnete. Auf Fasten und dergleichen Uebungen gab er wenig,
desto mehr aber erwarb er sich durch seine grofse Mildthätigkeit
und Barmherzigkeit allgemeine Liebe und Verehrung, und diesen
Tugenden verdankte er es auch, dafs er nach seinem Tode als Hei- '
liger verehrt wurde. Immer sah man ihn heiter und freundlich, und
nie pflegte er, wenn die Leute zu ihm kamen, zu brummen und zu
grunzen wie die heiligen Einsiedler5). Sein Nachfolger Liupold
(1051 — 1059), ein Bamberger Kleriker, liebte die Wissenschaften
und veranlafste auch seinen Kaplan Vulculd, das Leben des Bardo
zu beschreiben, welchen dieser noch gekannt hatte. Vulculd führte
diesen Auftrag in recht hübscher Weise nur mit gar zu gedrängter
Kürze aus*), und darin liegt vielleicht die Ursache, weshalb einige
Zeit nachher ein zweites Leben des h. Bardo geschrieben wurde6).
Die Verehrung hatte zugenommen, und man verlangte nach den Lob-
preisungen, welche in Legenden nicht fehlen durften. Thatsaehen,
welche Vulculd berichtet, fehlen hier ; dafür ist freilich anderes neu
hinzugekommen, namentlich seine Erhebung zum Erzbischöfe aus-
führlicher erzählt, aber gerade hier zeigt der Verfasser sich gar zu
sehr als blofser Lobpreisen Denn die Zeitgenossen sahen in der
Gunst der Kaiserin Gisela den Hauptgrund von Bardos rascher Be-
M Einige Briefe von ihm s. bei Gicsebreeht, Gesch. d. Kaiserzeit H, 604 f.
*) Acta SS. Jun. I, 475. Mon. SS. II, 353—357.
•) Vitiis iriunavit et necessitati manducavit, et Omnibus egentibus panis sui
bueellam communicaviL Immunis fuit eorum qui ad hominum intuitum runeantes
sive grunnientes sibi tantum varant solilarii. Vitae maj. rap. 22.
4) Vita S. Bardonis auct. Vulculdo ed. Wattenbach, Mon. SS. XI, 317—321;
ed. Böhmer, Font. 111, 247 — 254. Hier heifst der Verfasser Vulcald; die ZUge der
einzigen Handschrift zeigt das Facsimile auf Tab. IV. Die von Böhmer erwähnte
Darmsiädter Handschrift ist aus der Wirzburger abgeschrieben. Dafs Waitz das
prewii/ 318, 31 unverständlich ist (G. G. A. 1856 S. 1896) erklärt sich nur durch
lange Entfremdung von den Classikern; andere dürften die von ihm daselbst ge-
billigten Lesarten unverständlich finden.
6) Vita Bardonis maior, Mon. SS. XI, 321 — 342. Fontes III, 217 — 247. Vgl.
W. Gicsebreeht, Gesch. d. Kaiserzeit II, 527.
Digitized by Google
Bardo von Main/. Gozechin. Marian.
271
förderung, und auf jeden Fall ist die Darstellung des Biographen
nachweisbar falsch. Von Bardos Stellung im Reiche, dem bedeuten-
den Einflufs, welchen ein Erzbischof von Mainz während einer
zwanzigjährigen Amtsführung auf die öffentlichen Angelegenheiten
ausllben mufste, erfahren wir leider gar nichts. Dafür sollte ein
zweites Buch von seinen Wundern berichten, ein drittes seine Pre-
digten enthalten, aber diese sind beide verloren.
Liupold sorgte auch für die Mainzer Schule durch die Be-
rufung des Lütticher Seholasters Gozechin. Wir besitzen einen
Brief von diesem Manne an einem gewissen Walcher1), voll bitteren
Unmuths über den Verfall aller Wissenschaft und die Nichtachtung
derselben seit dem Tode Liupolds und des Kaisers Heinrichs IH.
Gaukler und Schauspieler, sagt er, gelten jetzt mehr als alle freien
Künste, und nur Geld und Gewalt geben Ansehen in der Welt Er
ist voll Sehnsucht nach seinem alten Lüttich, fort aus diesem gol-
denen Haupt des Reiches (aureum caput regni). Freilich scheint
Gozechin ein alter grämlicher Schultyrann gewesen zu sein; die
strengste Zucht, den Stock verehrt er Uber alles, und die Aufleh-
nung der Schule von Tours gegen die Autorität, die Keckheit des
Berengar, dieses Apostels des Satans, empört ihn Uber alle Mafsen.
Sigefrid war damals (1059 — 1084) Erzbischof, der bald allen
weltlichen Leidenschaften sich hingab, bald voll Angst in klöster-
licher Abgeschiedenheit Ruhe suchte; ihn besonders treffen jene Vor-
würfe Gozechins. Es wird daher auch nicht die Liebe zur Wissen-
schaft, sondern eine abergläubische Frömmigkeit gewesen sein, welche
den Erzbischof bewog, im Jahre 1069 einen wunderlichen Heiligen
nach Mainz bringen zu lassen, den Schotten Marianus nämlich,
den er. noch als Abt von Fulda vor zehn Jahren eingemauert hatte.
Dieser Marian war 1028 in Irland geboren und dort mit 24 Jahren
Mönch geworden. Als seinen Lehrer nennt er den Tigernach, wohl
ohne Zweifel den ersten irländischen Annalisten, der diesen Namen
führte und damals lebte. Im Jahre 1086 verliefs Marian, wie so
viele seiner Landsleute, die Heimath und wanderte nach dem Con-
tinent, wo er zuerst ins Schottenkloster Grofs S. Martin zu Köln
eintrat, dann aber weiter nach Fulda pilgerte zum h. Bonifacius,
den er auch einen Schotten nennt. Hier liefs er sich, wie es da-
mals und besonders bei diesen Schotten häufig war, als Klausner
einmauern in der Zelle des eben zuvor verstorbenen Schotten
Animchad auf dessen Grabe; sein eigenes Grab grub er sich da-
neben. Aber wider Willen mufste er seinen Ort noch einmal ver-
*) Gozechini epislola ad Walcherum bei Mabillon Anal. p. 437.
Digitized by Google
272 IV. Salier. § 15. Mainz. Marianns Scottus. § 16. Lothringen.
ändern, da der Erzbischof Sigefrid ihn, wie gesagt, 1069 nach
Mainz bringen liefs und hier im Martinskloster von neuem ein-
mauerte. Da ist er 1082 oder 1083 gestorben.
Gewifs konnte keine Lage weniger geeignet für einen Historiker
sein, und wenn er dennoch den Namen eines solchen erlangte und
sogar einen bedeutenden Ruhm sich erwarb, so verdankt er das
nicht Beinen selbständigen Mittheilungen Uber die Geschichte seiner
Zeit, sondern vielmehr seinen chronologischen Studien. Aehnlich
wie Hermann erforschte er mit dem gröfsten Eifer die Vergangen-
heit, und zwar hauptsächlich zu dem Zwecke, die Zeitfolge der Be-
gebenheiten festzustellen *). Astronomische und mathematische Stu-
dien waren in den irländischen Klöstern seit uralter Zeit mit Vorliebe
betrieben worden, und hierauf wandte auch Marian vornehmlich seine
Aufmerksamkeit. Er kam zu dem Resultat, dafs Dionysius sich in
seiner Zeitrechnung um 22 Jahre geirrt habe, und ordnete nun seine
Weltchronik, die übrigens nur aus mageren Auszügen besteht, in
der Weise , dafs er das nach seiner Meinung richtige Jahr voran-
stellte und an das andere Ende der Zeile die gewöhnliche, um 22
kleinere Jahreszahl setzt.
Er theilte seine Chronik in drei Bücher, von denen das erste
die alte Geschichte, das zweite das Leben Christi und seiner Jünger,
das dritte die neuere Geschichte enthält, anfangs nur bis zum Jahre
1074, dann aber fortgesetzt bis 1082. Nur dieses letzte Buch ist
nach der im Vatikan erhaltenen Original -Handschrift abgedruckt in
den Monumenten a), während bis dahin nur interpolirte Texte bekannt
waren. Als Geschichtsquelle ist sein Werk fast ohne Bedeutung.
Marian hat nur wenige der hauptsächlichsten und allgemein bekann-
ten Thatsachen kurz verzeichnet und ohne Betrachtungen angemerkt;
merkwürdig sind nur seine Nachrichten Uber Irland und Uber die
Schottenmönche in Deutschland, sowie einige Notizen zur Geschichte
der Erzbischöfe von Mainz. Auffallend ist, wie roh und fehlerhaft
trotz seiner Gelehrsamkeit Marians Sprache und Orthographie sind,
was auch bei anderen Aufzeichnungen dieser Schottenmönche auf-
fällt.
Die Zeitgenossen Marians schätzten sein Werk sehr wegen der
chronologischen Untersuchungen, so namentlich Sigebert von Gem-
bloux. Besonders aber fand es in England Verbreitung und Fort-
*) Ueber einige von ihm benutzte Handschriften s. Giesebrecht in Schmidts
Zeitschrift f. Gesch. VII, 564.
*) Mariani Scotti Chronicon ed. Waitz, Mon. SS. V, 481 — 568; cf. X, 476, wo
eine Stelle Wilhelms von Malmesbury Uber ihn nachgetragen ist
Digitized by Google
Marian. Annalen von S. Alban. Lothringen. 273
Setzungen, vorzüglich von Florentius von Worcester, aus welcher
Waitz Auszüge bis zum J. 1117 mit seiner Ausgabe verbunden hat.
In Deutschland entstanden aus einer Vermischung von Auszügen
aus Marians Werk und den Annalen von S. Alban nebst anderen
Zuthaten die Disibodenberger Annalen, welche lange Zeit irriger
Weise als die echte Chronik des Marian betrachtet worden sind.
Jene Annalen von S. Alban1) aber sind wiederum nichts als ein
Auszug aus der Wirzburger Chronik, der im Albanskloster zu Mainz
mit einigen Auszügen aus Marian Uber die Folge der Mainzer Erz-
bischöfe und wenigen eigentümlichen localen Nachrichten verbunden
wurde. Vom J. 1057 an fehlt uns die Quelle für diese Compilation,
aber sowohl die Vergleichung mit Ekkehard, den Rosenfelder und
Elwanger Annalen, als auch die Beziehungen auf Wirzburg zeigen,
dafs auch in diesem Theile von 1059 bis 1101 die Wirzburger Quelle
noch vorlag und die eigenthümlichen Zusätze nur gering sind. Dafs
aus diesen Annalen die Fortsetzung der Hildesheimer Annalen ent-
nommen ist, wurde schon oben erwähnt.
Dafs auch die schöne Todtenklage Uber Heinrichs IV Tod viel-
leicht nach Mainz gehört, vielleicht von dem Abte Dietrich zu 8. Alban
verfa&t sein könnte, ist ebenfalls bereits auf 8. 261 bemerkt worden.
§ 16. Lothringen. Trier.
Lothringen war die Brücke zwischen Frankreich und Deutsch-
land; wie von allen Seiten lernbegierige Schüler nach Lüttich eilten,
so besuchten die Lothringer die französischen Schulen zu Reims,
Chartres, Pont - k - Mouzon. Ebenso standen die Vorkämpfer der
strengen Klosterzucht hier in genauester Verbindung mit Cluny,
Dijon und anderen französischen Klöstern, und sie entsandten wieder
Mönche nach Deutschland, um dort zu reformiren.
Das litterarische Leben hatte sich in diesen gesegneten Landen
Behr reich entwickelt, und so wie hier frühzeitig die einzelnen Terri-
torien zur Selbständigkeit gelangten, so entstand auch eine zahl-
reiche Litteratur von Lokalgeschichten. Wir besitzen Bisthums-
geschichten von Trier, Verdun, Toul, Lüttich, Cambray, Kloster-
chroniken von Moyenmoutier, Chaumouzey, S. Mihiel, S. Lorenz
bei Lüttich, Gembloux, S. Tron, Cäteau-Cambresis und dazu eine
Fülle von Biographien, welche uns das Leben und Treiben in diesen
Gegenden lebendiger vor Augen bringen wie irgendwo sonst.
Trier selbst, die Metropole, scheint mit den Lebensströmungen
') Als Annales Wirziburgenses gedr. Mon. SS. II, 238 — 247; vgl. Waitz, die
Annales S. Albani, in den Nachrichten von der Gott Univ. 1857 S. 55.
18
Digitized by Google
274 IV. Salier. § 16. Lothringen. Trier.
der Zeit nur wenig in Verbindung gestanden zu haben. Man ver-
tiefte sich hier ganz und gar in die Zeiten des Alterthums und be-
strebte sich, diese möglichst auszuschmlicken ; man suchte sehr
fleifsig alle Nachrichten zusammen und half mit Erfindungen und
Fabeln nach, wo die Ueberlieferung zu ungenügend war. Die ge-
schichtlich werthlosen Legenden, welche hier im elften Jahrhundert
verfafst wurden, liegen unserem Zwecke fern; Waitz hat in der Ein-
leitung zu den Geatis Trevirorum ihre allmähliche Entstehung und
Erweiterung untersucht. Eine Hauptwerkstatt war das Mathiaskloster;
hier schrieb auch im Anfang des elften Jahrhunderts der Mönch Diet-
rich seine Schrift Uber die Auffindung und Wunder des h. Celsus,
welche er seinem Abte Richard widmete. Sie enthält einige ge-
schichtliche Nachrichten Uber den Erzbischof Egbert (977 — 993) den
Hersteller des Klosters, unter dem jene Gebeine erhoben wurden ‘).
Im Martinskloster überarbeitete etwas später der Abt Eber-
win eine alte Legende vom h. Magnericus, dem Stifter des
Klosters, und derselbe beschrieb auch das Leben und die Wunder
des Mönches Symeon vom Berge Sinai, der mit dem Abt Richard
von Verdun aus dem h. Lande gekommen war und bis an seinen
Tod im J. 1035 in Trier lebte*).
Im Jahre 1066 vermehrte ein neuer Märtyrer die Zahl der
Trierschen Heiligen, Kuno oder Konrad von Pfullingen, Dom-
propst zu Köln und Neffe des Erzbischofs Anno, der ihn der Trierer
Kirche gegen ihren Willen aufdrängen wollte. Er büfste dafür mit
dem Tode, indem der Stiftsvogt Dietrich ihn auf grausame Weise
umbringen liefs. Bischof Dietrich von Verdun bestattete ihn im
Kloster Tholey, wo natürlich die Wunder an seinem Grabe nicht
ausblieben. Auf den Wunsch der Mönche schrieb etwas später ein
fremder Gast, der erst nach dieser Zeit in ihr Kloster aufgenommen
war, ein Büchlein über das Leben Konrads und die Wunder an
seinem Grabe. Von seinem Leben wufste er aber fast nichts und
half sich wie gewöhnlich mit schwülstigen Phrasen*). Der Bischof
Dietrich von Verdun war ein treuer Anhänger des Königs, und
daraus erklärt sich eine heftige Feindschaft des Verfassers gegen
Gregor VHl * * 4). Wir besitzen noch ein besonders merkwürdiges
l) Ex Translatione S. Celsi, ed. Waitz, Mon. SS. VIII, 204 — 208.
*) Excerpte aus beiden a. a. 0. 208 — 211.
“) Vita et Passio Conr. archiep. auet. Theoderico ed. Waitz, ib. 212 — 219.
4) Sed statim eodem anno eodemque tempore sancta ecclesia tanto dissensio-
num et perturbationum coepit agitari turbine, ut diutina bellorum per civile bellum
fluetuatione, quid sit pax videatur ignorare. Statim enim .... vita decessit sedis
apostolicae venerabilis pontifex Alexander, cui succedens Hildebrandus pestifer in
Digitized by Google
Gesta Treverorum. Dietrich von Verdun.
275
Schreiben, welches im Namen eben dieses Bischofs von dem Trierer
Scholasticus Wen rieh verfafst und an Gregor VII gerichtet ist; der
Verfasser entwickelt darin, warum es ihm, obgleich mit den wesent-
lichsten Grundsätzen Gregors einverstanden, doch unmöglich ist,
sein Verfahren zu billigen und seinen Geboten zu folgen1).
Der Trierische Sagenkreis erhielt einen erheblichen Zuwachs
im J. 1072 durch die Auffindung zahlreicher Reliquien in der Kirche
des h. Paulinus, mit denen eine Bleitafel mit einer Inschrift zum
Vorschein kam. Mit neuem Eifer wurde nun die Vorzeit Triers be-
handelt, Uber die man die Gegenwart sowohl wie die näher liegende
Vergangenheit vergafs, bis endlich im Mathiasstift, wie es scheint,
bald nach dem Anfang des zwölften Jahrhunderts die Vorgeschichte
mit der Gegenwart in Verbindung gebracht wurde. Es war ein
löbliches Unternehmen, nur waren die Hlllfsmittel des Verfassers
aufserordentlich gering. Sie beschränkten sich vom neunten Jahr-
hundert an fast ganz auf die Chronik des Regino nebst einer dürfti-
gen und unsicheren Ueberlieferung J). Dieses Werk nun, welches
bis 1101 reicht, bildet die Grundlage der bis in die neuere Zeit
fortgesetzten Bisthumsgeschichte, die sich bald zu einer bedeu-
tenden Geschichtsquelle entwickelte. Sowohl im Mathiasstift als
aufserhalb desselben wurde der sagenhafte Anfang immer von neuem
Überarbeitet und vermehrt; einer dieser Bearbeiter, vielleicht ein
Mitglied der Domgeistlichkeit, setzte an die Stelle der Ubermäfsig
dttrftigen Nachrichten Uber das elfte Jahrhundert eine ganz selb-
ständige Fortsetzung von 1015 bis 1132, die anfangs freilich wenig
zuverlässig, später voll Feindseligkeit gegen Heinrich IV ist. Zuletzt
berichtet er selbst Erlebtes mit dankenswerther Ausführlichkeit3).
Unabhängig davon findet sich in einer anderen Handschrift eine Ge-
schichte des Erzbischofs Godefrid (1124 — 1127) 4), und ein Mönch
von S. Mathias verband mit einer neuen Ueberarbeitung eine Fort-
setzung bis 1152, die grofeentheils dem Leben des Erzbischofs Adal-
bero (1131 — 1152) entnommen ist5).
diebus officii sui calicem irae Dei nniverso propinavit orbi, cuius amarissiino sapore
adhuc et in posterum dentes filiorum obstupescere habent, nisi tribuat miserendi
tempus, cuius etc. p. 217.
4) Marlene Thes. I, 214, vgl. Stenzei I, 498. Helfenstein S. 51. 115. 167.
Ueber die bis jetzt ungedruckte Entgegnung Mangolds von Lautenbach s. Wilmans
Mon. SS. XU, 148 n. 3; über Mangold selbst üssernrann z. Bern. a. 1094. Man. V, 459.
*) Gesta Treverorum ed. Waitz, die erste kritische Ausgabe, Mon. SS. VIH,
111 — 174. Ueber Handschriften der Fortsetzungen Archiv XI, 356 — 376.391. —
Kurze Annales S. Eucharii Trev. (des Mathiasstifts) von 1015 — 1092, SS. V, 10.
*) Continuatio I 1. 1. p. 175 — 200.
4) Gesta Godefridi, zum ersten Male publicirt 1. c. p. 200 — 204.
») p. 234 — 260.
18*
Digitized by Google
276 IV. Salier. § 16. Trier. § 17. Mete. § 18. Toul.
In dem Kloster Epternach machte der Abt Theofrid (t 1110)
sich durch einige Legenden bekannt , von denen seine Bearbeitung
des Lebens 8. Willibrords schon früher erwähnt wurde.
§17. Metz.
In Metz dauerte auch in diesem Zeiträume die litterarische
Thätigkeit fort, doch ist uns nur wenig erhalten; verloren ist die
von Hugo von Flavigny erwähnte Lebensbeschreibung des Bischofs
Dietrich H (1005 — 1047) und vermuthlich noch manches andere.
Von Sigifrid, dem Abte des nahen Klosters Gorze, haben wir
Briefe, in denen er voll kanonistischen Eifers alles aufbietet, um die
Ehe Heinrichs HI mit Agnes von Poitiers wegen zu naher Verwand-
schaft zu hintertreiben, und es ist ein merkwürdiges Zeichen für die
Rücksichten, welche auch damals Schriftsteller zu nehmen hatten,
dafs sich dieser Umstand sonst gar nicht erwähnt findet. Aufserdem
ist auch Sigifrid wohl der erste, welcher Uber das Eindringen fran-
zösischer Moden in Deutschland klagt1).
Die Lütticher Schule mufs sehr stark auf Metz eingewirkt haben,
da Sigebert von Gembloux von 1048 — 1072 Scholaster von S. Vin-
cenz war, und 1073 der Lütticher Dompropst Hermann Bischof
wurde (bis 1090). Dieser Hermann war in früherer Zeit befreundet
mit Berengar2); bekannt sind die Schreiben von Gregor VH an ihn,
in welchen der Papst seine Zweifel an der Rechtmäfsigkeit des Bannes
gegen den König zu widerlegen sucht, und das Schreiben Gebhards
von Salzburg an Hermann Uber denselben Gegenstand.
Als zu Heinrichs V Zeit der Investiturstreit mit neuer Heftigkeit
entbrannte, erwählten 1117 die Gegner des Bischofs Adalbero, be-
sonders der Archidiakonus Adalbero, der später Erzbischof von Trier
wurde, zum Gegenbischof den Abt von S. Georgen im Schwarzwalde,
Theoger oder Dietger.
Dietger war ein Schüler des weitberühmten Lehrers Mangold
von Lutenbach im Elsafs, der zu den Vorkämpfern Gregors VH ge-
hörte; er erwarb sich unter seiner Leitung bedeutende Kenntnisse,
namentlich in der Musik, Uber welche er auch ein Werk verfafst
hat. Er wurde Kanonikus von S. Cyriak bei Mainz und stand hier
der Schule vor; als er abjr einmal eines Geschäftes halber nach
Hirschau kam und hier den Abt Wilhelm predigen hörte, entschlofs
er sich plötzlich, Mönch zu werden. Bald wurde er Prior von
') Diese zwei Briefe sind jetzt abgedruckt in W. Giesel) rechts Geschichte der
Kaiserzeit II, 613 — 619.
2) Ein Brief an ihn bei Sudendorf, Berengarius Turonensis S. 176.
Digitized by Google
Metz. Vita Theogeri. Toul.
277
Reichenbach, dann 1088 Abt von 8. Georgen , wo er dreifsig Jahre
lang eine sehr bedeutende Wirksamkeit übte, nicht blos in seinem
eigenen Kloster, sondern auch auf andere ihm untergebene, zum
Theil von ihm gegründete. Als nun 1117 der Kardinal Kuno von
Präneste als Legat nach Frankreich kam, wurde auf seine Veran-
lassung Dietger wie gesagt zum Bischof von Metz erwählt und gegen
seinen Willen gezwungen, die Weihe anzunehmen. Er gelangte je-
doch nie zum Besitze des Bisthums und starb schon 1120 in Cluny.
Sein genauester Freund und unzertrennlicher Begleiter schon in
8. Georgen war Erbo, der 1121 Abt von Prüfling bei Regensburg
wurde (bis 1162), und dieser veranlafste zwischen 1138 und 1146
einen Mönch seines Klosters das Leben Theogers nach seinen Mit-
theilungen zu beschreiben. Bibelsprüche, seltsam gemischt mit ein-
zelnen Versen Virgils und sallustischen Ausdrücken, Schilderungen
mönchischer Kasteiungen und Wundergeschichten sind darin reich-
lich vorhanden; es ist der Geist jener Klöster des Schwarzwaldes,
welchen diese Schrift recht lebendig darstellt; der Verfasser schildert
die Blüthezeit dieser Hirschauer, welche, als er schrieb, bereits vorbei
war. Damals, sagt er, waren diese Mönche so verehrt vom Volke,
dafs niemand zu seinem Schutze ein besseres Geleit haben konnte,
als einen von ihnen. Jetzt aber sind wir zum Fluche worden und
ein Schauspiel der Welt und den Engeln und den Menschen. Die
Krone unseres Hauptes ist abgefallen. 0 wehe, dafs wir so gesün-
digt haben.
Von besonderer Wichtigkeit aber ist das zweite Buch, welches
sehr genaue Nachrichten Uber Kuno von Präneste und seine Lega-
tion enthält. Leider ist diese Schrift uns nicht ganz vollständig er-
halten; Trithemius hatte noch ein unversehrtes Exemplar, und seine
Auszüge dienen zur Ergänzung der Lücken1).
§18. Toul.
Das Bisthum Toul wurde besonders verherrlicht durch die Er-
hebung des Bischofs Bruno auf den päpstlichen Stuhl; einige Jahre
lang (1049 — 1051) vereinigte er beide Würden, und im J. 1050 bei
seiner Anwesenheit in Toul nahm er seinen Vorgänger Gerhard
(963 — 994) in die Zahl der Heiligen auf und liefs seine Gebeine
feierlichst erheben. Das Leben dieses Bischofs zu beschreiben, hatte
er schon früher den Abt von S. Evre, Wide rieh, veranlafst, der
mit grofsem Eifer die von Wilhelm von Dijon ausgehende Reform
auf die Klöster dieses Sprengels übertrug. Die Schreibart ist daher
») Vita S. Theogeri ed. Jaffe, Mon. SS. XU, 449 — 479.
Digitized by Google
2?8 IV. Salier. § 18. Toul. § 19. Verdun.
die gewöhnliche dieser frommen Fakire, um so mehr da er fast
nichts Thatsächliches über den Mann wufste. Später fügte er noch
ein zweites Buch über die Kanonisation Gerhards, die Erhebung
seiner Gebeine und die Wunder an seinem Grabe hinzu1).
Das eigene Leben des Erzbischofs Bruno (Leos IX) beschrieb
Wibert, Archidiakonus der Tuller Kirche, panegyrisch natürlich,
aber durch gute Nachrichten schätzbar4). Ein Leben seines Nach-
folgers Udo (1051 — 1069) unter Bischof Pibo (1069 — 1107) verfafst,
ist leider verloren*).
Zu Anfang des zwölften Jahrhunderts wurde auch eine Bis-
thumsgeschichte von Toul verfafst, die bis 1107 reicht, aber
nicht sehr reichhaltig und wenig belehrend ist *). Schon früher,
noch zu Leos IX Zeit hatte ein ebenfalls ungenannter Mönch die
Geschichte des Klosters Moyenmoutier beschrieben, war aber
nur bis zum Jahre 1020 gekommen. Auch diese Schrift ist nur
von geringem Werthe*).
Bei weitem merkwürdiger und lehrreicher ist die Gründungs-
geschichte von Chaumouzey, um das Jahr 1109 von dem ersten
Abte Seher verfafst6). Derselbe Trieb, der in die Klöster des
Schwarzwaldes solche Schaaren trieb, dafs immer neue gebaut werden
mnfsten, wirkte auch hier. Um einen frommen Einsiedler bei Re-
miremont sammeln sich Männer, die der Welt müde sind, und nach
des Eremiten Tode wählen sie aus ihrer Mitte den Seher zum Vor-
steher. Die neu begründete Kirche des heiligen Leo IX wird ihnen
tibergeben (1091), und ein kinderloses Ehepaar schenkt ihnen das
Gut Chaumouzey. Sogleich beginnen auch die Sorgen. Sie müssen
sich zu einer bestimmten Regel bekennen und bilden sich nun erst
aus zu regulirten Chorherren, deren Orden im Anfänge des zwölften
Jahrhunderts grofse Ausbreitung gewann. Andererseits haben sie
nun ihren neuen Besitz zu vertheidigen gegen die armen, aber raub-
lustigen Vettern der Stifter und gegen die Ansprüche der reichen
Aebtissin von Remiremont. Jene greifen mit Gewalt zu, diese macht
*) Vita S. Gerardi Tulleasis auct. Widrico abb. S. Apri, ed. Waitz, Mon. SS.
IV, 485 — 509.
*) Vita S. Leonis IX auct. Wiberto, Acta SS. Apr. II, 648. Mab. VI , 2, 49.
Eccard Origg. Ilabsb. Probatt. p. 171. Murat. III, 282 — 299. Vgl W. Giesebreeht,
Geschichte der Kaiserzeit II, 528.
3) Mon. SS. VIII, 631. Von der Erhebung des königlichen Kanzlers Pibo zum
Bischof handelt ein merkwürdiger Brief in Sudendorfs Registrum I, 6.
4) Gesta episcoporum Tuuensium ed. Waitz, Mon. SS. VIII, 631 — 648.
5) Liber de S. Ilildulfi succcssoribus in Mediano Monasterio ed. Waitz, Mon.
SS. IV, 86—92.
6) Seheri Primordia Calmosiacensia ed. Jaffc, Mon. SS. XII, 324 — 347.
Digitized by Google
Localgeschichten der Sprengel von Toni und Verdun. 279
durch ihr Geld jeden Rechtspruch unwirksam. Der Abt Seher hat
das alles beschrieben, um seinen Nachfolgern zur Anweisung und
Nachricht bei ähnlichen Anfechtungen zu dienen: daher finden wir
hier einmal keine Phrasen, sondern eine klare und bestimmte Dar-
stellung mit Urkunden. Wir sehen deutlich, wie die weltliche Justiz
des Herzogs gar keinen Schutz gewährt, die bischöfliche bei gutem
Willen wenig ausrichten kann und allein die päpstliche zwar lang-
sam und mit grofser Weitläufigkeit, zuletzt aber doch wirklich Hülfe
schafft. Ausreichend jedoch ist auch diese nicht; das Ende ist zu-
letzt immer ein Vergleich, und namentlich die hungrigen Vettern
wissen sich für ihre räuberischen Anfälle schliefslich in allen Fällen
dieser Art noch ein gutes Stück Geld zu verschaffen.
Besonderes Interesse gewährt aber diese Schrift noch dadurch,
dafs gerade der Legat Richard von Albano 1105 um Hülfe ange-
sprochen wird und von Heinrich V Schutzbriefe erwirkt, welche
seiner damaligen Lage gemäfs von Devotion gegen die Mutter Kirche
überströmen. Sehr merkwürdig ist auch die Verhandlung vor Pa-
schalis H zu Langres im J. 1107, als noch das Verbot jeder Verfü-
gung über Kirchen von weltlicher Hand aufrecht erhalten wurde,
ein Princip, welches auch den Besitzstand der Klöster gefährdete.
In eigenthümlicher Weise behandelte den Investiturstreit Hugo
Metellus aus Toul, ein Schüler des hochberühmten Meisters Anselm
von Laon, indem er nicht ohne Geschick und sprachliche Gewand-
heit Papst und Kaiser ihre Gründe in Hexametern dialogisch vor-
tragen liefs1).
§ 19. Verdun. Der Abt Richard und seine Schüler.
Hugo von Flavigny.
Aus dem Sprengel von Verdun besitzen wir eine recht gute
Localgeschichte des Klosters S. Mihiel an der Maas, die bis zum
Jahre 1034 reicht2), und die von Berthar begonnene Bisthums-
geschichte führte ein Mönch von S. Vannes weiter bis 1047 3).
Wir haben oben gesehen, wie jene Miliz Gregors VH, die Mönche
der neuen von Cluny ausgegangenen strengen Richtung, im südlichen
Deutschland besonders durch Wilhelm von Hirschau festen Fufs
') Hugonis Metelli Certamen papae et regis. Der Anfang davon ist gedruckt
bei Du Meril, Poesies populaires Lat. p. 405.
*) Chronicon S. Michaelis in pago Virdunensi ed. Waitz, Mon. SS. IV, 78 — 86.
und nach der wiedergefundenen Handschrift zuerst ganz voüsländig von L. Trols.
Hamm 1857. 4.
3) ßesta episcoporum Virdunensium. Continua tio auctore monacbo S. Vitoni
a. 925—1047 ed. Waitz, Mon. SS. IV, 45-51.
Digitized by Google
280 IV. Salier. § 19. Verdun. Abt Richard. Hugo von Flavigny.
fafsten. In ähnlicher Weise wirkte in Verdun schon früher der Abt
Richard*). Er war in Reims zum Weltgeistlichen erzogen, aber
von dem damals so gewaltigen Mönchsgeiste erfafst, trat er ein in
das Kloster 8. Vannes (8. Vitoni) zu Verdun, wo unter dem Abte
Fingen sieben Schottenmönche von lockerem Wandel (parum lauda-
bilis vitae) hausten. Vergeblich suchte er hier mit seinen Ideen
durchzudringen, und er begab sich deshalb nach Cluny zu dem Abte
Odilo. Dieser jedoch sandte ihn nach einiger Zeit zurück in sein
Kloster; nach Fingens Tode 1004 erhielt er selbst die Abtei, und
nun reformirte er zuerst diese, dann aber nach und nach noch
zwanzig andere Klöster in Lothringen und in Frankreich, die ihm
untergeben wurden. Bis an seinen Tod 1046 stand er ln grofsem
Ansehen; Kaiser Heinrich HI, der sich selbst eifrig der Kloster-
reform annahm, verehrte ihn sehr und nicht minder der König von
Frankreich. Es ist leicht einzusehen, dafs ein so angesehener Mann
auch eine bedeutende politische Wirksamkeit ausüben mufste; wie
auf der vornehmsten Bühne die Aebte von Cluny zwischen Papst
und Kaiser vermittelten, so gelang es diesen, mehr durch ihr per-
sönliches Ansehen wie durch äufsere Mittel mächtigen Aebten häufig
die Erhaltung oder Herstellung des Landfriedens zu bewirken und
alte Fehden beizulegen ; ja der Abt Poppo von Stablo brachte 1032
den Frieden zwischen Kaiser Konrad und König Heinrich von Frank-
reich zu Stande, nachdem andere Vermittler vergeblich daran ge-
arbeitet hatten.
Die Lebensnachrichten Uber den Abt Richard finden sich theils
bei Hugo von Flavigny, theils bei seinem Biographen, einem Mönche
von 8. Vannes, der aber erst im Anfänge des zwölften Jahrhunderts
mit Benutzung der Bisthumsgeschichte und der mündlichen Ueber-
lieferung seine nicht sehr reichhaltige Schrift verfafste. Bedeutender
ist das Leben des Abtes Poppo von Stablo (1020 — 1048), von
einem Schüler und Freunde desselben, dem Abte Ev er heim von
Hautmont, damals Abt von Blandigny bei Gent verfafst’).
Poppo begann sein Leben als Ritter, ein Stand, der sich damals
vom Räuber wenig unterschieden zu haben scheint, und ihm wie
vielen anderen fiel bald der Antheil an schlimmen Gewaltthaten
schwer aufs Gewissen. Er wallfahrtete nach Jerusalem und Rom;
verlobte sich dann, liefs aber plötzlich seine Braut im Stiche und
*) Vita Richardi abb. Vird. ed. Wattenbach, Mon. SS. XI, 280 — 290. Zu
berichtigen ist, was dort über die Benutzung der Vita Theoderici II ep. Met. ge-
sagt ist; der Vf. benutzte nicht diese, sondern die Vita Theoderici abb. Andagi-
nensis. Ueber die lothr. Klosterreform vgl. Giesebrecht, Gesch. d. Kaiserz. II, 80 f.
3) Vita Popponis abb. Stabulensis ed. Wattenbach, Mon. SS. XI, 291 — 316.
Digitized by Google
Richard von Verdun. Poppo von Stablo. S. Hubert.
281
wurde Mönch in 8. Thierry. Dort lernte der Abt Richard ihn
kennen und nahm ihn mit sich nach Verdun. Diesem stand er nun
zur Seite, bis ihn 1020 Heinrich II zum Abte von Stablo ernannte,
wo er gegen grofses Widerstreben seine Reform durchsetzte. Bald
wurden ihm, wie Richard, viele andere Klöster zu gleichem Zwecke
untergeben, in die er seine Schiller aussandte, so S. Maximin, Epter-
nach, Weifsenburg, S. Gallen und manche andere. Er trat auf
diese Weise ganz in die Stellung Richards ein, den er aber nur kurze
Zeit überlebte.
Ein anderer Schüler Richards war Dietrich, von 1055 bis 1087
Abt von S. Hubert in den Ardennen. Er wirkte lange Zeit als
Vorsteher der Schule und berühmter Lehrer in verschiedenen Klöstern,
in Stablo, Verdun, Pont - ä - Mouzon. Eben wollte ihn Heinrich in
nach Fulda ziehen, da erwählte der Bischof Dietwin von Lüttich
ihn zum Abt von S. Hubert. Mitten im Winter, bei grofser Kälte,
zog er barfufs durch den tiefen Schnee in sein Kloster ein, und
strenge, wie er gegen sich selbst war, trat er auch gegen seine
Mönche auf, denen er mit grofser Mühe seine Reform aufhöthigte.
Nachdem er aber durchgedrungen war, nahm das Kloster den gröfsten
Aufschwung, und er behauptete als Abt eine sehr ansehnliche Stel-
lung. Die Uebergriffe der Herzoge und Bischöfe wies er mit grofser
Kraft und Entschiedenheit zurück. Er war befreundet mit dem
Erzbischof Anno von Köln ; in Rom 1074 stellte die Gräfin Mathilde
ihn Gregor VII vor, der ihn sehr freundlich aufnahm und ihm ein
Privileg zum Schutz gegen die Lütticher Bischöfe mitgab. Sein
Leben beschrieb bald nach seinem Tode ein Mönch, wie es scheint,
aus dem Kloster Lobbes *). Wichtiger aber als diese in der gewöhn-
lichen panegyrischen Weise geschriebene Biographie ist die Kloster-
chronik von S. Hubert, aus dem Anfänge des zwölften Jahrhunderts’),
welche weiter gehend auch den Verfall des blühenden Klosters unter
dem eifrigen Abte Dietrich H schildert.
Spät erst, nach dem Tode des alten Abtes, nachdem 1091 auf
Heinrich den Friedfertigen Otbert als Bischof von Lüttich gefolgt
war, drang auch hier der Zwiespalt ein, welcher fast keine Kirche
verschonte. Otbert war kaiserlich, Dietrich H einer der eifrigsten
Gregorianer, und so entbrannte denn bald der Kampf, welcher der
Blüthe des Klosters ein Ende machte und der hier mit grofser An-
ti Vita Theoderici abb. Aodaginensis ed. Wattenbacb, Mon. SS. XII, 36 — 57.
Verloren ist leider das Leben des Abtes Tbeoderich II von Heribrand, Abt von
S. Lorenz in Lüttich. Reiner, de Gestis abb. S. Laur. I, 7.
*) Unter dem seltsamen Titel Cantatorinm S. Huberti, ed. Bethmann et Watten-
bach, Mon. SS. VIII, 568-630.
Digitized by Google
282
IV. Salier. § 19. Verdun. § 20. Köln.
schaulichkeit geschildert ist. Aller Orten finden wir diesen ver-
derblichen Kampf wieder, auch ohne Beziehung auf den Kaiser, in
dem die Neuerer in ihrem Eifer, angefeuert von Gregor, rücksichts-
los vorgehen, das Volk aufregen und jede Gewaltthat für gottgefällig
halten, sobald sie gegen die Anhänger der alten kirchlichen Ord-
nungen oder gar alter Mifsbräuche gerichtet ist. Auf kleinem Schau-
platze zeigt uns dies die Chronik von Watten bei S. Omer1), andere
Beispiele werden wir noch zu berühren haben.
So recht mitten in diesem Kampfe stand der Abt Hugo von
Flavigny, dessen Leben und Schriften deshalb für diese Verhält-
nisse Behr lehrreich sind’). Er war Mönch von S. Vannes, welches
nicht minder wie die übrigen Klöster von diesem Ungewitter er-
griffen wurde. Der Bischof Dietrich von Verdun hing, wie schon
oben erwähnt wurde, dem Kaiser und seinem Papste Clemens an,
und deshalb verliefs der Abt Rudolf 1085 sein Kloster; der 21jährige
Hugo folgte ihm nach Dijon zu dem Abte Jarento, einem persön-
lichen Freunde und eifrigen Anhänger Gregors VH. Zu ihm und
besonders auch zu dem Erzbischof Hugo von Lyon trat Hugo in ein
nahes und vertrautes Verhältnils; bald nahm Jarento ihn mit sich
auf einer Reise nach England. Hier zuerst wurden Hugo die Augen
etwas geöffnet; er sah Dinge, wovon man in den engen Kloster-
mauem wenig hörte, er lernte die vornehmen englischen Prälaten
kennen, voll Eifers für jene Partei, welche den strengsten mönchi-
schen Grundsätzen die ganze Kirche unterwerfen wollte, und doch
selbst in allem Ueberflusse des Reichthums üppigem Wohlleben er-
geben.
Im J. 1096 wurde Hugo Abt von Flavigny, im Sprengel von
Autun, gerieth aber bald in Streitigkeiten und mufste endlich seine
Abtei verlassen ; es waren seine eigenen Parteigenossen, deren Thaten
er hier in einer Weise kennen lernte, welche ihren zur Schau ge-
tragenen Grundsätzen durchaus nicht entsprach, und namentlich über
die Habsucht und Bestechlichkeit der päpstlichen Kurie und der
Legaten machte er Erfahrungen, die ihn zuletzt bewogen, seine
Partei ganz zu verlassen und sich zu ihren Gegnern zu gesellen.
Seit dem J. 1090 schrieb Hugo an einer grofsen Weltchronik,
die er bis 1102 fortführte. Lothringen ist darin vorzugsweise berück-
sichtigt und mit umfassender Gelehrsamkeit alles benutzt, was ihm
') Chronicon Watinense, Martene Thes. III, 797 — 830.
a) Koepke, die Quellen der Chronik des Hugo von Flavigny. Archiv IX,
240 — 292. Hugonis Chronicon ed. Pertz, Mon. VIII, 288 — 502. Vgl. über die
S. 314 mitgetheilte Völkergenealogie Waitz in den G. G. A. 1856 S. 1905.
Digitized by Google
Hugo von Flavigoy. Köln. Qladbach.
283
Nachrichten darüber gewähren konnte. Die annalistische Form, die
er äufserlieh annahm, tritt hier gänzlich zurück gegen die ausführ-
liche Erzählung, welche sogar ganze Biographien in sich aufnimmt,
wie z. B. des Abtes Richard; dazu viele vollständige Actenstticke,
die für uns von nicht geringem Werthe sind. Von Beherrschung
des massenhaften Stoffes ist keine Rede; er trug eben nur zusammen,
was er in zahlreichen Büchern und Archiven fand; vieles ist uns
aus den Quellen selbst bekannt, andere aber jetzt verloren, und dazu
kommen seine eigenen Erlebnisse und was er durch mündliche Ueber-
lieferung erfahren hatte.
Ueber sein späteres Leben wissen wir nichts; die Hauptquelle
Uber ihn ist seine eigene Chronik, und wo diese aufhört , verlieren
wir seine Spur. Von dieser aber ist uns glücklicher Weise die ur-
sprüngliche Handschrift noch erhalten, und danach von Pertz eine
vielfach berichtigte Ausgabe bearbeitet.
§20. Köln.
In Köln war so wenig wie in Mainz ein Boden für litterarisehe
Thätigkeit. Dem Erzbischof Heribert (999 — 1021) verschaffte die
Stiftung des Klosters Deutz eine Art von Biographie oder vielmehr
eine Lobpreisung und Wundergeschichte, welche um die Mitte des
elften Jahrhunderts im Namen der Kölner Kirche ausging, um seinen
Ruhm zu erhöhen und seine Verehrung zu verbreiten. Der Ver-
fasser ist Lantbert oder Lambert, damals noch Mönch zu Deutz,
der 1060 Abt des Lütticher Lorenzklosters wurde. Später hat noch
auf den Wunsch des Abtes Markward Rupert, der ihm 1117 als Abt
von Deutz folgte, diese Schrift überarbeitet1).
Die Lobpreisung des Anno (1056 — 1075) erwähnten wir schon
oben (S. 269); ihr geschichtlicher Gehalt ist sehr unbedeutend, am
merkwürdigsten sind einige Angaben über den Bau der Gereons-
kirche.
In Gladbach schrieb nach den Mittheilungen des Abtes Hein-
rich (f 1066) und seines Neffen Wolf heim, des Abtes von Brauweiler
(1065 — 1091) ein ungenannter Mönch die schon sagenhaft gewordene,
doch nicht ganz unwichtige Geschichte der Gründung des Klosters5)
*) Vita Heriberti archiep. Col. ed. Pertz, Mon. SS. IV, 739 — 753. »Von der
Bedeutung Heriberts für die Reicbsgescbichte bat er keine Ahnung. Gerade das
Leben dieses politisch so einflufsreicben Mannes war der unpassendste Stoff für
einen solchen Biographen.« W. Giesebrecht, Kaiserzeit II, 527.
*) Chron. Gladbacense ed. Pertz, Mon. SS. IV, 74 — 77. Böhmer, Fontes III,
349 — 357. Ueber die Fahnesche Chronik von Gladbach s. Eckertz in den Annalen
des hist. Vereins t d. Niederrhein I, 266—275.
Digitized by Google
284
IV. Salier. § 20. Köln. § 21. LUttich.
um 974. Die sehr kurze Chronik des Schottenklosters Grofa S.
Martin reicht bis 1021, scheint aber nur ein Bruchstück zu sein1).
In Köln geschriebene Annalen bis zum J. 1028 sind unbe-
deutend2), und grofs ist auch die Ausbeute nicht, welche die Anna-
len von Brauweiler bis 1179 gewähren3). Diesem Kloster ver-
danken wir aber noch zwei Schriften, welche nicht ohne Werth
sind. Die erste, in den Jahren 1076 bis 1079 verfafst, behandelt
die Gründungsgeschichte des Klosters4) und giebt bei dieser Veran-
lassung einige Nachrichten über die Familie des Stifters, des Pfalz-
grafen Ezo, der mit Ottos II Tochter Mathilde vermählt war. Nach
der sagenhaften Erzählung gewann er dem Kaiser die Tochter im
Brettspiel ab; es ist auffallend, dafs die Verbindung mit dem Sohne
des Pfalzgrafen so entschieden als Mifsheirath betrachtet wurde, dafs
man sie auf solche Weise zu erklären suchte. Aufser den Nach-
richten über diese wichtige Familie ist aber auch die Erzählung
von dem Streite Uber das Gut Klotten merkwürdig, welches der Erz-
bischof Anno dem Kloster zu entziehen suchte. Um diesen Streit
richtig beuttlieilen zu können, müfste man die grofsentheils unechten
Urkunden, welche sich darauf beziehen, einer genaueren Untersuchung
unterwerfen. Derselbe Streit wird auch ausführlich behandelt in dem
Leben des Abtes Wolfhelm3) (1065 — 1091), der ihn endlich glücklich
zu Ende führte. Der Verfasser war ein Mönch von Brauweiler,
Namens Konrad, der zwischen 1110 und 1123 schrieb. Er rühmt
seinen Helden natürlich auf alle Weise, auch als Widersacher des
Berengar von Tours, hütet sich aber wohl zu erwähnen, dafs er dem
Gegenpapste Clemens anhing.
Die Habsucht, Anmafsung und Härte des Anno, welche sonst
durch seine Heiligkeit verdeckt werden, zeigen sich uns unverhttllt
nicht nur in den Denkmalen von Brauweiler, sondern noch viel deut-
licher und greller in seinem Kampfe mit den Mönchen von Stablo,
deren Zwillingskloster Malm6dy er sich gegen alles Recht von
Heinrich IV oder vielmehr, da dieser noch minderjährig war, von
*) Chron. S. Martini Col. ed. Pertz, Mon. SS. 11,214. 215. Böhmer, Fontes III,
344 — 347. An beiden Orten ist der Name des angeblichen zweiten Stifters Olger
(Holger Dansbe) mit Unrecht in Otger verwandelt.
a) Annales Coionienses, Mon. SS. I, 97.
3) Annales Brnnwilarenses SS. I, 99— 101. II, 216. Bedeutend verbessertaus
der Vatikanischen Handschrift in Böhmers Fontes III, 382 — 388.
4) Fundatio Brunwilarensis coenobii ed. Koepke, Mon. SS. XI, 394 — 408, sonst
als Vita Gzonis palalini bekannt. Böhmer, Fontes III, 362 — 382, wiederholt den
alten fehlerhaften Text.
s) Vita Wolfhelmi abb. Brunwilar. auct. Conrado ed. Wilmans, Mon. SS. XII,
180 — 195. Wolfhelms Schwester Berthrade kommt vor in der Vita Adelheidis
primae abb. Vilicensis, Acta SS. Feb. V, 714.
Digitized by Google
Brauweiler. Triumphus S. Remacli. Lüttich. 285
Adalbert von Bremen hatte schenken lassen. Lambert giebt sehr
gute Nachrichten Uber die muthige Gegenwehr der Mönche gegen
diese Schenkungen; in der Chronik von Lorsch ist der Widerstand
dieses Klosters gegen Adalbert lebendig geschildert. Am besten
und ausführlichsten ist der Kampf um Malm6dy dargestellt in dem
Berichte der Brüder von Stablo. Sieben Jahre lang dauerte er, und
alle Hülfsmittel wurden gegen den starren Heiligen vergeblich ver-
sucht, bis endlich nach belgischer Sitte die Mönche, als der König
1071 das Osterfest in Lüttich feierte, den Leib ihres Stifters, des
h. Remaklus erhoben, damit nach Lüttich zogen und die Bahre mitten
auf den Tisch des Königs setzten. Eine Fülle von Wundern brach
endlich den Widerstand des Erzbischofs, und S. Remaklus erhielt
sein Eigenthum zurück. Dieser Tag, der 7. Mai, wurde zum ewigen
Angedenken feierlich begangen, und auB Stablo sandte man zunächst
an das Kloster Fosse, dann aber allgemein an die ganze Kirche ein
Sendschreiben, worin dieser Triumph ihres Heiligen geschildert war,
um sie zu gleicher Feier aufzufordern l). Etwas später, als Hein-
rich IV schon zum Kaiser gekrönt war, wurde zu dieser Schrift noch
ein Buch hinzugefügt, in welchem der ganze Ursprung des Streites
und alle die vorhergegangenen vergeblichen Bemühungen der Mönche
klar und einfach dargestellt sind. Das Ganze ist sehr gut geschrie-
ben und gehört zu den lehrreichsten Denkmälern dieser Zeit.
§21. Lüttich.
Die Lütticher Schule, welche schon in dem vorigen Zeiträume
sich zu bedeutendem Ansehen erhob, erreichte in dem gegenwärtigen
ihren Höhepunkt; sie war der Leben ausströmende Mittelpunkt nicht
für Lothringen allein, Uber ganz Deutschland und bis nach England
erstreckte sich ihre Wirksamkeit, auch wohl nach Frankreich; doch
läfst sich im Ganzen der Satz aufstellen, dafs Lothringen vom
Westen empfängt und nach Osten giebt. Es würde sehr erspriefs-
lich sein, die Wirksamkeit der lothringischen und speciell der Lüt-
ticher Schulen erschöpfend zu behandeln, die zahlreichen vereinzel-
ten Nachrichten zusammenzustellen; hier aber müssen wir uns auf
einige Andeutungen beschränken. Ich erinnere nur an den Erz-
bischof Günther von Salzburg3) (1024 — 1025), den Abt Seifrid von
*) Triumphus S. Remacli de Malmundariensi coenobio ed. Wattenbach, Jlon.
SS. XI, 433-461.
2) Bruder des Markgrafen Ekkehard, seit 1008 königlicher Kanzler, ein Schüler
Notkers. Ans. c. 29.
Digitized by Google
286
IV. Salier. § 21. Lüttich.
Tegernsee *) (1046 — 1068), den Böhmen Kosmas, an Leofric, Bischof
von Exeter2), die hier ihre Bildung erhalten hatten. Von den Lüt-
ticher Lehrern ging Gozechin nach Mainz; Adelmann wurde 1048
Bischof von Brescia, Alger dagegen lehnte einen Kuf nach Deutsch-
land ab. Der Propst Hermann wurde 1073 Bischof von Metz. Der
bedeutenden Einwirkung des Abtes Poppo von Stablo gedachten wir
schon. Nicht leicht aber werden wir finden, dafs Lothringer der
Studien halber sich nach Deutschland begeben hätten; Olbert ging
nach S. Germain, Troyes und Chartres, hierhin zu Fulbert auch
Adelmann, und andere Beispiele wurden schon früher erwähnt.
Die schwerfällige gesuchte Gelehrsamkeit, welche im Anfänge
die Erzeugnisse der Lütticher Schule entstellte, verliert sich in
diesem Zeiträume hier wie an anderen Orten. Man bewegt sich
freier, schreibt leichter und prunkt weniger mit einer Bildung, die
nicht mehr selten ist.
Hauptquelle für die glänzendste Zeit von Lüttich ist Anselms
Fortsetzung der von Heriger begonnenen Bisthumschronik3),
aber auch zahlreiche andere Schriften geben davon Kunde, und
namentlich die zum Theil schon erwähnten, zum Theil noch anzu-
führenden Hausgeschichten lothringischer Klöster und die Biogra-
phien ihrer Aebte.
Der Bischof BalderichH (1008 — 1018), früher Vizthum der
Regensburger Kirche, gründete das Kloster S. Jakob, wo um die
Mitte des Jahrhunderts sein Leben von einem Schüler Olberts be-
schrieben wurde4). Ihm folgte bis 1021 Wolbodo, früher Scholaster
zu Utrecht, dann von Heinrich H erhoben Durand, von geringer
Herkunft, denn er war der Sohn eines Knechtes, aber von hohen
Geistesgaben3). Ihm folgte bis 1036 Reginald, Propst zu Bonn,
dann bis 1041 dessen Neffe Nithard und endlich bis 1048 Wazo,
der Stolz der Lütticher Schule, von dem es hiefs, dafs eher die
Welt untergehen, als ein zweiter Wazo kommen werde 6). Doch
2) Quicquid enim praecipui iluentis Leodiccnsibus disccndi aestibus flagrans
hausi. Pcz, Thes. VI, 241.
*) Um 1050, apud Lotharingos doctus et altus. Will. Malmesb. de Gestis
Pontificum bei Savile fol. 145.
3) Ansclmi Gesta epp. Leodicnsium ed. Koepke, Mon. SS. VII, 189 — 234.
Vgl. die Vorrede p. 134 ss. und Hirsch de Sigeberto.
4) Vita Balderici ep. Leod. ed. Pertz, Mon. SS. IV, 724 — 738.
E) Admodum pollens nobilitate ingenii, sagt Anselm von ihm. Seine Grab-
schrift erwähnt seiner wunderbaren Erhebung:
Quos tulerat dominos, hisdem famulantibus usus.
In tbeatro mundi fabula quanta fuit!
6) Ante ruet mundus quam surget Wazo secundus.
Digitized by Google
Die Lütticher Schule. Anselms Chronik.
287
hielten noch Dietwin bis 1075 und Heinrich der Friedenstifter1) bis
1091 den Glanz der Lütticher Kirche aufrecht; unter Otbert aber
brachen die Streitigkeiten aus, welche dieser schönen Blüthezeit ein
Ende machten.
Der Bischof Wazo wird vor allen gefeiert in Anselms Geschichte;
er hatte vorher lange Zeit der Schule vorgestanden, und neben ihm
wirkte in gleichem Geiste sein vertrauter Freund Olbert, von 1012
bis 1048 Abt von Gembloux. Dieser war ursprünglich ein Mönch
des Klosters Lobbes, ein Schüler Herigers; Balderich sandte ihn,
nachdem er sich in Frankreich weiter ausgebildet hatte, an Bur-
chard, als dieser im Jahre 1000 noch in jungen Jahren zum Bischof
von Worms erhoben war und sich einen tüchtigen Lehrer ausbat4).
Von dort zurtickgekehrt, erhielt Olbert nicht nur die Abtei Gem-
bloux, Bondern auch das neu gegründete Jakobskloster und stand
beiden vor, bis ihn sieben Tage nach seinem Freunde Wazo der
Tod abrief. In der Leitung der Schule folgte auf Wazo, nachdem
dieser zum Dechanten befördert war, Franko, dessen Sigebert zum
J. 1047 gedenkt, der Lehrer des Kosmas von Prag, und Adelmann,
der 1048 Bischof von Brescia wurde8), ein Schüler Fulberts von
Chartres und Gegner Berengars; ferner jener Gozechin, den Erz-
bischof Liutpold (1051 — 1059) nach Mainz berief, und nach ihm sein
Schüler Walcher. Grofsen Ruhm erwarb sich etwas später Alger,
bis 1101 Scholaster zu S. Bartholomä, den dann Otbert an die Dom-
kirche nahm und zu seinem Schreiber erwählte. Zwanzig Jahre
lang, bis an den Tod des Bischofs Friderich (1119 — 1121), blieb
er in dieser wichtigen Stellung und verfafste im Dienst der Kirche
und ihren Angelegenheiten zahlreiche Briefe, die man sorgfältig
sammelte und als Musterschriften benutzte. Verschiedene deutsche
Bischöfe bemühten sich vergeblich, ihn als Scholaster zu gewinnen.
Er verfafste mehrere theologische Schriften und zog sich zuletzt
ganz aus dem weltlichen Treiben zurück in das Kloster Cluny, wo
er noch lebte, als der Lütticher Domherr Nikolaus ein Vorwort
zu seinen Schriften verfafste, in welchem er diese Nachrichten über
ihn mittheilt4).
*) Die von ihm 1082 aufgerichtete Pax Leodiensis bei Bouquet XIII, 606.
s) Nach Sigebert Gesta abb. Gemblac. c. 27 hatte Olbert grofsen Antheil an
Burchards berühmter Kanonensammlung (Olberto dictante et magistrante magnum
illud canonum Volumen centonizavit).
*) Von ihm Rythmi de viris illustribus sui temporis, bei MabiDon, Anal. I,
420; ed. II p. 382. Vgl. Sudendorfs Berengar S. 8. Gedichtet hat er sic in
Speier.
4) Praefatio domni Nicolai Leodiensis in libros magistri Algeri, Mabillon,
Anal. ed. II p. 129—131.
Digitized by Google
288
IV. Salier. § 21. Lüttich.
Bis zum Tode des Bischofs Wazo (1048) reicht die schon er-
wähnte Geschichte des Domherrn Anselm, welche er als Fortsetzung
des von Heriger unvollendet hinterlassenen Werkes um das J. 1052
verfafste. Er hat sich ganz freigehalten von der gezierten Schreib-
art Herigers und einfach in würdiger Sprache die Geschichte des
Bisthums beschrieben, besonders aber das Leben des Wazo, auf
den er wie die ganze Lütticher Kirche mit Recht stolz war, dem
er die wärmste Anhänglichkeit bewahrte. Gewidmet ist das Werk
dem Erzbischof Anno: der Mutterkirche, sagt er, dürften die Zierden
ihrer Tochter nicht unbekannt bleiben.
Einen Fortsetzer fand Anselms ausgezeichnetes Werk leider erst
um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts an Aegidius von Orval;
doch liegen uns noch fast alle die Schriften vor, aus welchen dieser
seine Nachrichten über die Zwischenzeit schöpfte.
Im Ganzen war die Lütticher Schule eifrig kirchlich gesinnt,
Wazo selbst ein unerschrockener Vertheidiger der Unabhängigkeit
der Kirche vom Staate, aber den hierarchischen Tendenzen Gre-
gors VII gab man sich doch keineswegs unbedingt hin, und noch
weniger billigte man die von ihm angewandten Mittel, die Bekäm-
pfung der Gegner durch gewaltsame Volksaufstände. Daher waren,
als es zum Kampfe kam, die Lütticher auf kaiserlicher Seite; am
entschiedensten Otbert, der treueste Anhänger Heinrichs IV, und
da mehrere Klöster seines Sprengels eifrig, ja fanatisch gregorianisch
waren und von keiner Mäfsigung wissen wollten, entspann sich der er-
bittertste Kampf, wie ihn die Klosterchroniken uns schildern. Otbert
wird darin mit den schwärzesten Farben gemalt, wie ein ganz ver-
worfener Mensch, aber auf der anderen Seite wird er nicht minder
hochgestellt, wie das in dieser leidenschaftlich aufgeregten Zeit ge-
wöhnlich war und wir es z. B. auch in Augsburg sahen. Aufser-
ordentlich gerühmt wird Otbert in einer kleinen, neuerdings von
Quich6rat entdeckten Reimchronik von 1117 bis 1119, welche ein
Lütticher Domherr um diese Zeit verfafste '). Wir müfsten in Otbert
auch einen der am besten und gründlichsten durch das Studium der
alten Classiker ausgebildeten Schriftsteller erkennen, wenn die Ver-
muthung Goldasts richtig wäre, dafs von ihm jenes oben (S. 260)
besprochene Leben Heinrichs IV herrührt. Allein nach den von
Jafifö dagegen geltend gemachten Gründen müssen wir das Lob
Otberts wohl auf seine praktische Tüchtigkeit beschränken, durch
*) Wieder herausgegeben von Wattenbach , Mon. SS. XII, 415 — 421. Auf
einige Biographien Lütticher Bischöfe dieser Zeit, von Reiner, kommen wir im
folgenden Zeitraum.
Digitized by Google
Otbert u. Friderich von Lüttich. S. Trond. 289
welche er wenigstens in Lüttich selbst dem Aufkommen der Gegen-
partei kräftig entgegentrat.
So lange Otbert lebte, hielt er mit starker Hand die bischöf-
lichen Rechte aufrecht, und so sehr er auch angefeindet wurde,
stellte man ihm doch keinen Gegenbischof entgegen. Als aber nach
seinem Tode (1119) gegen den rechtmäfsig gewählten und belehnten
Bischof Alexander Friderich von Namur vom Erzbischof von Köln
aufgestellt wurde und sich durch seine Hausmacht behauptete, da
wüthete überall Feuer und Schwert, und der ganze Sprengel wurde
von Kriegslärm erfüllt. Friderich starb schon 1121 und zwar nach
der Behauptung Beines Biographen an Gift, wovon jedoch in der
Chronik von S. Trond, obgleich der Abt Rudolf sein eifriger An-
hänger war, kein Wort zu finden ist. Bald erzählte man sich von
Wundern an seinem Grabe, und etwa zwanzig Jahre später beschrieb
ein ungenannter Verfasser, der aber alles noch selbst mit erlebt zu
haben behauptet, sein Leben und Ende im gewöhnlichen Legenden-
Stil »).
Ungleich mehr Licht als diese dürftige Lobpreisung wirft auf
jene Zeiten die Klostergeschichte von S. Trond2), deren erste
sieben Bücher der Abt Rudolf selbst verfafst hat. Sie reichen von
628 bis zu seiner Wahl im J. 1108. Schon als Scholaster und als
Prior hatte er sich rastlos bemüht, der grofsen Verwilderung der
Mönche zu steuern, und endlich die Annahme der Ordnungen von
Cluny durchgesetzt. Nach vielfachen Kämpfen, die er für sein
Kloster zu bestehen hatte, wurde er 1119 als Anhänger Friderichs
von Namur auch in die Stürme dieses Schisma hineingezogen, und
nach unsäglichen Leiden und Mühen gelangte er erst spät zu einer
gesicherten Stellung, in welcher er den Wohlstand des Klosters her-
stellte. Davon giebt uns die noch vor seinem Tode (1138) von
einem vertrauten Freunde Rudolfs geschriebene Fortsetzung bis zum
J. 1136 ausführliche Nachricht. Von geringerem Werthe ist die
zweite Fortsetzung bis 1183.
Zuletzt fügte am Ende des vierzehnten Jahrhunderts ein anderer
Mönch von S. Trond nicht nur eine weitere Fortsetzung bis 1366
hinzu, sondern er überarbeitete auch mit einem grofsen Aufwand
von Gelehrsamkeit den ersten Theil, die älteste Geschichte des
*) Vita Friderici ep. Leod. ed. Wattenbach, Mon. SS. XII, 501 — 508.
2) Gesta abbatum Trudonensium ed. Koepke, Mon. SS. X, 213 — 448. Jakob
von Guise citirt eine umfangreiche Reimcbronik von Wilhelm, Abt von S. Tron.
Sie scheint dem elften Jahrhundert anzugehören, aber ein Abt Wilhelm war erst
1248 -1272. Archiv IX, 358.
19
Digitized by Google
290
IV. Salier. § 21. LUttich. § 22. Gembloux.
Klosters, welche der Abt Rudolf, da es ihm darüber fast ganz an
Nachrichten fehlte, nur obenhin und kurz berührt hatte.
Dieses Werk also, welches uns die Schicksale eines bedeuten-
den Klosters während eines langen Zeitraumes und gerade in der
wichtigsten Periode mit grofser Ausführlichkeit und völlig zuverlässig
vor Augen führt, ist, auch abgesehen von den vielen werthvollen
Beiträgen zur allgemeinen und Landesgeschichte, aufserordentlich
lehrreich. Wir sehen das Kloster in gutem Zustande, durch den
Ruf strenger Zucht angesehen; dann erregen gegen den Rath und
Wunsch der besseren Mönche Wunder ihrer Reliquien einen grofBen
Zulauf, der Reichthum wächst und damit reifst üeppigkeit, bald auch
Zwietracht ein — doch wir dürfen uns nicht dabei auf halten, die
wechselnden Geschicke des Klosters zu verfolgen, und müssen uns
begnügen, diese Chronik als einen rechten Spiegel des Klosterlebens
dem Leser zu empfehlen, um so mehr, da jetzt die Ausgabe von
Koepke, nach dem Original gearbeitet, einen völlig zuverlässigen
und treuen Text darbietet.
Unter den Klöstern der Stadt LUttich zeichnete sich beson-
ders S. Lorenz aus, schon von Everaklus begonnen, aber erst
60 Jahre später (1034) von Reginard vollendet. Eine ganze Reihe
ausgezeichneter Männer hat ihm angehört, Uber welche später Reiner
ein eigenes Büchlein verfafste. Der bekannteste aus dem vorliegen-
den Zeiträume ist Rupert von Deutz, ein Schüler Heribrands,
der 1115 ( — 1130) Abt des Klosters wurde. Das Mönchskleid em-
pfing er von Heribrands berühmtem Vorgänger Berengar (1076-1115),
dessen streng liildebrandischer Gesinnung er sich völlig anscklofs.
Schon früh machte er sich als theologischer Schriftsteller bekannt,
so dafs sogar um seinetwillen Wibald mit seinem Lehrer von Stablo
nach LUttich kam. Litterarische Fehden mit den damals hochge-
feierten Lehrern Wilhelm von Champeaux, Bischof von (Jliälons und
Anselm von Laon erregten so heftige Feindschaft gegen ihn, dafs
Berengar ihn sterbend nach Siegburg zum Abt Kuno sandte ; er hatte
dann in LUttich eine förmliche Anklage zu bestehen, rechtfertigte
sich aber erfolgreich und ritt 1117 auf seinem Esel kühnes Muthes
nach Frankreich, um seine Gegner im eigenen Lager zu bekämpfen.
Auch Norbert gehörte dazu. Die Wahl des Bischofs Friderich von
LUttich führte ihn nach Köln, von wo der Erzbischof Friderich ihn
wieder zum Abt Kuno nach Siegburg schickte, und nach dem Tode
des Abtes Markward von Deutz, der hier die Siegburger Regel ein-
geflihrt hatte, im J. 1119 oder 1120 zum Abt von Deutz erhob. Im
Jahre 1124 reiste er nach Rom, wo er der Weihe des Papstes
Digitized by Google
S. Lorenz. Rupert von Deutz. Gembloux. 291
Honorius II beiwohnte, dem er später eine seiner Schriften widmete.
Am 4. März 1129 oder 1130 ist er gestorben.
Die von Rupert verfafste neue Bearbeitung des Lebens Heriberts
erwähnten wir schon ; eine sehr genaue und besonders auch durch
geschichtliche Nachrichten aus der früheren Zeit nicht unwichtige
Beschreibung der grofsen Feuersbrunst, welche Deutz im Jahre 1128
verzehrte, hat Jaffö, Mon. SS. XII, 624 — 638, neu herausgegeben und
in der Einleitung die Nachrichten Uber Ruperts Leben und Schriften
zusammengestellt und kritisch gesichtet1).
Den gröfsten Ruhm jedoch erntete Rupert durch seine umfang-
reichen theologischen Schriften, deren Handschriften alle Biblio-
theken erfüllen. Fast vergessen dagegen und in keiner Handschrift
erhalten ist eins seiner frühesten Werke, die Geschichte des Lorenz-
klosters bis 1095, welche nur in fragmentarischer und interpolirter
Gestalt auf uns gekommen ist5). Doch auch so verdient es Beach-
tung, theils wegen der Nachrichten Uber die älteren Lütticher
Bischöfe, welche schon der Sagenbildung anheim gefallen sind, theils
wegen des umständlichen Berichtes Uber die Verfolgungen, welche
der Abt Berengar von den Bischöfen Wolbodo und Otbert zu er-
leiden hatte. In dieser Geschichte ist aufser Anselms Bisthums-
chronik auch schon Sigeberts Chronik benutzt, ferner eine kleine
Schrift des Mönches Ludwig Uber die Uebertragung von Reliquien
des h. Lorenz aus Rom nach Lüttich, im J. 1056, welche noch vor-
handen ist8).
§ 22. Gembloux.
Nirgends vielleicht hatte sich das Klosterleben so reich ent-
faltet wie in Belgien und ganz vorzüglich im Lütticher Sprengel.
Der Klöster Stablo4), S. Hubert, S. Trond, welche ebenfalls hierher
gehören, wurde schon oben gedacht. Eine eingehendere Betrach-
tung aber gebührt dem Kloster Gembloux wegen seines welt-
berühmten Chronisten, des Sigebert5).
Gembloux ist eine Stiftung des Wicbert, eines Mannes von
sehr angesehener Familie, welcher die Ritterwaffen mit dem Müncbs-
') Nachzutragen ist die Bekehrung des Kölner Juden Judas, s. unten V, 3.
5) Ruperti Chronicon S. Laurentii Leodiensis ed. Wattenbach, Mon. SS. VIII,
261—279.
3) De adventu reliquiarum S. Laurentii prosa Ludowici senioris. Pez Thes.
IV, 3 p. 1-4.
4) Annales Stabulenses bis 1087, nicht reichhaltig, aber mit einigen nützlichen
Notizen, bei Reiffenberg, Monuments de Namur etc. VII, 195.
6) Vgl. S. Hirsch, De Vita et Scriptis Sigiberti, Berlin 1841. 8. und Belh-
manns Vorrede zu Sigeberts Chronik, SS. VI, 268 IT.
19 *
Digitized by Google
292
IV. Salier. § 22. Gembloux.
kleide vertauschte und auf seinem Erbgute das Kloster gründete,
welches er dem Erluin Ubergab. Er selbst zog sich in das Kloster
Gorze zurück, welches eben damals in hohem Ruhme stand und
dessen Ordnungen auch in Gembloux eingeführt wurden. Verschie-
dene Anfechtungen bewogen Wicbert 946, eine Bestätigung der
Gründung von Otto I auszuwirken, doch hörten darum die Angriffe
der Verwandten, von denen alle Klosterchroniken zu berichten haben,
nicht auf, Erluin wurde sogar 957 geblendet. Wicbert war kühn
genug, den Ungern auf ihrem Raubzuge durch Lothringen 954 das
Evangelium zu predigen, und soll sogar einige von ihnen bekehrt
haben. Am 23. Mai 962 starb er, 987 Erluin. Dieser fand schon
bald nachher einen Biographen an dem Mönch Richarius, welcher
in recht fliefsenden Versen sein Leben beschrieb und sein Werk dem
Bischof Notger (972 — 1008) widmete.
Auf Erluin folgte bis 991 sein Bruder Heriward und dann bis
1012 sein Vetter Erluin II, unter dem das Kloster bereits innerlich
wie äufserlich zerfiel. Darauf aber gab ihm Bischof Balderich den
schon oben erwähnten Olbert zum Abt, welcher mit grofser Kraft
die Zucht herstellte, die äufseren Güter wieder herbeibrachte und
ordnete und besonders auch der Schule sich annahm. Wie ein
zweiter Pliiladelphus, sagt Sigebert, sorgte er für die Bibliothek und
brachte 100 Bände geistlichen, 50 Bände weltlichen Inhaltes zu-
sammen. Dabei verschmähte er nicht, selbst an der Handarbeit
Theil zu nehmen, welche damals noch nach der ursprünglichen Regel
den Mönchen oblag; er selbst half die Fischteiche graben, welche
für alle Klöster so wichtig waren. Wir sahen schon, dafs Balderich
ihm auch das neu gestiftete Jakobskloster übergab; es waren be-
sonders Mönche aus der Zucht des Abtes Richard, die er hierher
zog, wie auch sein eigener Nachfolger in Gembloux, Mysach oder
Mazelin, ein Schüler Richards war.
Unter diesem Olbert nun wurde Sigebert, um das Jahr 1030
geboren, ein romanischer Belgier, Mönch von Gembloux und erhielt
hier die ausgezeichnete Schulbildung, von welcher alle seine Schriften
Zeugnifs geben1). .Er war noch sehr jung, als Mazelins Bruder Ful-
kuin, Abt von S. Vincenz zu Metz , ihn nach seinem Kloster berief,
um die Leitung der Schule zu übernehmen, welcher er eine lange
Reihe von Jahren mit so gutem Erfolge Vorstand, dafs zahlreiche
Schüler von allen Seiten ihm zuströmten. Um das J. 1070 kehrte
er nach Gembloux zurück und wirkte hier noch über 40 Jahre als
1) Sigeberls Schüler Godeschalk sagt von ihm, er habe lange mit dem Abte
Olbert (f 1048) gelebt, Gesta abb. Gembl. e. 64.
Digitized by Google
Stiftung von Gembloux. Olbert. Sigebert.
293
Lehrer und Schriftsteller, allgemein verehrt und bewundert; aller
Ehrgeiz lag ihm fern, und wie er nie nach einer höheren Stellung
verlangte, so vermied er auch jede Berührung mit dem weltlichen
Treiben, -welches so viele Mönche ihrem eigentlichen Berufe mehr
oder weniger entfremdete. Seinem Kloster war er mit der innigsten
Liebe zugetban und ein besonderer Verehrer des Stifters Wicbert,
dessen Leben er auch beschrieb. Gegen das Ende des elften Jahr-
hunderts verbreitete sich der Ruf von Wundern am Grabe Wicberts,
und auch in der Ferne wurde er schon mit gutem Erfolge ange-
rufen. Da bemühte sich nun Sigebert mit dem gröfsten Eifer, ihn
zur vollen Anerkennung als Heiligen zu bringen; es gelang ihm,
von Otbert die Erlaubnifs zur feierlichen Erhebung der Gebeine zu
erlangen, die am 23. Sept. 1110 geschah1); er verfafste noch selbst
die Antiphonen und Lectionen zur kirchlichen Feier des neuen
Festes, dann starb er am 5. Oct. 1112.
Sigebert hat sowohl als Lehrer wie durch das grofse Gewicht,
welches seine Meinungen und Ansichten auch bei den Häuptern der
Lütticher Kirche hatten, eine bedeutende Wirksamkeit ausgeübt und
nicht wenig dazu beigetragen, dafs im Gegensatz zu einigen eifrig
gregorianischen Aebten diese Kirche in ihrer Mehrzahl der kaiser-
lichen Sache treu blieb. Auch Sigebert war ein echter Mönch, er
erfüllte mit der gröfsten Gewissenhaftigkeit alle Pflichten seines
Berufes, beschäftigte sich eifrig mit theologischen Studien und schrieb
verschiedene Werke über kirchliche Gegenstände, aber er war der
übertriebenen Ascetik abgeneigt, und sein ganzes Wesen war erfüllt
von Wohlwollen und milder Freundlichkeit. So aufrichtig er selbst
dem Klosterleben zugethan war, so wenig billigte er die damals
herrschende Richtung, welche der ganzen Kirche das Joch des
Mönchsthums aufzwingen wollte, und noch weniger billigte er die
Gewaltsamkeit, mit welcher Hildebrand seine Prineipien durchsetzte,
und die Mifsachtung der geschichtlich und rechtlich begründeten
kaiserlichen Autorität. Diese Ansichten sprach er furchtlos aus in
Abhandlungen, die in Briefform erschienen und bedeutenden Ein-
druck machten. Er trat gewissermafsen als das Organ der Lütticher
Kirche auf, und der Archidiakon Heinrich, sein vertrauter Freund,
war es, auf dessen Wunsch er diese Schriften verfafste. Zuerst
*) Davon handelt die Ilistoria Elevationis S. Wicberti, SS. X, 516 — 518, nach
Sigeberts Tode geschrieben. An diese schließen sich die Wunder p. 518 — 523
mit einem Prolog von Sigebert, aber auch nach seinem Tode verfallt. Sie sind
gut geschrieben und reichhaltiger wie andere Schriften der Art.
Digitized by Google
294
IV. Salier. § 22. Gembloux.
schrieb er eine Widerlegung des berühmten Briefes Gregors VU an
Hermann von Metz, über die Berechtigung des Papstes, den König
in den Bann zu thun und den Eid der Treue aufzuheben ’), auf den
auch Waltram von Naumburg und Wenrich im Namen Dietrichs von
Verdun antworteten. Dann verfafste er eine Widerlegung der Be-
hauptung, dafs die Messen verheiratheter Priester ungültig wären3).
Er greift darin nicht sowohl die Forderung des Coelibats an, als
die Aufreizung der Laien, der Masse des Volkes zur gewaltsamen
Erhebung gegen die Priester, ein Verfahren, welches vorzüglich
überall zu den ärgsten Gewaltthaten geführt und den bis dahin so
blühenden Zustand der Kirche aufs Traurigste verwüstet hatte.
Diese schlimmen Folgen der neuen Lehren stellt er in der eindring-
lichsten Weise dar.
Zuletzt veranlafste ihn derselbe Archidiakonus Heinrich noch
einmal zu einer ähnlichen Schrift im Namen der ganzen Lütticher
Kirche, als nämlich Paschalis H im J. 1102 oder 1103 den Grafen
Robert von Flandern zu einem förmlichen Kreuzzuge gegen dieselbe
aufgerufen hatte , weil sie nicht von ihrem Kaiser lassen wollte 3).
In diesem Sendschreiben entwickelt Sigebert mit besonderer Ein-
dringlichkeit das Schriftwidrige dieses Verfahrens und wies die ent-
gegengesetzten Aussprüche und Beispiele früherer Päpste, besonders
Gregors des Grofsen, und anderer Kirchenväter nach. Es spricht
sich eine treffliche, edle Gesinnung darin aus, und die treffende,
wohl durchdachte Beweisführung verdient nicht geringere Anerken-
nung. Die Sprache aber ist nicht frei von Verstöfsen gegen die
Grammatik und leidet namentlich an dem so häufigen Fehler ge-
reimter Satztheile: einem Fehler, der nicht Sigebert, sondern seiner
Zeit und besonders der Lütticher Schule eigen ist. Nach dem Ge-
schmack und Urtheil seiner Zeitgenossen schrieb Sigebert schön, war
er ein vortrefflicher Stilist, und er wandte in üblicher Weise diese
Kunst zur Bearbeitung älterer Legenden , wie z. B. des h. Lambert,
!) Betlimann glaubte dieses Schreiben zu erkennen in der Schrift: Dicta
cuiusdam de. discordia papae et regia priorum reprehensa exemplis, zu welcher
am Rande bemerkt ist: nimirum Sigeberti; jetzt gedruckt bei Floto Heinrich IV,
I, 437. Es ist dieses eine sehr heftige Parteischrifl, geschrieben nach der Ein-
setzung G uiberts und Hrinrichs Kaiserkrönung, welche ganz mit Heinrichs IV Ab-
sagebrief an Gregor übereinstimmt. Sie handelt von Nikolaus II Wahlordnung und
fuhrt die Beispiele an von Kaisern, welche Papste abgesetzt haben. Heinrichs Ent-
setzung und der gegen ihn ausgesprochene Bann dagegen werden nicht erwähnt.
Es scheint daher kaum wahrscheinlich, dafs dieses jene von Sigebert erwähnte
Schrift ist. — 3) Martene Thes. 1, 230. cf. Hirsch p. 203 ff.
3) Gedr. in den Sammlungen der Concilien und sonst häufig. Eccard. II, 238.
Digitized by Google
Sigeberts Sendschreiben. Vita Deoderiei, Wicberti. 295
an, dessen Geschichte er einmal in dem gesuchten und überladenen
Stil damaliger Schönrednerei und einmal in einfacherer Weise be-
handelte. Er selbst sagt, dafs viele diese letztere vorzögen.
Zu seinen frühesten Werken gehört das Leben des Bischofs
Dietrich von Metz1) (965 — 984), welches er während seines
Aufenthaltes im Vincenzkloster verfafste, um den Stifter dieses Klo-
sters zu verherrlichen. Es ist bei einer Jugendarbeit nicht zu ver-
wundern, dafs eine gesuchte Zierlichkeit des Ausdruckes und zur
Schau getragene Gelehrsamkeit darin am meisten hervortreten. Da-
neben bemerkt man aber auch schon die fleifsige Benutzung der
Quellen, welche ihm zu Gebote standen, Paulus Diakonus Geschichte
der Bischöfe von Metz, Widukind, Ruotgers Leben des Bruno von
Köln, ein gleichzeitiger Bericht Uber die von Bischof Dietrich mit-
gebrachten Reliquien, Konstantins Leben des Adalbero von Metz,
dazu die Urkunden und die mündliche Ueberlieferung von S. Vin-
cenz. Dafs die Stiftung dieses Klosterä besonders hervorgehoben
wird, ist natürlich, und begreiflich ist es auch, dafs die Fehler des
Bischofs, namentlich seine Untreue gegen Otto III, verschwiegen
werden, wie das in Schriften dieser Art regelmäfsig geschah, aber
loben kann man es nicht, und Sigebert selbst hat später in seiner
Chronik anders Uber Dietrich gesprochen.
Nach Gembloux zurückgekehrt, feierte Sigebert, damals 44 Jahre
alt, in einem gröfserem Heldengedichte das Martyrium der thebäischen
Legion, wie es in der gangbaren Legende beschrieben war2). An
der Wahrheit derselben zu zweifeln, mochte ihm wohl fern liegen;
die Art aber, wie er zur Belebung und Bereicherung seines Stoffes
den geschichtlichen Hintergrund behandelt, zeigt eine vollkommene
Vertrautheit mit der Geschichte jener Zeiten, während zugleich die
Beherrschung der Sprache und die Gewandheit im Versbau alles
Lob verdienen, und sowohl die Anordnung des Ganzen als auch
einzelne Schilderungen beweisen, dafs es Sigebert nicht an dichte-
rischer Begabung fehlte.
Um dieselbe Zeit, noch vor dem Tode des Abtes Mazelin
(11. Nov. 1071), verfafste Sigebert auch das Leben Wicberts,
des Stifters von Gembloux, und die Geschichte des Klosters,
die er jedoch nur bis zum Tode Oiberts (1048), zum Beginn der
Regierung des damals noch lebenden Abtes fortführte3). Im Kloster
!) Vita Deoderiei Met. auct. Sigeberto ed. Perlz, Mon. SS. IV, 461 — 483.
*) Perlz, Ueber Sigeberts drei Bücher De passione Sanctorum Thebaeoruin,
im Archiv XI, 1 — 17.
8) Vita Wicberti et Gesta abbalum Gemblaccnsium auctoribus Sigeberto et
Godescalco, ed. Pertz, Mon. SS. VIII, 504 — 564, nach der Original - Handschrift;
Digitized by Google
296
IV. Salier, § 22. Gembloux.
selbst hatte nur Richarius das Leben Erluins behandelt, aber
auch diese Schrift war fast verloren und nur noch in Bruchstücken
erhalten; eins davon hat Sigebert in sein Werk aufgenommen. Fol-
kuin in seiner Geschichte von Lobbes hatte Erluins gedacht, aber
in unvorteilhafter Weise, und Sigebert tritt seiner Darstellung ent-
gegen. Hauptsächlich war es also die mündliche Ueberlieferung,
auf welche dieser angewiesen war, für die er aber durch die von
ihm vollständig aufgenommenen Urkunden einen festeren Halt ge-
wann, während die genaue Kenntnifs der lothringischen Geschichte
ihn in den Stand setzte, eine Darstellung zu geben, welche auch
für die Zeit Ottos des Grofsen lehrreich ist ; mit besonderer Vorliebe
wird sodann die Wirksamkeit Olberts geschildert, den er noch per-
sönlich gekannt hat und dessen Andenken im Kloster fortlebte.
Gegen die Mitte des folgenden Jahrhunderts Betzte Sigeberts Schüler
Godeschalk diese Klostergeschichte weiter fort, bis zum Tode des
Abtes Anselm (1136). Auch diese Fortsetzung enthält gute Nach-
richten, namentlich über Sigebert. Ueber seine Schriften aber hat
Sigebert selbst uns die vollständigste Angabe hinterlassen in dem
letzten Capitel seines Werkes über die kirchlichen Schriftsteller '),
welches übrigens sehr nachlässig gearbeitet und von geringem
Werthe ist. -e w
Das Hauptwerk Sigeberts, dasjenige, auf welchem besonders
sein hoher Ruhm bei den Zeitgenossen und bei der Nachwelt be-
ruht, ist seine Chronik. Lange Zeit galt sie für eine der mäch-
tigsten Autoritäten, und bis auf die neueste Zeit findet man sie
überall vielfach angeführt. Erst jetzt beginnt ihr Ansehen zu
schwinden , da nur für einen geringen Theil die ursprünglichen
Quellen nicht bekannt sind und da die Ungenauigkeit seiner An-
gaben nachgewiesen ist. Bethmann, welcher zuerst nach der von
ihm entdeckten Original - Handschrift den reinen und unverfälschten
Text a) herausgegeben , die Chronologie geprüft und überall die
Quellen nachgewiesen hat, gesteht dem ersten Theile des Werkes
gar keinen Nutzen zu und stellt auch den folgenden nicht hoch.
früher waren nur sehr mangelhafte Auszüge bekannt. Den Schlufs bildet ein Be-
richt über die Verbrennung und Plünderung von Gembloux im J, 1185, von dem
Mönch Guibert, einem Augenzeugen.
l) De Scriptoribus eedesiasticis, am besten in A. Miraei Bibliotheca ecdesiastica
ed. II. cur. J. A. Fabricio. Vgl. Hirsch p. 330 — 337.
J) Auch ohne den Zusatz über die Päpstin Johanna, deren Erfindung man
früher Sigebert Schuld gab. Die Ausgabe steht Mon. SS. VI, 300 — 374, wo sich
die verschiedenen Fortsetzungen anschliefsen. Ueber den abweichenden und erwei-
terten Text in den Annales Hannoniae des Jacques de Guise, Wilmans Archiv
IX, 343 — 347.
Digitized by Google
Oesta abb. Gfmblacensinm. Sigfberts Chronik. 297
Zum Theil rührt dieses von denselben Eigenschaften her, die ihn
als Schriftsteller auszeichnen, indem er immer nur seinen eigent-
lichen Zweck, eine chronologische Uebersicht der Weltgeschichte,
im Auge hatte und deshalb weder locale Nachrichten aufnahm, noch
auch wie Hermann von Reichenau und Ekkehard die Geschichte
seiner eigenen Zeit unverhältnifsmSfsig ausführlich behandelt hat.
Erst im letzten Jahrzehnt seines Lebens, also schon in hohem
Alter, scheint Sigebert die Ausarbeitung dieser Chronik begonnen
zu haben, und sein Hauptziel dabei war die Feststellung der Chrono-
logie: eine Aufgabe, welche jedem, der sich damals mit geschicht-
licher Forschung beschäftigte, als die allerdringendste erscheinen
mufste und deren Lösung mit den gröfsten Schwierigkeiten verbun-
den war. Das Werk des Marian war Sigebert bekannt geworden,
und er stellte es sehr hoch, obgleich es ihn nicht befriedigte. Es
kam der damaligen Welt vor allem darauf an, für die zahllosen
Legenden eine sichere historische Anknüpfung zu gewinnen: man
hatte einerseits überaus magere Annalen, andererseits die so sehr
werth gehaltenen Heiligengeschichten, denen es meistens an bestimm-
ten Zeitangaben fehlte. Daher wiederholt sich immer das Bestreben,
die Legenden dem annalistischen Rahmen einzufligen, und dies
mufste um so mehr zu Irrthümern führen, da die älteren Legenden
meistens untergeschoben und im Widerspruch mit der richtigen
Chronologie waren. Unsägliche Mühe hat dieser Umstand den Ge-
lehrten des Mittelalters verursacht, und man kann es Sigebert nicht
zum Vorwurf machen, dafs er, obwohl nicht ganz ohne Sinn für
historische Kritik, doch viele Fabeln gläubig annahm, an denen zu
zweifeln nicht leicht jemand sich beikommen liefs.
Sigeberts Fleifs und seine aufserordentliche Belesenheit verdie-
nen die gröfste Anerkennung, auch ist die Auswahl der aufgenom-
menen Nachrichten verständig und seinem Zwecke angemessen, aber
an Genauigkeit in der chronologischen Anordnung fehlt es ihm mehr,
als man erwarten sollte, auch da wo nicht gerade die Mangelhaftig-
keit seiner HUlfsmittel ihn entschuldigt. Sein Werk schliefst sich
unmittelbar an die Chronik des Hieronymus und Prosper an und
beginnt deshalb erst mit dem J. 381 , nach einer kurzen Einleitung
Uber den Ursprung der verschiedenen Reiche, deren Regenten er
synchronistisch mit den Jahren der christlichen Zeitrechnung ver-
bindet. In der Behandlung der neueren Geschichte zeigt Sigebert
dieselbe verständige Mäfsigung, welche seinem ganzen Wesen eigen
ist; er schliefst sich keiner Partei an und ist sehr vorsichtig in »
seinem Urtheil, verhehlt aber doch auch hier nicht seine Mifsbilli-
Digitized by Google
298 IV. Salier. § 22. Gembloux. § 23. Cambray und Toumay.
gung des neuen und unerhörten Verfahrens Gregors VII, die Ge-
meinde gegen die Priester und die Völker gegen die Könige zu den
Waffen zu rufen.
Schon vor dem Jahre 1106 hat Sigebert seine Chronik ausge-
geben, und bald darauf wurde sie von Ekkehard zu einer neuen
Bearbeitung seines Werkes benutzt; der Verfasser fuhr jedoch fort
daran zu arbeiten und überschritt hier ein wenig das Mafs seiner
früheren Darstellung. Zum Jahre 1105 nahm er ein sehr schätz-
bares Schreiben Uber die Einsetzung des Gegenpapstes Maginulf auf,
und 1106 den auch sonst bekannten Brief Heinrichs IV an den
König Philipp von Frankreich. Auch in Beziehung auf den In-
vestiturstreit mifsbilligte Sigebert die aller Geschichte widerstreitende
und in der Durchführung unmögliche Forderung der damaligen
Päpste, welche das alte Band zwischen Staat und Kirche ganz
zerreifsen wollten; sein Werk beschliefst Heinrichs V Vertrag mit
Paschalis vom 13. April 1111. Bei den vielen widersprechenden
Nachrichten Uber diese Vorgänge begnügte er sich mit der Dar-
stellung derselben, welche des Kaisers Rundschreiben enthielt, und
theilte die Actenstücke vollständig mit.
In demselben Jahre, am fünften October, starb Sigebert. Seine
Chronik war schon damals in Abschriften weit verbreitet und wurde
bald die vorzüglichste Grundlage aller Geschichtskenntnifs in den
Kirchen und Klöstern Belgiens und des nördlichen Frankreich. Zu-
gleich aber hatte man auch an diesen Handschriften eine sehr be-
queme Form, um Zusätze über die frühere Zeit einzuschieben und
Aufzeichnungen über die Zeitgeschichte nachzutragen. Beides ge-
schah zunächst im Kloster Gembloux selbst, wo der Abt Anselm
eine ausführliche Fortsetzung bis zum J. 1135 hinzufügte, die von
anderen bis 1148 fortgeführt wurde. Es ist Bethmanns Verdienst,
alle diese Zusätze der 33 von ihm benutzten Handschriften sorg-
fältig gesondert, ihrer Zeit und ihrem Werthe nach bestimmt und
in zuverlässigem Abdruck mit seiner Ausgabe des Sigebert verbun-
den zu haben. Am werthvollsten für die Geschichte des zwölften
Jahrhunderts sind die Zusätze und besonders die Fortsetzung (1149
bis 1237) aus dem Kloster Anchin im Artois1); sehr bedeutend,
aber vorzüglich für die normannisch -englische Geschichte, ist die
auf Sigeberts Werk begründete Chronik des Robert von Mont
S. Michel, welche Bethmann ebenfalls aus der eigenen Handschrift
‘) Auctarium Aauicinense SS. VI, 392 — 398; Continuatio Aquicinctina p. 405
bis 438. Ueber die hierin benutzten Ann. Aquicinenses vgl. auch Wilmans Arch.
IX, 348.
Digitized by Google
Sigeberts Chronik und Fortsetzer. Cambray. 299
des Verfassers in einem vielfach berichtigten Abdruck mitgetheilt
hat ‘).
§ 23. Cambray und Tournay. Mastricht,
Zu den besten und bedeutendsten Bisthumsgcschichten gehört
die Chronik der Bischöfe von Cambray, welche bis auf Beth-
manns Ausgabe auf den Namen eines gewissen Balderich von
Noyon ging, obgleich die verdächtige Natur der Documente, auf
welche allein diese Annahme sich stützte, schon früher bemerkt
worden war. Der Verfasser, auf dessen Namen wir verzichten
müssen, war vielmehr Domherr zu Cambray, wo er auch heimisch
war oder doch seit langer Zeit der Kirche angehörte, und stand in
nahem persönlichen Verhältnifs zu dem Bischof Gerhard, der von
1012 bis 1049 der Kirche Vorstand , welche Heinrich H ihm anver-
traut hatte. Dieser Gerhard war ein vornehmer Mann und Ver-
wandter des Erzbischofs Adalbero von Reims, der ihn unter seinen
Augen hatte erziehen und ausbilden lassen, bis er in die kaiserliche
Kapelle eintrat. Die filtere Geschichte seines Sprengels lag ihm
sehr am Herzen; schon bei Gelegenheit der Translation von 1015
bewog er den Fulbert, das Leben des alten Bischofs Autbert von
Cambray (633 — 669?) zu beschreiben3), und später gab er dem er-
wähnten Domherrn, welcher sich bereits an einer Ueberarbeitung
der Legende von dem noch älteren Bischof Gaugericus versucht
hatte5), den Auftrag die ganze Geschichte des Bisthums zu bearbei-
ten. Zwischen 1041 und 1043 hat dieser seine Aufgabe gelöst, in-
dem er im ersten Buch die Nachrichten Uber die ältere Zeit zu-
sammenstellte, im zweiten von allen Klöstern des Sprengels Auskunft
gab und endlich im dritten Buche die Regierung des Bischofs Ger-
hard sehr ausführlich behandelte. Die letzten Capitel (35 — 60) hat
er etwas später zugesetzt und damals auch Zusätze zu den früheren
*) Roberti de Monte Chronica a. 1100 — 1186, p. 480 — 535. Vgl. darüber
Pauli, Engl. Gesch. III, 858. Von nicht unbedeutendem Werthe scheint die versi-
ficirte Geschichte der Kaiserin Mathilde gewesen zu sein, welche unter dem Namen
Draco Normannicus nach Brials Vermuthung von Stephan von Rouen, Mönch
im Kloster llec, verfalsl war, Deutschland jedoch kaum berührte, ausgenommen im
dritten Buche, wo das Schisma unter Alexander III ausführlich behandelt war.
Fragmente der Vorrede und Inhaltsverzeichnifs der Capitel bei Brial, Notices et
Extraits de Manuscrits VIII, 297.
3) Liber quem Fulberlus doctor karissimus (al. clarissimus) de vita S. Aut-
berti iubente domno ep. Gerardo inseripsit. Gesta ep. Cam. I, 78. Man hält ihn
gewöhnlich für den Bischof Fulbert von Chartres (1017 — 1028). Dagegen hist,
fit. de la France VII, 277. Gedr. ap. Sur. Dec. 13.
*) Die älteren Acta desselben Acta SS. II, 670. Acta SS. Belgii ed. Ghes-
quiere II, 273.
Digitized by Google
300 IV. Salier. § 23. Cambray und Toumay. Mastricht
Theilen seines Werkes gemacht, wie das aus seiner noch jetzt, aber
leider unvollständig erhaltenen Urschrift zu ersehen ist; doch gehen
weder die Fortsetzung noch die Zusätze Uber das Jahr 1044 hinaus.
Sehr fleifsig und gewissenhaft hat der Verfasser alle Quellen benutzt,
welche ihm zugänglich waren, nämlich aufser den Heiligenleben aus
dieser Gegend den Gregor von Tours und die Gesta Francorum,
Flodoards Geschichte von Reims und Hinkmars Briefe, die Annalen
Einhards und die von S. Vaast, ferner die jetzt verlorenen, aber
auch von Jacob von Guise benutzten Annalen von 8. Ghislain *) und
Renaix2). Damit verband er die Urkunden seiner Kirche, von denen
er die wichtigsten vollständig aufnahm, und was ihm noch aus der
lebendigen Ueberlieferung zukam und glaubwürdig erschien. Denn
er strebte durchaus nach Wahrheit und hütete sich vor Fabeln ; aus-
drücklich spricht er den Grundsatz aus, lieber zu schweigen und
seine Unwissenheit zu bekennen, als sein Werk mit unzuverlässigen
und erdichteten Angaben zu schmücken. So ist es ihm denn ge-
lungen, eine Geschichte zu schreiben, welche vom zehnten Jahr-
hundert an nicht nur die Verhältnisse dieses Bisthums in helles
Licht setzt, sondern auch für die allgemeinere Geschichte von Be-
deutung ist. Schon Uber den Einfall der Ungern 953, dann Uber
Otto II, Uber seinen Zug gegen Paris und die lothringischen Ver-
hältnisse, aber auch Uber seine Niederlage in Kalabrien, über die
unruhigen Zeiten der Regentschaft und die folgenden Kaiser hat er
werthvolle Nachrichten aufbewahrt. Die Sprache ist ohne Anspruch
auf Zierlichkeit, aber doch frei von Ueberladung; auch scheut der
Verfasser sich nicht, gerade die im gewöhnlichen Leben üblichen
Ausdrücke anzuwenden, was natürlich in romanischen Ländern weit
leichter und häufiger vorkommt, wie in Deuu,lLIand.
Etwa dreifsig Jahre nach der Vollendung dieses Werkes wurde
eine Fortsetzung über die Regierung des Bischofs Lietbert (1051 bis
1076) hinzugefügt, welche später ein Mönch zum Heiligen Grabe
in Cambray, Namens Rudolf, zu einem eigenen Leben Lietberts
umarbeitete. Auch die Zeit Gerhards H (1076 — 1092) wurde bald
nach dessen Tode in ähnlicher Weise behandelt und vermuthlich
ebenso die Regierung der folgenden Bischöfe, aber leider ist uns
der weitere Text nicht mehr erhalten. Nur Auszüge liegen vor
von einem Mönche von S. G6ry aus dem J. 1180, der aber auch
nur bis 1095 erhalten ist, und aus dem J. 1191 von einem Dom-
herrn, der den letzten Theil dieses Abschnittes selbständig verfafst
*) Ann. S. Gisleni, s. Wilmans im Archiv IX, 356.
a) Chronica Rothnacensis ib. 363.
Digitized by Google
Gesta epp. Cameracensium. Tomellus n. a.
301
zu haben scheint. Die weitere Fortsetzung ist wiederum verloren.
Für den früheren Theil bis 1135 aber besitzen wir noch ein HUlfs-
mittel an einer französischen Uebersetzung vom Ende des dreizehn-
ten Jahrhunderts, deren Ende ebenfalls fehlt. Auch einem abkür-
zenden Ueberarbeiter des siebzehnten Jahrhunderts lag sie nur noch
bis 1151 vor. Ungeachtet so mancher Einbufse hat sich doch immer
noch genug erhalten, um dieser Bisthumschronik auch noch für das
zwölfte Jahrhundert ihren Rang unter den bedeutendsten und lehr-
reichsten Quellenschriften anzuweisen.
Im Mittelalter wurde sie aufser von Sigebert nur von den Local-
schriftstellern dieser Gegenden benutzt; 1615 erschien die erste Aus-
gabe von Colvener, Bouquet vertheilte sie in den 8. 10. und 11. Band
seiner Sammlung, worauf Dom Brial im 13. die Fortsetzungen von
1076 an zum ersten Male publicirte. Le Glay bereicherte 1834 seine
neue Ausgabe mit einem ausführlichen und lehrreichen Commentar,
und endlich begründete Bethmann die seinige durch eine genaue
nnd sorgfältige Benutzung aller erreichbaren Hülfsmittel und son-
derte zugleich die einzelnen Theile des Werkes mit schärferer Kritik
als bis dahin versucht worden war1).
Zunächst an diese Bisthumschronik schliefst sich, in manchen
Stücken dieselbe ergänzend, die Chronik des Andreasklosters zu
Cäteau Cambresis, welche wichtige Nachrichten Uber Heinrich IH
enthält. Le Glay war es, welcher zuerst das dritte Buch derselben
in seiner Ausgabe des sogenannten Baldericus veröffentlichte und
dann das ganze Werk Bethmann zur Publication Uberliefs3). Hier-
her gehört ferner des Tomellus Gründungsgeschichte des Klosters
Hasnon3), die unvollendete Chronik von Afflighem aus dem
zwölften Jahrhundv.. ^ , und aus dem benachbarten Sprengel von
Toumay Gisleberts Gedicht, wenn man es so nennen will, Uber
den Brand des Klosters S. Am and 1066, welches Bethmann zuerst
herausgegeben hat 6). Merkwürdig ist darin der Bericht Uber die
*) Gesta episcoporum Cameracensiuin, Mon. SS. VII, 393 — 525 und Addcnda.
Ueber die von Jakob von Guise benutzte Ilistoria Cameracensis und den Catalogus
episcoporum Cam. Wilmans im Archiv IX, 349 u. Bethmann p. 491. Vgl. W. Gie-
sebrecht, Gesch. d. Kaiserzcit II, 526.
s) Chronicon S. Andreae in Castro Cameraeesii (1001 — 1133) SS. VII, 526-550.
*) Tomelli Ilistoria monasterii Hasnoniensis (1070) Martene Thes. III, 777-796.
*) Chronicon Affligemense (1083 — 1109) ed. Bethmann, Mon. SS. IX, 407-417.
5) Gisleberti Elnonensis carmen de incendio S. Amandi, Mon. SS. XI, 409-432.
Annalen von S. Amand sind als Ann. Elnonenses maiores 542 — 1224, minores
533 — 1061 Mon. SS. V, 10 — 20, als Breve Cliron. Ein. bei De Smet, Recueil des
Chroniques de Flandre II, 1 — 26 gedruckt. Vgl. auch Wilmans über Jacques de
Guise, Archiv IX, 345—348. 352.
Digitized by Gc
302 IV. Salier. § 23. Tournay. Mastricht. § 24. Albert v. Achen.
Bittfahrt, welche die Mönche nach dem Brande mit den Reliquien
ihres Heiligen unternehmen, nach Cambray, Laon u. s. w. Von dem
Ertrag wird dann der Neubau unternommen. Der Verfasser hält (
sich aber besonders bei den Wundem auf, an die er lange und
schwülstige moralische Betrachtungen ankntlpft.
Eine Chronik des Klosters Aldenburg bis zum Jahre 1081 ist
von Malou 1840 in Quart herausgegeben, der Abt Hermann von dem
Kloster S. Martin zu Tournay schrieb die Geschichte der Her-
stellung dieses Klosters, welche von anderen von 1127 bis 1160 fort-
gesetzt wurde1).
Kaum zu den Geschichtsquellen zu rechnen ist das wunderliche
Werk eines Franzosen, Namens Jocundus, über die Wunder
des h. Servatius von Mastricht2). Seit der Verlegung des Bis-
thums nach Lüttich hatte man in Mastricht nichts mehr als den
h. Servatius und am alten Ruhme zehrend, widmete man sich ganz
seiner Verherrlichung. Es gab ein altes Buch Uber seine Wunder,
welches schon Gregor von Tours gekannt hat, das aber jetzt ver-
loren ist. Den Mastrichtem genügte es nicht und namentlich ver-
mifsten sie jede nähere Nachricht über seine Person, seine Herkunft. <
Das machte sich ein griechischer Mönch zu Nutze, wie denn auch
sonst die unverschämtesten Fabeln auf Griechen zurückgeführt wer-
den; er gerieth am Grabe des Heiligen in Verzückung und erklärte
ihn dann zufolge höherer Offenbarung für einen leiblichen Neffen
Johannes des Täufers. Dafs man in Mastricht an den Jahrhunderten,
welche dazwischen lagen, keinen Anstofs nahm, ist leicht zu begrei-
fen, aber dafs auch Sigebert (z. J. 399) das Märchen gläubig erzählt,
ist arg. Natürlich mehrten sich die Wunder, allein die Mastrichter
wurden nicht einmal dadurch bis zu schriftstellerischer Thätigkeit
begeistert. Da kam ihnen nun jener Jocundus zu Hülfe, ein Frem-
der, der von dem römischen Reiche immer als von einem fremden
spricht, der also wohl ohne Zweifel ein Franzose gewesen ist.
Dieser verfafste um das Jahr 1088 sein Werk, in dem er die un-
glaublichsten Wundergeschichten mit grofsem Wortschwall häufte:
eine gewaltige Masse Spreu, aus der es schwer ist, einige brauch-
bare Körner zu gewinnen. Doch ist es immer bemerkenswerth, dafs
auch er mit grofser Verehrung von Heinrich HI, von Heinrich IV
aber ebenfalls mit lebhafter Anerkennung schreibt, dafs auch er den
Verfall der Kirche und der Frömmigkeit, den er beklagt, nicht
*) Herimanni abbatis narratio de restauratione S. Martini Tornacensis, D'Achery
Spicileg. XII, 358 und ed. II. II, 888.
*) Jocundi Translalio S. Servatii ed. Koepke, Mon. SS. XII, 85 — 126.
Digitized by Google
Translatio S. Servatii. KreuzzUge.
303
Heinrich IY, sondern seinen Gegnern zuschreibt. Sodann ist es
auch der Mühe werth zu sehen, wie die Sagenbildung in die Ge-
schichte eindringt. Jocundus weifs Karl den Grofsen nicht mehr
von Karl Martell zu unterscheiden, und in der gänzlich verwirrten
Auffassung der lothringischen Verhältnisse ist er schon weit Uber
Kicher hinaus gekommen ; ja man findet bei ihm schon einen kleinen
Anfang jener auffallenden Fabeln Uber Heinrichs HI Kindheit, die
bei Gotfried von Viterbo zu einem vollständigen Roman ausgespon-
nen sind. Die Verehrung des h. Servatius in Deutschland ist es,
welche Jocundus weit von Mastricht abfuhrt; Quedlinburg war ihm
gewidmet; auch Pöhlde, was freilich Jocundus nicht erwähnt, was
aber vielleicht die grofse Verehrung Heinrichs IH für ihn erklärt,
von der Jocundus so viel zu erzählen weifs. Es fehlt seinen Be-
richten nicht ganz an geschichtlicher Grundlage, aber sie verschwin-
det beinahe unter der Zuthat von Fabeln und Uebertreibungen.
§ 24. Albert von Achen.
Es hat sich uns bisher noch keine Gelegenheit dargeboten, einen
eigenen, nicht unbedeutenden Zweig der historischen Litteratur zu
berühren, nämlich die Geschichtschreiber der KreuzzUge. Sie ge-
hören meistens Frankreich an, wo diese ganze Bewegung ihren Ur-
sprung genommen hatte und von wo namentlich der erste Kreuzzug
hauptsächlich ausging. Doch wurde auch Lothringen lebhaft davon
ergriffen, und einer der Hauptschriftsteller ist Albert, Kanonikus
von Achen, dessen Werk in zwölf Büchern bis 1121 reicht1). Ueber
seine Person wissen wir nichts, und es ist sogar zweifelhaft, ob er
nicht der Kirche von Aix in der Provence angehörte.
Die KreuzzUge haben aufserordentlich viel dazu beigetragen,
die Phantasie aufzuregen und das Wunderbarste glaublich erscheinen
zu lassen. Heimkehrende Kreuzfahrer liebten es, die unerhörtesten
Märchen zu erzählen, und sie fanden dafür überall gläubige Hörer;
ein Beispiel sahen wir schon oben an dem lügenhaften Berichte Uber
den Tod des Erzbischofs Thiemo von Salzburg. Die ganze Litte-
ratur über die KreuzzUge ist von diesem Geiste erfüllt, und sie hat
vielen Schaden angerichtet, indem sie den Sinn für nüchterne und
ernsthafte Erforschung der wirklichen Geschichte verdrängte. Jenes
Werk Alberts nun trägt in vollem Mafse denselben Charakter. Mit
glühender Begeisterung für den Gegenstand, ganz erfüllt von der
*) Alberti sive Alberici Chronicon Hierosolymilanmn de bello sacro, bei Bon-
gars, Gesta Dei per Francos I, 184 — 381. Ausführlich handelt über ihn v. Sybel,
Gesch. des ersten Kreuzzuges S. 72 ff.
Digitized by Google
304 IV. Salier. § 24. Albert von Acben. § 25. Franken.
Herrlichkeit jener Thaten der Christen im fernen Osten, deren Ruhm
die Welt erfüllte, greift Albert begierig alles auf, was ihm erzählt
wird, und schreibt es nieder. Ob die einzelnen Berichte und Schil-
derungen sich widersprechen, das kümmert ihn nicht. Kritik liegt
ihm völlig fern. Er ist nur aufs Eifrigste bemüht, alles was er er-
fahren hat, in möglichst glänzender Darstellung wieder zu erzählen,
und darin zeigt er sich nicht ungeschickt: der volle Glanz des idea-
lischen Ritterthums strahlt aus seinem Buche wieder, und es ist
nicht zu verwundern, dafs solche Schriften einen bezaubernden Ein-
flufs auf die Hörer übten, dafs immer neue Schaaren, von unwider-
stehlicher Sehnsucht getrieben, nach dem Heiligen Lande auf brachen.
Eigentliche Geschichte ist es aber nicht, was Albert schrieb; die
finden wir in anderen einfacheren Berichten, welche wenig von
jenem märchenhaften Schimmer an sich haben und daher auch bei
der Menge weit weniger Eingang fanden.
Die phantastische Kreuzzugslitteratur wurde in Deutschland
wohl gelesen, aber ihre Werke gehören fast ganz den Franzosen an,
und wir können uns deshalb auf diese kurze Erwähnung beschränken.
§ 25. Franken.
Die letzte grofse Weltchronik führt uns zurück in die Mitte
von Deutschland, nach Franken.
Wirz bürg war schon unter den Ottonen durch gelehrte Stu-
dien ausgezeichnet. Bischof Meinhard (1019 — 1034) berief den
Othloh wegen seiner Geschicklichkeit im Schreiben nach Wirzburg;
um dieselbe Zeit war dort ein Magister Pernolf hochberühmt1), zur
Zeit des Bischofs Heribert von Eichstedt (1021 — 1042), der in Wirz-
burg erzogen und unterrichtet war und eine besonders feine Bildung
sich erworben hatte; vorzüglich rühmte man ihn als Dichter, ebenso
wie seinen Vetter, den Abt Williram von Ebersberg, welcher die
Grabschrift Heriberts verfafste2). Der Eichstedter Schule stand
unter ihm Gunderam vor, der keine rechte Anerkennung fand, weil
er nur in der Heimath studirt hatte. Höchst ausgezeichnet war
Heriberts Nachfolger Gebchard, einer der bedeutendsten Staats-
männer am Hofe Heinrichs HI , dem dieser das gröfste Vertrauen
schenkte und den er nur ungern im J. 1055 von sich liefs, um als
Viktor II den päpstlichen Thron zu besteigen. Auf ihn folgte (1057
*) Famosus ille Wirzeburgensium magister Pcrnolfus. Anon. Ilaser. cap. 28
pag. 261.
a) bekannt durch seine Auslegung des Hohen Liedes; egregiun ille versifi-
cator beim Anon. Haser. c. 32. Die Aufschrift der Vorrede nennt ihn Scholasticus
Babinbergensis et monachus Fuldensis.
Digitized by Google
Albert von Acben. Wirzburg, Eichstedt, Herrieden. 305
bis 1075) Gundecharll, ebenfalls ein vortrefflicher Bischof der
alten Schule, welcher wahrhaft väterlich für sein Bisthum sorgte
und ein gesegnetes Andenken hinterliefs. Er liefe ein prächtiges
Buch anlegen, zunächst zu liturgischen Zwecken bestimmt, welches
aber auch einige geschichtliche Angaben, besonders die Folge der
Eichstedter Bischöfe, enthält ‘). Inhaltreicher ist das Werk eines
Mönches von Herrieden, von welchem sich leider nur ein Bruch-
stück erhalten hat1); vielleicht würde sein Werk besser in Ehren
gehalten sein, wenn er nicht auch zu den Gegnern Hildebrands ge-
hört hätte, wie alle jene Männer, die mit Liebe an dem alten blü-
henden Zustande der Kirche unter Heinrich III hingen. Erhalten
sind uns Nachrichten Uber die Eichstedter Bischöfe bis zum J. 1058;
es ist kein eigentliches Geschichtswerk, sondern in loser Form wird
eine grofse Fülle einzelner Geschichten mitgetheilt; Mazelin oder
Meinhard von Wirzburg spielt darin eine grofse Holle. Es ist die
harmlose Zeit des Friedens und der schönsten Entwickelung der
bischöflichen Territorien, die uns hier wie auch in dem Leben Mein-
werks von Paderborn sehr anschaulich geschildert wird, gut erzählt
und belebt durch viele charakteristische Züge, so dafs für die Phy-
sionomie jener Zeit und die Sittengeschichte viel daraus zu ler-
nen ist.
Die Kämpfe der weltlichen und geistlichen Macht traten dann
auch hier verheerend ein; einer der schlimmsten Eiferer, Adalbero
von Lambach, wurde Bischof von Wirzburg und machte es zum
Schauplatz der erbittertsten Kämpfe. Wir gedachten seiner schon
oben, in Verbindung mit seinen Genossen Gebhard von Salzburg
und Altmann von Passau3).
Bamberg hatte das besondere Glück, an dem Bischof Otto
(1103 — 1139) einen Vorsteher zu erhalten, der zwar der strengeren
kirchlichen Richtung zugethan war, aber doch stets den offenen
Bruch mit dem Kaiser zu vermeiden wufste. Er verband mit seinem
frommen Eifer viel weltliche Klugheit und sorgte nicht nur aufs
Beste für sein Bisthum, sondern bekehrte auch die Pommern, wo-
durch er sich besonders ein dauerndes Andenken gestiftet hat.
*) Gundechari Liber Pontificalis Eichstetensis ed. Bethmann, Mon. SS. VII,
239 — 253. Später, von 1297 an, sind in dieses Buch auch Biographien der Bi-
schöfe eingetragen, die bis jetzt nur auszugsweise publicirt sind.
2) Vollständig zuerst von Bclhmarin herausgegeben, Anonymus Ilascrensis de
episcopis Eichstetensibus, Mon. SS. VII, 253 — 267. Einige Geschichlchen von
Meinhard von Wirzburg daraus bei W. Giesebrecht, Gesell, d. Kaiserz. II, 71. 85.
3) Ueber das spätere Wirzburger Schisma unter Heinrich V (1122) ist beson-
ders lehrreich der Brief des Bischofs Gebhard bei Tengnagcl, Mon. p. 374.
20
Digitized by Google
306 IV. Salier. § 25. Franken. § 26. Ekkehard.
Unter seinen Vorfahren ist besonders der prachtliebende Bischof
Günther denkwürdig; er fand seinen Tod auf der Pilgerfahrt nach
Jerusalem (23. Juli 1065), von der Lambert und Marian berichten,
und auch der Biograph Altmanns von Passau, der ihn begleitete.
Auch der Scholasticus Ezzo nahm Theil daran, ein deutscher geist-
licher Dichter '), der auf Günthers Wunsch ein Lied von so grofser
Wirkung verfafste, dafs wer es hörte, eilte sich zu münchen. Damals
war die Bamberger Kirche durch Frömmigkeit und durch wissen-
schaftlichen Eifer vor allen ausgezeichnet; von Anfang an hatte
Heinrich II für einen tüchtigen Lehrer an seiner neuen Stiftung ge-
sorgt und aus der Lütticher Schule den Durand berufen, den er
1021 zum Bischof von Lüttich erhob. Später hat Williram hier ge-
lehrt und Anno, 1056 zum Erzbischof von Köln erhoben, die von
seinem Biographen sehr gerühmte Schule2) erst besucht und dann
geleitet.
Die übel berüchtigten Bischöfe Hermann (1065 — 1075) und
Robert (1075 — 1102), die wenigstens von den Gegnern Heinrichs IV
arg bezüchtigt werden, mögen schädlich gewirkt haben, aber Otto
führte wieder eine neue Blüthezeit herbei. Ein merkwürdiges Denk-
mal aus seiner Zeit ist die Sammlung des Bamberger Klerikers
Udalrich3), im J. 1125 dem Bischof Gebhard von Wirzburg ge-
widmet, bestimmt zur Ausbildung von Kanzlern und Staatsmännern.
Die Form der Briefe und öffentlichen Actenstücke wird darin an
Beispielen gelehrt, und als Vorbild, aber nicht allein zur Ausbildung
in der Form, sondern auch des Inhalts wegen, eine grofse Menge
der wichtigsten Schreiben und Urkunden aus jener Zeit mitgetheilt.
Uns ist darin sehr reichhaltiges Material zur Geschichte des Ver-
hältnisses zwischen den Kaisern und Päpsten erhalten; zugleich er-
sehen wir daraus die gründliche und tüchtige Weise, in der sich
damals die Geschäftsmänner an den bischöflichen Höfen und häufig
auch die Bischöfe selbst ausbildeten.
Ottos Persönlichkeit sowohl wie die aufsergewöhnlichen Um-
stände seiner Missionsreisen nach Pommern, und der glänzende Er-
folg derselben regten frühzeitig zu schriftlichen Aufzeichuungen Uber
ihn an, denen der Reichthum des vorliegenden Stoffes mehr Inhalt
und Werth verlieh, als der Mehrzahl anderer Legenden. In seiner
*) Schade, Geistliche Gedichte des 14. 15. Jahrhunderts. Hann. 1854 p. XXIII
bis XL. Vgl. Gervinus 1, 108.
2) scola Babinbergensium, qui tune temporis disciplinae, religionis ac studii
fervore cunrtis in Germania praepollebant. V. Ann. c. 1. Vgl. oben S. 230.
3) Codex Udairici Babenbergensis, gedruckt in Ekkards Corpus Hist. Medii
Aevi II, 1 — 374.
Digitized by Google
Bamberg. Bischof Otto.
307
Stiftung Michelsherg bei Bamberg1) beschrieb zuerst Ebbo sein
Leben nach persönlicher Bekanntschaft und nach den Mittheilungen
seiner Begleiter, besonders des Priesters Udalrich, der dem Bischof
sehr nahe gestanden und an seiner zweiten Reise nach Pommern
Theil genommen hatte. Diese Biographie stand in grofsem Ansehen
und wurde bei der Kanonisation im J. 1189 für authentisch erklärt.
Sie mufs schon zwischen 1147 und 1157 verfafst sein. Um dieselbe
Zeit schrieb auch der Scholasticus Her bord in demselben Stifte ein
Leben des Bischofs Otto nach den Berichten der Zeitgenossen.
Während Ebbo ohne grofses Geschick und ohne höhere Bildung in
einfacher Sprache berichtet, trat Herbord, im Besitze einer gründ-
lichen grammatischen Bildung, anspruchsvoller auf ; er kleidete sein
Werk in das Gewand eines Dialogs, in welchem er, der erst nach
Ottos Tode nach Bamberg gekommen war, sich von zwei Zeit-
genossen des Bischofs, Thiemo und Sefrid, über diesen berichten
läfst. Aber nicht nur in der formalen Bildung war er Ebbo über-
legen, sondern er Ubertraf ihn auch an geschichtlicher Einsicht, und
deshalb sind seine Nachrichten, obgleich er nicht mehr aus eigener
Anschauung schrieb, doch häufig denen des Ebbo vorzuziehen, wäh-
rend an anderen Stellen Ebbo sich als genauer bewährt.
Endlich hat auch noch ein jüngerer Zeitgenosse des Bischofs,
vermuthlich ein Prüflinger Mönch, gleichfalls noch vor dem Jahre
1158 eine Biographie desselben verfafst; er kannte aber bereits die
Schriften des Ebbo und des Herbord, verband beide mit einander
und fügte einige Züge aus mündlicher Ueberlieferung hinzu, die
bereits einen sagenhaften Charakter annehmen. Nur diese letzte
Biographie ist uns in unverkürzter Gestalt erhalten und von End-
licher in einer Heiligenkreuzer Handschrift entdeckt worden, die an-
deren beiden dagegen haben sich nur in Ueberarbeitungen, nament-
lich in den grofsen Compilationen des Abtes Andreas vom Michels-
berg (1483 — 1502) erhalten11).
§ 26. Ekkehard.
Ekkehardi Uraugiensis Chronica ed. Waitz, Mon. SS. VI, 1—267. Archiv VII, 469 — 509.
Vgl. Waitz in Schmidts Zeitschrift II, 106.
Der Bischof Otto von Bamberg zeigte sich besonders eifrig in
der Stiftung neuer Klöster und in der Erneuerung und Reform älterer
l) Unbedeutende Annales S. Michaelis Bab. (1066 — 1160), Mon. SS. V, 9. 10.
a) Nach der vortrefflichen Untersuchung von Klempin, Baltische Studien IX,
1 ff. hat jetzt R. Koepke die verschiedenen Texte, so weit es möglich war, her-
gestellt und herausgegeben, Mon. SS. XII, 721 — 919. Geringen Werth hat die
erst 1281 mit Benutzung des Lebens Ottos von Bamberg geschriebene Biographie
20’
Digitized by Google
308
IV. Salier. § 26. Ekkehard.
Stiftungen, theils nach der Hirschauer Regel des Abtes Wilhelm,
theils nach der damals neu entstandenen und rasch verbreiteten
Regel der Cisterzienser.
Im J. 1108 stiftete er nach Hirschauer Regel das Kloster Aurach
und setzte hier als Abt den Ekkehard ein, welcher sein besonderes
Vertrauen genofs. Zu seiner Chronik hat Ekkehard, wie Waitz nach-
gewiesen hat , besonders Handschriften des Bamberger Klosters
Michelsberg benutzt, und es ist daher sehr wahrscheinlich, dafs er
diesem vorher angehört hatte ; er hat sich aber auch in Korvei auf-
gehalten und 1101 an einer Pilgerfahrt nach Jerusalem Theil ge-
nommen. Von hier kehrte er Uber Rom zurück; im J. 1106 war
er anwesend auf dem Concil zu Guastalla, und es scheint, dafs er
in nahen Beziehungen zu Heinrich V gestanden hat. Nicht minder
stand er auch dem Bischof Otto nahe und wurde von diesem, wie
gesagt, im J. 1108 dem Kloster Aurach an der fränkischen Saale
als Abt vorgesetzt; hier ist er dann nach dem J. 1125 gestorben.
Schon gegen das Ende des elften Jahrhunderts war Ekkehard
mit der Ausarbeitung einer grofsen Weltchronik beschäftigt. Den
nächsten Anlafs dazu gab ihm, wie es scheint, ein vermuthlich in
Wirzburg entstandenes Werk ähnlicher Art1), eine Ueberarbeitung des
früher schon erwähnten S. Galler Auszuges aus der Chronik Hermanns
von Reichenau, bereichert durch Excerpte aus anderen Quellen und
Wirzburger Localnachrichten ; besonders die Folge der Bischöfe von
Wirzburg ist überall mit grofser Genauigkeit eingetragen, aber auch
manche andere Notiz, welche den Ursprung des Werkes selbst in
Wirzburg suchen läfst, vielleicht im Burchardskloster, von wo Her-
rand ein Exemplar oder einen Auszug mit nach Rosenfeld brachte
(8. 257) , in welchem auch die Namen der Aebte von S. Burchard
verzeichnet waren. Das einzige uns erhaltene Exemplar dieser
Chronik reicht nur bis zum J. 1057, und nur für die drei letzten
Jahre lassen sich darin die Quellen nicht nachweisen. Da sich aber
in den Annalen von 8. Alban *) , von Eiwangen und von Rosenfeld,
die daraus abgeleitet sind und bei Ekkehard übereinstimmende und
zum Theil auch Wirzburg betreffende Nachrichten bis zum J. 1100
finden, welche eine gemeinschaftliche Grundlage voraussetzen lassen,
des ersten Altes von Prüfling: Vita Erminoldi abb. Pruveningensis, ed. Jaffe,
Mod. SS. XII, 480-500.
*) Chronicon VVirziburgense, ed. IVaitz, Mon. SS. VI, 17 — 31, cf. p. 7. 8.
Nachrichten von der Gotting. Univers. 1857, S. 55 — 58. Jaffe im Archiv XI,
850-867.
*) s. oben S. 273. Aus ihnen schöpften wieder die Annalen von Ilildesheim
Und Disibodenberg.
Digitized by Google
Ekkehard. Die Wirzburger Chronik.
309
so mufs man annehmen, dafs eine weitere Fortsetzung jener Chronik
verloren ist. Auch ist in der uns erhaltenen Abschrift die Chronik
verbunden mit einem Exemplar der Ekkehardisclien Chronik, das
mit dem J. 1057 beginnt, und da diese ausführlicher war, lag kein
Grund vor, auch den zweiten Theil des Werkes abzuschreiben.
Sachlich wird uns dadurch schwerlich etwas entgangen sein, aber
für die Kritik der abgeleiteten Werke wäre es wünschenswerth, das
gemeinsame Substrat kennen zu lernen.
In der Zeitrechnung bedient sich der Wirzburger Chronist wie
Ekkehard der Regierungsjahre der Kaiser, indem er mit Regino
schon bei Karl Märtel zu den Franken übergeht.
Diese Chronik also lernte Ekkehard kennen, und er hat sie in
so umfassender Weise benutzt, dafs Waitz anfangs ihn selbst für
den Verfasser hielt; später nahm er jedoch diese Ansicht zurück.
So brauchbar offenbar Ekkehard diese Unterlage gefunden hat, so
wenig genügte ihm doch ein solcher chronologischer Leitfaden; er
steckte sich ein höheres Ziel, indem er auch stofflich das ihm zu-
gängliche geschichtliche Material nicht nur ordnen, sondern in ge-
drängter Kürze so viel wie möglich aufnehmen wollte, um eine
förmliche annalistische Weltgeschichte herzustellen. Für die ältere
Geschichte war er mit Hülfsmitteln gut versehen und hat dieselben
mit dem gröfsten Fleifse verarbeitet. Die Chronik des Hieronymus
mit der Fortsetzung des Prosper bildet natürlich die Grundlage; zur
weiteren Ausführung benutzte er besonders Isidor, Beda, Orosius,
Jordanis, den Josephus und die Historia miscella, die Langobarden-
geschichte des Paulus und die Gesta Francorum, Einhard, Widukind
nebst den weniger bekannten Werken von Liudprand und Richer,
das Leben Udalrichs von Augsburg und einige andere Werke; von
da an aber gebrach es ihm an Quellen, und er mufste sich be-
gnügen, die Wirzburger Chronik auszuschreiben bis zu der Zeit, wo
mündliche Ueberlieferung und seine eigene Kenntnifs ergänzend ein-
traten. Um so begieriger benutzte er später, schon bald nach 1106,
die Gelegenheit, sein Werk zu bereichern durch die mittlerweile
erschienene Chronik des Sigebert, welcher ihm an umfassender Be-
lesenheit überlegen war, da ihm die seit langer Zeit gesammelten
Schätze der Lütticher Bibliotheken zu Gebote gestanden hatten,
während er an Genauigkeit hinter Ekkehard zurückbleibt.
Im J. 1099 hatte Ekkehard bereits zum ersten Male das von
ihm zusammengebrachte Material zu einer grofsen Weltehronik (A)
verarbeitet; den Schlufs bildete die Geschichte des ersten Kreuz-
Digitized by Google
310
IV. Salier. § 26. Ekkehard.
zugcs. Als er dann aber von seiner eigenen Pilgerfahrt znrück-
kehrte, fand er manches ungenügend; er arbeitete die Geschichte
des Kreuzzuges ganz um und änderte auch sonst viel; zugleich
führte er die Geschichte weiter bis zum J. 1106 (B). Früher kaiser-
lich gesinnt, war er jetzt der siegreichen päpstlichen Partei ganz
ergeben und setzte grofse Hoffnungen auf Heinrich V ; in der aus-
führlichen Geschichte des letzten Jahres zeigt er sich sehr feind-
selig gegen den alten Kaiser.
Sehr bald nachher hat er das Werk noch einmal überarbeitet
und vor dem J. 1106 mit einer Anrede an den neuen König ver-
sehen, welche diesem das höchste Lob zollt. In dieser Bearbeitung (D)
finden sich schon zahlreiche Einschaltungen aus Sigeberts Chronik;
eine Fortsetzung bis 1125 kann erst später liinzugefügt sein.
Nach seiner Kaiserkrönung forderte nun Heinrich V Ekkehard
auf, eine Geschichte des römisch -fränkischen Reiches seit Karl dem
Grofsen zu verfassen (p. 8). Dieser aber fand es passender, vom
Ursprung der Franken zu beginnen (C). Die Hauptmasse des In-
halts ist hier aus seiner Weltchronik herüber genommen, doch hat
er wiederum vieles geändert.
Endlich hat dann Ekkehard seine ganze Weltchronik noch ein-
mal umgearbeitet (E); er theilte sie jetzt in fünf Bücher und wid-
mete sie dem Abte Erkenbert von Korvei *). Davon enthält das
erste Buch die alte Geschichte von der Schöpfung bis zur Erbauung
Roms, das zweite geht bis zur Geburt Christi, das dritte bis auf
Karl den Grofsen , das vierte bis auf Heinrich V, und das fünfte
endlich enthält die Regierung dieses Kaisers, die in unseren Hand-
schriften bis zum J. 1125 geführt ist, anfänglich aber schon früher
absclilofs.
Ekkehards Weltchronik ist die umfassendste von allen. Er hat
mit dem unermüdlichsten Fleifse den Stoff dazu zusammengebracht
und verarbeitet. Man erkennt darin allerdings die Quellen, aus
denen er schöpfte und denen er gewissenhaft folgt, aber nirgends
hat er in mechanischer, geistloser Weise compilirt, sondern alles
der Form seines Werkes angepafst, und in der Auswahl wie in der
Anordnung zeigt sich überall ein verständiger Sinn und Beherrschung
des Stoffes. Die Chronologie steht natürlich auch ihm sehr hoch,
und das Streben nach Genauigkeit in dieser Beziehung führte ihn
schon zu kritischen Untersuchungen, wie z. B. Uber die ersten Päpste
t) p. 10. Dieser veranlagte auch Rupert von Deutz zu einem Commentar zu
den sechs letzten Propheten, Mon. SS. XII, 628.
Digitized by Google
Ekkehards Chronik.
311
(p. 99), welche zu den besten Erwartungen berechtigten, wenn die
Folgezeit diesen Weg der Forschung nicht verlassen hätte. Aber
die chronologische Anordnung ist doch Ekkehard nicht so sehr die
Hauptsache wie Marian und Sigebert; er giebt auch den Stoff in
reichster Fülle und verläfst deshalb die hergebrachte Form, die ihm
zu enge Schranken zog. Anstatt wie Hugo von Flavigny das anna-
listische Gerüste Uber alles Mafs vollzupfropfen, sondert er vielmehr
die beiden Bestandteile und weifs die Uebersichtlichkeit der Anna-
len mit einer zusammenhängenden Darstellung zu verbinden. Im
Allgemeinen folgt er der herrschenden Vorstellung von den sechs
Weltaltern und den grofsen Monarchien, welche eine passende Glie-
derung des Stoffes gewährt; in diesen Rahmen schiebt er aber epi-
sodisch in ausführlicher Erzählung die Geschichte Alexanders des
Grofsen in der seit alter Zeit verbreiteten und geglaubten fabel-
haften Gestalt, sowie die Volksgeschichten der Gothen, Hunnen,
Franken, Langobarden und Sachsen ein. Später jedoch erschien
ihm selbst diese Anordnung für die Einheit seines Werkes unzweck-
mäfsig; er liefs daher diese Einschaltungen bei der letzten Bearbei-
tung wieder fort und stellte sie in einem besonderen Buche mit dem
Leben der Königin Mathilde zusammen '), so wie er gleichfalls die
Geschichte des ersten Kreuzzuges aussonderte und abgesondert unter
dem Namen des Hierosolymita herausgab, ein Werk, welches sich
durch strenge Wahrheitsliebe und Nüchternheit vortheilhaft vor den
früher erwähnten phantastischen Kreuzzugsgeschichten auszeichnet2).
Aufserdem aber fafst Ekkehard auch bei jedem Kaiser die Be-
gebenheiten seiner Zeit in einer übersichtlichen Darstellung zusam-
men und läfst dann erst die kurze Anordnung derselben nach den
Regierungsjahren folgen. Bis zu Karls Kaiserkrönung behält er die
Jahre der griechischen Kaiser bei, verbindet aber damit seit Pippin
dem älteren die Jahre der Hausmeier und Könige aus dessen Ge-
schlechte.
Besonders ausführlich behandelt er die Geschichte Karls des
Grofsen, die wieder zu einer eigenen Episode angewachsen ist: auch
hier folgt er nur den echten, zuverlässigen Quellen, und den damals
schon immer mehr überhand nehmenden Fabeln tritt er ausdrücklich
entgegen. Bei dieser Behandlung der ganzen Geschichte, welche
nur bei Otto H, Otto HI und Heinrich HI aus Mangel an Quellen
dürftig wird, ist es auch nicht wie bei Hermann und Lambert un-
verhältnifsmäfsig, wenn er die Geschichte seiner eigenen Zeit aus-
i) S. Archiv VII, 486.
*) Sybel, Der erste Kreuzzug S. 63 — 67.
Digitized by Googl
312
IV. Salier. § 26. Ekkehard. § 27. Böhmen, Polen, Ungern.
flihrlicli erzählt, besonders die Geschichte Heinrichs V, für welche
er unsere Hauptquelle ist1).
Dieser letzte Theil seines Werkes erfuhr bei den wiederholten
Bearbeitungen die gröfsten Umänderungen. Zuerst erscheint Ekke-
hard entschieden kaiserlich gesinnt, wie ja auch Franken am feste-
sten an Heinrich IV hielt. Aber der Kreuzzug und der Aufenthalt
in Rom änderten Ekkehards Ansicht. Er nahm jetzt eifrig Partei
für Heinrich V, die Vorwürfe gegen die Päpste verschwinden aus
seinem Werke, und dagegen wird jetzt Heinrich IV heftig getadelt.
Als er dann 1114 für Heinrich V selbst seine Geschichte der Franken
schrieb, nahm er eine mehr objective Haltung an; er liefs die ver-
letzenden Aeufserungen nach beiden Richtungen fort, preist aber
den Kaiser noch sehr in der Widmung; auf seine Auffassung der
Vorgänge in Rom scheint die Darstellung des Hofhistoriographen
David grofsen Einflufs gehabt zu haben. Zuletzt aber als der Kampf
des Kaisers mit dem Papstthum von neuem entbrennt, wendet er
sich ganz von ihm ab, und nach seinem Tode beschliefst er seine
Chronik mit einem harten Urtlieil Uber Heinrich V.
Man kann diese Wandelungen verschieden ansehen; sie gehen
parallel mit dem Ueberwiegen der einen und der anderen Richtung
in der Wirklichkeit, und es wird schwer sein nachzuweisen, dafs
Ekkehard sich nicht durch äufsere Gründe bestimmen liefs. Noth-
wendig ist aber eine solche Annahme nicht, und Ekkehard zeigt in
dem übrigen Theile seines Werkes ein so redliches Streben nach
Wahrheit, dafs man sich wohl hüten mufs, ihm Unrecht zu thun.
Denn wir können auch eben so gut in den Schwankungen seiner
Auffassung einen Beweis und ein Beispiel davon erblicken, wie
schwer es in der damaligen so aufserordentlich verwirrten Lage der
Dinge werden mufste, eine entschiedene Ansicht zu gewinnen und
dieselbe festzuhalten.
Ekkehards Weltchronik dürfen wir wohl unbedingt für das
vollendetste Werk dieser Art erklären. Die Sprache ist rein und
einfach, die Erzählung klar und übersichtlich, die Auffassung ver-
ständig und gemäfsigt. Dem Bedürfnifs nach dieser Form der Dar-
stellung war nun vollständig genügt; niemand konnte sich versucht
fühlen, noch eine Chronik dieser Art zu schreiben. Dagegen trat
jetzt, nachdem der gesammte Stoff der Weltgeschichte geläutert und
übersichtlich vorlag, die weitere Aufgabe ein, dieselbe auch inner-
*) Er benutzt« für dieselbe aufser dem S. 261 erwähnten Werk des Schotten
David auch die sehr wichtige Schrift des llesso, eines französischen Scholasters.
Uber das Reimser Concil von 1119 (ed. Waltenbach, Mon. SS. XU, 422 — 428).
Digitized by Google
Ekkehards Chronik. Böhmen.
313
lieh zu durchdringen und philosophisch durchzuarbeiten. Daran
versuchte sich Otto von Freising. Andererseits bedurfte man kür-
zerer Compendien für den Handgebrauch, oder auch einer noch
gröfseren Fülle des Stoffes; es entstanden massenhafte Compilationen,
in denen auf jede künstlerische Beherrschung, sowie auf kritische
Sichtung des Stoffes verzichtet wurde, und daneben Handbücher,
unter denen endlich das Werk Martins von Troppau fast allein den
Platz behauptete.
Noch zu Ekkehards Lebzeiten wurde sein Werk in zahlreichen
Handschriften verbreitet1); es bildete lange Zeit für einen grofsen
Theil, namentlich für den Norden Deutschlands die Grundlage aller
geschichtlichen Kenntnifs, wie Sigebert für den Nordwesten und
Hermann der Lahme für den Süden. Auch an sein Werk schlossen
sich Fortsetzungen an, die Erfurter und Wirzburger Annalen, die
Ursperger Chronik. Andere, wie der sächsische Annalist, der Poehlder
und Magdeburger Chronograph, Albert von Stade, der Chronist von
S. Pantaleon, überarbeiteten auch Ekkehards Werk und führten es
dann weiter.
Ueber diesen Verhüllungen vergafs man allmählich des ursprüng-
lichen Werkes, und namentlich hat man lange Zeit die Ursperger
Chronik, nachdem sie schon 1515 gedruckt war, benutzt, ohne zu
beachten, dafs der ganze ältere Theil ein anderes selbständiges Werk
war. Es ist das Verdienst von Waitz, dieses Verhältnifs zuerst ge-
hörig ins Licht gestellt, die Werke Ekkehards genau geprüft und
endlich nach den zahlreich vorhandenen Handschriften die erste
kritische Ausgabe seiner Chronik mit den Varianten der verschie-
denen Bearbeitungen gegeben zu haben.
§ 27. Böhmen. Polen. Ungern.
Die Nachbarländer des deutschen Reiches gegen Osten kommen
bis auf die Zeit der fränkischen Kaiser nur als Objecte der Mission
und der Bekämpfung mit den Waffen in Betracht. Nach und nach
aber werden sie hineingezogen in den Kreis der Kirche und der
gelehrten Bildung und beginnen auch an der geschichtlichen Litte-
ratur selbstthätig Theil zu nehmen. Am frühesten kam Böhmen
in Verbindung mit dem Reiche und der Kirche. Die schon erwähn-
ten Legenden vom Herzog Wenzel, dem ersten böhmischen Märtyrer,
vom Bischof Adalbert, von Günther, dem Eremiten im Nordwalde,
*) Darunter hat sich ein Autographon von B in Jena erhalten. Dieses sowohl
wie die Handschrift von C in Cambridge enthalten Zeichnungen, von denen die
SchrifUafeln bei der Ausgabe eine Vorstellung geben.
Digitized by Google
314 IV. Salier. § 27. Böhmen, Polen, Ungern.
berühren Böhmen, aber sie sind von Fremden anfgezeichnet. Im
Lande selbst konnte die lateinisch -kirchliche Litteratur erst später
Wurzel schlagen. Aus dem mährischen Reiche war einst auch hier-
her die slavisehe Liturgie gedrungen, und wiewohl sie frühzeitig
von den fränkischen Missionaren unterdrückt und endlich vertilgt
wurde, hatten sich doch, wie es scheint, auch hier schon Anfänge
einer Legenden -Litteratur in der Landessprache entwickelt. Das
lehrt uns die von Wostokow entdeckte und 1827 publicirte Legende
vom heiligen Wenzel in der altslavischen Kirchensprache, welche
nach der Ansicht der böhmischen Gelehrten durch die Eigenthüm-
lichkeiten der Sprache ihren böhmischen Ursprung noch deutlich
anzeigt. Ist es nun gleich nicht völlig unzweifelhaft, dafs die Le-
gende ursprünglich in slavischer Sprache verfallt ist, dafs uns nicht
eine Uebersetzung vorliegt, so sprechen doch für die erstere An-
nahme gewichtige Gründe, und es erklärt sich daraus am einfach-
sten, weshalb diese Legende sich gerade in russischen Legendarien
erhielt, während sie in Böhmen selbst durch Gumpolds Werk ver-
drängt wurde; es finden sich jedoch Spuren von ihr auch in den
späteren böhmischen Legenden. Geschrieben ist sie nicht lange
nach dem Tode des Heiligen und vielleicht durch die Translation
von 938 veranlafst *).
Kosmas erzählt zum Jahre 894 die Taufe des Herzogs Boriwoy
durch Methodius, lehnt es aber ab, umständlicher davon zu berich-
ten, weil darüber schon an anderen Orten ausreichendes zu finden
sei, in dem Privilegium Moraviensis ecclesiae, im Epüogus eiusdem
terrae atque Bohemiae und in der Legende vom heiligen Wenzel.
Nun enthält jedoch diese letztere, wie sie uns vorliegt, gar nichts
davon; von den beiden anderen Schriften ist uns sonst nichts be-
kannt. Es ist daher unmöglich, Uber ihre Beschaffenheit und Glaub-
würdigkeit ein begründetes Urtheil zu gewinnen1 2).
Vielleicht im elften Jahrhundert begann man auch an der
Prager Kirche Annalen zu schreiben, welche vom Jahre 997 an
1) Böhm. Uebersetzung von llanka im Casopis Ceskeho Museum IV, 453-462.
Urtext mit lat. Uebers. nebst einer zweiten kürzeren Legende, von Miklosich, Slav.
Bibliothek II, 270 — 281. Anmerkungen sollen später folgen. Deutsche Uebers. bei
Wattenbach, Die slav. Liturgie in Böhmen, Abhandlungen der phil. hist. Gesellsch.
in Breslau I, 203 — 240. Besonderer Abdruck Breslau 1858. Vgl. auch Büdinger,
Zur Kritik altböhm. Geschichte, Zeitschrift f. d. österr. Gymnasien 1857. Heft VII.
Besonderer Abdruck Wien 1857.
2) Ganz verwerfend äufsert sich E. Dümmler, De Bohemiae Condicione Carolis
imperantibus, Lips. 1854. 8. p. 19. Zeleny, De religioois christianae in Bohemia
principiis, im Progr. des Prager Staatsgymnasiums, 1855. 4. p. 5 vertheidigt sie
dagegen.
Digitized by Google
Wenzel -Legende. Prager Annalen. Kosmas.
315
zuverlässig, wenn auch nicht frei von Fehlern Bind; die wenigen
Zahlen aus der früheren böhmischen Geschichte von 894 bis 968
wurden nach einer trügerischen Berechnung ergänzt und sind ohne
Ausnahme falsch. Auch weiterhin sind sie ziemlich unbedeutend
und nicht gerade immer gleichzeitig aufgezeichnet. Fortgesetzt bis
1193 und am Anfang vermischt mit Notizen, die sich übereinstim-
mend in den Annalen von Korvei und Hildesheim finden, wurden
diese Annalen eingetragen in eine Handschrift, welche von älterer
Hand kurze Annalen des italienischen Klosters La Cava enthält,
und nur in dieser Gestalt haben sie sich erhalten1).
Im Anfänge des zwölften Jahrhunderts aber erhielt Böhmen
eine eigene Landesgeschichte von einem Eingeborenen, dem Kosmas,
einem Slaven, wie es scheint von polnischer Abkunft, denn er war
nach seiner eigenen Angabe der Urenkel eines Priesters, der 1039
mit anderen edlen Polen gefangen nach Prag geführt wurde. We-
nige Jahre später mufs Kosmas geboren sein, da er, der im J. 1125
gestorben ist, sich selbst einmal einen achtzigjährigen Greis nennt.
Zum Geistlichen bestimmt, erhielt er seine Unterweisung anfangs auf
der Prager Schule , welche er, obgleich schon nahe an 30 Jahre alt
noch im J. 1074 besuchte. Dann3) begab er sich aber nach Lüttich
und bildete sich hier weiter aus unter der Anleitung des Franko,
dem er noch in seinem hohen Alter ein dankbares Andenken be-
wahrte. Die damals gangbaren Classiker studirte er fleifsig, und
sein Werk zeigt, dafs er in ihren Schriften wohl belesen war. Zu-
gleich hat er aber den etwas gesuchten und pretiösen Stil der älteren
Lütticher Schule angenommen; er theilt auch in hohem Grade die
damals häufige Liebhaberei, einzelne Verse einzumischen und die
Prosa selbst durch ähnlich auslautenden Schlufs der Satztheile ge-
reimter Dichtung ähnlich zu machen. Nach seiner Rückkehr trat
Kosmas, der von ansehnlicher Familie gewesen sein mufs, in nähere
Beziehungen zu den Prager Bischöfen und wurde auch zu öffent-
lichen Geschäften gebraucht; verschiedene Reisen gaben ihm Gele-
genheit, seine Kenntnisse und Anschauungen zu erweitern. So be-
gleitete er im J. 1086 den Bischof Gebhard zu der Mainzer Synode,
*) Annales Pragenses, Mon. SS. III, 1 1 9 — -121 ; vgl. KoepkeIX, 10, der sie
für Excerpte aus Cosmas u. a. hält , Wattenbach a. a. 0. S. 223. Unbedeutende
Ann. Prag. 725 — 1163, die aber mehr Excerpte als wirkliche Annalen sind, ed.
Stumpf in Miklosich Slav. Bibi. II, 301.
3) oder vielleicht schon vorher; es fehlt ganz an festen Haltepunkten für die
Zeit seines Lütticher Aufenthaltes. Auch nach Prag war schon früh ein Lüt-
ticher Lehrer, der berühmte Hubald, gekommen (S. 191) unter B. Baldericb (1008
bis 1018).
Digitized by Google
316
IV. Salier. § 27. Böhmen, Polen, Ungern.
auf welcher Heinrich IV den Herzog Wratislaw zum König von
Böhmen erhob; 1092 war er mit den Bischöfen Kosmas von Prag
und Andreas von OlmUz in Italien und 1094 mit denselben in
Mainz; 1097 begleitete er den Bischof Hermann nach Gran, wo
beide von dem Erzbischof Seraphim zu Priestern geweiht wurden.
In Böhmen hatten die Decrete gegen die Priesterehe keinen Eingang
gefunden, und Kosmas war, was er in seiner Chronik ganz unbe-
fangen erwähnt , verheirathet und Familienvater *) ; seiner Frau
widmet er einen treuen und zärtlichen Nachruf. Er starb als Decan
der Prager Kirche am 21. Oct. 1125.
Erst in den letzten Jahren seines Lebens begann Kosmas die
Ausarbeitung des Werkes, welches ihm als dem Vater der böhmischen
Geschichte einen unsterblichen Namen gesichert hat. Es ist eine
rechte Volksgeschichte nach der Art des Paulus und des Widukind.
Auch er schöpft für die ältere Zeit aus Sagen und Märchen, und
wenn man auch schon früh die augenscheinlichsten Fabeln verworfen
hat, so ist doch noch bis auf die neueste Zeit seine Auffassung und
Darstellung der böhmischen Vorzeit herrschend geblieben, obgleich
sie der wahren Geschichte so wenig entspricht, wie die meisten
Darstellungen, welche auf ähnlichem Grunde beruhen*). Dafs es
ihm an schriftlichen HUlfsmitteln gebrach, sagt Kosmas selbst; er
habe keine Chronik finden können, darum gebe er die Erzählungen
des Volkes, wie er sie gehört habe und ohne Zeitbestimmung: erst
von 894 an tritt er zuversichtlicher auf und giebt Jahreszahlen an,
aber auch hier noch so unrichtig und fehlerhaft, dafs man den
Mangel brauchbarer Annalen fUr die ältere Zeit deutlich genug er-
kennt8). Nur einzelne eben so dürftige wie ungenaue Anmerkungen,
die mit den Prager Annalen Ubereinstimmen, scheinen ihm Vorge-
legen zu haben; für das elfte Jahrhundert standen ihm wohl schon
etwas bessere Hlilfsmittel zu Gebote.
Hätte aber Kosmas sich schon in Lüttich ernstlich mit der
böhmischen Geschichte beschäftigt, so hätte er dort bessere Hülfs-
mittel für die Zeiten des neunten und zehnten Jahrhunderts finden
können ; Thietmars Chronik, die in Lüttich gefehlt zu haben scheint,
*) Palacky Dejiny Ceske 1,2,9 hat nachgewiesen , dafs sein Sohn Heinrich
der später berühmte Bischof Heinrich Zdik von Olmüz (1 126— 1150) gewesen ist;
vgl. Koepke n. 22.
a) Das hat neuerdings Dümmler naebgewiesen: De Bohemiae condicione Ca-
rolis imperantibus. Lips. 1854. 8.
8) Sowohl die Zahl 894 für die Taufe Borivois als 929 für den Tod Wen-
zels, beide falsch, stimmen mit den Prager Annalen Uberein : die Zahl 929 hat auch
die altslavischc Legende.
Digitized by Google
Kosmas von Prag.
317
und gewifs noch manche andere brauchbare Quelle hätte er in den
benachbarten obersächsischen Bisthümern einselien können, was ihm
freilich durch die politischen Verhältnisse erschwert wurde. Aber
ernste und mühevolle Forschung war überhaupt weniger seine Sache,
als vielmehr die behagliche und breite Erzählung; auch die wenigen
Bücher, welche er zur Iland hatte, wie die Legenden von Wenzel,
Adalbert, Udalrich, benutzte er wenig, und obgleich er einige Ur-
kunden in seine Chronik aufgenommen hat, so ist doch nicht zu
bezweifeln, dafs bei genauerer Untersuchung das Archiv der Prager
Kirche ihm einen festeren chronologischen Anhalt und reichlichere
Ausbeute gewährt haben mülste. Es machte ihm offenbar mehr
Vergnügen, selber nach den Regeln der Kunst schöne Reden zu ver-
fertigen, mit welchen man so gern nach Sallusts Vorbilde die Ge-
schichtsbücher schmückte; und was schon von anderen mit dem
Schmuck der Rede versehen war, wie die Geschichten von Wenzel
und Adalbert, das lehnte er ausdrücklich ab, noch einmal zu be-
handeln. Am meisten hat er die Chronik des Regino und deren
Fortsetzung benutzt und daraus einige Nachrichten in annalistischer
Form ausgeschrieben, wie er denn überhaupt in seltsamer Weise
schwankt zwischen dieser Form und der ungefesselten Erzählung,
welche doch immer gleich wieder die Oberhand gewinnt. Ganze
Reihen von Jahreszahlen unterbrechen hin und wieder den Text,
ohne dafs etwas dazu angemerkt wäre; dann folgt wieder ein län-
gerer Abschnitt, der nicht immer zu der Jahreszahl gehört, bei
welcher er steht. Die erste Anlage des Werkes von 894 an war
offenbar streng annalistisch; er mag, wie das z. B. in der Reicher-
sperger Chronik deutlich vor Augen liegt, eine geräumig eingerichtete
Handschrift mit den Jahreszahlen in fortlaufender Reihe und ein-
zelnen Eintragungen zu Grunde gelegt und dazu andere kurze No-
tizen nachgetragen haben. Dann aber fügte er seine umständliche-
ren Erzählungen ein, wo sich ein Anlafs bot, oder auch nur wo der
Raum dazu einlud. Vielleicht erst die Abschreiber machten hieraus
ein scheinbar zusammenhängendes Werk, in dem nun die leeren
Jahreszahlen als störende Unterbrechung erscheinen.
Bis zum Jahre 1038, zur Regierung des Herzogs Bracizlaus,
der dem böhmischen Staate neuen Glanz verlieh, reicht das erste
Buch, welches Kosmas dem Erzpriester Gervasius widmete. Von
hier an beruft er sich ausdrücklich schon auf seine eigene Erfahrung
und die Mittheilungen von Augenzeugen. Das zweite Buch, dem
Abte Clemens von Brzewnow gewidmet, reicht bis auf Bracizlaus II
Digitized by Google
318 IV. Salier. §27. Böhmen, Polen, Ungern.
bia 1092 und enthält eine grofse Fülle unschätzbarer Mittheilungen.
An Genauigkeit fehlt es auch hier und wie überhaupt der Verfasser
gern sich gehen läfst, so tritt hier Parteilichkeit für die Prager
Bischöfe und Abneigung gegen die Deutschen lebhaft hervor.
Eine ganz unbefangene Erzählung wird man von einem Manne
in Kosmas Stellung, denn er war mittlerweile Decan geworden,
nicht erwarten. Er hatte vielerlei Rücksichten zu nehmen, was sich
noch viel stärker in dem dritten Buche bemerkbar macht. Dieses
führte er bis zum Jahre seines Todes und übersandte es mit den
beiden vorhergehenden Büchern dem Propste Severus von Melnik.
Er bittet diesen freilich, die Gabe, von der er sehr bescheiden
spricht, ganz allein für sich zu behalten, allein das war nur eine
nicht seltene Redeweise, die man nicht buchstäblich nehmen darf.
Es blieb im Mittelalter so wenig wie jetzt verborgen, wenn ein an-
gesehener Mann die Geschichte seiner Zeit schrieb; Abschriften
waren sehr gesucht und verbreiteten sich rasch, die Grofsen des
Landes aber achteten mit ängstlicher Eifersucht darauf, was Uber
sie geschrieben wurde. Kosmas gedenkt dieser Gefahren mehr als
einmal und hat im letzten Buche so viel zu verschweigen, dafs seine
Geschichte hier fast mager wird und die anmuthige Fülle der frü-
heren Abschnitte verliert. Zugleich beweist er aber eben dadurch,
dafs er schweigt, wo er nicht offen reden darf oder mag, seine
Wahrheitsliebe, und absichtliche Entstellung liegt ihm fern. Man
gewinnt den alten Herrn mit seiner etwas pedantischen Gelehrsam-
keit, seiner Geschwätzigkeit und Vorsicht lieb, wenn man sein Werk
liest, man mufs seine wackere und wohlwollende Gesinnung achten
und fühlt sich so wenig wie bei Widukind berechtigt, den Vater
der böhmischen Geschichte nach den strengen Regeln höherer histo-
rischer Kunst zu beurtheilen.
Von Anfang an wurde das Werk des Kosmas sehr hoch ge-
achtet; es bildete die unveränderliche Grundlage für alle späteren
Chronisten. Ein Wissehrader Domherr fügte eine Fortsetzung bis
zum Jahre 1142 hinzu, ein Mönch von Sazawa bereicherte auch die
Chronik des Kosmas mit Zusätzen aus den Hersfelder Annalen und
mündlicher Ueberlieferung und setzte sie fort bis 1162. Andere
knüpften weitere Fortsetzungen an. Um die kritische Bearbeitung
der Texte haben sich besonders in Böhmen Pelzei und Dobrowsky
verdient gemacht, dann Palacky in seiner Würdigung der alten böh-
mischen Geschichtschreiber. Prag 1830. 8. Zuletzt hat R. Koepke
mit umfassendster Benutzung aller vorhandenen Hülfsmittel die ur-
Digitized by Google
Kosmas. Martinas GaUus. Krakauer Annalen. 319
sprüngliche Chronik nebst den Fortsetzungen bis 1283 heraus-
gegeben l).
In das Ende dieses Zeitraumes fallen auch die Anfänge der
Hradischer Annalen, von welchen im folgenden Abschnitte die Rede
8 ein wird.
Schon etwas früher als die Böhmen erhielten auch die Polen
ihre erste Chronik, die aber von einem Fremden gesclirieben ist.
Man nannte ihn früher Martinus Gallus, aber ohne hinreichen-
den Grund, und er scheint eher ein Italiener gewesen zu sein, der
am Hofe Boleslaus III lebte, vermutlich dessen Kaplan war. Diesen
Boleslaus, einen tapferen und kühnen Kriegshelden zu feiern, ist
seine Absicht, und wenn er auch im ersten Buche die Vorgeschichte
der Polen nach den Erzählungen, die er gehört hatte, mittheilt, so
fafst er sich hier doch ziemlich kurz und widmet dagegen dem Leben
des Boleslaus bis zu dessen 28 sten Jahre allein zwei Bücher, welche
er bis zum J. 1113 fortführte. Dafs er kein unbefangener Zeuge ist
und die dunkleren Seiten im Leben seines Helden nur leicht be-
rührt, bedarf wohl kaum einer Erwähnung. Seine Sprache ist in ho-
hem Grade schwülstig und fast durchgehende rythmijch gereimt2).
Schon früher hatte man in Krakau mit der Aufzeichnung kurzer
Annalen begonnen, welche erst kürzlich aus der Urschrift bekannt
gemacht sind*). Wir erkennen darin die Grundlage aller späteren
Krakauer, Gnesener, Posener, Breslauer Annalen, in denen ein-
heimische Notizen des zwölften und der folgenden Jahrhunderte
mit jenen vermischt Bind. Die Sichtung dieser theils incorrect ge-
druckten theils nur handschriftlich vorhandenen Materialien erfordert
eine sorgfältige Untersuchung, mit welcher jetzt A. Bielowski in
Lemberg beschäftigt ist.
Das Leben des Bischofs Stanislaus von Krakau, der 1079
von Boleslaus II erschlagen wurde, ist erst bei Gelegenheit seiner
Kanonisation 1253 verfafst, enthält aber einige eigentümliche Nach-
richten4).
*) Cosmae Chronica Boemorum ed. Koepke, Mon. SS. IX, 1—209. Vgl. die
Lesarten der Budweifser Handschrift p. 843 — 846. L. Giesebrecht, Wendische
Geschichten III, 327 ff.
*) Chronicae Polonorum, edd. Szlachtowski et Koepke, Mon. SS. IX, 418-478.
L. Giesebrecht, Wend. Gesch. III, 325 ff.
3) von Lftowski im Katalog Biskupow Krakowskich, Tom. IV. Krakow. 1853.
8. Darauf beruhen zunächst die in der Danziger Ausgabe des Martinus Gallus
v. Lengnirh und bei Sommersberg gedruckten Annalen. Vgl. Linde- Ossolinski
p. 283 ff. u. über die mit 1238 beginnenden sehlesischen Annalen die Ausgabe der
Annales Grussavienses von Roepell in der Zeitschr. d. hist. Vereins 1, 200.
4) Gedr. in Martini Galli Chronicon ree. Bandtkie, Vars. 1824. 8.
Digitized by Google
320
IV. Salier. § 27. Ungern. § 28. Frankreich.
Ungern erhielt auch jetzt noch keine Chronik. Der König Ste-
phan rief eine Menge fremder Geistlicher ins Land, die einige Keime
der Bildung legten, aber zu schriftstellerischer Thätigkeit doch noch
nicht Mufse fanden, auch wohl dem Volke und seiner heidnischen
Vorzeit noch zu fern und feindlich waren, um an die Aufzeichnung
der Geschichte zu denken. Der Bischof Maurus von FUnfkirehen
schrieb die Legende der Einsiedler Zoerard oder Andreas und
Benedikt, die aber kaum einen geschichtlichen Werth hat1).
Vielleicht der ausgezeichnetste und bedeutendste unter den Männern,
welche König Stephan bei der Christianisirung seines Landes zur
Seite standen, war der Bischof Gerhard von Cs an ad, ein gebo-
rener Italiener, der 1046 bei dem Siege des Heidenthums als Mär-
tyrer starb, der Verfasser jener merkwürdigen Unterweisung, welche
König Stephan für seinen Sohn Emerich verfassen liefs. Wir haben
Uber diesen Mann eine ausführliche Legende a) mit sehr anschau-
lichen und lebendigen Schilderungen und Erzählungen aus jener
ersten Zeit des Christenthums und der Kämpfe mit dem noch ein-
mal sich ermannenden Heidenthum, aber sie ist erst nach dem Jahre
1381 geschrieben, und so auffallend auch die reiche Fülle des Stoffes
und die sehr individuelle Auffassung nach so langer Zeit erscheint,
läfst sich doch keine ältere schriftliche Quelle nachweisen mit Aus-
nahme der kurzen Lectionen aus dem Officium des Heiligen8).
Authentischer aber dürftiger sind die Legenden vom h. Ste-
phan4), die jedoch auch erst lange nach dem Tode des Königs
verfafst wurden. Im J. 1083 nämlich, als sich in Ungern Salomo,
Heinrichs IV Schwager und Verbündeter, und Ladislaus bekämpften,
und von Rom aus alles aufgeboten wurde, um die kirchliche Gesin-
nung im Lande zu stärken, da verordnete Gregor auch die feier-
liche Erhebung der ersten GlaubenBboten und Blutzeugen, und erst
durch diese Erhebung wurde die Abfassung der Legenden veranlafst
Beide sind namenlos und unabhängig von einander. Die eine klei-
nere ist einfacher und hat ein ursprünglicheres Ansehen, während
*) Acta SS. Zoerardi et Benedict! ed. G. Cuper. Acta SS. Jul. IV, 336. End-
licher, Rerum Ilungaricarum Monumenta Arpadiana p. 134 — 138.
s) Endlicher ib. p. 205 — 234. Erste Ausgabe in der Ilist. epp. Phanadensium
von Batthyany. 1790. 4. Biidinger Oest. Gescn. I, 424 weist eine Menge von ge-
schichtlichen Verstüfsen und anderen Spuren später Abfassung nach.
8) Endlicher p. 202. Mab. VI, 1, 550 ed. Ven. Acta SS. Sept. VI, 722, und
andere ib. p. 726.
4) Vita Stephani regis Ungariac ed. Waltenbach, Mon. SS. XI, 222 — 242.
Auch bei Endlicher, Mon. Arp. p. 139 — 192. Die ursprünglichen Legenden gab
zuerst 1781 Mancini heraus; Hartwigs Werk Stilting, Acta SS. Sept. I, 456 und
Podhradczky 1836 mit Commrntar.
Digitized by Google
Gerhard von Csanad. Vita S. Stephani. Belae Notarius. 32 1
in der gröfseren die Phrase schon mehr Raum gewinnt. Beide hat
auf König Kolomanns Wunsch ein Bischof Hartwich, vielleicht
von Regensburg (1105 — 1126), mit einander verbunden, ein arger
Plagiator, wenn nicht vielleicht er selbst auch der Verfasser jener
gröfseren Legende gewesen ist, mit welcher er nun die kleinere ver-
schmolz. Unter den wenigen anderen Zuthaten ist besonders die
Stelle über die vom Papst Silvester gesandte Krone bemerkenswert!!,
welche später von dem Kroaten Levakowitsch zur Verfertigung einer
angeblichen Bulle dieses Papstes benutzt wurde.
Späteren Ursprunges, vermuthlich aus der zweiten Hälfte des
zwölften Jahrhunderts, wenn nicht erst aus dem dreizehnten, ist die
Chronik eines ungenannten Verfassers, der sich als des Königs
Bela Notar bezeichnet1), Uber die früheste Geschichte der Ungern,
ihre Einwanderung und die Zeit der ersten Kriege mit dem Abend-
lande bis auf König Stephan. Dieser Bericht, zum Theil mit Be-
nutzung der Chronik des Regino nebst ihrer Fortsetzung verfafst,
ist nicht nur ganz fabelhaft, sondern auch absichtlich entstellt, um
der einfachen Thatsache der Eroberung eine vorgebliche rechtlich
begründete Besitznahme des Landes unterzuschieben und aufserdem
die Magyaren Uber alle Gebühr zu verherrlichen.
§ 28. Frankreich.
Frankreich Übte, wie schon erwähnt, in dieser Periode einen
ganz aufserordentlichen Einflufs, der sich in der Folgezeit noch
steigerte. Die ganze neue Richtung, der neue Geist in der Kirche,
welcher allmählich bis zur völligen Herrschaft durchdrang, ging von
Cluny aus, und als hier das Feuer nach und nach erkaltete, erwuchs
im Cisterzienser Orden eine neue Macht, die sich noch rascher auch
Uber Deutschland ausbreitete. Ebenso war andererseits auch Frank-
reich die Heimath der entgegengesetzten Schule des Berengar von
Tours, und die ganze scholastische Philosophie entwickelte sich hier.
Theologie, kanonisches Recht und Philosophie, Grammatik und
Poesie wurden in den französischen Schulen eifrig betrieben und
zogen immer zahlreichere Schüler an. Aber die Geschichte wurde
dabei vernachlässigt, und es geschah wenig dafür. Sowohl an Zahl
‘) Anonymi Belae regis notarii de gestis Hungarorum über. Textum ad
fidem cod. Vindob. ree. Endlicher 1827. 8. u. Mon. Arpad. p. 1—54. Vgl. Dümm-
ler de Arnulfo p. 180. Büdinger, der Oesterr. Gesch. I, 209 ff. die Niederlassung
der Ungern behandelt, verspricht eine besondere Abhandlung über dieses Werk. —
Nicht unwichtig, obgleich in den Jahreszahlen fehlerhaft, sind die kurzen Annalen
aus einer Prefslmrger Handschrift von 997 — 1203, welche zuletzt EndUrher p. 55
als Chronicon Posoniense herausgegeben hat.
21
Digitized by Google
322
IV. Salier. § 28. Frankreich.
wie an innerem Gehalt der Werke stand Frankreich gegen Deutsch-
land weit zurück. Zu den schon im vorhergehenden Abschnitte er-
wähnten Schriften aus dem Anfänge des elften Jahrhunderts traten
im Laufe desselben nur sehr wenige hinzu, die hier zu erwähnen
wären.
Ademar von Chabannais, der im Kloster des h. Martialis zu
Limoges unterrichtet war und später als Priester in Angouleme
lebte, schrieb eine Geschichte der Franken1), die bis 1028 reicht
und am meisten Uber Aquitanien, aber auch vielerlei Uber aller
Herren Länder enthält; und Rodulfus Glaber, d. i. der Kahlkopf
genannt, ein Mönch von Cluny, der vorher in vielen anderen Klö-
stern gewesen und namentlich in Dijon dem reformatorischen Abte
Wilhelm nahe getreten war, schrieb das Leben dieses Abtes2) und
aufserdem ein gröfseres Werk Uber die Begebenheiten, welche sich
um das Jahr 1000 zugetragen hatten3), fortgeführt bis zum Jahre
1044; ein Werk voll merkwürdiger Dinge und mannigfach belehrend,
aber wie Ademars Chronik ohne festen Plan und chronologische
Ordnung; beide erinnern an die Schriften eines Alpert, Arnold von
S. Emmeram, Othloh.
Eine festere Grundlage für die Geschichtschreibung gaben erst
die grofsen Chroniken aus dem Anfänge des zwölften Jahrhunderts,
von denen Sigeberts Werk im nördlichen Frankreich weit verbreitet
war und auch Fortsetzer fand, während im Süden ein einheimischer
Chronist dem Sigebert und Ekkehard zur Seite trat, im Kloster
Fleury, welches schon vor einem Jahrhundert durch Aimoins Werke
bekannt geworden war und sich durch litterarische Thätigkeit aus-
zeichnete4). Hugo von S. Maria, so benannt von einem Dorfe,
*) Ademari Hisloriarum libri III ed. Waitz , Mon. SS. IV, 106 — 148. Das
zweite Buch wurde zuerst von Pithou besonders herausgegeben und ist ab Mo-
nachus Engolismenei« de vita Karoli Magni bekannt ; es enthält nur die Lorscher
Annalen mit einigen Zusätzen.
a) Vita S. Willelmi Divionensis, Acta SS. I, 58. Mab. VI, 1, 322. Excerpta
ed. Waitz, Mon. SS. IV, 655-658.
8) Rodulli Glabri historiarum libri V, Duchesne IV, 1. Bouquet X, 1. Excerpta
ed. Waitz, Mon. SS. VII, 48 — 72. Vgl. W. Giesebrecht, Kaiserzeit II, 529 Aus
der grofsen Klosterchronik vom S. Benignuskloster zu Dijon, die um 1053
geschrieben ist (D’Ache'ry, Spicil. I, 353. ed. 2. 11,357) giebt Waitz Bruchstücke,
besonders über llalinard von Lyon, Mon. SS. VII, 235 — 238. Annales S. Ben.
Divion. um 1125 compilirt und bis 1285 fortgesetzt, SS. V, 37 — 50. Daraus
schöpften die Amt. Besuenses und wurden 1119 — 1174 selbständig im Kloster
Blaise fortgesetzt. Mon. II, 247 — 250.
4) Ilugonis Floriacensis Opera hislorica. Accedunt aliae Francotum historiae.
Ed. Waitz, Mon. SS. IX, 337 — 406. Waitz hat hier zuerst Licht in die grofse
Verwirrung gebracht, welche bis dahin über diese Werke und ihre Verfasser ver-
breitet war.
Digitized by Google
Ademar, Rodulfus Glaber, Hugo von Flrury.
323
das seinem Vater gehörte, Mönch zu Fleury, trat zuerst auf mit
einem Werke Uber den Investitnrstreit, in welchem er mit bemer-
kenswerther Kühnheit und Klarheit der priesterlichen Ueberhebung
gegenüber die Berechtigung der königlichen Autorität vertrat und
in Uebereinstimmung mit seinem Freunde Ivo von Chartres auf
die Scheidung und Versöhnung der beiderseitigen Ansprüche aus-
ging. Die Grundsätze, welche er hier vor dem König Heinrich von
England, dem das Buch gewidmet ist, entwickelt, sind im Wesent-
lichen dieselben, welche später in den Verträgen, die den Investitur-
streit beendigten, zur Geltung kamen’).
Im J. 1109 verfafste Hugo eine Kirchengeschichte bis auf Kaiser
Karls Tod, die er im folgenden Jahre, nachdem er die Historia tri-
partita kennen gelernt hatte, neu bearbeitete und bis 855 fortführte.
Er widmete sie der Gräfin Adela von Blois. Dieses Werk ist ein
Denkmal seiner Gelehrsamkeit und seines Fleifses, hat aber, da die
Quellen bekannt sind, keinen eigenthümlicben Werth8). Von gröfse-
rer Bedeutung, ist seine neuere Geschichte der Franken von Karl
dem Kahlen bis auf Ludwig VII, die er der Kaiserin Mathilde, Hein-
richs V Gemahlin, der Tochter Heinrichs I von Englapd, widmete,
und von der er auch eine zweite kürzere Bearbeitung verfafst hat4).
Er benutzte dazu die Bertinianischen Annalen, Flodoard, die in
Sens verfafste Geschichte der Franken, Aimoin, Hugo von Flavigny,
die Geschichte des ersten Kreuzzuges und normannische Quellen.
Weder an Kenntnifs der Vergangenheit noch an Genauigkeit kommt
er dem Ekkehard gleich, und die Geschichte seiner Zeit behandelt
er nur kurz und dürftig, aber bei dem Mangel anderer Schriftsteller
ist sein Werk doch schätzbar; es ist von Waitz zum ersten Mal in
seiner ursprünglichen Gestalt herausgegeben. Denn die Werke deB
Hugo wurden schon frühzeitig überarbeitet, interpolirt und fortge-
setzt; mehr jedoch die Kirchengeschichte als die neuere Geschichte.
Dieser trat noch ein anderes Werk zur Seite, eine kurze Geschichte
der Franken aus dem Kloster S. Denys, welche schon reichlich mit
Fabeln ausgestattet ist und dadurch Beifall fand5).
0 dem man auch mit Unrecht die Kirchengeschirhte des Hugo beigelegt hat.
a) Hugo Floriacensis de regia potestate et sacerdotali dignitate, zwischen 1100
und 1106 verfafst, in Baluzii Mise. ed. Mansi II, 186; vgl. Stenzei I, 689. Waitz
a. a. 0. S. 345.
3) Ausg. v. Roltendorf, Münster 1636. 4. Die Vorreden der einzelnen Bücher
und der letzte Theil bei Waitz S. 349 — 364,
4) Hugonis über, qui Modernorum Regum Francorum continet Actus, ib.
p. 376 — 395.
5) Historia Regum Francorum Monasterii S. Dionysii, p. 395 — 406. Einige
nicht unwichtige Nachrichten besonders über Heinrich V enthält: Orderici Vi-
21*
Digitized by Google
324
IV. Salier. § 28. Frankreich. § 29. Italien. Farfa.
Die weitere Entwickelung der historischen Litteratur in Frank-
reich, welche sich im zwölften Jahrhundert reicher entfaltete, aber
auch immer mehr aufser aller Verbindung mit Deutschland trat, ge-
hört nicht hierher und würde uns zu weit von unserem Gegenstände
abführen.
Kurz zu erwähnen ist noch, dafs die Schriften des Engländers
Wilhelm von Malmesbury Uber den Streit zwischen Heinrich V
und PaschalisH gute Nachrichten enthalten; ihm war auch das Werk
des Schotten David bekannt geworden1).
§29. Italien. Farfa.
So redlich sich auch die Kaiser bemühten, in Rom eine bessere
Zucht einzuf Uhren, es konnte alles nur wenig helfen, so lange die
Grundlagen unverändert blieben. Mit einem noch so wohlgesinnten
Papste war wenig gewonnen; von oben herab läfst sich wohl ein
einzelnes Kloster, aber nicht die ganze Kirche reformiren. Eine
durchgreifende und dauernde Aenderung konnte daher erst eintreten,
als die von Cluny ausgegangene Bewegung, nachdem sie ein Jahr-
hundert lang gewachsen und erstarkt war, zur Herrschaft kam und
sich auch der höchsten Kirchengewalt bemächtigte, die nun ihre
feste Basis hatte in den zahllosen Klöstern dieser Richtung. Jetzt
erst tritt das Papstthum wieder in lebendige Verbindung mit der
Kirche; die Regesten von JaffiS zeigen, wie schwach dieses Band
bis gegen die Mitte des elften Jahrhunderts war. An geschicht-
lichen Nachrichten aus Rom selbst fehlt es bis dahin ganz. Manche
Belehrung Uber die dortigen Zustände und Vorgänge erhalten wir
aber aus dem nahen Kloster Farfa, dessen Litteratur erst neuer-
dings durch Bethmann kritisch untersucht und zugänglicher gewor-
den ist 2).
Dem Büchlein von der Gründung des Klosters Farfa, dessen
wir früher gedachten, schliefsen sich die Schriften des Abtes Hugo
an. Dieser hatte im Jahre 997 die Abtei vom Papste Gregor V für
Geld zu erlangen gesucht, wurde aber deshalb vom Kaiser Otto HI
verjagt. Die Mönche baten jedoch für ihn, er erlangte seine Würde
wieder und empfand so lebhafte Reue Uber sein früheres Vergehen,
talis Angligenae Ulicensis monaehi Historicae ecclesiaslicae libri XIII. ed. Aug. Le
Prevost. Paris. 1838 — 1855. 8. 5 Bände.
l) Sein Werk De rebus gestis regum Anglorum bis 1127 und die Historia
novella 1127 — 1143 hat Hardy berausgegeben London 1840. 2 Bände 8. Excerpta
ed. Waitz, Mon. SS. X, 449-485.
a) liistoriae Farfenses ed. Bethmann, Mon. SS. XI, 519 — 590. Vgl. W. Gie-
sebreeht, Gesch. der Kaiserzeit I, 753.
Digitized by Google
Wilhelm von Malmesbury. Farfa. 325
dafs er wiederholt freiwillig abdankte. Zuletzt wurde er 1036 doch
wieder Abt und blieb es bis an Beinen Tod 1039. Seine Schrift
über die Zerstörung des Klosters *) schildert uns die traurigen Schick-
sale desselben während des Verfalles und gänzlichen Mangels jeder
festen obrigkeitlichen Gewalt in Italien. Als kaiserliches Stift theilte
Farfa alle Wechselfälle der Kaiserherrschaft und verfiel immer zu-
gleich mit dieser. Um das Jahr 900 wurde es von den Sarrazenen
zerstört, und nachdem es wieder hergestellt war, gerieth es abermals
in die schlechtesten Hände. Zwei bis drei Aebte bekämpften sich
unter einander; einer von ihnen, Campo, bahnte sich den Weg durch
Vergiftung seines Vorgängers und verwandte die Besitzungen des
Klosters zur Ausstattung seiner zehn Kinder. Um die Herstellung
einer besseren Zucht machte sich dann besonders Alberich verdient,
der hier in weit besserem Lichte erscheint, wie z. B. in der Chronik
von 8. Andrea. Wir sehen ihn in genauer Verbindung mit Odo von
Cluny, der auf seine Einladung nach Rom kommt (947) und auch
in dem Mutterkloster Montecasino einen besseren Zustand herstellt:
ein Verdienst, dessen man in Montecasino selbst entweder bald
gänzlich vergafs oder von dem man absichtlich nichts wissen wollte.
In Farfa hatte die Reform nur kurzen Bestand, dann schaffte Otto
der Grofse auch hier Ordnung, und der Abt Hugo führte von neuem
die Gewohnheiten von Cluny in Farfa ein. Aber auch jetzt noch
empfand man hier jede Schwächung der kaiserlichen Gewalt, und
Hugo hatte 1026 wieder Anlafs, eine Schrift über die Abnahme des
Klosters *) zu verfassen uud eine Klage an den Kaiser 3) einzu-
reichen.
Unter Heinrich IV war Farfa eifrig kaiserlich , um so mehr da
die Päpste danach strebten, es unter ihre unmittelbare Herrschaft
zu bringen, was ihnen zuletzt auch gelang. Natürlich hatte man
bei dem rechtlosen Zustande wieder viel zu leiden von Gewalttaten
der Nachbaren und von bösen Aebten. Hier wie fast überall erwies
sich nichts verderblicher als die so eifrig geforderte freie Wahl der
Aebte; sie zerrüttete das Kloster durch Parteiungen und brachte
durch schlechte Mittel die unwürdigsten Personen an die Spitze.
Diese Zeiten schildert uns Gregor von Catina, der mit staunens-
wertem Fleifse unter mancherlei Hindernissen vom Jahre 1092 an
sein Riesenwerk vollendete, alle Urkunden des Stiftes in ungeheuren
’) Destrnctio Farfensis p. 532 — 539. Vgl. W. Giesebrecht, Gcsch. d. Kaiscrz,
1,331. Uebcr Alberich S. 351.
a) De diminutione monasterii p. 539 — 543.
*) Querimonium ad imperatorem p. 543.
Digitized by Google
326 IV. Salier. § 29. Italien. Farfa. § 30. Die Papstgeschichte.
Folianten zu copiren, und dazu die Geschichte der Aebte bis 1125
schrieb '). Aufserdem verfafste er auch eine Vertheidigung der
kaiserlichen Rechte®), welche bis jetzt noch ungedruckt ist.
§30. Die Papstgeschichte.
In Rom selbst war an keine Litteratur zu denken, so lange
hier der Zustand der äufsersten Unwissenheit und Barbarei fort-
dauerte, welcher der Christenheit immer von neuem Anstofs und
Aergernifs gab. Jener alte, seit den frühesten Zeiten fortgeführte
Papstkatalog, der im neunten Jahrhundert zu förmlichen Lebens-
beschreibungen erweitert war, erhielt freilich auch jetzt noch Fort-
setzungen, aber sie beschränken sich lange Zeit fast ganz auf die
Namen, Herkunft und Regierungsdauer der Päpste 3). Einige Aen-
derung tritt erst mit dem reformatorischen Eingreifen Heinrichs HI
ein; von da an werden die hinzugefügten Nachrichten reichlicher,
wenn auch ihre Form noch lange Zeit von dem niedrigen Bildungs-
stande der Römer Zeugnifs giebt.
Es scheint sogar, dafs von jener Zeit an zweierlei verschiedene
Fortsetzungen des Pontificale entstanden sind. Die eine ist von An-
hängern der kaiserlichen Partei geschrieben und fafst die Ereignisse
ganz von diesem Standpunkte auf; es ist begreiflich, dafs ein solches
Werk später in Rom verschmäht wurde, und es haben sich nur
Bruchstücke daraus erhalten, welche später mit urkundlichen Auf-
zeichnungen aus den päpstlichen Regesten zu den sogenannten Rö-
mischen Annalen (1044 — 1183) verschmolzen sind*).
Eine andere Fortsetzung wurde in der Kurie selbst verfaftt und
spiegelt den Geist derselben, aber sie bleibt lange Zeit kurz und
dürftig, bis unter Paschalis H einer seiner vertrautesten Räthe, der
Kardinal Peter von Pisa, sich des vernachlässigten Werkes an-
nimmt; er trägt einiges nach zu den schon vorhandenen Nachrichten
seit Leo IX und fügt Biographien von Gregor VH, Viktor IH, Ur-
ban H, Paschalis U hinzu, ganz in der einfach urkundlichen Weise,
in welcher nun einmal das Pontificale angelegt war, ohne den
*) 1. 1. p. 548 — 587. Daran schliefst sich noch ein Abtkatalog und unbedeu-
tende Annalen bis 1228. — 3) Orthodoxa Defensio Imperalis.
3) s. die auf handschriftliche Studien begründete Darstellung W. Giesebrcchts
in der Allg. Monatschrift, April 1852, welcher das Folgende entnommen ist.
*) herausgegeben nach einer Abschrift von Zaccagni von A. Mai im Spicilegium
Rom. VI, und nach der Handschrift selbst von Pertz, Mon. SS. V, 468 — 489.
Vgl. W. Giesebrecht a. a. 0. u. Gesch. der Kaiserzeit II, 533. Bethmann über den
Cod. Vat. 1984. Archiv XI, 841-849.
Digitized by Google
Rom. Gesta Pontißeum, Bonizo, Petrus Damiani. 327
Phrasenschmuck der Legenden oder die Ausführlichkeit anderer selb-
ständiger Lebensbeschreibungen.
Eine weitere Fortsetzung verfafste bald nach dem Jahre 1130
der Kardinal Pandulf; er fügte Nachrichten Uber Gelasius II, Ka-
li xt II, Honorius II hinzu1). Es ist die Stellung der Verfasser und
der amtliche Charakter, welcher diesen Aufzeichnungen ihren gröfsten
Werth verleiht; auf schriftstellerische Schönheit machen sic keinen
Anspruch, doch ist ein grofser Fortschritt gegen die frühere Zeit
augenscheinlich, wie denn mit dem Durchbruch und Sieg der Clunia-
censer der päpstliche Hof eine ganz andere Gestalt gewonnen hatte.
Aus der Zeit Gregors VH sind nun auch noch verschiedene
andere Schriften zu erwähnen, welche über die Papstgeschichte
Licht verbreiten.
Eine Hauptquelle Uber die Zustände vor Heinrichs HI Zeit und
seine Reform ist das Buch des Bischofs Bonizo von Sutri, der
am 14. Juli 1091 gestorben ist, über die Verfolgung der Kirche2).
Ein unbedingter Anhänger Gregors VH, stellt er alle Bedrückungen
der Kirche durch die weltlichen Mächte zusammen; in Bezug auf
die ältere Zeit sehr unwissend und mit vielen Fehlern, dann aber
gerade über eine Zeit, von der wir sonst fast keine Nachrichten
haben, überaus lehrreich. Irrthümer und Ungenauigkeiten fehlen
freilich auch hier nicht, aber von absichtlicher Entstellung hält er
sich frei. Auch das Werk des Desiderius von Montecasino,
der nach Gregor als Viktor HI Papst wurde, Uber die Wunder des
Benedikt enthält gute Nachrichten Uber diese Zeit3), und von der
höchsten Wichtigkeit Uber die ersten Zeiten Heinrichs IV und der
Regentschaft sind die Schriften des eifrigen Petrus Damiani, die
jedoch nicht zur Historiographie gerechnet werden können mit Aus-
nahme des schon früher erwähnten Lebens S. Romualds4).
Einem römischen Papste war es seit Gregor dem Grofsen nicht
zu Theil geworden, dafs sein Leben in der Weise beschrieben wäre,
wie es bei einfachen Bischöfen so häufig geschah. Erst jetzt kommen
einzelne Beispiele davon vor, aber es ist auch eben nur die ultra-
montane Einwirkung, welche dazu Anlafs giebt. Es war kein Römer,
*) Beste Ausgabe von Papebroch im Propylaeum Maii.
2) Bonizonis über ad amicum sive de persecutione ecclesiae bei Oefele II, 794.
Vgl. Stenzei II, 67. Giesebrecht, im Anhänge zu den Annales Altahenses u. Gesch.
der Kaiserzeit II, 534.
8) Desiderii libri IV Dialogorum de Miraculis S. Benedicti. Mab. IV, 2.
4) Opera ed. Const. Cajetanus 1783. 4. in vier Bänden. S. über ihn beson-
ders Giesebrecht zu den Ann. Altahenses S. 168. Eine kurze Darstellung seines
Lebens giebt 0. Vogel, Peter Damiani. Jena 1856. Vgl auch Helfenstein S. 58. 139.
Digitized by Google
328
IV. Salier. § 30. Die Papstgeschichte.
sondern der Archidiakonus Wibert von Toul, welcher das Leben des
Papstes L e o IX beschrieb , in der Weise der besseren Biographen
deutscher Bischöfe (s. oben S. 278). Unbedeutend ist ein anderes
in Predigtform verfafstes Leben Leo IX von dem Bischof Bruno von
Segni *).
Gregor VII selbst fand ebenfalls einen Biographen an einem
deutschen Mönche, Paul von Bernried2), der zuerst Domherr der
Regensburger Kirche gewesen und dort von Heinrich IV vertrieben
war. Von Bernried aus ging er später nach Rom und lebte hier am
päpstlichen Hofe, wo er erst im Jahre 1128 das Leben Gregors
hauptsächlich nach schriftlichen Quellen verfafste. Allein Gregors
Persönlichkeit war für eine solche Darstellung zu grofs, und wenn
auch hier und mehr noch in anderen Schriften werthvolle Nach-
richten uns überliefert sind, so erhalten wir ein wahres und volles
Bild des Mannes doch nur aus seinem Registrum, der Sammlung
seiner Briefe8), welche uns zugleich zeigt, wie gut man schon wieder
in Rom gelernt hatte zu schreiben und welche Richtung dort die
fähigsten Geister nahmen: die kirchlich - politische Thätigkeit der
Curie nahm alle Kräfte in Anspruch.
Zu Gregors treuesten und eifrigsten Anhängern gehörte An-
selm von Lucca, der Nachfolger und Neffe Alexanders H (1073
bis 1086), der freilich das Bisthum von des Königs Hand annahm,
und auf Gregors Befehl behielt, dann aber zur Beruhigung seines
Gewissens um so lauter gegen diesen Mifsbrauch eiferte. Er war
*) Bibliotheca Maxima Patrum XX, 1730. Murat 111,2,346 — 355. Eine
dritte Biographie, 50 Jahre nach seinem Tode verfafst bei Borgia, Memorie di Be-
nevento II, 299. Eine Schrift de obitu Leonis bei Mab. VI, 2, 81. Vgl. W. Giese-
brerht, Geschichte der Kaiserzeit II, 534. 594. — Wichtiger ist eine Schrift des
Mönches Anselm von S. Remv über die Einweihung seiner Kirche durch Leo IX
am 2. Oct. 1049, wobei Leos Reise und das Concil von Reims genau beschrieben
werden, daher als Itinerarium Leonis IX bekannt, bei Marlot Metrop. Rem. II, 88-104,
Mab. VI, 1, 624 — 638 ed. Ven. und unvollständig bei Baronius und bei Mansi XIX,
727 — 745. Den Verfasser nennt Sigebert de SS. eccl. c. 152.
2) Pauli Bernriedensis Vita Gregor» VII bei Mabill. und Muratori 1. 1. Seine
Quellen waren nach Giesebrecht das Registrum, einzelne Urkunden, Bernold, Doni-
zonis V. Mathildis u. die V. Anselmi. Eigen sind ihm fast nur Wundeigeschichten.
a) Die Echtheit des Registrum ist mehrfach angezweifclt worden, zuletzt von
G. Cassander, Das Zeitalter Gregors VII. Darmstadt 1842. S. 167. Dagegen hat
W. Giesebrecht, gestützt auf die Urschrift im Vat. Archiv, dargethan in Jaffes Re-
gesten p. 403—405, dafs das Reg. eine gleich nach Gregors Tode angelegte Brief-
sammlung ist, die nicht in 11, sondern in 8 Bücher vertheilt war. Bei den ersten
7 Büchern lag dem Sammler das offizielle Reg. des Papstes vor; das achte Buch
umfafst Briefe, die ihm von anderen Seiten zuhamen. Ein zehntes Buch, das fehlen
soll, hat es nie gegeben. Ueber die kritische Beschaffenheit des Textes handelt
W. Giesebrecht, De Gregorii VII Registro emendando, Regiomonti 1858. 8., wo
zahlreiche und wichtige Verbesserungen mitgetheilt sind.
Digitized by Google
V. Leoni» IX, Gregorii VII, Anselmi. Benzo und Benno. 329
der besondere Beistand und Rathgeber der Gräfin Mathilde, und
diese sorgte auch dafür, dafs sowohl sein Leben, wie auch die
Wunder an seinem Grabe sogleich von ihren Kaplänen aufgezeichnet
wurden. Der Verfasser der Biographie ist der Priester Bardo von
Lucca, ein treuer Diener seines Herrn '). Anselms dritter Nach-
folger Rangerius hat das alles in Verse gebracht und auch wieder
über den Investiturstreit geschrieben, aber seine Werke sind verloren.
Gegen Heinrich IV und die Investitur von Laienhand schrieb
auch noch Placidus, Prior von Nonantula, sein Werk über die
Ehre der Kirche“).
Die Lage der Dinge in Italien unterschied sich von den Ver-
hältnissen jenseits der Alpen sehr wesentlich dadurch, dafs dort das
Uebergewicht der Bildung sowohl wie der festen sittlichen Haltung
unleugbar bei den Gregorianern war. Gehen auch diese in ihren
Schriften zu weit, indem sie ungerecht gegen ihre Widersacher
werden, sowie auch ihre Handlungsweise der Mäfsigung entbehrte,
so überschreitet dagegen auf der anderen Seite die Leidenschaft und
Lügenhaftigkeit alle Schranken. So ist namentlich des Bischofs
Benzo von Alba Lobschrift auf Heinrich IV in gereimter und ryth-
mischer Prosa voll der unverschämtesten Schmeichelei gegen den
Kaiser und der gemeinsten Schimpfreden gegen die Gregorianer, und
sie wimmelt dermafsen von Lügen und Fabeln, dafs man nur mit der
äufsersten Vorsicht einigen Nutzen für die Geschichte daraus ziehen
kann3). Derselben Art ist des Kardinals Benno sogenanntes Leben
Gregors VH, eine leidenschaftliche Schmähschrift nicht nur gegen
Gregor, sondern auch gegen die früheren Päpste und Urban II, den
er und seine Genossen immer nur Turbanus nennen4).
Anderer Art sind zwei erst kürzlich bekannt gewordene Schrif-
ten dieser Zeit, welche mit grofsem Aufwande von Gelehrsamkeit
die Sache des Kaisers zu unterstützen bestimmt waren. Die eine
davon ist von einem sonst nicht bekannten Petrus Crassus ver-
*) Vita Anselmi ep. Lue. auctore Bardone ed. Wilmans, Mon. SS. XII, 1 — 35,
mit Auszügen aus Anselms Schriften. VgL Helfenstein 64. 144.
“) Placidi Nonantulani Über de honore ecclesiae, Pez Thes. 11,2,75. Vgl.
Helfenstein S. 75.
3) Benzonis ep. Alkensis ad Heinricum IV Übri VII ed. Kar. Pertz , Mon. SS.
XI, 591 — 681. Vgl. Stcnzel II, 80 — 90. Giesebrecht, Ann. Allah. S. 213 ff. und
Gesch. d. Kaiserzeit II, 535 gegen die Schrift von Will: Benzos Panegyricus auf
Heinrich IV, mit besonderer Rücksicht auf den Kirchenstreit zwischen Alexander II
und Honorius II und das Concil zu Mantua kritisch behandelt, Marburg 1856. 8.
Helfenstein S. 162.
4) Gedruckt in Goldasts Apologia Heinrici IV. Vgl. Archiv VII, 872 über die
Brüsseler Handschrift, aus welcher in Sudendorfs Registrum I merkwürdige Stücke
leider sehr incorrect abgedruckt sind. Stenzei U, 18.
Digitized by Google
330 IV. Salier. §30. Die Papstgeschichte. §31. Unleritalien.
fafst und Heinrich IV vor dem Concil zu Brixen 1080 zugeschickt,
um hier Gebrauch davon zu machen 5). Den Behauptungen der
Gegner werden darin besonders die Sätze des Römischen Rechtes
entgegengestellt, und es ist dies das erste Beispiel dieser Art, das
erste Erscheinen dieser Waffe, welche später Heinrich V und den
Hohenstaufen so gute Dienste leistete. Die zweite ist auf den
Wunsch des Gegenpapstes Clemens nach Jaffe bei Gelegenheit der
Synode von 1089 verfafst, um sein und des Kaisers Recht aller
Welt darzulegen. Der Verfasser Wido, damals Bischof von Fer-
rara, war selbst früher auf Gregors Seite gewesen und erst bei
der Spaltung dieser Partei nach dem Tode ihres Hauptes zu den
Gegnern Ubergegangen. Es entspricht dieser Laufbahn, dafs er im
ersten Buche Gregors Sache mit grofsem Aufwand von kanonistischer
Gelehrsamkeit unterstützt, im zweiten aber für Clemens auftritt und
seine eigene Argumentation siegreich widerlegt. Diese Schrift, welche
auch an geschichtlichen Nachrichten reich ist, hat Wilmans jetzt
zum ersten Male herausgegebenl 2).
§ 31. Unteritalien.
Kurze Annalen aus Bari3), Benevent4 * 6), Montecasino *) und La
Cava*) geben uns Nachricht Uber die wichtigen und namentlich für
die Berührungen zwischen Kaiser und Papst so bedeutenden Ver-
hältnisse Unteritaliens.
Hervorragend in jeder Beziehung, einflufsreich und namentlich
auch mit Deutschland in mannigfacher Verbindung ist das Kloster
Montecasino, das wie Farfa in kaiserlichem Schutze stand und
b§i dem Verfall der kaiserlichen Macht viel zu leiden hatte. Abt
Aligem (949 — 985) hatte es nach der Zerstörung durch die Sarrazenen
und dem Capuanischen Exil wieder hergestellt, aber Kaiser Konrad
mufste es 1038 wieder aus schwerer Bedrängnife durch die Fürsten
l) Sudendorfs Registrum I, 22.
*) Wido ep. Ferrar. de seismate Hildebrandi, ed. Wilmans, Mon. SS. XII,
148—179. Vgli Giesebrecht, Geschichte der Kaiserzeit II, 585.
3) Annales Barenses a. 605 — 1043, Mon. SS. V, 51 — 56. Ann. Lupi Proto-
spatharii a. 855 — 1102 ib. 52 — 63. Anonymus — 1115 bei Murat. V, 147 — 156.
4) Ann. Benev. a. 788 — 1130 SS. Ill, 173 — 185. Chronicon ducum Bene-
venti etc. p. 211 — 213. Zu vergleichen sind über die hier so gefährlichen Pratil-
lischen Fälschungen Pertz u. Koepke im Archiv IX, 1 — 239.
6) Ann. Casin. a. 914 — 1042 SS. III, 172. Spätere, von 1000 an, von denen
eine Handschrift bis 1152, eine andere bis 1200 geht, bei Gallula, Accessiones ad
Hist. Cas. und zuletzt , doch ohne Benutzung der Handschriften, bei Del Re, Cro-
nisti Napoletani I, 457 — 488, 565 — 569.
*) Ann. Cavenses a. 569—1315, Mon. SS. III, 185 — 197, nicht zu verwech-
seln mit dem unechten Chronicon Cavense.
Digitized by Google
Petrus Crassus. Wido von Ferrara. Monteeasino. 331
von Capua erretten ; nnter seinem Schutze wurde Richer, ein Mönch
von Nieder -Altaich, damals Abt von Leno bei Brescia, zum Abt
erwählt und erat mit diesem beginnt ein besserer Zustand und ein
lebhaftes wissenschaftliches Leben, das unter dem Abte Desiderius
(1058 — 1087) seinen Höhepunkt erreichte1).
Zn den vielen ausgezeichneten Mönchen, an welchen damals
das KloBter reich war, gehörte auch Leo, aus dem Hause der Mar-
sicaner Grafen, den Desiderius bald nach seiner Wahl als 14jährigen
Knaben ins Kloster aufnahm, wo Aldemar, früher Notar des Fürsten
Richard von Capua, später Kardinal der Römischen Kirche, sein
Lehrer wurde. Der Kreis gelehrter und bedeutender Männer, der
sich um Desiderius versammelt hatte, sah mit Hoffnung nnd Wohl-
gefallen auf den talentvollen Jüngling; Alfanus, des Erzbischofs von
Salerno, Verse zeugen davon. Auch Desiderius hielt viel von ihm,
und weil Leo diesem so nahe gestanden hatte, gab sein Nachfolger
Oderisius ihm den Auftrag, das Leben dieses Abtes zu beschreiben,
dem das Kloster viel verdankte und dessen Erhebung auf den päpst-
lichen Stuhl, den auch schon sein Vorgänger Friderich als Stephan IX
bestiegen hatte, den Casinesen grofsen Ruhm brachte. Leo fand
indessen keine Mufse, den Auftrag auszuführen, er wurde Biblio-
thekar und Archivar des Stiftes, und wie es bei solcher Stellung zu
gehen pflegt, nahmen ihn die äufseren Sorgen, die vielen Rechts-
händel des Klosters gänzlich in Anspruch.
Zuletzt aber (nach 1098) entband ihn Oderisius, wie es scheint,
von diesen Geschäften, indem er ihm nun zugleich auftrug, die ganze
Geschichte des Klosters zu schreiben. Daran machte sich Leo jetzt
wirklich mit gröfstem Fleifse, und auch seine Erhebung zum Kar-
dinalbischof von Ostia im Anfänge des zwölften Jahrhunderts scheint
die Arbeit noch nicht unterbrochen zu haben. Doch nahmen ihn,
namentlich nachdem der Streit zwischen Heinrich V und Paschalis H
ausgebrochen war, die Weltbegebenheiten wohl zu sehr in Anspruch,
als dafs er viel Mufse zum Schreiben hätte finden können; er ge-
hörte zu den eifrigen Gegnern des Kaisers, welche von keinem
Frieden wissen wollten. Gestorben ist er in den Jahren 1115, 1116
oder 1117 am 22. Mai.
Unschätzbar würde seine Chronik sein, wenn er sie bis zu den
Zeiten Heinrichs V fortgeführt hätte; leider reicht sie aber nur bis
1) s. darüber Giesebrecht de litlerarum studiis apud Kalos , Berlin 1844. 4.
Alfani versus de situ, construclione et renovatione monasterii Casinensis bei Ozanam
Documents inedits p. 261 — 268. Leonis Marsicani et Petri Diaconi Chronica Mo-
nasterii Casinensis ed. Wattenbach, Mon. SS. VII, 551—844.
Digitized by Google
332
IV. Salier. §31. Unteritalien.
1075, wo sic mitten in der Beschreibung der von Desiderius neu
erbauten und eben damals geweihten Klosterkirche abbricht. Des-
halb ist ihre Bedeutung für die allgemeine Geschichte nur gering,
und selbst für die unteritalischen Verhältnisse und die frühere Ge-
schichte des Klosters nicht so gar grofs, weil uns die von Leo be-
nutzten Quellen und die Casineser Urkunden, aus denen er mit dem
mühsamsten Fleifse schöpfte, noch jetzt vorliegen. Es war ihm aus-
drücklich aufgetragen, die verschiedenen Erwerbungen des Klosters
genau zu verzeichnen und die Rechtstitel nachzuweisen; dieses und
die übrige Klostergeschichte ist ihm die Hauptsache, und als Schrift-
steller kann man ihn nur loben, weil er überall sorgfältig das rich-
tige Maafs beobachtet und von den ferner liegenden Ereignissen,
von Kaisern und Päpsten nicht mehr berichtet, als für seinen Zweck
nöthig war. Für die Hausgeschichte des Klosters hat er einige
eigenthtimliche Nachrichten schon aus der älteren Zeit; im zehnten
Jahrhundert werden sie reichlicher, und je weiter die Erzählung
fortschreitet, desto klarer und vollständiger liegt die Geschichte des
Klosters vor uns; im dritten Buche ist das Leben und Wirken des
Desiderius mit eben so viel Wärme und Liebe wie genauer Kenntnifil
dargestellt. Der Ausdruck ist einfach und der Sache angemessen;
die verschiedenen Handschriften, deren älteste von Leos eigner Hand
ist und nur bis 1057 reicht, zeigen uns deutlich, wie er fortwährend
an der Form änderte und nachbesserte, während er sachlich ein-
schaltete, was er neues in Urkunden und anderen Schriften fand;
namentlich hat er die Geschichte der Normannen von Amatus erst
bei der letzten Bearbeitung seines Werkes benutzt. Es giebt wohl
keine andere Klostergeschichte, welche mit gleicher Kunst und Sorg-
falt gearbeitet ist. Zuverlässig ist sie in hohem Grade und in der
Beurtheilung des Geschehenen spricht sich überall ein gerechter und
leidenschaftsloser Sinn aus.
Diese guten Eigenschaften des Leo von Ostia treten um so besser
hervor, da sein Fortsetzer ganz das Widerspiel von ihm war.
Petrus Diakonus, aus dem vornehmen Hause der Grafen
von Tusculum, die ihr Geschlecht von den Juliem herleiteten, wurde
1115 als Knabe dem Kloster übergeben und genofs hier besonders
den Unterricht des Guido, welcher die Vision des Albericns aufge-
schrieben und aufserdem eine leider verlorene Geschichte Kaiser
Heinrichs IV verfafst hat. Auch schreibt Petrus ihm eine Fort-
setzung der Casineser Chronik zu, die er selbst vielleicht benutzt
haben mag. Ihm wurde wie Leo das Archiv des Klosters über-
geben, und hier hat er sich verdient gemacht durch die Anfertigung
Digitized by Google
Leo von Ostia. Petrus Diaconus.
333
seines Registrum, -welches die zahlreichen Urkunden des Klosters in
Abschriften enthält, wie es denn überhaupt Petrus an Fleifs nicht
fehlte. Wäre nur seine Wahrheitsliebe eben so grofs gewesen! Aber
der Hauptzug seines Wesens war Eitelkeit, Eitelkeit auf seine Per-
son, auf Beine Abkunft und auf sein Kloster. Die ehrwürdige Ver-
gangenheit von Montecasino genügte ihm nicht, der h. Benedikt sel-
ber mufste ein Vetter des Kaisers Justinian gewesen sein, und eine
Reihe abgeschmackter Briefe und Urkunden, welche sich daran
knüpften, fand ihren Platz theils im Registrum, theils in einem an-
deren Werke über den h. Placidus, Benedikts Schüler. Denn dieser
mufste sich ganz besonders zum Träger des Fabelgebäudes hergeben
in einer Legende, die Petrus dem Gordian, einem Genossen des Pla-
cidus, unterschob und aus dem Griechischen übersetzt haben wollte,
wahrscheinlich aber selbst erfunden hat. Und obgleich er die wahre
Geschichte des Klosters von Leo nicht zu verfälschen wagte, so ist
er doch wahrscheinlich der Verfertiger einer falschen Urgeschichte
von Montecasino unter dem Namen des Anastasius1). Noch vieles an-
dere hat er geschrieben, Heiligenleben und Bücher Uber die frommen
und gelehrten Casineser Mönche2); diese haben etwas mehr Werth,
aber nachlässig und unzuverlässig ist alles, was von Petrus stammt.
Das mindert denn auch sehr den Nutzen seiner Fortsetzung der
Casineser Chronik, welche er auf Antrieb des Abtes um das Jahr
1140 verfaßte. Sie ist sehr ungleich geschrieben, bald sehr aus-
führlich, bald kurz über wichtige Dinge, enthält aber doch manche
dankenswerthe Nachricht Uber diese Zeiten, wo der Abt Desiderius
unter den schwierigsten Verhältnissen Gregors VH Nachfolger wurde
und später das Kloster auf Seiten Anaklets stand. Am ausführlich-
sten ist die Anwesenheit Lothars (1137) behandelt, und die vor ihm
und Innocenz H geführten Verhandlungen über das Verhältnis des
Klosters zu Kaiser und Papst; Petrus selber war es, der hier mit
seinen echten und falschen Privilegien auftrat und siegreich die
Freiheiten der Abtei vertrat. Der alte Kaiser fafste eine besondere
Zuneigung zu ihm und ehrte ihn durch allerlei Titel, wenn wir
Petrus glauben dürfen. Denn das ist eben das Mifsliehe bei diesen
Nachrichten, dafs wir sie nur von Petrus haben und diesem kein
Wort mit Zuversicht zu glauben ist.
Die Nachrichten des Leo und des Petrus Uber die Anfänge der
normannischen Herrschaft in Apulien haben an Werth für uns ver-
l) Anastasii Chronicon Casinense bei Muratori II, 249.
a) Liber illustrium virornm Casinensis archislerii, gedr. u. a. in der Bibliotheca
eeel. von Fabricius u. bei Muratori SS. VI, 9. Ortus et vita Iustorum Casinensis
monasteiii bei A. Mai, Nova Collectio Vl,b 245.
Digitized by Google
334 IV. Salier. § 31. Unteritalien. § 32. Die Lombardei.
loren, seitdem die Hauptquelle derselben wieder zum Vorschein ge-
kommen ist, nämlich die vortreffliche Normannengeschichte des
Amatus, der Bischof von Nusca und Mönch von Montecasino zur
Zeit des Desiderius war. Nachdem man dieses wichtige Werk lange
Zeit für verloren gehalten hatte, ist es von Champollion-Pigeac in
altfranzösischer Uebersetzung aufgefunden und (leider sehr mangel-
haft) herausgegeben '). Ein zweiter wichtiger Schriftsteller über die
Normannengeschichte ist von Wilmans nachgewiesen worden als ge-
meinschaftliche Quelle für die Alexias der Anna Komnena und das
Heldengedicht des Wilhelm von Apulien, nämlich ein Priester des
Erzbischofs von Bari, der Robert Wiskard auf dem Feldzuge ins
griechische Reich begleitete. Anna nennt ihn Latinus, was schwer-
lich ein Eigenname ist; Wilmans vermutket in ihm den Archidiakonus
Johannes von Bari, welcher auch die Auffindung des h. Sabinns be-
schrieben hat3). Sein Werk ist verloren, aber die Nachrichten jener
beiden epischen Gedichte erhalten durch diese Annahme eine festere
Begründung. Das Heldengedicht des Wilhelm von Apulien
zeichnet sich durch guten Versbau und Reinheit der Sprache aus;
gerichtet ist es an den Herzog Roger, Robert Wiskards Sohn, und
Papst Urban II wird als derjenige genannt, dessen Wunsch den Ver-
fasser besonders veranlafst habe, diese Arbeit zu übernehmen; weiter
ist uns aber Uber den Verfasser nichts bekannt3).
Zu den wichtigsten Quellen über Unteritalien im Anfang des
zwölften Jahrhunderts gehört die Chronik des Falko, Richters zu
Benevent (1102 — 1140), die namentlich über alles, was Benevent
betrifft, Behr genau und ausführlich ist4).
§32. Die Lombardei.
An die alten Klosterchroniken, in barbarischem Latein von
unwissenden Mönchen mit beschränktem Gesichtskreis geschrieben,
schliefst sich in diesem Zeitraum noch die Chronik des Klosters
Novalese im Thal von Susa bis zum Jahre 1048. Sie ist fast
l) L’ystoire de li Normant et la chronique de Robert Viscart par Alme moine
du Mont - Cassin, publiees pour la premiere fois par M. Champollion - Figeac k Paris
1835. 8. Vgl. Wilmans: Ist Amatus von Monte Cassino der Verfasser der Chro-
nica Roberti Biscardi? im Archiv X, 122 — 130. W. Giesebrecht, Kaiserzeit II, 531.
3) Wilmans Über die Quellen der Gesta Roberti Wiscardi des Guillermus Apu-
liensis, im Archiv X, 87 — 121.
3) Guillermi Apulicnsis Gesta Roberti Wiscardi ed. Wilmans, Mon. SS. IX,
239 — 298. Ferner steht uns die Geschichte Siciliens von Gaufredus Malatcrra,
Murat. SS. V, 537-602.
4) Falconis Beneventani Chronicon bei Muratori SS. Rer. Ital. V, 82 — 133.
Del Re, Cronisti Napoletani p. 5. Unter Innocenz II war der Vf. Scriba Sacri Pa-
latii, dann Judex Benevenlanus.
Digitized by Google
Amatus. Wilhelm von Apulien. Novalese. Mailand. 335
nur von localer Bedeutung, wichtig besonders für die Geschichte
der Grafen von Turin, deren Hause der Markgraf Arduin, der letzte
nationale König der Lombardei, den das Aufstreben des Ritterstandes
auf den Thron brachte, eine besondere Bedeutung verleiht. Merk-
würdig sind auf8erdem im ersten Theile die Ueberbleibsel einhei-
mischer Sage aus den letzten Tagen des langobardischen Reiches
und grofse Fragmente aus dem Liede von Walther und Hildegund
nebst einigen Spuren karolingischer Sage l). Die Original - Hand-
schrift, eine lange Rolle, ist nicht vollständig erhalten; einige Frag-
mente der verlorenen Stücke liefsen sich aus anderen Quellen ge-
winnen. Mit sorgsamem Fleifse hat daraus Bethmann, so weit es
möglich war, den Text hergestellt und erläutert2).
Derselben Gegend, aber schon etwas späterer Zeit, gehört daB
Leben des Abtes Benedikt von Clusa*) (fl091). Dem Inhalt
aber nicht der Abfassung nach stammt noch aus der Ottonischen
Zeit die wenig zuverlässige Legende vom h. Bovo von Voghera,
welcher die Sarrazencn aus Fraxinetum vertrieben haben soll, aber
in keiner anderen Quelle genannt wird*).
Von grofser Bedeutung einerseits für die Verfassungsgeschichte,
namentlich für die städtische Entwickelung, andererseits für das Ein-
greifen Hildebrands in die lombardischen Verhältnisse, sind die beiden
Mailänder Schriftsteller Arnulf und Landulf6), beide Geistliche
der alten Schule und Gegner Hildebrands, von denen aber Arnulf, ein
besonnener wahrheitsliebender Mann , zuletzt sich der römischen
Autorität fügt, Landulf in leidenschaftlicher Feindschaft beharrt und
in blinder Wuth allen Sinn für geschichtliche Wahrheit verliert
Einige Ergänzungen zu diesen Nachrichten bietet das Leben
Arialds, des Urhebers der Partei der Pataria, mit deren Hülfe
Hildebrand den Widerstand der lombardischen hohen Geistlichkeit
bekämpfte, der als Märtyrer in diesem Streite fiel und der Pataria
durch seinen Tod zum Siege verhalf, beschrieben von seinem Schüler
und eifrigen Anhänger Andreas, Abt von Vallombrosa6). Den wei-
*) Ueber die frühe Verbreitung der Chansons de geste in Italien s. Ozanam,
Documcnts inedits p. 142. Oonizo beginnt sein Werk mit dem Verse: Francorum
prosa (d. i. rylhmische, gereimte Poesie) sunt edita belta sonora.
2) Chronicon Novaliciense ed. Bethmann, Mon. SS. VII, 73 — 133, u. 1846. 8.
Vorher hatte sich Combetti durch seine Ausgabe Turin 1843. 8. und Monumenta
Historiae Patriae V verdient gemacht.
*) Vita Benedicti Clusensis ed. Bethmann, Mon. SS. XH, 196 — 208.
*) Vita Bobonis de Viqueria ed. God. Hensrhen. Acta SS. Mai V, 185.
6) Arnulfi Gesta archicpiscoporum Mediolancnsium 925 — 1077 edd. Bethmann
et Wattenbach, Mon. SS. VIII , 6 — 31. Landulfi historia Mediolanensis — 1085
ib. 32 — 100. Vgl. W. Giesebrecht, Kaiserzeit II, 534.
*} Andreae Vita S. Arialdi, Acta SS. Junii V, 281 — 303.
Digitized by Google
336
IV. Salier. § 32. Die Lombardei.
tcren Verlauf der Dinge, anhaltende innere Kämpfe, die zu dem
gänzlichen Verfall der noch vor kurzem bo glänzenden Mailänder
Kirche führten, schildert der jüngere Landulf von S. Paul1).
Gregors Freundin und unerschütterliche Bundesgenossin, die
Gräfin Mathilde, feierte mit mehr Eifer als Geschick in einem
grofsen Heldengedichte Uber sie und ihre Vorfahren der Priester
Donizo oder Dionysius, ein Mönch in dem von ihr gestifteten
Kloster zu Canossa. Das Werk -war für Mathilde selbst bestimmt
und wurde mit Gemälden geschmückt, um ihr überreicht zu werden,
aber ehe es vollendet war, starb die Gräfin am 24. Juli 1115, worauf
der Verfasser noch eine Klage Uber ihren Tod hinzufügte2).
Ein Bewohner von Como besang mit mehr Patriotismus, als
poetischer Begabung und grammatischer Ausbildung in einem langen
Heldengedichte den Krieg seiner Vaterstadt mit den übermächtigen
Mailändern (1118 — 1127), welcher nach heldenmüthiger Gegenwehr
mit der Unterjochung der schwächeren Stadt endigte8). Völlig ent-
gegengesetzter Art, voll Selbstbewustsein und Siegesfreude, sind da-
gegen die Aufzeichnungen aus der Stadt Pisa, welche damals die
Höhe ihrer Macht erreichte. Schon i. J. 1088 unternahmen die Pisaner
auf Antrieb des Papstes Viktor HI iro Verein mit Genuesem, Römern
Amalfitanem einen Kriegszug zur See gegen die Sarrazenen in Afrika
mit dem glänzendsten Erfolge, und diese Grofsthat feierte ein patrio-
tischer Pisaner in einem rythmischen gereimten Gedichte von 73 acht-
zeiligen Stanzen, noch ziemlich roh in der Form, aber voll von Leben
und Begeisterung4). Nicht lange nachher verherrlichte der DiaconuS
Laurentius die Eroberung von Majorca (1114, 1115) in einem Helden-
gedichte von sieben Büchern, welches nicht ohne dichterischen Schwung
ist und eine bedeutend fortgeschrittene Herrschaft Uber die poetische
Form bekundet, nach dem Muster des Virgil. Wenig später schilderte
wieder ein Ungenannter kurz und gedrängt, aber mit gleichem Selbst-
gefühl in Prosa die Grofsthaten der Bürger von der Einnahme Jerusa-
lems unter dem Erzbischof Daibert an bis zum Siege Uber die Ge-
nueser im J. 11205).
*) Landulfus Junior de S. Paulo bei Muratori SS. V, 459 — 520.
s) Donizonis Vita Mathildis ed. ßelhmann, Mon. SS. XII, 348 — 409 mit den
Bildern aus dem noch erhaltenen Original.
3) Anonymi poema de hello et excidio urbis Comensis, Murat. V, 413 — 456.
4) Entdeckt von Perlz, Archiv VII, 539. Gcdr. Du Meril p. 239. Reiffenberg
im Bull, de l’Acad. de Brux. X, 1, 524.
E) Gesta Triumphalia Pisanorum, Mur. VI, 100 — IOC. Laurentii Vemensis
de hello Maioricano libri VII, ib. 112 — 162. Die p. 107 und 167 gedr. Chroniken
sind durch die Ausgabe des Bern. Marangonis anüquirt
Digitized by Google
Y. WELFEN UND WEIBLINGEK.
Von Heinrichs V Tod bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts.
§ 1. Allgemeines.
Die salisclien Kaiser, eine Reihe kraftvoller und willensstarker
Männer, beherrschten trotz alles Widerstrebens der Fürsten, unge-
achtet ihres Zerfaliens mit der römischen Kirche, so gewaltig ihre
Zeit, dafs ihre Person den Mittelpunkt der Geschichte bildet: es gab
noch eine Reichsgeschichte, oder vielmehr es hatte sich eben von
neuem eine gebildet, die in einer Anzahl ausgezeichneter Werke be-
handelt wurde, während zugleich in jeder Specialgeschiclito die all-
gemeine sich abspiegelt. Der Zusammenhang mit den beiden Mittel-
punkten der christlichen Welt war zu keiner Zeit lebhafter als
während des Investiturstreites, dessen Phasen in jedem Kirchsprengel
empfunden wurden.
Heinrich V war bald in die Fufstapfen seines Vaters getreten;
nach seinem Tode kam die Opposition zum ersten Male wirklich
zur Herrschaft. Anstatt der Staufer, welche allgemein als Erben
und Nachfolger der Heinriche betrachtet wurden, ward Lothar der
Sachse, das Haupt des particulären Widerstandes, gewählt mit aus-
drücklichem und bewufstem Widerspruch gegen die erbliche Folge,
welche die kirchlichen Vorkämpfer der eigenen freien Wahl wie
eine Art von Simonio ansahem Lothar begann damit, das Recht der
Krone an den Bisthümem, welches noch das Wormser Concordat
gewahrt hatte, Preis zu geben. Es war die erste grofse Niederlage
des deutschen Kaiserthums, und als man nach Lothars Tode das-
selbe Spiel fortsetzte, drohte schon das ganze Reich aus seinen
Fugen zu gehen.
Da erfafste aber Friderich I noch einmal mit starker Hand die
Zügel, und diese Zeit erscheint auch in der historischen Litteratur
vertreten durch Otto von Freising und seine Fortsetzer; noch Fride-
richs II erste Herrscherjahre sind durch ein neues Aufleben der
22
Digitized by Google
338
V. Staufer. § 1. Allgemeines.
ReicliBgeschichte bezeichnet, dann aber nimmt auch in den Geschichts-
quellen das Besondere Uberhand, und immer seltener erscheint in
ihnen die Beziehung auf einen Mittelpunkt, denn es hatte wohl ge-
lingen können, die kaiserliche Macht zu zerstören, aber die päpst-
liche Herrschaft an ihre Stelle zu setzen, das Schwert des Kaisers
zum Werkzeug derselben zu machen, das war mifslungen. Damit
verlieren nun aber auch die Einzelgeschichten viel von ihrer Bedeu-
tung; Uber die wichtigsten Begebenheiten finden wir bald nirgends
mehr irgend genügende Nachrichten, bis es allmählich so weit kam,
dafs das wichtigste Reichsgesetz, Karls IV goldene Bulle, in keiner
einzigen Chronik erwähnt wurde. Schon für die Zeit Friderichs II
tritt die Bedeutung der Chronisten sehr zurück gegen die Briefe
und Urkunden, welche in zunehmender Fülle vorhanden sind1).
In der auffallendsten Weise verschwindet ferner vom zwölften
Jahrhundert an der Sinn für historische Forschung, für jene sorg-
same und vorsichtige Erkundung der Vorzeit, welche noch eben
vorher so eifrig und gewissenhaft betrieben wurde. Wenn sich noch
jemand mit den Werken der Alten beschäftigte, sagt Johann von
Salisbury, so lachten alle ihn aus und hielten ihn für stumpfsinniger
als einen Esel, ja als einen Stein2). Wir haben ähnliche Klagen
bereits aus den Tagen Ludwigs des Frommen und Heinrichs IV ge-
hört, es ist die natürliche Wirkung einer unruhigen Zeit, die von
Kampf und Streit erfüllt war, aber verschiedene andere Ursachen
traten hinzu, welche namentlich die Beschäftigung mit ernstlichen
geschichtlichen Studien verhinderten, während eine gewisse formale
Bildung, die Kenntnifs des Lateinischen, bis zur Mitte des dreizehnten
Jahrhunderts selbst unter den Laien sehr verbreitet war und auch
die Kaiser dieses Zeitraums auszeichnete3). Zu diesen Ursachen
gehört die Herrschaft der scholastischen Philosophie, welche sich
von Paris aus Uber die Welt verbreitete, und von der Lombardei
aus das Eindringen des Römischen Rechtes, dessen Studium von der
•
1) Ueber diese, welche hier zu berühren nicht möglich ist, orientiren Böhmers
Regesla Imperii von 1198 — 1254. Stuttg. 1849. 4. Gesammelt sind sie jetzt in
dem Codex diplomaticus et epistolaris Friderici II von Huillard - Breholles, bis
jetzt 8 Bände.
2) Johannes Saresber. Metalog. I, 3 : Si quis incumbebat laboribus anliquorum,
notabatur et non modo asello Arcadiae tardior, sed obtusior plumbo vel lapide
otnnibus erat in risum.
3) Bemerkenswert!! ist für die Bildung der Frauen in dieser Zeit die Aenfse-
rung des Vincenlius Pragensis ad a. 1153 über des Landgrafen Ludwig von Thü-
ringen Tochter Jutta, die Gemahlin des Königs Wladislaus v. Böhmen. Er nennt
sie : litteris et latino optime cruditam eloquio, quod maxime domizellarum nobilium
exornat decorem.
Digitized by Google
Wundersucht und Fanatismus. Ketzer.
339
Erforschung der eigenen Vorzeit gänzlich ablenkte. In der Kirche
nahm zu derselben Zeit, während die wissenschaftliche Bildung ab-
nahm, Fanatismus und Wundersucht immer mehr überhand; die
Kreuzzilge namentlich trugen dazu bei, aber mehr noch der Kampf
gegen die weltliche Gewalt und vom dreizehnten Jahrhundert an
der Einflufs der Bettelorden. Immer häufiger werden die feierlichen
Erhebungen und Uebertragungen der Heiligengebeine mit den grofsen
Pilgerfahrten, welche sich daran knüpfen, und den lügenhaften Le-
genden, die dadurch veranlafst werden ’). Findet irgendwo ein grofser
Zulauf statt, so pflegen sich bald auch benachbarte Kirchen zu
rühren, um ihren Theil an der reichen Ernte an sich zu ziehen.
Guibert von Nogent, am Anfänge des zwölften Jahrhunderts, rügt
dieses Treiben mit dem schärfsten Tadel und deckt mit bemerkens-
werther Offenheit die Kunstgriffe auf, deren man sich bediente. Im
Wundermachen erlangte man eine grofse Fertigkeit, und Schrift-
steller der Zeit klagen Uber die vielen betrüglichen Wunder’) und
dafs sich auch die Ketzer darauf so gut verstanden’). Denn wäh-
rend die Kirche die Herrschaft über die Gemüther verlor, während
sie begann, in Unwissenheit und Fanatismus zu versinken, mehrten
sich auch die Klagen Uber die zahllosen Ketzer, die" man dann mit
Feuer und Schwert verfolgte4). Bekannt sind die Edikte gegen die
*) 1107 Transl. S. Modoaldi nach Helmershausen. 1112 ff. Miracula S. Ma-
riae Laudunensis. 1123 Elevatio Chunradi ep. Conslantiensis. 1131 Inventio
S. Malhiae in Trier. 1133 Elevatio S. Godehardi. 1142 S. Legontii in Metz.
1147 S. Vitoni. 1154 Inventio SS. Adelarii et Eobani in Erfurt, Ann. S. Petri,
Nicol, de Syghen p. 335. 1156 Barthol. et Paulini in Wirzb. SS. XVI, 9. 1160
Miracula S. Nicolai in Brauweiler. 1164 Translatio Trium Regum. 1165 Elevatio
et canonizatio Karoli Magni. 1166 Translatio SS. Cassii et Florenlii in Bonn.
1172 Elevatio S. Thomae Cantuariensis. 1181 Miracula Sanctorum Iuvavensium,
des Vitalis in S. Peter, Valentin und Pilgrim in Passau, Adalbero in Lambach.
1183 Translatio S. Annonis in Siegburg, Udalrici in Augsburg. 1189 Canonisatio
Ott Bambergensis. 1191 Inventio Sanguinis Domini in Erfurt. Ann. Reinhardsbr.
p. 56. Nicol, de Syghen p. 335 zu 1190. 1192 Elevatio S. Ladislai in Ungern.
1194 S. Bcrnwardi in Hildesheim. 1199 Hoslienwunder in Augsburg. Ann. Ar-
genlin. 1201 Transl. SS. Ileinrici et Cunigundis in Bamberg. 1205 Translatio
S. Corbiniani in Freising u. s. w.
2) So schon Wolfhcr in Vita Godeh. II c. 34, Mon. SS. XI, 216.
’) Hisdem temporibus tanta portenta falsorum signoruni per hcreticos facta
sunt, ut plurimis obstupescentibus iam omnino inslarc perditi hominis adventus
apud plerosque fidelcs creditum sit. Ann. Bruwillar. 1 144. Vgl. Ann. August,
min. 1146. Scheftlar 1147. Gerhoh. Reichersperg. 1 147 über die aus dem Morgen-
lande heimkehrenden Betrüger. Caesarii Dial. V, 18. Walther Map spottet sogar
über die vorgeblichen Wunder des h. Bernhard, und Abälard über Norbert, Mon.
SS. XII, 666 n. 24 — 26. — 1147 Wunder und Zulauf in Wirzburg gegen den
Willen des Bischofs, SS. XVI, 4.
4) Um 1112 Tanchelin in Antwerpen, dessen Anhänger sich nach Köln ver-
breiteten, s. H. C. Stein de Friderico archiep. Colon, p. 38. V. Norberti, Mon. SS.
22*
Digitized by Google
340 V. Staufer. § 1. Allgemeines. § 2. Lothar u. Konrad.
Ketzer, welche Friderich II erlassen mufste, um seine Rechtgläubig-
keit zu beweisen. Um dieselbe Zeit wird Leopold der Glorreiche
von Oesterreich besonders gerühmt, weil er Ketzer braten und sieden
liefs ') , und dasselbe that schon König Heinrich n von England.
Seit 100 Jahren begannen die Ketzer in England sich zu verbreiten,
wie Walther Map erzählt, der von ihren Schlechtigkeiten Unglaub-
liches berichtet 2). Böhmen war schon im dreizehnten Jahrhundert
voll von Ketzern, und der König erwarb sich durch Verfolgungen
das Lob des Papstes3). Die Waldenser und Albigenser und Konrad
von Marburg brauche ich nur zu nennen. Nur zu bekannt sind
ferner die Judenverfolgungen, zu welchen die Kreuzzüge den ersten
Anstofs gaben, und der Bischof von Beauvais verbrannte auch schon
Hexen 4).
Je mehr aber das Volk sich der Kirche entfremdete, desto eifri-
ger achtete man auf Visionen und Träume, wie die der Hildegard
von Bingen und der Elisabeth von Schönau, deren Bruder Ekbert
die Katharer in Köln bekämpfte. Sie selber sah in Visionen dio
ganze Geschichte der 11000 Jungfrauen6). Ueberhaupt wurden immer
fabelhaftere Legenden verbreitet, um den Zulauf zu den Wallfahrts-
orten zu vermehren, und sie beschränkten sich nicht mehr auf die
ferne Vergangenheit, sondern besudelten auch die näher liegende,
völlig geschichtliche Zeit. Schon 1122 beglaubigte Papst Kalixt II
die vielleicht von ihm selbst verfafste lügenhafte Chronik des falschen
Turpin6), und die Legende vom heiligen Karl nahm den Kreuzzug
des Kaisers als Thatsache auf; aus dem thatkräftigen Heinrich II
machte die Bamberger Kirche einen Betbruder. Nicht besser ging
es dem König Stephan von Ungern. Welches Fabelgewebe sich an
die Trierer Reliquienfunde anschlofs, ist in neuerer Zeit genugsam
erörtert worden. Zu den unverschämtesten Erfindungen gehört ferner
XII, 691. Eberwini abb. Stcinfeldensis epistola ad S. Bernhardum de hereticis
iuxla Coloniam repertis et combustis, Mab. Anal. p. 473 und Opera S. Beruh, ed.
Mab. I, 1490 mit den beiden Predigten Bernhards, welche sich darauf beziehen.
Godefridus Colon, et Ann. Aquenses 1163. Caesarii Dial. V, 19. In Strafsburg
Ann Argentin. 1215 u. 1231. Caesar. III, 17. Heinrich Minnekes Verbrennung in
Hildesheim 1225, s. Sudendorfs Registrum II, 160. Verschiedene Kel/.ergeschichten
bei Caesar. III, 16. V, 20-25. IX, 12.
*) Wrlscher Gast 194*. — *) De nugis curialium I, 30.
3) Notizenblatt der Wiener Akademie I, 384.
4) Walther Map de nugis curialium IV, 6. Auch in Soest, Caesarii Dialog.
IV, 99.
“) s. Rettberg I, 116. Ueber die rasche Verbreitung der Visio Tundali von
1149 Gervinus I, 174.
°) Vgl. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung I, 236.
Digitized by Google
Visionen, Fabeln. Verfall der Geschichtschreibung. 341
die Regensburger Schrift über ihren angeblichen h. Dionysius ’).
Wohl sträubten sich viele gegen diese Fabeleien, in den Stiftern
selbst fanden sich Spötter, und die Polemik gegen diesen Unglauben
ist ein beachtenswerther Zug, z. B. in den Salzburger Wunder-
geschichten, in den Wundern des h. Anno. Gerhoh von Reichers-
perg eifert nachdrücklich gegen die Profanen, welche von Legenden
nichts hören mögen und lieber im Cicero, Virgil, Ovid lesen2). Aber
die Wundergeschichten gewannen die Ueberhand, und von der an-
deren Seite gesellten sich zu ihnen die Dichtungen des karolingi-
schen Sagenkreises. So verliert sich allmählich der Sinn für histo-
rische Wahrheit; die Vorzeit wird mit Fabeln und absichtlichen
Erdichtungen ausgefüllt, und die bis dahin so sorgsam benutzten
echten Quellen, für die daneben kein Platz bleibt, werden gänzlich
verdrängt. Da konnte es nicht ausbleiben, dafs auf den Höhepunkt
der mittelalterlichen Historiographie ein rascher Verfall folgte, dessen
Verlauf wir hier nicht weiter verfolgen werden.
Auch in den romanischen Ländern hört mit dem dreizehnten
Jahrhundert die Kirche auf, die Hüterin der Geschichte zu sein,
aber hier hat mittlerweile die Laischaft bereits einen solchen Grad
der Bildung gewonnen, dafs sie in vollkommen ebenbürtiger Weise
die Aufgabe übernehmen kann; es tritt hier eine wissenschaftliche
Entwickelung ein, gegen welche Deutschland weit zurückbleibt. Nur
langsam und vereinzelt entstehen in den deutschen Städten Chro-
niken, noch später Landesgeschichten, und auch diese werden zum
Theil von Geistlichen geschrieben; der künstlerischen Form ent-
behren sie fast ohne Ausnahme. Zwischen dem Verfall der kirch-
lichen Geschichtschreibung aber und dem Beginn der weltlichen und
particularistischen liegt ein Zwischenraum grofser Oede, welcher
mit dem unseligen Zwischenreich, der Periode allgemeiner Zerrüttung
und Erschöpfung zusammenfällt und unsere Aufgabe begrenzt.
§2. Die Zeit Lothars und Konrads.
Mit dem Tode Heinrichs V legte Ekkehard die Feder nieder.
Ueber die Wahl Lothars hat einer der anwesenden Prälaten einen
*) Translatio S. Dionysii Ariopagitae ed. Kocpke, Mod. SS. XI, 343 — 375.
Bemerkenswerth sind darin die viel benutzten und mifsbrauchten topographischen
Angaben über Regensburg im Prolog, sowie einige Reste alter Sage von Iring.
2) Qui gesta Sanctorum non solum legere dedignantur sed nec audire quidein
dignantur, sed solent ea odisse et fastidisse, magis diligentes commenta Maronis,
scripta Ciceronis, nenias Nasonis, quam signa Nicolai, virtutes Egidii et aliorum
Christi amicorum. Prologus Vitae Wirntoms bei Pez, Thes. I, 3, 399.
Digitized by Google
342 V. Staufer. § 2. Die Zeit Lothars und Konrads.
Bericht abgefafst, der uns noch erhalten ist1); hoch erfreut Uber
den Sieg seiner Partei sieht der Verfasser in allem, was geschah,
das Wirken des Heiligen Geistes. So dankbar wir ihm nun auch
sein müssen für die Nachrichten, welche er uns aufbewahrt hat, so
vermissen wir doch ungern genauere Nachrichten Uber die Motive
dieser so wichtigen Wahl und die Mittel, durch welche sie zu Stande
gebracht wurde. Denn was in jener Erzählung gesagt wird, be-
schränkt sich auf das Aeufserlicbste, und der Verfasser war entweder
wenig eingeweiht, oder er sagt weniger als er wufste.
Wie es aber zu geschehen pflegt, wenn das Haupt der Oppo-
sition zur Regierung kommt, Lothar lenkte bald auf die Bahn seines
Vorgängers ein; es fehlte nicht viel, dafs auch er mit dem Papste
zerfallen wäre, und die Reichsgewalt hielt er kräftig aufrecht. Da
sehen wir denn auch unter ihm noch die Reichsgeschichte,
welche unter Heinrich V sich entwickelt hatte, fortdauern. Einem
Exemplar der Chronik des Ekkehard, das mit Auszügen aus Lam-
bert bereichert ist, sind Annalen angefügt, die in kurzer gedrängter
Weise Uber Lothars Regierung Bericht erstatten; der Kaiser steht
durchaus im Vordergründe, und die ganze Fassung erinnert an die
Reichsannalen. Ueber den Verfasser ist nichts bekannt, er war
aber gut unterrichtet und scheint 1133 den Römerzug mitgemacht
zu haben. Pertz, der diese Annalen zuerst in ihrer ursprünglichen
Gestalt bekannt machte, hielt ihn für einen Mönch von 8. Peter in
Erfurt; gewifs schrieb er in Thüringen2). Für Konradä Regierung
giebt es nichts der Art; der rasche Wechsel der herrschenden Fa-
milien erschütterte das Reich zu sehr, und es fand sich keine Feder
für die Reichsgeschichte.
Eine nicht unwichtige Quelle für Lothars Auftreten in Italien,
die Casineser Chronik des Petrus Diakonus, wurde schon früher er-
wähnt; eine andere, welche bis in den Anfang der Regierung Kon-
rads (1139) reicht, ist die in Sachsen verfafste Chronik eines un-
bekannten Verfassers, den man den Sächsischen Annalisten zu
nennen pflegt 3). Sein Werk ist aber leider nicht vollständig er-
*) gcdr. u. a. bei Per, SS. Rer. Aust. I, 570. Böhmers Fontes 111, 570 — 574.
Mon. SS. XII, 509 — 512 ed. Wattenbach. Vgl. Jaffe, die Geschichte des deutschen
Reiches unter Lothar dem Sachsen S. 24 ff., wo die Stelle der Vita Chunr. Salisb.
c. 21 nachzutragen ist.
s) Annales Erphesfurdenses 1125 — 1137, Mon. SS. VI, 536 — 541. Böhmer,
Fontes III, 574 — 581, nennt sie Annales Lothariani und hält sie für ein Stück der
Bosauer (Pegauer) Annalen, ln diese gingen sie aber mit den Erfurter Annalen
bis 1149 über.
3) Annalista Saxo ed. Waitz, Mon. SS. VI, 542 — 777. Vgl. L. Giesebrecht,
Wendische Geschichten 111, 333 ff. u. unten § 18.
Digitized by Google
Electio Lotharii. Annalista Saxo.
343
halten; geschrieben hat er es erst gegen die Mitte des zwölften
Jahrhunderts, vielleicht in Halberstadt. Es ist eine grofse Reichs-
geschichte in Annalenform vom J. 741 an, mit besonderer Rücksicht
auf Sachsen. Der Fleifs und die Gelehrsamkeit des Verfassers sind
bewnnderungswerth, namentlich die ganze sächsische Litteratur war '
ihm bekannt und dazu die Chronik Ekkehards, die er in amfassen-
der Weise ausgeschrieben hat. Er hat nämlich diese Quellen fast
gar nicht verarbeitet, sondern mehr oder weniger vollständig abge-
schrieben und auf diese Weise eine ungeheuere Compilation zu Stande
gebracht, die wenig schriftstellerischen Werth hat, aber vor der
späteren Litteratur sich sehr vortheilhaft auszeichnet durch die
Sorgsamkeit der Arbeit und die Zuverlässigkeit der Angaben, da er
durchgehends die besten Quellen benutzte und noch frei ist von der
Fabelsucht der Späteren. Seine Bedeutung für die Gegenwart be-
ruht grofsentheils auf dem zufälligen Umstande, wie weit seine
Gewährsmänner uns noch erhalten sind. So haben seine Auszüge
aus Regino, Widukind, Thietmar, Adam, Bruno, Cosmas u. a.
wenig Werth für uns, aber er hat die Quedlinburger, die Rosen-
felder und vielleicht auch die Hildesheimer Annalen vollständiger
besessen, als sie uns jetzt vorliegen und dadurch einige schätzbare
Bruchstücke erhalten1).
Ueber die sächsischen Klöster hat er viel gesammelt, was ihm
eigenthümlich ist, und aus Nienburg an der Saale vielleicht eine
eigene Chronik zur Benutzung gehabt; ebenso scheinen ihm Magde-
burger und Halberstädter Bisthumsehroniken Vorgelegen zu haben3).
Die Geschichte der Bischöfe von Halberstadt berücksichtigt er mit
solcher Vorliebe, dafs Waitz deshalb vermuthet, er selbst habe dieser
Barche angehört8). Besonderen Fleifs hat er auch auf die Genealogie
r) s. oben S. 226. Grofsentheils auf denselben Quellen beruht der unten zu
erwähnende Chronographus Saxo.
*) .Waitz a. a. 0. p. 545. Zu seinen Quellen gehört auch ein Fapslkatalog
mit den gewöhnlichen Nachrichten über die Constitutionen der einzelnen Päpste
bis auf Formosus, dessen Geschichte aus Liudprand abgeschrieben ist, weshalb
Flacius das ganze Werk dem Liudprand zusebrieb und Busaeus, obgleich er die
Wahrheit erkannte und in der Vorrede nachwies, cs unter dem Titel: Luitprandi
Ticinensis diac. opus de vitis Romanorum pontificum, Mog. 1602 in quarto heraus-
gab. Eine in den Text bei Hadrian II gerathene Glosse über die sächsischen Zehn-
ten scheint auf Uersfeld, als die Heimath der Handschrift, zu führen, und die we-
nigen eigeuthümlichen Zusätze betreffen Sachsen. — Die irrthümlich für alt gehaltene
Narratio de fundatione quarundam Saxoniae ecclesiarum weist Waitz in den Nach-
richten v. d. Gött. Univ. 1857 S. 63 als sehr spät entstanden nach.
3) Namentlich auch wegen der in seiner Originalhandschrift auf dem Rande
eingetragenen Briefe und Urkunden, die sich fast alle auf Halberstadt beziehen.
Sie sind in der Ausgabe fortgelassen und finden sich meistens bei Martcne ColL
Ampi. I.
Digitized by Google
344
V. Staufer. § 2. Die Zeit Lothars und Konrads.
der bedeutenderen sächsischen Familien verwandt, und diese aus
mündlicher Mittheilung geschöpften Nachrichten sind für uns von
grofsem Werthe. Es scheint, dafs der Verfasser einen grofsen Theil
von Sachsen durchreist hat, um seine Nachrichten zu sammeln ; von
der Mühe und Sorgfalt, die er auf sein Werk verwandte, zeugt auch
die noch erhaltene Original - Handschrift mit ihren zahlreichen Ver-
besserungen und Nachträgen.
Am längsten konnte der Verfasser von den Hildesheimer und
Rosenfelder Annalen Gebrauch machen, aber in der letzten Zeit
überwiegen immer mehr seine eigenen Zuthaten, und die Geschichte
Lothars wird fast ganz selbständig von ihm erzählt, sei es nun, dafs
er hier andere, uns unbekannte Quellen vor sich hatte, oder dafs er
bereits aus eigenen früheren Erlebnissen und Notaten nebst den
Erzählungen der Zeitgenossen, wie einst Lambert, die Geschichte
zusammenstellte, mit derselben Sorgfalt und Zuverlässigkeit, mit der
er bis dahin seine Quellen ausschrieb. Als Sachse und als Geist-
licher wendet er natürlich diesem Kaiser besondere Vorliebe zu.
Wie weit sein Werk sich erstreckt hat, ist unbekannt und auch aus
den späteren Schriftstellern, die es benutzt haben, nicht zu ersehen;
man erkennt es in der Lauterberger, der sogenannten Repgowischen
und der Magdeburger Chronik, und auch der Chronist von S. Pan-
taleon in Köln hat es benutzt. In neuerer Zeit wurde es zuerst
durch die Ausgabe von Eckhart (1723) bekannt und ungebührlich
viel benutzt; nachdem nun Waitz die mühsame Arbeit ausgeführt
hat, überall die ursprünglichen Quellen nachzuweisen, und die daraus
entlehnten Stellen in der Ausgabe auch durch kleineren Druck kennt-
lich gemacht hat, so läfst sich wohl erwarten, dafs man die echten
Quellen vorziehen und den Annalisten nur für diejenigen Nach-
richten anführen werde, welche ihm eigenthümlich sind.
Einen anderen Weg wie der sächsische Annalist schlug Ho-
norius von Au tun ein, ein Schriftsteller, der insofern räthselliaft
ist, weil er sich selbst einen Priester und Scholaster der Kirche
von Autun nennt1), während doch in seinen Schriften nichts auf
Frankreich deutet; die Handschriften derselben finden sich beson-
ders häufig im südöstlichen Deutschland. Er schrieb zahlreiche
theologische Werke, eine Schrift Uber den Vorzug des Priesterthums
vor dem Königthum2), eine andere Uber die kirchlichen Schriftsteller, •
in welcher auch seine eigenen Werke aufgczählt sind3).
l) wenn nämlich das letzte Kapitel seines Buches de luminaribus ecclesiae
wirklich von ihm ist. — 2| Summa gloria de Apostolico et Augusto, Pez Thes. II, 179.
a) Liber de luminaribus ecclesiae, s. oben S. 55.
Digitized by Google
Annalista Saxo. Honorius von Alltun. Kaiserchronik. 345
Unter diesen befindet sich auch ein Handbuch der Weltgeschichte,
Summa genannt, verfafst zum Frommen derjenigen, welche bisher
den Mangel an Büchern vorschützten , wenn sie in Unwissenheit
blieben. Und compendiös genug ist auch die Geschichte, aber zu-
gleich so mager und geistlos, dafs der Leser nicht gar viel dadurch
gewann. Gedruckt ist nur der letzte Theil von 726 — 1133 in der
Ausgabe von Wilmans '), nachdem das Werk lange verborgen geblie-
ben war. Die beiden letzten Abschnitte Uber Heinrich V und Lothar
sind dem Verfasser, der bis dahin vorzüglich die Wirzburger Chronik
ausschreibt, eigenthümlich, haben aber auch nur sehr geringen Werth.
Viel verbreiteter als diese Summa war ein noch viel umfassen-
deres und compendiöseres Werk des Honorius, eine Beschreibung
der ganzen Welt, welche auch eine kurze Chronik enthält, die in
einen Kaiserkatalog ausläuft3).
Gleichzeitig entstand auch in Oesterreich das erste deutsch ge-
schriebene Geschichtswerk, wenn man es so nennen darf, die Kais er -
chronik3), 1137, nach anderen 1146 zuerst verfafst und später mit
Fortsetzungen versehen bis auf Rudolf von Habsburg. Sie ist in
Versen geschrieben und behandelt ausführlich nur die alte Geschichte
in durchaus sagenhafter Weise. Die Kaisergeschichte seit Karl dem
Grolsen ist nicht nur ganz dürftig, sondern auch völlig entstellt und
märchenhaft; merkwürdig ist dabei die sehr geringe Rücksicht auf
die Päpste, welche kaum erwähnt werden. In dem Abschnitt Uber
Lothar den Sachsen, wo der Verfasser auf die Gegenwart kommt,
wird seine Darstellung ausführlicher und beachtenswerth ; die wei-
teren Fortsetzungen sind nicht ganz unwichtig, doch besteht die
Wichtigkeit des Werkes für unsere Aufgabe hauptsächlich darin,
dafs sich in ihm zuerst das massenhafte Einströmen der Fabel in
die Geschichte zeigt, welches in den gelehrten lateinisch geschrie-
benen Werken erst etwas später beginnt und durch die viel gelesene
Kaiserchronik nicht wenig befördert wurde.
*) Ex Ilonorii Augustodunensis Summa totius et Imagine Mundi, ed. Wil-
mans, Mon. SS. X, 125 — 134. Man möchte vermuthen, dafs in der Handschrift
der Summa die Zahlen der Regierungsjahre fortgelassen sind.
a) Der frühere Theil dieser Chronik findet sich auch zusammen gearbeitet
mit Salzburger Annalen unter dem Titel Cronica Honorii. Die Imago Mundi ist
häufig gedruckt, auch in der Bibliotheca Patrum Colon. XII. Lugd. XX.
3) Ausgaben von Mafsmann u. von Diemer; vgl. Gervinus 1, 178 ft Wacker-
nagcl S. 172. Ccntralbl. 1854 S. 801. S. über dieses Eindringen der Sagen in
die Geschichte auch Waitz in Schmidts Zeitschrift IV, 99 ft
Digitized by Google
346 V. Staufer, § 3. Die Prämonstralenser. Albero v. Trier. Wibald.
§ 3. Die Prämonstratenser. Albero von Trier. Wibald.
Außerordentlich grofs ist der Einflufs, welchen die verschiede-
nen Mönchsorden geübt haben, die mit der erstaunlichsten Schnellig-
keit sich bis in die gröfste Ferne verbreiteten. Frankreich, im
elften und zwölften Jahrhundert die eigentliche Heimath der römisch-
katholischen Kirche, das Land, wo sie am festesten wurzelte, brachte
auch diese mächtigen Keime neuer Entwickelungen hervor. Wir
haben oben der Ausbreitung der Cluniacenser gedacht und des
grofsen Einflusses, den die Aebte von Cluny auf ihre Zeit aus-
übten. Jetzt wurde Lothar von Norbert beherrscht, Konrad von
Bernhard von Clairvaux, der ihn wider Willen zum Kreuzzuge
zwang. Die Werke S. Bernhards, namentlich seine Briefe, und seine
Biographien enthalten viel Wichtiges für die Geschichte der Zeit,
aber seine Wirksamkeit gehörte doch vorzugsweise Frankreich an ').
Näher steht uns Norbert, der von Geburt ein Deutscher war und
als Erzbischof von Magdeburg gestorben ist.
Norbert war ein Weltgeistlicher von vornehmer Abkunft, ge-
boren in Xanten, der in angesehener Stellung am Hofe lebte. Plötz-
lich aber entschlofs er sich (1115) der Welt zu entsagen, ein Blitz-
strahl, der ihn schreckte, bestärkte ihn in seinem Vorsatz, und er
nahm zu Siegburg von dem strengen Abte Kuno das Mönchskleid
an, ohne doch eigentlich in den Orden einzutreten. Vielmehr ging
er umher und predigte, wozu er 1118 in S. Gilles vom Papste Ge-
lasius sich förmlich autorisiren liefs; besonders liefs er es sich an-
gelegen sein, die zahllosen Fehden, welche damals Frankreich wie
Deutschland erfüllten, beizulegen und Frieden zu stiften. Im fol-
genden J. 1119 aber liefs er sich von seinem Freunde, dem Bischof
Bartholomäus von Laon bewegen, dauernd in dessen Sprengel sich
niederzulassen; in unwirklicher, sumpfiger Gegend gründete er das
Kloster Premontrö nach der Regel des h. Augustinus, die er durch
strengere Bestimmungen schärfte; unterscheidend war besonders, wie
bei den neueren Benediktiner Orden, die Unterordnung der Tochter-
klöster unter den Abt des Mutterklosters. Die Erwerbung von
Kappenberg für den Orden führte Norbert wieder häufiger nach
Deutschland; mit Erzbischof Friderich von Köln, der ihn zum
Priester geweiht hatte, war er nahe befreundet. Er gewann bald
*) Opera S. Bemardi, ed. Mabillon. Heber die Kehrseite der Cisterzienser
s. Walther Map de nugis Curialium und den Reinardus , der vorzüglich gegen sie
gerichtet ist.
Digitized by Google
Prämonstratenser. Norbert Godfrid v. Kappenberg. 347
auch einen sehr grofsen Einflufs auf Lothar, der 1126 seine Wahl
zum Erzbischof der sehr verwilderten und verwahrlosten Magde-
burger Kirche1) bewirkte, eine Stellung, zu der seine übertriebene
mönchische Askese ihn keineswegs geeignet machte; er erfuhr dort
den hartnäckigsten Widerstand und konnte zu keiner bedeutenden
Wirksamkeit gelangen. Erst nach seinem Tode (1134) hat der
Orden der PrämonstratenBer in diesen Gegenden sich weiter ausge-
breitet und für den Anbau und die Germanisirung der Blavischen
Lande vieles geleistet.
Als Erzbischof von Magdeburg nahm Norbert auch an Lothars
Römerzuge Theil und fungirte nach dem Tode des Erzbischofs von
Köln als Kanzler für Italien. Seine Stimme war entscheidend für
die endgültige Verwerfung Anaklets 2); weit wichtiger aber, denn
Innocenz II war bereits von der französischen Kirche und auch von
Lothar anerkannt, war Norberts Auftreten gegen die Investitur von
Laienhand. Lothar forderte die Rechte des Reiches, welche er bei
seiner Wahl aufgegeben hatte, bei der Kaiserkrönung zurück, Inno-
cenz schwankte, aber Norbert trat ihm mit seinem vollen mön-
chischen Fanatismus entgegen, und Lothar fügte sich gehorsam.
Diese wichtige Thatsache ist erst jetzt bekannt geworden aus
der von Wilmans entdeckten und herausgegebenen Biographie Nor-
berts, die von einem seiner ersten Schüler geschrieben ist und zu
den bedeutendsten Quellen dieser Zeit gehört; bisher kannte man
nur eine wenig spätere Ueberarbeitung, in der aber bereits die ge-
schichtlich wichtigen Züge verwischt sind3).
Sehr lehrreich ist auch die Lebensbeschreibung des Grafen
Godfrid von Kappenberg (t 1126), welche bald nach 1150 von
einem Prämonstratenser in seiner Stiftung Kappenberg verfafst ist4).
Dieser Godfrid nämlich, ein sehr vornehmer und reicher Graf in
Westfalen, gab sich selbst mit seinem ganzen Vermögen völlig dem
Norbert und seinem neuen Orden hin und beredete auch seinen
Bruder Otto und seine Gemahlin Jutta, der Welt zu entsagen. Aus
seinen drei Burgen Kappenberg, Varlar und Ilbenstadt machte er
drei Klöster.
l) Vgl. Tengnagels Monum. p. 372.
a) Ueber Innocenz und Anaklet s. auch Arnulfi archidiaconi Sagiensis in Gi-
rardum Engolismcnsem invectiva, Mon. SS. XII, 707 — 720.
3) Vita Norberti archiepiscopi Magd. ed. Wilmans, Mon. SS. XII, 663 — 706.
Hierher gehören auch die Excerpta ex Herimanni libro de Miracuiis S. Mariae Lau-
dunensis ed. Wilmans ib. p. 653 — 660 über den Bischof Bartholomäus und Nor-
bert, und aus desselben Hermanns Historia restaurationis S. Martini Tornacensis
p. 660-662.
*) Vita Godefridi com. Capenbergensis ed. Jafle, Mon. SS. XII, 513 — 530.
Digitized by Google
348 V. Staufer. § 3. Die Prämonstrateaser. Alhero. Wibald.
Den heftigsten Widerstand erfahr Godfrid hierbei von seinem
Schwiegervater, dem Grafen Friderich von Arnsberg, und begreiflich
ist der Unwille der Verwandten, wenn so reiches Erbe und die
alten Stammburgen in Pfaffenhände kamen. Um aber diese Erschei-
nung, welche so häufig vorkommt, zu würdigen, mufs man die Schil-
derungen der Zeitgenossen lesen, nach welchen fast ohne Ausnahme
eine Ritterburg der Fluch der Umgegend und ein ritterliches Leben
nicht möglich war, ohne an den ärgsten Gewaltthaten Theil zu
nehmen. Godfrid freilich hatte seinen Leuten schon früher in einer
Fehde mit dem Bischof von Münster untersagt, den Villanen das
Vieh wegzutreiben, abör es war vorauszusehen, dafs spätere Herren
der Burgen minder gutherzig sein würden. Die Burg des Grafen
von Arnsberg war ganz voll von unglücklichen Gefangenen, die hier
gepeinigt wurden, um ihnen Geld abzupressen, und das scheint ein
ganz gewöhnlicher Zustand gewesen zu sein. Die Rohheit des
Ritterthums und die in ihrer Art grofsartige Selbstverleugnung der
mönchischen Askese treten Bich hier in merkwürdiger Weise ge-
genüber.
Unter den ersten Brüdern des Klosters Kappenberg befand sich
auch ein getaufter Jude, Hermann, früher Judas geheifsen, ein
Kölner, den Rupert von Deutz und Eckebert, Bischof von Münster,
bekehrt hatten und der uns eine höchst eigenthümliche Schrift über
diese seine Bekehrung hinterlassen hat1).
Eine ganz ähnliche Erscheinung, wie die Umwandelung der
Burgen Godfrids von Kappenberg in Prämonstratenser Klöster und
zugleich ein Beispiel von der weiteren Ausbreitung dieses Ordens
finden wir anschaulich geschildert in dem Leben des Grafen Lud-
wig von Arnstein (t 1185) 2).
Ein völlig entgegengesetztes Bild zeigt uns das Leben des Erz-
bischofs Albero von Trier (1131 — 1152). Es ist kein Heiligen-
leben, wir lesen nichts darin von Kasteiungen, aber desto mehr von
weltlicher Pracht und Herrlichkeit, von Krieg und Waffenlärm. Wenn
uns nicht Balderich sagte, dafs Albero ein sehr gelehrter Herr war
und so subtil zu predigen pflegte, dafs man ihm kaum zu folgen
vermochte, man sollte glauben, dafs er sich besser darauf verstan-
den hätte, ein Heer zu ordnen und zur Schlacht zu führen, Burgen
zu stürmen und seiner Feinde Herr zu werden. Und doch war er
ein Hauptheld der Kirche, und auch er begleitete Kaiser Lothar
*) Ilerimanni opusculum de conversione sua, gedr. von Carpzow hinter dem
Pugio fidei Raymundi Martini ed. Lips. 1687. fol.
2) Vita Ludewici comitis de Arnstein, in Böhmers Fontes 111, 326—339.
Digitized by Google
Ludwig von Arnstein. Albero von Trier. Briefsammlungen. 349
nach Italien und stand hoch in Gunst bei ihm. In früheren Jahren
als Archidiakonus von Metz hatte er unermüdlich und unerschrocken
gegen die Investitur von Laienhand gekämpft, er besonders war es,
der jenen Abt Diegger zum Bischof von Metz wählte, aber er selbst
ging nicht die Wege dieser frommen Betbrüder, sondern ihn lockte
die Gefahr, und sein Vergnügen war, sich verkleidet in die Mitte
seiner Feinde zu begeben, ihre Pläne auszukundschaften und ihnen
Trotz zu bieten. Als Erzbischof hat er mannhaft alle Feinde der
Trierer Kirche bekämpft und diese zu einer Höhe der Macht, des
Reichthums und des Ansehens im Reiche erhoben, welche um so
blendender war, da noch eben zuvor der Kirchenvogt Graf Ludwig
den Erzbischof Meinher, seinen Vorgänger, in gänzlicher Abhängig-
keit und Dürftigkeit gehalten hatte. Die Wahl König Konrads war
hauptsächlich sein Werk und er auch seine Hauptstütze gegen den
Herzog Heinrich.
Selbst ein geborener Franzose, von Montreuil, brachte Albero,
als er 1147 zum Concil des Papstes Eugen nach Paris gereist war,
von dort den Balderich mit sich nach Trier, gebürtig aus Flo-
rinnes im Lütticher Sprengel, der damals Sachwalter am päpstlichen
Hofe war, und übergab ihm die Leitung der Domschule. Dieser
Balderich, der Albero bis an dessen Tod sehr nahe stand, hat uns
ein prächtiges Bild von ihm hinterlassen, das im Anfänge der Re-
gierung seines Nachfolgers Hillin geschrieben ist, eine warme lebens-
volle Schilderung, die uns den Mann zeigt, als ob er vor uns stünde,
gänzlich frei von allem mönchischen Geiste und daher ein höchst
merkwürdiges Seitenstück zu dem Leben Norberts1).
Im Ganzen sind aber doch die Quellen für Lothars und Kon-
rads Zeit wenig genügend, und um so mehr verlangt uns nach Er-
gänzung dessen, was die Schriftsteller uns bieten, aus Urkunden und
Briefen. Die früher erwähnte Sammlung des Udalrich von Bam-
berg reicht nur bis 1125. Auf Lothars Zeit schien ein unerwartetes
Licht zu fallen aus einigen von Kortüm zuerst publicirten Briefen,
allein bei näherer Prüfung hat sich ergeben, dafs es nur Muster
arbeiten sind aus einer lombardischen Schule für Notare und Dicta-
toren, wie man sie damals nannte, nicht unbrauchbar um die Ver-
hältnisse der Zeit kennen zu lernen, und für Sittengeschichte inter-
essant, aber .nicht als authentische Documente zu betrachten !). Für
l) Gesta Alberonis auct. Balderico, ed. Waitz, Mon. SS. VIII, 243 — 260.
Ziemlich verunglückt ist ein Lobgedicht auf Albero, das noch bei seinen Lebzeiten
geschrieben ist, in schlechten Hexametern und fehlerhafter Sprache, ib. 236 — 242.
*) s. Waltenbach, lter Austriacum, im Archiv für Kunde Österreich. Gesch.
Quellen XIV, wo auch andere verwandte Sammlungen besprochen sind.
Digitized by Google
350 V. Stanfer. § 3. Albero. Wibald. § 4. Otto von Freising.
Konrads Zeit dagegen besitzen wir einen grofsen Schatz an dem in
der Urschrift erhaltenen Conceptbueh des Abtes Wibald von Stablo
und Korvei, eines höchst ausgezeichneten Mannes aus der Lütticher
Schule, der Lothars, Konrads und eine Zeit lang auch Friderichs
Minister war und während des Kreuzzuges die Regentschaft für den
unmündigen König Heinrich führte '). Man erkennt seine Einwir-
kung auch in der vortrefflichen und ausführlichen Fortsetzung,
welche die früher in magerer Weise fortgeführten, 1117 abgebroche-
nen Annalen von Korvei nun (1145) plötzlich erhalten. Leider ist
nur ein Fragment davon bis 1147 erhalten3).
§4. Otto von Freising und seine Fortsetzer.
Ed. princeps von Cuspinian, Sfcrafsbnrg 1515 f. In Pithoei SS. Rer. Germ. 1569 f. Ur-
stisii Tom. I. Muratori SS. Tom. III. Vgl. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten
III, 338. Waitz in Schmidts Zeitschr. II, 110. Stflin, Wirt. Gesch. II, 12. Huber,
Otto von Freising. München 1847. Wilmans, Ueber die Chronik Ottos von Freising,
Archiv X, 131 — 173. Zur Geschichte der Handschriften derselben ib. XI, 18 — 64.
Verhflltnifs zu den Wittelsbachern 65 — 76; vgl. Wattenbach im Archiv für Kunde
Österr. Geschichtsquellen XIV, 58. Angaben über sein Leben in den Klosterneuburger
Annalen, Mon. SS. IX, 610 und Gesta Friderici IV, 11, von Ragewin. Aaszuscheiden
ist, was Hanthaler dazu gef&lscht hat.
Otto, Bischof von Freising, war ein Sohn des Markgrafen Leo-
pold des Frommen von Oesterreich und seiner Gemahlin Agnes, der
Tochter Kaiser Heinrichs IV, Wittwe Friderichs von Staufen. Sein
Vater bestimmte ihn zum Propste des von ihm neu begründeten
Chorherrnstiftes Klosterneuburg, schickte ihn aber, bevor er diese
Würde wirklich übernahm, der Studien halber nach Paris, was um
diese Zeit bei den vornehmen und reichen jungen Klerikern üblich
zu werden anfing. Hier in Paris blieb Otto mehrere Jahre; als er
endlich seine Heimkehr angetreten hatte, kam er auf der Reise mit
einem Gefolge von fünfzehn ausgesuchten (electissimis) Klerikern
zur Abtei Morimund, wo sie übernachteten. Da machte nun der
Orden der Cisterzienser, welcher damals noch in seiner ersten,
frischesten Entwickelung und vollen Reinheit sich befand, einen so
überwältigenden Eindruck auf Otto und seine Begleiter, dafs sie alle
das weifse Kleid des neuen Ordens annahmen, ein grofser Entschlufs,
da noch die Strenge desselben ungemildert und der Unterschied
zwischen einem Cisterzienser Mönch und einem vornehmen Welt-
geistlichen aufscrordentlich grofs war. Nach einiger Zeit wurde
Otto in Morimund zum Abt erwählt, und diese Würde soll er sieben
Jahre lang bekleidet haben, bis ihn gegen das Ende des Jahres
*) Martene C-oll. II, 153 — 621. Vgl. Janssen, Wibald von Slablo u. Korvey.
Münster 1854. 8.
3) Annales Corbeienses, Mon, SS. III, 8 — 18.
Digitized by Google
Wibald. Otto von Freising.
351
1137 die Freisinger Kirche zum Bischof wählte. Dieses Amt ver-
waltete er von nun an bis zu seinem Tode zwanzig Jahre lang mit
der gröfsten Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt. Er fand die Kirche
in tiefem Verfall, innerlich und äufserlich zerrüttet durch die Folgen
des unseligen Investiturstreites; die Güter waren verschleudert, die
Geistlichkeit verwildert. Da war nun Otto unablässig und mit gutem
Erfolge bemüht, den alten Glanz . der Kirche herzustellen; er machte
ihre Rechte wieder geltend und liefs sich durch keinen Widerstand
des Adels, welcher die Besitzungen an sich gerissen hatte, ein-
schüchtem. Besonders von den Wittelsbachern, vom Pfalzgrafen
Otto, dem Schirmvogt des Stiftes, erfuhr er erbitterte Feindselig-
keiten, die bis zu Mifshandlungen führten; seine Chronik (VI, 20)
vergilt es ihnen, und zwar in einer Weise, die bei seiner sonst
überall sich gleich bleibenden ruhigen Mäfsigung sehr auffallend ist:
man sieht daran, mit welcher Erbitterung der Kampf geführt wurde.
Als später die Wittelsbacher in Baiern zur Herrschaft kamen, wurde
die anstöfeige Stelle in mehreren Handschriften geändert; unseren
Ausgaben aber liegt eine andere Handschrift zu Grunde, welche von
keiner Wittelsbachischen Hand berührt war. Doch ist sie darum
eben so wenig frei von späteren Aenderungen; auch die Welfen
nahmen an mehreren Stellen der Chronik Anstofs und ihnen zu
Liebe waren diese schon früher verfälscht worden, wie das von
Wilmans nachgewiesen worden ist.
Neben der Sorge für den äufseren Bestand seiner Kirche liefs
sieh Otto auch ihre innerliche Erneuung ernstlich angelegen sein;
er reformirte die Klöster und stellte überall Zucht und Ordnung her,
vornehmlich aber brachte er die Freisinger Schule zu hohem Ansehen.
Es war die aristotelische Philosophie, welche er hier vorzüglich
lehrte und lehren liefs als einer der ersten in Deutschland. Die
Disputationen der Pariser Scholastiker wurden durch ihn auch in
Freising heimisch, wie es sein Schüler Ragewin in seiner Todten-
klage beschreibt1).
Aufserdem war natürlich Otto als Bischof und Fürst des Reiches,
besonders aber als Halbbruder des Königs Konrad und Oheim
Friderichs, welche ihm beide das gröfste Vertrauen bewiesen, voll-
ständig eingeweiht in die wichtigsten Verhältnisse des Reiches und
der Regierung, er nahm an allen bedeutenden Verhandlungen Theil
und wirkte wo er konnte vermittelnd und versöhnend. Im Jahre 1158
*) Huius io te Studio Studium vigebat.
Graia disceptatio plures acuebat .....
Ipse dcdit strtpere logicum tumultum.
Digitized by Google
352 V. Staufer. § 4. Otto von Freising und seine Fortsetzer.
begleitete er seinen Neffen nach Italien, erbat aber, da er sich krank
fühlte, die Erlaubnils zur Heimkehr. Auf dieser Heimreise besuchte
er sein Kloster Morimund, und hier starb er am 21. Sept. 1158,
nachdem er noch vorher sein letztes Werk den Brüdern übergeben
hatte mit der Bitte darin zu ändern, was vielleicht in seinen Aeufse-
rungen über die Lehre des Gilbert von Poitiers jemanden Anstofs
geben könnte.
Wir müssen es als ein besonderes Glück betrachten, dafs ein
Mann in solcher Stellung, der zugleich so vollständig im Besitze
der damals erreichbaren Bildung war, es unternahm Geschichte
zu schreiben. Zwischen den Jahren 1143 und 1146 hat er seine
Chronik verfafst, die er seinem Freunde Isingrim widmete. Sie
unterscheidet sich wesentlich von allen Werken, die wir bisher zu
betrachten gehabt haben, durch die vollständige Beherrschung des
Stoffes und die Verarbeitung desselben nach bestimmten Gesichts-
punkten. Nur auf der Grundlage der grofsen chronologischen Ar-
beiten der vorigen Periode, namentlich des Ekkehard, den er am
meisten benutzt hat, war ein solches Werk überhaupt möglich. Man
nennt es gewöhnlich seine Chronik, allein es ist keine Chronik und
er selbst nennt es auch nicht so, sondern das Buch von den zwei
Reichen (De duabus civitatibus). Seine ganze Richtung ist weniger
historisch als vielmehr philosophisch, was sich aus seinem Bildungs-
gänge hinlänglich erklärt. Er schliefst sich unmittelbar an Augustin
und Orosius an, deren Idee er wieder aufnahm. Seine Absicht ist,
das Elend dieser Welt, der Babel, und die Herrlichkeit des Reiches
Gottes, des himmlischen Jerusalem, zu schildern. Er will sie dar-
stellen in ihrer irdischen Vermischung, davon handeln die ersten
sieben Bücher, und das achte berichtet dann vom Weltuntergang,
von der Scheidung beider Welten nach der Auferstehung, und von
dem entgegengesetzten Ausgang beider.
Otto verfafste dieses Werk zuerst in der Zeit vor dem Kreuzzug
Konrads, als die Zerrüttung des Reiches durch die lange dauernden
und entscheidungslosen Parteikämpfe auf das Aeufserste gestiegen
war, als alles von Krieg und Fehden, von Raub und Brand erfüllt
war. Dabei fühlte sich Otto auch in seiner Betrachtung der Ge-
schichte beengt durch seine doppelte Stellung, einerseits als Mönch
und Bischof, andererseits als Fürst des Reiches und erster Rath des
Königs. Auf allen Seiten sah er nur Gutes und Böses unheilbar
vermengt und den Untergang der Welt nahe bevorstehend: nur die
Frömmigkeit und die Gebete der Mönche, meinte er, gewähren noch
ein Gegengewicht gegen die Schlechtigkeit der Menschen.
Digitized by Google
Die Chronik Ottos von Freisiog.
353
Diese Auffassung beherrscht das ganze Werk, und die philo-
sophisch-theologische Behandlung des Stoffes ist durchaus als die
Hauptsache zu betrachten, nicht die historische Forschung, wenn
auch uns der letzte Theil des Werkes nicht unwichtige Nachrichten
darbietet, und Otto keinesweges ohne historische Kritik verfuhr. So
erwähnten wir schon, dafs er die Lügenhaftigkeit der Leidens-
geschichte des Erzbischofs Thiemo von Salzburg nachgewiesen hat;
ebenso widerlegt er die Fabeln im Leben des Papstes Silvester (VI, 1)
und verhehlt nicht seine Bedenken gegen die berüchtigte Schenkung
Konstantins (IV, 3). Auffallend aber ist seine Unsicherheit in Bezug
auf die wichtigsten staatsrechtlichen Fragen der Zeit. Sein Bericht
über das Wormser Concordat von 1122 ist durchaus ungenau, und
er scheint die Ansicht zu theilen, dafs nach einem besonderen Vor-
recht im Römischen Reiche die Krone nicht vom Vater auf den Sohn
übergehe. Es ist das ein einzelnes Beispiel unter vielen von den
schädlichen Folgen der grenzenlosen Nachlässigkeit, mit welcher man
das Reichsrecht der Vergessenheit anheim fallen liefs, und auch die
wichtigsten Beschlüsse und Gesetze in keiner authentischen Samm-
lung aufbewahrte, während die Kirche nicht nur ihre Rechte, sondern
auch ihre Ansprüche in den Sammlungen des canonischen Rechtes
jedem ihrer Mitglieder als die unabänderliche Basis ihrer Stellung
stets gegenwärtig erhielt.
Diese Chronik Ottos, welche er nach dem unglücklichen Kreuz-
zuge neu überarbeitete, verbreitete sich rasch, besonders im südöst-
lichen Deutschland. Sie wurde viel gelesen, von Compilatoren benutzt
und ausgeschrieben, und hatte grofsen Einflufs auf die Auffassung
der Geschichte. In dieser berührte sich Otto mit den alten Chronisten
der merowingischen Zeit; er selbst aber blieb nicht dabei stehen,
sondern wandte sich davon ab, als mit Friderichs Auftreten alles
eine andere Gestalt gewann. Im Jahre 1156 übersandte Otto seinem
Neffen, dem Kaiser, die Chronik auf dessen Wunsch durch seinen
Notar Ragewin, aber er schrieb dabei, dafs er sie in der Bitterkeit
seiner Seele verfafst habe, verleitet durch die trübe Zeit, welche
Friderichs Regierung vorhergegangen sei *). Jetzt aber, da der Friede
hergestellt sei, da eine bessere Zeit begonnen habe, sei er bereit,
auch diese zu beschreiben, wenn der Kaiser es wünsche, und wenn
er ihm durch seine Notare das Material dazu schicken wolle. Und
Friderich ging hierauf wirklich ein; wir besitzen noch seinen Brief
vom Sept. 1156, in welchem er einen gedrängten Ueberblick seiner
*) ex amaritudine animae, nubilosi temporis quod ante vos fuit turbulentia
inductus.
23
Digitized by Google
354 V. Staufer. § 4. Otto von Freislng u. seine Fortsetzer.
Thaten an Otto sendet, um diesen in seiner Geschichte weiter auszu-
fiihren. Wir können diesen Brief gewissermafsen als den Text be-
trachten, den Otto seinem neuen Werke zu Grunde legte, dem Buche
von den Thaten des Kaisers Friderich.
In diesem Werke nun, welches als Geschichtsquelle vom höchsten
Werthe ist, giebt Otto im ersten Buche eine Uebersieht der Zeit seit
dem Beginn des Kampfes zwischen Kaiser und Papst mit besonderer
Rücksicht auf das Geschlecht der Staufer. Dann berichtet er in
chronologischer Folge sehr genau und ausführlich Uber die ersten
Jahre Friderichs, mit vollständiger Aufnahme wichtiger Actenstücke.
Das tliut er um so lieber, da auch hier schon wieder Reibungen mit
der päpstlichen Curie zu berühren waren, und in solchen Fällen Otto
es sorgfältig vermeidet, eine entschiedene eigene Meinung auszu-
sprechen. An genauer Kenntnifs des Gegenstandes konnte es Otto
aber um so weniger fehlen, da er ja selbst an vielen Dingen Antheil
gehabt hatte, und bei dem wichtigsten Gegenstände von allen, die
er zu berichten hatte, bei der Beilegung des Zwistes mit Heinrich
dem Löwen durch die Stiftung des Herzogthums Oesterreich *), welche
die Grundlage von Friderichs Regierung bildete, war gerade Otto
der Vermittler gewesen.
Nur die Geschichte dieses Jahres 1156 vollendete Otto noch;
er nahm diese beiden ersten Bücher mit sich nach Morimund und
übergab sie hier bei seinem Tode zur weiteren Fortsetzung seinem
Schüler und Notar Ragewin (in den Ausgaben fälschlich Rade-
vicus genannt), dem er den Anfang dictirt hatte und der das volle
Vertrauen seines Herren und Lehrers genofs. Vorgearbeitet aber
hatte Otto bereits; er hatte viele Actenstücke gesammelt und wohl
auch Aufzeichnungen hinterlassen, die Ragewin nur verarbeitete.
Dann aber führte dieser die Geschichte selbständig weiter bis zum
J. 1160. Der Kaiser selbst, dem an dem Werke otfenbar sehr viel
gelegen war, hatte Ragewins Wahl zum Fortsetzer gebilligt, und
sein Kanzler und Notar, denen Ragewin sein Werk widmet, scheinen
ihn mit Nachrichten und Urkunden versehen zu haben.
An Gelehrsamkeit mag Otto den Ragewin Ubertroffen haben,
aber keineswegs an den Eigenschaften, welche dem Geschichtschreiber
am nöthigsten waren; vielmehr ist Ragewin darin seinem Meister
*) Wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes bemerke ich hier, dafs die Un-
erhtheit des vielbenutzten Privilegium maius jetzt als vollständig erwiesen betrachtet
werden kann ; nur über den Urheber und die Zeit der Fälschung sind noch ver-
schiedene Ansichten. Wattenbach, die üsterr. Freiheitsbriefe, im Archiv f. österr.
Gesch. Quellen VIII, 77 — 120, handelt auch von der Unerhlheit der von Ilanthaler
fabricirten Chronisten, namentlich des Pernold.
Digitized by Google
Gesta Friderlcl. Ragewio. OUo von S. Blasion. 355
vorzuziehen , dafs er sich nicht durch philosophisch - theologische
Gesichtspunkte leiten läfst, sondern seine volle Aufmerksamkeit der
Geschichte unbefangen zuwendet, und kein anderes Ziel erstrebt, als
diese der Nachwelt zu überliefern. In der Meisterschaft der Sprache
und der Darstellung aber ist kaum ein Unterschied zu bemerken.
Als gleichzeitiger Bericht über die Geschichte der Gegenwart ist das
Werk liagewins schwerlich Ubertroffen.
In der Ausgabe des Urstisius schliefst sich dem vierten und
letzten Buche der Thaten Friderichs noch ein Appendix an bis
1171, der vielleicht noch von Ragewin herrlihrt und in jedem Falle
gute und zuverlässige Nachrichten in kurzer Uebersicht gewährt.
Auch die Chronik Ottos fand einen würdigen Fortsetzer an
Otto von S. Blasien, der sie in annalistischer Form bis 1209
weiter führte1). Doch läfst er sich durch diese Form nicht fesseln,
sondern bewegt sich frei und leicht in seiner Darstellung und fafst
das Gleichartige zusammen. Er schliefst sich völlig an Ottos Weise
an, und kommt wie dieser im Ausdruck den antiken Schriftstellern
ziemlich nahe; es ist nicht die ungeschickte Nachahmung, die Auf-
nahme einzelner entlehnter Redeweisen wie bei den älteren Chronisten,
sondern ein durchgebildeter Stil, welcher eine gründliche und sorg-
fältige Beschäftigung mit dem römischen Alterthum erkennen läfst.
Es ist aber keinesweges zufällig und blos äufserlich, wenn die Schrift-
steller dieser Zeit, so weit es ihnen möglich ist, von den Kaisern
in der Weise der alten Autoren berichten, und die Kaiser selbst in
ihren Erlassen die Formeln Justinians wieder zur Anwendung bringen:
es hängt das vielmehr innig zusammen mit der damals gerade be-
sonders lebhaft wieder hervortretenden Vorstellung, dafs das römische
Reich deutscher Nation sich unmittelbar der Herrschaft der alten
Cäsaren anschliefse, einer Idee, die vorzüglich von der Juristenschule
Italiens genährt wurde und die Chronisten ohne Ausnahme erfüllte.
Uebrigens versteht Otto von S. Blasien es vortrefflich, die Ereignisse
kurz und übersichtlich zusammen zu fassen, das Wesentliche überall
hervorzuheben ; er bewahrt dabei eine ruhige und parteilose Objecti-
vität, aus der er nur Belten heraustritt. Dies konnte ihm um so
eher gelingen, da er den Ereignissen, welche er beschreibt, schon
ziemlich fern stand, denn er hat sein Werk erst nach 1209 im Zu-
sammenhang verfafst. Deshalb ist er auch im Einzelnen, namentlich
in der Chronologie, nicht selten ungenau. Die geistliche Auffassung
*) Gedruckt bei Urstisius I, 197 — 227, Muratori VI, 865 — 910, Ussermann
Prodromus Germ. Sarraell,453 — 514. Böhmer, Fontes 111,582 — 640. Vgl.
Stalin II, 9.
23*
Digitized by Google
356 V. Staufer. § 4. Otto v. Freising. § 5. Gotfrid v. Viterho.
fehlt natürlich auch bei ihm nicht ganz, aber von dem zelotischen
Geiste der alten Sanct Blasianer ist nichts mehr bei ihm zu bemerken ;
auch er ist wie Otto durchdrungen von der Nichtigkeit alles Irdischen,
beschränkt sich aber mehr wie dieser auf die einfache Darstellung
der Tliatsachen. Das Kaiserthum steht ihm überall im Vordergrund,
die Geschichte des Kaiserthums ist eben sein Gegenstand, und selbst
das Papstthum tritt bei ihm dagegen in auffallender Weise in den
Hintergrund. Obgleich unverkennbar staufisch gesinnt, achtet er doch
auch in Otto schon den künftigen Kaiser, und nachdem dieser nach
Philipps Tod von den Fürsten anerkannt ist und sich mit den
Staufern ausgesöhnt hat, berichtet er auch von ihm in gleicher Weise
wie von seinen Vorgängern. Bei Ottos IV. Kaiserkrönung aber endigt
seine Chronik, sei es dafs er an der Vollendung verhindert wurde,
oder dafs er die neuen Verwickelungen und Wirren darzustellen sich
scheute. Denn gestorben ist er nach Ussermann erst am 23. Juli 1223,
nachdem er im Jahre zuvor Abt von S. Blasien geworden war.
§ 5. Gotfrid von Viterbo.
Otto von Freising, Ragewin, Otto von S. Blasien bezeichnen den
Höhepunkt mittelalterlicher Historiographie; wir finden bei ihnen
eine durchgebildete, den Fesseln der Schule entwachsene Sprache,
freie Beherrschung und Anordnung des Stoffes nach höheren Gesichts-
punkten und die Grundlage einer umfassenden gelehrten Bildung,
welche ihrer Auffassung Sicherheit und Bestimmtheit verleiht, und
mit eigener reicher Erfahrung verbunden sie befähigt, sich weit Uber
das Gebiet der blofsen Compilation und Berichterstattung zu er-
heben. Wir werden noch einige Werke zu nennen haben, welche
sich diesen anreihen, aber während dann in Frankreich und Italien
eine fortschreitende Entwickelung sowohl der Historiographie als der
gelehrten Bildung überhaupt zu beobachten ist, finden wir in Deutsch-
land einen unverkennbaren Rückschritt. Die Kunst der Darstellung
und die historische Kritik verschwinden faBt ganz, und wenn auch
hin und wieder recht gute Aufzeichnungen der Zeitgeschichte zum
Vorschein kommen, so fehlt ihnen doch, was bei der Zerstückelung
des Reiches nicht ausbleiben konnte, die Uebersicht der allgemeinen
Geschichte, sie sinken zu blofsen Localchroniken herab und sind doch
andererseits auch auf diesem Gebiete mit den ähnlichen Leistungen
der Italiener nicht zu vergleichen.
Einen aufserordentlichen Contrast bildet sogleich Gotfrid von
Viterbo zu Otto von Freising, dem er sich zunächst anschliefst,
und dem wir ihn deshalb auch hier anreihen wollen.
Digitized by Google
Otto von S. Blasien. Gotfrid von Viterbo.
357
Gotfrid war ein geborener Deutscher, vermuthlich ein Sachse,
denn die Sachsen lobt er vor allen anderen und ganz besonders den
Erzbischof Wichmann von Magdeburg; seine grammatische Bildung
aber empfing er in Bamberg. Frühzeitig (um 1 156) kam er an den
Hbf und lebte hier als Kaplan und Notar Konrads, Friderichs und
Heinrichs VI, dessen Erzieher er gewesen zu sein scheint. Denn
Friderich liefs alle seine Kinder mit der gröfsten Sorgfalt erziehen
und unterrichten1). Dem Wanderleben des Hofes folgend war Got-
frid 1160 mit dem Kaiser in Italien, 1162 in Bürgend ; 1167 nahm
er wieder Theil an dem anfangs so glänzenden italienischen Feldzug,
dem durch die furchtbare Pest dieses Jahres ein trauriges Ende be-
reitet wurde ; Gotfrid selbst gerieth in die Gefangenschaft des Mark-
grafen von Montferrat. Auch in den Jahren 1174 bis 1177 ist er
wieder in Italien gewesen; er war Canonikus zu Verona, und hatte
auch eine Stellung in Viterbo an der Kirche der dortigen Kaiser-
pfalz. Hier hat er sich dauernd aufgehalten und auch seine Schriften
verfafst; er lobt den Ort sehr wegen seiner angenehmen und ge-
sunden Lage, den alten Dienern des Kaisers diene er zur Erholung
von ihren Anstrengungen, aber er klagt zugleich, dafs nicht besser
für sie gesorgt werde“). Bald nach 1190 scheint Gotfrid gestorben
zu sein.
Erst in seinen alten Tagen als pensionirter Kaplan an der Hof-
kirche zu Viterbo scheint Gotfrid sich der Schriftstellerei ergeben
zu haben ; das früheste Werk, welches wir von ihm besitzen, ist aus
dem Jahre 1181, freilich erwähnt er darin (v. 1095) schon eine
früher geschriebene Chronik. Jenes Werk nun ist ein Gedicht von
1221 Versen Uber die Thaten des Kaiser Friderich in Ita-
lien’), dessen Bekanntmachung durch Ficker um so erfreulicher ist,
da Gotfrid in seinem Pantheon mit Beziehung darauf gerade Uber
diese Ereignisse rasch hinweg geht. Gotfrid konnte aber als Augen-
zeuge besonders über den Feldzug von 1167 schätzbare Mittheilungen
machen und hat es auch gethan; vorzüglich der eilige, in völlige
Flucht übergehende Rückzug und die Verheerungen der Pest sind
mit anschaulicher Lebendigkeit geschildert. Diese Beschreibung ist
aber auch fast das einzige historisch brauchbare in Gotfrids Schriften,
*) liboros suos omnes litteris apprime erudiri fecit. Otto de S. Blasio 21.
3) Gesla Friderici v. 145 — 165. Mehr Nachrichten über sein Leben enthält
eine Handschrift in Montpellier, Archiv VII, 565.
8) Godefridi Viterbiensis Carmen de Gestis Friderici I in Italia, cd. Ficker.
Innsbruck 1853. 8. Verbesserungen des Textes im Literar. Cenlralblatt 1855.
S. 136. — Docen bat es zuerst entdeckt und im Archiv IV, 352 Nachricht davon
gegeben.
Digitized by Google
358 V. Staufer. § 5. Gotfrid von Viterbo. § 6. Salzburger Quellen.
so weit sie bis jetzt bekannt sind. Im J. 1185 verfafate er ein um-
fassendes Werk unter dem Titel Memoria Saeculorum, welches
er Heinrich VI widmete, in derselben geschmacklosen Form, nämlich
je 2 Hexameter mit einem Pentameter verbunden. Einen Auszug
daraus, welcher aber nur bis auf den Tod Karls des Grofsen geht
und Spiegel der Könige betitelt ist, sandte der Verfasser eben-
falls an Heinrich VI und empfahl ihn in den Schulen lesen zu lassen.
Zu diesem Zwecke ist dem poetischen Text ein prosaischer Com-
mentar beigegeben. Andererseits verband er auch denselben nur
zum Theil umgearbeiteten Text mit prosaischen Einschiebungen ge-
schichtlichen Inhalts, die grofsen Theils aus Otto von Freising ent-
nommen sind. Dieses Werk nannte er Pantheon und widmete es
1186 dem Papst Urban III; eine zweite 1190 beendigte Ausgabe
ist dem Papst Gregor VIII und Kaiser Heinrich VI gewidmet ‘).
Der geschichtliche Werth dieser Werke ist, wie gesagt, äufserst
gering; am ausführlichsten ist, wie in der Kaiserchronik, die alte
Geschichte behandelt. Wichtig aber ist das Pantheon deshalb, weil
hier zuerst die ganze Fülle der Fabeln auch in die gelehrte Geschicht-
schreibung einströmt und weil Gotfrid dadurch einen sehr schädlichen
Einflufs auf die späteren Chronisten ausgeübt hat. Hier finden wir
den Kreuzzug Karls, allerlei Fabeln Uber die Ottonen, hier auch
schon jenes wunderliche Märchen Uber Heinrichs HI Abkunft und
Geburt und anderes der Art, und zwar steht dieses in den Versen
Gotfrids, mitten zwischen Fragmenten der geschichtlich wahren, von
Otto von Freising entlehnten Darstellung2).
Rechnen wir dazu noch die fehlerhaften Verse, die in jeder
Hinsicht geschmacklose Art der Erzählung, die überall herrschende
Verwirrung und Unordnung, so können wir nicht anstehen, diese
Werke für ein trauriges Beispiel rascher Entartung der Historio-
graphie zu erklären.
§ 6. Salzburger Quellen.
In der vorigen Periode (S. 249 ff.) haben wir gesehen, wie im
Sprengel von Salzburg mit der Kirchenspaltung litterarisches Leben
erwachte; die schon oben erwähnten Werke sind zum Theil erst in
dieser Zeit geschrieben. Die Erzbischöfe waren der strengsten
kirchlichen Richtung zugethan, und sic verstärkten diese Partei
durch die Einführung von Hirschauer Mönchen aus Schwaben. Im
*) s. darüber Archiv VII, 559 — 59G. XI, 322 — 338. Das Pantheon ist gedr.
bei Pistorius II, 1 und Muratori VII, 347.
2) Vgl. darüber auch Waitz in Schmidts Zeitschrift IV, 103.
Digitized by Google
Gotfrid von Viterbo. Leben Konrads von Salzburg. 359
Jahre 1106 empfing auf dem Concil zu Guastalla Konrad, aus der
vornehmen bairischen Familie der Grafen von Abenberg, die Weihe
zum Erzbischof, ein Mann von unerschütterlicher Festigkeit, den die
schärfsten Verfolgungen Heinrichs V und seiner Anhänger nicht
wankend zu machen vermochten in seiner Ueberzeugung. Sein
Biograph rühmt von ihm, dafs er nach Heinrichs Tode nicht wenig
dazu beigetragen habe, gegen die Stimmen fast aller Fürsten Lothar
auf den Thron zu erheben, weil dieser immer auf päpstlicher Seite
gestanden hatte. Segensreicher war Konrads spätere Wirksamkeit,
da er nach hergestelltem Frieden mit eben so viel Eifer als Erfolg
bestrebt war, seinen weiten Sprengel zu sichern und einen blühen-
den Zustand herbeizuführen. Er zuerst brachte durch seine Festig-
keit und sein persönliches Ansehen einen dauernden Frieden mit
den Ungern zu Stande, und die noch wenig bewohnten Grenzlande
konnten sich nun mit Colonisten bevölkern; Klöster erblühten in
den steirischen Alpen, und der Anbau des Landes machte die
gröfsten Fortschritte. Wir besitzen Uber diesen Konrad eine recht
gute Lebensbeschreibung1), verfafst von einem Geistlichen, der ihn
persönlich gekannt hatte und von ihm unter anderem zu einer Ge-
sandschaft an den König von Ungern verwandt war; geschrieben
hat er jedoch erst bedeutend später, zwischen 1170 und 1177, und
sein Werk ist daher im Einzelnen nicht sehr genau, obgleich er
seinen Gegenstand mit Geschick und Kenntnifs behandelt und auch
sehr werthvolle Nachrichten aufbewahrt hat. Doch beschränkt er
sich wie die meisten Biographen fast ganz auf die Thätigkeit Kon-
rads innerhalb seines Sprengels und weifs von der Reichsgeschichte
nur wenig zu berichten.
Konrad führte in seinem Sprengel besonders den Orden der
regulirten Chorherren ein, welche nicht minder eifrig papistisch
waren, wie die übrigen neuen Orden. Er hatte sie zuerst kennen
gelernt, als er aus Salzburg vertrieben in Magdeburg eine Zuflucht
fand, und von dort holte er die ersten nach Salzburg; später konnte
er selbst wieder andere nach Neu werk bei Halle senden5). Aus
seiner Zucht stammte auch Hartmann, der zuerst Propst von
Chiemsee war und dann der neu begründeten Stiftung Klosterneuburg
') Vita Chunradi archiep. Salisb. ed. Wattenbach, Mon. SS. XI, 62 — 77. Die
liier übersehene Wiener Handschrift Sal. 8”, jetzt 289, giebt keine bedeutende Ver-
besserung und bricht an derselben Stelle wie Sal. 79 ab. Das Ende ist verloren.
a) s. darüber Vita Lamberti primi praepositi Novi Operis bei Schannat, Vin-
demiae II, 68.
Digitized by Google
360
V. Staufer. § 6. Salzburger Quellen.
vorgesetzt wurde, zuletzt 1142 — 1165 Bischof von Br ixen wurde.
Ein Chorherr von Klosterneuburg, der ihn jedoch nicht mehr per-
sönlich gekannt hatte, hat sein Leben beschrieben1). Es ist arm
an geschichtlichem Inhalt, aber desto reicher an Phrasen und Wunder-
geschichten.
Lehrreicher ist das Leben Bertholds, des ersten Abtes von
Garsten’). Der Markgraf Otakar von Steier hatte hier auf seinem
Erbgute eine Stiftung für Kleriker gemacht, aber wie das so häufig
vorkommt, diese wollten nicht gut thun. Der Markgraf entschlofs
sich daher (1107) Mönche aus Götweih dort einzuftibren; den
fremden Klerikern erlaubte er abzuziehen, aber wer darunter zu
seinen eigenen Leuten gehörte, mnfste Mönch werden. Einer weigerte
sich hartnäckig, aber der Markgraf liefs ihn so lange prligeln, bis
er einwilligte. Dieser soll dann von Stund an sich durch besondere
Frömmigkeit ausgezeichnet haben. Zuerst stand dem neuen Kloster
der Götweiher Prior Wimt vor; als dieser bald darauf Abt von
Formbach wurde , folgte ihm Bertliold , der nach Götweih aus
S. Blasien gekommen war und den Mönchen in Garsten bis an
seinen Tod am 27. Juli 1142 Vorstand.
Konrads Nachfolger Eberhard (1147 — 1164) war derselben
Richtung ergeben. Er hatte in Paris studirt, und es konnte daher
nicht fehlen, dafs er in dem neuen Schisma auf Alexanders Seite
trat; denn er war von Paris her mit einem grofsen Thcile der
Männer befreundet, welche die Hauptstützen und Führer dieser
Partei waren. Mit der gröfsten Zähigkeit und Klugheit behauptete
er seinen Standpunkt, und als alles sich vor Barbarossa beugte, blie-
ben nur die Salzburger Berge Alexanders feste Burg in Deutschland,
eine Burg, die um so wichtiger war, da sie den Weg nach Ungern öff-
nete und auch der Patriarch von Aquileja von Eberhard gewonnen
wurde. Alle diese Verhältnisse liegen offen vor uns durch die noch
erhaltenen Correspondenzen; wir besitzen Eberhards eigenes Con-
ceptbuch, in welches er die erhaltenen und abgesandten Briefe
eintragen liefs3), und diese werden ergänzt durch eine Anzahl an-
derer von Sudendorf mitgetheilter Briefe, unter denen des kaiser-
lichen Notars Burchard Bericht Uber seine Sendung an Eberhard
M Vita Ilartmanni ep. Brixinensis ed. Pez, SS. Austr. I, 495.
’) Vita Berhtoldi abb. Garst, ed. Pez, SS. Austr. II, 86.
3) Gröfstentheils gedruckt in Tengnagels Mon. adv. Schismaticos; vgl. Archiv
X, 491. Viele finden sieh auch bei Ragewin, aber seine Correspondenz mit Alexan-
der und dessen Anhängern in Frankreich, Italien und Ungern blieb dem Kaiser
verborgen.
Digitized by Google
V. Hartmanni, Bertholdi, Eberhardi. Wunder. Annalen. 361
am wichtigsten ist ‘). Vergeblich suchen wir dagegen Auskunft in
den beiden vorhandenen Biographien Eberhards, welche höchst un-
bedeutend sind*). Doch enthält die ältere, von einem seiner Schüler
verfafst, wenigstens gute Nachrichten über seine persönlichen Ver-
hältnisse und seine bischöfliche Wirksamkeit.
Eberhards Nachfolger Konr ad II (1164 — 1168) hat keinen Bio-
graphen gefunden, so wenig wie sein Bruder, der Bischof Otto von
Freising. Konrad, bis dahin Bischof von Passau, blieb eben so fest
wie Eberhard auf Alexanders Seite; Friderich aber gab nun die
bisher beobachtete Mäfsigung auf und liefs die Wittelsbacher und
und die Grafen von Plain wie eine hungrige Meute gegen Salzburg
los. Einen Theil des Unheils, welches in Folge dieses Kampfes die
Kirche betraf, schildert uns das ausführliche Schreiben des Ar eh i-
diakonus Heinrich an den nach Konrads Tode erwählten, aber
bald vertriebenen Erzbischof Adalbert von Böhmen5).
Als dann nach dem Frieden von Venedig Konrad von Mainz
Salzburg erhielt, mufste man darauf bedacht sein, die erlittenen
Schäden wieder zu heilen, und im J. 1181 sehen wir plötzlich den
alten Bischof Virgil, die Erzbischöfe Hartwich und Eberhard in der
Domkirche grofse Wunder wirken, worauf Vitalis in S. Peter, Va-
lentin und Pilgrim in Passau sich alsbald zu gleicher Thätigkeit
bereit finden lassen. Die Passauer waren selbst dadurch nicht zu
bewegen, sich zu schriftstellerischer Thätigkeit anzustrengen; in
Salzburg aber wurden neue Legenden Uber jene Heiligen verfafst,
die freilich jedes geschichtlichen Werthes entbehren. Dagegen ent-
halten die Wundergeschichten manchen culturhistorisch beachtungs-
werthen Zugl * * 4).
Damit versiegt nun aber auch die Thätigkeit der Salzburger
und äufsert sich nur noch in den Annalen. Es scheint, dafs man
in Salzburg etwa um das Jahr 1180 eine annalistische Compilation
verfafste, die wir im Original nicht mehr besitzen, zusammengesetzt
aus der Historia Miscella, den Gestis Francorum und Fredegar, der
Geschichte der Langobarden von Paulus Diakonus, dem Leben des
h. Bonifaeius, dem sogenannten Anastasius, den Annalen von Fulda,
Regino und dessen Fortsetzer nebst älteren einheimischen Auf-
l) Registr. U, 134. Von demselben Burchard besitzen wir die Epistola de
Victoria imperatoris et excidio Mediolanensi (1162), welche ebenso wie jener
Bericht an den Abt Nikolaus von Siegburg gerichtet ist. Freher ed. Struv. I, 330.
Murat. VI, 915. — *) ed. Wattenbach, Mon. SS. XI, 77— 84. 97—103.
8) Historia calaniitatum ecclesiae Salisburgensis, Pez Thes. II, 3, 199.
4) Vitae et Miracula Sanctorum luvavensium ed. Wattenbach , Mon. SS. XI,
84 — 103. Mir. S. Vitalis bei Canis. III, 2, 358. Acta SS. Oct. VIII, 913.
Digitized by Google
362 V. Staufer. § 6. Salzburg. § 7. Gerhoh. Oesterr. Annalen.
Zeichnungen und den Resultaten gelehrter Combination für die älteste
Zeit. Wir erkennen diese gemeinschaftliche Quelle in den vielfach
übereinstimmenden Nachrichten , welche in Verbindung mit den
Melker Annalen Salzburger , Admunter , Garstener und Vorauer
Handschriften uns darbieten.
In Garsten beginnt mit dem J. 1182 eine selbständige Fort-
setzung. Die Jahre von 1199 bis 1213 sind nachträglich aus den
Melker und Admunter Annalen ergänzt; dann schliefst Bich wieder
eine anfangs kurze und dürftige, von 1241 bis 1256 aber ausführ-
liche und schätzbare Fortsetzung an, eine der wichtigsten Quellen
für die österreichische Geschichte in dieser Zeit ').
In Admunt verband man einige der schon erwähnten Nach-
richten mit einem Auszuge der Melker Annalen bis 1136 und fügte
auch Excerpte aus Ekkehard und Otto von Freising hinzu; die Fort-
setzung bis 1186 zeigt noch vielfach Uebereinstimmung mit den
Annalen von Salzburg und Garsten und erstreckt sich dann selb-
ständig bis 1250. Sie ist nicht gerade sehr reichhaltig, aber zuver-
lässig und bat uns manche eigenthümliehe Nachrichten aufbewahrt,
die um so werthvoller sind, da aus diesen Gegenden sonst nur wenig
überliefert ist2). Dafs in Admunt auch ein kurzer Abrifs von dem
Leben des Stifters, Erzbischof Gebehard, aufgeschrieben und das
Martyrium seines Nachfolgers Thiemo verherrlicht wurde, ist bereits
(S. 251) erwähnt. Gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts wurden
diese kurzen Nachrichten erweitert und die Geschichte des Klosters,
verbunden mit einigen Angaben über die Erzbischöfe von Salzburg,
bis 1177 fortgeführt. Später fügte man hierzu noch ein Excerpt
aus den Admunter Annalen bis 1231 und führte die Klosterchronik
von da bis 1259 fort3).
Die Salzburger Annalen endlich scheinen weniger auf denen
von Melk als auf gemeinschaftlicher Grundlage mit ihnen zu be-
ruhen, zeigen dann Verwandtschaft mit den Admunter und Garstener
Annalen bis 1186 und sind von Salzburger Domherren, hin und
wieder auch abweichend in einem anderen Exemplare von Mönchen
bei S. Peter, mit immer zunehmender Ausführlichkeit fortgesetzt bis
1286. Namentlich über Rudolfs zweiten Krieg gegen Otakar ist
eine vortreffliche und umständliche Darstellung aufgenommen. Dann
*) Annalium Mellicensium Auctarium Garstense, Mon. SS. IX, 561 — 569.
Das Stück von 1140 — 1188 als Nebenform der Ann. Admunt. p. 580 — 586.
Continuatio Garstensis p. 594 — 600.
a) Annales Admuntenses ib. 569 —593.
3) Vita Gebehardi, Thiemonis, Chunradi, Eberhard!, Chunradi 11 archiepisco-
porum cum Chronico Admuntensi ed. Wattenbach, Mon. SS. XI, 33 — 50.
Digitized by Google
Salzburger Annalen. Gurk. Grrhoh v. Reichersberg. 363
trat eine längere Unterbrechung ein, worauf um 1307 Weichard von
Polhaim die LUcke fast ganz wörtlich aus Eberhard von Altaich
ausfüllte und mit neuem Eifer bis 1327 fortgefahren wurde1).
Zu den Quellen des zwölften Jahrhunderts aber gehört aufser
den erwähnten Annalen noch eine kleine Chronik des Bisthums
Gurk, welcho leider nur bis 1180 reicht“), und die Reichersberger
Chronik nebst den Annalen verschiedener österreichischer Klöster,
zu welchen wir jetzt Ubergehen wollen.
§ 7. Gerhoh von Reichersberg. Oesterreichische
Annalen.
Gerhoh von Reichersberg zeichnete sich schon frühzeitig
aus während seiner Studien in verschiedenen Stiftern Baiems, seiner
Heimath, und in Hildesheim, wohin ihn der Ruhm der dortigen
Schule führte. Jener kaiserlich gesinnte Bischof Hermann von
Augsburg, den seine Widersacher so arg verleumdet haben, stellte
ihn als Scholaster an; damals war Gerhoh ebenfalls dieser Partei
völlig ergeben. Dann aber wandte er sich zum entgegengesetzten
Extrem und zog sich in das Kloster Raitenbuch zurück. Von hier
berief ihn Kuno, früher Abt zu Siegburg, jetzt Bischof von Regens-
burg, zu sich; als dieser 1132 starb, begab sich Gerhoh zu Kon-
rad von Salzburg, der ihn zum Propst von Reichersberg erhob, wo
er bis an sein Ende (1132 — 1169) blieb.
Gerhoh gehörte der strengsten mönchischen Richtung an, die
darauf ausging, alle Geistliche zu Mönchen zu machen und ihre
Verflechtung in weltliche Angelegenheiten als ein Unglück betrachtete:
dieselbe Richtung, der einst Petrus Damiani angehörte, die Paschalis
vergeblich versucht hatte durchzuführen.
Mäfsigung kannte Gerhoh nicht, und daher hatte er auch mit
seinen eigenen Parteigenossen vielerlei Händel zu bestehen; natür-
lich war er ein eifriger Anhänger Alexanders. Er schrieb eine
Menge von Briefen und polemischen Schriften, die für die Kenntnifs
*) Annales S. Rudberti ed. Waltenbach, Mon. SS. IX, 757 — 823, wo sich die
Matseer Annalen von 1305 — 1395 und eine Fortsetzung aus dem Kloster S. Peter
von 1375 — 1398 anschliefsen. Ueber den aus irgend einer Chronik der Kaiser
und Päpste entnommenen Anfang der Ann. Mats. s. Archiv für Österreich. Gesch.
Quellen XIV, 11—17.
“) Fragmentarisch gedruckt bei Hansiz in der Germania Sacra II, 300. Vgl.
Archiv X, 455 und über die Urkunden des Bisthums Gurk Archiv für Österreich.
Gesch. Quellen XIV, 19 ff.
Digitized by Google
364 V. Staufer. § 7. Gerhoh v. Reichersberg. Oesterreichische Annalen.
dieser Zeit wichtig sind *). Aufserdem verfafste er eine Lebens-
beschreibung des Abtes Wirnt von Formbach (1108 — 1127), die
aber fast nur von Kasteiungen und Wundem berichtet; merkwürdig
ist darin nur die Polemik gegen diejenigen, welche lieber heidnische
Autoren lesen als Legenden und die Wundergeschichten nicht glauben
wollen 2).
Verloren ist eine merkwürdige Schrift von Gerhoh über den
Antichrist, welche Tengnagel und Gretser bekannt war, die aber
Bedenken trugen, sie vollständig bekannt zu machen; seitdem ist
sie in dem Brande des Klosters Reichersberg zu Grunde gegangen.
Vermuthlich sind uns jedoch die wichtigsten geschichtlichen Nach-
richten daraus erhalten. Indem er sich nämlich darin Uber die
Schlechtigkeit der Menschen und die Zeichen des nahenden Endes
verbreitet, theilt er alles mit, was man sich in seinen Kreisen von
Heinrich IV erzählte, die abscheulichsten Verleumdungen, gegen
welche alle anderen Schriften der Art noch milde erscheinen“).
Wichtiger aber ist eine andere Stelle, in welcher er ausführlich
über den Kreuzzug von 1147 berichtet4), der für die ganze Christen-
heit ein so grofses Aergemifs war, thöricht unternommen, mit äufser-
stem Leichtsinn ausgeführt und jämmerlich geendet, nachdem die
gröfsten Erwartungen dadurch erregt waren. Das Scheitern der
ganzen Unternehmung betrachtet Gerhoh als eine gerechte Strafe
für die Sünden der Theilnehmer; vorzüglich aber sieht und be-
klagt er die Macht der Dämonen in den theils betrügliehen, theils
nach seiner Meinung wirklichen Wundern, mit denen vom Kreuzzug
heimkehrende Vagabunden das Volk verführten.
Stücke aus Gerhohs Schriften und reiche Nachrichten über sein
Leben finden wir in den verschiedenen Handschriften der Reichers-'
berger Chronik, deren Anfänge noch in seine Zeit fallen. Es
sind Annalen, die in ihrer einfachsten Form6) nur bis 1167 reichen
und vielleicht von einem anderen Kloster Übernommen sind, dann
aber in Reichersberg mit allerlei Lesefrüchten Uber die ältere Zeit,
mit Urkunden und Klosternachrichten vermehrt wurden und nament-
lich sehr schätzbare Nachträge und Fortsetzungen Uber die Zeit-
geschichte, besonders die Schicksale des Salzburger Sprengels er-
1) Handschrift in Admunt, Archiv X, 640; gröfstentheils gedruckt bei Fe*
Thes. VI. Vgl. auch die Abhandlung über Gerhoh von Stülz in den Abhand-
lungen der Wiener Akademie I, 113.
2) Gerhohi Vita Wirntonis, Pez Thes. I, 3, 399 — 422.
“) bei Tengnagel n. 415. Gretseri Opera VI, 243.
4) Gretseri Opera III, 111 — 114. — “) bei Caois. 111,2,219.
Digitized by Google
Gerhoh. Die Reichersberger Chronik. Melker Annalen.
365
hielten. In der Bearbeitung des Priesters Magnus reichen sie bis
1195'), in einer anderen bis 1279. Die Vorauer Handschrift läfst
die Reichersberger Hausnachrichten weg und setzt an deren Stelle
die Grtindungsgeschichte von Seckau, ein besonders deutliches Bei-
spiel der Art, wie dergleichen Werke von einem Stifte zum anderen
übergingen und wie unsicher der Schlufs von einigen localen Nach-
richten auf die Herkunft einer Chronik ist.
Solche Annalen wurden jetzt wie in den früheren Zeiten in
vielen Klöstern, seltener in Domstiftern, geschrieben, aber nur
selten kennen wir den Namen des Verfassers und oft zeigt auch
die immer wechselnde Handschrift, dafs gar kein bestimmter Ver-
fasser vorhanden war. Ebenso sehr fehlt es dann natürlich an einer
überlegten Anlage und gleichmäfsiger Durchführung: bald sind einige
Jahre ausführlich behandelt, bald beschränkt man sich wieder auf
wenige Angaben Uber weltkundige Ereignisse und den Wechsel der
Aebte. War mehrere Jahre lang nichts geschrieben worden, so ent-
lehnte man die Chronik eines benachbarten Klosters, um die Lücke
auszufüllen. Häufig benutzte man aber auch nachträglich ältere
Werke, um der Lückenhaftigkeit und Armuth der Jahrbücher nach-
zuhelfen, wie z. B. jener Priester Magnus that und wie wir in den
Admunter Annalen Stücke aus Otto von Freising, in denen von
Zwettel lange Stellen aus Wipo und den ganzen Anhang zum Rage-
win finden.
Oesterreich ist in dieser Zeit reich an solchen vielgestaltigen
Annalen2); zuerst legten die Mönche von Melk ein Buch der Art
an im J. 1123, welches bis ins sechzehnte Jahrhundert fortgesetzt
wurde. Der Anfang ist aus der abgekürzten Chronik Hermanns
von Reichenau entnommen. Fortsetzungen und Ueberarbeitungen
finden sich dann in Zwettel, Klosterneuburg, Heiligenkreuz, Wien,
Kremsmünster, Lambach, S. Florian, Neuberg, auch die Annalen von
Götweih, Admunt, Salzburg, Garsten sind verwandt. Häufig be-
*) Chronicon Rcichersbergense ed. Gewold, München 1611. 4. von 1 — 1194.
Wiederholt Ludewig SS. II, 129 — 348. Magni Reicherspergensis Chronica in Böh-
mers Fontes III, 530 — 553 aus der Handschrift des Johanneums in Gratz (1084
bis 1195).
2) Sie sind kritisch bearbeitet und zusammengestellt von Wattenbarh, Mon.
SS. IX, 479 — 843. Von einer dieser annalistischen Compilationen (1025 — 1283),
welche wegen der darin vorkommenden Beziehungen auf die Dominikaner zu Wien
nach diesen benannt ist (p. 725 — 732) hat Zeibig eine alte deutsche Bearbeitung
Jublicirt, in welcher aber jene Beziehungen fehlen, Archiv f. österr. Gesch. Quellen
X, 355 — 362, vgl. XIV, 9. In demselben Archiv XIX, 1. Heft befindet sich ein
Aufsatz von Stoegmann über jene Ausgabe der Ann. Austriae im Verhältnifs zu
den früheren Ausgaben von Pez und Rauch, den ich noch nicht gesehen habe.
Digitized by Google
366 V. Staufer. § 7. Gerhoh. Oesterr. Annalen. § 8. Böhmen.
gegnen übereinstimmende Nachrichten, ohne dafs eine directe Ent-
lehnung wahrscheinlich wäre, so dafs man zu der Vermutliung ge-
führt wird, es sei wohl noch allerlei vorhanden gewesen, das uns
nicht mehr erhalten ist, vielleicht ausführlichere Chroniken Uber das
zwölfte und die erste Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts in zu-
sammenhängender Erzählung. Diese Annalen erstrecken sich zum
Theil mit sehr guten und reichhaltigen Nachrichten über das drei-
zehnte Jahrhundert; bei dem Kampfe zwischen Rudolf und Otakar
sind wieder gröfsere selbständige Beschreibungen aufgenommen, und
neue Fortsetzungen reichen bis zum fünfzehnten Jahrhundert.
In anderer Form besitzen wir aus dem zwölften Jahrhundert
nur das in Götweih geschriebene Leben Altmanns von Passau und
das Leben des Bischofs Hartmann von Brisen von einem Kloster-
neuburger Chorherrn *) nebst einer kurzen Uebersicht der Geschichte
Oesterreichs unter den Babenbergern, die auf den Wunsch des Her-
zogs Leopold VI im J. 1194 in Melk, wie II. Pez vermuthet, von
dem Abte Konrad von Wizenberg verfafst wurde2). Etwas früher
von dem Abte Erchenfrid (1121 — 1163) war hier auch die Lei-
densgeschichte des Schutzheiligen S. Choloman, eines irischen
Pilgers (f 1012) mit der Geschichte seiner Uebertragung nach Melk
und den unvermeidlichen Wundern beschrieben worden. Alte Ueber-
lieferung, da auch Cholomans Zeitgenosse Thietmar (VH, 54) in ähn-
licher Weise seines Todes gedenkt, liegt gewifs zu Grunde, vielleicht
auch schriftliche Aufzeichnung, doch ist die Ausschmückung der Ge-
schichte schon so weit fortgeschritten, dafs sicherlich schon eine
lange Zeit seit der auch vom Verfasser (§ 7.) als sehr entfernt liegend
bezeichneten Begebenheit verflossen war, bevor auch nur der erste
Theil derselben aufgezeichnet wurde, wenn auch dieser vielleicht
schon vor Erchenfrids Zeit geschrieben sein mag3).
§ 8. Böhmen.
In Böhmen wirkte der durch Cosmas gegebene Anstofs fort, und
eine Reihe trefflicher Geschichtswerke bis Uber die Mitte des vier-
zehnten Jahrhunderts verbreitet nicht allein Uber die böhmische,
sondern auch Uber die allgemeine Geschichte helles Licht. Der vor-
') Beide schon erwähnt S. 251 u. 360. — 2) Pez SS. Austr. 1, 290.
a) Passio Cholomanni ed. Pez SS. 1, 97. Bueus Acta SS. Oct. VI, 357.
Waitz, Mon. SS. IV, 674 — 678. Vgl. Biidinger, österr. Gesell. 1, 474. Der zweite
Theil über die in Melk geschehenen Wunder, welche in der Admunter Ilandscbr.
des zwölften, nicht des elften Jahrhunderts fehlt, scheint späteren Ursprunges zu
sein und vielleicht bezieht sich darauf die Angabe des Nekrologs, dafs Abt Erchen-
frid die historia S. Cholomanni verfafst habe.
Digitized by Google
Choloman. Fortsetz. d. Cosmas. Ann. Gradicenscs. Vincentius. 367
trefflichen Fortsetzung, durch welche ein Wyschehrader Dom-
herr das Werk des Cosmas bis 1142 fortführte , gedachten wir
schon oben (S. 318), so wie der ebenfalls guten Fortsetzung des
Mönchs von Sazawa bis 1162, welche durch die Nachrichten Uber
8. Prokop und die durch ihn in diesem Kloster zur Herrschaft ge-
langte slavische Liturgie besonderen Werth erhält.
Im zwölften Jahrhundert wurde auch in dem 1077 begründeten
mährischen Kloster Hradisch bei Olmütz ein Annalen werk com-
pilirt, dessen Anfang aus Cosmas nebst dessen ersten Fortsetzern,
und bis 999 auch aus Ekkehard entnommen ist; doch scheint der
Verfasser wenigstens von 1095 an auch eigene Annalen zu Gebote
gehabt zu haben, die er mit den Auszügen aus Cosmas so mechanisch
verband, dafs er nicht Belten dasselbe Ereignifs doppelt berichtete.
Von 1130 an wird die Fortsetzung immer selbständiger , 1138
schreibt er offenbar gleichzeitig, und 1142 wollte er schliefsen, fügte
aber noch weitere Nachträge bis 1145 hinzu. Die Einführung von
Prämonstratenser Mönchen unterbrach diese Thätigkeit, welche aber
in dem böhmischen Benedictiner Kloster Opatowiz wieder aufge-
nommen wurde. Hierhin war das Zeitbuch geflüchtet ; man trug hier
heimische Nachrichten ein und setzte die Annalen um das Jahr 1163
bis auf diese Zeit fort. Man findet keine Spur, dafs später von
diesen Annalen Gebrauch gemacht wäre, und erst in neuerer Zeit
wurden sie aus der glücklich erhaltenen Handschrift bekannt ge-
macht1).
Von allgemeinerer Bedeutung ist das Werk des Vincentius
von Prag, eine Hauptquelle Uber Friderichs I italienischen Feldzug
von 1158.
Wie einst Herzog Wratislaw von Heinrich IV, so wurde Wla-
drnlaw von Friderich Barbarossa zum König gekrönt, und er be-
währte sich wie jener als eine treffliche Stütze seiner Macht. Noch
enger schlofs sich Bischof Daniel von Prag an den Kaiser an; ^er
zog 1158 mit Wladislaw gegen Mailand, blieb aber auch nach des
Königs Rückkehr dort, und bewies sich besonders eifrig und thätig
für die Sache des Papstes Victor. Im J. 1166 folgte Daniel dem
Kaiser wieder nach Italien, wo er mit dem Bischof Hermann von
Verden als kaiserlicher Hofrichter fungirte. Im folgenden Jahre
') Es ist nicht die Urschrift und daher zweifelhaft, ob die Compilation in
Hradisch oder erst in Opatowiz gemacht wurde. Ausgabe von Meinert in den
Wiener Jahrbüchern Bd. 48. Verbesserungen von Palacky in der Würdigung der
böhm. Geschichtschreiber S. 52 ff. 305. Auch die Olmützer Bischofschronik unter
dem Titel Granum Catalogi, welche bis jetzt nur bruchstückweise in Richters Series
epp. Olom. publicirt ist, scheint in ihren Anfängen dieser Periode anzugehören.
Digitized by Google
368
V. Staufer. § 8. Böhmen.
wurde er von der schrecklichen Pest hinweggerafft, die damals den
glänzenden Erfolgen Friderichs ein Ende machte. Daniels treuer
Begleiter auf diesen Fahrten war Vincentius, Notar und Domherr
der Prager Kirche; er selbst schrieb, wie er berichtet, 1158 den
kaiserlichen Friedens- und Gnadenbrief flir die Mailänder. Traurig
kehrte er heim nach dem Tode seines Herrn, und wandte sich nun
mit der Bitte um Unterstützung nach so vielen Leiden und Mühen
an die Königin Judith. Hir und ihrem Gemahl zu Ehren verfafste
er seine Chronik, die 1140 mit Wladislaws Regierungsantritt beginnt,
und im Jahre 1167 plötzlich abbricht, offenbar unvollendet, wie denn
auch in der Mitte noch einige Lücken geblieben sind. Das Werk
ist sehr gut geschrieben, treu und zuverlässig, und daher eine unserer
wichtigsten Quellen1).
Fortgesetzt ist es von Ger lach, dem ersten Abt des Prämon-
stratenserklosters Mühlhausen in Böhmen. Dieser Gerlach war von
guter Herkunft und wohl, wie Palacky vermuthet, ein naher Ver-
wandter des Grafen Georg von Mühlhausen. Im J. 1174 wurde er
als neunjähriger Knabe nach Wirzburg auf die Schule gebracht, wo
er aber nicht lange blieb, weil der Abt Gotsehalk ihn mit sich in
das neu gegründete Kloster Selau nahm; bei ihm war er sieben
Jahre als Caplan bis an den Tod des hochverehrten Mannes am
17. Feb. 1184. Gotschalks Erzählungen sind eine Hauptquelle für
ihn, und er verbreitet sich sehr ausführlich über die Einführung der
Prämonstratenser in Böhmen aus den Rheinlanden und dem Mutter-
kloster Steinfeld. Nach dem Tode seines Abtes trat er in ein nahes
Verhältnifs zu dem Bischof Heinrich und scheint zu dessen Capelle
gehört zu haben, bis er 1187 zum ersten Abt des Klosters Mühl-
hausen ernannt wurde, dem er bis an seinen Tod Vorstand; noch
1221 wird er als Zeuge einer Urkunde erwähnt.
Da Gerlach nach dem Frieden von Venedig schrieb, war er
nicht schismatisch wie Vincenz, gehört aber übrigens derselben
Richtung an und ist vor allen Dingen eben so gut bischöflich gesinnt.
Nach alt ottonischer Politik nämlich benutzte Friderich das
Prager Bisthum, um die Ubergrofse Selbständigkeit Böhmens zu
brechen. Der Bischof sollte unmittelbarer Reichsfürst sein wie die
übrigen Bischöfe, während die Herzoge ihn immer in Abhängigkeit
zu halten suchten. Vorzüglich durch seine Nachrichten Uber diese
Verhältnisse ist Gerlachs Werk auch für die allgemeine Geschichte
wichtig. Es scheint, dafs die hinterlassenen Papiere des Vincenz in
*) Fehlerhafte Ausgabe in Dobners Mon. Hist. Boeraiae I, 29 — 78. Ver-
besserungen bei Palacky, Würdigung S. 71.
Digitized by Google
Vincenz von Prag und Gerlach. Contin. Cosmae.
369
seine Hände kamen; er liefe sie geordnet abschreibcn, fUgte einige
Bemerkungen hinzu und schrieb nun auch selbst seine Erinnerungen
auf. Mit der abschliefeenden Redaction seines Werkes war er noch
im J. 1214 beschäftigt, und es scheint, dafe ihm damals schon seine
älteren Aufzeichnungen nicht mehr vollständig Vorlagen. Das Ende
seines Werkes von 1198 an ist leider verloren1). Von besonderem
Werthe ist ein von Gerlach vollständig in seine Chronik aufgenom-
mener Bericht eines Augenzeugen, des Österreichischen Klerikers
Ansbert, Uber den Kreuzzug Friderichs I, eine einfache, genaue
und wahrhaftige Erzählung2).
Im dreizehnten Jahrhundert Uberwiegt natürlicher Weise auch in
Böhmen immer mehr die specielle Landesgeschichte. Zu den Prager
Annalen, welche im J. 1193 abgeschrieben waren, wurden noch einige
unbedeutende Bemerkungen bis 1230 hinzugefügt Wichtiger aber
sind die verschiedenen Bestandteile, welche man früher unter dem
Namen des zweiten Fortsetzers des Cosmas zusammenfafete.
Palacky hat zuerst nachgewiesen, dafe hierin die Arbeiten verschie-
dener Prager Domherren zusammengeworfen sind, und Kocpke hat
darauf nicht nur die Untersuchung sorgfältig durchgefUhrt, sondern
auch in seiner Ausgabe die einzelnen Elemente zu scheiden versucht
Aehnlich wie bei den oben erwähnten österreichischen Annalen
finden wir auch hier ausführlich erzählende Werke in den anna-
listischen Rahmen eingepafet. Derjenige, welcher auf solche Weise
eine einzige umfassende Chronik von Böhmen bis 1283 herzustellen
suchte, schob nach Koepkes Ansicht am Anfang einen ungeschickten
Auszug aus Vincenz, der sich auch schon in der Raudnizer Hand-
schrift findet, und die Prager Annalen von 1160 bis 1193 ein3); von
*) Ausgabe bei DobnerI,79 — 129, der erste Theil als Cbronographus Si-
loensis. Vgl. Palacky, Würdigung S. 79 — 89.
*) Historia de Expeditione Friderici Imperatoris edita a quodam Austriensi
Clerieo qui eidem interfuit, nomine Ansbertus, ed. Dobrowsky, Pragae 1827. 8.
mit dem letzten Theil der Chronik Gerlaehs, von 1193 — 1198. Vgl. Wilken,
Geseh. der Kreuzzüge IV, Beil. S. 91 — 106. Aehnlich ist der in die Reicbersberger
Chronik in Gewolds Ausgabe aufgenommene und auch bei Freher 1,407 — 416
besonders abgedruckte Bericht des Passauer Decans Tageno, der den Bischof
Dietpold dahin begleitete. — Ein Bericht Uber die Flotte, welche aus der Schelde
auslief, von einem Sachsen verfafst, ist in den Abhandlungen der Akademie zu
Turin 1840 p. 177 von Gazzera herausgegeben. Dagegen ist ein von Reiffenberg
publicirtes, angeblich neues Fragment in der Bibi des Stuttg. Vereins IX, 1 — 24
nur ein Stück aus Roger von Hoveden. Des Landgrafen Ludwig des
Frommen Kreuzfahrt, ein Gedicht aus dem Anfänge des vierzehnten Jahr-
hunderts hat F. H. v. d. Hagen herausgegeben, Leipzig 1854. 8. Vgl. Wilken,
a. a. 0. Beilage II.
*) Canonicorum Pragensium Continuationes Cosmae, Mon. SS. IX, 162 — 166.
24
Digitized by Google
370 V. Staufer. § 8. Böhmen. § 9. Italienische Quellen.
diesen hatte er, wie es scheint, eine etwas vollständigere Handschrift.
Aus dem nun folgenden Theile von 1196 bis 1278 hat der Heraus-
geber einerseits Annalen des Prager Domkapitels, welche nach Art
anderer Annalen politische Ereignisse und Hausnaehrichten zu bunter
Mischung verbinden und vorwiegend localer Natur sind1), und anderer-
seits gröfsere Stllcke ausgesondert, deren gänzliche Verschiedenheit
in die Augen fällt und schon lange bemerkt war. Eine vortreffliche
und ausführliche Erzählung über das Jahr 1249 beschäftigt sich mit
den Thaten des Königs Wenzel, Uber dessen erste Regierungsjahre
eine kurze Uebersicht vorangestellt ist; der Verfasser schrieb vor
dem Tode des Königs (1253) und scheint sein Werk unvollendet ge-
lassen zu haben2). Eine Reihe gröfserer und zum Theil sehr aus-
führlicher Stücke schildert dann die hauptsächlichsten Ereignisse aus
der Regierung Otakars; diese sind, zum Theil wenigstens, gleich-
zeitig geschrieben und von Liebe und Bewunderung für den König
erfüllt. Sie bilden ein erwünschtes Gegenstück zu den entsprechen-
den Theilen der österreichischen Annalen3). Hieran schliefst sich
endlich die weitere Fortsetzung der Prager Annalen, deren erster
Theil von 1278 bis 1281 sich besonders mit dem Bischof Tobias
und den Erlebnissen des Domkapitels beschäftigt4), während der
zweite wieder bis auf das Jahr 1279 zurückgeht und die unglück-
lichen Zustände des Landes bis 1283 mit Wärme und leidenschaft-
lichem Unmuth schildert4).
Damit ist nun dieses grofse Werk abgeschlossen, welches, wenn
auch mit bedeutenden Lücken, doch die Landesgeschichte bis nahe
an das Ende der Premisliden- Herrschaft in einer theilweise ausge-
zeichneten Darstellung umfafst. Wir haben die Besprechung des-
selben von den Schriften des Vincenz und Gerlach nicht trennen
wollen, kehren aber nun zurück zu der Zeit des Kaisers Fridericli,
welche uns auf jene böhmischen Berichterstatter Uber seine Thätigkeit
geführt hat.
§ 9. Italienische Quellen.
Der Erwähnung verschiedener Berichte Uber die italienischen
Feldzüge Friderichs reihen wir gleich hier die einheimischen Nach-
richten Uber dieselben an, bei denen wir jedoch nur ganz kurz ver-
weilen, da Italien jetzt bereits eine so eigenthümliche und selbständige
*) Annalium Pragensium Pars I. p. 169 — 181.
2) Hisloria Wenceslai I. p. 167 — 169.
3) Annalrs Otakariani p. 181 — 194.
4) Annalium Pragensium Pars II. p. 194 — 198.
4) Annalium Pragensium Pars 111. p. 198 — 203.
Digitized by Google
Fortsetzer des Cosmas. Die Lombardei.
371
Entwickelung gewinnt, dafs ein eigentlicher Zusammenhang mit der
deutschen Historiographie nicht besteht, und nur die äufserliche Ver-
bindung beider Länder es nothwendig macht, der italienischen Quellen
hier überhaupt zu gedenken. Ein sehr wesentlicher Unterschied zeigt
sich sogleich darin, dafs in Italien, besonders in der Lombardei, die
Geschichtschreibung jetzt bereits in die Hand der Laien übergeht.
So berichten uns Uber Friderichs Kämpfe mit den Mailändern
von entgegengesetztem Standpunkte der Mailänder Radulf oder Sire
Raoul1) und der kaiserliche Pfalzrichter zu Lodi, Otto Morena,
dessen Werk von seinem Sohne Acerbus Morena fortgesetzt wurde3).
Ein wichtiges und bedeutendes Geschichtswerk sind die Annalen
von Genua, von 1100 bis 1163, von Caffari, einem der ange-
sehensten Staatemänner seiner Vaterstadt, die bis 1293 fortgesetzt
wurden auf Veranlassung des Stadtratlies, dem Caffari sein Werk
übergeben hatte3).
Sehr merkwürdig und lehrreich, wenn auch roh in der Form,
ist des Bernhard Marago oder Marangonis Chronik von Pisa
bis zum J. 1175, sowohl über die alte Geschichte der Stadt und ihre
Kämpfe mit Lucca, Genua und anderen Feinden, als auch Uber ihre
Beziehungen zu den Kaisern, da sie immer gibellinisch war. Einiges
ist schon für Lothars Zeit daraus zu entnehmen, mehr für die Zeit
Friderichs I, und die Papstgeschichte während des Schisma4).
Auch ein Bischof von Kremona ist wieder als Historiker zu
nennen, der aber Beinern Vorfahr Liudprand sehr unähnlich ist,
Sicard, ein ruhiger und milder Mann, der 1186 den Frieden
zwischen Kremona und dem Kaiser vermittelte, und in einfacher
Erzählung, ziemlich kurz, eine Chronik von Erschaffung der Welt
bis 1213 verfafste6).
Wichtiger für Friderichs I Zeit wäre es, wenn es gelänge, das
verlorene Werk des Johannes von Kremona wieder aufzufinden,
der eine Geschichte seiner Zeit verfafst hat und nur aus den An-
führungen derselben in der Ursperger Chronik bekannt ist. Man darf
‘) Sire Raoul de rebus gestis Friderici I 1155 — 1 177. Muratori SS. VI, 1 169.
Vgl. über die vollständigere Pariser Handscbr. Chron. Placent. ed. Iluillard p. XII.
Eine ungedruckte Geschichte von Mailand aus dieser Zeit wird erwähnt Archiv
XI, 319.
3) Oltonis Morenae Judicis Laudensis de rebus gestis Friderici Über, 1153
bis 1168. ib. p. 955.
3) Caffari Annales Genuenses ib. p. 247; vgl. Böhmer, Regesten v. 1198-1254
S. LXXIV.
4) Bemardi Marangonis Chronicon Pisanum im Arrhivio Storico VI, 2, 1 — 71.
1845. Vgl. über die Handschrift Archiv XI, 320. Bisher nur von Jaffe in seinen
Regesten der Päpste benutzt. — *) Muratori SS. VII, 529.
24*
Digitized by Google
372
V. Staufer. § 9. Italienische Quellen.
nicht daran verzweifeln, nachdem in neuester Zeit zwei völlig ver-
schollene Placentiner Chroniken wieder ans Licht gezogen sind,
eine guelfisehe und eine gibellinische, welche für das zwölfte, vor-
züglich aber für das dreizehnte Jahrhundert von grofser Wichtigkeit
sind1). Die guelfisehe Chronik findet sich in einer Pariser Hand-
schrift, verbunden mit der Mailänder Geschichte des Sire Raoul und
der Erzählung von Friderichs I Kreuzzug2), und dieselben Materialien
finden sich benutzt und in eifrig gibellinischer Gesinnung verarbeitet
und verändert bei dem andern Chronisten, dem aber die einheimischen
Quellen seines guelfisch gesinnten Collegen selbst Vorgelegen haben
müssen, da er seine Nachrichten wesentlich ergänzt. Während dann
aber der Guelfe schon mit dem J. 1235 abbricht und um diese Zeit
gelebt haben mufs, schrieb der Gibelline erst nach der Mitte des
Jahrhunderts und führte sein Werk bis 1284 mit wachsender Aus-
führlichkeit und vollständiger Aufnahme wichtiger Actenstücke ; auch
beschränkt er sich keineswegs auf Piacenza, sondern berücksichtigt
gleichmäfsig die Gibellinen in der ganzen Lombardei und in Toscana,
ja auch in Neapel. Für den Verfasser dieser Chronik hält Pertz
den auf dem letzten Blatt der Handschrift genannten Besitzer der-
selben, Herrn Mutius von Monza, der 1294 Capitan del Popolo in
Piacenza war. Huillard dagegen bekämpft diese Annahme, und ist
seinerseits geneigt, die guelfisehe Chronik dem Johann Codagnello
oder Caputagni zuzuschreiben, den er im Jahre 1222 urkundlich in
Piacenza nachweist, dem Verfasser einer sehr fabelhaften Chronik
von der Schöpfung bis zur Uebertragung des Kaiserthums auf die
Deutschen, welche sich in derselben Handschrift befindet3).
In Unter-Italien schrieb Romuald, von 1153 bis 1181 Erz-
bischof von Salerno, eine Chronik von Erschaffung der Welt bis
1178, welche besonders für den Frieden von Venedig von Wichtigkeit
ist, weil Romuald selbst bei diesen Verhandlungen thätig gewesen
war4). Die Geschichte des in diesem Zeitraum ganz selbständigen
*) Chronicon Placcntinum et Chronicon de rebus Ln Italia gestis, ed. J. L. A.
Huillard - Breholles. Paris 1 856. 4. Vgl. Pertz : Ueber die ältesten Placentiner
Chroniken. Abhandlungen der Berl. Akad. 1853. 4.
2) Murat. VI, 1193 — 1195.
5) Vgl. über diese Chronik ßethmaDn, im Archiv X, 339 und Anschülz,
ib. XI, 231.
4) bei Muratori SS. VII, 1 — 246 und Gius. del Re, Croniste e Scrittori sin-
croni Nap. 1845. I. Vorherrschend localer Natur, aber für die Geschichte Kaiser
Ludwigs II von Bedeutung, ist die um 1182 von Joh. Berardi verfal'stc Chronik
von jenes Kaisers grofsartiger Stiftung Casauria, bei Muratori II, 2, 768- 1018.
Vgl. Archiv XI, 485 Uber die Handschrift.
Digitized by Google
Placentiner Chroniken. Papstgeschieh te.
373
normanischen Reiches in Italien gehört nicht hierher1); Uber (len
Krieg zwischen Heinrich VI und Tankred verfafste Peter von Ebulo
ein eigenes Werk in Versen*). Sehr merkwürdig sind aus dieser
Zeit auch die Visionen und Weissagungen des kaiserlich gesinnten
Abtes Joachim in Kalabrien3).
In Rom war eine Unterbrechung in der Fortführung des amt-
lichen Papstbuches eingetreten. Innocenz H wurde gegen alles Recht,
gegen die getroffene Verabredung, von einer Minderzahl gewählt:
der Zweck, die eigene Partei ans Ruder zu bringen, hatte einmal
wieder die Mittel heiligen müssen. Innocenz hatte aber die franzö-
sische Kirche, hatte Bernhard und Norbert für sich, und Anaklets
Sache war daher hoffnungslos, auch wenn nicht Lothar ihn im Stich
gelassen hätte. Mit der Mehrzahl der Cardinäle gehörten indessen
auch Peter von Pisa und Pandulf zu seiner Partei ; Pandulf, der zu-
letzt das Pontificale unter seiner Obhut gehabt hatte, blieb Anaklet
treu und verlor deshalb Amt und Würde. In diesen Verhältnissen
scheint die Ursache gelegen zu haben, weshalb nicht nur die weitere
Fortsetzung unterblieb, sondern auch alles, was Peter und Pandulf
bereits geschrieben hatten, später unbeachtet blieb. Zur Zeit Alexan-
ders III nämlich wurde die Fortführung des lange vernachlässigten
Werkes wieder aufgenommen von dem Cardinalpriester Boso, einem
Engländer, der zu Eugens HI Zeit nach Rom gekommen war und
von 1149 an als Scriptor der Curie genannt wird. Bei seinem Lands-
mann, dem Papst Hadrian IV, wurde er Kämmerer, und bewahrte
auch unter Alexander HI eine angesehene Stellung: er war es ge-
wesen, der vorzüglich Alexanders Wahl zu Stande gebracht hatte.
Dieser Boso also knüpfte nicht an die Fortsetzungen Peters und
Pandulfs, sondern unmittelbar an den alten Papstkatalog an; er
begann wieder mit Stephan V, und schrieb, um die Lücke zu füllen,
die Werke des Bonizo von Sutri aus, die Einleitung seiner Canonen-
8ammlung und die „Ad amicum“ betitelte Schrift. Urban H liefs er
aus, indem er sich für diesen Papst auf seine frühere an den Schis-
matiker Ugo gerichtete Schrift berief. Bis auf Eugen HI giebt er
wenig Einzelheiten, und diese entnahm er aus den päpstlichen Re-
gesten; von da an aber schrieb er aus eigener Anschauung und
*) Alexander Telesinus, libri IV de Rebus gestis Rogerii filii 1130 — 1152 bei
Muratori V, 607 — 646 und Del Re I. Hugonis Falcandi Historia de rebus gestis
in Siciliae regnoll54 — 1169. Mur. VII, 247. Del Re I.
*) Petri de Ebulo carmen de bello inter Heinricum VI et Tancredum, ed.
Engel 1746. 4. Bei Del Re mit den Gemälden der Handschrift.
3) Interpretatio praeclara abb. Joachim in Hieremiam prophetam ad Heinri-
cum VI. Venet. 1525. Colon. 1577. Vgl. Abel, König Philipp S. 29. 312.
Digitized by Google
374 V. Staufer. § 9. Italien. § 10. Welf. u. niederdeutsche Litteratur.
Kenntnifs. Alexanders KI Leben verfafste er zur Zeit des Friedens
von Venedig und führte es auch bis zu diesem Zeitpunkt; ein Nach-
trag reicht bis zur Rückkehr Alexanders nach Rom um Ostern 1178.
Bald nachher starb Boso, und die weitere Fortsetzung unterblieb.
Wir haben also an diesem Werke wiederum eine amtliche, vom
Standpunkte der damals herrschenden Partei geschriebene Darstellung
der Papstgeschichte aus einem der wichtigsten und bedeutsamsten
Zeiträume *).
Doch wir wenden uns nun nach dieser Abschweifung wieder
nach Deutschland zurück, wo neben der bisher betrachteten Litte-
ratur, die in genauer Beziehung zum Kaiser und zu dessen Unter-
nehmungen stand, andere Werke den Welfen sich anschlossen oder
in provinzieller Absonderung nur von den nahe liegenden Begeben-
heiten eines kleineren Kreises berichten. Wir werden hiervon eine
Uebersicht zu geben versuchen, und dann noch einmal zu den Be-
arbeitungen der allgemeinen Geschichte zurückkehren.
§ 10. Wölfische und niederdeutsche Litteratur.
Jede Familie stand im Mittelalter in Verbindung mit irgend
einer Kirche oder einem Kloster, wo sie ihren Mitgliedern ein wür-
diges Begräbnifs zu sichern suchte, und durch Schenkungen und
Stiftungen für ihre ewige Seligkeit sorgte. Männer, die jedes anderen
Stiftes schlimmste Feinde waren, pflegten nur um so sorgsamer dieses
ihres eigenen Hafens sich anzunehmen, um gewissermafsen eine Art
von Gleichgewicht herzustellen. Am liebsten trat man in Beziehung
zu einem Kloster, und wo die Mittel ausreichten, wurden eigene
Klöster neu begründet. Frömmigkeit und Aberglauben waren nicht
die einzigen Motive, welche dazu veranlafsten; man hatte zugleich
an dem Abt und seinen Mönchen gute Rathgeber, und fand hier die
Schreiber, deren man so sehr bedurfte, oft auch gewandte diploma-
l) Ich folge hierin ganz der Untersuchung W. Giesebrechts in der Allgem.
Monatschr. 1852 S. 268 ff. Gedruckt ist dieser Theil des Pontificale bei Muratori III
unter dem Namen des Kardinals von Arragonien und besser, aber zerstiiekt, bei
Baronius als Acta Vaticana. — Ueber die äufserst zahlreichen und wichtigen
Briefe aus dieser Zeit orientiren am besten die päpstlichen Regesten von Jaffe. —
Die italienischen Quellen für die Zeit Friedrichs II, welche noch weniger Beziehung
zu Deutschland haben, dürfen wir hier wohl um so eher übergehen, da in Böh-
mers Regesten von 1198 — 1254 p. LXXIII — LXXIX eine ausreichende Uebersicht
gegeben ist. Nachzutragen ist jetzt aufser dem Chronicon Placentinum die von
Böhmer erwähnte, aber damals noch ungedruckte Chronica fratris Salimbene Par-
mensis ord. Minorum ex cod. bibl. Vat. nunc primum edita, Parmae 1857. 4. als
dritter Band der Monumenta historica ad provincias Parmensem et Placentinam
pcrlinentia.
Digitized by Google
Welfische Littmtur. Weingarten. 375
tische Agenten, und die Stiftschronik wurde zugleich zur Familien-
chronik.
Forscht man nach der Geschichte einer Familie, so hat man
sich zuerst nach ihrem Kloster umzusehen.
Das Welfische Kloster war Weingarten; hier verfälschte
man zu ihem Vortheil die Chronik des Otto von Freising (oben 8. 351),
und ein ungenannter Mönch des Stifts schrieb zu Ende des zwölften
Jahrhunderts ein eigenes Werk Uber die Geschichte der Welfen mit
redlichem Fleifs und lobenswerther Treue. Er strebt nach urkund-
licher Genauigkeit und ist frei von den Fabeln, mit welchen sonst
Genealogen so gern die unbekannte Vorzeit ausfüllen; dafs er die
näher liegenden Ereignisse überall vom welfischen Gesichtspunkte
auffafst und dazu den umgestalteten Text des Otto von Freising
verwendet, auch selbst in diesem Bestreben noch weiter geht, kann
man ihm kaum zum Vorwurfe machen, und ist eine ganz andere
Sache, als wenn man dem Schriftsteller der feindlichen Familie selbst
eine seinen Verwandten ungünstige Darstellung in den Mund legt1).
Ein anderer Mönch desselben Klosters verband bald nachher die
Thaten der Welfen mit einer Geschichte der römischen Kaiser, und
führte die Geschichte des Hauses um 30 Jahre weiter bis 1197; eine
Fortsetzung reicht bis 1208*).
Aufser Weingarten hat Welf IV Raitenbuch, Welf VI 1147
Steingaden s) gestiftet Dieser Welf VI war ein erbitterter Gegner
des kaiserlich gesinnten Bischofs Hartwig von Augsburg. Er war
dadurch tief verwickelt in den Kampf der Parteien, und gab sich,
aber vergeblich, viele Mühe, seinen besonderen Interessen bei dem
Frieden von Venedig Berücksichtigung zu verschaffen. Sein Unter-
händler war der Propst Otto von Raitenbuch, der zugleich Propst
von Eberndorf im Jaunthal war, verwandt mit dem Patriarchen Udal-
rich von Aquileja und Bruder des Abtes Rupert von Tegernsee,
mit dem er in lebhaftem Briefwechsel stand. Aber nicht allein die
Briefe, welche er an diesen schrieb, sondern seine ganze Correspon-
denz, namentlich auch die Briefe des Herzogs Welf, scheinen in
Tegernsee aufbewahrt zu sein und finden sich jetzt in einem Copial-
buch dieses Stiftes4).
*) Anonymus Weingartensis de Guelfis principibus bis 1167 bei Ilefs, Mon.
Guelf. S. I — 47. Vgl. Stalin II, 14 und Wilmans, Archiv XI, 38 ff.
*) Chronographus Weingartensis, Ilefs Mon. Guelf. S. 55 — 76. Stalin II, 9.
a) und das Schottenkloster zu Memmingen, Uber welches eine gänzlich fabel-
hafte Gründungsgesehichte existirt, Origines Guelf. II, 431 — 452.
4) Sie sind daraus sehr zerstückt gedruckt in Pez Thes. VI und Origines
Guelf. II.
Digitized by Google
376 V. Staufer. § 10. Welfische und niederdeutsche Litteratur.
Die Erwerbung des Herzogthums Sachsen führte die Welfen
auch nach Norddeutschland, und hier war der Hauptschauplatz der
Thätigkeit Heinrichs des Löwen; dahin führen auch die wich-
tigsten Quellen Uber ihn. Werthvolle Nachrichten Uber den letzten
Abschnitt seines Lebens, den mindest rühmlichen nach dem Yerrath
an Kaiser und Reich, finden wir in der Chronik des Klosters Steder-
burg unweit Wolfenbüttel, geschrieben von dem Propste Gerhard
(1163 bis 1209), einem Manne, der dem Herzog Heinrich sehr nahe
stand und mehrfach mit wichtigen Aufträgen betraut wurde. Er ist
aber leider von so fanatischem Eifer für das Welfische Haus erfüllt,
dafs seine ganze Darstellung dadurch gefärbt und falsch wird; er
entstellt die Begebenheiten völlig, hat aber als Zeitgenosse einzelne
wichtige Nachrichten aufbewahrt, und schildert die KriegsereignisBe,
durch welche auch sein Stift hart betroffen wurde, mit grofser Le-
bendigkeit. Eingeflochten sind diese Abschnitte in die Klosterge-
schichte, welche sich jedoch fast ausschliefslich mit der Erwerbung
der Stiftsgüter und der Sorge für ihre Erhaltung und Rettung be-
schäftigt; kurze Annalen, die fast ganz auf denen von Poehlde und
Pegau beruhen, sind wohl von anderer Hand eingeschoben1).
Von unvergleichlich gröfserem Werthe ist die Wendenchronik
Helmoldsa), ein ausgezeichnetes Werk, welches ebenfalls vorzugs-
weise von Heinrich dem Löwen handelt, dessen Aufgabe aber doch
eine gröfsere ist. Helmold wollte darstellen, wie das Christenthum
und die deutsche Herrschaft unter den Wenden, vornehmlich in
Wagrien, festen Fufs gefafst hatten, ein Gegenstand der ihm be-
sonders nahe lag, da diese Vorgänge grofsentheils vor seinen Augen
sich ereignet hatten, und er mit dem eifrigsten Glaubensboten, mit
Vicelin, persönlich befreundet war. Er war noch Zeuge von Vicelins
Predigt und aufopfernder Thätigkeit gewesen, und er hatte auch mit
l) lieber die Handschrift, ein Diplomatar aus dem 14. Jahrhundert und die
sehr schlechten Ausgaben (Meibom I, 427 — 436. 450 — 455. Leibn. SS. ßrunsvie.
I, 849 ff.) s. Waitz im Archiv VII, 598. Vgl. Cohn, De rebus inter Henricum VI
et Ilcnticum Leonem actis. Vratisl. 1856. 8. p. 13 ff. p. 18 über das Verhältnifs
zur Braunschweiger Reimchronik, welche Gerhards Worte amplificirt. Neue Aus-
gabe von Pertz, Mon. SS. XVI, 197 — 231 als Ann. Sted. auctore Gerhardo. Der
Text ist in der Handschrift ziemlich verderbt; pag. 199, 16 möchte statt vel, ut,
statt imperius p. 200, 8 und 213, 31 ipsius, p. 222, 9 statt exuere, ex urere zu
lesen sein.
8) Helmoldi Chronicon Slavorum, eum continuatione Arnoldi ed. Bangert 1659.
4. Leibniz SS. Brunsvic. II, 537. Vgl. Lappenberg im Archiv VI, 554. Ucber-
setznng von Laurent nach dem beriätigten Text. 1852. L. Giesebrecht, Wen-
dische Geschichten III, 355. Daselbst S. 356 auch über die Versus antiqui de
episcopo Vicelino bei Lindenbrog SS. Septentr. p. 118 und Westphalen, Mon. Ined.
B, 1 — 8. — Helmolds Werk wurde 1378 von Hermann v. Kirchberg in deutsche
Verse übertragen.
Digitized by Googl
Gerhard von Stederburg. Helmold und Arnold.
377
anselien müssen, wie die Wagner durch die Habsucht der herzog-
lichen Beamten zu immer neuen Kriegen und Aufständen getrieben,
endlich ganz unterjocht und grofsentheils vertilgt wurden; Colonisten
aus Westfalen und Holland traten an ihre Stelle. Ueber diese
Ereignisse, doch auch über die entferntere Wirksamkeit Heinrichs
des Löwen, Uber seine Kriegszüge nach Pommern, giebt uns Helmold
in einfacher anschaulicher Erzählung und in besonders gutem und
fliefsendem Latein die trefflichsten Nachrichten. Für die ältere Zeit
benutzte er die Kirchengeschichte Adams von Bremen, aber an ge-
lehrter Kenntnifs der Geschichte ist er mit diesem nicht zu ver-
gleichen, während er in der Schilderung des Selbsterlebten nie-
mandem nachsteht, und auch aus mündlicher Ueberlieferung über die
älteren Zeiten manches Bemerkenswerthe mittheilt.
Veranlafst wurde Helmold zu seinem Werke durch Gerold, Vi-
celins Nachfolger als Bischof von Oldenburg, früher Caplan Heinrichs
des Löwen, der ihn aus Schwaben mitgebracht hatte. Helmold selbst
hatte noch unter Vicelin in dem Prämonstratenser Kloster Faldera,
später Neumünster, gelebt, und wurde dann Pfarrer zu Bosau am
Plöner See; er widmete das allein vollendete erste Buch den Dom-
herren zu Lübeck, wohin eben damals das Bisthum verlegt war, da
die neue deutsche Colonie den Handel und Reichthum des altbe-
rühmten Oldenburg oder Stargard rasch an sich gezogen hatte.
Fortgesetzt wurde Helmolds Werk, dessen angefangenes zweites
Buch bis 1170 reicht, bis 1209 von Arnold, dem ersten Abte des
Lübecker Johannisklosters. Auch hier steht Heinrich der Löwe im
Vordergründe, sein Kreuzzug, dann sein Kampf mit dem Kaiser. Die
Belagerung Lübecks 1181, die Erhebung der Stadt zur Reichsstadt
hatte der Abt selbst mit erlebt. Die Geschichte dieser Lande ist
vorzüglich sein Gegenstand, aber er beschränkt sich nicht darauf;
schon dadurch, dafe die Bekriegung und Bekehrung der Wenden
vollendet war, wird der Charakter seines Buches verändert. Er nimmt
Vieles Uber die entfernteren Begebenheiten, die Kriege in Italien,
mit Vorliebe auch Uber die Kreuzzüge, auf; wie einst Thietmar giebt
er mehr Denkwürdigkeiten seiner Zeit als ein einheitliches Geschichts-
werk. An guten Nachrichten fehlte es ihm' nicht, doch sind begreif-
licher Weise seine Angaben hier weniger genau. Bestimmte Zeit-
angaben findet man überhaupt wenig bei ihm; übrigens aber ist er
in hohem Grade zuverlässig und wahrheitsliebend. Obwohl dem
Herzog Heinrich, dem Stifter seines Klosters, und dessen Nach-
kommen günstig gesinnt, läfst er sich dadurch nicht wie Gerhard
Digitized by Google
378 V. Staufer. § 10. Weit Litteratur. § 11. Localgeschichte. Sachsen.
zur Parteilichkeit und zur Ungerechtigkeit gegen die Gegner des-
selben hinreifsen.
Geschrieben hat Arnold seine Chronik in hohem Alter und 1212,
also bald nach ihrer Vollendung, ist er gestorben. Er schöpfte seine
Nachrichten theils aus Briefen und Actenstiicken, theils und vorzugs-
weise aus mündlicher Mittheilung, vorzüglich vom Bischof Heinrich
von Lübeck, der zuvor Abt des Aegidienklosters zu Braunschweig
gewesen war und den Herzog auf seinem Kreuzzuge begleitet hatte.
Aus Brüssel gebürtig, hatte Heinrich in Paris studirt und dann den
Schulen in Hildesheim und Braunschweig vorgestanden, bevor er
Mönch wurde. Nur ungern liefs ihn Herzog Heinrich 1172 von sich,
als die Lübecker Kirche ihn zum Bischof erwählt hatte. Anderes
verdankt Arnold den Mittheilungen des Kanzlers Konrad von Quer-
furt. Diesem, Beinern Kaplan, hatte Kaiser Friderich nach dem Tode
des Bischofs Heinrich (1182) das Bisthum verliehen, dem er aber
nur kurze Zeit Vorstand, weil er sich mit dem Grafen Adolf von
Holstein nicht vertragen konnte. Er kehrte an den Hof zurück,
wurde kaiserlicher Kanzler, dann 1195 Bischof von Hildesheim und
von da 1198 nach Wirzburg versetzt, wo ihn, als er vom König
Philipp abgefallen war, am 6. Dec. 1202 seine Feinde erschlugen1).
Arnolds Beziehungen zu ihm zeigt aufser anderem der vollständig
aufgenommene Brief des Kanzlers aus Apulien an den Scholasticus
Herbord zu Hildesheim, ein Brief, der auf die wunderlichste Weise
aus antiken Reminiscenzen und späteren italienischen Fabeleien ge-
mischt ist*). Er zeigt uns deutlich, wie sehr auch angesehene und
ausgezeichnete Männer die Leichtgläubigkeit ihrer Zeitgenossen theil-
ten, und es ist nicht zu verwundern, dafs auch Arnold an dieser
Schwäche leidet. Ungeachtet mancher Mängel behauptet er doch
einen sehr ansehnlichen Platz unter den Chronisten dieser Zeit und
ist besonders für die Geschichte des nördlichen Deutschlands von
grofaer Wichtigkeit8).
Helmolds und Arnolds Schriften beweisen einen sehr achtbaren
Stand der gelehrten Bildung in diesen Gegenden; die Schulen von
0 s. über ihn Abels K. Philipp S. 158 — 162. 356. Daselbst wird auch eine
Geschichte des Querfurtischen Geschlechtes angeführt, geschrieben vor 1198, gedr.
in Buders Sammlung verschiedener Schriften. Frankf. 1735, S. 434 ff.
*) Vgl. darüber Mafsmann : Virgil als Zauberer, in seiner Ausgabe d. Kaiser-
chronik HI , 433 — 460.
3) Die Ausgaben s. bei Ilelmold. Lappenberg, im Archiv VI, 566. Cohn,
1. 1. p. 10. — Ueber ein niederdeutsches Gedicht von den merkwürdigsten Begeben-
heiten in Holstein 1199 — 1215 s. Waitz in den Nordalbingischen Studien VI, 1,88.
Gedruckt ist es in Dreyers Anecdota und Slaphorsts Hamb. Kirchengeschichte II.
Digitized by Google
Arnold von Lübeck. Saxo Gramm aticus. 379
Bremen, Hildesheim, Hameln, Braunschweig, deren sie gedenken,
scheinen in gutem Zustande und erfreulicher Wirksamkeit bestanden
zu haben. Auch drang die lateinische kirchliche Bildung nun schon
über die Grenzen in die Nordlande ein und setzte auch hier wirk-
liche Geschichte an die Stelle der unbestimmten und unzuverlässigen
Sage. Auch in Dennemark war die Entwickelung eingetreten,
welche in allen neu bekehrten Reichen nach einiger Zeit vor. sich
ging, und von den Päpsten aus Staatsklugheit immer begünstigt
wurde; es hatte sich von der kirchlichen Herrschaft der Bremer
Kirche los gemacht, in Lund einen eigenen Erzbischof erhalten, und
trat in directe Verbindung mit dem eigentlichen Mittelpunkte der
Kirche, mit Frankreich. Schon sandte der dänische Adel seine Söhne
nach Paris, um dort zu studiren (Am. Lub. IH, 5) und dorthin hatte
sich auch der junge Axel oder Absalon begeben, der dann als
Bischof von Rothschild eine hohe und glänzende Stellung einnahm.
An seinem Hofe unter seinen -Schreibern befand sich ein Seeländer
Namens Saxo, den man um seiner Gelehrsamkeit willen den Gram-
matiker nannte, und dieser schrieb auf Absalons Wunsch die erste
einheimische Geschichte der Dänen1). Sie beruht in ihrem früheren
Theile auf der einheimischen Sage; was uns aber hier zunächst be-
rührt, ist die beredte und ausführliche Schilderung der Thaten Axels
und die Geschichte der Könige dieser Zeit, welche die deutsche Ge-
schichte vielfach berührt. Ganz besonders gewährt die Beschreibung
der Kriegszüge gegen die Wenden, in Verbindung mit Heinrich dem
Löwen unternommen, eine vortreffliche Ergänzung der weniger aus-
gefUhrten Nachrichten Helmolds.
§ 11. Localgeschichte. Sachsen.
Wir haben in den früheren Abschnitten darzulegen versucht,
wie sich an verschiedenen Orten eine litterarische Thätigkeit ent-
wickelte. Jedes Denkmal war uns bedeutend, wenn es die Anfänge
und Fortschritte derselben berührte. Jetzt nun, nachdem die ersten
Stufen längst überwunden sind, ist es weniger nothwendig jede Er-
scheinung dieser Art zu beachten und hervorzuheben. Ein ziemlich
*) Saxonia Grammatici historia Danica ( — 1186) rec. Müller et Velschow,
Ilavniae 1839. Vgl. Dahlmanns Historische Forschungen; L. Giesehrecht , Wen-
dische Geschichten 111, 363 ff., auch über die übrigen, weniger bedeutenden Quellen
der dänischen Geschichte. Gegen Giesebrecht, über die Identität von Julin und
Jumne, Schafarik, Namen und Lage der Stadt Wineta, Leipzig 1846. 8. aus Jor-
dans slavischen Jahrbüchern. — Von dem Leben des am 7. Jan. 1131 erschlage-
nen Knud Laward, von dem schottischen Bischof Robert von Eigin verfafst (Ro-
berti ep. Elgensis Vita Kanuti ducis Slesvieensis) ist nur ein magerer Auszug von
Hamsfort erhalten, Langebeck IV, 256.
Digitized by Google
380
V. Staufer. § 11. Localgeschichte. Sachsen.
hoher Grad gelehrter Bildung hat unter der Geistlichkeit eine weite
Verbreitung erlangt, und überall bietet sich strebsamen Klerikern
Gelegenheit zu weiterer Ausbildung. Bis gegen die Mitte des drei-
zehnten Jahrhunderts hält sich dieser Zustand, dann aber reifst immer
mehr Rohheit und Unwissenheit ein, während die Laien anfangen
zu selbständiger Bildung vorzudringen und allmählich auch in der
Litteratur sich geltend machen. Die Rechtlosigkeit und Anarchie,
welche die Geistlichkeit durch ihren Kampf gegen die weltliche Obrig-
keit zuwege gebracht hat, trifft in gerechter Vergeltung niemanden
schwerer, als die Urheber selbst: die blühendsten Stifter gehen in
den unaufhörlichen Kämpfen theils zu Grunde, verlieren ihren Besitz
und ihre angesehene Stellung, theils verdrängt die Nothwendigkeit
kriegerischer Gegenwehr alle gelehrte Thätigkeit, die höhere Bildung,
welcher die Geistlichen ihr Uebergewicht verdanken.
Geschichtliche Aufzeichnungen, von der Gestalt zufälliger No-
tizen an bis zur sorgfältig gearbeiteten Klosterchronik und Biographie,
kommen während des vorliegenden Zeitraums an vielen Orten vor;
gewifs ist nur ein Theil davon erhalten, manches liegt auch noch
ungedruckt. Was vorhanden ist und nicht bereits erwähnt wurde,
werden wir hier in einer kurzen Uebersicht zusammenstellen l) ; es
ist aber verhältnifsmäfsig und im Vergleich mit der Thätigkeit des
elften Jahrhunderts nicht viel und versiegt immer mehr im drei-
zehnten Jahrhundert.
Aus Magdeburg besitzen wir eine Bisthumschroniks),
welche die Zeiten Norberts und seines Nachfolgers Konrad ziemlich
ausführlich behandelt, nach Konrads Tod (1142) aber plötzlich so
dürftig wird, dafs wir die Abfassung wohl in diese Zeit setzen dürfen;
die weitere Fortsetzung reicht bis 1375. Für die Zeit Heinrichs IV
ist das Werk des Bruno grofsentheils aufgenommen, vorher vermuth-
lich eine alte verlorene Stiftsgeschichte benutzt, von der sich auch
im Chronograplms Saxo Spuren finden. Aufser diesem Werke, welches
wir nebst der Chronik von Poehlde als Weltchronik weiter unten zu
erwähnen haben, ist von besonderem Werth die noch ungedruckte
Schöppenchronik aus dem fünfzehnten Jahrhundert. In dieser
ist nach Abel (König Philipp S. 259) für die Zeit der Erzbischöfe
Ludolf und Albrecht (1192 — 1235) offenbar eine jetzt verlorene
4) Für eine eingehendere Behandlung wird nach dem Erscheinen der nächsten
Bände der Mon. Germaniae ein geeigneterer Zeitpunkt sein, da bis jetzt die Aus-
gaben so sehr ungenügend sind und auch nicht wenig ungedrucktes zu erwarten ist.
a) Chronicon Magdeburgense , Meibom. II, 269 — 371. Emendationen bei
Mencken III, 360 — 374.
Digitized by Google
Magdeburg. Merseburg. Pegau. 381
gleichzeitige Quelle benutzt, die auch noch vom Erzbischof Wicli-
mann genauere Kunde hatte1).
Aua Meraeburg hat eich eine nicht gerade reichhaltige Bia-
thumschronik*) erhalten, welche aber doch jetzt mit Nutzen zu
gebrauchen ist, aeitdem Wilraana den ursprünglichen Text hergeatellt
und nachgewieaen hat, dafa aie zuerst 1136 verfafat, darauf 1320
interpolirt und mit einer Fortsetzung versehen ist; weitere Fort-
setzungen bis 1341, 1431, 1514 schliefaen sich daran.
Etwas später, um die Mitte des zwölften Jahrhunderts, ist die
unbedeutende Lebensbeschreibung jenes Bischofs Wern her verfafat,
dem Bruno sein Werk Uber den Sachsenkrieg gewidmet hatte3).
Lehrreicher besonders für die Ausbreitung der neuen Mönchsorden
und ihren Zusammenhang unter einander ist das hübsch geschriebene
Leben Lamberts, des ersten Propstes der regulirten Chorherren
im Kloster Neuwerk bei Halle (S. 359).
Unweit von Merseburg liegt das Kloster Pegau, gestiftet von
Wipert von Groitsch, Markgrafen der Lausitz aus wendischem Ge-
schlecht. Schon im Jahre 1091 war der Bau begonnen und im fol-
genden Jahre Mönche aus dem fränkischen Kloster Schwarzach ge-
holt, aber erst unter dem Abte Windolf (1101 — 1150), früher Prior
zu Korvei, einem ausgezeichneten und gelehrten Manne, begann die
neue Stiftung zu gedeihen und zuzunehmen. Dieser wird es auch
wohl gewesen sein, welcher einen Mönch seines Klosters veranlafste,
das Leben des Stifters in Verbindung mit der Geschichte der Grün-
dung aufzuzeichnen und ihm zugleich aus dem Schatze seiner Erin-
nerungen den Stoff dazu gab4). Da aber die vorhandenen schrift-
lichen Quellen, die von Schwarzach herübergekommene Chronik des
Ekkehard und die Erfurter Annalen, über Wiperts Leben (t 22. Mai
*) Vgl. Böhmers Regesten von 1198 — 1254 S. XXI. Abel a. a. 0. theilt die
Vorrede, Auszüge über Wirhmann und die Jahre 1192—1208 mit. Dem Erz-
bischof Albrecht widmete Odo sein Buch vom Herzog Ernst in lateinischen Hexa-
metern. Auf die Fortsetzung der oben (S. 257) erwähnten Annales Rosenfeldenses
bis 1164 kommen wir unten § 18 zurück.
*) Chronica episcoporum ecclesiae Merseburg., ed. Wilmans, Mon. SS. X,
157 — 212. *
a) Vita Wernheri ep. Merseburg, ed. Wilmans, Mon. SS. XII, 244 — 248.
4) Annales Pegavienses et Bosovienses ed. Pertz, Mon. SS. XVI, 232— 270.
VgL L. A. Cohn, Die Pegauer Annalen mit Benutzung handschriftlicher Hülfsmittel
kritisch untersucht. Abgedruckt aus den Mittheil. d. Gcschichts- u. Alterthums-
forschenden Ges. d. Osterlandes, Bd. IV. Heft 4. S. 472 — 533. Durch jene Aus-
gabe, die erste nach der Urschrift, werden die früheren zerstückten Drucke als
V. Viperli und Conlin. Chronici Pegaviensis unbrauchbar. Die Ann. Bosovienses,
nur nach dem Fundort der Handschrift im Kloster Posen unweit Zeitz so genannt,
fugen das Stück von 1125 — 1195 als Fortsetzung an Ekkehards Chronik nebst
zwei kleinen Notizen von 1197 u. 1198.
Digitized by Google
382 V. Staufer. § 11. Localgeschichte. Sachsen.
1124) nur wenig enthielten, so ist es nicht zu verwundern, dafs die
Biographie besonders in ihrem früheren Theile durchaus sagenhaft
und verwirrt ausgefallen ist. Geschrieben oder doch vollendet wurde
sie nach Cohns richtiger Bemerkung erst nach dem gleich zu Anfang
erwähnten Tode des Pfalzgrafen Otto von Baiem (5. Aug. 1155),
aber vermuthlich vor dem Tode des am 1. Mai 1156 verstorbenen
Abtes Windolf, der schon 1150 seine Würde niedergelegt hatte. Im
Verlaufe seines Werkes gewinnt der Verfasser an Glaubwürdigkeit,
und seine ausführlichen Nachrichten über die Kämpfe zwischen
, Heinrich V und den Sachsen sind sehr schätzbar für die Geschichte
Sachsens. In höchst ungeschickter Weise aber, die an CosmaB von
Prag erinnert, sind diese freien und lebendigen Erzählungen durch-
webt mit den buchstäblich abgeschriebenen Erfurter Annalen von
1116 an l). Der Besitz dieser Annalen verleitete den Verfasser, nicht
nur gegen die ursprüngliche Anlage seines Werkes zu einer annali-
stischen Form und von der Klostergeschichte zu bunt gemischter
allgemeiner und specieller Geschichte überzugehen, sondern auch
die eigene Arbeit fast ganz zu unterlassen und sich auf wenige Zu-
sätze zu den Erfurter Annalen zu beschränken, in denen er auch
die sogenannten Lotharianischen Annalen vorfand. Mit dem Jahre
1149 endigte vermuthlich das ihm mitgetheilte Exemplar und des-
halb beschlofs auch er hier seine Arbeit. Erst nach langer Zeit
dachte man an eine weitere Fortsetzung, die bis 1176 fast ganz aus
den Magdeburger Annalen (Chronographus Saxo) entnommen ist,
nur mit der Abweichung, dafs der jetzt zur Anerkennung gelangte
Papst Alexander HI hier von Anfang an als der rechtmäfsige hin-
gestellt wird, während die Vorlage kaiserliche Gesinnung zeigte. Die
weitere Fortsetzung bis 1181 ist aber eigenthümlich, Behr ausführlich
und von grofsem Werthe; von verschiedenen Händen und in ungleicher
Weise ist die Geschichte von da bis 1190 weiter geführt. Endlich
wurde um das Jahr 1280 noch eine Fortsetzung hinzugefügt, welche
anfänglich bis auf wenige mit den Bosauer Annalen übereinstim-
mende Worte aus der Chronik des Martin von Troppau genommen
ist, aufserdem aber zum Jahre 1198 und von 1215 — 1227 ausführ-
liche und genaue Nachrichten über den Markgrafen Dietrich den
Bedrängten von Meifsen enthält. Da von Pegau hier gar nichts
vorkommt, die spätere Chronik von Altenzelle2), einer Stiftung dieses
*) wie Cohn a. a. 0. nachgewiesen hat ; entscheidend ist besonders der Aus-
druck Wiffbertum quendam praedivitem, der sich nur so erklären läfst.
*) Annales Veteroceüenses, eine um 1375 verfafste Chronik des Mcifsnischcn
Fürstenhauses bei Menckcn II, 377 — 416. Wirkliche kurze Annalen v. Altenzelle
sind als Chronicon Veterocellense minus von Mencken II, 435 — 446, jetzt als
Digitized by Google
Pegau. Goseck. Halberstadt. Lauterberg.
383
Markgrafen, aber dieselben Nachrichten enthält, so ist Cohns Ver-
muthung, dafs dieses Stück aus einer Altenzeller Aufzeichnung ent-
lehnt sein möge, sehr wahrscheinlich.
Eine wirkliche Klosterchronik ohne einen solchen Auswuchs
wie die Pegauer ist die Chronik von Goseck1) bei Naumburg
(1041 — 1135), die auch um die Mitte des zwölften Jahrhunderts ge-
schrieben ist und über die Familie der Stifter, des Erzbischofs Adal-
bert von Bremen und seiner Brüder, der Pfalzgrafen von Sachsen,
zwar willkommene Nachrichten gewährt, aber doch auch von der
mit blos mündlicher Ueberlieferung verbundenen Verwirrung nicht
frei ist. Die weitere Geschichte des Klosters giebt ein Bild der
schon so oft berührten gewöhnlichen Kämpfe und Wechselfälle solcher
Stiftungen. Auch Goseck war bald sehr heruntergekommen und wurde
neu hergestellt durch den 1134 erwählten Abt Nenther, welcher die
Hirschauer Regel einführte.
In Halberstadt wurde im Anfang des dreizehnten Jahrhun-
derts eine Bisthumschronik *) von 780 — 1209 verfafst, die anfangs auf
Ekkehard und dem sächsischen Annalisten beruht, aber auch locale
Nachrichten aus verschiedenen Quellen hinzufügt; weiterhin berichtet
der Verfasser die Geschichte seiner Zeit mit besonderer Beziehung
auf Halberstadt und gehört hier zu den besseren Quellenschriften.
Ueber die meifsnischen Fürsten und Lande erfahren wir manches
ans der Chronik des Klosters auf dem Lauterberg oder Petersberg
bei Halle3) (1124 — 1225), welche einem Priester Konrad zugeschrie-
ben wird. Die Hausgeschichto des Klosters, in reicher Fülle erzählt,
ist anziehend und lehrreich; anderes zur Ausfüllung wie der Ver-
fasser selbst sagt, dazu gethan, nicht eben von grofsem Wertke, doch
gelegentlich brauchbar.
Eine jetzt leider verlorene Chronik muls im Stifte Branden-
burg verfafst sein, denn bei Gelegenheit einer zwiespältigen Wahl,
Ann. V. von Pertz mit Unterscheidung des Alters der verschiedenen Notizen SS.
XVI, 41 — 47 herausgegeben. Sie schliefsen sich Excerpten aus Hugo von Fleury,
Ekkehard und den Erfurter Annalen bis 1166 an und reichen bis 1484, sind
aber schon im 12. Jahrhundert begonnen.
l) Chron. Gozecense ed. Koepke, Mon. SS. X, 140 — 157. Leider nicht benutzt
ist die damals noch nicht bekannte älteste Abschrift in der Handschrift der Pegauer
Annalen, s. Cohn p. 17.
a) Chronicon Halberstadense ed. Schatz. 1839. 4. Vgl. Böhmers Regesten
p. LXX. Ueber den Annalista Saxo oben S. 343.
3) Chronicon Montis Sereni ed. Eckstein 1844 in drei Hallenser Schulprogram-
men und zusammen 1856. 4., sonst bei Alencken II, 165 — 312; zuerst v. J. Mader,
Heimst. 1665, herausgegeben. Benutzt sind darin die Pegauer Annalen.
Digitized by Google
384
V. Staufer. §11. Localgeschichte. Sachsen.
welche sich dort ereignete, heifst es in der Magdeburger Schöppen-
chronik : Hir vint man lange rede af in der Brandeburger croniken ‘).
Gemand, welcher damals Bischof wurde und 20 Jahre lang diese
Würde bekleidete, war ein besonders guter Publicist, so dafs seine
Schriften von anderen als Muster benutzt wurden2).
Jenseits der Reichsgrenze in Polen entstand am Ende des
zwölften Jahrhunderts, als Staat und Kirche unter Kasimir dem Ge-
rechten neue Festigkeit gewannen, die Chronik, welche lange Zeit
gewissermafsen als die officielle Landeschronik betrachtet und in
Schulen commentirt wurde. Der Verfasser ist Bischof Vincenz von
Krakau (1208 bis 1218), den Dlugosch den Sohn des Kadlubek nennt;
er richtet seine Worte einmal (IV, 12) an Herzog Kasimir (1177
bis 1194) und scheint also bei dessen Lebzeiten noch als Dompropst
zu Sendomir geschrieben zu haben, wie denn auch sein Werk nur
bis 1203 reicht. Vorzüglich hielt er sich bei der fabelhaften Ur-
geschichte auf, und wenn die Chronik, so wie sie für sein Werk
gilt8), wirklich von ihm ist, so liefs er sich durch seine classischen
Studien zu einer höchst merkwürdigen Nachahmung des Cicero ver-
leiten, indem er vorgab, als Knabe die Unterhaltungen des Erz-
bischofs Johann von Gnesen mit dem Bischof Matheus von Krakau
angehört zu haben, und diese dialogisch wiedergab. Dem entsprechend
werden hier aus den Brocken unverdauter Gelehrsamkeit und hei-
mischer Fabeln die abgeschmacktesten Erzählungen zusammen ge-
sponnen. Es ist aber nicht ganz sicher, ob nicht die Form des
Werkes ursprünglich einfacher war ohne jene dialogische Form, wie
wir es in der Chronik des sogenannten Dzierzwa oder Mierzwa bis
1288 finden4). Gröfsere Bedeutung gewinnt natürlich Vincenz im
*) Auch der sogenannte Pulbava halte eine Brandenburger Chronik, aus wel-
cher er vieles wörtlich miltheilt.
a) Der Vt einer Summa prosarum dirtaminis nennt sich: moderni usus et
magistrorum qui suis temporibus egregie dictaverunt, maxime venerabilis patris et
domini Gernandi Brandinburg. ep. sedulus imitator. Rockinger, Ueber Formelbiicher
S. 47.
8) Vincenlii Kadlubkonis de Gestis Polonorum libri IV. Dobromili 1612. 8.
und im 2. Bande von Dlugossi hist. Polonica, Lips. 1712. f. — Warschau 1824.
8. sehr schlecht, aber nach einer besseren Handschrift. Vgl. Dobrowsky, Wiener
Jahrbb. 27, 255. 28,201. Linde, Vinc. Kadi, aus d. Poln. des Grafen Ossolinski.
A. v. Gutschmid, Ueber die Fragmente d. Pomp. Trogus und die Glaubwürdigkeit
ihrer Gewährsmänner. Aus dem 2. Suppl. B. d. Jahrbb. für dass. Philologie 1857.
Ders. Kritik d. poln. Urgesch. des Vinc. K. im Archiv f. österr. Gesch. Quellen XVII,
295 — 326; leider ohne Kenntnifs von Roepells Gesch. v. Polen geschrieben.
4) in: Vinc. Kadi, et Älartinus Gallus ed. Lengnicb, Gedani 1749 f. wiederholt
in Warschau 1769 in der Collectio v. Mizlcr u. in d. Ausg. v. 1824. Eine kritische
Untersuchung mit Benutzung der Handschriften ist dringend wünschenswerth.
Digitized by Google
Polen, Livland. Lüneburg. Hildesheim. 385
weiteren Verlaufe seines Werkes; ihm schliefet sich dann der Posener
Bischof Boguphal an, der 1265 gestorben ist1).
Näher noch wie diese polnische Geschichtschreibung berührt
uns, obwohl räumlich weiter entfernt, die Chronik des neu begrün-
deten livischen BisthumB. Arnold von Lübeck giebt uns die ersten
Nachrichten Uber die Entdeckung und Bekehrung Livlands, die von
der Bremer Kirche ausging; den weiteren Verlauf erfahren wir aus
dem treuen und gut geschriebenen Bericht Heinrichs, eines ge-
borenen Letten, der vom Bischof Albert erzogen und unterrichtet,
dann von diesem zu mancherlei Geschäften verwandt wurde und
eine Geschichte des livischen Bisthums von seiner Gründung bis
z. J. 1227 verfafete*).
Wenden wir uns nun wieder nach dem eigentlichen Sachsen
zurück, so tritt uns in auffallender Weise die Erscheinung entgegen,
dafe alles Leben sich in die östlichen Grenzlande geworfen hat, wo
das rasche Vordringen gegen die Wenden eine rege Thätigkeit weckte.
Auch die noch zu erwähnende Sachsenchronik und Albert von Stade
gehören nach Ostfalen, und ebenso die um 1230 verfafete Chronik
des Lüneburger Michaelisklosters*).
In dem einst so beredten Hildesheim wurde aufeer einem Be-
richt Uber die Heiligsprechung und feierliche Erhebung des h. Bern-
ward4) (1194) nur die Bisthumschronik dürftig fortgesetzt5);
die fähigeren und strebsamen Geister wurden offenbar angezogen
durch das angeregtere Leben in den Marken , wie wir dies an Vice-
*) Boguphali Chron. Poloniae bei Sommersberg, SS. Rer. Siles. II, 18 — 65.
Darin werden auch die leider verlorenen 'Gesla Pyolhrconis erwähnt, die Geschichte
jenes in der schlesischen Geschichte bekannten und vielbefabelten Grafen Peter
Wlast. Ans Schlesien ist das erste geschichtliche Denkmal das vom Abt Petrr
bald nach 1250 verfafste und bis 1310 fortgesetzte Griindungsbuch von Hein-
richau, rechtsgeschirhtlich sehr wichtig, welches aus Urkunden mit einer erläu-
ternden Erzählung besteht. Liber fundationis claustri S. Mariae in Heinrirhow ed.
Stenzei, Breslau 1854. 4. Die Hedwigslegende, SS. Rer. Siles. II, 1 — 114, ist
erst am Ende des Jahrhunderts verfafst.
*) Herausgegeben von Gruber 1740; eine Lücke (das Jahr 1221) ergänzt in
der Uebersetzung von Arndt 1747. S. Kurd v. Schlözer, Livland S. 177.
*) Chronicon Monasterii S. Michaelis bei Wedekind, Noten zu einigen Geschicht-
schreibern des Mittelalters I, 401 — 422.
4) Translatio S. Bernwardi, Leibn. I, 469 — 481, merkwürdig durch die Nach-
richten über den Kardinal Cinthius und seine sowie des Abtes Dietrich zu S. Mi-
chael Reise nach Rom.
6) Sehr wichtige Actenstücke zur Geschichte Friderichs II sind von dem Bischof
Konrad von Ilildesheim (1221 — 1247) erhalten; s. Böhmers Regesten p. LXXI.
Der Hildesheimer Domherr Willebrand besuchte 1211 das heilige Land und
verfafste darüber eine Reisebeschreibung, Itinerarium Terrae Sanctac, ed. Leo Alla-
tius, Symmicta p. 122. — Ueber die 1 155 in Abdinghofen verfafste V. Meinwerei
s. oben S. 235.
25
Digitized by Google
386 V. Staufer. §11. Sachsen. §12. Thüringen.
lin und anderen Behen können. Andererseits wirkte auf Westfalen
aus dem Westen der neue Orden der PrSmonstratenser ein, wie wir
schon oben (S. 346) gesehen haben. Dem dreizehnten Jahrhundert
gehört noch eine Legende an, welche von der Stiftung des Prämon-
stratenser Nonnenklosters Fronnenberg berichtet1). Sie beginnt
mit einem hübschen Bilde aus alter Zeit: auf dem Berge Haslei an
der Ruhr steht eine uralte Linde, welche die Dingstatt beschattet
und an Festtagen auf die Tänze und Spiele des Volkes herabschaut.
Aber diese Tänze und Spiele erregten den zelotischen Eifer des
Prämonstratensers Berthold in Scheida, der sich mit einem wunder-
tliätigen Marienbild bewaffnet dort ansiedelte, um 1214. Mit Hülfe
verschiedener Visionen kommt nach seinem Tode durch den Erz-
bischof Heinrich von Molenarken endlich die Gründung eines Klo-
sters an dieser Stelle zu Stande.
Die Anfänge eines anderen Ordens zeigt uns die Grtindungs-
geschichte des Dominikaner -Frauenklosters Paradies bei Soest5)
(1252 ff.) eine einfach aber lebendig geschriebene Erzählung aus der
Feder des Bruders Hinrich von Osthoven, des ersten Priors und
Beichtigers der Schwestern. Der erste frische Eifer der Ordensbrüder
unter dem Provinzial Albertus Magnus und der unwiderstehliche
Eindruck dieser Hingebung auf die vornehmen Laien, welche anfangs
viele Hindernisse in den Weg legen, tritt uns darin lebhaft entgegen.
In dem altbertihmten Kloster Fulda schrieb der Abt Mark-
ward (1150 — 1165) eine Selbstbiographie, die zwar nur kurz ist,
aber in sehr anschaulicher und lehrreicher Darstellung schildert, wie
ein reiches Kloster durch seine Nachbarn und Dienstleute um sein
Gut kommt und wie ein guter Abt es anfängt, ihnen den unrecht-
mäfsigen Besitz wieder zu entwinden. Aber Markward wurde durch
die Kirchenspaltung aus seinem Kloster verdrängt, und nun wurde
es wieder ärger wie zuvor3).
§ 12. Thüringen.
Für Thüringen bildeten natürlich Lamberts Jahrbücher die Grund-
lage der Geschichtschreibung ; auf dem Petersberg zu Erfurt wurden
sie excerpirt, glossirt und fortgesetzt. Die ursprünglichsten dieser
Aufzeichnungen finden sich in einer Handschrift dieses Klosters, die
>) Acta SS. Jim. IV, 59 — 63.
2) De institutione Paradysi et humili ingressu sororum, per Fr. Hinricum de
Osthoven, bei Seibertz, Quellen der Weslfal. Geschichte I, 1 — 13.
*) Aus dem auf Markwards Veranlassung geschriebenen Copialbuch neuerdings
wieder abgedruckt in Böhmers Fontes III, 165 — 173 als Gesta Marcuardi alm.
Fuldensis.
Digitized by Google
Westfalen. Fulda. Erfurter Annalen.
387
jetzt in Pommersfelde verwahrt wird ; verschiedene Hände des zwölften
Jahrhunderts haben hier zu AuszUgen aus Lambert kurze und dürftige
Notizen hinzugefügt, welche bis 1100 Uebereinstimmung mit den
Wirzburger Annalen zeigen; um diese Zeit erst fing das Kloster an
zu gedeihen und gelangte dann bald zu bedeutendem Ansehen und
Reichthum. Der Erzbischof Sigefrid hatte hier Canoniker vorge-
funden, und statt ihrer Mönche eingeführt *) ; im J. 1080 aber war
mit der ganzen Stadt auch die Kirche auf dem Petersberge verbrannt.
Als der erste Abt wird Giselbert genannt, ein Hirschauer, der zuerst
nach Hasungen geschickt, von hier aber vertrieben war, später Rein-
hardsbrunn und den Petersberg erhielt, wo er die Hirschauer Regel
einführte, dann auch Admunt reformirte und endlich mit dem Herzog
Welf nach Jerusalem pilgerte, wo er gestorben ist. Die Annalen
enthalten jedoch über diese Anfänge des Klosters fast nichts und
sind überhaupt bis zum J. 1163 nicht eben reichhaltig. Die durch
Rasuren ungenügend gewordene älteste Handschrift hat Pertz aus
anderen ergänzt; besonders wichtig ist eine Dresdener Handschrift,
welche die Annalen nicht an Lambert, sondern an Ekkehard anfügt,
und in diese Fortsetzung auch die Achener Annalen bis 1169 auf-
genommen hat; hier folgt von 1170 bis 1181 noch eine weitere und
ausführliche Fortsetzung, die sich besonders mit den Kämpfen gegen
Heinrich den Löwen beschäftigt2).
Verloren aber oder doch bis jetzt noch verborgen ist eine andere
und wohl die wichtigste Handschrift; sie enthielt nach der Angabe
Menckens, der sie benutzte, neben der S. Peterschronik, der Chronica
moderna, Annalen von 1078 bis 1181, welche er nicht abdruckte,
weil sie mit der jüngeren Chronik fast ganz Ubereinstimmten ; einzelne
abweichende Stellen theilt er mit. Diese Annalen stimmen mit den
Pertzischen vielfach, aber nicht immer überein und waren reicher;
der Anfang war auch hier aus den Wirzburger Annalen genommen.
Bis 1149 sind sie vom Pegauer Chronisten ausgeschrieben, und dadurch
ihr Alter und ihre Ursprünglichkeit beglaubigt. Die Lotharianischen
Annalen waren also darin enthalten, mögen sie nun hier zuerst ge-
schrieben, oder von dem Erfurter Schreiber nur entlehnt sein. Der
Schlufs stimmt mit den anderen Annalen von S. Peter überein. Für
die Folgezeit enthält die Peterschronik wieder ausführliche Nach-
richten, deren Herkunft noch genauer zu untersuchen sein wird.
l) nach Nicol v. Siegen ed. Wegele p. 232 im J. 1058, aber da war er noch
nicht Erzbischof.
J) Annales S. Petri Erphesfurd. ed. Pertz, Mon. SS. XVI, 15 — 25. Das von
Wiirdtwein Nova Subs. 11,238 herausgegebene Chronicon Monachi S. Petri Erf.
ist hierin enthalten.
25*
Digitized by Google
388 V. Staufer. § 12. Thüringen. § 13. Baiern u. Oesterreich.
In ursprünglicher Form und Gestalt besitzen wir dann wieder
Annalen von 1220 bis 1254, die theilweise recht ausführlich und
von bedeutender Wichtigkeit sind; so enthalten sie namentlich sehr
schätzbare Nachrichten Uber den Ketzerrichter Konrad von Marburg.
Der Geist dieser Aufzeichnungen und die freimüthige Beurtheilung
des ruchlosen Kreuzzuges gegen die Stedinger lassen in dem Schreiber
keinen Dominikaner vermuthen, auf welche sonst verschiedene Er-
wähnungen dieses Ordens hindeuten, und denen der letzte Theil der
Annalen angehören könnte; ob der 1234 verstorbene Canonicus Ludwig
von S. Severus den Anfang geschrieben hat, bleibt zweifelhaft1).
Von einem Thüringer, vielleicht Erfurter, Dominikaner rührt
endlich noch das Compendium der Weltgeschichte bis 1261 her,
welches wir unten noch zu erwähnen haben; ein anderer, Dietrich
von Apolda, beschrieb gegen das Ende des Jahrhunderts das Leben
der Landgräfin Elisabeth’) und verfafste auch eine Biographie des
Stifters seines Ordens.
Aufserhalb Erfurts schrieb im Kloster Paulinzelle in der
ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts ein Mönch Namens Sige-
boto das Leben der Stifterin, der Frau Paulina, Bischof Wernhers
von Merseburg Nichte, welches aber nicht mehr vorhanden ist3).
Nachhaltigere Pflege fand die Geschichte im Kloster Reinhards-
brunn, einer Hirschauer Colonie, aber auch hier sind uns nur Frag-
mente erhalten4). Nach den Untersuchungen von Ficker, Abel, Wegele
sind die Annalen, welche aus einer späteren Compilation in neuester
Zeit wieder ans Licht gezogen wurden, in den Jahren 1180 bis 1193
von einem Augenzeugen verfafst, und von einem zweiten Reinhards-
brunner Mönche fortgesetzt. Sie sind zum Theil überarbeitet, ent-
halten aber sehr werthvolle Nachrichten. Vermengt damit ist das
schön geschriebene und geschichtlich merkwürdige Leben des Land-
grafen Ludwig des Heiligen (st. 1227), vermuthlich von seinem
Caplan Berthold verfafst, eine der ausgezeichnetsten Biographien
l) Hoc anno 2. Kal. Sept. obiit Ludevicus scriptor Canon. S. Severi Erpbordie.
Gedr. als Ann. Erphord. cd. Pertz, Mon. XVI, 26 — 40. Als Chron. Erphord. in Böh-
mers Fontes II, 388 — 415. — Das Chron. Sampctrinum bis 1355, in welchem die
älteren Annalen gröfstentheils enthalten sind, bei Mencken III, 201 — 344. Die Zu-
sätze zum Lambert bei Pistor. 1,425 sind Excerpte daraus.
*) Canis. V, 143; ed. Basn. IV, 113. Es ist eine Compilation, deren wich-
tigste Elemente dem Leben des Landgrafen Ludwig entnommen sind.
3) Erwähnt in der Vita Wernheri Mers. SS. XII, 245. Ein Auszug im Chron.
eccl. Nicolai de Siegen ed. Wegele p. 271 — 273.
4) Annales Reinhardsbrunnenses ed. Wegele. Thüringische Geschichtsquellen I.
Jena 1854. 8. Vgl. Lit. Centralbl. 1854 S. 425. Cohn de Hcnrico VI et Henrico
Leone p. 16. Ueber die Handschrift Archiv XI, 381 — 386.
Digitized by Google
Erfurt. Reinhardsbrunn. Baiern.
389
des Mittelalters, aus einer Zeit, in welcher dieser Zweig der Lite-
ratur schon zu verdorren beginnt. Der Text derselben läfst sich um
so sicherer hersteilen, da wir auch eine sehr schöne deutsche Ueber-
setzung davon besitzen l), welche der Reinhardsbrunner Schulmeister
Friedrich Küdiz von Saalfeld im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts
verfafst hat, ein eben so ansprechendes wie lehrreiches Denkmal aus
der Blüthezeit Thüringens.
§ 13. Baiern und Oesterreich.
Die hohe Bedeutung der Salzburger Kirche in dem gewaltigen
Kampfe zwischen Friderich Barbarossa und Alexander III hat uns
eine Gruppe wichtiger Quellenschriften schon früher betrachten lassen.
Es bleiben noch die minder wichtigen Aufzeichnungen einzelner
Klöster zu erwähnen. So die stark mit Fabeln versetzte Gründungs-
geschichte des Prämonstratenserklosters Windberg2), einer Stiftung
der Grafen von Bogen bei Straubing; Nachrichten Uber die ersten
Pröpste von 1142 bis 1167 schliefsen sich daran.
Unbedeutend sind die von Böhmer3) als Annalen zusammen-
gefafsten Notizen aus Seldenthal bei Landshut, von 1108 bis 1347.
InNieder-Altaich wurde die sehr fabelhafte Geschichte zweier
Klausnerinnen, der Salome und der Judith, beschrieben, welche
angeblich die Nichte und die Tochter eines englischen Königs ge-
wesen waren, und unter dem Abte Walther (wohl der 1068 erwählte
Walker) auf der Heimkehr von Jerusalem hier Aufnahme gefunden
hatten 4).
Im Kloster Sch eiern zeichnete sich der Mönch Konrad durch
Gelehrsamkeit aus und erhielt deshalb den Beinamen des Philosophen;
die Gründungsgeschichte des Klosters und kurze Annalen von 1100
bis 1226 sind sein Werk5).
Aus Scheftlarn sind neuerdings Annalen von 1092 bis 1247,
und von 1215 bis 1272 herausgegeben6), welche für die erste Hälfte
des dreizehnten Jahrhunderts ausführlich und nicht unwichtig sind.
In Wessobrunn lebte die fleifsige und geschickte Schreiberin
*) Das Leben des h. Ludwig, herausgegeben von H. Rückerl. Leipz. 1851. 8.
2) Relatio de origine mouaslerii Windbergensis , aus Canisius wieder abgedr.
in Böhmers Fontes 111, 519 — 525, mit kurzen Annalen von 1218— 1392 aus
Straubing.
8) Fontes III, 526 — 529 als Annales Seldentalenses aus Mon. Boica XV.
*) Acta SS. Jun. V, 493 — 498; s. oben S. 228.
5) Chunradi Schirensis Fundatio Schirensis und Annales Schirenses in Böh-
mers Fontes III, 499 — 518. — Ein Chron. Ebersperg. bei Oefcle II, 11 — 14.
6) Annales Schefllarienses ed. Rudhart in: Quellen und Erörterungen zur bai-
rischen und deutschen Geschichte. München 1856. 8. 1,365 — 404.
Digitized by Google
390
V. Staufer. § 13. Baiero und Oesterreich.
Dimud, zu deren Andenken der Bruder Konrad mit dem Beinamen
Pozzo eine Stiftung machte, allen gelehrten Klosterbrüdern zur Er-
götzung1). Ihm schreibt Leutner die Annalen von 1195 bis 1279
zu, welche im sechzehnten Jahrhundert Stephan Leopolder in seine
Chronik aufnahm2).
In dem Kloster Mondsee unweit Salzburg schrieb Liutold ein
Plenar und ein Passionale, dem er eine Einleitung in recht guten
Hexametern voranstellte. Es ist deshalb nicht anzunehmen, dafs auch
die in schlechten leoninischen Versen verfafste, sehr geschmacklose
Gründungsgeschichte des Klosters bis auf die Herstellung desselben
durch Kaiser Heinrich II, von ihm herrllhre3).
Tegernsee ist uns wichtig durch die früher erwähnte Brief-
samralung, und der Geschichte der deutschen Litteratur bekannt
durch den Dichter Werner4); an geschichtlichen Denkmalen ist es
aber auffallend arm. Man beschäftigte sich hier gern mit der fabel-
haften Urgeschichte, mit Norix des Herkules Sohn und anderen
bairischen Fabeln, mit Adalbert und Otker 6), den angeblichen Stiftern
des Klosters, und mit den Wundern des Schutzpatrons, des heiligen
Quirinus. Zum Preise dieses Heiligen verfafste Metellus am
Ende des zwölften Jahrhunderts ein umfangreiches Gedicht, welches
durch grofse Sprachgewandtheit überrascht, und auch geschichtliche
Nachrichten enthält6). Eine mit grofsem Aufwand von rednerischem
Schmuck geschriebene Gründungsgeschichte in Prosa7) ist wohl schon
älter, vielleicht noch aus dem elften Jahrhundert; es schliefst sich
daran eine dürftige Chronik des Klosters, die ursprünglich im Anfang
des zwölften Jahrhunderts verfafst sein mag, aber nur in einer späteren
Ueberarbeitung erhalten ist.
Alle diese verschiedenartigen Aufzeichnungen, die auch an Um-
fang nicht bedeutend sind, gewähren jedoch über die eigentliche
*) ut singnlis annis in anniversario b. Dimudis .... Omnibus litteratis con-
fratribus Deo ibidem militantibus honesta consolatio impendatur. Leutner Hist.
Wessofont. I, 253.
2) Bei Leutner 1. 1. II, 26 — 35. — Ueber die Chronik des Propstes Konrad
von Hanshofen (1277 — 1311) s. Böhmer, Fontes III p. LXXII. Stiilz im No-
tizenblatt der Wiener Akademie 1854 S. 468.
3) Chronieon Lunaelacense p. 128. Urkundenbuch des Landes ob der Enns
I, 102—108.
4) Ueber ihn Fr. Kugler, KI. Schriften I, 20 ff. Es wird ihm aber vieles ohne
Grund zugeschrieben, nur weil es in jener Briefsammlung steht,
' 6) Vgl. darüber Leibn. Ann. Imp. I, 83 und über die bairische Sagengeschichte
Mafsmann, Kaiserchronik III, 784 — 819.
6) Metelli Quirinalia bei Canis. III, 2, 117. Vgl. Archiv X,635. Th. Mayer
im Arrhiv für österr. Gesch. Quellen 1849. II, 342 ff.
7) Pez Thes. III, 3, 475-496.
Digitized by Google
Mondsee. Tegernsee. Jans der Enenkel.
391
Geschichte der Zeit, besonders nach dem Frieden von Venedig,
aufserordentlich wenig und beschränken sich auf die äufserlichsten
Ereignisse. Mit Recht hebt Böhmer es als einen Beweis unserer
grofsen Armuth an Nachrichten hervor, dafs keiner der uns erhaltenen
zeitgenössischen Schriftsteller auch nur den Namen Alberts des
Böhmen nennt. Denn dieser Albert, der Böhme genannt, aber ein
Baier von Geburt, ein angesehener Sachwalter an der päpstlichen
Curie unter Innocenz HI und Honorius III, erhielt 1239 als Archi-
diakonus von Passau von Gregor IX den Auftrag, den Bann gegen
Friderich H zur Geltung zu bringen, und entfaltete gerade im süd-
östlichen Baiern eine aufserordentliche Thätigkeit, ging als Dom-
dechant von Passau zum Concil von Lyon, bewirkte 1250 wesentlich
die Absetzung des Bischofs Rüdiger, und kommt zuletzt 1256 vor.
Aber wir würden gar nichts von ihm wissen, wenn nicht durch
einen glücklichen Zufall sein Notizenbuch erhalten wäre, welches
eine Fülle der wichtigsten Actenstücke enthält1).
Der Annalen aus den österreichischen Klöstern, welche
uns doch auch bis auf Rudolfs Zeit nur Bruchstücke bieten, gedachten
wir schon oben. Das Land erhob sich unter den Babenbergern zur
schönsten Blüthe, und seine hohe Bedeutung in der Geschichte der
deutschen Poesie tritt gegenwärtig immer heller ans Licht. Dann
aber wirkte das Zwischenreich, da hier gleichzeitig 1246 auch die
Babenberger ausstarben, doppelt verderblich. In Wien dichtete um
die Mitte des Jahrhunderts J a n s der Enenkel in deutscher Sprache
eine grofse Weltchronik, nach der Art der Kaiserchronik, und
daher nicht als Geschichtswerk zu betrachten. Etwas mehr geschicht-
lichen Inhalt hat sein FUrstenbuch von Oesterreich und Steier,
in dem freilich auch die ganz fabelhafte Vorgeschichte den gröfsten
Raum einnimmt, und selbst die Geschichte des letzten Babenbergers,
Friderichs des Streitbaren, schon ganz sagenhaft ist, das aber doch
über diese spätere Zeit manches Geschichtliche und viele charak-
teristische Erzählungen und Schwänke enthält2).
Jene Sagen Uber die Herkunft der Babenberger und ihre frühesten
Zeiten finden sich zum Theil auch schon in den Versen, welche im
Kloster Zwetl zu Ehren der Stifter, der.Kunringer, gedichtet
*) Herausgegeben von Höfler, in der Bibliothek des Lit. Vereins XVIb, 3-153.
Excerpte eines zweiten verlorenen Buches bei Oefele I, 787 — 800. S. Böhmer,
Reg. Imp. von 1198—1254 S. LXVIII.
a) bei Rauch SS. Rer. Austr. I, 252 — 373 und besser von Megiser, Linz 1618.
Heber seine Weltchronik Maismann, Kaiserchronik III, 103 — 113. Bruchstücke
aus Jansen des Eninkels gereimter Weltchronik von Karl Roth. München 1854.
Digitized by Google
392 V. Staufer. § 13. Baiern u. Oesterreich. § 14. Franken.
wurden, noch unter dem Abt Hadamar H, der 1215 nach dem Ge-
lobten Lande zog und dort starb1).
Eine starke Hinneigung zum Märchenhaften, und Mangel an
ernstlichem Geschichtsstudium zeigt auch das zwischen 1125 und
1141 in Goetweih geschriebene Leben Altmanns von Passau,
von dem 50 Jahre später eine neue, gänzlich phrasenhafte Bearbeitung
verfafst ist.
In Passau scheinen um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts
zuerst die, später in Kremsmlinster besonders von Bernhard dem
Noriker weiter ausgebildeten Fabeleien über die Vorzeit des Bis-
thums entstanden zu sein, durch welche eine Bischofsreihe des an-
geblichen vormaligen Erzbisthums Lorch nachgewiesen werden sollte,
während die Geschichte der Gegenwart hier gänzlich vernachlässigt
wurde a).
Aus Regensburg haben wir einige wenig bedeutende Auf-
zeichnungen des Domherrn Hugo von 1152 bis 1197, denen sich
andere aus S. Emmeram bis 1227 anschlie&en8). S. Emmeram
erwarb sich aufserdem ein zweifelhaftes Verdienst durch die schon
oben (S. 341) erwähnte lügenhafte Erzählung von der Uebertragung
des heiligen Dionysius. Der inPrieflingum 1140 verfafsten Lebens-
beschreibung Theogers von Metz gedachten wir gleichfalls schon
(S. 277); auch das Leben des ersten Abtes Erminold (1114 — 1121)
wurde hier beschrieben1), aber erst im J. 1281. Es haben sich aus
diesem Kloster auch Annalen erhalten, welche auf älteren Regens-
burger Aufzeichnungen beruhen.
Sehr merkwürdig ist die kurz vor 1185 verfafst« Chronik des
Regensburger Schottenklosters zu S. Jakob5). Schottenmönche
waren seit den ältesten Zeiten vielfach in Deutschland verbreitet; Ma-
rians Chronik enthält einige gesammelte Nachrichten von ihnen, und
aus Grofs S. Martin in Köln ist eine Art von Chronik vorhanden. Im
Allgemeinen aber scheinen die Schottenmönche sich durchaus nicht
mit geschichtlichen Aufzeichnungen befafst zu haben; Uber ihre
*) Versus a senioribus huius domus scripti, Überarbeitet zu Zeiten des Abtes
Ebro (1273 — 1304). Liber fundatiooum monasterii Zwetlensis ed. Fräst. Fontes
Rer. Austriacarum II, 3. 1851. 8.
a) s. darüber Dünimler, Piligrim von Passau S. 132 ff.
3) In Böhmers Fontes III, 488 — 495. Zu erwähnen ist hier auch Rupertus
de vita Cunonis ep. Rat., Mon. SS. XII, 637, ein Stück aus Ruperts Commentar
zum Matthäus, und aus Freising die 1187 von Conradus sacrista gesammelten
Nachrichten, von denen bis jetzt nur Bruchstücke bekannt sind.
4) Vita Erminoldi abb. Pruveningensis ed. Jaffe, Mon. SS. XII, 480 — 500.
■') Vita S. Mariani Scoti, Acta SS. Feb. 11,365 — 372. Vgl. Wattenbach:
Die Congregation der Schottenklöster in Deutschland, in der archäolog. Zeitschrift
von Otte und Quast, Bd. I.
Digitized by Google
Regensburg. Vita Mariani. Bamberg.
393
meisten Klöster wissen wir fast gar nichts und sogar die Urkunden
sind verloren. Um so willkommener ist jene Chronik von S. Jakob,
welche uns von dem Stifter, einem anderen Marian, Zeitgenossen
des Chronisten, von dem Heranwachsen des Klosters und namentlich
auch von den aus Regensburg ausgegangenen Colonien Nachricht
giebt. Im Anfang lälst der Verfasser sich durch den alten Ruhm
seiner Landsleute ein wenig fortreifsen, sonst aber erzählt er, abge-
sehen von den unvermeidlichen Wundem, auffallend nüchtern und
einfach. Vielleicht gerade aus diesem Grunde scheint sein Werk
wenig beachtet, geschweige denn fortgesetzt zu sein: man bemühte
sich vielmehr, durch eine höchst phantastische und unsinnige Le-
gende, an Karl den Grofsen anknlipfend, den Ursprung des Klosters
besser zu verherrlichen.
§ 14. Franken.
In Bamberg gab, wie wir bereits gesehen haben (S. 307), die
bedeutende Persönlichkeit des Bischofs Otto in diesem Zeitraum
reichen Stoff zur Beschäftigung. Aufserdem verherrlichte man den
Stifter des Bisthums; ein Diaconus Adalbert verfafste unter der Re-
gierung Friderichs I ein Leben Heinrichs H, welches diesen be-
greiflicher Weise fast nur als Begründer der Bamberger Kirche auf-
fafst. Die wichtigsten Privilegien derselben sind vollständig aufge-
nommen, dagegen von Heinrich U fast ausschliefslieh die wirklichen
und eingebildeten Verdienste um verschiedene Kirchen, wie Merse-
burg, Cluny, Montecasino gepriesen. S. Wolfgangs Leben, Casineser
Aufzeichnungen Uber die angebliche Heilung Heinrichs H vom Stein
und Ekkehards Chronik waren Adalberts Quellen; dazu verfehlte er
nicht das wohl in Bamberg selbst ersonnene Märchen von Kunigun-
dens Keuschheit und ihrer Rechtfertigung durch die Feuerprobe auf-
zunehmen, nebst dem beliebten Geschichtchen von dem Merseburger
Becher. Vorzüglich bewundert Adalbert, dafs Heinrich bei dieser
grofsen Frömmigkeit doch so gut für das Reich gesorgt und ohne
alles Blutvergiefsen die Grenzen desselben erweitert habe, was freilich
ausnehmend wunderbar sein würde, wenn es nur wahr wäre. Das
zweite Buch behandelt die Wunder an des Kaisers Grab und schliefst
mit einer Nutzanwendung gegen die Feinde der Geistlichkeit, worauf
noch in einigen Versen Heinrich H dem Kaiser Friderich als Muster
empfohlen wird1). Andere Wunder berichtet ein Merseburger Geist-
licher über die Heilungen, welche Heinrichs Kelch und die nach
l) Adalberti Vita Hcinrici II, ed. Waitz, Mod. SS. IV, 787 — 820 mit den
späteren Erweiterungen.
Digitized by Google
394 V. Staufer. § 14. Franken. § 15. Schwaben u. Elsafs.
Merseburg gebrachten Reliquien des Kaisers dort bewirkten1). Ein
im Anfang des dreizehnten Jahrhunderts hinzugefUgtes drittes Buch
bringt neue Fabeln über das Kaiserpaar zu den alten.
Ein Leben Kunigundens*) setzt dieses Leben ihres Gemahls
schon als bekannt voraus und verweilt vorzüglich bei ihrem exempla-
rischen Leben in dem von ihr gestifteten Kloster Kaufungen. Bemer-
kenswerth ist ein hier mitgetheiltes Schreiben von ihr an den Convent
der Schwestern, welches sie selbst verfafst und geschrieben haben
soll3); auch wird erzählt, dafs sie ihre Nichte Uta, die erste Aeb-
tissin von Kaufungen, in weltlicher Wissenschaft unterwiesen habe4).
Wunder sind hier noch sparsam, obgleich es ihr schon bei Lebzeiten
gelungen war, wie S. Goar ihren Handschuh an einem Sonnenstrahl
aufzuhängen. Jetzt aber nahm sich Bischof Thiemo von Bamberg
(1196 — 1201) der Sache an; nachdem sein Vorgänger 1189 den
Bischof Otto hatte canonisiren lassen, veranstaltete er 1199 auch an
Kunigundens Grabe zahlreiche Wunder, die sorgfältig verzeichnet
wurden und im folgenden Jahre am 3. April die Heiligsprechung
erwirkten, worauf im Jahre 1201 die feierliche Erhebung der Gebeine
des Ehepaars erfolgte.
Schon ein Freund des Bischofs Otto, ein Schüler Bernhards des
ersten Apostels der Pommern, der auf die Feuerprobe vorbereitet
gekommen, aber anderen Waffen erlegen war, Heimo, Canonicus der
Jakobskirche bei Bamberg, verfafste i. J. 1135 eine Chronographie,
die er dem Abt Burchard von S. Michael widmete. Die Begeben-
heiten des christlichen Zeitalters sind aus Bemold und den Wirz-
burger Annalen entnommen; eigene Nachrichten zu geben war sein
Zweck nicht, sondern nur die Chronologie festzustellen. Schon früh
aber versah man sein Werk in Bamberg und in Augsburg mit einigen
Zusätzen und mit Fortsetzungen. Die Bamberger Annalen (1137 bis
1180) fanden eine weitere Fortsetzung in dem fränkischen Kloster
Ensdorf5).
Wirz bürg hatte in den Bürgerkriegen zu viel gelitten, als dafs
*) Excerpta ib. p. 814 — 816.
a) Vita S. Cunigundis cum Miraculis ib. p. 821 — 828.
3) c. 3. 4. quam ipsa per se — nara litterarum et artium aliarum, distinguere
auro gemmisque sacras vesles, peritissima fuit — composuit et scripsit.
4) c. 7. quam a primis annis educatam omni disciplina, secularium quoque
litterarum scientia instruxerat.
5) Die Chronographia Heimonis ist nur von 1006 an mit den Augsburger und
Bamberger Zusätzen gedruckt SS. X,2 — 4. Dann Ann. Babenb. p. 4. Ensdorf.
1184 — 1322 p. 4 — 8. Augustani minores (1137 — 1321) p. 8 — 11. Ganz kurze
Annalen des Klosters Michelsberg 1066 — 1160, SS. V, 9. Unbedeutende Annalen
aus Heilsbronn 1099 — 1178, nebst einigen Notizen aus Eberbach SS. XVI, 13.14.
Digitized by Google
V. Cunegundis. Heimo. Wirzbarg. Schwaben. 395
die litterarische Thätigkeit des elften Jahrhunderts hätte fortdauern
können ; doch fand die Chronik Ekkehards, wie sie auf einer Wirz-
burger Arbeit beruhte, so auch liier eine Fortsetzung, jedoch bis
1145 nur in dUrftiger und abgerissener Weise, annalistische Notizen
ohne Zusammenhang. Dann veranlafste der Unwille über den thörich-
ten Kreuzzug von 1147 mit seinen Judenverfolgungen, das glänzende
Product des clericalen Uebergewichts auf seiner Höhe, zu einer aus-
führlichen Eintragung, welche ganz im Sinne des Gerhoh geschrieben
ist. Auch Kaiser Friderichs Regierung regte zu etwas eingehenderer
Darstellung an, jedoch nur bis 1158; dann folgt sogleich der Bericht
eines Augenzeugen über den vierten Kreuzzug ').
§ 15. Schwaben und Elsafs.
Aus Augsburg sind hier nur die von Pertz entdeckten Annalen
von 1137 bis 1321 zu erwähnen*), deren Dürftigkeit schon im drei-
zehnten Jahrhundert eine tadelnde Bemerkung veranlafste ; ferner die
unter Udalschalk (1184 — 1202) von einem Mönch zu S. Ulrich und
Afra verfafste Erzählung von der feierlichen Erhebung der Gebeine
S. Ulrichs i. J. 1183 (Mon. SS. IV, 383. 427. 428) und des Paul
von Bernried, des Biographen Gregors VH, im zwölften Jahrhun-
dert verfafste Legende von der h. Herluea3). Den Propst Burk-
hard von Ursperg werden wir später noch zu erwähnen haben.
Durch etwas regere historische Thätigkeit that sich unter den
Klöstern des Augsburger Sprengels Ottenbeuern hervor. Der An-
nalen gedachten wir schon (S. 245); aufserdem beschäftigte man
sich mit der Localgeschichte und zwar zuerst wie billig mit dem
Schutzheiligen S. Alexander, für den eine fabelhafte Translations-
geschichte erfunden ward, die zu Karls des Grofsen Zeit spielt4).
Nicht besser ist die mit falschen Urkunden ausgestattete Gründungs-
geschichte des Klosters, die jedoch wegen einiger brauchbarer Nach-
richten nicht ganz zu verschmähen ist. Beides entstand wohl erst
im zwölften Jahrhundert, als das Kloster durch den Abt Rupert aus
S. Georgen (1102 — 1125) nach einer Zeit des Verfalls zu neuer
Blüthe erhoben wurde. Eine Lebensbeschreibung dieses Abtes wird
erwähnt, ist aber leider verloren. Um die Mitte des Jahrhunderts
fing er an als Wunderthäter zu glänzen, das Volk strömte zahlreich
•) Annalcs Herbipolenses, zuerst gedruckt von Pertz, Mon. SS. XVI, 2 — 12.
*) Ann. Augustani minores, Mon. SS. X, 8 — 11, geschrieben als Fortsetzung
der Chronographia Heimonis presb. Babenbergensis bis 1135 s. oben S. 394.
3) Acta SS. Apr. 11,552. Ein Fragment daraus, über die Translation des
Bischofs Wicterp, Mon. SS. IV, 383. 427.
4) Translatio S. Alexandri in abbatiam Otlenbur. Acta SS. Jul. III, 19—21,
Digitized by Google
396
V. Staufer. § 15. Schwaben und Elsafs.
herbei und das Kloster stieg rasch an Reichthum und Ansehen vor
den Leuten. Darüber finden wir einige Nachrichten in der unter
Abt Konrad (1194 — 1228) verfafsten Klosterchronik, die freilich
hauptsächlich von dem reichen Gütererwerb des Stiftes handelt1).
In Eiwangen wurden 1146 Annalen compilirt, welche sich bis
1100 auf die Wirzburger Annalen (S. 308) stützen und bis 1237
fortgeführt wurden’).
Auch die Mönche des benachbarten Klosters Neresheim schrie-
ben Annalen, die von 1095, dem Jahre der Gründung des Klosters,
selbständige Notizen enthalten und bis 1296 reichen8).
In den Klöstern des Konstanzer Sprengels, der Schweiz und
des Schwarzwaldes zeigt sich auch noch in diesem Zeitraum ein
ziemlich lebhafter Sinn für geschichtliche Aufzeichnungen.
Die Hauschronik von S. Gallen erhielt nach langer Unter-
brechung eine ziemlich dürftige Fortsetzung von 972 bis 1203, die
einem Mönche Namens Burchard zugeschrieben wird, und eine weitere
reichhaltigere von Konrad von Pfävers, die Uber den König Heinrich,
Kaiser Friderichs H Sohn, beachtenswerthe Nachrichten hat, aber
im Einzelnen wenig genau ist4). Die kulturgeschichtliche Bedeutung 4
dieses einst so hervorragenden Klosters war gänzlich dahin, aber es
war nun von Wichtigkeit als ein ansehnliches geistliches FUrstenthum.
Angeregt, wie es scheint durch das Vorbild von S. Gallen, ver-
fafste auch ein Mönch von Petershausen bei Konstanz 1156 eine
Klosterchronik6), die nicht unwichtig ist, sondern zu den besten
Arbeiten dieser Art gehört und bis 1164 fortgesetzt wurde. Derselbe
Mönch schrieb auch das früher erwähnte Leben des Bischofs Geb-
hard von Konstanz, des Stifters von Petershausen.
Eine vielbesprochene Quellenschrift ist die Gründungsgeschichte
von Muri, welche Nachrichten Uber die Herkunft und frühere Ge-
9 A ehestes Chronicon und Schenkungsbuch des Klosters Ottenbeuren. Iler-
ausgegeben und erläutert von A. Steichele, in dessen Archiv f. d. Gesrh. d. Bisth.
Augsburg 11 , 1 — 67. S. 35 eine merkwürdige gleichzeitige Aufzeichnung aus den
Jahren 1180 — 1182 über die Verhandlungen wegen der Immunität des Klosters
von Leistungen an das Reich, die überhaupt in diesen Schriften sehr in den Vorder-
grund tritt und an die Entstehung der falschen Constitutio de expeditione Romana
in dieser Zeit und Gegend erinnert. Andere Annalen von Ottenbeuern und Bene-
diktbeuern sind noch ungedrurkt.
*) Ann. Elwang. von Stalin gefunden, und herausgegeben von 0. Abel, Mon.
SS. X, 15-20.
8) Ann. Neresh. ed. Abel ib. 20 — 34. Beide sind benutzt in dem sog. Chron.
Elwangense, einer annalistisrhen Compilation von 1 — 1477, ib. p. 34 — 51.
4) Mon. SS. II, 149 — 183. Vgl. Stalin II, 16. Böhmers Regesten pag. LXXI.
6) Casus monasterii l’etrishusen, nach der Urschrift neu herausgegeben in
Mones Quellensammlung S. 114 — 174. Stalin II, 16.
Digitized by Google
Schwaben und die Schweiz. Zwifaiten.
397
schichte der Habsburger enthält und nach Fr. Kopp 1142 geschrieben
sein soll, wahrscheinlich aber jüngeren Ursprungs ist1). In einer
dagegen gerichteten Streitschrift gab Rüsten Heer eine Chronik von
Bürgeln von 1128 bis 1160 heraus’).
Spärliche Jahrbücher haben wir aus Einsiedeln3), Engel-
berg4), S. Georgen im Schwarzwald6), Zwifaiten8), Weingar-
ten7). Bei allen diesen Aufzeichnungen kommt nur der Inhalt, nicht
die Form in Betracht. Mit etwas gröfseren Ansprüchen tritt die
ausführliche Gründungsgeschichte von Zwifaiten8) auf, von Ort-
lieb 1135 begonnen, aber nicht vollendet, da er 1140 zum Abt von
Neresheim erwählt wurde. Zwifaiten wurde von den Grafen von
Achalm nach dem Rathe des damals vertrieben in Schwaben wei-
lenden Bischofs Adalbero von Wirzburg und des Abtes Wilhelm ge-
gründet und 1089 von einer Hirschauer Colonie bezogen; für die
Ausbreitung dieser Mönche, deren Verbindungen sich bis nach Böhmen
und Polen erstreckten, für den Geist, der sie erfüllte, so wie für die
Localgeschichte Schwabens ist viel Lehrreiches in Ortliebs Werk
enthalten. Wenig später, 1137 und 1138, behandelte Berthold,
der wiederholt zum Abt des Klosters erwählt wurde un<i> zuletzt
1169 nach elfjähriger Amtsführung als achtzigjähriger Greis re-
signirte, denselben Gegenstand und führte die Geschichte weiter; er
benutzt die Gelegenheit um mit vielem Unverstand auf Heinrich IV
zu schmähen, den Hauptinhalt der Schrift bildet aber die Aufzählung
der verschiedenen Schenkungen an das Kloster9).
Gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts wurde auch die
Geschichte des Mutterklosters Hirschau verfafst, welche, so kurz
sie ist, doch viel mehr Licht und Auskunft gewährt, als das wort-
*) Fridolin Kopp, Vindiciae Actorum Murensium. 1750. 4.
а) Anonymus Murensis denudatus a K. Heer. 1755. p. 365. cf. Mone, Quellen-
sammlung S. 175.
3) Ann. Einsidlenses a. 746 — 1569, Mon. SS. III, 145 — 149.
4) Gewöhnlich Chronica S. Blasii genannt. Excerpta Chronicae S. Blasii 398
bis 1175 in Ussermanns Prodromus Germ. Sacrae II, 438 — 442. Vgl. Stalin II, 8.
б) 1153 zuerst geschrieben und fortgesetzt bis 1625. Das Original ist ver-
brannt; Auszüge 1084 — 1308 bei Ussermann S. 443 — 448. Stalin II, 8.
c) Annales Zwifaltenses aus dem 12. Jahrhundert und fortgesetzt bis 1503,
ed. Abel, Mon. SS. X, 51 — 64. Stalin II, 8.
7) Ann. Weingart. 1101 — 1197 mit Nachrichten über die Welfen. Heft, Mon.
Guelf. S. 47—54. /I— 75. Vgl. oben S. 375 den Chronogr. Weingartensis.
s) Ortliebi de fundatione monasterii Zwivildensis libri II, ed. 0. Abel, Mon. SS.
X, 64 — 92, nach der Urschrift.
<J) Bertholdi Über de constructione mon. Zwiv. ed. Abel, ib. 93 — 124. Diese
Schrift rnufste aus verschiedenen Fragmenten u. Excerplen hergestellt werden.
Digitized by Google
389
V. Staufer. § 15. Schwaben u. Elsafs. § 16. Rheinland.
reiche Leben des Abtes Wilhelm, und mit werthvollen urkundlichen
Aufzeichnungen verbunden das Hirschauer Buch bildet1).
Aus den Klöstern des Elsafs haben wir Annalen von Münster
im Gregorienthai4) bis 1194 und voft Maurmünster 3), 814
bis 1288.
Eine Schrift über die Herstellung des Klosters der h. Fides
in Schlettstadt ist beachtenswerth wegen einiger Nachrichten Uber
die Familie der Staufer*).
Ausführlichere Erzählung gewähren die Geschichte des Klosters
Ebersheimmünster6) bei Strafsburg, bis 1235, und von Senones
in den Vogesen®). Der Chronist von Ebersheim hat manche ältere
Bestandtheile aufgenommen; er giebt weniger eine gleichmäfsige
Geschichtserzählung, als lose verknüpfte Stücke, welche viel inter-
essante Einzelheiten aus der Geschichte der Klöster wie auch aus
der Reichsgeschichte enthalten. Eben so wenig genau in der Zeit-
folge der Begebenheiten ist Richerius, der Verfasser der Geschichte
von Senones, die bis 1263 reicht. Er brachte acht Tage an Fride-
richs II Hof zu Wirzburg zu, im Juli 1218, und erzählt davon und
von manchen anderen Dingen. Eigentlich geschichtlicher Sinn fehlt
ihm und für die ältere Zeit ist er völlig kritiklos ; darin und in der
anekdotenmäfsigen Weise seiner Erzählung stellt er den Charakter
des dreizehnten Jahrhunderts dar, der um diese Zeit immer mehr
überhand nahm; manche ausführliche Schilderung aber, wie Uber
den Aufstand gegen Otto IV zu Breisach 1212, Uber die Schlacht
von Bovines 1214, Uber Friderichs H Heerfahrt nach Lothringen
1218 und Uber Ereignisse in der Heimath, sind vortrefflich und für
uns von grofsem Werthe.
In Colmar schrieb ein Dominikaner, der 1221 geboren war
und 1239 in den Orden eintrat, Verschiedenartiges in der Form von
Annalen zusammen, welche mit älteren Notizen und Zusätzen Anderer
verbunden von 1281 bis 1305 reichen und manches Brauchbare ent-
*) Codex Hirsaugieasis io der Bibi, des Stuttg. Literar. Vereins I.
4) Ann. Monasterienses, Mon. SS. III, 152.
s) Ann. Maurimonasterienses in Böhmers Fontes III, 8 — 10.
*) Miracula S. Fidis ed. Dorlan, Notices hist, sur l’AIsace et principalement
sur la ville de Schlestadt. Colmar 1843. I, 48 — 53; benutzt in der Historia Fri-
deriei, s. 0. Abel im Archiv XI, 112.
6) Historia Novientensis Monasterii, Mart. Thes. III, 1125—1160 und besser
bei Grandidier in den Pieces justificatives zur Histoire d ’Alsace II, i 1 ff. Auszüge
in Böhmers Fontes III, 10 — 31.
®) Richerii Chronicon Mon. Senonensis. D'Achery, Spicilegium III, 271 u. ed.
2. II, 603—655. Einige Auszüge in Böhmers Fontes UI, 31 — 66.
Digitized by Google
Elsafs. Speier. Worms. Lorsch.
399
halten1). Weitere Ausführungen enthält die Colmarer Chronik bis
1303, welche zu den wichtigeren Quellen über die Geschichte Rudolfs
von Habsburg gehört.
Aus Strafsburg besitzen wir kurze Annalen5) von 637 bis
1207; ebenda oder in benachbarten Klöstern sind auch noch andere
gleichzeitige Aufzeichnungen nachweisbar, welche mit jenen Annalen
in einem gröfseren bis 1238 reichenden Werke verbunden erscheinen,
das wir seines universellen Charakters wegen für jetzt noch über-
gehen. Auch hier haben die Dominikaner schon früh begonnen,
allerlei anzumerken, was mit anderem Material von Gotfrid von
Ensmingen zu weiterer Benutzung gesammelt wurde*).
§ 16. Das Rheinland.
Folgen wir dem Rheinstrom weiter abwärts, so finden wir in
Speier nichts als einige in dem Copialbuch der Kirche enthaltene
Notizen, kurze Zusammenstellungen Uber die Folge der Kaiser, und
Annalen von 1184bisl259, alles von Böhmer zuerst bekannt gemacht*).
Wenn in der Wormser Kirche geschichtliche Aufzeichnungen
entstanden sind, was man kaum bezweifeln möchte, so hat sich doch
nichts davon erhalten. Dagegen hat die Bürgerschaft von Worms,
wie sie zuerst in kraftvoller Erhebung sich Selbständigkeit zu er-
ringen wufste, so auch die ältesten städtischen Nachrichten uns
hinterlassen, von denen leider nur noch Bruchstücke vorhanden sind,
welche ebenfalls Böhmer zuerst aufgesucht, zusammengestellt und
herausgegeben hat6). Aus dem Sprengel von Worms besitzen wir
die Chronik von Lorsch6), jenem Kloster, welches sich schon in
der ältesten Zeit durch seine Jahrbücher auszeichnete. Im zwölften
Jahrhundert sammelte man hier ein Urkundenbuch des Stifts, und
verband mit demselben geschichtliche Nachrichten bis 1167, bis zur
Vertreibung der alten Mönche durch Hirschauer.
•) Les Annales et la Chronique des Dominicains de Colmar, von Gerard und
Liblin herausgegeben, Colmar 1854. 8. Vgl. die Rec. von Waitz G. G. A. 1856
S. 1113 — 1120. Früher bei Urstis. II. und besser aber nicht vollständig in Böh-
mers Fontes II, 1 — 96.
5) Annalcs breves Argeutinenses bei Grandidier, Pieces juslificatives zu seiner
Histoire d’Alsace II, 63.
*) Notar historicae Argentinenses 1132 — 1338. Fontes III, 113 — 120. Ein
Cbronicon Lausanensis Chartularii aus dem dreizehnten Jahrhundert hat Gingins
herausgegeben, Mem. et Doe. de la Suisse Komandc VI.
*) Annales Spirenses, Fontes 11, 147 — 158. Mone, Quellensammlung I, 185.
6) Annales Wormalienses 1221 — 1298. Fontes II, 158 — 209. Die Wormser
Chronik von Friedr. Zorn aus dem 16. Jahrhundert ist jetzt von W. Arnold her-
ausgrgeben, Bibi, des Lit. Vereins XLUI.
°) Codex Laureshamensis ed. Academia Palatina. 1768. 3 Bände. 4.
Digitized by Google
400
V. Staufer. § 16. Das Rheinland.
Auch Mainz erscheint jetzt nicht reich an historischer Litteratur;
doch haben die neuesten Entdeckungen bedeutende Lücken ausge-
füllt, und die lange Verborgenheit dieser wichtigen und merkwürdigen
Denkmäler läfst es um so mehr als wahrscheinlich erscheinen, dafs
anderes ganz zu Grunde gegangen ist, oder auch durch eine glück-
liche Hand noch ans Licht kommen wird.
Noch ungedruckt ist die von Bethmann entdeckte Lebensbe-
schreibung des Erzbischofs Adalbert H (1138 — 1141), welche um
das Jahr 1150 von Anselm, wie es scheint, dem Propst der Kirche
Marie Stiegen (1124 — 1151), nach der damals beliebten Weise in
Versen verfafst ist. Ueber die Geschichte von Deutschland soll nicht
viel Aufschlufs daraus zu gewinnen sein; desto merkwürdiger aber
und lehrreicher sind die genauen Angaben Uber Adalberts Studien-
zeit; er besuchte die Schulen zu Hildesheim, Keims und Paris, und
fügte dazu auch noch medicinische Studien in Montpellier. Sein
Biograph scheint ihn dabei begleitet zu haben und giebt darüber
sehr ausführliche Nachrichten1).
Ein anderes sehr werthvolles Werk des zwölften Jahrhunderts
ist ebenfalls, wie das oben (S. 270) erwähnte Leben des Bardo, erst
kürzlich von Böhmer entdeckt und bekannt gemacht worden, das
Leben des Erzbischofs Arnold“), eine sehr bedeutende Quelle so-
wohl für die Mainzer Specialgeschichte als für die Reiehsgeschichte,
deren Werth nur durch ihren lobrednerischen und apologetischen
Charakter beeinträchtigt wird. y
Im J. 1153 wurde der Erzbischof Heinrich abgesetzt, und an
seine Stelle trat Arnold von Selenhofen, ein Vorgang, der sehr ver-
schieden beurtheilt wurde und Uber den wir nur mangelhaft unter-
richtet sind. Sicher ist, dafs der neue Erzbischof während seiner
ganzen Amtsführung die heftigste Feindschaft der Mainzer zu be-
kämpfen hatte, während er auch mit dem Pfalzgrafen Heinrich in
eine Fehde verwickelt wurde, an welcher Arnold nach dem Erkenntnifs
des FUrstengerichts nicht ohne Schuld war. Zuletzt wurde er von
den wüthenden Mainzern am 24. Juni 1160 auf die entsetzlichste
Weise mit dem Jakobskloster, in welches er sich geflüchtet hatte,
verbrannt. Die bald nachher geschriebene Biographie ist weit ent-
fernt, genügende Auskunft über diese Ereignisse zu geben, sie ist
unbedingt lobrednerisch und läfst die eigentlichen Ursachen der er-
bitterten Feindschaft unklar. Demungeachtet enthält sie die schätz-
') Diese Angaben sind den Mittheilungen von Wilmans entnommen, bei Jaffe:
De Arte medica saeeuli XII. Berol. 1853. p. 17.
2) Vita et Martyrium Amoldi archiep. Mog. Fontes III, 270 — 326.
Digitized by Googl
V. Adalberti, Arnoldi. Christian von Mainz.
401
barsten Nachrichten, namentlich auch Uber die Berufung des Erz-
bischofs zum Concil von Pa via, das Kriegslager des Kaisers vor
Crema und Arnolds Empfang daselbst; dann das wiederholte Ein-
schreiten des Kaisers in Mainz und zuletzt die Bestrafung der
Schuldigen. Der Verfasser beschreibt sehr ausführlich und nicht ohne
Geschick, nur strebt er Ubermäfsig nach Wohlredenheit und verfehlt
nicht selten das Ziel; aus den letzten Schreckensscenen theilt er
Gebete und Gedanken des Erzbischofs mit, die unmöglich einem
Sterblichen bekannt sein konnten. Dennoch müssen wir sein Werk
unbedenklich zu den vorzüglichsten Quellen dieser Zeit rechnen und
die Entdeckung desselben als eine bedeutende Bereicherung der histo-
rischen Litteratur betrachten. Dafs der Verfasser den Papst Viktor
als rechtmäfsig anerkennt, hat vielleicht die lange Verborgenheit
seiner Schrift veranlafst.
Völlig entgegengesetzt urtheilt Uber den Erzbischof Arnold sein
Nachfolger Christian U. Er war 1249 erwählt, konnte sich aber
als ein frommer und friedliebender Geistlicher nicht in dieser Stellung
erhalten, die damals einen Kriegsmann gebieterisch forderte, da es
darauf ankam, die Pfaffenkönige mit gewaffneter Hand gegen die
Staufer aufrecht zu halten. Christian mufste 1251 resigniren, und
schrieb nun in der Bitterkeit seines Herzens eine Wehklage Uber
den Verfall der Mainzer Kirche durch die zerrissene ruhelose Zeit:
den Ursprung alles Uebels aber findet er in der Absetzung des Erz-
bischofs Heinrich durch die von Arnold bestochenen Cardinäle. Der
päpstlichen Politik giebt er nicht undeutlich auch das folgende Un-
heil Schuld: Sifrid, sagt er, war ein Mann nach dem Herzen des
Papstes, weil er Witwen und Waisen machte, und alles Land ver-
wüstete. Das, meint Christian, sei nicht der Beruf des Priesters, der
nur mit dem Schwert des Wortes zu kämpfen habe.
In höchst eigenthümlicher Weise beginnt Christian seine Schrift
mit einer genauen Beschreibung des überreichen Mainzer Kirchen-
sehatzes, wie er ihn noch gekannt hatte, und von dem jetzt wenig
mehr übrig war. Er verweilt bei Heinrich und Arnold, und giebt
in raschem Ueberblick eine Uebersicht der folgenden Zeiten, mit
Wehklagen vermischt. Es ist keine eigentliche Geschichtserzählung,
sondern eine Darlegung der Verhältnisse, welche ihn selbst auf den
erzbischöflichen Stuhl gebracht hatten und es ihm unmöglich machten,
sich darauf zu behaupten1).
Aufserdem sind nur noch kurze Annalen vorhanden s) ; es finden
l) Chriäliani Chronicon Mogimtinnra 1152-1251. Böhmers Fontes 11,253-271.
*) Annales Moguntini 1083 — 1309, Böhmers Fontes 11, 249 — 253.
26
Digitized by Google
402
V. Staufer. § 16. Das Rheinland.
sich aber in diesen, und auch sonst, Spuren ausführlicherer Auf-
zeichnungen aus dem dreizehnten Jahrhundert, deren Sammlung wir
von Böhmer zu erwarten haben, wenn es ihm nicht vielleicht noch
gelingen sollte, sie vollständig zu entdecken1).
Aus der Nachbarschaft von Mainz wurde das Leben des Grafen
Ludwig von Arnstein schon oben (S. 348) erwähnt, und die Fort-
setzung des Marian aus dem Kloster Disibodenberg werden wir noch
bei den Geschichtswerken von allgemeinerem Inhalt zu berühren
haben. Hier bleibt nur noch die Chronik von Lippoldsberg2) zu
erwähnen, eine hübsche Erzählung von diesem um 1088 nach Schaff-
hauser Kegel gestifteten Nonnenkloster, freilich sehr kurz und un-
genügend, aber um so weniger zu verschmähen, da so wenige
Schriften uns von Nonnenklöstern Nachricht geben.
Was bis jetzt über die Geschichtsquellen aus der Diöcese von
Köln bekannt geworden ist, hat neuerdings Janssen zusammenge-
stellt in den Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein,
I, 78 — 104. Den früher (S. 284) erwähnten Annalen reihen sich
jetzt Annalen von S. Gereon3) an, welche durch den Mangel anderer
Nachrichten einigen Werth erhalten. Bedeutenderes ist verloren, doch
läfst sich aus späteren Compilationen noch einiger Ersatz erwarten,
und auch die Auffindung neuer handschriftlicher Mittel ist nicht un-
wahrscheinlich. Auf ein wichtiges, kürzlich erst entdecktes Bruch-
stück kommen wir noch zurück bei der Besprechung der Chronik
von S. Pantaleon, welche der Reichsgeschichte angehört; andere
ebenfalls merkwürdige und nicht unwichtige Bruchstücke hat Pertz
vor Kurzem entdeckt und bekannt gemacht, Fragmente einer ver-
sificirten Kölner Chronik, welche den 1239 durch den päpstlichen
Bannfluch neu entbrannten Krieg am Niederrhein, namentlich die
Kämpfe des Erzbischofs Konrad von Hochstaden mit dem Grafen
von Jülich schildern4). Und kaum war dieses bekannt geworden,
als schon Prof. Deycks zwei neue Blätter dieses Gedichts auffand,
welche theils die frühere Belagerung Kölns durch König Philipp,
theils die späteren Unruhen unter Konrad von Hochstaden zum
Gegenstände haben8). Es ist keine gleichmäfsig fortschreitende Er-
zählung, sondern mehr moralisirende Betrachtungen über die Ereignisse
in der damals beliebten Form leoninischer Hexameter, schon mit der
l) Fontes H, XXVII. Hl, LXXVII.
Chronicon Lippoldesbergense 1051 — 1151. Fontes III, 254 — 269.
3) Annales S. Gereonis Colon. 1191—1202. 1227. 1240. Fontes III, 399. 400.
4) Pertz, lieber eine rheinische Chronik des 13. Jahrhunderts. Aus den Ab-
handlungen der Berliner Akademie. 1855. 4.
8) Gedr. bei Lacomblet, Archiv f. d. Gesch. des Niederrheins II, 352—370.
Digitized by Googl
Lippoldsberg. Köln. Achen.
403
ganzen rohen Geschmacklosigkeit, welche das Absterben der mittel-
alterlichen lateinischen Litteratur nach der Mitte des dreizehnten
Jahrhunderts bezeichnet.
Ein Katalog der Kölner Erzbischöfe mit kurzen geschichtlichen
Bemerkungen, die nicht ohne Werth sind, scheint aus der Zeit Philipps
von Heinsberg (1167 — 1191) zu stammen und wurde von Cäsarius
von Heisterbach unter Heinrich von Molenark (1225 — 1238) bis auf
seine Zeit fortgesetzt1).
Dieser Cäsarius verfafste auch eine Lebensbeschreibung des
1225 ermordeten Erzbischofs Engelbert5), eine der spätesten kirch-
lichen Biographien, welche noch geschichtlichen Werth haben.
Ermordungen von Bischöfen waren nicht selten, seitdem die
Kirche den Kampf mit dem Königthum begonnen hatte, der zu immer
gröfserer Verwilderung und Verderbnifs, so wie zur Auflösung aller
gesetzlichen Bande führte. Aber Engelberts Ermordung war selbst
in diesen Zeiten eine der entsetzlichsten Begebenheiten und zugleich
einer der schwersten Unfälle für das Reich, denn Engelbert war
nicht nur ein ausgezeichneter und trefflicher Kirchenfürst, sondern
er war auch mit dem Herzog Leopold von Oesterreich Vormund des
jungen Königs Heinrich und Reichsverweser. Diese wichtige Stel-
lung Engelberts und seine Thätigkeit für das Reich finden wir nun
freilich bei Cäsarius so wenig wie bei irgend einem anderen Bio-
graphen dieser Art gebührend berücksichtigt, aber seine Wirksamkeit
als Erzbischof und seine persönlichen Eigenschaften sind mit guter
Kenntnifs und gewandter Feder geschildert, besonders aber ist die
letzte Katastrophe vortrefflich erzählt, mit grofser Lebendigkeit und
voll warmen Gefühls.
Auf den Verfasser werden wir später noch einmal zurück-
kommen.
Hier sind nur noch die nicht sehr bedeutenden Annalen von
Achen*) zu erwähnen und das viel wichtigere, sehr merkwürdige
Fragment eines alten Verzeichnisses der Reichsguter, welches nun
ebenfalls bei Böhmer hinter jenen Annalen zu finden ist. Mit grö-
fserer Vorliebe als die Geschichte der Gegenwart pflegte man in
1 ) Caesarii Heisterbacensis Calalogus archiepiscoporum Coloniensium, Fontes
II, 271 — 281. Vgl. Ficker, Engelbert von Köln S. 201. Janssen a. a. 0. S. 80 ff.
Pertz, eine rheinische Chronik S. 136 über eirit ungedruckle Fortsetzung.
a) Caes. Heist Vita S. Engelberti bei Surius zum 7. Novbr. und Fontes II,
294 — 329 ohne das dritte Buch, welches die Wunder enthält.
*) Ann. ecclesiae regalis Aquensis 1001 — 1196, nach den ersten sehr fehler-
haften Abdrücken von Quix und Ernst besser in Böhmers Fontes III, 391 — 397.
Dieselben von 1125 — 1169, vermischt mit den Annalen von Erfurt, Mon. SS. XVI,
17 — 22. Noch ungedruckt sind die Ann. Rodenses von Klosterrath.
26*
gitized by Google
404 V. Staufer. § 16. Das Rheinland. § 17. Lothringen.
Achen das Andenken des grofsen Karl, welches durch die Canoni-
satiou desselben (1165) noch mehr verherrlicht war. Man freute
sich dort, und freut sich noch jetzt, der kostbaren Reliquien, welche
Karl aus dem Morgenlande mitgebracht haben sollte, und deshalb
durfte natürlich in seiner Legende auch der Kreuzzug nicht fehlen *).
§ 17. Lothringen.
Die Fortsetzungen der Trierer Bisthumschronik wurden schon
oben erwähnt, sowie die höchst ausgezeichnete Lebensbeschreibung
des Erzbischofs Albero, von Balderich 3). Ein Brand im Mathiasstift
1131 gab zu einer Verherrlichung des Schutzpatrons Anlafs, der
natürlich Wunder thun mufste, um den erlittenen Schaden zu er-
setzen. Die Beschreibung der Feuersbrunst ist hübsch geschrieben
und die Wunder enthalten einige Beiträge zur Sittengeschichte8).
Weiter ist aber aus Trier nichts anzuführen und aus dem Sprengel
nur das goldene Buch von Epternach, eine Urkundensammlung,
die mit geschichtlichen Nachrichten verbunden ist4). Bis jetzt ist
nur ein Fragment Uber Karl Marteil daraus gedruckt.
Aus Toul ist gar nichts bekannt. Verdun dagegen wurde von
einem Strahle der Lütticher Gelehrsamkeit beleuchtet. Laurentius,
ein Mönch aus dem dortigen Lorenzkloster, war nach Verdun ge-
kommen, und diesen veranlafste Hugo, ein Mönch des Klosters
S. Vannes zu Verdun, die alte Bisthumschronik weiter fortzusetzen,
und die Geschichte der späteren Bischöfe sowohl wie der Aebte von
S. Vannes während des seitdem verflossenen Jahrhunderts (1047 bis
1144) hinzuzufügen6). Den Inhalt gaben die Berichte Hugos, wie
Laurentius ausdrücklich sagt, und er mufs wirklich eine lebendige
Chronik gewesen sein, denn die Erzählung, wenn gleich im Anfang
nicht frei von Fehlern, ist weiterhin nicht nur zuverlässig, sondern
auch ausführlich und lebendig. Da nach den langen Kämpfen zwischen
Staat und Kirche damals eine Zeit des Friedens und der Ruhe ein-
getreten war, konnte Laurentius auch den kaiserlich gesinnten Bi-
schöfen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, als in den Schriften,
*) De sanctitate meritorum et gloria miraeulorum beati Caroli magni libri III.
Nachrirhten darüber giebt Lambecius Comment. Vol. II, 329 ff.
а) Die weiteren Fortsetzungen Sind wenig bedeutend und gewinnen größeren
Werth erst unter dem Erzbischof Balduin, dem Bruder Kaiser Heinrichs VII.
3) Inventio et Miracula S. Mathiae ed. Waitz, fllon. SS. VIII, 226— 234. Vgl.
Archiv X, 634. — 4) Archiv XI, 338. Vgl. oben S. 80.
б) Laurentii de Leodio Gesta episeoporum Virdunensium et abbatum S. Vi-
toni (mit den Fortsetzungen) ed. Waitz, Mon. SS. X,486 — 525. Darauf folgen
Annales S. Vitoni a. 96 — 1481. p. 525 — 530.
Digitized by Google
Trier. Verdun. Metz. Lüttich.
405
die während des Streites geschrieben wurden, der Fall ist. Eine
weitere Fortsetzung bis 1147 ist, wie es scheint, noch von demselben
Verfasser; später haben andere Mönche von S. Vannes die Geschichte
der Jahre von 1156 bis 1187 und weiter von da bis 1250 hinzu-
gefligt; sie erreichen das Werk des Laurentius aber bei weitem nicht.
Dann erlischt auch hier die Geschichtschreibung der Kirche.
Ein umgekehrtes Verhältnifs fand in Metz statt. Das alte Werk
des Paulus Diakonus über die Geschichte des Stifts wurde auch hier
um die Mitte des zwölften Jahrhunderts unter dem Bischof Stephan
(1120 — 1163) wieder aufgenommen und fortgeführt, aber in sehr
ungeschickter Weise, voll von Fabeln in der älteren Zeit, und auch
weiterhin dürftig und ungenau. Dagegen sind hier die Fortsetzungen
von bedeutend grüfserem Werthe, wenn gleich auch sie noch viel zu
wünschen übrig lassen. Der erste Fortsetzer schrieb bald nach 1180,
der zweite fügte die Zeit von 1212 bis 1260, ein dritter sehr kurz
die folgenden Bischöfe bis 1296 hinzu, und es fanden sich hier auch
noch in späterer Zeit Fortsetzer1).
Lüttich zeichnet sich auch in diesem Zeiträume durch littera-
rische Thätigkeit aus. Die Chronik des nahen Klosters S. Tron
wurde, wie schon oben erwähnt, wiederholt fortgesetzt. In Lüttich
selbst veranlafste die eigenthümliche Sitte des Landes, in der Noth den
Schutzheiligen persönlich auftreten zu lassen um seine Sache durch-
zufechten, einige Schriften, die sich vergleichen lassen mit jenem
Triumph des h. Remaklus, den die Mönche von Stablo nach Lüttich
führten, um durch seine Hülfe das ihnen entrissene Kloster Malmedy
dem Erzbischof Anno zu entwinden (S. 284).
Im Jahre 1141 mufste S. Lambert seine altgewohnte Stätte
verlassen, um das Schlofs Bouillon seiner Kirche zurück zu bringen.
Die Ankunft der Procession mit der Bahre des Heiligen unter ge-
waltigem Zulauf des Volkes ermuthigte das bischöfliche Heer und
schreckte die Gegner, so dafs sie die Vertheidigung aufgaben. Dieses
grofse Ereignifs wurde in einer eigenen Schrift gefeiert a), und ebenso
ein zweiter Triumph des h. Lambert 1213 Uber den Herzog
Heinrich von Brabant3): ein glänzender Sieg, durch den das gute
Schwert der Lütticher Vasallen und Zünfte und des Bischofs Hugo
>) Gesta episcoporum Mettensium ( — 1296) ed. Waitz, Mon. SS. X, 531-551.
2) Triumphus S. Lamberti de Castro ßulonico, bei Cbapeaville II, 577.
s) Triumphus S. Lamberti in Sleppes, Chapeaville 11,603. Es ist eigentlich
das dritte Buch der Vita S. Odiliae Leodiensis et filii eius Johannis abbatuli,
s. Böhmer Reg. Imp. p. LXX1I. Ein anderer Bericht von dem Bischof Hugo
selber wurde von dem späteren Chronisten Jean. d’Outremeuse benutzt, s. Polain,
Ilistoire de Liege I, 297.
Digitized by Google
406
V. Staufer. § 17. Lothringen.
von Pierrepont die Plünderung Lüttichs im vergangenen Jahre rächte.
Der Bischof hatte sich des päpstlichen Bannes wegen gegen Otto IV
erklärt und dadurch dieses Unglück herbeigeführt. Deshalb ist jene
Erzählung auch für die Reichsgeschichte von Bedeutung, deren Mittel-
punkt bald darauf durch die Schlacht von Bovines in diese Gegenden
verlegt wurde.
Jener frühere Triumph des h. Lambert aber über das Schlofs
Bouillon wurde später noch weiter ausgeführt und in Prosa und
Versen gefeiert, von Reiner, einem Mönche in S. Lorenz bei
Lüttich und sehr fruchtbarem Schriftsteller1). Man schleppte den
guten Lambert so lange herum, zwei Jahre lang, bis er ganz böse
wurde; eine schreckliche Feuersbrunst zeugte von seinem Unwillen.
Da brachte man ihn endlich zur Ruhe und es folgten bessere Zeiten,
ein glänzender Sieg wurde Uber den Grafen Heinrich von Namur
erfochten.
Reiner beschrieb aufserdem das Leben des alten Bischofs Eve-
raklus (959 — 971)®), des Wolbodo (1018 — 1021)*), des Reginard
(1024 — 1037) ‘), der Stifter und Wohlthäter des Klosters, Uber die
er jedoch kaum etwas Neues mitzutheilen hatte; er beschrieb im
Jahre 1182 den Brand seines Klosters durch einen Blitzstrahl am
Tage nach Palmsonntag desselben Jahres 5) und die neue Einweihung
der Kirche am dritten November®), den Brand der Domkirche am
28. April 1188 7), und verfafste endlich ein Werk über die ausge-
zeichneten Aebte und Mönche des Laurentiusklosters, in welchem er
auch Nachrichten über sein eigenes Leben giebt und seine Werke
aufzählt 8).
Gleichzeitig schrieb im Kloster S. Jakob Lambert der Kleine
eine Chronik der Lütticher Bischöfe bis 1194, welche ein Mönch
desselben Klosters, Reiner, bis 1230 fortsetzte. Diese Arbeit Rei-
ners ist besonders wichtig durch Nachrichten Uber das was in seiner
Nähe vorging nicht nur, sondern auch Uber manches entferntere
Ereignifs. Er scheint bei der Krönung Friderichs II in Achen 1215
selbst zugegen gewesen zu sein, und wiederholte Reisen nach Rom,
') Reinen Triumphale Bullonicum prosaice in 5 Büchern, Pez Thes. IV, 3, 129.
*) ib. p. 155. — ») Acta SS. Maii II, 857. Mab. VI, 1, 176.
*) Pez Thes. IV, 3, 167.
6) Opusrulum cuiusdam ad amicum familiärem de casu fulminis, ib. p. 187.
®) Libellus Gratiarum aclionis ad b. Laurentium super dedicatione nova,
ib. p. 197.
7) Breviloquium de incendio ecclesiae S. Lamberti, ib. p. 207.
s) De ineptiis cuiusdam idiotae libellus ad amicum, ib. p. 20, unter dem
Titel: De gestis abbatum S. Laurentii (1027 — 1158). Vgl. die Handschrift seiner
Werke in Löwen, Archiv VIII, 483.
Digitized by Google
Reiner von Lüttich. Belgische Localgeschichten. 407
so wie ausgebreitete Bekanntschaften und Verbindungen liefsen ihn
viel erfahren, was er gleichzeitig aufzeichnete *).
Ein Leben des 1192 ermordeten Bischofs Albert ist noch un-
gedruckt’); die Chronik des Bischofs Hugo von Pierrepont (1200
bis 1229) scheint verloren zu sein, ist aber benutzt in der gleich-
falls noch ungedruckten, von Polain viel benutzten Chronik des
Jean d’Outremeuse*).
Endlich schrieb Gilles d’Orval eine Fortsetzung der Bisthums-
geschichte des Anselm und machte auch zu dem früheren Theile
Zusätze4). Er hat sehr fleifsig die filteren Werke, welche fast alle
noch vorhanden sind, Urkunden und Inschriften benutzt, ist aber so
sorgsam bemüht, von allen Bischöfen nur Gutes und Rühmliches zu
sagen, dafs dadurch sein Werk sehr mangelhaft ausgefallen ist.
Einige weniger bedeutende Werke von localer Bedeutung be-
gnüge ich mich in der Anmerkung anzuflihren 5).
Diese Gegenden sonderten sich mehr und mehr vom Reiche ab
und ihre mannigfaltige und eigenthümliche Litteratur erfordert eine
abgesonderte Behandlung. Die Heiligenleben verlieren mit dem
*) Lamberti Parvi Chronicon mit Reinere Fortsetzung, Marlene Coli. V, 5 ff.
Vgl. Archiv VII, 597. Auszüge aus Reiner in Böhmers Fontes II, 372 — 387.
») Archiv VII, 597.
3) Polain, Rccherches sur la vie et les ouvrages de Jean d’Outremeuse, in
den Mrlangcs historiques et litteraires, Liege 1839.
4) Aegidii Leodiensis, monachi Aureaevallis, Gesta Pontificum Leodiensium
1048 — 1251, bei Chapeaville II. Daselbst Fortsetzung des Joh. Hocsemitis bis
1348 und andere spätere. — Lütticher Annalen bis 1 192 finden sich als Breve
Chron. Leod. bei Mart. Thes. III, 1403. Sie sind von den S. 191 erwähnten ver-
schieden, enthalten aber nicht viel.
6) Libellus metrificatus: Vita Gilberti primi abb. eccl. S. Joh. Valencenensis
unter Friedr. I. Brucbst. bei Jacques de Guise. Archiv IX, 353. Ann. Formose-
lenses 1 — 113G, Mon. SS. V, 34— 36. Ancienne Chronique de Flandre — 1152.
De Smet, Recueil des Chroniques de Flandre, Voi. II, 1841. p. 27 — 91. Vita
b. Bernhardi Penitentis qui ob. 1182 auct. Joh. mon. S. Bertini, Acta SS. Apr. IX,
675-697. Chronique de Guines et d'Ardre par Lambert eure d’Ardre 918-1203,
publice par M. le Marquis de Godefroy Menilglaise, k Paris 1855. 8. Annales Eg-
mondani 647 — 1205, in Kluits Historia Com. Holl. I*, 1 — 215. Chronicon Lae-
tiense c. 1215, bruchstückweise bei Jacques de Guise, s. Wilmans im Archiv IX,
359 f. Neuere Bearbeitung bis 1578 bei Rciffenberg, Mon. de Namur VII, 393.
V. Arnulfi conversi Villariensis, ob. 1228, auct. Goswino, Acta SS. Jun. V, 608.
Chronicon Walciodorense 814 — 1242, Dacherii Spicil. II, 709. Ann. Blandinienses
1 — 1292, Mon. SS. V, 20 — 34 u. ed. Vandeputte Gand. 1841. 4. Von gröfserer,
jedoch auch localer Bedeutung ist die Chronique de Philippe Mouskes bis 1242
ed. Reiffenberg, 2 Bände in qu. k Brux. 1836. 1838. Andreae Marchianensis Chrom
— 1248 ed. Duaei 1633. vgl. Archiv IX, 362. Dazu kommen noch die Fortselz.
des Sigebert, Mon. SS. IX,- und der Bislhumsgeschichte von Cambray. Ferner die
Genealogien der Grafen von Boulogne und Flandern, nebst der Flandria Generosa
ed. Betbmann, SS. IX, 299 — 326. lieber die Quellen für die Geschichte Wilhelms
von Holland s. Böhmer in den Regesten von 1246 — 1313.
Digitized by Google
408 V. Staufer. § 17. Lothringen. § 18. Die Reichsgeschichte.
dreizehnten Jahrhundert fast allen geschichtlichen Werth; von her-
vorragender Bedeutung aber sind noch aus dem Anfänge dieses Ab-
schnitts die Lebensbeschreibungen des Grafen Karls des Guten
von Flandern1), der im Jahre 1127 in der Kirche zu Brügge er-
schlagen wurde, ein trefflicher Mann, der strenge auf Gerechtigkeit
hielt und deshalb seinen zuchtlosen Vasallen zum Opfer fiel. Diese
schreckliche That machte überall das gröfste Aufsehen und wurde
im Lande selbst um so mehr beklagt, da gleich nachher das Auf-
treten zweier Prätendenten einen Zustand der äufsersten Zerrüttung
herbeiführte, für welchen bei der durch Lothars Wahl geschwächten
Reichsgewalt keine Hülfe zu finden war.
Unmittelbar nach Karls Ermordung beschrieb Walter, Archi-
diakonus von Therouenne, sein Leben und Ende 2) und etwas später
mitten in den Bedrängnissen der nächstfolgenden Zeit, Uber welche
er die genauesten Nachrichten giebt, Galbert, ein Kleriker der Kirche
zu Brügge3). Eine dritte jüngere Biographie fügt doch noch einige
eigenthümliche Nachrichten hinzu4).
Von allgemeinerer Bedeutung ist endlich noch die Geschichte
des Giselbert von Ilasnon5), Kanzlers bei dem Grafen Balduin V
von Hennegau, der durch seine Heirath Graf von Flandern, durch
Erbschaft Markgraf von Namur wurde, und also eine sehr bedeutende
und ansehnliche Stellung einnahm. Giselberts Geschichte, die 1086
beginnt und bis 1195 reicht, berührt zunächst den Hennegau, wird
aber von 1168 an in annalistischer Form immer ausführlicher und
enthält wichtige Nachrichten auch über die Reichsgeschichte.
§ 18. Die Reichsgeschichte.
Die Werke, welche wir in den letzten Abschnitten betrachtet
haben, gehören mehr oder weniger alle der Provinzialgeschichte an.
Einige, wie die Lebensbeschreibungen des Grafen Karl von Flandern,
Arnolds von Mainz, Engelberts von Köln u. A., erheben sich durch
Inhalt und Darstellung zu einer höheren Bedeutung, aber sie haften
doch an dem Boden, welchem sie zunächst angehören. In den An-
nalen wird freilich vieles aus der allgemeinen Geschichte angemerkt,
aber nur für den Hausbedarf; die Verfasser hatten durchaus nicht
*) Vita Karoli comitis Flandriae ed. Koepke, Mon. SS. XII, 531 — 623.
* 3) Vita Karoli comitis auct. Waltero arrhid. Tervanensi, I. I. p. 537 — 561.
3) Passio K. c. auct Galberto p. 561 — 619.
4) Passio K. c. auct. anonymo p. 619— 623.
6) Gisleberti Ilasnonicnsis historia, cd. Du Chasteler, 1784. 4. Vgl. Archiv
IX, 365 über den besseren Text bei Jacob von Guise und spätere Geschichts-
quellen des Hennegau.
Digitized by Google
Karl v. Flandern. Giselbert v. Ilasnon. Ann. S. Dysibodi. 409
den Zweck, eine Reichsgeschichte zu schreiben, und es fehlt ihnen
gänzlich an Zusammenhang und Vollständigkeit. Nichts ist häufiger,
als nach einem ausführlichen Bericht von irgend einer grofsen Be-
gebenheit eine Reihe von Jahreszahlen zu finden, bei denen nur die
unbedeutendsten Notizen eingetragen sind. Eine gleichmäfsig fort-
laufende Darstellung war weder von den Verfassern beabsichtigt,
noch besafsen sie die Mittel dazu. Wir sondern daher von ihnen
diejenigen Werke, welche die deutliche Absicht zeigen, nach der
Weise der grofsen Weltchroniken der vorigen Periode, und an diese
anknüpfend, dem Leser die wichtigsten Begebenheiten der Reichs-
geschichte, gewöhnlich mit gelegentlichen Nachrichten auch von der
übrigen christlichen Welt, übersichtlich vorzulegen.
In Mainz und den benachbarten Klöstern war es die Chronik
des Marianus, deren man sich als Grundlage bediente, die theils
exccrpirt, theils mit Zusätzen vermehrt wurde. Eine solche Arbeit
besitzen wir aus dem Kloster Disibodenberg an der Nahe, wo
es nach der Vermuthung Böhmers im J. 1147 verfafst wurde. Denn
nach diesem Jahre ist in der Handschrift der Rest der Seite frei
gelassen, und die folgenden Eintragungen sind auffallend kurz und
abgerissen. Auch steht vor jener Lücke ein Brief des Priesters
Dudechin zu Lahnstein an den Abt Kuno von Disibodenberg Uber
die Eroberung von Lissabon, ohne Verbindung mit dem Texte1).
Doch kann auch der Bearbeiter von 1147 schon an ein früheres
Werk angeknüpft haben. Marians Chronik ist hier vermehrt mit
Stellen aus Methodius, den Annalen von Fulda, besonders aber aus
den Wirzburger und Rosenfelder Annalen bis 1110 (S. 257. 308);
bei dem J. 1075 beginnen ausführliche Mittheilungen Uber die Ge-
schichte Heinrichs IV, welche vielleicht einer abgesondert vorhanden
gewesenen Schrift entnommen sind. Sie ist nicht gleichzeitig ge-
schrieben und mit blinder Feindschaft gegen den Kaiser verfafst;
doch wird auch hier z. J. 1106 seine grofse Milde und Barmherzigkeit
gerühmt. Anfangs ohne Werth, gewinnt sie später an Bedeutung.
Ueber Heinrich V und seine Nachfolger folgen dann annalistischo
Nachrichten von ungleichem Umfang und Werth, die theils in Disi-
bodenberg selbst aufgezeichnet, theils anderen Quellen entnommen
*) Nach diesem Briefe benannte man früher das ganze Werk als Dodechins
Fortsetzung des Marian, während der erste Theil irrig als Marians Chronik heraus-
gegeben wurde. Der Brief steht vollständiger in Gerckens Reisen IV, 386 — 391.
Vgl. den zum Theil übereinstimmenden Brief des Priesters Winand an Erzbischof
Arnold von Köln beim Chronogr. Saxo 1 149 und besonders abgedruckt v. Dümm-
ler, Wien 1851 und den Brief des flamändischen Priesters Arnulf bei Mart, et
Durand I, 800.
Digitized by Google
410
V. Staufer. § 18. Die Reichsgeschichte.
sein mögen. Von 1155 bis 1164 wird die Erzählung wieder aus-
führlicher, und versiegt dann allmählich1).
Bedeutendere Fortsetzungen schlossen sich an Ekkehards
Chronik an. Erwähnt wurden bereits (S. 342) die Lothariani-
schen Annalen, welche ihrer Anlage nach ursprünglich dazu be-
stimmt zu sein scheinen, Ekkehards Kaisergeschichte in ensprechen-
der Weise weiter zu führen, wie sie sieh denn auch mit diesem
Werke verbunden vorgefunden haben, obgleich sie sonst auch als
Theil der Erfurter Annalen (8. 387) erscheinen. Die weiteren Fort-
setzungen, welche sich daran schliefsen, halten zum Theil auch noch
den Charakter einer Reichsgeschichte fest, sind aber sehr ungleich
gearbeitet, bald ausführlich, bald ärmlich und dürftig. Namentlich
die Behandlung der Regierung Konrads III ist mit dem vorhergehen-
den Abschnitt gar nicht zu vergleichen.
Auch die Wirzburger Fortsetzung des Ekkehard (8. 395) ist
zu ungleich und unvollkommen, um sie zu den Darstellungen der
Reichsgeschichte zu rechnen.
Eine ganze Reihe gröfserer Werke rief Ekkehards Chronik in
Sachsen hervor, umfangreiche Chroniken, deren Kritik aber dadurch
erschwert wird, dafs offenbar ein Hauptwerk, welches den übrigen
als Grundlage diente, verloren ist; der sächsische und der Poehlder
Annalist haben den ausgedehntesten Gebrauch davon gemacht, und
ihre theilweise Uebereinstimmung ist beweisend für die gemeinsame
Grundlage. Der Verfasser mufs gegen die Mitte des zwölften Jahr-
hunderts geschrieben haben, und zwar, wie es scheint, eine Art von
Kaiserchronik, von den Karolingern an, verweilte aber mit besonderer
Vorliebe bei den Ottonen und allem was Sachsen betraf; bereitwillig
nahm er aus der mündlichen Ueberlieferung allerlei Fabeln auf, welche
der sächsische Annalist, auf seine besseren Quellen gestutzt, nur
selten berücksichtigt hat. Ebenso nahm er auch Uber Heinrich IV
wie Bruno die von den Pfaffen verbreiteten Schandgeschichten ohne
Prüfung auf. Weiterhin aber mufs sein Werk an Zuverlässigkeit und
Bedeutung gewonnen haben, und die guten Nachrichten der beiden
genannten Chroniken werden grofsentheils daher entlehnt sein, da
die Verwandtschaft der Poehlder Chronik mit dem Annalisten bis
zum Ende desselben (1139) fortdauert. Doch ist der Annalist, von
dem schon oben (8. 342) die Rede war, bedeutend ausführlicher.
Zunächst reiht sich hieran die Poehlder Chronik, welche
1 ) Die letzten Notizen sind 1176. 1184. 1190. 1200. Gedruckt als Marian
und Dodechin von Herold, Basel 1559. Pistor. ed. Struv. 1,448. Von 919 au
in Böhmers Fontes 111, 173 — 217 als Annales Disibodcnbergenses.
Digitized by C,OOoIc
Annales Lothariani. Die Poehlder Chronik.
411
erst jetzt durch Pertz bekannt geworden ist1), aber noch manche
ungelöste Frage darbietet. Die Urschrift, welche vielleicht einige
Aufklärung gewähren würde, ist in Cambridge, wo sie früher ver-
wahrt wurde, nicht mehr zu finden, nur eine neuere Abschrift in
Göttingen hat sich erhalten. Es scheint ein Vorzug dieser Chronik
zu sein, dafs man hier doch endlich einmal den Verfasser wenigstens
nennen kann, wenn man auch sonst nichts von ihm weifs. Allein
auch das ist zweifelhaft, wenigstens müfste die Vorrede dann von
einem anderen geschrieben sein. Darin heifst es, dafs nach Eusebius
und Hieronymus Idacius die Geschichte bis 462 geführt habe; dann
folge das Werk des Theodoras; darauf hätten verschiedene Geistliche
die Namen der Päpste und Kaiser angemerkt, auch ihre Zeiten
beobachtet und beschrieben *). Gehen diese Worte auf die nach dem
Schlüsse der Chronik folgenden Tabellen, so werden wir allerdings
diesen Theodor für den Verfasser der Hauptmasse des Werkes zu
halten haben. Von ihm heifst es auch nach dem aus Honorius,
Ekkehard, Sigebert und Idacius genommenen Anfänge: So weit
Idacius; von hier an schreibt Theodoras seine Annalen. Man würde
danach geneigt sein, irgend einen älteren Autor unter diesem Namen
zu vermuthen, allein der folgende Text bietet durchaus nichts Eigen-
tümliches, sondern ist wie der vorhergehende Abschnitt aus Ekke-
hard und Sigebert mit Zuziehung des Gregor von Tours und einiger
anderer Quellen zusammengesetzt. Von 814 an kommen Stellen aus
jener verlorenen Schrift vor, die auch der Annalist benutzte; von
Heinrich I an werden sie häufiger und ausführlicher.
Die Anlage der Chronik schliefst sich wie diejenige des säch-
sischen Annalisten ganz dem Werke Ekkehards an; es ist eine grofso
Welt- und Kaisergeschichte und von 741 an wird nach den Regie-
rungsjahren der Kaiser gezählt. Bei dem Anfänge jeder Regierung
ist das Jahr der christlichen Zeitrechnung bemerkt und allgemeine
Bemerkungen Uber den Regenten vorangeschickt. Verschiedene Quellen
sind neben Ekkehard und Sigebert fleifsig benutzt*), wenn auch lange
l) Annales Palidenses auct Theodoro monacho Perl?., Mon. SS. XVI, 48-98.
Die Quellen sind von Koepke und Jaffe aufgesucht. Eine andere, mit der Chronik
des Marl. Pol. vermischte Handschrift in Königsberg erwähnt Giesebrerht, Gesch.
der Kaiserzeit II, Nachträge Die sächsische Kaiserchronik beruht auf der Pöhlder
Chronik; Pertz hat die fehlenden Jahre 1105 — 1115 durch die entsprechende
Stelle der Lüneburger Chronik ergänzt.
J) Postea sequitur opus Theodori, deinde ab ecclesiasticis viris pontificum et
regum nomina ingesta, tempora quoque observata et descripta sunt.
*) Darunter die Revelatio facta S. Stephano papar, welche auch Regino ad
a. 753 fast vollständig hat; Sur. V, 658. 740. Daraus die Clausula de Pippino,
Bouqu. V, 9. Es ist eine in S. Denys untergeschobene Bulle des Papstes mit
Digitized by Google
412
V. Staufer. § 18. Die Reichsgeaehichte.
nicht in der Ausdehnung, wie bei dem Annalisten. Für uns haben
nur die Bruchstlicke jener verlorenen Quellenschrift Bedeutung, welche
freilich für die ältere Zeit keine Geschichte, sondern Fabeln enthalten,
uns aber den Weg zeigen, wie diese Erzählungen in die historische
Litteratur eindrangen.
Mit dem Ausgehen der uns bekannten Quellen, namentlich der
Hildesheimer und Rosenfelder Annalen, und nach dem Ende des
Annalisten wächst die Bedeutung des Werkes, welches nun in der
ausführlich und gleichmäfsig fortlaufenden Erzählung den Zeitgenossen
deutlich erkennen läfst. Doch werden fast nur die Sachsen berüh-
renden Ereignisse erwähnt, bis der Kreuzzug und dann der glorreiche
Anfang von Friderichs Regierung die Aufmerksamkeit des Verfassers
auch in weitere Ferne ziehen. Der eigentliche Ursprung seiner
Nachrichten aber ist noch unklar; in Poehlde sind sie nur zum
kleineren Theile zuerst verzeichnet1). Noch bis zum Jahre 1164
findet sich wörtliche üebereinstimmung mit dem sächsischen Chro-
nographen, und zwar in solcher Weise, dafs wiederum eine gemein-
schaftliche Quelle für beide angenommen werden mufs. Gerade so
weit reicht auch die Üebereinstimmung mit Albert von Stade; was
diesem und dem Chronographen gemeinsam ist, und deshalb von
Jaff6 für die Rosenfelder Annalen in Anspruch genommen wurde,
findet sich auch in der Poehlder Chronik wieder. Nach 1164 also
wird diese geschrieben sein; der Verfasser beruft sich zum J. 1125
auf die mündliche Aussage eines Kämmerers vom Kaiser Lothar
und 1147 auf die Erzählungen der Kreuzfahrer. Mit dem J. 1170
werden die Aufzeichnungen sehr dürftig, nehmen von 1177 an wieder
zu und endigen 1182 mit der Unterwerfung Heinrichs des Löwen.
Nachträge sind auch zu früheren Stellen später hinzugefügt, beson-
ders Visionen, welche der Verfasser sehr liebt; er ist überhaupt aus-
nehmend leichtgläubig und freut sich der Offenbarungen der Hilde-
gard von Bingen und Elisabeth von Schoenau, ohne durch den ge-
ringsten Zweifel dabei beunruhigt zu werden. Wunder erzählt er
auch vom Papst Victor, für den er entschieden Partei nimmt; sorg-
fältig bemüht er sich zu zeigen, dafs der Kaiser an dem Schisma
keine Schuld habe.
Dieser Chronik, durch deren Publication die historische Litte-
ratur Niedersachsens erheblich bereichert ist, schliefst sich zunächst
einer unzuverlässigen Nachricht über Pippins Krönung. Ferner ist das nur hieraus
bekannte ältere Leben der Königin Mahthild vollständig aufgenommen.
*) Sehr deutlich ist bei den Worten über Konrads Tod 1152, dafs der ganze
Salz nicht in diesem Zusammenhänge geschrieben, sondern aus einer anderen Quelle
wörtlich entnommen ist.
Digitized by Googl
Die Poehlder Chronik. Chronographus Saxo. 413
der sogenannte sächsische Chronograph an, der mit Einbufee seines
alten und bekannten Namens, unter -welchem Leibniz ihn zuerst
herausgab, jetzt unter dem Namen der Magdeburger Annalen
gedruckt ist1). Der Verfasser ist nämlich ein Mönch im Kloster
Bergen bei Magdeburg gewesen, wie sich aus seinen Nachrichten
Uber dieses Kloster ergiebt. Er arbeitete wiederum eine grofse
Weltchronik aus in derselben Weise wie seine Vorgänger, indem er
Ekkehards Chronik grofsentheils aufnahm und zu diesem Fundament
Auszüge aus Hieronymus, Regino und anderen Quellen hinzuftigte.
Aufser den jetzt noch bekannten Schriften hatte er, wie der säch-
sische Annalist, verlorene Halberstädter Annalen und die GrUndungs-
geschichte von Magdeburg, aus welcher er nicht unbedeutende Stücke
wörtlich aufgenommen hat, nebst der oben (S. 226) berührten Quellen-
schrift über Heinrich III. Die Quedlinburger Annalen scheint er
noch etwas vollständiger gehabt zu haben, wie wir; im zwöften
Jahrhundert folgt er den Hildesheimer und Rosenfelder Annalen,
dann lassen sich die Quellen nicht mehr nachweisen, aber die Ver-
wandtschaft mit dem sächsischen Annalisten bleibt und nach dessen
Ende eine grofsentheils wörtliche Uebereinstimmung mit der Poehl-
der Chronik bis 1164; doch findet sich auch hier hin und wieder
mehr, so dafs eine unmittelbare Benutzung kaum anzunehmen ist.
Die weitere Fortsetzung bis 1188 ist nicht gerade reichhaltig, und
obgleich der Verfasser die Form einer Kaisergeschichte beibehält,
auch die Absicht zeigt, einen allgemeinen Standpunkt zu behaupten,
so war es ihm doch nicht möglich, eine wirkliche Reichsgeschichte
in gleichmäfsiger Weise durchzuflihren.
Eine Arbeit ähnlicher Art ist auch die Chronik des Albert
von Stade“). Dieser war noch im zwölften Jahrhundert geboren
und wurde vielleicht in Rosenfeld Mönch, dann in dem 1142 von
hier aus begründeten Marienkloster zu Stade Prior und 1232 Abt.
Weil aber das Leben der Mönche in diesem Kloster von der Ordens-
*) Annales Magdeb. ed. Pertz, SS. XVI, 105 — 196. Die Quellen des Werkes
hat JalTe aufgesueht. Da das Stück von 1143 — 1175 in die Pegauer Annalen
übergegangen ist, srheint die Chronik schon 1175 vorhanden gewesen u. später fort-
gesetzt zu sein. Bis 1180 bleibt Uebereinstimmung, doch ist bald hier, bald dort
mehr; dann ist 1181 — 1185 nichts angemerkt. — Das von Wedekind, Noten
I, 349 — 367 mitgetheilte Chronographi Saxonis fragm. Luneburgicum sind die
Rosenfelder Annalen.
3) Alberti Stadensis Chronicon, ed. Reineccius. 1587. 1608. 4. und in der
Sammlung von Kulpis 1685. Jetzt als Annales Stadenses auct. Alberto, heraus-
gegeben von Lappenberg, SS. XVI, 271. Vgl. dessen Abhandlung im Archiv VI,
326 — 356 und 357 — 363 über die gröfstentneils daraus geschöpften Annales Al-
biani oder Hamburgenses bis 1265 und p. 547 — 553 über die bei den Lübecker
Franziskanern geschriebene Fortsetzung bis 1324. — Böhmer Reg. Imp. p. LXIX.
Digitized by Google
414
V. Staufer. § 18. Die Reichsgeschichte.
regel abwich, fühlte er sein Gewissen beschwert und versuchte 1236
die Cisterzienser Regel einzuführen. Als ihm das ungeachtet der
von ihm in Rom persönlich erwirkten päpstlichen Vollmacht nicht
gelang, trat er im August 1240 in das Minoritenkloster zu Stade
ein. In demselben Jahre begann er seine Chronik, mit welcher er
auch später noch fortwährend sich beschäftigte, wie sowohl Zusätze
als die Fortsetzung zeigen. Sie reicht bis 1256; das Todesjahr
Alberts ist nicht bekannt. Die Grundlage seiner Compilation bildete
ebenfalls Ekkehards Chronik, nebst Beda für die vorhergehenden
Perioden; dazu fügte er Auszüge aus Adam von Bremen, Helmold
und einigen anderen Quellen, wozu vorzüglich die Rosenfelder An-
nalen und jenes oben erwähnte niedersächsische Werk bis 1164 ge-
hören. Auch ganz fremdartige Einschiebungen sind zum J. 1152
aufgenommen. Weiterhin beruft er sich besonders auf Mittheilungen
des Bremer Scholasticus Heinrich und theilt aus eigener Erfahrung
mancherlei Nachrichten mit, die, obgleich weder ausführlich noch
chronologisch genau, doch schätzbar sind, ihren grofsen Werth aber,
wie Böhmer sagt, am meisten unserer Armuth an umständlicheren
Nachrichten verdanken.
Während so in Sachsen verschiedene Werke in der Form uni-
verseller Chroniken auf dem von Ekkehard gelegten Grunde fort-
bauten, im Verlaufe der Arbeit aber in Localgeschichten ausarteten,
entstand in Schwaben erst nach einem Jahrhundert ein ähnliches
Werk, welches aber durch seinen hohen Werth sich besonders aus-
zeichnet, und besser den Standpunkt der Reichsgeschichte festhielt.
Der Verfasser desselben lieifst Burchard; er war in der zweiten
Hälfte des zwölften Jahrhunderts in einem schwäbischen oder bai-
rischen Biberach geboren, hatte noch den am 15. Dec. 1191 ver-
storbenen letzten Welfen gesehen, und war im J. 1198 oder 1199
als junger Laie in Italien. Bald nachher (1202) erhielt er in Konstanz
vom Bischof Diethelm die Priesterweihe. Im J. 1205 trat er in das
Prämonstratenser Kloster Schussenried ein, wo er 1209 zum Propst
erwählt wurde. Im J. 1211 war er in Rom, wo er ein päpstliches
Privileg für sein Stift erlangte; 1215 aber folgte er einer Berufung
als Propst nach Ursperg, wo er zu Ende des Jahres 1226 ge-
storben ist.
Wie Lambert1) und andere seiner Vorgänger hat Burchard früh-
*) Auf eine vermulhlich von Lambert benutzte Quelle macht mich W. Giese-
brecht aufmerksam; es ist das in den Ann. Weissenb. SS. 111,70 schwerlich ur-
sprüngliche Stück von 1056 — 1075, welches sich in den Ann. Laub. IV, 20 wört-
lich wiederfindet.
Digitized by Googl
Albert von Stade. Burchard von Ursperg.
415
zeitig Materialien für sein Geschichtswerk gesammelt1) und diese
dann in den letzten Jahren seines Lebens verarbeitet. Ekkehards
Chronik legte er mit geringen Veränderungen zn Grunde; für die
nächste Folgezeit, die Regierung Lothars und Konrads, benutzte er
vorzüglich das Werk des ungenannten Weingartener Mönches Uber
die Welfen (bis 1167), welches er fast ganz ausgeschrieben hat.
Ottos von Freising Chronik kannte er, entnahm aber wenig
daraus, vielleicht weil eben dieses Werk schon im Kloster vorhanden
war und er es als bekannt voraussetzen konnte.
Ganz besonderen Werth erhält aber Burchards Werk durch die
Benutzung sonst unbekannter italienischer Quellen, die er auf seinen
Reisen kennen gelernt hatte, wo er auch wohl manches aus münd-
licher Ueberlieferung schöpfen mochte. Schon im ersten Theile seines
Werkes finden sich eigentümliche Nachrichten solcher Art, und
unter Friderich I tritt immer mehr als Hauptquelle das Werk des
Priesters Johannes von Kremona hervor, aus dem er sehr viel
entlehnt hat. Es scheint etwa bis zum Frieden von Venedig gereicht
zu haben, denn von da an wird Burchards Erzählung unsicher und
dürftig, bis ihm Uber den Kreuzzug des Kaisers wiederum ein ita-
lienischer Bericht besseren Anhalt gewährt2).
So weit ist nun Burchard fast nur Compilator; er hat den Stoff,
obgleich er selbst höhere Anforderungen an einen Historiker stellt,
durchaus nicht beherrscht und verarbeitet; auch fehlt es hier nicht
an Fehlern und Irrthümern. Abel vermuthet daher, dafs er nicht
mehr zu der letzten Ausarbeitung seines Werkes gelangt sei, viel-
leicht gehindert durch den Brand seines Klosters im Jahre 1225.
Nach einer Nachricht hätte sogar erst sein Nachfolger Konrad die
Chronik, so wie sie uns vorliegt, aus Vorgefundenen Bruchstücken
zusammengesetzt.
Mit den letzten Jahren Heinrichs VI beginnt nun das eigene
Werk Burchards; von hier bis 1225 berichtet er ganz selbständig
als ein vortrefflich unterrichteter Zeitgenosse, der durch vielfache
Verbindungen sich von allen Seiten zuverlässige Nachrichten ver-
schafft hat. Seine eigene Gesinnung, seine Auffassung der Begeben-
heiten verschweigt er nicht; er ist durch und durch staufisch gesinnt
und spricht Uber die päpstliche Politik die bittersten Urtheile aus.
Jene Verblendung, die noch im zwölften Jahrhundert so viele der
trefflichsten Männer in Deutschland zu blinden Werkzeugen der
*) 1217 sagt er selbst: sicut nos ipsi annotavimus.
2) Iirevis historia occupationis et amissionis Terrae Saactae bei Eccard. II,
1349—1354; vgl Abel S. 97—99.
Digitized by Googl
416
V. Staufer. § 18. Die Reichsgeschichte.
römischen Politik machte, war jetzt völlig gewichen, der falsche
Glanz zerflossen. Es fehlte der päpstlichen Kurie auch jetzt nicht
an Bundesgenossen in Deutschland, aber die einsichtigen und wohl-
gesinnten Männer, denen das Wohl ihres Vaterlandes und auch das
wahre Wohl der Kirche am Herzen lag, sind einstimmig in der
Bitterkeit gegen die Päpste des dreizehnten Jahrhunderts.
Ganz in demselhen Sinne schrieb auch Burchards Nachfolger,
der Propst Konrad von Lichtenau, der zuerst nach einer schrift-
lichen Quelle Uber die Eroberung und den Verlust von Damiette
berichtete und dann die Geschichte selbständig bis 1229 fortsetzte,
leider nicht weiter, obgleich er erst 1240 gestorben ist.
Diesem Konrad, den man irrthümlich Abt von Ursperg nannte,
wurde lange Zeit das ganze Werk zugeschrieben. Nachdem schon
im fünfzehnten Jahrhundert die hieraus geschöpfte Geschichte Fri-
derichs I gedruckt war ‘), erschien 1515 in Augsburg nach Peutingers
Abschrift die erste Ausgabe der Chronik des Abtes von Ursperg,
und 1569 wurde der Name Konrads von Lichtenau hinzugefügt.
Der erste Theil ist nun als Ekkehards Werk erkannt und heraus-
gegeben; über Burchards und Konrads Werk hat Abel eine treffliche
Abhandlung verfafst, der das Vorstehende entnommen ist1).
Eine andere nicht minder bedeutende Quelle für denselben Zeit-
raum ist die sogenannte Königschronik von S. Pantaleon zu
Köln. Nach der Brüsseler Handschrift jedoch scheint sie für die
Kanoniker zu Achen von dem Schöffen Otto zu Neufs verfafst zu
sein3). Es wäre dann das erste Werk der Art von einem Laien,
oder vielmehr in dieser Art das einzige, denn es unterscheidet sich
sonst gar nicht von der kirchlichen Litteratur der Zeit, und wir
müssen mit Böhmer billig Bedenken tragen, eine so auffallende That-
*) Ilistoria Friderici Imperaloris magni, fol. s. 1, ft a. , wiederholt 1790 in qu.
von Christmann , mit Burchards Namen. Abel S. 81 u. 112 — 115. Eigentüm-
liches findet sich nur am Anfang über die Staufer aus den Miraeula S. Fidis nnd
aus dem Kloster Lorch.
a) Archiv XI, 76 — 115. Vgl. auch Stalin II, 10. Böhmers Reg. 1198-1254
S. LXX. Ueber die von Burchard aufgenommenen Excerpta Velleji oder ex Gal-
lira historia s. Hertz in Haupts Zeitschrift X,2. Mafsmann, Kaiserchronik III,
308 - 313.
8) Hoc perfecit opus iustus pius Otto scabinus Nussie precibus nostris, di-
lexit et hie ius. Archiv VII, 639. Gedruckt als Godefridi (nach Trithemius)
monachi S. Pantaleonis Annales, von 1162 — 1237, in der Sammlung von Freher;
der Anfang bis 1162 und eine deutsche Ucbersetzung aus dem 14. Jahrhundert
920 — 1162, in Erkhards Corpus 1,683 — 1006; von 964 — 1162 aus der römi-
schen Handschrift im Auszug bei Würdlwein Nova Subs. XIII, 1 — 40. Von
1198 — 1238 in Böhmers Fontes II, 329 — 372, und nachträglich der Anfang von
1106 an nebst einigen früher ausgelassenen Stellen 111,408 — 480. Vgl. Janssen
in den Annalen des hist. Vereins für den Niederrhein I, 100.
Digitized by Google
Konrad von Lichtenau. Chronik von S. Pantaleon. 417
Bache ohne stärkeren Beweis anzunehmen. Denn solche Aufschriften
sind häufig täuschend, und auch aus den Worten geht nicht einmal
mit Sicherheit hervor, daf3 Otto als Verfasser bezeichnet werden soll;
vielleicht hat er nur die Abschrift besorgt. Sicherer scheint der
Umstand zu sein, dafs die Stellen, welche das Pantaleonskloster be-
treffen, nicht zu dem ursprünglichen Werke gehören. Von einer ge-
naueren Untersuchung der Handschriften lassen sich weitere Auf-
klärungen erwarten; einstweilen müssen wir uns begnügen zu sagen,
dafs die Chronik in der Kölner Diöcese entstanden ist, vorzüglich
die niederrheinischen Ereignisse berücksichtigt und aus verschiedenen
Bestandtheilen zusammengesetzt ist. Auch sie beruht auf Ekkehards
Werk, aber auf derjenigen Ausgabe, welche schon mit dem J. 1106
schliefst; auch ist es hier stärker verändert und überarbeitet. Weiter-
hin stimmt vieles mit den Hildesheimer Annalen und mit dem säch-
sischen Annalisten überein. Nach dem Jahre 1139 aber lassen sich
weiter keine Quellen nachweisen, und für ein volles Jahrhundert
haben wir hier reiche und treffliche Nachrichten, mit besonderer
Beziehung auf die Reichsgeschichte ausgewählt. Denn der Verfasser
sagt ausdrücklich, dafs er eine Königschronik schreibe, und nichts
aufnehmen wolle, was für diese ungeeignet sei1); ein Hauptgegen-
stand für ihn sind aber die Kreuzzüge als eine hochwichtige Auf-
gabe der ganzen Christenheit. Mit grofser Sorgfalt hat er die Nach-
richten gesammelt, welche sich darauf beziehen, und benutzt dabei
natürlich die vielfach verbreiteten Flugblätter und Briefe, welche
sich überall in den Annalen dieser Zeit finden*). Dafs der übrige
Theil der Chronik gröfstentheils auf gleichzeitigen Aufzeichnungen
beruhe ist unzweifelhaft, und ein kleines Fragment solcher ausführ-
licher kölnischer Annalen von 1198 bis 1205, welches zum Theil
mit unserer Chronik Ubereinstimmt, ist kürzlich von Ficker entdeckt
und von Abel herausgegeben8).
Im Allgemeinen beschränkt sich der Verfasser unserer Chronik
*) Nil quod regie cronice dignutn sit inprimi, hoc actum est itincre, ad a. 1148.
*) Dergleichen Berichte hatte man natürlich sehr viel. Ein gröfseres Werk,
Ilistoria Terrae Sanctae, schrieb der Kölner Seholasticus Oliver, ein geborener
Westfale, später Bischof von Paderborn und Kardinal von S. Sabina, j- 1225, der
in Westfalen und Friesland mit -grofsem Erfolge das Kreuz predigte, dann den Zug
gegen Damiette selbst mitmachte und sogar den Sultan durch Briefe zu bekehren
versuchte. Seine Schriften sind nur theilweise und mangelhaft gedruckt, als Hist.
Regum Terrae Sanctae, Ece. Corp. II, 1355 u. Hist Damiatina, ib. 1398. Böhmer
Reg. Imp. p. LXXII. Fickers Engelbert von Köln S. 251. Ein anderer Bericht
über den Zug gegen Damiette im Memoriale Polestatum Regiensium bei Muratori
VIII, 1101.
*) König Philipp S. 274-277. S.276 Z.3 ist zu lesen: hac supercreatione. Andere
neu entdeckte Reste von Kölner Annalen sind in den Monum. Germ, zu erwarten.
27
Digitized by Google
418
V. Staufer. § 18. Die Reichsgeschichte.
auf eine gedrängte Berichterstattung; er dringt nicht so, wie Burchard
ira letzten Theile seines Werkes, in den Zusammenhang der Dinge
ein und hält sich mehr an die Aeufserlichk eiten; eigene Urtheile
erlaubt er sich selten und nur Uber nahe liegendes, wie er denn
häufig offenbar mit Vorsatz seine Ansicht verschweigt ; auch da, wo
er von Konrad von Marburg berichtet, den doch selbst der Papst
für unsinnig erklärt haben soll, wägt er mit gröfster Vorsicht seine
Worte und sagt nur, dafs dieser Konrad, wenn es erlaubt sei so zu
sprechen, mit zu übereiltem Spruche viele verurtheilt habe '). Freilich
waren die Scheiterhaufen, die damals rund umher leuchteten, eine
eindringliche Mahnung zur Behutsamkeit.
Wie viel nun übrigens hiervon dem letzten Verfasser der Chronik,
wie viel den Urhebern der einzelnen gleichzeitigen Notizen zuzu-
schreiben sei, läfst sich jetzt wenigstens noch nicht beurtheilen; das
Lob des Kaisers Lothar findet sich wörtlich gleichlautend beim
sächsischen Annalisten. Eigenthümlich ist aber hier die geschicht-
lich unrichtige Nachricht Uber seinen Streit mit dem Papste wegen
der Erbschaft der Gräfin Mathilde, indem der Kaiser wegen seiner
Nachgiebigkeit entschuldigt, dem Papste aber Unrecht gegeben wird.
So herrscht auch im Folgenden der kaiserliche Standpunkt vor; so
weit es möglich ist, wird nach der Weise der alten Reichsannalen
der regierende Kaiser als legitim und berechtigt betrachtet, und was
er thut als wohlgethan. Ist der Papst sein Gegner, so wird das
kurz und ohne weitere Bemerkung ausgesprochen, aber wenig Rück-
sicht darauf genommen. Otto IV heifst der Kaiser bis an seinen
Tod; als Kölner ist der Chronist ihm sehr zugethan, wendet sich
aber doch nicht minder auch Friderich II zu, sobald dieser die An-
erkennung der Fürsten erlangt.
Dadurch, dafs die Reichsgeschichte ihrer Natur nach kaiserlich
ist, erklärt es sich, dafs sie verstummt, wenn die Unruhe im Reiche
überhand nimmt und sich kein Mittelpunkt mehr zeigt, an den sie
sich halten könnte. In auffallendster Weise zeigt sich dieses bei der
ungünstigen Wendung, welche Friderichs II Geschick im Jahre 1238
erhielt, und der von neuem ausbrechenden Zwietracht mit dem Papste.
Denn mit dem Jahre 1238 endigt auch eine dritte Hauptquelle, die
erst kürzlich von Böhmer entdeckten und bekannt gemachten Strafs-
burger Annalen2).
*) si fas est dici, nimis precipili sententia sunt addicti , ad a. 1233. In den
Wormser Annalen heifst es, der Papst habe gesagt: Ecce Alemanni semper erant
furiosi, et ideo nunc habebant iudices furiosos. Fontes II, 177.
2) Annales Areentinenses von 631 bis 1100 auszugsweise, dann vollständig
bis 1238. Fontes UI, 66 — 113, wodurch der frühere unvollkommene Abdruck
Digitized by Google
Chronik von S. Pantaleon. Die Strafaburger Annalen. 419
Diese Annalen schliefsen sich nicht der Chronik des Ekkehard
an, sondern der Chronik des Otto von Freising; sie finden sich mit
derselben in einer (jetzt Jenenser) Handschrift und sind verfafst mit
der ausgesprochenen Absicht, eine Ergänzung zu diesem Werke zu
geben. Die kurzen Strafsburger Annalen von 637 bis 1207 bilden
gewissermafsen die Grundlage; sie sind ergänzt mit Benutzung von
Einhards Leben Karls, mit dem aber hier schon Turpins LUgen
verbunden sind, von Bernold, und dem Leben Friderichs I von Otto
von Freising; dazu treten dann, aufser einem Bericht Uber den
Kreuzzug gegen Damiette, vielleicht demselben, welchen Konrad von
Lichtenau benutzte, der aber hier nur angeführt ist, gleichzeitige
Aufzeichnungen aus dem Elsafs, deren wechselnde Reichhaltigkeit
auch den Werth unserer Chronik bestimmt. Am bedeutendsten sind
sie für die Jahre 1180 — 1201; dann werden sie unbedeutend bis
1208, wo die eigene Arbeit des letzten Verfassers beginnen mag.
In dieser Entstehungsgeschichte zeigt sich also eine grofse Aehnlich-
keit mit der Chronik von S. Pantaleon, und diese bewährt sich auch
darin, dafs der Ort der Abfassung hier ebenfalls zweifelhaft ist.
Beziehungen auf das Augustiner Chorherrenstift Marbach1) und auf
das Cisterzienserkloster Neuburg an der Motter kommen vor; sie
sind aber nicht der Art, dafs der Verfasser mit Bestimmtheit einem
der beiden zugeschrieben werden könnte; nur das steht fest, dafs
so wie die Chronik von 8. Pantaleon im Kölner, so diese im Sprengel
von Strafsburg entstanden ist. Der Verfasser ist wie Burchard ent-
schieden staufisch gesinnt und seine Mittheilungen sind von grofsem
Werthe.
Damit endigt nun die Reichsgeschichte. In Strafsburg knüpft
erst zur Zeit Rudolfs von Habsburg Gotfrid von Ensmingen
wieder an die alten Annalen an und füllte den Zwischenraum mit
einer kurzen Uebcrsicht aus2). Auch der Abt Hermann von Altaich
gehört nicht mehr dieser Periode an, da er wohl nicht vor 1265
seine Chronik verfafste, und an die Werke Ekkehards und Ottos von
Freising nichts anderes anzufügen hatte, als die Salzburger Annalen
II, 96 — 107 überflüssig wird. Hier waren sie nämlich ans dem Fragmentum histo-
ricum Auctoris incerli apud Urstisium genommen, eigentlich dem Anfang der Chro-
nik Alberts von Strafsburg. Vgl. auch Reg. Imp. p. LXIX. Wilmans: Das Chroni-
con Marbacense, sonst Annales Argenlinenses genannt und sein Verhältnifs zu den
übrigen Geschichtsquellcn des Elsasses, Archiv XI, 115 — 139.
1) in der Nähe von Kolmar, mit dessen Annalen diese Verwandtschaft zeigen.
a) Gotfridi de Ensmingen Gesta Rudolf! et Alberti regum Ronianorum, Fontes
II, 108 — 147. Vgl. Fontes III, XXVII und p. 120 — 136 desselben Relatio de con-
flictu apud Husbergen 1260 — 1262.
27*
Digitized by Google
420 V. Staufer. § 18. Die Reichsgeschichte. § 19. Kaiserchroniken.
bis 1234, darauf aber in der dürftigsten Weise bis 1250 fortfährt
und erst von hieran Bedeutung gewinnt').
Nicht unerwähnt dürfen wir endlich die Chronik des Engländers
Matheus von Paris lassen, obgleich sie der deutschen Historio-
graphie fern steht; er baute (bis 1235) auf der Chronik des Roger
von Wendover, wie die Deutschen auf Ekkehard. Aber er hat eine
so reiche Fülle von Nachrichten Uber die letzten Kämpfe der Staufer
aufbewahrt, dafs er hier zeitweise als die Hauptquelle anzuerkennen
ist, und um so schätzbarer, weil er diese Verhältnisse in gröfserem
Zusammenhänge auffafste, nicht auf die Grenzen eines Reiches be-
schränkt. Er war Mönch von S. Albans in England, stand aber dem
König Heinrich HI nahe, war eng befreundet mit König Hakon von
Norwegen und hatte die besten Gelegenheiten, Nachrichten Uber die
Weltbegebenheiten einzusammeln und wichtige ActenstUcke zu er-
halten, die er vollständig in seine Chronik aufnahm. Dafs über die
entfernten Begebenheiten auch falsche Berichte ihm zukamen und
Aufnahme in sein Geschichtswerk fanden, ist nicht zu verwundern.
Sehr geneigt war Matheus zu scharfem Urtheil und schonungsloser
Verwerfung, und niemanden greift er bitterer an als den päpstlichen
Stuhl, während er Friderich H preist; demgemäfs findet er auch noch
heut zu Tage je nach der politischen Gesinnung des Lesers Lob
und Tadel“).
§ 19. Kaiserchroniken.
Alle die Werke, welche wir eben betrachtet haben, sind in der
Form von Annalen abgefafst, welche nun einmal seit alten Zeiten
üblich war und für die geschichtliche Genauigkeit grofse Vortheile
darbot. Andererseits beengte sie die Darstellung, und es hat daher
auch nie an Männern gefehlt, welche sich von dieser Fessel los-
machten. Wer wie Otto von Freising die ganze Weltgeschichte nach
bestimmten Gesichtspunkten überblicken wollte, konnte sich an solehe
Schranken nicht binden. Anderen war die annalistische Form zu
umständlich, indem sie nur bezweckten eine kürzere Uebersicht der
Geschichte zu geben; zu diesem Zwecke genügte ihnen als chrono-
logischer Anhalt die Folge der Kaiser, und sie hatten daran zugleich
') Hermann! Altahensis Annales mit der Fortsetzung Eberhards 1152 — 1305,
Fonles II, 486 — 554.
“) Mal bei Parisiensis Historia major 1066 — 1273. Beste Ausgabe von Wats,
London 1684. Französisehe Ueberselzung von Huillard - Bre'holles, Paris 1849,
9 Bände. 8. Vgl. Böhmer, Reg. Imp. p. LXXIX. Pauli III, 881-883. Rogeri
Wendover Flores Historiarum ed. Coxe, 1841—1844. 8. enthalten im letzten Bande
die Varianten des M. P. bis 1235.
Digitized by Google
Matheus von Paris. Sächsische Weltchronik. 421
einen bequemen Rahmen, in dem sich alles Denkwürdige anbringen
liefe. Ekkehard hatte beides vereinigt und mancher folgte seinom
Beispiel, während andere sich mit einer summarischen Zusammen-
stellung der Ereignisse unter jedem Kaiser und einer Charakteristik
desselben begnügten. So verfuhr im zwölften Jahrhundert Honorius
und im dreizehnten der Verfasser der Sächsischen Weltchronik1),
der ersten prosaischen Chronik in deutscher Sprache, durch deren
lange erwartete Herausgabe sich jetzt Mafsmann ein neues Verdienst
erworben hat. Die Frage Uber ihren Verfasser ist aber auch dadurch
noch nicht zum Abschlufs gebracht. Die gereimte Vorredo scheint
mit den Worten:
logene scal uns wesen leit,
dat is van Repegowe rat.
auf Eike von Repgow als den Verfasser hinzuweisen, allein Homeyer
hat sich dagegen erklärt, und an einer anderen Stelle (p. 165) steht:
We geistliken lüde, so dafs doch wohl nicht zu bezweifeln ist, dafs
der Verfasser ein Geistlicher war. Die Zeit der Abfassung wird
dadurch festgestellt, dafs zwei Handschriften nur bis 1230 gehen
und der letzte Abschnitt offenbar noch bei Lebzeiten Friderichs II
geschrieben ist. Die Untersuchung über die Quellen und auch wohl
über das Verhältnifs der Handschriften gewinnt eine ganz neue Ge-
stalt dadurch, dafs eine Hauptquelle, die Pöhlder Chronik, erst jetzt
ans Licht kommt. Weiterhin giebt der Verfasser sehr gute Nach-
richten, namentlich über die Kämpfe zwischen Otto und Philipp,
wo wohl jetzt verlorene Quellen benutzt sein mögen. Er stellt unter
jedem Kaiser die wichtigsten Ereignisse zusammen, ohne Beschrän-
kung auf ein besonderes Gebiet, aber doch mit vorzüglicher Berück-
sichtigung der norddeutschen Lande. Eine tiefer gehende historische
Auffassung findet sich nicht, man kann kaum sagen ob der Verfasser
kaiserlich oder päpstlich gesinnt war: er beschränkt sich in der
Regel auf einfache kurze Erzählung. Nur einmal erhebt er sich zu
einer längeren Betrachtung, die aber einfach moralischer Natur ist,
in der an Kaiser Constantin angeknüpften schönen Stelle Uber das
Leben der ersten Christen und die seitdem eingerissene Verderbtheit,
namentlich der Geistlichkeit. Bestimmte Jahreszahlen giebt er, aus-
*) Mit Interpolationen bei Eccard Corp. 1, 1315 ff. als Lüneburger Chronik.
Der letzte Theil, von Lothar dem Sachsen bis auf Albreeht, bei Mafsmann, Kaiser-
chronik II, 685 — 721. Vgl. III, 75 — 81. Ficker de Heinrici VI Conatu p. 23 — 28.
Friedr. Pfeiffer, Untersuchungen über die Repegowische Chronik. Bcrl. 1854. 8.
Stalin II, 13. Jetzt vollständig in der Bibi, des Litt. Vereins XLII: Das Zeitbuch
des Eike von Repgow, herausgee. v. H. F. Mafsmann. 1857. Anzeige von Friedr.
Pfeiffer im Centralbl. 1858 Sp. 223.
Digitized by Google
422 V. Staufer. § 19. Kaisercbroniken. § 20. Die Dominikaner.
genommen bei den Kaisern selbst Uber ihre Wahl und ihren Tod,
nur selten an, folgt aber doch im Ganzen der chronologischen Ord-
nung und unterscheidet sich deshalb nicht sehr von den früher er-
wähnten Annalen, welche er ja auch zu Grunde legte. Aber das
Beispiel der Abweichung von dieser Form war bedeutend; es gab
späteren Schriftstellern Anlafs, in ähnlicher Weise sich auf die Reihe
der Kaiser und einige Hauptbegebenheiten zu beschränken.
Diese Chronik wurde bis ans Ende des Jahrhunderts fortgesetzt
und vielfach interpolirt, besonders aus der ebenfalls deutschen, sonst
aber sehr verschiedenartigen Kaiserchronik, die auch schon in Prosa
aufgelöst vorhanden war. Eine in solcher Weise erwachsene Um-
bildung der sächsischen Chronik ist die von Eckhart (Corp. I, 1315
bis 1412) herausgegebene Lüneburger Chronik (742 bis 1248);
diese wurde lateinisch bearbeitet von dem Dominikaner Konrad
von Halberstadt, der sie bis 1353 fortsetzte1). Auch das ursprüng-
liche Werk war bereits ins Lateinische übersetzt und ist als Historia
Imperatorum gedruckt“). Lateinisch und deutsch scheint es viel
gelesen zu sein; die Braunschweigische Reimchronik3) beruht
darauf und nicht minder die Chronik des Strafsburgers Fritsche
Closener4), aber es scheint daneben auch noch andere Sachsen-
chroniken gegeben zu haben, deren Spuren sich beim Korner und
Heinrich von Hervord finden6).
Sehr mager ist eine ganz kurze Kaiserchronik bis auf Wilhelm
von Holland, die sich häufig mit dem sächsischen Weichbildrecht
verbunden findet*), wie man ja gerne den Gesetzbüchern eine ge-
drängte Uebersicht der Regentenfolge voranstellte.
§20. Die Dominikaner.
Das Aufkommen und die rasche Verbreitung der Bettelmönche
brachte in die Geschichtschreibung ein ganz neues Element. Die
bisher betrachteten Schriftsteller schrieben die Geschichte entweder
l) s. Lappenberg, Archiv VI, 385.
а) Meucken SS. III, 63 — 128. Für Uebersetzung erklärten es Waitz und
Ficker. Näher nachgewiesen von Pfeiffer S. 47 — 51. Jetzt auch von Mafsmann
neben dem deutschen Texte gedruckt.
3) Leibn. SS. Brunsv. III, 1 — 147. Scheller, Kronika fan Sassen, Braunschweig
1826. 8. Vgl. Lappenberg, Archiv VI, 390 — 403. Sie geht in eine Chronik der
Braunschweigischen Fürsten bis 1279 aus.
4) Ausg. v. Strobel u. Schott, Bibi, des Litt. Vereins I. Vgl. Mafsmann p. 614.
б) Waitz, Heinrich I S. 185. J. Grimm in den Nachrichten v. d. Gott Ges.
der Wissensch. 1856 S. 99 ff.
6) Chronicon brevc Magdeburgense, Mencken SS. III, 349 — 360. Vgl. Pfeiffer
S. 17—21. Centralbl. 1855 Sp. 450.
Digitized by Google
Sächsische Kaiserchronik. Die Dominikaner.
423
ganz einfach um ihrer selbst willen, oder im Interesse des Klosters,
des Bisthnms, dem sie angehörten, das durch tausend Fäden mit der
Reichsgeschichte in Verbindung stand. Dieser feste Boden fehlte den
Bettelmönchen, welche keinen Grundbesitz hatten. Sie schrieben
Geschichte um zu lehren, um Handbücher für ihre Disputationen und
Vorrathskammern für ihre Predigten zu haben. Auf Urkunden kam
es ihnen dabei nicht an, aber desto mehr auf allerlei Geschichten,
die sich gut anwenden liefsen. Sie mufsten Compendien zum be-
quemen Gebrauch und daneben grofse Encyclopädien haben, in denen
sie alles leicht aufsuchen konnten, dessen sie gerade bedurften1).
Natürlich war es die allgemeine Geschichte, welche sie in solcher
Weise behandelten; die specielle mufste ihnen ursprünglich ganz
fremd bleiben, da sie von dem Boden, auf welchen sie lebten, ganz
abgelöst waren und blindlings dem Rufe in die weiteste Ferne folgten.
Allein dieses änderte sich sehr bald und schlug sogar in das Gegen-
theil um. In den Städten angesiedelt, zogen sie ihre Mitglieder aus
den Bürgersöhnen und standen bald zu den Gemeinden der Städte,
die ihnen unmittelbar ihren Unterhalt gewährten3), in viel genauerer
Beziehung, ja in gröfserer Abhängigkeit, als jemals die älteren
Mönchsorden mit ihrem Grundbesitz von weltlichen Gewalten ge-
wesen waren. Es konnte nicht fehlen, dafs auch unter ihnen Ordens-
brüder sich fanden, welche Neigung zur Geschichte hatten; ihre
Klöster boten dazu wenig Stoff und so finden wir denn gerade sie,
was beim Ursprung des Ordens wohl niemand sich hätte träumen
lassen, frühzeitig mit der Abfassung von Städtechroniken beschäftigt,
so wie sie auch, wenn ein Interdict verhängt war, für den Gottes-
dienst sorgten. Andere fafsten ihre Aufgabe weiter, dehnten sie über
eines der neu entstehenden Territorien aus und schrieben Landcs-
geschichten; dabei liebten es denn besonders die Dominikaner, den
Reichthum ihrer Gelehrsamkeit in diesen Werken anzubringen. Diese
Entwickelung gehört jedoch hauptsächlich der späteren Zeit an, jetzt
*) Vgl. über diese Neigung der Dominicaner, welche hier vorzüglich in Be-
tracht kommen, J. Grimm in den Nachrichten von der Gott. Univ. 1856 S. 94. 95.
Charakteristisch sind auch die Worte des Minoriten (1290) in der Vorrede der
Flores temporum: Cum in predicatiohibus dicerem populo: Hodie tot anni sunt
quod iste Sanctus migravit ad celos, admirantes fratres et derici exegerunt a me
copiatn exemplaris et rationem de numero usuali.
2) Lappenberg, Hamburgiscbe Chroniken I, 52: De pater minister wil juw
dosier nicht upholden, sunder gi plegen mit juwen secken, wan gi (lesch und molt
bidden, to uns to kamen, und wi sin de genne de juw moten foden. Darum segge
wi juw dut in ernste: so gi uns den man Talen, so scolden juwe seeke vul wedder
int closter kamen ; dar gi uns hirinne entgegen sin und senden en wech, so scolden
juwe secke leddich to cToster kamen.
Digitized by Google
424
V. Staufer. § 20. Die Dominikaner.
sind nur noch die Anfänge zu bemerken, die schon erwähnten Auf-
zeichnungen der Dominikaner in Kolmar und Strafsburg, welche noch
nicht so bestimmt auf ein Gebiet beschränkt sind, sondern in bunter
Fülle alles enthalten, was ihnen Merkwürdiges vorkam.
Unter den grofsen Sammelwerken mufs ich zuerst die Chronik
des Albericus1) nennen, der freilich kein Bettelmönch war, aber
völlig dieser Richtung angehört und bei dem zuerst die bestimmte
Beziehung auf praktische Anwendung seines Werkes zum Behuf der
an den Universitäten üblichen Disputationen hervortritt. Er war
Mönch in dem Kloster Neuf Moutier bei Huy, führt aber durch irgend
eine unerklärte Verbindung den Beinamen von Trois-Fontaines nach
einem anderen Kloster. Er compilirte eine grofse Weltchronik bis
z. J. 1241, die mosaikartig zusammengesetzt ist aus Stellen verschie-
dener Autoren, jede mit dem Namen des Verfassers bezeichnet, um
sich beim Disputiren darauf stützen zu können. Dazwischen redet
er selbst als Autor, voll von gelehrtem Stolze, besonders auf seine
Chronologie, die er gegen Widersacher zu behaupten immer bereit
ist. Gegen jedermann, sagt er, wolle er seinen Satz beweisen durch
sichere Autoritäten2). Dennoch reicht seine Kritik nicht weit, denn
zu diesen sicheren Autoritäten gehören auch die Visionen der li. Eli-
sabeth von Schönau Uber die h. Ursula und ihre 11000 Jungfrauen
und Turpin nebst anderen Romanen ähnlichen Schlages. Sein ge-
lehrter Apparat war aber sehr umfassend und manches jetzt ver-
lorene ,Werk befand sich darunter ; in den letzten 20 Jahren endlich
hat er auch eigenthümliche Nachrichten und ist für diese Zeit nicht
unwichtig.
Die colossalste Compilation, welche den ganzen Kreis des mensch-
lichen Wissens umfassen sollte, trug ein Dominikaner zusammen,
Vincenz von Beauvais, der Verfasser des universalen Spiegels
( [Speculum naturale, doctrinale, Aistoriale ), von dem eine Abtheilung
auch die Geschichte umfafste. Er schrieb sein Werk 1244, aber das
31. Buch des Geschichtspiegels ist erst später vollendet8). Es ist
eine weitschweifige Compilation, untermischt mit moralischen Be-
trachtungen. Sie verdiente wohl eine genaue Untersuchung in Bezug
auf ihre Quellen, aber für die deutsche Geschichte wird sie schwerlich
viel Gewinn liefern.
*) Alberici monachi Trium Fontium Chronicon ed. Leibnit. Access. Histor. II.
Varianten bei Mencken I, 37 — 90. Vgl. die gründliche Abhandlung über ihn und
seine Quellen von Wilmans, Archiv X, 174 — 246. Böhmer, Reg. Imp. p. LXVIII.
2) et hoc paratus sum probare certis auctoritatibus contra omnes rompotistas
et chronographos si fuerint contradictores.
s) Archiv VI, 589. Vgl. Schlosser, Vincenz von Beauvais. Er starb 1264.
litized by Google
Albericus. Vincenz von Beauvais. Jacob von Genua.
425
Wie nun aber die Eneyelopädie dem Compendium ihrer Natur
nach, ungeachtet des verschiedenen Umfanges, gar nicht fern Bteht,
so lieferte auch bereits Vincentius selbst einen Auszug seines Ge-
schichtspiegels unter dem Titel: Memoriale Temporum1).
Eine ganz kurze Uebersicht der Geschichte von der Ankunft
der Langobarden in Italien bis auf das Concil von Lyon findet sich
an einem Orte, wo man sie nicht sucht, oder wenigstens nicht zu
finden pflegt, denn immer wieder wird dieses völlig werthlose Stilck,
welches höchstens dazu dienen kann zu zeigen, wie ein echter Do-
minikaner die Geschichte mifshandelte , als etwas neues aufgetischt.
Es ist dieses das 176. Capitel der Goldenen Legende des Jakob von
Genua, nach welchem auch das ganze Werk den Namen der Lom-
bardischen Geschichte führt’). Der Verfasser trat 1244 in den Pre-
digerorden, wurde Provinzial und Generalvicar, zuletzt aber von
1292 — 1298 Erzbischof von Genua. Es versteht sich von selbst,
dafs sich die Predigermönche sehr bald auch der Legende bemäch-
tigt hatten, sie war ihr besonderes Eigen thum, aber ihrer ganzen
Richtung gemäfs achteten sie nicht auf den geschichtlichen Inhalt
der alten besseren Biographien; ihnen war es nur um die Wunder,
Kasteiungen, Visionen u. dgl. zu thun und deshalb sind denn auch
von nun an die neu entstehenden Heiligengeschichten fast völlig un-
brauchbar für die Geschichte. Eine Nonne, deren gröfstes Verdienst
darin bestand, sich niemals gewaschen zu haben, kann höchstens
als abschreckendes Beispiel in einer Geschichte des Aberglaubens
figuriren, und solcher Art sind die Heiligen, welche Thomas von
Chatimpr6 verherrlichte. Von einiger Bedeutung sind nur die Lebens-
beschreibungen der heiligen Hedwig und ihrer Nichte der Land-
gräfin Elisabeth; aber in diesen beruht das geschichtlich Merk-
würdige auf den Aufzeichnungen Engelberts von Leubus und des
Kaplans Berthold. Besäfsen wir jene, so würde vermuthlich auch
die Hedwigslegende den gröfsten Theil ihres Werthes verlieren. Man
täuschte sich schon im späteren Mittelalter durchaus nicht Uber den
Unwerth der gewöhnlichen Legenden, wie sich deutlich genug aus
den Parodien ergiebt. Völlig in dem herkömmlichen salbungsreichen
Stil gehalten ist das Leben des h. Niemand, jenes wunderbaren
Mannes, der seiner Elle eine Länge zusetzen konnte, der die Tiefen
*) Bis zum zweiten Jahre Innocenz IV. Anfang: Quoniam ut olim seriptura.
2) Anfang: Pelagius papa multe sanrtitatis , weil die Geschichte der Legende
vom Papst Pelagius angehängt ist. Jacobi a Voragine Legcnda Aurea vulgo Ilisto-
ria Lombardica dieta ed. Grässe. Ed. 11. Lips. 1850. 8. p. 824. Noch Archiv XI,
356 wird dieses Stück von Waitz als ungedruckt aufgeführt, wie schon früher
VIII, 665.
Digitized by Google
426 V. Staufer. § 20. Die Dominikaner. § 21. Martin v. Troppau.
des Meeres kannte und so vieles andere wufate und vermochte, was
dem gewöhnlichen Sterblichen durchaus unmöglich ist1).
Das hinderte nun freilich nicht, dafs nicht Jakobs Werk, eine
compendiarische Zusammenfassung des ganzen vorhandenen Le-
gendenvorraths , sehr hoch gehalten wurde, sich in zahllosen Hand-
schriften verbreitete und aufserordentlich oft gedruckt wurde.
Etwas mehr Werth als Jakobs von Genua Lombardische Ge-
schichte hat die Compilation eines Thüringer Dominikaners bis
z. J. 1261, welche ebenfalls sehr weit verbreitet war und um so mehr
Beachtung verdient, da sie vielfach mit Zusätzen und Fortsetzungen
vorkommt. Sie ist denn auch bis jetzt noch nicht in ihrer ursprüng-
lichen Gestalt gedruckt, sondern nur versteckt in der Chronik des
Braunschweiger Aegidienklosters und in einer grofsen Compilation
bei Pistorius2).
§ 21. Martin von Troppau.
Eine aufserordentlich beliebte Form für die Chronisten des vier-
zehnten Jahrhunderts war die abgesonderte und parallele Behandlung
der Päpste und Kaiser. Der Erfinder dieser Einrichtung scheint
ein gewisser Gilbert' zu sein, dessen bis 1226 reichendes Werk
noch ungedruckt ist3). Sein Name ist verdunkelt durch Martin
von Troppau, welcher seinem Beispiele folgte und bald fast der
ausschliefsliche Geschichtslehrer für die katholische Welt wurde.
Bruder Martin war gebürtig aus dem Königreich Böhmen, aus
Troppau *). Er trat in den Dominikaner - Orden ein und wurde
päpstlicher Kaplan und Pönitentiar; lange Zeit soll er in dieser
Stellung geblieben sein, dann ernannte ihn 1278 Papst Nikolaus HI
zum Erzbischof von Gnesen. Das ist wohl der Grund, weshalb man
ihn in neuerer Zeit allgemein den Polen nennt; er hat aber sein
Erzbisthum nie erreicht, indem er schon auf der Reise nach Gnesen
gestorben ist. Er hat Predigten geschrieben, hat eine alphabetische
Uebersicht über Gratians Decret und die Decretalen verfafst, die er
die Perle des Decrets (Margarita Decreti) nannte, und er hat dann
*) Ine. vila sanctissimi et gloriosissimi Neminis. Beatus igitur Nemo iste
eontemporaneus Dei patris u. s. w. Archiv V, 67. X, 691. Ulrich von Hutten
hat dieselbe Idee in seinem Ulis ausgeführt. Aehnlich ist die Vita S. Igitur.
2) Chron. S. Aegidii, Leibn. SS. Brunsvic. III, 558. Compilatio Chronologica,
Pistor. I, 705. Vgl. Wegele in dem Vorwort zu den Annales Reinhardsbrunnenses
S. XXIX. Wattenbach, Iter Austriacum p. 11.
3) s. Archiv V, 174. VI, 744. Nach Lappenberg hat Albert von Stade
es benutzt
4) de regno Boemie oriundus patria Oppaviensis heifst es in der Vorrede
seiner Geschiente, wenigstens in einer Handschrift.
Digitized by Google
Chronicon S. Aegtdii. Martin von Troppau.
427
auch die Weltgeschichte in ein Compendium gebracht, znm Gebrauch
für Theologen und Kanonisten. Denn diesen, sagt er, sei cs nützlich
und notliwendig, die Chronologie der Kaiser und Päpste zu kennen ').
Einen höheren Zweck nimmt er für sein Werk gar nicht in Anspruch;
es sollte ein bequemes Handbuch sein, und diese Aufgabe hat er
insofern mit grofsem Erfolg gelöst, als kein anderes Geschichtsbuch
des Mittelalters eine so grolse Verbreitung gefunden hat. Der innere
Werth entspricht freilich diesem Erfolge durchaus nicht; es ist nicht
allein eine ganz oberflächliche Compilation, sondern es haben erst
durch dieses Werk alle die Fabeln, welche nach und nach in die
Geschichte eingedrungen waren, recht festen Fufs gefafst und eine
völlige Herrschaft gewonnen, die nur durch die wissenschaftlichen
Bestrebungen der neueren Zeit erschüttert werden konnte. In manchen
Abschnitten, z. B. in der Geschichte der Ottonen, ist die wahre Ge-
schichte bei ihm vollständig verschwunden und nur die Märchen
sind geblieben.
Aeufserlich richtete Bruder Martin sein Werk so ein, dafs auf
je zwei Seiten immer die Päpste und Kaiser sich gegenüber standen;
jede Seite hatte 50 Zeilen, jede Zeile war für ein Jahr bestimmt.
So ist die erste Ausgabe beschaffen, welche bis 1268 reicht2). Hier
hatte Martin mit den Päpsten und Kaisern begonnen; nachträglich
aber fügte er auch noch eine Uebersicht der alten Geschichte hinzu,
und indem er zugleich die PapstgeBchichte weiter führen wollte,
fand er beim J. 1276 den unangenehmen Fall, dafs drei Päpste auf
ein Jahr kamen. Darum verwarf er nun die frühere, ohnehin lästige
Einrichtung, um so mehr, da die Reihe der Kaiser jetzt auf hörte;
er gab deshalb auch hier eine mehr zusammenhängende Uebersicht
über verschiedene Begebenheiten dieser Zeit3). Die Wahl Rudolfs
erwähnt er gar nicht, obgleich er die Chronik der Päpste bis 1277
fortsetzte. In dieser Bearbeitung fand auch die Fabel von der
Päpstin Johanna zuerst Aufnahme in die Geschichte und behauptete
sich lange Zeit neben dem übrigen Wüste ; keine hat mehr Aufsehen
erregt, schädlicher aber wirkten andere, wie z. B. die Einsetzung
der sieben Kurfürsten durch den Papst Gregor V, und überhaupt die
') Quoniam scire tempora stimmorum Pontificum Romanorum et Imperatorum
et aliorum principum ipsorum coutemporaneorum , quam plurimum inter alios
Theologis et Jurisperitis expedit, ego Martinus domini pape penitenciarius et ca-
pellanus etc.
2) per Jo. Fabricium, Col. 1616 fol. und in der Kulpis -Schilterischen Sam ml.
3) Dieses Stück ist in Böhmers Fontes II, 457 — 461 abgedruckt. Der zweiten
Bearbeitung gehört die Ileroldsche Ausgabe, Basel 1559 fol., und opera Suffridi
Petri 1574. 8. Vgl. Böhmer Fontes II, XLI1I, und über die Handschriften Archiv
V, 183. VII, 655 nebst den Registern der folgenden Bände.
Digitized by Google
428 V. Staufer. § 21. Martin v. Troppau. § 22. Lieder der Vaganten.
ganze grundfalsche Auffassung der Geschichte. Dadurch hat diese
elende Compilation einen sehr nachtheiligen Einflufs gehabt, denn
sie verbreitete sich in alle Länder, wurde in alle Sprachen Über-
setzt und genofs wegen der Stellung des Verfassers einer grofsen
Autorität. Ueberall diente nun die Martinianische Chronik als Vor-
bild und als Grundlage für weitere Fortsetzungen, sowie früher
Sigebert, Ekkehard, Otto von Freising, und an die Stelle dieser
wahrhaftigen und nützlichen Werke trat somit nun ein jämmerliches
Gemisch von Fabeln und Unwahrheiten.
Martins Werk ist fast nur litterarisch von Bedeutung; als Ge-
schichtsquelle gewinnt es nur durch die Fortsetzungen Werth,
aber diese sind noch sehr wenig gesichtet. Schon in dem ursprüng-
lichen Werke warfen manche Abschreiber die Päpste und Kaiser
durch einander, und dies trug mit dazu bei, dafs die Fortsetzer
häufig die einfache annalistische Form annahmen, während andere
sich der ursprünglichen Anlage anschlossen. Böhmer hat eine Fort-
setzung aus dem Kloster Aldersbach bis 1286 mitgetheilt, welche
fast vollständig enthalten ist in einer Fortsetzung der Salzburger
Annalen1 * *). Ueberhaupt sind nur wenige Fortsetzungen wirklich als
solche verfafst, die meisten sind nachträglich anderen Werken ent-
nommen. So ist die sogenannte österreichische Fortsetzung
bis 1343 nur ein Auszug aus der Geschichte des Johannes von
Vitring a). Vielfach ist zu diesem Zwecke die Kirchengeschichte des
Dominikaners Ptolemeus, eigentlich Bartholomeus, von Lucca be-
nutzt, eines Schülers des Thomas von Aquino und Bibliothekars bei
Johann XXII, der 1327 als Bischof von Torcello starb8). Vorzüglich
zu beachten ist auch die leider noch ungedruckte Papst- und Kaiser-
geschichte des BernardusGuidonis, ebenfalls eines Dominikaners,
der Inquisitor in Frankreich war und 1331 als Bischof von Lodeve
in Languedoc gestorben ist4 * * *).
Allein wir haben die Grenzen unserer Aufgabe bereits erreicht.
Die brauchbaren und dankenswerten Werke der Dominikaner ge-
hören einer späteren Zeit an, und es ist billig zu bemerken, dafs
sie sich hier um die Geschichte bedeutendes Verdienst erworben
i) Fontes II, 461-464. Mon. SS. IX, 802—810.
*) Continuatio Austriaca, Ecc. Corp. I, 1413 — 1460. S. Böhmers Vorrede
zum Johannes Vidoriensis, Fontes I, XXIX.
3) Ptolemaei Lucensis Ilistoria Eeclesiastica, bis 1312, bei Murat. SS. XI, 741.
Vgl. Böhmer, Reg. Imp. p. LXXV1I.
4) Aus seinen Flores cronicarum sind nur Bruchstücke der Papstgeschichte
gedruckt bei Murat. SS. III, und Baluzii Vitae Paparum Avenion. Vgl. Archiv
V, 197.
Digitized by Google
Martins Fortsetzer. Die Vaganten.
429
haben; im dreizehnten Jahrhundert wirkten sie aber durchaus schäd-
lich, und die sorgfältige, gründliche und kritische Erforschung der
Geschichte des früheren Mittelalters, welche im zwölften Jahrhundert
so eifrig betrieben war, wurde durch Martins von Troppau Chronik
fast vollständig erstickt.
§ 22. Die Lieder der Vaganten und andere Dichtungen.
Wir haben die Chronisten bis an die Grenzen des Zeitraumes
verfolgt, den zu betrachten wir uns vorgenommen hatten. Es bleiben
noch verschiedene Schriften zu erwähnen übrig, welche nicht eigent-
lich in das Gebiet der Geschichtschreibung fallen, die aber als Quellen
für die Kenntnifs der Zeit zu wichtig sind, als dafs wir sie hier
übergehen dürften.
Jede Schilderung des zwölften Jahrhunderts würde unvollkommen
bleiben und eines der wesentlichsten Züge ermangeln, wenn man
darin das lustige Völkchen der Vaganten und ihre Lieder vermifBte.
Die Kirche trug nicht immer das ernsthafte Gesicht, welches wir
fast allein zu betrachten Gelegenheit gehabt haben, sie konnte sich
auch von ganz anderer Seite zeigen.
Im zwölften Jahrhundert war die Kirche auf der Höhe ihrer
Macht; während sie an weltlicher Macht und an Reichthum alles
andere Ubertraf, besafs sie diesseit der Alpen noch fast ausschliefs-
lich, was von Kunst und Wissenschaft, von Geistesbildung und
feinerer Cultur vorhanden war. In Italien war das nie der Fall
gewesen, und eben jetzt ging schon die Geschichtschreibung in
Laienhände Uber; juristische und medicinische Studien waren der
Geistlichkeit geradezu verboten, während in Deutschland wohl noch
keine Urkunde hätte geschrieben werden können, wenn man auch
hier jene Concilienbeschlüsse hätte zur Ausführung bringen wollen.
In Frankreich begannen schon die Troubadours der Provence mit
der nationalen. Poesie einen Wettstreit gegen die gelehrte Bildung
der Geistlichkeit, aber gerade in Frankreich war auch die Kirche
gewaltig stark und unzählige Schaaren strömten ihr zu, wie die
unglaublich rasche Ausbreitung der neuen Mönchsorden am deut-
lichsten zeigt. Eine rasch aufflammende Begeisterung, ein plötzlich
erwachendes Gefühl von der Nichtigkeit des weltlichen Treibens, oft
auch die mahnende Stimme des Gewissens führte zahllose Schaaren
in die Klöster, allein diese Motive waren nicht immer dauernd. Viele
lockten auch von Anfang an ganz andere Seiten des geistlichen
Standes: die reichen Pfründen, die fürstliche Macht der Prälaten,
der Drang nach Wissen, der nur hier Befriedigung fand. Niedrig-
Digitized by Google
430 V. Staufer. § 22. Die Lieder der Vaganten.
geborene konnten kaum anf irgend einem anderen Wege hoffen sich
zu einer höheren ansehnlichen Stellung im Leben aufzuschwingen.
So kam es, dafs gerade die strebsamsten Geister aller Art der Kirche
zugeführt wurden ; sogar der kriegerischste Sinn fand hier das reichste
Feld zu seiner Entfaltung, seitdem Gregor und Urban der Kirche
das Schwert in die Hand gegeben hatten.
Im elften Jahrhundert freilich schien es nahe daran zu sein,
dafs alles dem Geiste des Mönchthums unterworfen wurde. Alle
weltliche Lust galt für etwas unbedingt verwerfliches, für Sünde.
Als Heinrich HI Hochzeit feierte mit Agnes von Poitou , jagte
er alle die Spielleute, welche in Schaaren herbeigekoramen waren,
fort und gab ihnen nichts; dafür erntete er hohes Lob von seinen
Freunden, den frommen und strengen Aebten und Mönchen. Auch
waren die Spfifse und Vorstellungen dieser Gaukler sehr roh und
ungeschlacht. Wenn man vor dem Kaiser zur Belustigung des Hofes
einen armen Menschen auftreten lassen konnte, der mit Honig be-
strichen war und den ein Bär belecken sollte, damit die Angst des
Unglücklichen die Zuschauer belustige, so kann man die Männer
nicht tadeln, welche solchem Treiben Einhalt thaten. Doch werden
auch damals schon die Spielleute und Fiedler manch schönes Lied
gesungen haben, und um dieselbe Zeit wird S. Bardo gerühmt, weil
er sich dieser armen Leute mildthätig erbarmte. Die Welt liefe sich
nun einmal nicht in das mönchische Joch spannen und immer we-
niger war es möglich, je mehr der Wohlstand stieg und die Bildung
zunahm. Mit den Kreuzzügen beginnt ein gewaltiger Umschwung.
Der gesteigerte Verkehr, die Bekanntschaft mit dem Morgenlande
brachte neue Anschauungen, neue Gedanken in Umlauf; sie übten
eine grofee Wirkung aus, aber sie selbst, das Ueberströmen des
herangewachsenen Occidents, waren auch wiederum eine Folge der-
selben Entwickelung, welche nicht allein die Schaaren der Ritter
zum Kampfe gegen die Heiden trieb, sondern auch Tausende von
Bürgern und Bauern, von Mönchen und Kauf leuten über die östlichen
Grenzen führte, um neue Gebiete für die abendländische Cultur zu
gewinnen.
Die Laienwelt fing an sich mündig zu fühlen, und durch das
Ritterthum gewann auch der Kriegerstand eine höhere Weihe, die
Waffen dienten nicht mehr allein zu roher Gewaltthat. In vollem
Glanze zeigte sich die weltliche Herrlichkeit auf Heinrichs V Hoch-
zeit mit Mathilde von England zu Mainz 1114, und sie entfaltete
sich immer prachtvoller auf Friderich Barbarossas grofeen Hoffesten.
Da blieb nun auch die Geistlichkeit nicht zurück. Auch sie
Digitized by Google
Weltlust des 12. Jahrhunderts. Rainald von Dassel.
431
wurde mächtig ergriffen von dem Reiz des ritterlichen Lebens, wel-
ches durch die Kreuzzllge sich mit der Kirche ausgesöhnt hatte.
Das Alexanderlied des Pfaffen Lambrecht, Konrads Rolandslied sind
durchdrungen vom kriegerischsten Geiste. Die Bischöfe, als mäch-
tige Landesherren und ReichsfUrsten waren auf ein ritterliches Leben
hingewiesen und in der Regel schon durch ihre hohe Geburt zu
fürstlichem Glanze und weltlicher Pracht geneigt. Wir sehen bereits
an Albero von Trier, dafs auch mit der strengsten kirchlichen Ge-
sinnung ein solches Leben sich vertrug. Am mächtigsten aber erhob
sich diese Richtung während Friderichs Kampf mit Alexander III,
welcher die entgegengesetzte vertrat, so vor allem in Rainald von
Dassel, dem Erzbischof von Köln, Friderichs Kanzler. Er führte
so gut das Schwert wie den Krummstab, und nachdem er siegreich
Italien durchzogen hatte, brachte er triumphirend die heiligen drei
Könige nach Köln1). Unerschrocken kämpfte er gegen Alexander,
aber dabei war er durchaus rechtgläubig, ein Muster ritterlicher
Tugend und der trefflichste Landesherr für sein Fürstenthum.
Im Gefolge dieses Erzbischofs befand sich ein Mann, der durch
sein aufserordentliches Talent zu grofsen Dingen befähigt gewesen
wäre, wenn ihn nicht seine eben so grofse Liederlichkeit daran ge-
hindert hätte. Seine Gedichte gehören durch die vollkommene Be-
herrschung der Sprache, die Formgewandheit und den poetischen
Schwung zu dem Besten, was die mittelalterliche Poesie überhaupt
hervorgebracht hat.
Es spricht wohl hinlänglich für diesen Dichter, dafs man noch
jetzt mit seinen Worten singt: Mihi est propositum in tabema mori,
— Verse, die ein Bruchstück seiner sogenannten Generalbeichte sind,
in welcher er dem Erzbischof seine Sünden bekennt, um Verzeihung
bittet und doch zugleich erklärt, dafs er von seinem Leben nicht
lassen könne: bei Wein und Wasser könne er nicht dichten.
Rainald hatte diesen durstigen Poeten in den Jahren 1164 und
1165 bei sich in Italien; er sollte eigentlich die Thaten des Kaisers
in einem Heldengedichte feiern, allein damit ist er nie zu Stande
gekommen. Einzelne Gedichte aber, die er damals verfafste, sind
von der gröfsten Schönheit, und wenn Bie auch keine Darstellung
*) Vgl. Ficker, Rainald von Dassel. Köln 1850. 8. S. 127 — 131 über die
sagenhafte Ilistoria de Translatione beatissimorum Trium Regum des Johann von
Hildesheim, f 1375. Nach/.u tragen ist zu Fickers Werk jetzt der Bericht Rai-
nalds und des Pfalzgrafen Uber ihre Sendung nach der Romagna, und Rainalds
über den Sieg bei Tuskulum, in Sudendorfs Registrum II, 131. 146. Ferner sind
die Briefe von Friderich, llillin und Adrian neu gedruckt in Wattenbachs Iter
Austr. S. 86—92 und ihre Unechtheit nachgewiesen.
Digitized by Google
432
V. Staufer. § 22. Die Lieder der Vaganten.
der Geschichte enthalten, so beziehen sie sich doch auf Ereignisse
der Zeit, wie auf die Einnahme von Mailand; sie preisen das Lob
des Kanzlers und des Kaisers und gewähren für die Kenntnifs der
Zeit mehr wie manche Chronik.
Jakob Grimm, der in neuerer Zeit am nachdrücklichsten auf
die Schönheit und den hohen Werth dieser Gedichte aufmerksam
machte l), hat auch Uber die Person des Dichters geforscht. Er hielt
ihn für denselben, welcher um 1220, wie Cäsarius erzählt, todtkrank
an die Pforte des Klosters Heisterbach klopfte und die tiefste Reue
über seinen lockeren Wandel bezeugte, sich dann kuriren liefs und
sobald er hergestellt war, die Kutte abwarf und das Weite suchte.
Seitdem ist nun sehr viel über diese Gattung der Poesie ge-
forscht worden, viel neuer Stoff zu Tage gefördert, besonders von
Eddiestand du Meril und von Wright, und es hat sich immer mehr
als unmöglich erwiesen, einen Verfasser festzuhalten für diese Ge-
dichte, die bald in England, bald in Frankreich, bald in Deutsch-
land auftauchen, oft an den fernsten Punkten übereinstimmend, dann
aber auch wieder verschieden und mit anderen ganz neuen ver-
bunden. Da hat nun W. Giesebrecht diese Untersuchung wieder
aufgenommen a) und mit Hülfe des neu gewonnenen Materials weiter
geführt. Er hat nachgewiesen, wie sich auf den äufserst zahlreich
besuchten Schulen Frankreichs unter den Schülern, die sich um An-
selm, Lanfrank, Berengar und ihre Nachfolger zu Tausenden sam-
melten, ein sehr zügelloses Leben entfaltete, an dem vielfach Lehrer
und Hörer gleichmäfsig Theil nahmen, und wie damals, als unter
dem Schutze der Kreuzzugsbullen alles wanderte, auch diese Scho-
laren die Länder durchschwärmten als Vaganten (clerici vagi),
auch Goliarden genannt. Während die Troubadours französisch, die
deutschen Spielleute deutsch sangen an den Höfen der Fürsten und
Edelleute, hielten diese fahrenden Schüler fest an der lateinischen
Sprache und trugen ihre Lieder vor an den Höfen der geistlichen
Fürsten, Lieder, die oft sehr lockerer Art, oft auch ernsthaft waren.
Sie waren häufig gern gesehen und vermehrten den Glanz der Hof-
haltung, konnten aber auch sehr zur Plage werden, und bald sali
man sich genöthigt, ernstliche Mafsregeln gegen dieses Treiben zu
ergreifen. Im dreizehnten Jahrhundert kamen diese Vaganten immer
*) J. Grimm, Gedichte des Mittelalters auf Friderieh I, den Staufer. Berlin,
1843. 4. aus den Abhandlungen der Akademie. Vgl. Gervinus I, 296 ff.
a) Die Vaganten oder Goliarden und ihre Lieder, in der AUg. Monalsehrift
1853. Nachträge giebt Büdinger, Reste der Vaganten poesie in Oesterreich, Sitzungs-
berichte XIII, 314 IT. Surrianus hiefs auch der figellator, mit welchem Herzog
Boleslaus von Liegnitz das Land durchzog, Stenzei SS. Rer. Siles. I, 28, 107.
Digitized by Google
Die Vaganten. Walther von Chätillon. 433
tiefer herunter, ihre Verse werden schlechter, und bald verlieren sie
alle Bedeutung für die Litteraturgeschichte.
Manche dieser Gedichte sind voll Talent, geistreich, witzig, oft
sehr ausgelassen und voll des beifsendsten Spottes Uber die Fehler
des Klerus, vorzüglich Uber die römische Kurie; unter allen aber
glänzen doch immer unerreicht die Verse jenes Dichters an Rainalds
Hofe, Walthers, des Erzpoeten, wie er sich selber nennt; ihm hat
auch Giesebrecht besondere Aufmerksamkeit gewidmet und seiner
Person nachgeforscht. Er hält ihn für identisch mit Walther von
Lille oder von Chätillon, dem Dichter der Alexandreis, welche
die Classiker aus den Schulen verdrängt hat. Dieser Walther hatte
wegen leichtfertiger Lieder, die er gedichtet, seine Stellung als Lehrer
in Frankreich aufgeben müssen; Bpäter ist er in England gewesen,
in der Zwischenzeit aber hätte er an Rainalds Hofe in Italien sich
aufhalten können. Zuletzt wurde er wieder Lehrer in Chätillon und
endlich Kanoniker in Tournay.
Die Verse dieses grofsen Meisters wurden von zahlreichen Sän-
gern geringeren Schlages durch alle Lande getragen, nur in Italien
fanden sie keinen Anklang. Immer neue Lieder kamen hinzu, die
meistens nur von Liebe, Wein und Würfeln sangen, oft aber auch
scharfe Satiren gegen die Geistlichkeit enthalten und gelegentlich
geschichtliche Ereignisse berühren. Vielfach regten die Kreuzzüge
dazu an '), aber fast jede Begebenheit von gröfserer Bedeutung wurde
nun in Versen gefeiert, die nicht gerade immer von solchen Vaganten
herrühren, aber doch in ihrer Art gedichtet sind, in der gereimten
rythmischen Poesie, welche durch sie vorzüglich ausgebildet wurde2).
Die entsetzliche Verwüstung Ungerns durch die Mongolen
*) Schon auf die erste Eroberung von Jerusalem : Jerusalem letare, Du Mcril
p. 255. Aufforderung zum Kreuzzug: Jerusalem mirabilis, Du Me'ril 1847 p. 297.
Andere in den Carmina Burana, ed. Schmeller, Stuttg. 1847. Bibi, des Litter. Ver-
eins Vol. XVI, p. 27 — 34. Marquards von Padua Gedicht auf Friderichs 11 Kreuz-
zug in Hexametern, Mon. SS. IX, 624, gehört nicht dieser Gattung an.
*) Auf die Einnahme Roms 1084, Sudendorf Reg. I, 55. Heber den Sieg der
Pisaner 1088, s. oben S. 336. Eine merkwürdige Klage der Regulirten Chorherren
im Wiener Notizenbl. 1854 S. 469. 4 Gedichte auf den Tod Karls von Flandern
1127, Du Me'ril 260. Auf den Frieden von Venedig 1177. Carm. Bur. p. 34.
Auf den Tod König Philipps 1208, Carm. Bur. p. 50. Dialogus inter papam et
Romam für Otto IV gegen Innocenz III, Leibn. SS. Brunsvic. II, 525. Gefangen-
schaft Waldemars 1223, Du Me'ril 277. Tod Friderichs II von Oesterreich, Mon.
SS. XI, 50. Sieg der Parmenser 1248; Höfler, Albertus Boh. p. 123. — Vieles ist
gewifs verloren, anderes noch ungedruckt. In diese Zeit gehört auch die Sequentia
de S. Karolo: Urbs Aquensit, urbs rcaalis bei Daniel, Thes. hymnolog. V, 235.
Mone , Lat. Hymnen des Mittelalters III , 347 ( p. 349 der Hymnus : 0 rex orbis
triumphator); auf Frankfurt angewandt bei Einh. V. Karoli ed. Pertz p. 43, auf
Zürich bei Canis. ed. Basn. IUb, 208 und Helperici Kar. M. ed. Orelli.
28
Digitized by Google
434 V. Staufer. § 22. Die Lieder der Vaganten u. andere Dichtungen.
veranlafste nicht nur wirkliche Klagelieder l) , sondern auch einen
Bericht des Kanonikers Rogerius von Grofs Wardein, der nur
der Ueberschrift nach ein Klagelied ist, in der That aber in Prosa
geschrieben und nicht nur eine höchst lebendige Schilderung dieser
furchtbaren Zeit enthält, der Verfasser war selbst in die Gefangen-
schaft der Barbaren gerathen, sondern auch die Ursachen der Schwäche
des Reiches vortrefflich auseinander setzt2).
Höchst eigenth üinlicher Art ist eine Parabel über das Concil
von Lyon von 1245, unter dem Titel: der Pfau, worin die Vor-
gänge des Concils andeutungsweise unter dem Bilde einer Versamm-
lung von Vögeln berichtet werden, weil der Verfasser sich fürchtete,
seine Ansichten deutlich auszusprechen 3). Der Herausgeber, Herr
von Karajan, hat die vielen Dunkelheiten dieses Gedichtes so viel
wie möglich aufzuhellen gesucht, was um so schwieriger war, weil
Uber dieses wichtige Concil so aufserordentlich wenig Nachrichten
vorhanden sind. Alles, was wir darüber wissen, hat v. Karajan ge-
sammelt, und es stellt sich dabei recht auffällig heraus, wie dürftig
die Chroniken aus dieser Zeit sind.
Bemerkenswerth ist aber, dafs gerade in solcher Weise die ver-
schiedenen Ansichten Uber die Berechtigung der streitenden Parteien
ihren Ausdruck fanden. Böhmer hat den Dialog eines Klerikers mit
einem Laien Uber die Absetzung Adolfs von Köln (120G) bekannt
gemacht, in welchem das Verfahren des Papstes vertheidigt wird*).
Anderes der Art mag noch ungedruckt sein. Der kaiserliche und
der päpstliche Hof erfüllten die Welt mit ihren Manifesten. Aber
jene reiche Litteratur von Controversschriften , welche der erste
Kampf zwischen Gregor und Heinrich IV und später wieder die
neuen Kämpfe des vierzehnten Jahrhunderts hervorriefen, läfst sich
jetzt vermissen. Man mochte fühlen, dafs mit Gründen nichts aus-
zurichteu war, dafs Waffen und Geld allein entschieden, und des-
') Pez SS. Rer. Austr. II, 398. Vgl. Archiv X, 615.
2) Rogerii canonici Varadiensis Carmen miscrabile super deslructione regni
Ilungaric, hei Endlicher, Mon. Arpad. p. 255 — 296. Schwamllner SS. Illing. I, 292.
Vgl. die von Böhmer mitgetheilten Briefe, Thür. Ant. Mitth. 1839. IV, 2, 105.
Palacky, Der Mongolen Einfall von 1241, Prag 1842, aus den Abhandlungen der
K. Böhm. Ges. d. \V. V, 2. Bruder Julians Bericht und der Brief von Brla IV
wieder abgedruckt in Dudiks Iler Rom. 1, 326. 335. Vgl. auch Schwammel, Der
Antheil Friedrichs des Streitbaren an der Abwehr der Mongolen. Wien 1857. 8.
8) Vera loqui timeo, dedignor dicere falsa,
Nee tarnen esse canis sine latratu volo mutus.
Th. G. v. Karajan, Zur Geschichte des Concils von Lyon, in den Denkschriften der
Wiener Akademie II.
*) Fontes 10, 400 — 407.
Digitized by Google
Roger von Grofs Wardein. Pavo. Deutsche Dichtung. 435
halb scheute sich jedermann vor der Gefahr, welche mit solcher
Schriftstellerei verbunden war.
In das Zeitalter der beiden Frideriche fällt nun auch die BlUthe-
zeit der deutschen Dichtung. Es versteht sich, dafs der Histo-
riker diese Entwickelung nicht unbeachtet lassen darf; hier jedoch
haben wir sie nur insoweit zu berühren, als geradezu geschichtliche
Nachrichten daraus zu gewinnen sind. Im Ganzen ist sie, besonders
die höfische Dichtung, die Epen sowohl wie das Minnelied, dem
wirklichen Leben, den grofsen Ereignissen der Zeit sehr fremd ge-
blieben, wie auch von dem Ritterstand, dem diese Dichtung ange-
hörte, keine einzige Chronik ausgegangen ist. Heinrich von Veldeke
gedenkt des herrlichen Pfingstfestes zu Mainz 1184, das er noch
selbst erlebt; sonst aber finden sich nur bei Walthor von der
Vogelweide directe Beziehungen auf die Zeitereignisse; die Kämpfe,
welche Deutschland zerrissen, das schmähliche Spiel, welches Inno-
cenz mit dem Reiche trieb, die Untreue der Fürsten erfüllen ihn mit
Schmerz und Ingrimm ; er schliefst sich seiner Gesinnung nach ganz
dem Burchard von Ursperg und anderen staufisch gesinnten Chro-
nisten an1).
Aufserdem sind die Sittenschilderungen zu beachten, welche sich
in den moralischen und didaktischen Gedichten finden. So Bchon
im zwölften Jahrhundert in Hartmanns Gedicht vom Glauben, in
Heinrichs Gedicht Von des Todes Gehügede, und im Pfaffenleben, wo
die Verweltlichung des geistlichen Standes beklagt wird. Diesen
österreichischen Geistlichen reiht sich Werner vom Niederrhein an
mit dem Gedicht von der Girheide. Der Winsbeke stellt einen
rechten Spiegel des wahren Ritterthums auf, und Thomasin von
Zirkläre im Welschen Gast zeichnet mit scharfen Zügen die arge
Entartung desselben um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts.
Dieselbe Klage über die Verwilderung und Versunkenheit der beiden
herrschenden Stände erfüllt auch die Gedichte des Strickers und
andere Werke dieser Zeit.
Das Zerrbild des romanhaften Ritterthums tritt uns leibhaftig
entgegen in Ulrich von Lichtensteins Frauendienst, während etwas
früher, noch in der guten Zeit unter Leopold dem Glorreichen, Nit-
1 ) Die Gedichte Walthers von der Vogelweide. Zweite Ausgabe v. K. I.ach-
mann. Berlin 1843. 8. 0. Abel, Ueber die Zeit einiger Gedichte Walthers in
Haupts Zeitschrift IX , 138. Vgl. Centralblatt 1852 S. 149. Th. G. v. Karajan,
Ueber 2 Gedichte Walthers in den Sitzungsberichten der Wiener Akad. VII, 359.
Vgl. CentralbL 1851 S. 797. Wackernagel 241. Gervinus I, 311.
28*
Digitized by Google
436 V. Staufer. § 22. Deutsche Dichtung. § 23. Die Novelle.
hart von Reuenthal in naturwahren Bildern das derbe Bauernleben
in Niederösterreich schildert.
Eine eigene Klasse bilden noch diejenigen Gedichte, welche
scheinbar oder wirklich historische Gegenstände mit jener schranken-
losen Willkür behandeln, die wir schon in der Kaiserchronik ihr
buntes Spiel treiben sahen, das Lied von Herzogen Ernst, Graf Ru-
dolf, aus dem der Zustand des Heiligen Landes nach der Eroberung
sich erkennen läfst, König Ruother, erfüllt von Erinnerungen an
Konstantinopel und den dortigen Hof, die Meerfahrt des Landgrafen
von Thüringen, der Sängerkrieg auf der Wartburg.
Dahin gehört auch die Chronik Enenkels, welche schon nach
ganz kurzer Zeit den letzten Babenberger, Friderich den Streitbaren,
in sagenhafter Gestalt erscheinen läfst. Aehnlichkeit damit hat eine
lateinische Reimchronik ‘), welche zu verwirrt, zu wenig geschichtlich
ist, um sie den eigentlichen Quellen beizuzählen, aber doch Beach-
tung verdient, %. B. in ihrer Darstellung der Wahl Friderich Barba-
rossas; sie giebt uns, wie einst Ademar, die Gestalt, welche die
Ereignisse im Munde des Volkes annahmen.
§23. Die Novelle.
Wir haben schon in den früheren Perioden mehr als ein Werk
zu erwähnen gehabt, welches seiner Form nach eigentlich nicht in
den Bereich der Historiographie fiel, aber durch den mannigfach
belehrenden Inhalt manche Chronik aufwiegt. Alpert, Arnold von
S. Emmeram, Othlob, der Mönch von Herrieden schrieben ohne feste
Ordnung, ohne die Absicht eine Darstellung der Geschichte zu geben,
aber ihre Werke enthalten viel Geschichtliches. Auch die Wunder-
geschichtcn lassen sich damit vergleichen, wenn wie in den Wundern
des h. Wiehert, die einzelnen Geschichten anmuthig ausgeführt, wenn
nur diejenigen ausgesucht sind, welche etwas besonderes und eigen-
thümliches darbieten. In die Klosterchronik von 8. Hubert ist eine
ganze Reihe von Anekdoten aufgenommen, geschöpft aus den Schrift-
stellern des Alterthums, durch deren Erzählung ein Klosterbruder
die Gunst des Abtes Wulfram von Prüm gewann. Diese Schrift-
steller wollten belehren, aber zugleich unterhalten, ein Zweck, der
gewifs auch bei vielen Legenden vorauszusetzen ist, wie bei den
völlig romanhaften vom h. Georg, vom h. Thomas.
Besonders gedieh die Gattung zugleich lehrhafter, moralisirender
und unterhaltender Schriftstellerei am Hofe König Heinrichs H von
England, dem Sammelplätze fein gebildeter und gründlich gelehrter
') Cliron. rythmicum 1152 — 1268 bei Rauch SS. Rerum Austr. I, 149.
Digitized by Google
Walther Map. Gervasius von Tilbury.
437
Männer, bis auch hier die Herrschsucht der Kirche den Frieden
störte. Wahrhaft staunenswerth ist die Gelehrsamkeit und classische
Bildung des Johann von Salisbury, dessen Polykraticus das merk-
würdigste Beispiel davon giebt, bis zu welcher Höhe um die Mitte
des zwölften Jahrhunderts die auf dem Studium des Alterthums be-
gründete neue Geistesbildung gelangt war, als sie durch den neu
entbrannten Kampf der Kirche gegen den Staat und nun auch gegen
die weltliche Gelehrsamkeit um Jahrhunderte zurückgeworfen wurde.
Sehr viel tiefer steht' schon das zum Theil jenem nachgeahmte Werk
des Walther Map De nugis Curialivm1), welches in bunter Mischung
Märchen und Geschichte, Sittenschilderungen und moralische Betrach-
tungen enthält, voll bitteren Spottes Uber die Weltleute sowohl wie
Uber fanatische und habsüchtige Kleriker und Mönche, aber gegen
niemanden so unerschöpflich, wie gegen den neuen Orden der Ci-
sterzienser und seinen Stifter *). An schriftstellerischer Kunst ist
Walther mit Johann von Salisbury nicht zu vergleichen, aber sein
Werk ist eine unendlich reiche Fundgrube für die Kenntnifs der
Zeit, für Sagengeschichte, vor allem für das Treiben am Hofe Hein-
richs II, dem wir leider nichts ähnliches aus den Kreisen der stau-
fischen Hofhaltungen an die Seite zu setzen haben.
An diesem englisch - französischen Hofe überrascht es nicht,
wenn nach jenen Geistlichen, die halb wider Willen von seinem un-
ruhigen Treiben fortgerissen werden, die fast Weltleute geworden
sind, nun auch Laien die Feder zu ähnlichen Werken ergreifen. So
schrieb Gervasius von Tilbury ein Anekdotenbuch für König
Heinrich den Jüngeren*). Eine Zeit lang lebte dieser Gervasius
auch am Hofe des halb englischen Kaisers Otto IV, wo er Kanzler
und Marschall des Reiches von Arles wurde, und schrieb zur Unter-
haltung seines Herrn in den Mufsestunden im Jahre 1212 Beine Otia
Imperialia, in denen er zur Ergötzung und Belehrung die mannig-
fachsten und verschiedenartigsten Dinge zusammenstellte, wichtiges
und Unbedeutendes, ja abgeschmacktes, Sage und Geschichte, Länder-
beschreibung, Naturgeschichte und was ihm noch sonst gerade in
die Feder kam. In seiner Jugend war Gervasius Rechtslehrer in
’) Gualterii Mapes de nugis curialium distinctiones quinque. Editcd by
Th. Wright (zum ersten Male). Printed for the Camden Soeiety 1850. 4. Vgl.
Philipps, Walther Map, in den Sitzungsberichten der Wiener Ak. X, 319 — 399.
a) Gegen diese ist auch der Reinardus hauptsächlich gerichtet.
3) Liber facetiarum ad Ileinricum regem juniorem, wohl noch ungedruckt.
Seine Otia Imperialia bei Leibn. SS. Brunsvic. 1,881 —1004 mit Nachträgen II,
751—784. In den von Liebrecht herausgegebenen Auszügen (Hanover 1856) ist
das Geschichtliche fortgelassen.
Digitized by Google
438
V. Staufer. § 23. Die Novelle.
Bologna gewesen, und das zeigt sich deutlich in seinem Werke durch
die besondere Aufmerksamkeit auf die Gesetzgebung. Im Jahre 1177
war er selbst bei dem Frieden von Venedig zugegen, und deshalb
ist seine freilich sehr kurze und gedrängte Uebersicht der Kaiser-
geschichte seit Karl dem Grofsen (II, 19) nicht unwichtig. Besonders
aber ist es wichtig zu wissen, wie ein Mann von so bedeutender
Stellung am Hofe und ein Laie die Verhältnisse auffafste, wie er
Uber die streitigen Ansprüche des päpstlichen und des kaiserlichen
Hofes dachte. Da finden wir nun, dafs Gervasius keinesweges die
aus dem alten Kaiserrecht geschöpfte Ansicht anderer Rechtslehrer
von Bologna Uber die unbeschränkte Machtvollkommenheit des Kaiser-
thums theilt; er nimmt vielmehr die Behauptungen und Ansprüche
der Päpste unbedenklich als gültige und feststehende Wahrheit auf.
Deshalb räth er auch dem Kaiser zur Versöhnung mit dem römischen
Papste, denn durch dessen Verleihung (eius beneficio) sei Rom an
das Frankenreich gekommen, habe der Kaiser die Krone. Nicht
wer den Deutschen, sondern wer dem Papste gefalle, sei Kaiser.
Es sind dieselben Ansichten, welche einst den ganzen Hof Friderichs I
in den gröfsten Zorn versetzt, deren Aeufserung den Kardinälen fast
das Leben gekostet hatte: jetzt ist es des Kaisers Marschall, der
sie selber ausspricht, so wie sie auch im Schwabenspiegel als aner-
kannte Thatsachen sich wiederfinden.
Nicht vom Hofe, sondern aus dem Kloster stammt ein anderes
Werk, dessen Zweck Belehrung und Erbauung ist, das aber eben-
falls dem Leser reiche Unterhaltung gewährt, die Wundergespräche
des Caesarius von Heisterbach *), eine geistliche Novellen-
sammlung, wie Böhmer sich ausdrUckt, voll Anmuth in der Dar-
stellung und reich belehrend für Kultur und Sittengeschichte.
Wir haben diesen Caesarius schon oben erwähnt wegen seiner
Lebensbeschreibung des Erzbischofs Engelbert von Köln ; er war ein
geborener Kölner und lebte von 1190 bis 1240 in dem Cisterzienser
Kloster Heisterbach, das sich damals durch strenge Zucht und
Sittenreinheit auszeichnete a), hat sich aber auch aufserhalb des
Klosters umgesehen, wie er denn dem Erzbischof Engelbert nahe
stand, und Köln war damals einer der hauptsächlichsten Brenn-
punkte der Politik sowohl wie des Handelsverkehrs. In der aufser-
ordentlichen FUlle von Geschichten aller Art, die Caesarius in seinem
*) Caesarii Ilcisterbacensis monachi Ord. Cist. Dialogua Miraculorurn ed. Strange
1851. 2 Vol. 8. Al. Kaufmann, Cäsaritis von II. Cöln. 1850. 8. Böhmer Reg.
Imp. LXX. Er soll auch ein Lehen der Landgräfin Elisabeth verfafst haben.
Archiv VI, 36. — s) s. den Brief bei Sudendorf, Reg. II, 172.
litized by Google
Caesarius von Heisterbach. Thomas v. Chantimpre’. 439
Buche gesammelt hat, tritt uns das Leben jener Zeit in den mannich-
faltigsten Formen und Gestaltungen entgegen. Das geistliche Ele-
ment herrscht natürlich vor, so wie an Wundern und Visionen, dem
Titel entsprechend, Ueberflufs ist; man erstaunt immer von neuem
Uber die aufserordentliche Leichtgläubigkeit des Mannes, und man-
ches bedenkliche Element in seinen Geschichten berührt unheimlich.
Aber zilrnen kann man ihm doch nicht; gefährlichen Folgerungen
aus einzelnen Visionen geht er mit Geschick und Sorgfalt aus dem
Wege und kommt immer wieder auf die strengen Forderungen einer
sehr innigen Frömmigkeit und ernsten Moral zurück. Bei ihm hat
der wuchernde Aberglaube das tiefe und ernstliche sittliche Gefühl
durchaus nicht erstickt, und schonungslos straft er die Sündhaftig-
keit geistlicher und weltlicher Würdenträger.
Ein weit finstrerer Geist und unheimlicher Fanatismus herrscht
in dem ähnlichen, wenig späteren Werke des Dominikaners Thomas
von Chantimprö. Dieser war ein geborener Brabanter und Mit-
glied des 1180 gestifteten Chorhermstiftes Chantimpre bei Cambray.
Lange Zeit hörte er im Aufträge des Bischofs Beichte, und hier er-
warb er sich eine grofse Menschenkenntnifs und einen reichen Schatz
von Geschichten. Um das Jahr 1230 trat er in den Dominikaner-
Orden ein; er ist ein Schüler des Albertus Magnus gewesen und
soll auf den Wunsch des Thomas von Aquino die Werke des Aristo-
teles übersetzt haben, eine Uebersetzung, die in den Schulen ge-
braucht wurde, aber sehr schlecht sein soll1). In den Angelegen-
heiten seines neuen Ordens, dem er mit der gröfsten Verehrung
zugethan war, bereiste Thomas Lothringen und kam in Berührung
mit vielen Männern aus allen Weltgegenden. Er schrieb Biographien
mehrerer belgischer Nonnen, die aber hier nicht einmal genannt zu
werden verdienen, da blofse sinnlose Kasteiungen kein Anrecht auf
geschichtliche Beachtung geben, ferner ein Werk Uber die Natur
der Dinge und endlich 1263 sein Buch vom Bienenstaat2). Hierin
legt er als Text eine fabelhafte Beschreibung des Bienenstaates zu
Grunde und knüpft daran moralisirende Betrachtungen für den
Mönchstaat, welchen er mit jenem vergleicht; diese erläutert er
dann durch zahlreiche Geschichten, die manchen Blick in die Zu-
stände jener Zeiten gestatten. Besonders erkennen wir darin die
gewaltige Begeisterung, welche damals in der Zeit der ersten Aus-
breitung den Orden der Predigermönche erfüllte, und die Verehrung
i
9 Bruns über Heinrich von Herford S. 45.
2) Thomae Cantipratani Bonum universale de apibus, ed. Colvenerius Duaci
1627. 8.
Digitized by Google
440
V. Staufer. § 23. Die Novelle.
des Volkes, welche ihm entgegenkam. Neben einer begeisterten
Hingabe und der Verachtung aller irdischen Güter, welche unsere
Achtung erzwingt, zeigt sich darin in unheimlicher Weise der fana-
tische Eifer gegen Ketzer und Juden, die unbeschränkte Leicht-
gläubigkeit und die grofse Neigung zu Träumen, Visionen und
Teufelsspuk aller Art.
Es ist hier ein ganz anderer Geist wie in den alten Mönchs-
orden; die früher so eifrig betriebenen Studien der alten Classiker
und der Geschichte treten ftnmer mehr zurück und werden von
Scholastik und Legendenkram überwuchert Von geschichtlicher
Kritik findet sich kaum noch eine Spur; wie durch geöffnete Schleu-
sen dringen jetzt die albernsten Fabeln, welche Männer wie Ekke-
hard und Otto von Freising nicht einmal der Erwähnung werth
achteten, in die Geschichtsbücher ein.
Wir können hiermit die Entwickelung der Historiographie
Deutschlands im früheren Mittelalter als abgeschlossen betrachten;
mit Rudolf von Habsburg kommt ein neuer Aufschwung und es ent-
stehen wieder achtungswerthe Werke Uber die Geschichte der Gegen-
wart; es beginnen dann die Chroniken der Städte und die Landes-
geschichten, mit dem Reiche selbst nimmt auch die Geschicht-
schreibung eine andere Gestalt an und verlangt eine abgesonderte
Behandlung, welche aber bis jetzt fast unmöglich ist, da der
kritische Zustand dieser späteren Quellen noch gar zu sehr im
Argen liegt und gerade manche der wichtigsten Werke noch unge-
druckt sind.
Digitized by Google
BEILAGE I.
Nekrologien
sind vollständig oder im Auszug gedruckt von:
Achen: Necrologium B. Mariae V. Aquensis ed. Quix 1830. 4.
Admunt: Pez SS. Rer. Austr. H, 198 — 210.
Alberti plebani in Waldkirchen, Mon. SS. IX, 754.
Altenzelle: Bericht der deutschen Gesellschaft zu Leipzig 1841 S. 1; vgl.
1844 S. 27. Archiv f. sächs. Gesch. 1843 S. 24.
Au (bei Gare): Mon. Boic. I, 250. Fragment.
Augsburg: Mon. Boic. XXXV*, 3—119; von S. Ulrich u. Afra: Braun,
Notitia liter. VI, 48 — 55.
Auxerre: Mart. Coli. VI, 685.
Bamberg, Michelsberg: Schannat Vind. II, 47. Bericht des hist. Vereins
zu Bamberg VH.
Baumburg: Mon. Boic. 11,264 — 268.
Bernold: Mon. SS. V, 391.
S. Blasien: Endlicher, Codd. Philol. p. 134. Fragment.
Bleidenstadt: Böhmers Fontes III, 152.
Bregenz : Neer. Augiae majoris Brigantinae ed. J. Bergmann, Viennae 1853.
Chemnitz: Mencken SS. II, 118.
Chur: Bergmann, Beiträge S. 194 in den Denkschriften der Wiener Aka-
demie IV.
Diefsen: Oefele ü, 654. Mon. Boic. VTII, 300.
Dorstadt: Mooyer im Archiv des histor. Vereins für Niedersachsen 1849;
vgl. 1851 S. 68.
Ebersberg: Oefele II, 15.
Eichstedt: Mon. SS. VII, 248.
Einsiedeln: Herrgott Geneal. Habsb. HI, 833.
Epternach: Reiffenberg, Momuments de Namur VII, 195.
Erfurt, S. Marien: Mone, Zeitschrift f. Geschichte des Oberrheins IV, 253;
S. Peter: Schannat Vind. II, 17.
Digitized by Google
442 Beilage I.
S. Florian: Stülz, Gesch. von S. Florian S. 193. Ein anderes: Notizen-
blatt 1852 S. 2ÜL
Freising: Eckhart, Comment. de Or. Francia I, 835.
Fulda, Diptychum: Schannat Vind. 1^ 16j Annales necrologici minores:
Dronke, Traditiones et Antiquitates Fuld. p. 165. Excerpirt Fontes
EU, 14; maiores: Leibn. SS. III, 762. Schannat, Historia Fuld. 464.
Excerpirt Fontes III, 155.
Fürstenfeld: Mon. B. IX, 337.
S. Gallen: Eckhart Comm. de Or. Francia II, 919; cf. Archiv IV, 318.
S. Germain- des -Präs: Bouillot, Histoire de S. G. App. p. CVII.
Gladbach: Fontes III , 357. Excerpirt bei Eckertz und Növer, Gladbach
S. 309.
Halberstadt: Mooyer in den Neuen Mittheil, des thüring. sächs. Vereins
VHI, 3, 58.
Hamburg: Langebek SS. Dan. V, 387.
Hermsdorf: Archiv IV, 318. Fragment.
Hildesheim, S. Michaelis: Leibn. SS. H, 103. Vgl. Mooyer, Neue Mitthei-
lungen VIII, 3, 68. Archiv des hist. Vereins f. Niedersachsen. 1840.
Hofen: Hefs, Mon. Guelf. 133.
Honau: Mone, Zeitschrift für Gesch. des Oberrhoins IV, 251.
Hugo von Flavigny: Mon. SS. VIH, 285.
Ilsenburg: Leibn. SS. HI, 684.
Island: Langebek, SS. Dan. H, 504 — 519. VIH, 552 — 568.
Kamin: Ledeburs Archiv XV1H, 97 — 117.
Klosterneuburg: Fischer, Geschichte von Klosterneuburg H, 101. Zeibig
im Archiv für österr. Gesch. Quellen VH, 271.
Köln: Fontes IH, 342. Lacomblet, Archiv für die Geschichte des Nieder-
rheins II, lj von Grofs S. Martin: Fontes HI, 347; von Mariengreden:
Lacomblet, Archiv für Gesch. des Niederrheins H, 49.
Konstanz: Geschichtsfreund XIII, im Auszug mitgetheilt v. J. F. Böhmer.
Kopenhagen: Langebek, SS. Dan. VIH, 538 — 550.
Laach: Wegeier, Geschichte des Klosters Laach. Bonn 1854. 8.
Lichtentlial: Schannat Vind. I, 23.
Lilienfeld: Hanthaler, Reeensus Archivi Campilil. H, 423 — 438. Wegen
der bekannten Eigenschaften des Herausgebers mit Vorsicht zu be-
nutzen.
Lorsch: In Adonis Martyrologium ed. Rom. 1745 p. 689 ex cod. Vat.
Pal. 485; p. 704 ex cod. Pal. 499. Schannat Vind. 1^ 23 ex cod.
Wirziburg. Fontes HI, 144 nach Schannat und Cod. Pal. 499.
Lüneburg, S. Michaelis: Wedekind, Noten IH.
Lund: Langebek SS. Dan. IH, 434 — 465. 474 — 579. IV, 27- 66.-
Digitized by Google
Nekrologien.
443
Lygum Kloster: Langebek SS. Dan. IV, 578—587.
Mailand: Murat. SS. Ib, 235.
Mainz: Schannat Vind. I, L Fontes III, 141.
Maria Hof bei Neidingen, herausgegeben von Fickler, Donaucschingen
1845. 8. (Schulprogramm).
Meifsen : Schöttgen et Kreifsig II, 97,
Melk : Pez SS. Rer. Austr. I, ‘104 .
Merseburg: Hesse in Höfers Zeitschrift für Archivkunde Ij 111. Ein
neueres, von Fürstemann herausgegeben, in den Neuen Mittheilungen
II, 222*
Michelbeuern: Filz, Gesch. von Michelb. S. 860.
Millstatt: Scholliner in Suppl. ad Diss. geneal. de Weifsenoensis mon.
fund. p. 6,
Mollenbeck: Schräder in Wigands Archiv für die Gesch. Westphalens
V, 342.
Montecasino: Gattula, Accessiones ad Historiam Casinensem.
Monza: Frisi, Memorie di Monza III, 100—151.
Münster, s. Ficker, die Münsterischen Chroniken S. XLV.
Münster (Beronis) : Herrgott, Geneal. Habsb. HI, 850.
Muri: ib. p. 839.
Naumburg: Schöttgen et Kreifsig n, 160.
Neidingen: Fickler in einem Mannheimer Lyceal- Programm.
Nestved: Langebek SS. Dan. IV, 298 — 318.
Norwegen : Langebek SS. Dan. V, 385. 386,
Novalese: Mon. SS. VII, 130.
Oberaltaich: Mon. Boic. XH, 278.
Opatowitz-: Dobner, Mon. Hist. Boh. HI, 9.
Osnabrück: Meyer in den Mitteilungen des historischen Vereins für
Osnabrück IV.
Ottenbcuem: Hefs, Mon. Guelf. p. 289.
Paderborn: Zeitschr. f. Gesch. u. Alterth. Westfalens X, 115; andere an-
geführt p. 119.
Passau: Diimmler, Piligrim von Passau S. 101. Fragment.
Pegau : Mencken SS. H, 118.
Podlasitsch : Dudik, Forschungen in Schweden S. 404. vgl. S. 228.
Polling: benutzt in der Succincta Inforraatio de mon. Poll.
Prag: Mansionarien, Dobn. Mon. IH, 299 — 316; Strahof: Dlabac, Chrono-
logicum Necrologium. Prag. 1817. 8.
Presburg: Endlicher, Mon. Arpadiana 58.
Prüm: Archiv III, 23.
Quedlinburg: Mooyer in den Neuen Mittheil. VIII, 3, 46. 70.
Digitized by Google
444
Beilage I.
Ranshofen: Mon. SS. IV, 791.
Regensburg, S. Emmeram: Mon. Boic. XIV, 365. Vgl. Mooyer in den
Verhandlungen f. Oberpfalz XUI, 275 — 405; Niedermünster: Fontes
III, 483; Obermünster: ib. 485.
Reichenau: Keller in den Mittheil, der Antiquar. Gesellschaft in Zürich
VI, 2* 1848.
Rein: Pusch et Froelich, Diplomataria Styriae ü, 333.
Retz, Dominikaner: Duellii Mise. H, 169.
Ripen: Langebek SS. Dan. V, 534 — 570.
Rom, San Pietro in Vaticano: Dudik, Iter Rom. I, 79 — 82.
Rothschild: Langebek SS. Dan. III, 266 — 275.
Salzburg: Mon. Boic. XIV, 365 — 405. Vgl. das Verbrüderungsbuch des
Stiftes S. Peter mit Erläuterungen von Th. G. von Karajan. Wien
1852 f.
Seckau: Pusch et Froelich, Diplomataria Styriae n, 353.
Seitz: ib. p. 329.
Seldenthal oder Seligenthal: Mon. Boic. XV, 506 — 550.
Seon: Mon. Boic. II, 158 — 162.
Siena: Ozanam, Documents infidits pour servir ä l’histoire littöraire de
l’Italie. Paris 1850. 8.
Stablo: Martene Coli. VI, 668.
Strafeburg: Mone’s Anzeiger 1838 S. 10, Fontes III, XV. Mooyer im
Archiv des histor. Vereins von Unterfranken XIII, 3,
Tegernsee: Oefele I, 632 — 638. Freyberg, Geschichte von Tegernsee
S. 203 — 220. Vgl. Mooyer in den Westf. Prov. Rlättern ID, L
Thierhaupten : Mon. Boic. XV, 140—144.
Thüringen: Wegele in der Zeitschr. des Vereins für thüring. Gesch. und
Alterthumskunde II, 118. 119.
Trier, S. Maximin: Archiv XI, 290.
Turin, S. Andrea: Mon. SS. VII, 130.
Understorf: Mon. Boic. XIV, 168—170.
Weingarten: Hefs, Mon. Guelf. p. 133.
Weifsenau: Mone, Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheins Bd. 8. Heft 3. 1857.
Vgl. Bd. 9. Heft L
Weifsenburg: Mooyer im Archiv d. hist. Vereins v. Unterfranken XHI, 3,
Weltenburg: Mon. Boic. XIH, 473 — 493.
Werden: Leibn. SS. IH, 747. Fontes in, 389; cf. Mart. Coli. VI, 679.
Wessobrunn: Leutner, Hist. Wessofontana H, 1 — 14.
Wettingen: Herrgott, Geneal. Habsb. HI, 839.
Wien, Minoriten: Pez SS. Austr. H, 471—519; Schotten: ib. 1,695. cf.
Sitzungberichte der Wiener Akademie XIII, 107.
Digitized by Google
Nekrologien.
445
Wilhering: Stülz, Geschichte von Wilhering S. 435.
Wilthen : Hefs, Mon. Guelf. p. 292.
Wimpfen: Schannat Vind. II, 64.
Windberg: Mon. Boic. XIV, 90—108.
Wisby: Langebek SS. Dan. VI, 557 — 566.
Wöltingerode: Mooyer in der Zeitschrift des histor. Vereins für Nieder-
sachsen 1851 S. 48.
Wurmsbach: Herrgott, Geneal. Habsb. HI, 848.
Xanten: Binterim und Mooren, die alte und neue Erzdiöcese Köln I, 375.
Zeitz: Schöttgen et Kreifsig 13, 152.
Zwifalten: Hefs, Mon. Guelf. p. 234.
Unbestimmtes Fragment. Mooyer, Nene Mittheil. VHI, 3, 83.
Digitized by Google
BEILAGE II.
Verzeichnis
alter und neuer Fälschungen.
(Mit Ausschlafs von Urkunden und Briefen.)
Aloldus, s. Ortilo.
Amandus Friderici I Secretarius de primis actis a Friderico in imperio
peractis, angeführt von Gewold de Septemviratu. Wattenbach, Iter
Austr. p. 6.
Anastasii C'hronicon Casinense — 857, s. oben S. 333.
Annales Beneventani, von Pratill verfälscht. Koepke, Archiv IX, 198 — 202.
Arnulfi Chronicon Sarracenico-Calabrum. Koepke, Archiv IX, 206— 212.
Azzonis Canon. Merseburg. Vita Heinrici I, angeblich auf Wachstafeln.
Archiv XI, 141.
Baltheri Vita S. Fridolini. Betrügliches Machwerk des 10. Jahrhunderts.
Mone, Quellensamml. S. 4. Vgl. Stalin 1, 166. ltettberg II, 29.
Bonifacii Vita Livini. Rettberg II, 509.
Catalogus ducum Beneventi et principum Salerni. Koepke, Archiv IX, 197.
Christanni Vita Wenceslai, eine Compilation des 14. Jahrhunderts, vorgeb-
lich von dem Sohne Herzog Boleslaws I. Dobrowsky, Kritische Ver-
suche, in den Abh. der K. Böhm. Ges. d. Wiss. 1803. 1804. 1819.
Chronicon comitum Capuae. Koepke, Archiv IX, 202—206.
Chronicon Cavense. Pcrtz u. Koepke, Ueber das Chron. Cavense u. andere
von Pratillo herausgegebene Quellenschriften. Archiv IX, 1 — 239.
Chronicon Corbeiense. Wedekind, Noten I, 374 — 399. Gefälscht v. Falcke
oder Paulini, s. Waitz u. Hirsch in den Rankeschen Jahrbüchern IH, 1.
Wigand, Die Korveischen Geschichtsquellen, 1841.
Chronicon Maceriense. Wattenbach im Archiv XI, 211 — 215.
Dextri Chronicon a. 1 — 430 cum contin. Marci Maximi ad a. 612. Bähr,
Christliche Dichter und Gcschichtschr. Roms S. 113. Frühere Fäl-
schungen, ein Chron. Itacii u. a. werden dem Pelagius v. Oviedo zu-
geschrieben.
Digitized by Google
Fälschungen.
447
Fasti Corbeienses ed. Harenberg, Mon. inedita 1758.
Fausti Vita S. Mauri. Fälschung des Abtes Odo von Glanfeuil, schon von
Papcbroch aufgegeben, doch noch häufig benutzt. Roth, Gesch. des
Beneficialwesens S. 438.
Gesta S. Placidi, s. oben S. 333.
Guntheri Ligurinus, s. oben S. 2. Stalin, Wirt. Gesch. H, 22. Pertz, Steins
Leben V, 266.
Hildegardus Gradicensis, angeblich ein Chronist des Kl. Hradisch aus dem
12. Jahrhundert, von dem Boczek im Cod. Dipl. Mor. Fragmente an-
fiihrt. Unbeglaubigt sind auch die von Boczek in „Maehren unter
Rud. I“ (Böhm. Ges. d. Wiss. N. F. Bd. IV. 1837) angeführten Anon.
Zabrdowicensis und Welegradensis, nebst Hradischer Annalen.
Hincmari Vita Remigii. Angeblich nach einem alten von H. aufgefundenen
Leben; s. Roth, Bcneficialwesen S. 461: Die Fälschungen Ilinkmars
von Rheims. Weizsäcker, Hinkmar u. Pseudo - Isidor, in der Ztschr.
f. hist. Theol. 1858. S. 327—430; über die Vita Rem. S. 388. 417.
Hunibaldi Historiarum libri XVIII. Chmel, Handschriften d. Wiener Hof-
bibl. I, 312—320. Loebell, Gregor von Tours S. 487. Gervinus I, 22.
Lewpuldi Campilil. brevo Excerptum e Chron. Rikardi Canon. Newnburg.
de S. Leopoldo, in Hanthalers Fasti Campilil. I, 2, 1308. Hanthalersche
Fälschung.
Libusin Saud. Schafarik u. Palacky, Aelteste Denkmale der böhmischen
Sprache ; vgl. Dobrowsky in den Wiener Jahrbüchern 27, 95. 100 ff.
Pertz im Archiv IX, 465. Nach Kopitar, Hesychii Glossographi disci-
pulus Russus p. 58 und Prolegom. p. 68 in Miklosich’ Slav. Bibi. I
wären auch die Lieder der Königinhofer HS. Nachahmungen der ser-
bischen Lieder.
Luitprandi Chronicon spurium a. 606 — 960 inter Opera L. ab Hieronymo
de la Higuera S. I. et Laur. Ramirez de Prado edita Antw. 1540 f.
Aus derselben Schmiede sind noch mehrere untergeschobene Werke
über Spanien.
Marcellini Vita S. Suiberti, angeblich von einem seiner Gefährten, aber
nicht vor dem 13. Jahrhundert entstanden. Rettberg II, 396.
Megcnfridus Fuldensis, ein Trithemischer Schriftsteller. Boehmer, Fontes
in, xxxh.
Ortilonis de Lilienfeld Notulae ex Aloldo Peklar. bei Hanthaler, Fasti
Campilil. I, 2, 1275. u. desselben Liber de Exordio Campililii, p. 1291 ;
vgl. Blumberger, Wiener Jahrbücher 1839, Bd. 87, Anzeigeblatt S. 21.
Chmel, Handschriften der Wiener Hofbibi. H, 656.
Pernoldi de ord. Praedicatorum Chron. Friderici Bellicosi, ib. 1312, eben-
falls Hanthalersche Fälschung, s. Palacky in den Abh. der Böhm. G.
Digitized by Google
448
Beilage II. Fälschungen.
der Wies. 5, F. 2. B. 1841. p. 29. Wattenbach , Die österreichischen
Freiheitsbriefe S. 105 — 107.
Prokosch, Poln. Chronik im 10. Jahrhundert geschrieben, mit Zusätzen
aus Kagnimirs Chronik des elften. Warschau 1825. 8. Rec. v. Do-
browsky in den Wiener Jahrbüchern 32, 77.
Eikardus Claustroneoburgensis, s. Lewpoldus.
Ridolfi notarii historia Brixiensis. Bethmann, Archiv X, 386.
Rüxners Tumierbuch, s. oben S. 4.
Theodori Vita S. Magni. Betrügliches Machwerk des 10. u. DL Jahrh.,
angeblich in S. Magnus Grab gefunden; s. oben S. 149.
Tilpini s. Turpini über de Gestis Karoli Magni. Bähr, Karol. Litt S. 192
bis 200. Gervinus 1, 236.
Ubaldi Chronicon Neapolitanum. Koepke, Archiv IX, 212—224.
Vita Balthildis II, interpolirt nach Roth S. 443.
Vita S. Tygris. Roth, Beneficialwesen S. 307.
Vita S. Valentini, auf eine Bleitafel geschrieben, die 1020 in seinem Grabe
gefunden, d. h. hineingelegt wurde. Als echt benutzt von Muchar.
S. Rettberg I, 220. Dümmler, Piligrim von Passau S. 188.
Vita Wandregisili II. Roth S. 443.
Welbertus, Conradi H capellanus, de electione Lotharii, angeführt von
Gewold de septemviratu. Wattenbach, Iter Austr. p. 6.
Digitized by Google
REGISTER
Id dieses Register smd Auch die im Texte nicht erwähnten Stücke der MonumentA Germa-
ni&e aufgenommen, mit der Seitenzahl, welche an der beigefügten römischen Zahl des
Bandes der Scriptorcs kenntlich ist. Die lateinischen Titel der Quellenschriften sind
als die gewöhnlich vorkommenden vorgexogen, und deshalb auch, abweichend von dem
im Text beobachteten Gebrauch, in der Regel der Buchstabe 0 statt K gesetzt.
Aaron, Mönch in Fulda
Abbatis Fuldensis historia. 131.
Abbo, Abt von Fleury. 207.
— de bellis Paris, urbia. 155.
Abdinghofen. 235. 236,
Ablavii historia Gothorum. 44, 49.
Absalon, Bisch, v. Rothschild. 379.
Absternacum s. Epternach.
Acerbus Morena. 371.
Achen. 104. 25L 303. 403. 404. 41G.
433. 441.
Acta Concilii Causeiensis etc. 204.
— vetusta abbatum Fuldensium. 131.
— Murensia. 396.
Vatiosnü Q7 4
Adalbero (969—988) Erzb. v. Reims.
203. m
— Erzb. v. Trier s. Albero.
— (887—910) Bisch, v. Augsburg. 140.
151. 246.
— Bisch, v. Laon. 159.
— I (929—962) Bisch, v. Metz. ISS.
H (984—1005). 188. 295. HI
(1047—1072). 120.
— (1045 — 1090) Bisch, v. Wirzburg.
235. 251. 305. 339. 397.
— Propst von Benedictbeuem. 200.
Adalbert König Berengars Sohn. 224.
— und Otker. 390.
— (1045 — 1072) Erzb. v. Bremen.
9R9 9r.r. oüo
— (968 — 981) Erzb. v. Magdeb. 122.
185. II (1205—1235). 380. 38L
— II (1138 — 1141) Erzb. v. Mainz.
221. 234. 400.
Adalbert (982-997) Bisch, v. Prag. 112.
317. Vita auct. Brunone. 180. auct.
Joh. Canapario. 216.
— Abt v. S. Michael zu Hildesh. 230.
— Diac. zu Bamberg, Vita Heinrici II.
123. 393.
Adalbold (1010 — 1027) Bisch, von
Utrecht. 191. 122.
Adalfrid, Mönch in Fulda. 126.
Adalgar (888 — 909) Erzb. v. Ham-
burg. 135.
— Schulvorsteher in Utrecht. 133.
Adalhalm von Filfsen. 248.
Adalhard, Bisch, v. Verona. 152.
— Abt v. Corbie. 136. 131.
Adalheid, Kaiserin, Gemahlin Otto's L
162. 164. 209.
— Aebtissin von Quedlinburg. 174.
von Vilich. 284.
Adalram (821—836) Erzb. v. Salzb. 121.
Adam von Bremen. 138. 252 — 255.
343. 377. 414.
Adela, Gräfin von Blois. 323.
Adelarii et Eobani inventio. 339.
Adelerii mon. Floriacensis Miracula
S. Benedicti. 207.
Adelmann, Bisch, v. Brescia. 286. 287.
Adelperga, Tochter des Königs Desi-
derius. 3fL 26.
Ademarii Caban. Historiarum libri HI.
322.
Adhemar, Mönch. 114.
Admunt. 240. 250. 251. 362. 38L 441.
Ado, Erzb. v. Vienne. 4L 119.
Adrevald von Fleury. 207.
29
Digitized by Google
450
Register.
Adso, Abt v. Moutier-en-Der. 163. Mi-
racula S. Basoli IV, 517. S. Man-
sueti. IV, 509.
S. Aegidii Miracula. 237. Brunsvic.
Chron. 420.
Aegidii Aureae Vallis mon. Gesta Pon-
tif. LcoU. 288, 402.
Aelbert, Erzb. von York. 93.
Afflighem 301. Auctarium Sigeberti
VI, 398. Visio Fulgentii abb. IX,
417.
Agilus TL
Agius, Mönch in Lammspring. 138.139.
Agnelli Liber Pontificalis. 158.
Agnes, Kaiserin, Gemahlin Heinr. III.
217. 251 .
— von Weimar. 165.
Agobard, Erzb. von Lyon. 90. 115.
Agritius, Bisch, v. Trier, aus dessen
Legende VIII, 211.
Aim6, l'ystoire de li Normant. 334.
A iinnin v. Flcnry. 7 1 . 206. 207. 322. 323.
Alamannia, Schwaben. 24 ff. 81. 142 ff.
193 ff. 22L 231 ff. 395—397. 414.
Alba, Benzo. 329.
S. Alban bei Basel. 241. Mainz261.273.
Annales. 230. 213. 308.
Alberich (c. 775 — 785) Bisch, von
Utrecht. 133.
— von Rom. 213. 325.
Alberici Trium fontium mon. Chroni-
con. 212. 424.
Albero (1131 — 1152) Erzb. v. Trier.
222. 215. 216. 348. 349.
Albert ( 1 198— 1229) Bisch, v. Livl. 385.
— (1191 — 1192) Bisch, v. Lüttich. 407.
Alberti plebani de Waldkirchen Aucta-
rium Continuationis Florian, et
Calendarium. IX, 753.
Albertus Aquensis. 303. Argentinen-
sis. 419. Bohemus. 391. Magnus.
386. 439. Stadensis. 257.313.412.
413. 426.
Albiani Annales. 413.
S. Albini Andegavensis Ann. III, 168.
Albwin, Abt v. Nienburg a. d. Saale.
229. 263.
Alcuin, Abt von S. Martin zu Tours.
82. 87. 89—94. 99—101. 103. 121 .
123 — 128. 133. 139. 142. Annales.
87. Epistolae. 94. Vita S. Richa-
rii. 100. Willibrordi. 82. Vita Al-
cuäni. 93.
Aldebaldi Vita Maioli. 209.
Aldemar, Cardinal. 331 .
Aldenburg. Chron. 302.
Alderich, Erzb. von Sens. 128.
Aldersbac. Contin. Mart. Pol. 428.
Alexander Telesinus de Rebus gestis
Rogerii. 373.
S. Alexandri Translatio. 130. 254. Ot-
tenb. 395.
Alexias. 334.
S. Alexii Miracula. IV, 619.
Alfanus, Erzb. v. Salerno. 331 .
Alger, Schol. in Lüttich. 286. 287.
Allati epistolae. 200.
Almerich der Bär, Abt von Farfa. 217.
Alold von Peklarn. 447.
Alpert von Metz. 189.
S. Alrunae Vita. 228.
Altaich, Nieder. 110. 124, 132. 148. 152.
200. 227—229. 249. 331. 389. 419.
— Ober, Necrolog. 443.
Altenmünster. 248.
Altenzelle. 382» 441.
Altfrid (847 — 874) Bisch, v. Hildes-
heim. 12L
— (839—849) Bisch, v. Münster. 132.
133.
Altinum, unweit Venedig, Chron. 214.
Altmann (1065 — 1091) Bisch. v.Passau.
217. 235. 251. 306. 366» 392.
Altonis Vita. 248,
Altorf. 248.
Altus Mons, Haumont. 280.
Alubert, Angelsachse in Utrecht. 132»
Atnalar (801 — 814) Erzb. v. Trier. 139,
S. Amand, früher Elnone. 29, 86. 82»
90. 2QL 301.
Amandus de Frid. L imp. 446.
Amarcius poeta. 223.
Amati Hist. Normannorum. 332. 334.
Ammerbach. 248.
Amtl. Geschichtschreibung. 80, 106 ff.
113. 122 ff. 154, 186. 26L 262.
Anamodi Cod. Trad. S. Emmer. 152.
S. Anastasiae Translatio auctore Got-
schalco IX, 224.
Anastasius. 40. s. Gcsta Pontif. Roman.
— Chron. Casin. 333.
Anchin. 298.
Andaginensc monast. (S. Hubert). 142.
281.
Andegav. Ann. S. Albini. III, 168.
S. Andrea della Valle. 40.
S. Andrcae monast. in Castro Camera-
cesii. 301. in monte Soracte. 213.
Taurin. Necrol. 444.
SS. Andreae et Bened. Vita. 320.
Andreas (1091 — 1096) Bisch, v.ülmiiz.
316.
Digitized by Google
Register. 451
Andreas, Abt von Michelsberg. 807.
v. Vallombrosa. 335.
— von Bergamo. 158. von Marchien-
nes. 407.
Angelsachsen. 28. 80—88. 125. 129.
132 ff.
Angers, Annales S. Albini. in, 108.
Angilbert, Abt von S. Riquier. 82. 21.
99—103. 115, 116. Vita anct. An-
schero. 99 — 101, Carmen de Ca-
rolo Magno. 102. 103.
Angilberti Versus de bello Fontane-
tico. 112.
Angildruth, Nonne. 128.
Angilrara ( 769 — 791 ) Bischof von
Metz. 97.
Angouleme. 221. 322. 347. Ann. IV, 5.
Aniane, Benedict. 115.
Anna Comnena. 334.
Annalen. 15. 39. 84 ff.
Annales Admuntenses. 362. 365.
— Alamannici. 82. 1 94.
— S. Albani Mog. 230. 223, 308.
— Albiani. 413.
— S. Albini Andegavensis. ffl, 168.
— Alcuini. 82,
— Altahenses. 132. 124. 227.228. 249.
— S. Amandi. 22. 86, breves. II, 184.
— Andegav. 8. Albini. III, 168.
— S. Andreae de Valle. 40,
— Aquenses. 387. 403.
— Aquicinenses. 298.
— Argentin. 399. 418. 41 9.
— Augienses. 82. 186. 194. brevis-
sitni III, 136.
— Augustani. 245. minores. 394. 395.
— Auscienses. III, 121.
— Austriae. 365.
— Babenberg. 394. S. Mich. 307. 394.
— Barenses. 330.
— S. Bavonis Gandensis. II, 185.
— Benedictobur. 396.
— Beneventani. 330. 446.
— S. Benigni Divionensis. 322.
— Bertiniani. 113. 154- 323.
— Besuenses. 322.
— Blandinienses. 407.
— S. Bonifacii Fuld. 132.
— Bosovienses. 381. 382.
— Brunwilarenses. 284.
— S. Burchardi Wirzb. 252, 273. 308.
— Cantuarienses. 8L
— Casinates. 330.
— Cavenses. 315. 330.
— Claustroneoburg. 365.
— Colmar. 399. 419.
Annales Colonienses. 184. 284. 417.
S. Gereonis. 402.
— S. Columbae Senonensis. 207.
— Corbeienses. 85. 88. 138. 168. 254.
315- 350.
— Cracovienses. 319.
— Cremifanenses. 365.
— 8. Crucensos. 365.
— Divionenses. 322.
— S. Dysibodi. 257. 273. 308. 409.
— Egmondani. 407.
— Einsidlenses. 194. 397.
— Elnonenses. 301.
— Elwangenses. 273. 308. 396.
— 8. Emmerammi. 198.
— Engelberg. 397.
— Engolismenses. IV, 5,
— Ensdorfenses. 394.
— Erphesfurdenses. 313. 342. 381 bis
383. 387. 388. 410,
— Eucharii Treverensis. 275.
— Farfenses. 326.
— Flaviniacenses. III, 150.
— Floriacenses. II, 254.
— Florianenses. 363.
— Formoselenses. 407.
— Fossenses. 191.
— Fuldenses. 88. 122—125. 129. 132.
152. 233. 254. 36L 409.
— S. Gallenses. 194. 244. Baluzii,
breves etc. L 63 — 71.
— Gandenses. 117 185.
— Garstenses. 362.
— Gengenbacenses. V, 389.
— Genuenses. 371.
— S. Georgii in Silva nigra. 397.
— S. Gereonis. 402.
— S. Germani Parisiensis. in, 166.
minores. 82.
— S. Gisleni. 300.
— Gnesnenses. 319.
— Gotwicenses. 365.
— Gradicenses. 319, 367,
— Grussavienses. 319.
— Guelferbytani. I, 23.
— Halberstadenses. 413.
— Hamburg. 413.
— Heilsbronn. 394.
— Hepidanni. 194.
— Herbipol. 395. 410.
— Heremi. 194.
— Hersfeldenses. 82, 131. 132. 174.
128. 182.194. 222. 245. 266. 318.
— Hildcsheimenno«. 1 32. 1 78. 1 82. 226.
222.230.233.236. 223. 308. 315.
343. 412. 413. 412.
29*
Digitized by Google
452
Register.
Annales Iburgenses. 232.
— S. Joh. s. Magd.
— Juvavenses (I, ÖL III, 122). 82, 88.
192.
— Lambacenscs. 365.
— Laubacenses. 86, 191.
— Laubienses. 191. 414.
— Laureshamenses. 107. 118. 119.
— Laurissenses (plebeii, Loiseliani).
108 — 108. 123. 140. 322.
— Laurissenses minores. 10L122J18.
— Lausonenses. III, 152.
— Lemovicenses. II, 2äL
— Leodienses. 191. 407.
— Lindisfarnenses. 8L
— Lobienses. 191,
— Loiseliani, sind die Laurissenses.
— Lothariani. 342, 382, ML 410,
— Lugdunenses. I, 110,
— Magdeburgenses ( Chronographus
Saxo). 174.179. 226. 258.257. 313.
343, 380. 382, 412, 413,
— Masciacenses. III, 169.
— Mataeenses. 363.
— Maurimonast. 398.
— S. Maximini Trevirensis. 184.
— S. Meginradi. 194.
— Mellicenses. 239. 362. 365.
— Mettenses. 80. 107. 188. brevissimi.
III, 155. S. Vincentii. III, 156.
— S. Michaelis Babenberg. 307. 394,
— Moguntini. 401. S. Albani. 230.
223, 308,
— Monaster. S. Greg. 398.
— Mosomagenses. III, 160.
— Murbacenses. 28, 8L 194.
— Nazariani. 23,
— Neresheimenses. 396.
— Novimontenses. 365.
— Opatowicenses. 367.
— Otakariani. 370.
— Ottenburani. 132. 245. 396.
— Paiid. 31 3. 376. 380. 410—413. 421.
— Paris. S. Germ. III, 82, 166.
— Pegav. 326. 381 — 383. 387.
— Petaviani (I, L III, 170). 86.
— S. Petri Erf. 387.
— plebei, sind die Laurissenses.
— Posnanienses. 319.
— Posonienses. 321.
— Pragenses. 314. 315. 369. 370.
— Pruvening. 392.
— Quedlinburgenses. 132. 174. 180.
182. 256. 343. 413.
— Ratisponenses. 198. 249.
— Ravenuates. 39,
Annales Reichersberg. 364.
— Reinhardsbrunn. 388.
— Rodenses. 403.
— Romani. 326.
— Rosenveld. 25L 223. 308. 343. 409.
412—414.
— Rothnacenses. 300.
— S. Rudberti Salisburgensis. 239.
345, 363. 419. 428.
— Salisburg. (I, 89) 8L 88. 36L 362.
— Scafhusenses. V, 388.
— Scheftlarieuses. 389.
— Schirenscs. 389.
— Seidentalenses. 389.
— Senon. S. Columbae. 207.
— Sithienses. 122.
— Spirenses. 399.
— S tabulenses. 291.
— Stadenses. 413.
— Stederburg. 376.
— Straubing. 389.
— Tiliani (I, 6. 219) 86.
— Trev. S. Euch. 275. S. Maxim. 184.
— Vedastini. 1 55. 202. 300.
— Veterocell. 382, 383.
— S. Vincentii Mettensis. III, 156.
— Vindobon. Praedicatorum. 365.
— Virdunenses. IV, L
— S. Vitoni Virdunensis. 404.
— Wcingartenses. 194. 397.
— Weissemburgenses a. 763 — 846.
L HL Andere 132. 194. 414.
— Wessofontani. 390.
— Wirziburgenses. 25L 273. 308. 313.
387. 394 — 396. 399. 410.
— Wormatienses. 399.
— Wratislavienses. 319.
— Xantenses. 141. 142.
— Zwetlenses. 365.
— Zwifaltcnses. 397.
Annalista Saxo. 183. 226, 232. 256. 257.
313, 342 ff. 383, 410—413. 417.
Anno (1056—1075) Erzb. v. Cöln. 232
bis 235. 257. 264. 274. 281. 284.
285, 288. 306, Vita 268, 283,
Transl. Mir. 269. 339. 341. Anno-
lied. 269.
Anonymus Barensis. 330.
— Haserensis. 217: 305.
— Mellicensis. 55.
— Murensis. 397.
— Salernitanus s. Chron. Salern.
— Ultrajectensis de Vita S. Bonif. 189.
— Valesianus. 34, 39,
— Weingart, de Guelfis. 375. 415.
— Welegrad. Zabrdowic. 447.
Digitized by Google
Register.
453
Ansae reginae Epitaphium. 96,
Ansberti Expeditio Frid. L 369.
Anscar (834—865) Erzb. y. Hamburg.
134. 135. 253. 254.
Ansehen Vita Angilberti. 99. 1ÜL
Ansegis, Abt von S. Wandrille. 190.
Anselm, Bisch, von Lucca. 328. 329.
— Abt von Gembloux. 296. 298.
Anselm von Laon. 279. 290. von Lüt-
tich. 286 — 288. 29JL 4QL von
Mainz. 400. von S. Remy. 328.
Antiochiae descriptio. III, 14.
Antonii Lirinensis Vita. 33.
S. Apri Miracula. IV, 515. Kloster in
Toul. 189. 212.
Aquicinct. Ann. Auct. et üontin. Si-
geberti. 298.
Aquileja. 89, 117.
Aquitanien. 113. 118. 322. Chron. H,
252.
Arabum naufragium. HI, 548.
Arbogast. 76.
Archid. Gnesn. (Sommersb. I, 78) 319.
Arialdi Vita. 335.
Aribo (1020-1031) Erzb. v. Mainz. 269.
Aribo (764-784) Bisch, v. Freising. 76.
77, 90, 247,
Arichis v. Benevent. 96 — 98.
Arminius. 23.
Arn, Abt v. S. Amand , Erzb. v. Salz-
burg. 87. 90. Formelbuch 92.
Arnold (1153—1160) Erzbischof von
Mainz. 400.
— v. S. Emmeram. 246 — 248. Abt v.
Hersfeld. 263. 269. von Lübeck.
377. 378.
Amstein. 348.
S. Arnulfi Mett, abbas Johannes. 187.
Arnulf, Kaiser. 124.
— Bisch, v. Metz. 80, 28.
— Herzog v. Baiem. 199.
Arnulfi Mediolanensis Gesta archiepi-
scoporum Mediolanensium. 335.
— archidiaconi in Girardum Engolis-
mensem invectiva. 347.
— comitis Flandriae Genealog. IX, 302.
— presb. Flandr. epistola. 409.
— conversi Villar. Vita. 407.
— Chron. Sarracenico Calabrum spur.
446.
Arras s. Atrebate.
Aspert (890 — 893) Bisch, v. Regens-
burg. 152.
Astronomi Vita Ludowici Pii. 114.
Athanarit. 44.
Atrebatensis Contin. Sigeberti. VI, 443.
Attalac abb. Bobiensis Vita. 73.
Attila. 23, 30.
Au bei Gars, Necrologium. 441.
Auch, Ann. Auscienses. UI, 171.
S. Auctoris Translatio (nach Braun-
schweig, spät u. fabelhaft). 237.
S. Audomari monast. s. S. Omer.
Augia s. Reichenau.
— minor s. Weifsenau.
Augsburg. 142. läL 197-199. 241 . 245.
246. 339. 394. 395. 441.
Aurach. 308.
Aurillac. 203.
Auscienses Annales. HI, 171.
Ausonius. 56.
Austriaca Contin. Martini Pol. 428,
Autberti Camerac. Vita. 299.
Autun s. Honorius.
Auxerre, Necrologium. 441.
Auxilius. 157.
Avenche unweit Lausanne s. Marius.
Azelin (1044—1054) Bisch, v. Hildes-
heim. 231.
Azzonis Merseburg. V. Heinrici L 446.
Babenberg s. Bamberg.
Baicrn. 76. 20, 124, 151-153. 198-201.
246 — 252. 363. 389 — 393. Con-
versio. 76, 77.153. Bawar. Contin.
Ann. Fuld. 124. 152.
Baldcrich (955 — 959) Bisch, v. Lüttich.
190. 19L U (1008 -1018).. 193.
286. 287, 292.
— (918 — 976) Bisch, v. Utrecht. 165.
182.
— Scholast. zu Trier. 222. 348. 349.
Balderici Chron. Camerac. 299.
Baltheri Vita Fridolini. 446.
Balthildis Vita. 448.
Bamberg. 55. 193. 221. 230. 232, 240,
270. 304—307. 339. 357. 393. 394.
441.
Bangor. 14, 261.
Bardo ( 1031 — 1051 ) Erzb. von Mainz.
220.211,430.
Bardonis Luc. V. Anselmi. 328. 329.
Bari. 330. 334,
Bartholomaei et Paulini inventio. 339.
Bartholomaeus, Bisch, v. Laon. 346.
Basel. 146. 241.
S. Basoli Miracula. IV, 517. Synodus.
204.
Baugolf, Abt zu Fulda. 125. 126.
Baumburg, Necrologium. 441.
S. Bavonis Gandensis Ann. H, 185.
Beauvais, Auct. Sigeberti. VI, 461,
Digitized by Google
454 Register.
Beda. 39. 4L 53. 81. 82. 118. 119. 140.
243. 309. 414.
Bclae regis Notarius 32L
Benedictbeuern. 200. 242. 396. Carm.
Burana. 433.
S. Benedicti monast. s. Montecasino.
Vita. 42. Translatio et Miracula.
207. 327.
Benedicti abb. Anian. Vita. 115.
— de S. Andrea Chronicon. 213.
— abb. Clus. Vita. 335.
Benedictus grammat. 200. levita. 15.
Benevent. 26. 158. 330. 334. 446.
S. ßenigni Divion. Ann. et Chron. 322.
Benno (1066 — 1106) Bisch, v. Meifsen.
256.
— (1067—1088) Bisch, v. Osnabrück.
233.
Bennonis Card. V. Greg. VII. 329.
Benzo von Alba. 329.
Berengar, Abt v. S. Lorenz zu Lüttich.
290. 291. v. Tours. 216.
Berengarii imp. Panegyricus. 159.
Bergen bei Magdeburg. 181.
Bcrgh S. Vinoc, Contin. Sigeberti, VI,
438.
Bergamo, Andreae presb. Chron. 158.
Berhtold, Herzog v. Baiem. 200.
Bern, Abt v. Reichenau. 196. 237. 238.
Bernald (821 — 840) Bisch, von Strafs-
burg. 113. 147.
Bemardi Guidonis Floris cronicarum.
428.
— Marangonis Chron. Pisan. 336.371.
— Penitentis Vita. 407.
Bernhard, König Pippins Bruder. 136.
— König von Italien. 128.
— Bisch, v. Camin. 394.
— (1130—1153) Bisch, v. Hildesheim.
234.
— von Clairvaux. 339. 340. 346.
— Schol. in Constanz. 244. in Peters-
hausen. 244. Noricus. 392.
Bemoldi Chron. 242 — 244. 257. 267.
328. 394. 419. 441.
Bernried. 328.
Bernward (993 — 1022) Bisch, von Hil-
desheim. 164. 176—178. 228. 229.
339. 385.
Beromünster, Necrologium. 443.
Bertarii Gesta episcoporum Virdunen-
sium. 142. 189. 222.
Bertha, Karls d. Grofsen Tochter. 101.
Berthold, Abt von Garsten. 360.
— Abt von Zwifalten. 397.
— von Reichenau, Chronik. 243. 244.
Berthold, Leben Landgr. Ludwigs. 388.
S. Bertin. 113. 192. 407.
Bertulfi abb. Bob. Vita. 14. 75.
Besuenses Annales. 322.
Bingen, Hildegard. 22. 340. 412.
Bischofsheim. 126. 129.
Blaise, Kloster. 322.
Blandigny. 280. 407.
S. Blasien. 240. 241. 244. 245. 250. 355.
356. 360. 397. 441.
Blaubeuern. 240.
Bleidenstadt. 130. 441.
Bobbio. 73—75. 117. 203.
Boboleni Vita Germani. 26.
Bobonis de Viqueria Vita. 335.
Boethius. 44.
Boguphali Chron. Polon. 385.
Böhmen. 215. 216. 222. 228. 313-319.
340. 366 — 370. 426.
Boleslaus von Polen. 225.
S. Bonifacii Annales. 132.
Bonifacius (747 — 755) Erzb. v. Mainz.
82. 83. 120.125. 126. 129. 132. 133.
148. Epistolae 83. Vita S. Livini.
82. Vita Bon. auct. Willibaldo. 83.
254. 361. presb. Moguntino. 83.
270. anon. Ultraject. 189. Othlono.
248. 270.
Bonizo von Sutri. 327. 373.
Bonn. 339.
Bosau. 377.
Boso card. 373.
Bourges. 221.
Bovo I Abt von Corvei. 138. 254. H.
167.
— von Voghera. 335.
Brandenburg. 383.
Braunschweig. 378. 379. 422. 426. cf.
S. Auctoris.
Brauweiler. 284. 339.
Bregenz, Necrologium. 441.
Bremen. 134. 221. 232. 252 — 256. 379.
385. 414.
Breslau. 319.
Brixen, Hartmann. .359. 360. 366.
Brixiense Chronicon. 158. 448.
Brügge. 408.
Brun (935 — 965) Erzb. von Cöln. 165.
166. 184-187. 189. 191. Vita auct.
Ruotgero. 165. 182. 184. 192. 295.
altera. 184.
— H (1131—1137) 22L
— v. Querfurt, Erzbischof der Heiden.
180. 216.
— Bisch, v. Segni, V. Leonis IX. 328.
— Bisch, v. Toul s. Leo IX.
Digitized by Google
Register.
455
Brun, Mönch in Fulda, genannt Can-
didus. 125 — 127.
— de bello Saxonico. 257. 258. 343.
380. 381.
Brzewnow bei Prag. 229.
Buloniensium Comit. Geneal. IX, 300.
Burburgensis Contin. Sigeb. VI, 450.
Burchard (1072 — 1106) Bischof von
Basel. 241.
— (1059-1087) Bisch, v. Haiberst. 256.
— (741 — 754) Bisch, v. Wirzburg. 83.
Abtei in Wirzb. 256. 308.
— (1000—1025) Bisch, v. Worms. 193.
287.
— Abt zu Bamberg. 394.
— Abt v. S. Gallen. 165. 197. Mönch,
Vf. der Casus S. Galli. 396.
— Propst v. Ursperg. 414.
— Mönch in Reichenau. 196.
— Notar Frid. L 360. 361.
Bürgeln. 397.
Burgund. OL 223.
Burgundofarae Vita. 14. 75.
Caddroae abb. Mett. Vita. IV, 483.
Caesarius von Heisterbach. 403. 438.
Caffari Ann. Genuenses. 371.
Calixt II, Papst. 340.
Calmosiacum. 278. 279.
Camaldulcnscr. 216.
Cambray. 19L 299—301. 439.
Camin, Necrolog. 442.
Candidus s. Brun, Wizo.
Canonici Leod. Chron. rythm. 288.
Canonicorum Prag. Cont. Cosmae. 369.
Cantatorium S. Huberti. 281. 436.
Cantuarienses Annalcs. 82.
Canutus dux Slesvic. 379.
Cappenberg. 346—348.
Capuae com. Chronicon. 446.
Carantanorum Conversio. ZO, ZL 1 53.
Cardinalis de Arragonia. 374.
Carionis Chronicon. 4.
Carmina Burana. 433.
Carolorum domus Genealogia. 9L
Carolus Martellus. HL 132.
— Magnus. 23. 88 ff. 133 ff. 146. 147.
158.322. 339. Sagen. 111. 335. Ex-
peditio Hispan. in, 708. Legende.
340. 404. Sequentia 433. Planctus
1LL
— Calvus. 1 1 6. 119. 155.
— Crassus. 111, 124. 145. 151.
— com. Flandr. 408. 433.
Casauria. 372.
Casinum s. Montecasino.
Cassiani Collationes Patrum. 42.
Cassii et Florentii elevatio. 339.
Cassiodor. 33. 39. 44—50.
Casus S. Galli. 143, 145. 125. 390.
— monast. Petrishusen. 241. 396.
Catalogus abbatum Augiensium. H, 32,
Corbeiensium. 168. Farf. 326. Fla-
viniac. VIII, 502. Fuld. III, 112,
S. Galli. H, 34. Larabac. XII, 136.
— archiepiscoporum Colon. 403, Me-
diolan. VIII, 102. Salisburg. 250. *
— comitum Flandriae. IX, 336.
— episcopor. Camerac. SQL Constant.
II, 39, Mett. II, m Olom. SOL
Sleswic. VII, 392.
— imperatoram. III, 215. 872. V, 04,
X, 136.
— priucipum Capuae, Salemi spurius
(III, 210) 440,
— regum Francorum. H, 307. III, 19.
214, X, 138.
— reg. Italiae et imper. III, 215. 872.
— Romanoruin pontificum. 39. 40. 326.
327. V, 395. 487.
Cäteau - Cambresis. 301.
Causeiensis concilii Acta. 204.
Cavca, La Santissima Trinitä della
Cava. 315. 330. 446.
Cellensis, Udalricus. 241. 244. 248.
S. Celsi Translatio. 274.
Censura historia Trevericae. Vni,llL
Centula s. S. Riquier.
Chansons de geste. 335.
Chantimprö. 439.
Chartres. 221. 273. 286.
Chätillon. 433.
Chaumouzey. 228. 279.
Chemnitz, Necrologium. 441.
Chiemsee. 3(21
ChildebertsI Zug gegen Saragossa. IL
Childebrand. 29.
Childerich, König. 5L
Chilperich, König. 58.
Chlodowich, König. 03,
Chlothars II Sieg über d. Sachsen. IL
Cholomanni Passio et Mir. 366.
Chorherren, regulirto. 359. 433.
Christanni Vita Wenceslai. 446.
Christiani archiep. Mog. Chron. 401.
Chrodegangi ep. Mett. Vita. 187.
Chronica de sex aetatibus mundi. 118.
Chronicon ad a. 1261. 426.
— Admuntense. 362.
— S. Aegidii. 466.
— Affligemensc. 301.
— Aldenburgense. 302.
Digitized by Google
456
Register.
Chronicon Altinate. 214,
— Andaginense. 281.
— S. Andreae Castri Cameracesii. 301.
— Aquitanicum. II, 252.
— August, bei Freher 1,509 ist Herrn.
Altahensis.
— S. Benedicti. 157.
— Benedictobur. 249.
— ducum Beneventi , Salerni, Capuae
et Neapolis (III, 211) 230,
— S. Benigni üivion. 522.
— S. Blasii. 397.
— Brandenburgense. 384.
— Bremense. 255. auch VII, 389.
— Brixiense. 158.
— Burglense. 397.
— Capuae comitum spurium (III, 207)
44g_
— CasinenBe. 157. 331 — 333.
— Cavense spur. 330. 446.
— Centulense. 100.
— Colmariense. 399.
— Coloniense metr. 402. S. Martini.
184. 283. cf. S. Pantaleonis.
— Corbeiense spurium. 135. 44S.
— Cuspiniani. 32,
— Divionense. 322.
— Ebersperg. 389.
— Elnonense. 301.
— Elwacense. 396.
— Erfordiense. 387. 388.
— Flandriae. 40 7.
— Fontanellense. II, 301.
— Gandersheimense. 172.
— Gladbacense. 184, 283,
— Gozecense. 383.
— Gradense. 214.
— de Guinea et d’Ardre. 407.
— Gurcense. 363.
— Halberstadense. 383.
— Hildesheim. epp. 233, 385,
— S. Hubert! 281.
— S. Jacobi Ratisponense. 392.
— Laetiense. 407.
— Laureshamense. 285. 399.
— Lausannense. 399.
— Leod. 407. S. Laurentii. 291, rythm.
288,
— Lippoldesbergense. 402.
— Lobiense v. Annales.
— Luneburg. 411. 421. 422. S. Mich.
385.
— Luxovicnse. HI, 219.
— Maceriense spur. 446.
— Magdeburg. 179. 344. 388. breve.
422,
Chronicon Marbacense. 419,
— S. Martini Colon. 184. 283.
— Mediani Monasterii. 278.
— Merseburgense. 381.
— S. Mich. Luneb. 385.
— S. Mich, in pago Virdun. 279.
— Moissiacense. 118.
— Montis Sereni. 344. 383.
— Neapol. epp. 158.
— Nemausense. DI, 219.
— Normannorum in Francia. 208.
— Novaliciense. 334. 335.
— Novientense. 398.
— S. Pantaleonis. 313. 344. 416. 418.
— Pegaviense. 381.
— S. Petri Erf. 387,
— Placentinum. 372.
— Polonorum. 319.
— Posoniense. 321.
— Ratisponense S. Jacobi. 392.
— Reichersbergense. 334. 365.
— Roberti Biscardi. 334.
— Rosenfeldense. 257.
— Rothnacense. 300.
— rythmicum. 436.
— Sagomini. 214.
— Salernitanum. 214. 224.
— fan Sassen. 422, Saxonum Quedlin-
burgense sind die Ann. Quedl.
— Tegernseense. 249. 390.
— Urspergense. 2, 3, 313, 413,
— Venetum. 214.
— Veterocellense. 382.
— Walciodorense. 4QL
— Watinense. 282.
— Wirziburgense. 239. 273. 308. 309.
345.
Chronographus von 354, 38, 39.
— Saxo s. Ann. Magdeburg.
— Siloensis. 369.
— Weingartensis. 375.
Chunibert aus S. Gallen, Abt von
Nieder -Altaich. 200.
Chur, Necrolog. 441.
Cinthius Card. 385.
Cistercienser. 308. 321. 346. 350. 437.
Claudii Taurinensis Chronicon. 118.
Claustroneoburgenses Annalium Mell.
Continuationes. IX, 608.
Clausula de Pippino. 41L
Clemens, Schotte. 125.
— Abt von Brzewnow. 317.
Closener. 422.
Cluny. 208. 235. 240. 241. 242.244.248.
256. 257. 261. 273. 277. 279. 280,
287. 289. 321. 322. 324. 325. 346.
Digitized by Google
Register.
451
Clusensis, Benedict. 335.
Codagnelli Chronicon. 372.
Codex Carolinus. 105.
— Einsidlensis. 148.
— S. Emmerammi, 152.
— epistolaris s. Epistolae.
— Hirsaugiensis. 241. 398.
— Laureshamensis. 399.
— Udalrici. 306.
Colmar. 398. 419.
Cöln. 26. 142. 165, 194. 199, 22L 225.
232. 233. 235. 257. 268. 27L 214.
283. 284. 30ti. 339. 340. 348. 402.
403. 416. 412, 438. 442, Transl.
Evergisli IV, 219, Patrocli IV, 280,
Colomann, König von Ungern. 32L
S. Columbae Senonensis Ann. 2Q7.
Columbani abb. Vita. 63, 68. 73 — 75.
Comburg. 240.
Commend. Ottonis ep. Bab. XII, 910.
Como. 336.
Compilatio chronologica. 426.
Computationea de tempore S. Rudberti.
XI, 15,
Concil s. Synodus.
Conrad II, Kaiser. 217—223. Vita auct.
Wip. 225. 226. Versus. 225.
— (III) König, Gesta a. 1095. VIII, 414.
— III, König, 342. 349 ff.
— (1238—1261) Erzb. v. Cöln. 402,
— (1134 — 1142) Erzb. v.Magdeb. 380.
— (1106—1147) Erzb. von Salzburg.
250. 359. 362. 363. II (1164— 1168)
361. 362.
— (1066) Erzb. von Trier. 274.
— (935 — 976) Bisch, v. Constanz. 196.
94 R 94.C QQQ
— (1221—1247) Bisch, v. Hildesh. 385,
— (1198 — 1202) Bisch, von Wirzburg.
378.
— von Brauweiler. 284. von Freising
(Sacrista). 392. v. Halberstadt. 422.
v. Lauterberg. 383. v. Lichtenau,
Propst von Ursperg. 415. 416. von
Ottenbeuern. 395. v. Pfävers. 396.
v. Ranshofen. 390. von Scheiern.
389. v. Wessobrunn. 390. v. Wi-
zenberg, Abt von Melk. 366.
— de S. Nabore epitaph. Adalbero-
nis II Mett. IV, 672.
Constantin, Abt v. S. Symphorian. 18b.
189. 295.
Constantius scholast. Luxov. 164. 197.
Constanz. 128, 143. 145. 196. 241. 242.
244 - 246. 339, 396, 442. Catal.
epp. II, 39,
Constructio Farfensis. 158.
Consularfasten. 39,
Contin. Reginonis. 185. 186. 321. 361.
Conversio Bagoariorum et Carant. 16,
77, 153,
Corbie. 135 — 137. Auctarium Sige-
berti \^I 447.
Corbiniani Vita. 76. 77, 90, Transl. 339.
Coronati, Quatuor. 28, 29,
Corvei. 88. 136—138. 166 ff. 244. 254,
308, 310. 350, 381, 446,
Cosmas (1091—98) Bisch, v. Prag. 316.
— Decan in Prag, seine Chronik und
Fortsetzer. 286. 287. 315 — 319.
343. 366. 367 . 369.
Cosmographie, fränk. TL Ravenn. 44,
Coucy, Synode. 203.
Cozroh, Freie. Traditionsbuch. 152,
Cracau. 319. 384,
Cralo, Abt von S. Gallen. 300.
Cremona. 211. 371. Translatio S. Hy-
merii HI, 266.
Cremsmiinstcr. 90, 228. 241. 365.
S. Crucis Cont. Ann. Mell. IX, 626.
637. 732. Werd. hist. 226,
Cunegundis imp. Vita et Mirac. 339.
393. 394.
Cuno von Praeneste, Legat. 277.
— (1126—1 132) Bisch, v. Regensburg.
290. 346, 363. 392,
— Abt v. Disibodenberg. 409.
Cuspiniani Chronicon. 39.
Cyrill. 153,
Dado, Bisch, v. Verdun. 146. Histor.
fragm. IV, 37,
Dagoberti Gesta. 70.
Damiani, Petrus. 216. 327.
Damiette. 417. 419.
Dänen. 230. 253. 379.
Daniel (1148-1167) Bisch, v. Prag.
■ 222. 367. 368.
David Scottus. 261. 262. 312. 324.
Depositiones martyrum. 39,
S. Denys. 323. 41L cf. Haimo.
Dervensis abb. Adso. 163.
Descriptio pagorum Slav. 152.
Desiderius, König. 96,
— Abt von Montecaaino (Victor HI).
327, 33L 332,
Deutz. 283. 290. 291.
Dextri Chronicon. 446.
Dialogus Clerici et laici. 434. inter
papam et Romam. 433.
Dicta cuiusdam de discordia papae et
regis. 294.
Digitized by Google
458
Register.
Dictatorenschulen. 222. 349.
Diessen, Necrolog. 441.
Dietger (1117 — 1120) Bisch, v. Metz.
27^ 277. 349.
Dietpold (1172— 1190) Bisch. v.Passau.
369.
Dietrich I (965 — 984) Bisch, v. Metz.
186 — 188. 225* II (1005 — 1047)
276. 280.
— (1046 — 1088) Bischof v. Verdun.
274. 282.
— Abt von S. Alban bei Mainz. 261.
273.
— Abt in Hildesheim. 385.
— I, Abt von S. Hubert. 280. 281.
H. 2SL
— von Apolda. 388. v. S. Mathias zu
Trier. 274. v. Tholey. 274.
Dietwin (1048 — 1075) Bisch, von Lüt-
tich. 281. 282.
Dijon. 223. 222. 282. 322.
Dimud von Wessobrunn. 390.
S. Dionysii s. S. Denys. Transl. 341.
Dionysius Exiguus. 39. 272.
Disibodenberg, Ann. 273. 409.
Dodechin. 409.
Dominicaner. 386. 388. 398. 399. 422
bis 422. 432.
Donat von Fiesoie. 82.
Donauwörth. 226.
Donizonis V. Mathildis. 328. 336.
Dorstadt, Necrolog. 441.
Draco Normannicus. 299.
Droctovei abb. S. Germani Vita ZL
Dudonis hist. Normannorum. 208. Ex-
cerpta. IV, 22.
Dungal. 91.
Durand (1021 — 1025) Bisch, v. Lüt-
tich. 286. 306.
Dysibod. 22. vgl. Disibodenberg.
Dzierswae Chronicon. 384.
Eanbald, Erzb. v. York. 23.
Ebbonis Vita Ottonis Bab. 307.
Eberbach. 394.
Eberhard (1147—1164) Erzb. v. Salz-
burg. 221. 360-362.
— v. Altaich. 363.
— de fundatione Gandersem. eccl. 172.
Eberndorf im Jaunthal. 375.
Ebersberg. 304. 389. 441.
Ebersheim. 240. 398.
Eberwin, Abt v. S. Martin zu Trier.
274. v. Steinfeld. 340.
Ebrachar (959—971) Bisch, v. Lüttich.
191. 290. 406.
Ebro, Abt von Zwetl. 392.
Ebroicense monasterium. 24.
Ecbasis Captivi. 224.
Edid, Königin. 162. 164.
Egbert s. EkberL
Egidii s. Aegidii.
Eginhard u. Emma. 101. s. Einhard.
Egino, Abt v. S. Ulrich u. Afra. 245.
Egmond. 407.
Eichstedt 84. 152. 200. 217. 221. 304.
305. 44)
Eigil', Abt v. Fulda. 20. 125—127.
Eike von Repgow. 421.
Einhard. 3. 4. 42. 90. 91. 103—112.
115. 118. 120. 122. 125—128. 192-
213. 302. Annal. 105—109. 123.
139. 141. 154. 300. Epistol. 112.
Transl. SS. Petri et Marcellini.
104. 112. Vita Karoli. 109—111.
123. 130. 1 74. 225. 254. 419. Gesta
Saxonum. 254.
Einsiedeln. 148» 194. 397. 441.
Ekbert, Sachsen Purst. 136.
— (977—993) Erzb. von Trier. 185.
274. v. York. 23.
— (1127-1132) Bisch, v. Münster. 348.
— Abt v. Hy. 82. v. Tegernsee. 249.
Ekkeberti Hersfeld. Vita Haimeradi.
269.
Ekkehard, Abt von Urach, und seine
Chronik. 38. 110. 206. 212. 262.
273. 298. 307—313. 343. 352. 362.
367. 381. 383. 387. 393 395.410
bis 415. 411. 412.
— (I) Decan zu S. Gallen, Waltharius.
197.
— (II) palatinus, Mönch in S. Gallen.
163. 165.
— (IV) Schol. zuMainz,Casu8 S.Galli.
143. 195. 270.
— der Rothe, Schol. zu Magdeburg.
179,
Eidradi abb. Novalic. Vita. VH, 128.
Electio Lotharii imp. 341. 342.
Elevatio s. Translatio.
Elisabeth, Landgräfin. 388. 425.
— von Schönau. 340. 412. 424.
Ellinger, Abt von Tegernsee. 249.
Elno s. S. Amand.
Elsafs. 398» 419.
Eiwangen. 148. 149 198. 396.
Embrico (1063—1077) Bisch, v. Augs-
burg. 245.
S. Emmerammi Vita. 26, TL 90. 247.
Kloster zu Regensburg. 152. 198.
122. 246—248. 260. 322.
Digitized by Google
Register.
453
Emnilde, Nichte der König. Mohthild.
181.
Enenkel. 226 391.
Engelberg. 387.
Engelbert (1216-1225) Erzb. v. Cöln.
403. 438.
— von Lenbus. 425.
Engolism. s. Angouleme.
Enhardi Fuld. Annales. 123.
Ennodius v. Pavia. 33. 4L
Ensdorf. 240. 394.
Epilogus Moraviae et Boh. 314.
S. Epiphanii Translatio. 175.
Epistolae, Cod. epistolaris, Allati. 200,
Eberhardi Sal. 360. Frid. I, Hil-
lini et Adriani. 431. Hildesheim.
233. Lauresham. 226. Lothar. 349.
Reinhardsbr. 241. Tegerns. 199.
375. Udalrici. 306.
Epitaphium Adalberonis II Mett. IV,
672.
— Adalheidae imp. 209.
— Ansae reg. 96,
— Bernaldi ep. Strasb. 147.
— Geroldi. 147.
— Ottonis Magni. IV, 636.
Epternach. 80. 82. 134. 276. 281. 404.
441.
Erbo, Abt von Prüfling. 277.
Erchanbald ( 1011—1020) Erzb. von
Mainz. 269. 210.
— (882—912) Bisch, v. Eichsted 1. 152.
— (965 — 991) Bisch, von Strafsburg.
197.
Erchanbert (835—853) Bisch, v. Frei-
sing. 152.
— Abt von Altaich. 200. 227.
— Abt von Corvei. 310.
— von Montecasino. 4L 158.
— Breviar. reg. Franc. 119. 120. 152.
Erchenfrid, Abt von Melk. 366.
Erfurt. 240. 339, 342. 386—388. 441.
Erinheri paraphrasis Vitae Haimeradi.
X, 608.
Erluin (979—995) Bisch, v. Cambray.
191.
— Abt v. Gembloux. 292. 296.
Ermanrich von Eiwangen (865—873)
Bischof v. Passau. 121. 128. 148.
149. 200.
Erminoldi abb. Pruvcning. Vita. 308.
392.
Ermoldi Nigelli Carmina. 113.
Ethicus. 68.
S. Eucharii Annales. 275.
Eugippii Vita Severini. 28, 30 — 35.
Eusebius. 36.
Eustasii Vita. 73. 75. 77.
Everaclus s. Ebrachar.
Evergisli ep. Colon. Translatio. IV, 279.
Everhclmi V. Popponis Stab. 280.
S. Evre, Kloster in Toul. 189. 277.
Ewaldorum Vita. 82.
Excerpta Altahensia (cf. Arch. XI, 27).
228. Velleji. 416.
Ezonis Palatini Vifa. 284.
Ezzo, Schol. in Bamberg. 306.
Fabaria, Pfävers. 240. 244. 396.
Falconis Bcnevent. Chron. 334.
Farabert, Abt von Prüm. 139.
Farfa. 158. 21L 324 — 326.
Faro, Bischof von Meaux. 1L
Fasti consulares. 39. Corbeicnses spu-
rii. 174, 44L
Fansti Vita Mauri. 447.
Favianae. 31. 32. 34.
Ferrara, Bischof Wido. 330.
Ferneres. 93, 128.
S. Ferrutii Translatio. 130.
Feuchtwangen. 197. 199.
S. Fidis Miracula. 398. 416.
Fiesoie, Donat. 89.
Findani Vita. 151.
Fingen, Abt von S. Vannes. 280.
Fischbachau. 240.
Flandern. 407. 408.
Flavianus, Lehrer des Paulus Dia-
conus. 96.
Flavigny. 282. 283. Ann. HI, 150.
Catal. abbatum. VIII, 502.
Fleury. 206 — 208. 322, 323, Ann. H,
254.
Flodoard. 192. 202.204. 205. 300. 323.
S. Florentii Salmuriensis destr. 117.
Florentii Wigomiensis historia. 273.
S. Florian. 23, 2L 28. 365. 442.
Florus von Lyon. 4L 115. 147.
Folcmar (965 — 967) Erzb. v. Cöln. 184.
— (977—990) Bisch, v. Utrecht. 176,
187.
Folcuin, Abt von Lobbes. 191. 296.
von S. Vinc. zu Metz. 292.
Fontenaille, Schlacht. 116. 117. 158.
Fontenelle, Gesta abbatum. 120.
Formbach. 360. 364.
Formoselenses Annales. 407.
Formulae Alsaticae. 145. Arnonis. 92,
Augienses. 146. Isonis. 146. Pa-
tav. 200. Salomonis. 145.
S. Fortunatae Translatio. 150.
Fortunatus, Venantius. 58. 59. 61.
Digitized by Google
460 Register.
Fosses. 191. 285. Fragm. hist. Fossat.
IX, m
Fragmentum de Arabum naufragio
a. 902. III, 548. de Arnulfo duce.
199. Auctoris inc. ap. Urstis. 419.
de Conrado rege a. 1095. VIII, 424.
deGregoriiVII obitu. V, 563. VIII,
470, de Heinrici IV pacto cum
Romanis. VIII, 460. de Ludowici
iunioris bello'a. 880. III, 569. de
Ottonis II bello a. 978. UI, 623.
de Pippino duce. 80.
Franco, Schol. in Lüttich. 287. 315.
Franken, Trojan. Herkunft. 62. cf. Ca-
talogus, Gesta, Iiistoria, Origo.
— (Ostfranken). 248. 304. 393.
Frankfurt. 433. Synode a. 1007. IV,
795.
221. 222. 273. 303. 321—324. 34ol
429. 432.
Frauenbildung. 164. 173. 338. 394.
Freckenhorst, Fundatio. 134.
Freculfi Lexov. Chron. 119. 128.
Fredegar. 38. 69. 70. 20. 80. 92. 98, 3fiL
Freising. 26. 22. 90. 146. 151. 152. 200.
234. 247. 249. 339. .351. 392. 442.
Friderich I, Kaiser. 337. 357 etc. Histo-
ria. 2- 416. II imp. 337. 338 etc.
— (1100 — 1131) Erzb/v. Cöln. 221.
29Q,
— (954—990) Erzb. v. Salzburg. 200.
227_
— (1119— 1121) Bisch, v. Lüttich. 282,
289. 290.
— (1062— 1084) Bisch. v.Münster. 235,
— H von Oestreich. 433.
— Pfalzgraf von Sachsen. 218.
— Abt von Hersfeld. 265,
— Ködiz von Saalfeld. 389.
Fridolini Vita. 446.
Fridugis. 93.
Friesen. 132—134,
Fritsche Closener. 422.
Fritzlar, Wigbert. 128.
Fronnenberg. 386.
Frotharii ep. Tüll, cpistolae. 142.
Froumund von Tegernsee. 199.
Fulbert von Chartres. 286. 287. 299.
Fulco (882 — 900) Erzb. von Reims.
112. 201.
Fulda. 90. 104, 122-132. 142. 147.
148. 218.248.265. 269—271. 281.
304. 386.442.447.
Fulgentii abb. Affligemensis Visio.
IX, 412.
Fundatio Brunwilarensis. 284. Frec-
kenhort. 134. Fronnenberg. 386.
Lunaelac. 390. Magdeburg. 179.
343. 380. 413. Ottenbur. 395.
Paradisi. 386. Schir. 389. Te-
gerns. 249. 390. Windberg. 389.
Zwetl. 392.
Fürstenfeld, Necrolog. 442.
Füssen. 248.
Galberti Passio Car. com. Flandr. 408.
S. Gallen. 15, 25, 12L 128. 142—147.
149, 151. 162. 163. 165. 166. 176.
19L 193—197. 200, 201, 244, 281,
39fi 442.
S. Galli vita. 25. 143. 149.
Gandav. s. Gent.
Gandersheim. 138. 165. 166. 171. 172.
Garamnus von Reims. 203.
Garsten. 360, 362.
Gaufredus Malaterra. 334.
Gaugerici ep. Camer. Vita. 299.
Gebehard (1060—1088) Erzb. v. Salz-
burg. 235. 250. 251. 276. 362.
— (996—999) Bisch, von Augsburg.
198.
— (980—995) Bisch, v. Constanz. 196.
192, 396. II (1084 — 1110) 241.
244 _ 245.
— (1042—1057) Bisch, v. Eichstedt.
304.
— (1068 — 1090) Bischof von Prag.
— (1122—1127) Bisch, v. Wirzburg.
221. 305. 306,
Geddo, Schol. in Magdeburg. 179.
Gekrönte, Vier. 28. 29.
Gellonense Martyrologium. 41.
Gembloux. 22L 282. 291 — 298.
Genealogia comitum Bulon. et Flan-
driae. 407. domus Carolorum. 92.
regum Francorum. II, 307. EX, 308.
S. Galli. II, 34.
Generationes populorum. VHI, 314.
Generationum über. 38. 67,
Gengenbac. Annales. V, 389.
Gennadius. 55.
Gent. 55, 122, 280, 402, Ann. H, 185.
Genua. 371.
Geographus Ravennas. 44,
S. Georgen im Schwarzwald. 240. 276.
277. 395. 397.
Gerald, Cardinal von Ostia. 248.
— von S. Gallen. 197.
Gerbert (Silvester H). 156. 163. 164.
203 — 205.
ligitized by Google
Register. 461
Gerbirg, Aebt. v. Gandersheim. 165.
m.
Gerdag (990 — 992) Bisch, v. Hildes-
heim. 117.
Gerhard, Bisch, v. Angouleme. 221.
— (1012 — 1049) Bisch, v. Cambray.
299. II (1076—1092) 300,
— Bisch, v. Csanad. 320.
— (963 — 994) Bisch, v. Toul. 189.
277. 278.
— Propst zu Augsburg. 198. von Ste-
derburg. 376.
Gerhoh, Propst von Reichersberg. 233.
245. 341. 363. 364.
Gerlach, Abt v. Mühlhausen. 368. 369.
S. Germain-des-Pr^s. 71. 82. 155. 207.
221 . 286. 442. cL_ Ann.
Germani abb. Grandivall. Vita. 76.
Gernand, Bisch, v. Brandenburg. 384.
Gerold, Carls d. Gr. Schwager. 145. 142.
— (1154— 1164) Bisch, v. Lübeck. 311.
Gervasius, Erzpriester in Prag. 317.
— von Tilbury. 437.
Gesta abbatum Fontanell. 120. Gem-
blac. 295. S. Laur. Leod. 406..
Lob. 191. 296. Trudon. 289. 290.
S. Vitoni. 404.
— Anglorum (bei Adam). 254.
— Archiepp. Mediolan. 335. Ham-
burg. 252—255. Salisburg. 250.
— in coenobio Ebroicensi. 74,
— Conradi regis. VIU, 474.
— Dagoberti. Z£L
— epp. Cameracens. 299—301. Leod.
192. 286—288. 407. Mett. 92. 98.
405, Tüll. 226. Virdun. 142. 229,
404.
— Francorum. 20, 120. 140. 174. 300.
309. 26L
— Heinrici IV. 259. 260.
— Marcuardi. 386.
— Normannorum in Francia. 208.
— PiBanorum. 336.
— Pontiflcum Romanorum. 40, 98,
156. 213. 326. 327. 343. 361. 373.
374.
— Pyothrconis. 385.
— Treverorum. 185. 274. 275.
— Witigowonis. 196.
Goten und Gothen. 42.
Gilberti Chronicon. 426.
— abb. Valencen. Vita. 407.
S. Gilles, Mir. S. Aegidü. 232,
Girardus Puella. 222.
Gisela, Kaiserin. 217.
Giselbert, Abt von Admunt. 387.
Giseier (981—1004) Erzb. v. Magde-
burg. 122. 181,
Gisleberti Carmen de incendio S.
Amandi. 301.
— Hasnon. historia. 408-
S. Gisleni Annales. 300.
Gladbacense Chron. 184. 283. Necrol.
44 2
Glanfeuil. 447.
S. Glodesindis miracula. 187.
Gnesen. 319.
S. Goaris Vita. 139.
Godefrid (1124—1127) Erzb. v. Trier.
275
— Graf v. Cappenberg. 347. 348.
— v. Cöln. 416. v. Ensmingen. 399.
419. v. Viterbo. 303 356—358.
Godehard (1022—1038) Bischof von
Hildesheim. 164. 179. 200. 227
bis 230. 263. 339.
Godschalk, Abt v. Selau. 22L 368.
— v. Benedictbeuern, Breviarium. IX,
221. Translatio S. Anastasiae. IX,
224,
— von Fulda. 117. 128.
— von Gembloux. 222, 295. 296.
Gordiani Vita Placidi. 333.
S. Gorgonii miracula. 182,
Gorze. 186—189. 196, 203, 226, 292,
Goseck. 240. 383-
Goslar. 231.
Goswini Vita Arnulfi Villar. 407-
Gothelm, Abt v. Tegernsee. 249.
Gothen. 43—55.
Gottesau. 241.
Götweih. 25L 360. 365, 366. 392.
Gozbald (842 — 855) Bisch, v. Wirz-
burg. 148. 152.
Gozbert, Abt v. S. Gallen. 143. 149.
— dessen Neffe. 143. 149.
— Abt v. Tegernsee. 199.
Gozecense Chron. 383.
Gozechin, Schol. zu Mainz. 220. 271.
286, 282.
Gradense Chron. 214.
Grammatiker in Italien. 96,
Gran, Lucas. 222.
Granum Catalogi epp. Olom. 367.
Granval. 26, 144.
Graphia aureae urbis Romae. 213.
Gregor L Vita S. Benedicti. 42,
— V, Synodus Papiensis. UI, 694.
— VII, obitus. V, 563. VUI.42Ü, Vita.
328. 329. Registrum. 328,
— v. Tours. 60-66. 70. 77. 300. 302.
411. Hist, epitomata. 67.
Digitized by Google
462
Register.
Gregor v. Utrecht. 132, 133.
— von Catina, Mönch zu Farfa. 325.
Grimald, Erzkaplan u. Abt v. S. Gal-
len. 12L 142. 114. 147,
Grussavienaes Annales. 319.
Gudini versus de morte Constantii
schol. Luxov. 164
Guelferbytani Annales. I, 23.
Gui. v. Wi.
Guibertus abb. Gemblac. de combu-
stione monasterii. VIII, 563.
— Novigentensis. 339.
Guidonis Casinensis Chronica. 332.
Guise s. Jacob.
Gumpoldi Mantuani Vita Vencezlaui.
215. 314
Gundechar (1057 — 1075) Bischof von
Eichstedt. 217. 305.
Gunderam, Schol. in Eichstedt. 22L
304.
Gundram, Mönch in Fulda. 148.
Gunhild, Königin. 230.
Günther (1024—1025) Erzb. v. Salz-
burg. 191. 200. 285.
— (1057 — 1065) Bisch, v. Bamberg.
306.
— Eremit. 229. 313.
Guntheri Ligurinus. 2. 260. 442,
Gunzo von Novara. 162. 201.
Gurk. 363.
Hadamar, Abt von Zwetl. 392.
Haimeradi Vita auct. Ekkeberto. 269.
Haimo (840 — 853) Bisch, v. Halber-
stadt. 128. 1 75.
— (991 — 1024) Bischof von Verdun.
m 19L
Haimonis Babenb.Chronographia.324.
— mon. S. Dionysii über de detectione
Macharii Dionysii. XI, 372.
— vita Wilhelmi Hirsaug. 241.
Haito, Bisch, v. Basel. 146. 147. 151 .
Halberstadt. 128. 138. 175. 234. 256.
343. 383. 422. 442.
Halinard von Lyon. 322.
Halle. 352. 383.
Hamburg. 22. 134. 135. 254. 413. 442.
Hameln. 379.
Hariolfi Vita auct. Ermenrico. 148.
Hariulfi Chron. Centulense. 100.
Harsefeld. 257.
Hartmann (1142—1165), Bischof von
Brixen. 359. 360. 366,
— Abt von Götweih. 241.
— von S. Gallen, V. Wiboradae. 195.
— Schol. in Paderborn. 235, 255. 256,
Hartmut, Mönch von S. Gallen. 128.
Abt. 144.
Hartwich (990 — 1023), Erzbischof v.
Salzburg. 361.
— (1167 — 1184) Bisch, v. Augsburg.
375.
— (1 105—1126) Bisch . v. Regensburg.
321.
— Abt von Hersfeld. 265. 269.
Haserensia Anonymus. 217. 305. Wolf-
hardus. 4L 84.
Hasnoniense Auct. Sigeberti. VI, 441.
Historia. 30L
Hasungen. 240. 269. 387.
Hathumodae Vita et obitus. 138.
Hatto (819—913) Erzb. v. Mainz. 125.
140. 145. 170.
— Bisch, v. Vieh (Ausonensis). 203.
Hautmont. 280.
Hedwig von Schwaben. 164. von Schle-
sien. 385. 425.
Heidenheim. 84.
Heiligenkreuz. 365.
Heiligenleben, Legenden. 5, 25 ff. 41 .
42, 52. 60. 12. Z2. 118. 135. 222.
340. 425.
Heilsbronn. 394.
Heimerad s. Haim.
Heimo s. Haimo.
Heinrich L 162. 446.
— II. 164 173. 234. Vita auct. Adal-
boldo. 192. auct. Adalberto. 193.
393. 394. Versus de eo. 225. Mir.
et Transl. 339. 324
— IH. 217. 223. Verse auf seine Krö-
nung. 225. Gesta. 225. 226. 239.
413,
— IV. 218 ff. Vita. 2(')Q. 261. 273.
Gesta metr. 259. 260. Pactum
cum Romanis. VIII, 460.
— V. 218 ff. 308. 310.
— VI. 352. 358.
— L König von England. 323.
— II. 340, 436.
— I von Baiern. 164. 171. 173. 224.
— der Löwe. 376 — 379.
— (1225-1238) Erzb. von Cöln. 386.
403
— (1142 — 1153) Erzb. v. Mainz. 400.
— (956—964) Erzb. von Trier. 185,
— (973 — 982) Bisch, v. Augsburg. 198.
— (1172 — 1182) Bisch, v. Lübeck. 378.
— (1075—1091) Bisch, v. Lüttich. 28L
287.
— (1126—1150) Bisch, v. Oluiüz. 316.
— (1182—1197) Bisch, v. Prag. 368,
Digitized by Google
Register.
463
Heinrich, Abt von Gladbach. 283. .
— Archidiac. von Lüttich.. 293. 294.
von Salzburg. 361.
— Schol. von Bremen. 4M.
— von Gent, 55, von Herford. 212.
der Lette. 385. Minneke. 340.
von Osthoven. 386.
Heinrichau. 385.
Heisterbach. 432. 438.
Helmershausen. 237.
Helmoldi Chron. Slavorum. 376. 377.
4M.
Helperici Carolus M. et Leo III. 102,
Hepidanni Ann. s. S. Galli maiores.
Herbord, Schol. in Hildesheim. 318
Ilerbordi V. Ottonis Bab. 307.
Heremi Annales, Liber. 194.
Herford. 137. 138. 172.
Heribert (999 — 1021) Erzb. v. Cöln.
184. 225. 283. 291.
— (1021 — 1042) Bisch, v. Eichstedt.
221. 304.
Heribrand, Abt von S. Lorenz in Lüt-
tich. 290.
Heriger (913—926) Erzb. v. Mainz. 224.
— Abt von Lobbes. 122. 286 - 288.
Herlucae Vita. 395.
Hermann (1096—1132) Bisch, v. Augs-
burg. 243. 363.
— (1065 — 1075) Bisch, v. Bamberg.
306.
— (1073-1090) Bisch, v. Metz. 250.
97 c occ 904. ■
— (1099— 1122fBisch. v. Prag. 316.
— (1018-1026) Bisch, v. Toul. 190.
JL9L
— von Altaich. 122. 419. von Gerin-
gen, Mönch in Cluny. 24L 244.
von Cöln, de conversione sua. 348.
von Kirchberg. 376. von Laon.
302. 347.
— von Reichenau (Contractus). 81.
224. 230. 237—240. Chron. 22L
238. 239. 243. 243. Epitome San-
gall. 239. 308. 365. Gcsta Con-
radi et Heinrich 226. 239. Con-
flictus ovis et lini. 238.
— von Worms, Elogium Burchardi.
IV, 829.
S. Hermetis Translatio. 153.
Hermsdorf, Necrolog. 442.
Herrand (1090—1102) Bisch, v. Hal-
berstadt. 256. 257. 308.
nerrieden s. Haser.
Hersfeld. 131. 132. 228. 229. 247. 249.
236, 263 - 270. 343,
1 Hessi von Ostfalen. 138.
Hesso de concilio Rem. 312.
Hettel (1054 — 1079) Bisch, v. Hildes-
heim. 230. 23L 233.
Hieronymus. 36= 32. 4L 53. 55, 309.
Hildebald, Erzb. v. Cöln. 142.
— goth. Philosoph. 44
Hildebold, Grammatiker. 189.
Hildegard, Königin. 129,
— von Bingen. 22, 340. 412.
Hildegardus Gradicensis. 447.
Hildesheim. 12L 164 175—179. 224
228 — 234. 244. 339. .‘140. 363. 378.
322. 385, 400. 434 442,
Hilduin, Abt von S. Denys. 137.
S. Hildulfi Successores in Mediano mo-
nasterio. 278.
Hillin (1152 — 1169) Erzb. von Trier.
349. 434
Hincmar (845—882) Erzb. v. Reims.
124 154 202. 204. 300. Ann. 113,
154 Epist. de ord. pal. 132. V. lte-
migii. 447.
Hippolyt von Porto. 38, 62»
Hirschau. 240 — 242. 247. 250. 251.
263. 268. 269. 276. 277. 279. 308.
358. 383. 387. 388. 397.
Historia ann. 1264 — 1279. IX, 649.
Cameracensis. 304 Crucis Wer-
deam allatae 226. Farf. 324. Fos-
satensis. IX, 370. Franc, impera-
torum breviss. X, 136. regum
Francorum. II, 324» Francorum
(bei Adam). 254. S. Dionysii. 323.
Senonensis. 207. 323.
— Friderici L 2» 416. Fuld. 131. 265.
Imperatorum. 422, Lombardica.
44 425,
— miscella, Ueberarbeitung u. Forts.
der Hist. Rom. von Paulus Dia-
conus, verf. von Landulfus Sagax.
Murat. L vgl. Arch. X, 311.
— calara. Salisb. eccl. 361. Sanguinis
Domini. 196. Martyrum Treveren-
sium. VIU, 220. Wenceslai I regis
Boh. 320.
Historiae Trevericae Censura. Vin, 117.
Hitto (810 — 835) Bisch, v. Freising.
152.
Hofen, Necrolog. 442.
Hofschule, Erziehung am Hofe. 94
26. 92. 104 124 166. 218.
Holstein. 376 — 378.
Honau, Necrolog. 442.
Honorius von Autun. 55. 344.
Hornbach, Vita S. Pirminii. 146. 188.
Digitized by Google
464 Register.
Hrabanus Maurus (847—866) Erzb. v.
Mainz. 4L 121—130. 142.147. 148.
Hradisch. 312, 367. 447.
Hrotsuit s. Roswitha.
Hubald von Lüttich. 191. 315.
S. Huberti Transl. 142. Chron. 281.
436.
Hucbald von S. Amand. 82. 82. 133
2QL 202,
Hugo, Karls des Gr. Sohn. 117.
— Erzb. v. Lyon. 282.
— (945 — 947) Bisch, v. Lüttich. 184,
190. II (1200—1229) 405, 407.
— Abt v. Farfa. 324. 325.
— Abt v. Flavigny. 206. 276. 280.
282, 283, 323. 442.
— Falcand. 373. v. Fleury. 323. 383.
Motellus. 279. v. Regensburg. 392.
v. Trimberg. 55. v. Verdun. 404.
Hunibaldi Histor. libri. 447.
Huswardi Martyrologium. 4L
S. Hymerii Translatio Cremonam. HI,
266.
S. Jacob, Kloster in Lüttich. 123. 286.
287. 406.
Jacobi de Guisia Ann. Hannoniae. 289.
296. 300. 301. 407. 408.
Jacobi a Voragine s. Januensis Le-
genda aurea. 4L 425.
Jans der Enenkel. 226. 391.
Jarento, Abt zu Dijon. 282.
Iburg. 231. 232.
Idacii Chronicon. 53. 411.
Idae Vita auct Uffingo. 136. 137. 175.
Jerusalem. 220. 264. 306. 308. 433.
Patriarchae etc. epist. ad eccl. occ.
IH, 14.
Ignotus Casinensis, ist Chron. Cas.
Ilbenstadt. 347.
Ildefons von Toledo. 55.
Ilsenburg. 175. 256. 442.
Imago Hispaniae. 55.
Imma, Einhards Frau. 104 105.
Immed (1052 — 1076) Bisch, v. Pader-
born. 235.
Immedinger. 234
Immo, Abt von Gorze, Prüm, Rei-
chenau. 196.
de Imperatoria potestate in urbe Roma.
213.
Joachim abbas. 373.
Jocundi Transl. S. Scrvatii. 302,
Johannes, Abt von S. Arnulf. 187.
von Bari. 334. Berardi, Chron.
Casaur. 372. von S. Bertin. 407.
Biclariensis. 53, Calaber. 164.
Canaparius. 216. v. Cluny. 209.
Cremon. 371. 415.
Johannes Diaconus, Chron. epp. Nea-
pel. 158. Chron. Venetum et Gra-
dense. 214.
— v. Gorze. 186. 187. 189, v. Hildes-
heim. 431. Hocsemius. 407.
— pauper. 217. von Salisbury. 437.
Trithem.(s. unten). Ultramosanus.
405. 407. Victoriensis. 428.
Jonae ep. Aurelian. Transl. S. Huberti.
142,
— abb. Bob. V. S. Columbani. 63,
Jordanis de rebus Geticis. 3.4.45 — 51.
306- de regn. successione. 5L
Jotsaldi V. Odilonis Clun. 209.
Iren oder Schotten. 73 —78. 80. 81-
85. 87. 89. 90. 121. 125. 142. 144.
15L 166, 188, 195. 248, 27L 272.
280. 284 366. 375. 392. 393. 444.
Iring. 341.
Isenboldi Halberstad, epist. ad Elvin-
gum. III, 13.
Isidor v. Sevilla. 34. 54. 55, 7 1.178. 309.
Isingrim. 352.
Isny. 240,
Iso von S. Gallen. 144. 146.
Israel, irl. Bischof. 166.
Itacii Chronicon. 446.
Italien. 69.89.91 96. 117. 142. 156 ff.
228, 324 - 336. 370 - 374. 433.
Catal. reg. et imp. UI, 215. 872.
V, 64
Itherius, Abt v. S. Martin zu Tours. 94
Judith, Kaiserin. 113. 119.
S. Judoci Auctar. Sigeberti. VI, 443.
Julian, Dominicaner. 434.
S. Justi Transl. Malmundarium. 142.
Jutta, Kön. v. Böhmen. 338, 368,
Juvav. Annales. L 82, HI, 122. Mir.
339. 341.
Ivo von Chartres. 323,
Kaiserchronik. 345. 422.
Kaiserswerth. 62,
Kagnimir. 448,
Kalender, Röm. 38. Zwetlense. IX, 689.
Kanzlei, königliche. 166. 236.
Kaufungen. 394.
Kempten. 241.
Kiliani Vita. 77, 28,
Klosterneuburg. 350, 359. 360. 365, 366,
442. 447.
Klosterrath. 403.
Knud La ward. 379.
Digitized by Google
Register.
Königinhofer Handschrift. 447.
Kreuzzüge. 225 305 310. 31L 339.369.
372. 395. 415. 417. 430. 433.
Laach, Necrolog. 442.
Ladislai regis elevatio. 339.
Lambach. 251. 339. 365. Ann. IX,
555. Series abb. XII, 136.
S. Lambert, Bisch, v. Lüttich. 190. 294.
Triumphus. 405. 405 Kloster in
Steiermark. 241.
— von Ardre. 4QL
— von Hersfeld. 4. 12. 87. 131. 132.
227. 262-269. 386-388. 414.
Hist Hersf. 265.
— Propst von Neu werk. 359. 381.
— von S. Omer, Chron. V, 65 Ge-
neal. com. Flandr. IX, 309.
Lamberti Parvi Chron. Leod. 406.
Lammspring. 138. 139.
Landgraf Ludwigs Kreuzfahrt 369.
S. Landoaldi Vita. 192.
Landshut. 389.
Landulf von Mailand. 335. der Jün-
gere von S. Paul. 336.
Lanfranc. 221.
Langobarden. 95—99. 158. 335. Her-
kunft 95.
Lantberti V. Heriberti. 283.
Lanto, Bisch, von Augsburg. 149-
Laon, Laudunum. 159. 279. 339. 346.
347. Auctar. Sigeberti VI, 445.
Latinus Barensis. 334.
Laub. s. Lobbes.
S. Laurentii coen. Leod. 283. 290. 291.
404. 406.
Laurentii CasinensisV. Wenzeslai.215
— Leod. Gesta epp. Vird. 404,
— Vern. de bello Maioricano libri VH.
336.
Lauresh. s. Lorsch.
Lausanne. 66, 223. 399. Ann. HI, 152.
Lauterberg. 344. 383.
Lebuini Vita. 82. 83. 133. 202.
Lechschlacht 225.
Legis Salicae Prologus. 57. 58. 71.
S. Legontii translatio. 339.
Leidrad, Bisch, von Lyon. 90.
Lemovicenses Ann. H, 251.
Leo IX. 120, 277. V. auct. Wiberto.
278. aliae 328.
— Abt und Legat. 156. 204.
— Bisch, von Ostia, Chron. Cas. 331.
— Bisch, von Vercelli. 213, 224,
Leobgyth s. Lioba.
Leod. s. Lüttich.
465
Leofric von Exeter. 286.
Leubus. 425.
Lewpoldus Campilil. 447.
Liafwin s. Lebuin.
Libellus de Maioribus domus. 80. 97.
— supplex mon. Fuld. 126.
Liber aureus Epternac. 80. 404.
— generationum. 38, 6L
— Heremi. 194.
Libertas eccl. Fabar. 244,
S. Liborii Translatio. 138.
Libusin Sand. 441.
Lichtenthal, Necrolog. 442.
Lieder. 23. 1L der Gothen. 43. 44. 49.
Langobarden. 95 cf. Versus.
Liemar (1072 — 1101) Erzb. von Bre-
men. 232.
Liessies (Chron. Laetiense). 407.
Lietbert (1051 — 1076) Bisch, v. Cam-
bray. 300.
Lilienfeld. 442. 447.
Limoges. 322.
Lindisfam. Annales. 18. 8L
S. Liobae Vita. 129.
Lippoldsberg. 402.
Lissabon. 409.
Liudfrit, Schol. in Salzburg. 200.
Liudger, Bisch, von Münster. 132. 133.
115 254.
Liudmilae Vita, 215.
Liudolf, Herzog v. Sachsen. 136. 138.
— (994 — 1008) Erzb. v. Trier. 188.
Liudprand, Bisch, v. Cremona. 4, 165
161.209—212. Antapod. 210. 309.
Hist. Ott. 211. Legatio. 212. de
vitis Kom. Pont. 345 Chron. spur.
441.
Liupold (1051 — 1059) Erzb. v. Mainz.
270. 271. 287.
S. Liutbirgis Vita. 138.
Liuteld (989 — 996) Bisch, v. Augs-
burg. 197. 198. v. Mondsee. 390.
S. Livini Vita. 82. 446.
Livland. 385.
Lobbes. 111, 190—195 281. 287.
Lodi. 371.
Lombardica historia. 4L 425.
Lorch (bei Enns). 25 32. 34. 35 392.
Kloster im Augsb. Sprengel. 415
Lorenz s. Laurentius.
Lorsch. 105 101. 125 225 242. 285
399. 442. Ann Nazar. I, 23.
Lothar L Kaiser. 117. 130. 139. 147.
— UI. 335 331, 341 ff. Epist. ad Ca-
sinenses VH, 819. Electio. 341.
448. Epistolae. 349.
30
Digitized by Google
466 Register.
Lothringen. 139 ff. 161. 166. 183 ff.
223 ff. 404 ff.
Lübeck. 321, 3m 413.
Lucas, Erzb. v. Gran. 222.
Lucca, Anselm. 328. 329.
Ludolf (1192—1205) Erzb. v. Magde-
burg. 380.
Ludwig der Fromme. 23. 104. 105.
112-114 117. 126. 147.
— II, Kaiser. 117. 150.
— der Deutsche. 121. 134. 147. 152.
— das Kind. 124. 151.
— Landgraf. 369. 388. 389.
— Graf von Arnstein. 348.
— Erfurter Canonicus. 388.
— von S. Lorenz in Lüttich. 291.
Lull (755— 786) Erzb. von Mainz. 83.
84. 125. 130. 131.
Lüneburg. 385. Chron. 411. 421. 422.
Necrol. 442.
Lupi abb. Ferrar. epistolae, V. Wig-
berti. 128.
— Protospatharii Ann. Barenses. 330.
Lüttich. 189-193. 197. 200. 201. 221.
249 201 . 271. 273. 276. 281. 283.
285-294. 306. 309. 315. 316. 349.
350 4Q4 4Q7,
Luxeuil. 74—76. 164. 197. Chron. breve.
III, 219,
Lyon. 90. 322, 434, Ann. I, 110,
Maccriense Chron. spur. 446.
S. Maclovii Vitae Prol. auct. Sigeberto.
VIII, 505.
Madalwin, Chorbisch, von Passau. 34
Magdeburg. 163, 126. 179-182. 185,
199. 240. 247. 253. 257. 343. 347.
359. 380. 413. 422.
Mähren. 314. 367.
S. Magnerici Vita auct. Eberwino. 274
S. Magni Vita et Transl. 149. 248. 448.
Magnus v. Reichersberg. 212. 365.
Mago, Priester. 129.
Mahthild s. Math.
Mailand. 335, 336, 324 443, Catalog.
archiepp. VUI, 102.
Mainz. 83. 91. 140. 171. 176. 185. 194.
22a 224 224 264 269—273. 276.
286. 287. 400. 401. 409. 443. cf.
Synodus.
Maioli abb. Clun. Vitae. 209.
de Maioribus domus libellus. 80, 92,
Malmedy. 142. 284. 285.
Mangold von Lautenbach. 275. 276.
Schol. v. Paderborn. 235. v. Werd.
226.
S. Mansueti Miracula auct. Adsone.
IV, 509.
Mantua, Gumpold. 215.
Map, Walther. 339. 340. 346. 437.
Marbach. 419.
Marcellini Comitis Chron. 50.
— Vita S. Suiberti 82, 447.
Marcellus, Moengal, in S. Gallen. 144.
Marchian. Chron. 407.
S. Marci Translatio. 150, Mirac. 195.
Marci Maximi Contin. Dextri. 446,
Marcomir. 44
Marcward, Abt von Deutz. 283. 290.
v. Fulda. 386. von Prüm. 139.
— von Padua. 433.
S. Mariae Laudun. Miracula. 339. 341,
Mariaecell. Auct. Ann. Mell. IX, 646.
Maria Hof, Necrolog. 443.
Mariani Scotti Chronicon. 271—273.
409. Ratisp. Vita. 392. 393.
Marii Aventicensis Chron. 37. 53. 66.
S. Martini Vita. 42, Kloster zu Tours.
94 93, 94 Transl. Salisb. s. XI,
85. Kloster zu Cöln. 184. 271.
283, 442, Trier. 139, 214 Tour-
nay. 302. 347.
Martinas Gallus. 319,
— Oppav. vulgo Polonus. 382, 426
bis 429.
Martyrium s. Vita.
Martyrologien. 22, 39 — 41. 81. 139.
144.
Martyrum Treverensium Histor. VIII,
220,
Masciacenses Ann. HI, 169.
Mastricht. 302.
Matheus Parisiensis. 420.
S. Mathiae Inventio et Miracula. 339.
404 Kloster in Trier. 274. 275.
404 _
Mathilde, Königin. 114 164 112, 113,
182. 311.
— Kaiserin. 299. 323.
— Aebtissin v. Quedlinb. 168. 173.
— Gräfin. 328, 322, 336.
Matseenses Annales. 363.
S. Mauri Vita. 447.
Mauri ep. Quinqueeccl. V. Zoerardi et
Benedicti. 320.
Maximiani ep. Rav. Chron. 158.
S. Maximiliani Vita. 28, 34
S. Maximin bei Trier. 139. 179. 184
bis 186. 190, 284 444
Mazelin, Abt v. Gembloux. 292. 295.
Medianum Mon. (Moyenmoutier). 278.
Meaux, S. Faron. 14
Digitized by Google
Register. 467
Mediolan. s. Mailand.
Meginfrid von Fulda. 447. Schol. in
Magdeburg. 247. 257.
Megingoz (791 — 794) Bisch, v. Wirz-
burg. 83.
Meginhard (1010 — 1034) Bisch, von
Wirzburg. 247. 304. 305.
— von Fulda. 130. 131. 254.
Meginher, Abt v. Hersfeld. 263. 264.
S. Meginradi Vita. 151. 238. Annales.
194.
Meinwerk (1009 — 1036) Bisch, v. Pa-
derborn. 234—236. 269.
Meifsen. 256, 383. 443.
Melk. 55. 365. 366. 443.
Memmingen. 375.
Mengoldi Vita. 142.
8. Mercurii Trausl. Benev. 96.
Merseburg. 181. 257, 381, 393. 443.
Metelli Quirinalia. 390.
'Methodius. 153.
Metz. 30, 92. 98. 186—190. 203. 250.
276. 212. 286, 225. 349.405. Catal.
epp. II, 268. V. Caddroae IV, 483.
cf. Annales.
S. Michael, Kloster in Bamberg, Mi-
chelsberg. 307. 308. 394. 441.
Hildesheim. 128. 230. 385. 442.
Lüneburg. 385. 442.
Michelbeuern, Necrolog. 443.
S. Mihiel an der Maafs. 189. 279.
Millstatt, Necrolog. 443.
Milo, Abt v. S. Amand. 201.
Mirabilia urbis Romae. 39.
Miracula (mit Ausnahme derjenigen,
welche fast jeder Vita u. Trans-
latio angehängt sind).
— 8. Aegidii. 237.
— AJexii. IV, 619.
— Annonis. 269.
— Apri. IV, 515.
— Basoli. IV, 517.
— Benedicti. 207. 327.
— Cholomanni. 366.
— Cunigundis. 394.
— Eberbardi Sal. 361.
— Fidis. 398.
— Galli. 143.
— Glodesindis. 187.
— Godehardi. 229.
— Gorgonii. 187.
— Hartwici Sal. 361.
— Heinr. II. 393.
— SS. Juvav. 361.
— Mansueti. IV, 509.
— Marci. 195.
Miracula Mariae Laudunensis. 339. 347.
— S. Mathiae. 404.
— Maximini. 185.
— Modoaldi. 237.
— Pirminii. 146. 188.
— Quirini. 390.
— Servatii. 302.
— Symconis. 274.
— verenae. 196.
— Virgilii. 361.
— Vitalis. 361.
— Wicberti. 292.
Modena, Wächterlied. 117.
Modestus mon. Fuld. 125. 127.
S. Modoali Mir. auct. Stephano. VIII,
223. Translatio et Miracula Helm-
wardeshus. 237. 339.
Modus Ottinc. 225.
Moguntia s. Mainz.
Moissiacense Chronicon. 118.
Mollenbeck, Necrolog. 443.
Monachus Engolismensis. 322. San-
gallensis de Gestis Caroli Magni.
UL 145.
Monaster. S. Gregorii. 398.
Mondsee. 90. 390.
Mongolen. 434.
Montecasino. 4L 90. 9ß, 98. 125. 133.
136. 151. 158. 206. 215. 325. 327.
330-334. 393. 443.
Montis Sereni Chronicon. 344.
Montpellier. 221. 400.
Monza. Necrologium. 443.
Morena. 371.
Morimund. 350. 352.
Mortui Maris Anctar. Sigeberti. VI, 443.
Mosburg. 234.
Mosomagenses Annal. III, 160. Chron.
( — 1033) bei D’Achfiry ed. 2. II,
561. Synodus. HI, 691.
Moyenmoutier. 278.
Mühlhausen in Böhmen. 368.
Münster. 133. 235 443. im Gregorien-
thal. 398.
Murbach. 28. 82.
Muri. 396. 443.
Muspilli. 121.
Mutius von Monza. 372.
Narratio de fundatione eccl. in Saxo-
nia. 343.
Naucleri Chronicon. 4.
Naumburg. 256. 383. 443.
Neapel, Chron. epp. 158. ducum. HI,
211. Chron. spur. 448.
Necrologien. 42. 441 ff.
30*
Digitized by Google
468
Register.
Neidingen, Necrolog. 443.
Nemausense Chron. breve. in, 219.
Nenther, Abt von Goseck. 383-
Neresheim. 396. 397.
Neuberg. 3fi5.
Neuburg an der Motter. 419.
Neufmoutier. 424.
Neumünster. 377.
Neuwerk bei Halle. 359.
S. Nicola bei Passau. 24L
Nicolai Ambian. Auctar. Sigeberti.
VI, 423-
— Leod. Praefatio in libros Algeri.
287.
Nicolaus, Abt von Siegburg. 361.
Nienburg an der Saale. 229- 343.
Nili abb. Vita. 216.
Nithard. 10L 115-117.
— (1036 — 1041) Bisch, von Lüttich.
286.
Norbert (1123—1134) Erzb. v. Magde-
burg. 290- 339- 346, 342, 380,
— Abt von Iburg. 231- 232.
Nordhausen. 172- 173.
Norix. 390.
Normannen. 208, 334.
Notae hist. Argentin. 399. Eberbac.
394- S. Emmerammi. 392.
Notker (972 — 1008) Bisch, v. Lüttich.
189—192. 197. 200. 292.
— von S. Gallen, gen. der Stammler
(st. 912) 4L 144, 145, 166, gen.
Pfefferkorn. 163. gen. der Deut-
sche (st. 1022) 195. 217.
Novalese, Chron. 334. 335. Necrolog.
443.
Novara, Gunzo. 162. 201.
Novientensis mon. historia. 398.
Novimontensis Ann. Mell. Continuatio.
IX, 669.
Nürnberg. 269.
Ochsenhausen. 240-
Odelrich (961 — 969) Erzb. v. Reims.
203.
Oderisius von Montecasino. 33L
Odiliae Leodiensis Vita. 405.
Odilo, Herzog von Baiern. 90,
— Abt v. Cluny. 209. 280. Epitaph.
Ottonis Magni. IV, 636.
Odo, Abt von Cluny. 208. 209. 325.
v. Glanfeuil. 447.
— Carmen de Ernesto duce. 381.
— Vita Gregorii Turonensis. 77.
Odoranni mon. S. Petri Vivi Senon.
Chron. 207.
Oesterreich. 251. 345. 354. 365. 366.
39L
Olbert, Abt v. Gembloux. 22L 286.
287. 292. 295. 296.
Oliver, Bischof von Paderborn. 417.
Olmiiz. 367.
S. Omer, früher Sithiu. 122; cf. Lambert.
Opatowiz, 367. 443.
Ordericus Vitalis. 208. 323.
Origo et exordium gentis Francorum.
II, 312. Langobardorum. 95.
Orleans. 117.
Orosius. 52. 309. 352.
Ortilo von Lilienfeld. 447.
Ortliebi fundatio Zwifaltensis. 397.
Orval. 407.
Osnabrück. 231. 232. 443.
Ostertafeln. 39- 40. 8L 85,
Ostgothen. 43 — 52.
Otacariani Annales. 370.
Otbert (1091—1119) Bisch, v. Lüttich.
260. 281. 287—289. 291. 293.
Otfrid, Mönch von Weifsenburg. 121.
128, 148.
Othloh. 163, 199 229. 247—249. 304.
S. Othmari Vita. 143. Translatio 144.
Othochus von Freising. 249.
Otrich, Schol. in Magdeburg. 163. 119.
253.
Ottenbeuern. 132. 245. 395. 443.
Ottinc modus. 225.
Otto I. 162 f. 171. 173.
— II. 162 f. 1IL 173. 215.
— HI. 164, 116- 216- Rythmus de
obitu eius. 213. 224.
— IV. 431,
— Cardinal von Ostia. 242- 244.
— (1103—1139) Bisch, v. Bamberg.
305—308. 339. 393. 394.
— (1182—1195) Bisch, v. Eichstedt,
Zusätze zu Gundechars Pontificale.
VII 250.
— (1137 — 1158) Bisch, von Freising.
3. 4. 34. 52. 221. 239. 313. 337.
350—356. 358, 362, 365. Chron.
52. 352. 353- 355-315-415. 419,
Gesta Frid. 354. 419.
— (1060 — 1089) Bischof von Regens-
burg. 248.
— von S. Blasien. 355. 356. Morena.
371. scab. Nussiae. 416. Propst
von Raitenbuch. 375.
Otwin (954-984) Bisch, v. Hildesh. 176.
Paderborn. 138, 230, 234— 237. 251.
256. 263. 417. 443,
Digitized by Google
Register. 469
Pandulf, Cardinal. 32L 373.
Panegyricus Berengarii. 159.
S. Pantaleon in Cöln. 232. Chron. 313.
344. 416.
Paradies. 386.
Paris. 155. 191. 221. 222. 338. 349.
350. 360. 378. 379. 400.
Paschasius diaconus. 33. Kadbertus.
137.
Passau. 34. 35. 149. 200. 217. 235. 241.
25L 339. 36L 369. 39L 392. 443,
Pnnnin a Vita
S. Patrocli Translatio. IV, 280.
S. Paul in Kärnten. 240.
Pauli Bernriedensis Vita Gregorii VH.
328. Herlucae. 395.
Paulina, Paulinzelle. 388.
Paulinus von Aquileja. 89. UL
Paulus Diaconus. 34. 82. 95—99. Hist.
Lang. 3. 98. 92. 158. 214. 295.
309. 361. Rom. 36. Gesta epp.
Mett. 9L 98. 189. 405.
Pavia. 33. 91. 22. 96, 116. 209. 21L
Pavo de Concil. Lugdun. 434.
Pegau. 381. 443.
Pernoldi Chronicon. 447.
Pernolf, Lehrer in Wirzburg. 304.
Petaviani Annales. 86.
S. Peter in Salzburg. Z6, 362. 444.
Petersberg bei Erfurt. 240. 386. 387.
441. bei Halle. 383.
Petershausen. 197. 240. 241. 244. 396.
SS. Petri et Marcellini Transl. auct.
Einhardo. (Du Chesne H, 651.
Acta SS. Jun. I, B31J, 104. 112.
Petrus Crassus. 329.
— Damiani. 216. 327.
— Abt von Heinrichau. 385.
— Diac. Casin. 55. 332. 333.
— von Ebulo. 373.
— Guillelmus de Mir. S. Aegidii. 237.
— Pisanus. 89. 92. Card. 326. 373.
— Wlast. 385.
Pcttau. 32.
Pfävers. 240. 244.
Philipp (1167—1191) Erzb. v. Cöln.
403.
— Mouskes. 407.
Piacenza. 372.
Pibo (1069—1107) Bisch, von Toul. 278.
Piligrim (971—991) Bisch, v. Passau.
35. 339. 361.
de Pippino duce fragm. 80.
Pippin, König der Franken. 411. von
Aquitanien. U3, von Italien. 99
bis 101. 117.
Pirminii Vita et Mirac. 8L 146. 188.
Pisa. 336. 3LL
S. Placidi Gesta. 333.
Placidus Nonantulanus. 329.
Planctus Caroli. 117.
Podlasitsch, Necrologium. 443.
Poehlde. 303. 410 - 412.
Poetae Saxonis Annales. 109. 139.
Polen. 225. 319. 384. 385. 448.
Pont-a-Mouzon. 273. 281. cf. Mosom.
Pontificale Romanum. 40. s. Gesta
Pont. Rom.
Poppo (1016 — 1047) Erzb. von Trier.
199.
— (941 — 961) Bisch, von Wirzburg.
163.
— Abt von Stablo. 280. 286.
Posen. 319. 385. bei Zeitz. 381.
Posoniense Chronicon. 321.
Pracmonstratenser. 346—348. 367. 368.
386. 389.
Prag. 179. 222, 314-317. 368-370.
443.
Presburg. 321. 443.
Priscian. 44.
Privilegium Morav. eccl. 314.
Probus, Schottenmönch. 125.
Procop. 367.
Prokosch. 448.
Prologus Legis Salicae. 57. 58. 71.
Prosper. 53. 52. 297. 309.
Prudentius von Troyes. 113. 154.
Prüfling. 240. 277. 307. 392.
Prüm. 41. 139. 140. 196. 436. 443.
Ptolemei Lucensis hist. eccl. 428.
Purchardi Gesta Witigowonis. 196.
S. Pusinnae Translatio. 138.
Quatuor Coronati. 28, 29.
Quedlinburg. 165. 168. 173—175. 181.
303. 443.
S. Quentin, Dudo. 208.
Querfurt. Geschlechtsgeschichte. 378.
Quirini Passio. 34. Translatio. 142,
Miracula. 390.
Radbertus, Paschasius. 137.
Radegundis Vita. 52, 173.
Radevicus. 354. s. Ragewin.
Radulfus Mediol. oder Sire Raoul. 371.
372.
Ragewin. 353—355. App. 355, 365,
Rainald (1159 — 1167) Erzb. v. Cöln.
43L
Raitenbuch. 363. 375.
Ramwold, Abt von S. Emmeram. 199.
Digitized by Google
470
Register.
Rangerius von Lucca. 329.
Ranshofcn. 390. 444.
Raoul, Sire. 371. 372.
Ratbod (883 — 915) Erzb. von Trier.
139 -[49
— (899 — 918) Bisch, v. Utrecht. 189.
Eine Aufzeichnung von ihm n,
218.
Ratchis, König. 96.
Ratgar, Abt von Fulda. 125—128.
Ratherius, Bisch, v. Verona und Lüt-
tich. 117. 163. 185. 190.
Ratisp. s. Regensburg.
Ratmund, Abt von N. Altaich. 229.
230.
Ratperti Casus S. Galli. 143 — 145.
Ravenna. 39, 44. 158.
Reccheo, Mönch in Fulda. 125. 127.
Recemund, Bisch, v. Elvira, 165. 210.
Regensburg. 76. 77. 152. 193. 198.
199. 241. 246—249. 260. 286. 321.
328. 341. 363. 392. 393. 444.
Reginald (1025 — 1036) Bisch, v. Lüt-
tich. 286. 290.
Regino, Abt von Prüm ; seine Chronik.
3, 139-141. 151. 275. 309. 311.
321. 343. 361. 406. 411. 413. Forts.
185. 186.321.361.
Reginold (966—989) Bisch, v. Eich-
stedt. 200.
Reginswindis Vita. 151.
Reichenau, Augia. 8L 9Q, 128. 142.
146-151. 163. 193—196. 201.
23.7 -2K1 243. 444.
Reichenbach. 240. 277.
Reichersberg. 363 — 365.
Reims. 11L 1S3, 201—205. 221. 273.
280. 312. 328. 400. 447.
Rein, Necrolog. 444.
Reinardus. 346.
Reiner von S. Lorenz in Lüttich. 288.
290. 406. von S. Jacob. 406.
Reinhardsbrunn. 240. 241. 387. 388.
S. Rcmacli Triumphus. 285.
Remigius von Reims. 63. 447.
— Scholasticus. 189.
Remiremont. 278.
S. Remy. 204. 328.
Renaix. 300.
Renatus Profuturus Frigeridus. 62.
Repegowische Chronik. 344. 421.
Retz, Necrolog. 444.
Revelatio facta Stephano papae. 41L
Rheinau. 151.
Ricburg, Acht. v. Nordhausen. 173.
Richard von Albano, Legat. 279.
Richard, Abt des Mathiaskl. in Trier.
224.
— Abt von S. Vannes. 274. 280. 281.
283. 292.
— von Klosterneuburg. 447.
S. Richarii Vita. 100. vgl. S. Riquier.
Richard mon. Gembl. V. Erluini. 292.
296.
Richbod (795 — 804) Erzb. v. Trier. 139.
Richer, Abt von Montecasino. 331.
— von S. Remy. 1 55. 204—206. 309.
— von Senones. 398.
Riculf (786 — 813) Erzb. v. Mainz. 9L
Ridolfi hist. Brixiensis. 448.
Rimbert (865 — 888) Erzb. von Ham-
burg. 135. 253. 254,
S. Riquier oder Centula. 99. 100. 116.
Robert (1075 — 1102) Bisch, v. Bam-
berg. 306.
Roberti Biscardi Chronica. 334.
— ep. Elgensis V. Canuti. 379.
— de Monte Chron. 298.
Rochi V. Haimonis. 175.
Rodbert (930—956) Erzb. v. Trier. 185.
Rodenses Annales. 403.
Rodulfus Glaber. 322.
Roger von Gr. Wardein. 434.
— von Wendover. 420.
Rom. 38 — 40. 77. 93. 156. 157. 213.
214. 216. 324 — 328. 373. 374.
433. 444.
Romualdi abb. Vita. 216.
— Salem. Chron. 372.
Rosenfeld. 252, 308, 413.
Roswitha. 2. 163. 165. 166. 171. 172.
Rota mundi. 2L
Rothnacenses Annales. 300.
Rouen. 20.
Rudolf (1035—1052) Bisch, v. Pader-
born. 263.
— von Cambray, V. Lietberti. 300.
— von Fulda. 122. 123. 128 — 130.
148.
— Abt von S. Trond. 289.
— Abt von S. Vannes 282.
Rudpert von Reichenau. 196, 238.
Rufinus. 36,
Rumold von Altaich. 200. 229.
Ruodlieb. 199. 224.
Ruotgeri V. Brun. Col. 165. 182. 184.
1 99 99*>
S. Rupert" 26, 22, 153.
Rupert von Deutz. 283, 290. 291. 310.
348. 392.
— von Ottenbeuem. 395.
— von Tegernsee. 375.
Digitized by Google
Register. 471
Ruthard (929—995) Bisch, von Cam-
bray. 124
— Abt von Hersfeld. 264.
Riixners Turnierbuch. 4.
Rythmus s. Versus.
Saalfeld. 294.
Sachsen. 132 ff. 162. 197 — 183. 236.
250. 252 ff. 343. 379 — 386. 410
bis 414. 421. 422.
Sächs. Kaiserchronik. 344. 42L
Sagornini Chron. 214.
Salerno. 214. 224. 372. 446.
Salimbene. 374.
Sallust. lfifL 192. 254, 31L
Salomae et Judithae Vita. 228. 389.
Salomon 1 (839 — 871) Bisch, v. Con-
stanz. 128.
— III (890-920). 128. 145. 146. 196.
Salzburg, 4L 24. 32. Ifi, TL 84 88.
22, 12L 152, 153. 191. 200. 221.
227. 235. 230. 251. 358 — 363.
444.
Samuel (841 — 859) Bisch, v. Worms.
128.
Sanguinis Dom. Historia. 199. 339.
Saumur, Destructio S. Florentii. 117.
Saxo Grammaticus. 379.
Sazawensis Contin. Cosmae. 318. 397.
Schafhausen. 240. 242. 402. Ann. V,
388.
Scheftlarn. 389.
Scheiern. 240. 389.
Schlesien. 385.
Schleswig. 237. Catal. epp. VII, 392.
Schlettstadt. 398.
Schönau, Elisabeth. 340.
Schlotten s. Iren.
Schussenried. 414.
Schwaben s. Alam.
Schwarzach. 381.
Scckau. 395. 444
Secundi ep. Trident, hist. Langob. 95,
Seheri Primordia Calmosiac. 278.
Seifrid, Abt von Tegernsee. 249. 285.
Seitz, Necrolog. 444,
Selau, Abt Godsclialk. 221. 368.
Seidenthal. 389. 444.
Seligenstadt. 104. 112.
Senones. 398.
Sens. 128, 202, 323.
Seon, Necrolog. 444,
Series s. Catalogus.
S. Servatii Translatio. 302.
S. Severini Vita. 28, 30 — 35. 24
Severus, Propst von Melnik. 318.
de Sex aetatibus mundi Chron. 118.
Sicardi Cremon. Chron. 371.
Sidonius Apollinaris. 59.
Siegburg. 232. 294. 268. 269. 290. 339.
346. 363.
Siena, Necrolog. 444
Sigebert von Gembloux. 55. 82, 188.
212. 272. 276. 291—299. 301. 302.
Chron. 82. 299 — 299. 309. 310.
322. 411. Gesta abb. Gembl. 295.
de SS. ocol . 55. 299. V. Lamb. 294.
V.Deoderici Mett 188.295. Maclo-
vii Prol. VIII, 505. Wicb. 295,
Sigebotonis V. dom. Paulinae. 388.
Sigefrid (1059—1084) Erzb. v. Mainz.
269. 271. 387.
— Abt von Gorze, Briefe. 221. 276.
Sigehard, Abt von Abdinghofen. 235.
— Abt von S. Ulrich und Afra. 245.
— de Mir. S. Maximini. 185.
Sigloards Klage um Fulco von Reims.
117.
Sigulf, Abt von Ferneres. 23,
Sitliienses Ann. 122; cf. S. Omer.
Smaragdi V. Bened. Anian. 115.
S. Solae V. auct. Ermenrico. 128. 148.
Solenhofen. 148.
Speier. 230. 231 . 241. 287. 399.
Staatskalender, Römischer. 38,
Stablo. 293. 280, 284 284 285, 220.
291. 350. 444.
Stade. 251. 413
Stanislai Crac. Vita. 319.
Starcliand (933—966) Bisch, von Eich-
stedt. 200.
Stederburg. 376.
Steinfeld. 224 340. 368.
Steingaden. 375.
Stephan, König von Ungern. 320. 324
340.
— (901 — 920) Bisch, v. Lüttich. 190.
— (1120—1163) Bisch, von Metz. 405.
— Abt von S. Jacob in Lüttich, Mir.
S. Modoaldi VIII, 223 Ep. ad
Thietm. Helmwardesh. XII, 285.
— Leopolder. 390.
— ital. Grammatikerin Wirzburg. 193
201.
— von Rouen. 299.
Stephani papae Revelatio. 411.
Stettin. 237.
Strafsburg. 113. 147. 197. 226. 230.
340. 399. 419. 422. 444.
Straubing. 389
Sturm, Abt von Fulda. 125. 126.
Suiberti Vita. 82, 447.
Digitized by Google
472
Register.
Sulpicins Alexander. 62.
— Severus, V. S. Martini. 42.
Sven Estrithson. 253.
Symeonis Achivi Vita. IV, 445.
— Trevir. Vita et Mir. 274.
Symmachus. 44.
S. Symphoriani coen. Mett. 188. 189.
Synodus Causeiensis (a. 995). 203.
Dingolf. (a. 932). Leg. Hb, 1IL
vgl. Arch. VII, 820. 826. Quellen
zur Bayer. Glesch. L 408. Francof.
(a. 1007) IV, 795. Lugd. (a. 1245.)
43 L Mog. (a. 950— 954) Leg. II b,
158. (a. 1071) V, 185, Mosom.
(a. 995) 203. Papiensis (a. 997)
Leg. II" , 12L SS. DI, 694. Ratisp.
(a. 944-966) Leg. II», 1IL Rem.
ad S. Basolum (a. 991) 203.
(a. 1049) 328. (a. 1119) 312. Rom.
(a. 826) Leg. IIb, 1L (a. 1027)
VHI, 12. (a. 1059) Leg. II», 116.
(a. 1112) Leg. II b, 18L (a. 1123)
Leg. II b, 182. Trec. (a. 1107) Leg.
n», 18L WarstaU. (a. 1109) Leg.
IIb, m
Syri V. Maioli. 209.
Tabula Peutingeriana. 3,
Tacitus. 23. 130.
Tagino (1004 — 1012) Erzb. von Mag-
. deburg. 199.
— Dccan in Passan. 369.
Tanchelin. 339.
Tegernsee. 4L 199. 228. 242. 249. 315.
390. 444.
Thangmar von Hildesheim. 176 — 178.
234.
Thassilo. 90.
Theganus chorep. Trev. 114. 139. 147.
Theuderich vgl. Dietrich.
— der Ostgothe. 23. 43. Panegy-
ricus. 4L
Theodori Ann. Palidenses. 41L 412.
— V. S. Magni. 149. 448.
Theodulf. 89.
Theofrid, Abt von Echternach. 82. 276.
Theoger s. Dietger.
Theophano, Kaiserin. 164. 176.
Therouenne. 408.
Thiadelm, Schol. in Bremen. 253.
Thiatbrat. 133.
Thicmo <1090 — 1101) Erzb. v. Salz-
burg. 250. 251. 353. 362.
— (1196 — 1201) Bisch, v. Bamberg.
394.
Thierhaupten, Necrolog. 444.
S. Thierry, bei Reims. 281.
Thietmar (1038—1044) Bisch, v. Hil-
desheim. 230.
— (1009—1019) Bisch, v. Merseburg.
113. 115. 179-183. 192. 343.
— Abt von Helmershausen. 237.
Tholey. 2IL
Thomas von Chantimprö. 425. 439.
Thurholt. 134. 135.
Thüringen. 257. 264, 342, 386—389.
426. 444.
Tiburnia. 32.
Tigernach. 271.
Tiliani Annales. 86.
Tilpinus s. Turpinus.
Tobias (1279 — 1290) Bisch, von Prag.
370.
Tomelli hist. mon. Hasnon. 301.
Toul. 142 189—191. 277-279. Mir.
S. Apr. IV, 515. Mansuet. IV, 509.
Tournay. 302. 347. 433. Contin. Sige-
hprti VT 443
Tours. 6Q. 86. 9lT 93. 94. 117.
Translatio (Elevatio) Adelarii et Eo-
bani. 339.
— Alexandri. 130. Ottenb. 395.
— Anastasiae. IX, 224.
— Annonis. 269.
— Auctoris. 237.
— Barthol. et Paulini. 339.
— Bcnedicti. 207.
— Bernwardi. 385.
— Caroli M. 4QL
— Cassii et Florentii. 339.
— Celsi. 274.
— Conr. Const. 246.
— Corbiniani. 339.
— Cunegundis. 394.
— Dionysii. 341.
— Epiphanii. 175.
— Evergisli. IV, 279.
— Ferrutii. 130.
— Fortunatae. 150.
— Godehardi. 229.
— Heinrich 394.
— Hermetis. 153.
— Huberti. 142.
— Hymerii. III, 266.
— Justi. 142.
— Ladislai. 339.
— rell. S. Laurentii. 291.
— Legontii. 339.
— Liborii. 138.
— Magni. 149.
— Marci. 150.
— Martini Salisb. s. XI, 85.
Digitized by Google
Register. 473
Translatio (Elevatio) Mathiae. 404.
— Mercurii. 26.
— Modoaldi. 237.
— Othmari. 144.
— Ott. Bab. 332,
— Patrocli. IV, 280.
— Petri et Marcellini. 112.
— Pusinnae. 138.
— Quirini. 142.
— Sanguinis Domini. 126.
— Servatii. 302.
— Tri um regurn. 431.
— Udalrici. 395.
— Virgilii. 361.
— Viti. 1ÜL
— Vitoni. 339.
— Wicberti. 292.
Trier. 139. 14Q. 184. 185. 188. 199.
222. 237. 273—275. 339. 340. 348.
404 444
Trithemius. 55. 206. 212. 262. 271. 447.
Triumphus S. Lamberti. 405. 406.
Remacli. 285.
Trois-Fontaines. 424.
S. Trond. 282, 220.
Troppau. 426.
Troyes. 22L 286.
Trudon. abb. Gesta. 289. 290.
Trudperti Vita. 6iL TL
Tuit. s. Deutz.
Tundali Visio. 340.
Turin, Claudius. 118. Necrol. 444.
Turpin. 3. 340. 412, 424. 448.
Tutilo. 144.
Tygris Vita. 418.
Tymme s. Thietmar.
Ubaldi Chron. Neapol. spur. 448.
Udalgis von Altaich. 200.
Udalrich s. Ulrich.
Udalrici Bab. Codex. 306.
Udalschalk (1184 — 1202) Bischof von
Augsburg. 395.
— Abt von S. Ulrich u. Afra, de Egi-
none et Herim. 245. 246. Vita
Adalberonis. 151. 246. Conradi
Const. 196. 245. 246.
Udo (1051—1069) Bischof von Toul.
218.
Ufifing, Mönch in Werden. 137, 175.
Ulrich (1161 — 1182) Patriarch von
Aquileja. 375.
— (924—973) Bisch, von Augsburg.
182,197. 198.200,302, 317. 395.
— II (1127—1139) Bisch, v. Constanz.
244. 246,
Ulrich, Prior von Zell. 241. 244.
248.
S. Ulrich und Afra, Kloster in Augs-
burg. 2AL 245, 325. 44L
Understorf, Necrologium. 444.
Ungern. 320, 32L 433,
Urban II. 312,
Ursicamp. Auctar. Sigeberti. VI, 469. -
Ursmari Vita. 190.
Ursperg. 414. Chron. 2. 3. 313. 416.
Usuardi Martyrologium. 41.
Uta, Aebtissin von Kaufungen. 394.
Utrecht. 82. 132, 133. 165, 176. 187.
189. 191. 192. 286.
Vaganten. 432.
Valcell. Contin. Sigeberti. VI, 458.
Valenciennes. 487.
Valentini Mirac. 339. 361. Vita. 448.
Valcsianus anonymus. 34. 32,
S. Vannes , Kloster zu Verdun. 279.
280. 282, 332, 404,
Varlar. 347.
S. Vast d’Arras, Ann. Vedastini. 155.
202. 300.
Venantius Fortunatus. 58, 52. 6L
Venedig, Chronicon. 214.
Vercelli, Leo. 213. 224
Verdun. 142. 146, 182. 279—282. 332.
404
S. Verenae Miracula. 196.
Verona. 117. 159. 190.
Versus, liythmi. 74 117. 147. 159.
224. 225, 433. familiae Benchuir.
74 de Chunring. 392. de Godeh.
XI, 221. Lauresh. mon. 242. de
ord. comprov. epp. 153. de S. Oth-
maro. II, 55, de Vicelino. 376. do
obitu Will, ülii regis Angl. VI,
486.
Vicelinus. 221. 235. 255. 376. 377.
Victorii Canon paschalis. 32.
Victoris Tunnun. Chron. 53.
— coen. Moguntiae. 83.
Vilich bei Bonn, Aebtissin Adalheid.
284
Villar. conv. Arnulfus. 407.
Vincentius Bellovac. 424. Kadlubek.
384. Prag. 367-369.
S. Vincenz, Kloster in Metz. 276. 292.
295.
Virgil, Bisch, von Salzburg. 76, 361.
Visio Fulgentii abb. Afflig. (a. 1109)
IX, 417.
— Tundali. 340.
— Wettini. 146. 147,
Digitized by Google
474
Register.
Vita (Martyrium, Passio etc.).
— Abbonis Flor. 207.
— Adalberonis Aug. 151. Mett. 188,
Trev. 349. Wirzburg. 251.
— Adalberti Mogunt. 400. Prag. IRQ.
210.
— Adalhardi Corb. 137.
— Adalheidae imp. 209. Vilic. 284.
— Agritii. VIII, 211.
— Alberti Leod. 407.
— Alcuini. 93.
— Alrunae. 228.
— Altmanni. 251. 332.
— Altonis. 248-
— Angilberti. 99,
— Annonis. 238.
— Anscarii. 135. 253.
— Anselmi Luc. 329.
— Arialdi. 335.
— Arnoldi Mogunt. 400.
— Arnulfi Met. 80. conv. Villar. 407.
— Attalae. 13.
— Autberti Camerac. 299.
— Balderici Leod. 193.
— Balthildis. 448.
— Bardonis. 270.
— Baugolfi. 123.
— Benedicti Anian. 115. Casin. 42,
Clus, .m
— Bennonis Misn. 253. Osn. 231.
— Berhtoldi Garst. 360.
— Bernardi. 356. Bernardi Penitentis.
407.
— Bernwardi. 177.
— Bertulfi. 14.
— Bobonis. 335.
— Bonifacii. 83. 182. 248. 210.
— Brunonis Colon. 184. Querf. 180.
— Burchardi Kalberst. 256. Wirzburg.
Wonn. 193,
— Burgundofarae. 74,
— Canuti. 379.
— Caroli Magni. 109. 322. 404. comi-
tis Flandriae. 408.
— Cholomanni. 333. •
— Chrodegangi. 187.
— Columbani. 73.
— Conradi imp. 225. ep. Const. 246.
I Salisb. 359. 362. II Salisb. 362.
Trevir. 274.
— Corbiniani. TL
— Cunigundis. 394.
— Cunonis Rat. 392.
— Droctovei. TL
— Eberhardi Salisb. 361. 362.
— Eigilis. 126,
Vita Eidradi. VII, 128.
— Elisabeth. 388.
— Emmerammi. TL
— Engelberti. 403.
— Erluini. 293.
— Erminoldi. 392.
— Eustasii. 73.
— Everacli. 403.
— Ewaldorum. 82,
— Ezonis. 284.
— Faronis. 1L
— Findani. 151.
— Florian! 28.
— Friderici Leod. 289.
— Fridolini. 446.
— Galli. 75.
— Gaugerici. 299.
— Gebehardi L II. Const 197. 244.
Salisb. 251. 332.
— Gerhardi Chanad. 320. Tüll. 278.
— Germani Grandivall. 76.
— Gilberti Valencen. 407.
— Goaris, 139.
— Godefridi Capp. 347.
— Godehardi. 229.
— Gregorii VII. 328. 329. Traj. 132.
Turonensis. 77,
— Guntheri. 229.
— Ilaimeradi. 239.
— Haimonis. 175.
— Hariolfi. 148,
— Hartmanni Brixinensis. 360.
— Hartwici. 361.
— Hathumodae. 138.
— Hedwigis. 385.
— Heinrici I. 443. II. 192. 393. IV.
260.
— Ileriberti Colon. 283.
— Herlucae. 395.
— Hermanni Bad. 241.
— Hrabani. 129.
— Idae. 137.
— Johannis Gorziensis. 187.
— Kaddroae. IV, 483,
— Kiliani. 77.
— Lamberti Leod. 190. 294. praep.
Novi op. 359.
— Landoaldi. 192,
— Lebuini. 83,
— Leonis IX. 278. 328.
— Lietberti. 300.
— Liobae. 129.
— Liudgcri. 133.
— Liudmilae. 215.
— Liutbirgis. 138.
— Livini. 82,
Digitized by Google
Register.
475
Vita Ludowici Pii. 114. landgr. 388.
com. de Arnstein. 348.
— Lulli. 84.
— Magnerici. 274.
— Magni. 149. 448.
— Maioli. 209.
— Mareuardi. 386.
— Mariani. 392.
— Martini. 42.
— Mathildis, reginae. 173. com. 336.
— Mauri. 441.
— Maximiliani. 34.
— Meginradi. 151.
— Meinwerci. 234.
— Mcngoldi. 142.
— Neminis. 426.
— Nili. 216.
— Norberti. 342.
— Odiliao Leodiensis. 405.
— Odilonis. 209.
— Odonis Cluniac. 209.
— Otmari. 143.
— Ottonis Babenbergensis. 307.
— Paulinae. 388.
— Pirminii. 146. 188.
— Placidi. 333.
— Popponis Stab. 280.
— Pyothrconis. 385.
— Quatuor Coronatorum. 28.
— Quirini. 34.
— Radegundis. 52.
— Reginardi Leodiensis. 406.
— Rcginswindis. 151.
— Remigii. 63. 447.
— Richarii. 100.
— Richardi Virdunensis. 280.
— Rimberti. 135.
— Romualdi. 216.
— Ruperti Salisb. 153. Ottenb. 395.
— Salomae. 228.
— Severini. 30.
— Stanislai. 319.
— Stephani. 320.
— Sturmi. 126.
— Suiberti. 82. 447.
— Symeonis Achivi. IV, 445. Trev.
274.
— Theoderici Andag. 281. L Mett.
295. II. Mett. 216. 280.
— Theogeri. 277.
— Thiemonis. 251. 362.
— Trudpcrti. 22.
— Tygris. 448.
— Udalrici August. 198. Cell. 241.
— Udonis Tüll. 278.
— Ursmari. 190.
Vita Ursulae. 340.
— Valentin! 448.
— Virgilii. 36L.
— Walae. 131.
— Walburgae. 152.
— Wandregisili. 448.
— Wenceslai. 215. 314. 446.
— Wemheri Mersb. 257.
— Wiboradae. 195.
— Wicberti Fridisl. 128. Gembl. 295.
march. 381.
— Willebaldi. 84.
— Willebrordi. 82.
— Willehadi. 134.
— Willehelrai Div. 322. Hirs. 241.
— Wirntonis. 364.
— Wolbodonis. 406.
— Wolfgangi. 248.
— Wolfhelmi. 284.
— Wunnibaldi. 84.
— Zoerardi et Benedicti. 320.
S. Vitalis Miracula. 339. 361.
Viterbo. 352.
S. Viti Translatio. 137.
Vitouus s. Vannes.
Vormezeele, bei Ypern, Ann. 407.
Vulculdi Vita Bardonis. 270.
Walae abb. Corb. Vita. 136. 137.
Walafrid, Abt v. Reichenau. 114. 128.
142-144. 147-149.
Walbeck. 181.
Walburgae abb. Heidenh. Vita. 84.
152.
Walcher, Schol. in Lüttich. 282.
Walciodorense Chronicon. 407.
Waldo (884—906) Bisch, v. Freising.
146. 152.
— Kanzler Erzb. Adalberts. 253.
Waldram, Decan von S. Gallen. 145.
146.
Walram (1089 — 1111) Bisch, v. Naum-
burg. 4. 256. 294.
Waltbrafit, Enkel Widukinds. 130.
Waltharius. 197.
Walther (1133—1150) Bisch, v. Augs-
burg. 246.
— Abt von Altaich. 228.
— von Cbätillon. 431 — 433; s. über
ihn auch Müldener de vita Phil.
Gualtheri ab Insulis dicti de Ca-
stellione. Dies. Gott. 1854.
— Map de nugis curialium. 339. 340.
346. 437.
— von Therouenne. 408.
— von der Vogelweide. 435.
Digitized by Google
476
Register.
Waltram s. Walram.
Wandalbert von Prüm. 4L 139.
Wandregisili Vita. 448.
S. Wandrille. 120.
Warin, Abt von Corvei. 1 36. 137.
Waten, Chronicon. 282.
Wazo (1041 — 1048) Bisch, v. Lüttich.
2711—21 8.
Weichard von Polhaim. 363.
Weilheim. 240.
Weingarten. 194. 375. 397. 444.
Weifsenau. 151. 444.
Weifsenburg. 128. 148. 179. 185. 197.
281. 444. cf. Annales.
Welbertus. 448.
Welegradensis Anonymus. 447.
Welf, Herzog. 375.
Weltalter, sechs. 8L 118,
Weltenburg, Necrologium. 444.
Weltreiche, vier. 38. 52, 53.
Wenrici scholast. Trev. epistol. 275.
294.
Wenzel, Herzog von Böhmen. 215.
4 44(;
Werden an der Ruhr. 133. 175. 444.
Werinbert, Mönch von S. Gallen. 128.
m
Werner (1063—1078) Erzb. v. Magde-
burg. 257.
— (1063—1093) Bisch, v. Merseburg.
257. 38t. 388.
— (1001—1029) Bisch, v. Strasburg.
226. 230.
— von Tegernsee. 390.
Wessobrunn. 200. 380. 444.
Westgothen. 46. 50. 52 ff.
Wettingen, Nccrolog. 444.
Wettini Visio. 146. 147.
Wibald von Stablo. 235. 220. 350.
Wiberti V. Leonis IX. 278. 328.
Wiblingen. 240.
Wiboradae V. auct. Hartmanno. 195.
Wicbert fund. Gemblac. 291 — 293.
Wichmann (1152 — 1192) Erzb. von
Magdeburg. 357. 381.
Wicterp, Bisch, von Augsburg. 395.
Widerich, Abt von S. Evre. 189, 277.
Wido, Bisch, von Ferrara. 330.
— (1092 — 1101) Bisch, v. Osnabrück.
939 %
Widukind, Sachsenflirst. 111. 130. 133.
— von Corvei. 4, 130. 168 — 170.
172. 174. 182. 188. 295. 309. 318.
343,
Wien. 365. 391. 444.
Wigbert, Missionar in Friesland. 82,
— Abt von Fritzlar, Vita auct.
Lupo. 128. Wunder in Hersfeld.
IV, 224.
Wigo v. Feuchtwangen. 197.
Wikcr, Abt von S. Maxirain. 185.
Wikfrid (962 — 984) Bisch, von Ver-
dun. 189.
Wilfrid von York. 82,
Wildeshausen. 130.
Wilhelm (954 — 968) Erzb. v. Mainz.
HL 185, 124.
— Abt von Dijon. 277. 322.
— Abt von Hirschau. 240. 241. 247.
276. 279. 397.
— Abt von S. Trond. 289.
— von Apulien. 334.
— von Mahnesbury. 261. 324.
— von S. Michele, V. Bened. Clus.
33o.
Wilhering, Necrolog. 445.
Willebrandi Itinerar. T. Sanctae. 385.
Willegis (975 — 1011) Erzb. v. Mainz.
269.
Willehad (787 — 789) Bisch, v. Bremen.
234 934_
Willibald (745-781) Bisch, v. Eich-
stedt. 84. 152.
Willibrord. 82, 93, 132, 276.
Williram. 218. 22L 304. 306,
Wilthcn, Necrolog. 445.
Wimpfen, Necrolog. 445.
Winandi presb. epistola. 409.
Windberg. 389. 445.
Windolf, Abt von Pegau. 381. 382.
Wipert, Markgraf. 381 .
Wiperti Martyrium Brunonis. 180.
Wipo. 21L 223 — 226. 232, 365.
Wirnt, Abt von Formbach. 360. 364.
Wirzburg. 77. 78. 83. 148. 152. 163.
122, 22L 235. 251. 256. 261. 262.
273. 304. 305. 308. 339. 368. 378.
394.
Wissegrad. Contin. Cosraae. 318. 367.
Witigowonis Gcsta. 196.
Wizo. 92 94.
Wolbodo (1018—1021) Bisch, v. Lüt-
tich. 286. 22L 406,
Wolfgang (972 — 994) Bisch, v. Re-
gensburg. 163, 164, 128, 199. 248.
393.
Wolfhard von Herrieden. 4L 84,
152.
Wolf heim, Abt von Brauweiler. 283.
284.
Digitized by Google
Register.
477
Wolfher von Hildesheini. 229. 230.
247.
Wöltingerode, Necrolog. 445.
Worms. Iß. 128. 128. 282. 399.
Wulfrain, Abt von Prüm. 436.
Wunnebaldi Vita. 84.
Wurmsbach, Necrolog, 445.
Wursing, Friese. 132.
Xanten. 141. 142. 343. 445.
York. 23. 133.
Zabrdowicensis Anonymus. 44L
Zeitz, Necrologium. 445.
Zell im Schwarzwalde. 241.
Zorns Wormser Chronik. 399.
Zürich. 223. 433.
Zurzacli. 19fi.
Zwettel. 365. 391.
Zwifalten. 240. 241. 397. 445.
Digitized by Google
Digitized by Google
Digitized by Google
Digitized by Google
Digitized by Google
Digitized by Google